Schächterland - Rob H. Kober - E-Book

Schächterland E-Book

Rob H. Kober

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Beschreibung

Eine zehnköpfige Gruppe von Freiwilligen lässt sich unter Leitung von Dr. Bernard Larsen, Chirurg und Wissenschaftler, im Auftrag der Raumfahrtbehörde für 5 Jahre in einer unterirdischen Anlage in einen künstlichen Kälteschlaf versetzen. Sie ahnen nicht, wie sehr sich die Welt verändert, während sie eine Zeitreise in ihre eigene Zukunft machen. Nach dem Erwachen beginnt für die Wissenschaftler ein gnadenloser Überlebenskampf …

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Seitenzahl: 184

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Schächterland

von

Rob H. Kober

Copyright: © 2016 Rob. H. Kober Titelbild: Romolo Tavani (fotolia.com)

Erschienen bei tredition GmbH, Hamburg

978-3-7345-8324-7 (Paperback)

978-3-7345-8325-4 (Hardcover)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

1. Kapitel

Wie alles begann

Es war ein wunderschöner Herbsttag. Die Stadt bebte vor Energie und beflügelte die Menschen. Der Morgendunst war verflogen und eröffnete die Sicht auf die Berge, die zum Greifen nahe schienen, auf den Gipfeln lag der erste Schnee. Es roch nach dem Laub der Bäume, das die Gehwege und Parkanlagen schmückte. Die Isar glitzerte im Schein der Herbstsonne und wand sich wie eine Schlange durch die Stadt, voller Lebenskraft und Schönheit. Die Bäume an ihrem Ufer hatten ihr farbenprächtiges Gewand angelegt. Ich freute mich jedes Mal auf diesen Anblick und ich wusste, dass ich es einige Wochen genießen konnte.

Hier, von so weit oben, im 17. Stock des European Research Center Hibernation der ESRC, der European Space Research Company, hatte ich eine einmalige Aussicht auf meine geliebte Stadt. Mein Büro war nach Süden ausgerichtet, sehr geräumig und für die täglichen Teambesprechungen perfekt geeignet.

Ich lehnte mich in meinem Chefsessel zurück und schloss die Augen. Wieder erlebte ich in Gedanken alles zum tausendsten Mal: die Krankheit, die Klinikaufenthalte, die flehenden Augen von Cora, die Besprechungen mit den Ärzten, die wirkungslose Chemotherapie … Dann wieder Phasen, die von Hoffnung geprägt waren: Cora gewann neuen Lebensmut und auf Reisen. Mit den Fischen schwimmen war ihre große Leidenschaft und als sie eines Tages die Gelegenheit hatte, sich an der Rückenflosse eines Delfins durch die Wellen ziehen zu lassen, war sie unendlich glücklich. Dieses Glück währte nicht lange, der Krebs kehrte zurück und sie verlor den Kampf, aber sie war tapfer bis zum Ende. Ihre Beerdigung wurde zu einer Wallfahrt für Freunde.

Danach fiel ich in ein tiefes schwarzes Loch, aus welchem ich kein Entrinnen mehr sah; für mehrere Monate musste ich meine Arbeit als Kryochirurg aufgeben. Als ich nach einiger Zeit durch die Hilfe guter Freunde wieder auf die Beine kam, stürzte ich mich in die Arbeit, um den Schmerz zu verdrängen. Ich fuhr Sonderschichten im OP und beschäftigte mich nebenbei mit Forschungsaufgaben, welche den Bereich der Kryptobiose und der Hibernation tangierten. Im weiteren Verlauf konzentrierte ich mich ausschließlich auf den Fachbereich Kälteschlaf/Hibernation und wechselte nach einiger Zeit ganz in die Forschung über.

Dank einiger guter Erfolge im Bereich der Genexpression wurde ich vor fünf Jahren zum Abteilungsleiter einer der wichtigsten Bereiche der Hibernationsforschung des European Hibernation Research Center berufen. Zwei Jahre später wurde die EHRC von der ESRC, welche die Forschungen mit dem europäischen Raumfahrtprogramm und der NASA abstimmte, übernommen. Das Hauptaugenmerk wurde ab sofort weniger auf die chirurgischen Aspekte, sondern auf Erfolge in der Kälteschlafforschung gelegt, welche im Rahmen des Raumfahrtprogrammes dazu beitragen sollten, bei der bemannten Raumfahrt größere Entfernung bewältigen zu können.

Die Forschungen erwiesen sich als schwierig, da es viele Probleme bei der genetischen Expression eines speziellen Proteins gab, das den Prozess der Hibernation einzuleiten hatte. Das Team arbeitete pausenlos, aber das Resultat ließ auf sich warten.

Ich öffnete meine Augen, stand auf und machte mir einen Kaffee. Während die Maschine arbeitete, checkte ich die eingegangenen Mails und musste lächeln. Thompson, dieser aalglatte Schnösel aus der Codierungsabteilung hatte sich schon wieder krank gemeldet, bereits das zweite Mal in diesem Monat. Ich wusste, dass er kerngesund war.

Als ich mir die Tasse Kaffee eingoß, ging plötzlich der Alarm los, Handy und Laptop piepsten, im Gang hörte ich laute Rufe, dann riss jemand meine Tür auf.

Es war Vera. Sie hatte nur einen Schuh an, den anderen musste sie unterwegs verloren haben. Für eine Frau wie Vera ein Ding der Unmöglichkeit. Ihr Haar war zerzaust, ihre adrette Brille war verrutscht und sie atmete schwer. Sie war eine sehr hübsche Frau, Mitte dreißig und nach einer gescheiterten Beziehung wieder mal solo.

»Doktor Larsen! Bitte kommen Sie ins Genlabor! Schnell!«

»Vera … Da muss ja etwas Schlimmes passiert sein, wenn Sie mit nur einem Schuh unterwegs sind, aber Sie sehen natürlich trotzdem fantastisch aus.«

Vera liebte Komplimente, aber dieses Mal war sie total außer sich. Sie schnappte nach Luft und rang nach Worten. »Doktor Larsen, schnell, es ist Randy!«

Ich runzelte die Stirn. »Randy? Was ist passiert?«

Jetzt strahlte sie mich an. »Randy hat den Code geknackt!«

Jetzt war ich derjenige, dem es die Sprache verschlug. Randy, der hotdogfressende Mistkerl, der hektoliterweise Kaffee in sich hineingoss und wochenlang im Labor schlief, der sollte doch nicht etwa …

»Doktor Larsen, jetzt kommen Sie doch endlich!« Ich schüttelte mich kurz, stand auf und stapfte energischen Schrittes aus meinem Büro. Wir eilten zum Fahrstuhl, der uns ins Basement bringen sollte. Vor dem Fahrstuhl lag auch Veras linker Schuh, den sie sich nun wieder anzog

.

Das Forschungslabor lag im Basement unseres 17.stöckigen Hochhauses, der Zutritt dorthin war gesichert wie ein militärischer Bereich, nur dieses Mal war die Tür offen und einige meiner Mitarbeiter liefen uns aufgeregt entgegen.

»Gut, dass Sie da sind, Doktor Larsen. Unser Randy war erfolgreich.«

Wir eilten den Hauptgang entlang zu Randys Büro. Die Tür war offen, die restlichen Labormitarbeiter hatten sich um ihn und seinen Arbeitsplatz versammelt.

Randy hockte an seinem mit Bierdosen und Zigarettenkippen zugemüllten Arbeitsplatz und starrte auf den Bildschirm. Seine fettigen Finger eilten über die Tastatur und bearbeiteten die dreidimensionale Darstellung eines kompliziert aufgebauten Moleküls.

Ich erstarrte.

»Hi Doc, gut dass Sie da sind. Wir könnten da etwas Wichtiges gefunden haben.« Randy drehte sich kurz zu mir herum und grinste mich an.

Randy war erst seit zwei Jahren bei uns. Er kam über eine einflussreiche Empfehlung – wir sollten nicht fragen, woher er kam oder was er früher machte, wir sollten ihn einfach so nehmen, wie er war, und ihm freie Hand bei seiner Forschungstätigkeit lassen. Man munkelte, dass er längere Zeit unter einer Brücke geschlafen habe. Er erwies sich jedoch als einer der fähigsten und kreativsten Mitarbeiter, die wir je hatten.

»Doc, wir müssen das alles nochmals überprüfen, aber ich bin mir sicher, dass ich die Formel für das Protein gefunden habe, mit dem wir den HIT verbessern können.«

Er meinte den Hibernation Inducting Trigger, mit dessen Hilfe es uns gelingen könnte, die Hibernation bei einem Menschen einzuleiten. Es sah fast so aus, als ob die geplante Synthese aus Aminosäuren mit einer veränderten Form des natürlich vorkommenden Opiats Enkephalin, das im Gehirn von Säugetieren vorkommt, gelungen sei. Die Struktur, die ich auf dem Monitor sah, ähnelt dem von D-Ala2-D-Leu5-Enkephalin.

»Über mögliche Nebeneffekte im Bereich des Zentralnervensystems können wir natürlich zum gegebenen Zeitpunkt noch nichts sagen.« Randy richtete seinen Zeigefinger auf die grafische Darstellung des Proteins. »Doc, ich habe mir drei volle Monate den Kopf zerbrochen, um die richtige Anordnung der Elemente in dieser Molekülstruktur zu finden, heute Nacht verschüttete ich Kaffee über die Tastatur und dann hatte ich sie plötzlich.«

»Lassen Sie mich mal ran, lieber Randy.«

Es stimmte vollkommen, was Randy sagte. Es war der Code für eine biochemische Substanz, die einen starreähnlichen Zustand lebender Zellen auslösen könnte. Sie erinnerte in ihrer Struktur an DADLE, welches die Transkription der Gene beeinflussen konnte. Wenn diese Transkription gebremst wird, erstarrt der Stoffwechsel der Zellen und sie schlafen ein. Wird die DADLE-Zufuhr gestoppt, normalisiert sich der Zellstoffwechsel wieder.

Ich sah Randy an. »Sind Sie sich bewusst, was Sie da entdeckt haben? Das ist ein Meilenstein in der Kälteschlafforschung. Das wird in der Zukunft neue Wege öffnen, die interplanetare und interstellare Raumfahrt wird darauf aufbauen können. Wir werden den Sternen ein Stück näher kommen.«

Ich machte den Platz wieder für Randy frei, der sich auf seinen Stuhl fallen ließ und einen halbgegessenen Burger ergriff.

»Da wäre noch eine andere Sache, Doc, an der ich zu arbeiten habe …«

Das war für uns alle ein Zeichen, dass wir ihn störten. Wir ließen ihn allein in seinem schöpferischen Chaos.

Ich drehte mich zu Vera um. Sie hatte ihre Haare – jetzt sah ich auch, dass sie eine neue rote Haarfarbe hatte – wieder geordnet und auch ihre Brille saß wieder perfekt. »Haben Sie schon den Vorstand der ESRC sowie die NASA über unseren Durchbruch informiert? Die werden nicht lange auf sich warten lassen.«

»Nein, noch nicht, Bernard, mach ich sofort. Wir sehen uns dann beim Essen«, sagte sie und rauschte davon.

Verdutzt schaute ich ihr nach und mir wurde klar, dass sie mich beim Vornamen genannt hatte. Warum eigentlich nicht?

Als ich den Fahrstuhl verließ und mein Büro betrat, musste ich tief durchatmen. Ich wusste sehr wohl, welche Aufgaben mein Team und mich in den nächsten Jahren erwarten würden. Bis wir eine Methodik entwickeln würden, welche zuverlässig in der Raumfahrt angewendet werden konnte, würden wir noch viele Jahre forschen müssen.

Die Hibernation umfasst grundsätzlich ihre Einleitung, Aufrechterhaltung, Kontrolle und Beendigung. Dabei müssen die Körperfunktionen- und Daten ständig überwacht werden, möglichst ohne schwerwiegende körperliche Eingriffe. Zu kontrollieren sind Körpertemperatur, EKG, EEG, Pulsfrequenz, Blutdruck, Blutzuckerwerte, Sauerstoff- und Kohlendioxidgehalt des Zellgewebes, Atemfrequenz und vieles mehr. Dem Körper müssen die medizinisch jeweils notwendigen Substanzen automatisch zugeführt werden. Außerdem muss sichergestellt werden, dass die Hibernation bei Astronauten nicht zu wesentlichem Muskelschwund führt.

Jetzt saß ich wieder in meinem Sessel vor dem Schreibtisch und schaute auf das Bild von Cora. Sie war die große Liebe meines Lebens gewesen. Und schon wieder spürte ich eine Ohnmacht in mir aufkommen. Nein, du wirst nicht aufgeben, du hast viel zu tun, du wirst es schaffen, hörte ich sie sagen.

2. Kapitel

Drei Jahre später

In Gedanken versunken stand ich vor der Glasfront meiner Chefetage im 17. Stock und ließ meinen Blick über die schönste aller Städte zu den dahinterliegenden Bergen schweifen. Präge dir dieses Bild ein und vergiss es nie, sagte ich zu mir, du wirst es sobald nicht wiedersehen.

Der Morgendunst war noch nicht ganz verflogen, einige Teile der Stadt waren wie in Zuckerwatte gehüllt, es sollte ein wunderschöner Spätsommertag werden. Die von Erding aus startenden Passagierjets hinterließen ihre Kondensstreifen am blauen Himmel, sie bildeten zuerst ein Muster wie ein Netz und dann lösten sie sich auf. Ein Vogelschwarm flog an meinem Fenster vorbei. Waren es schon die Stare, die sich zeitig sammelten, um dann das Land zu verlassen?

Ich ging zu meinem Fernrohr und peilte die Watzmann-Region an. Alles schien unglaublich nah zu sein; mir kam es so vor, dass ich sogar den Eingang in das Tal, in welches mich mein Schicksal führen sollte, erkannte. Wir waren mit Cora oft in den Bergen gewesen, einmal hatten wir uns verschätzt, als wir uns aufmachten, um zu Fuß den Walchensee zu umrunden. Als wir dann nach Mitternacht halb tot bei unserem Auto ankamen, konnten wir uns kaum noch bewegen. Ich musste lächeln und schaute auf Coras Foto, das noch einsam auf meinem leer geräumten Schreibtisch stand.

Alles war vorbereitet, mein Büro hatte ich leerräumen lassen, meine persönlichen Dinge und Unterlagen wurden sicher verstaut, meine Forschungsunterlagen blieben für alle zugänglich zurück, damit mein verbliebenes Team an ihnen weiterarbeiten konnte. Alles war geregelt, alle notwendigen Maßnahmen waren getroffen worden.

Mein Haus hatte ich Randy überlassen, obwohl ich genau wusste, dass dies meinem Haus nicht guttun würde, aber ich hatte Randy unendlich viel zu verdanken; er war die letzten Jahre die treibende Kraft bei der praktischen Umsetzung all unserer Vorhaben geworden, ohne ihn ging überhaupt nichts mehr, seine genialen Einfälle und Konstruktionsvorschläge versetzten uns in die Lage, Dinge anzugehen und zu verwirklichen, die zuvor noch unlösbar erschienen. Die ESRC und die NASA rutschten vor ihm auf den Knien herum, um ihn nicht an die Konkurrenz zu verlieren, aber er wusste, wo er hingehörte. Dann hatte sich Randy auch noch bereit erklärt, sich um Coras Grab zu kümmern …

»Cora, wenn du wüßtest, wo meine Reise hingeht …« Ich berührte ihr Gesicht auf dem Foto, dann verstaute ich es in meiner Jackentasche.

Ich ging zum Fenster zurück und warf einen letzten Blick über die Stadt. Die meisten Menschen, denen es vergönnt war, hier zu leben, waren glücklich und zufrieden. Obwohl der Spagat zwischen Armut und Reichtum nicht zu übersehen war, war es eine Oase der Sicherheit und des Glücks.

Meine Gedanken wurden unterbrochen, als es an der Tür klopfte. Es war Vera. Sie trug die Haare jetzt kurz, eine Brille hatte sie schon lange nicht mehr.

Sie fiel mir um den Hals und begann zu weinen, ihre Hände krallten sich in meine Schultern. »Bernard, ich möchte nicht, dass du uns verlässt. Gibt es keine Möglichkeit, dich umzustimmen?«

Ich nahm mein Taschentuch und tupfte ihr die Tränen vom Gesicht. »Nein, es ist alles entschieden. Ich bin neben Randy einer der Hauptverantwortlichen für dieses Projekt und trage somit auch eine große Verantwortung für die am Experiment teilnehmenden Crewmitglieder. Außerdem sind wir ja nicht auf ewig fort, sondern befinden uns nur in einem hermetisch abgeschlossenen System, das von unseren Spezialisten pausenlos überwacht wird. Sollten Probleme auftreten, kann das Experiment sofort abgebrochen werden. Du wirst in fünf Jahren noch genauso schön sein wie in diesem Augenblick.«

Jetzt lächelte sie wieder. Aber ich sah auch, dass es ihr dabei nicht gut ging.

Sie war eine tolle Frau. Sie hatte sich sehr dafür eingesetzt, an dem Experiment teilnehmen zu dürfen, vor allem auch meinetwegen, aber die beim Gesundheitscheck festgestellte Mitralklappeninsuffizienz machte ihre Pläne zunichte. Die Risiken, sich mit einem Herzfehler in den Kälteschlaf zu begeben, waren zu hoch. Dafür gehörte sie jetzt zu einem der Teams, die uns vor Ort in der Kälteschlafphase zu betreuen hatten. So war sie in meiner Nähe und das würde ihr guttun.

»Bist du gekommen, um mich in den Konferenzsaal zu begleiten? Sind schon alle da?«

»Ja, sind sie. Lass uns gehen. Bernard …«

Jetzt umarmte ich sie und drückte sie an mich. Sie war mir plötzlich so vertraut, die gemeinsame Arbeit hatte uns zusammenwachsen lassen. Ich spürte jetzt um so mehr, dass sie mir sehr fehlen würde …

Sie schaute mir in die Augen. »Ich werde auf dich warten.«

»Das weiss ich, Vera. Ich freue mich auf dich.«

Ich ließ beim Hinausgehen noch ein letztes Mal meinen Blick durch mein Büro schweifen. Durch die Glasfront sah ich, wie die für unsere Heimat typischen weißen Wolken aufgezogen waren.

Der Konferenzsaal befand sich im 3. Stock. Seine Hauptattraktion war ein riesiger runder Tisch aus Kirschholz, an dem bis zu 30 Personen Platz fanden. Wir betraten den mit Menschen überfüllten Saal.

Sofort stürzte Randy auf mich zu: »Doc, wir können beginnen. Sie halten Ihre Rede wie besprochen?«

»Ja, alles wie geplant. Ist die Presse da?«

»Mehr als genug von denen, die wittern ein großes Ding.«

»Gut, dann wende ich mich hiermit auch offiziell an die Öffentlichkeit, gebe eine für alle verständliche Einführung in die Materie und stelle anschließend die Crewmitglieder vor. Für die Presse stehe ich dann auch noch zur Verfügung. Das könnte ein langer Tag werden. Aber …«, ich klopfte Randy auf die Schulter, »ich kann ja dann fünf Jahre ausschlafen.«

Randy antwortete mit einem wortlosen Grinsen und ich glaubte, sogar etwas Panik in seinem Gesicht zu sehen. »Dann lass uns beginnen …«

Ich nahm Platz und begann ohne Umschweife meine Rede, als Stille eingekehrt war: »Meine verehrten Damen, meine verehrten Herren, liebe Mitarbeiter, Gäste und Vertreter der Presse. Wir haben uns in dieser Konferenz zusammengefunden, um den Beginn eines bahnbrechenden Experiments bekannt zu geben, welches im Rahmen des Europäischen Raumfahrtprogrammes und der NASA sowie der russischen Raumfahrtbehörde vorbereitet wurde. Dazu begrüße ich hier ganz herzlich den Direktor der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA, Mark Bernstein, den Direktor der russischen Raumfahrtbehörde, Arkadij Moisejevich Strugatzki, die Direktorin der Europäischen Raumfahrtbehörde, Ellen Girardeau, den Direktor der ESRC, Sven Grundland, sowie alle hier Anwesenden. Ich bin Doktor Bernard Larson, leitender wissenschaftlicher Direktor des European Hibernation Research Center. Bevor ich Details zu unserem geplanten wissenschaftlichen Experiment bekannt geben werde, möchte ich den Direktor der NASA bitten, einige wichtige, auch für die Öffentlichkeit bestimmte Informationen bekannt zu geben. Direktor Bernstein, Sie haben das Wort.«

Bernstein war ein typischer Vertreter des NASA-Establishments, absolut konservativ und hochintelligent, durch sein Wissen, Können und Durchhaltevermögen hatte er es bis an die Spitze einer der wichtigsten Behörden Amerikas gebracht. Die NASA war in der letzten Zeit offener und flexibler mit der Weitergabe und Herausgabe von Informationen geworden, die Geheimhaltungshysterie war abgeflaut. Ich sah an den Gesichtern der Anwesenden im Saal, dass alle gespannt waren, was Mr. America zu berichten hatte.

Bernstein nahm einen Schluck Wasser zu sich, er war sichtlich aufgeregt. »Meine Damen, meine Herren, verehrte Kollegen und Partner. Die NASA arbeitet schon seit Längerem an der Kälteschlafforschung, da der Kälteschlaf oder Hibernation, wir können es auch als Anabiose bezeichnen, für die von uns geplanten Marsmissionen hilfreich wäre. Wir hatten dies für die 2030er-Jahre geplant, nun aber, dank Ihrer phänomenalen Erfolge in der Kälteschlafforschung, könnte das schon deutlich früher stattfinden. Hin-und Rückreise dauern mit den heutigen Antriebstechniken jeweils sechs Monate. Während dieser Zeit könnten die wachenden Astronauten etwa im dreißigtägigen Schichtbetrieb ausgetauscht werden. Die diensthabenden Besatzungsmitglieder hätten nicht nur das Raumschiff zu überwachen, sondern auch ihre schlafenden Kollegen, die in dieser Zeit intravenös ernährt würden. Nun, wir hatten nicht erwartet, dass Sie in so kurzer Zeit eine so perfekte und sichere Form des Kälteschlafs entwickeln würden. Wir sind sehr beeindruckt. Nun, die NASA war in der Zwischenzeit auch nicht untätig und hat an der Entwicklung neuer und besserer Antriebstechniken gearbeitet. In sechs bis sieben Jahren werden wir in der Lage sein, ein Viertel der Lichtgeschwindigkeit zu erreichen.«

Ein Raunen ging durch die Reihen der Anwesenden.

»Ja, meine Damen und meine Herren. Da wäre noch eine andere Sache …«

Im Saal wurde es still. Randy schaute mich fragend an.

»Nun, ich möchte Ihnen die Wahrheit nicht länger vorenthalten. Wie Sie sicher wissen, betreiben wir seit den Sechzigerjahren das sogenannte SETI-Programm – search for extraterrestrical intelligence. Wir haben mit unseren in der ganzen Welt vorhandenen Radioteleskopen die interessantesten Bereiche unserer Nachbarsysteme anvisiert, um eventuelle Signale zu empfangen. Und wir haben auch die ganze Zeit unseren nächstgelegenen Stern Proxima Centauri, der nur rund vier Lichtjahre von uns entfernt ist, genau unter die Lupe genommen. Wie Sie sicher wissen, ist Proxima Centauri ein sogenannter Roter Zwerg und Teil eines Dreifachsternensystems. Es herrschte absolutes Schweigen bis zum 20.12.1995, als wir absolut unerwartet intelligente Signale von dort empfangen haben …«

Im Saal herrschte atemlose Stille. Randy fielen fast die Augen aus dem Kopf.

»Wir konnten keine spezielle Nachricht aus den übertragenen Zahlenfolgen entschlüsseln, aber wir sind jetzt davon überzeugt, dass sich im Proxima-Centauri-System eine unserem Entwicklungsstand, vorsichtig ausgedrückt, ähnliche Zivilisation entwickelt hat, die vielleicht unseren Entwicklungsstand noch nicht ganz erreicht hat. Wir können annehmen, dass diese Zivilisation die von uns ausgesandten Radiosignale empfangen hat und dass dies eine erste Antwort darauf ist. Diese Entdeckung hat natürlich für die NASA eine immense Bedeutung bei ihrer Raumfahrtausrichtung und wir haben beschlossen, der interstellaren Raumfahrt eine größere Gewichtung zu verleihen. Wir werden in sechs bis sieben Jahren in der Lage sein, das Proxima-Centauri-System mit knapp sechzehn Jahren Flugdauer zu erreichen. Wir arbeiten unter Hochdruck an der Entwicklung der Antriebstechnik. Dazu benötigen wir die sichere und perfekt funktionierende Kälteschlaftechnik, das Doktor Larsons Team in so kurzer Zeit entwickeln konnten. Danke.«

Im Saal brach ein Tumult los. Jeder versuchte, den anderen akustisch zu übertreffen. Die Nachricht hatte eingeschlagen wie eine Bombe.

Nur einer war ruhig geblieben: Randy. Er hatte Tränen in den Augen und stammelte vor sich hin: »Ich habe es schon immer geahnt. Ich wusste es, ja, ich wusste es.«

Als sich die Aufregung im Saal wieder legte, ergriff ich das Wort: »Meine Damen und meine Herren, ich habe volles Verständnis für Ihre Emotionen, ist es doch eine grundlegende und endgültige Erkenntnis, dass wir nicht die Einzigen in den Weiten des Alls sind. Ich möchte jetzt Ihre Aufmerksamkeit auf die von uns entwickelte Kälteschlaftechnik sowie auf das morgen beginnende Anabioseexperiment lenken. Es ist uns gelungen, ein voll automatisiertes computergesteuertes Kälteschlafsystem zu entwickeln. Alle Risikofaktoren, wie Veränderung der Gehirnfunktionen, Gedächtnisschwund, Muskelabbau und Knochenschwund, konnten auf ein Minimum reduziert werden. Die Testpersonen werden intravenös ernährt, alle Körperfunktionen werden automatisch gemessen und gegebenenfalls auch automatisch medikamentös behandelt oder beeinflusst. Die Probanden werden pausenlos von sich ständig ablösenden Teams beobachtet. Es wird darauf geachtet, dass nicht in den automatischen computergesteuerten Ablauf eingegriffen wird, in Notfällen kann das Experiment jedoch abgebrochen werden. Die Probanden werden sich fünf Jahre im Kälteschlaf befinden, die Aufwachphase wird nach Ablauf dieser Zeit automatisch vom System eingeleitet. Wenn alles ohne Fehler abläuft, werden keine äußeren Eingriffe durch die beiwohnenden Wissenschaftlerteams erforderlich sein. Die Anlage arbeitet vollkommen autark, Strom und Wasserversorgung sind doppelt abgesichert und reichen ohne äußere Zufuhr bis zu zehn Jahre. Zwei unabhängig voneinander arbeitende kleine Plutoniumreaktoren sichern die Energiezufuhr für die gesamte Periode. Die Anlage befindet sich an einem geheimen Ort. Ich möchte mich an dieser Stelle beim Direktor der russischen Raumfahrtbehörde, Arkadij Moisejevich Strugatzki, für die Bereitstellung der supermodernen Plutoniumreaktortechnik bedanken. Dies hat uns bei der Verwirklichung der Energieversorgung entscheidend geholfen.«

Strugatzki sagte nichts, aber alle sahen, dass er zufrieden lächelte.

»Meine Damen und Herren, haben Sie noch irgendwelche Fragen zu dem geplanten Experiment?«

Die Pressevertreter schrien wild durcheinander.

»Ich glaube es ist besser, sie wenden sich nach Abschluss dieser Konferenz an meinen Kollegen Randy Bowman, er ist meine rechte Hand und wird die kompetentesten Antworten liefern.«

Randy gab mir ein Zeichen, dass er verstanden hatte.