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Schädelrauschen wendet sich vorrangig gegen Meinungsführer, die mit geschickten Manipulationen und permanenter Medienpräsenz das öffentliche Leben und die gesellschaftlichen Entwicklungen in ihrem Sinne umdeuten und als billige Komödien auf den Bühnen des Zeitgeistes inszenieren. 30 Hirngespinste und Abschweifungen führen den Leser durch Schattenwelten, trickreiche Phasen und Zufälle in der Wissenschaft, Herrenreiter in brandenburgischen Waldsiedlungen, Echokammern und Filterblasen der (a)sozialen Medien und staatlich sanktionierten Voyeurismus. Insbesondere die permanenten Umdeutungen eigentlich gesicherten Wissens und die fortschreitende Entsolidarisierung der Gesellschaft hat im Nutzungsverhalten der Onlineplattformen deutliche Spuren hinterlassen. Der Leser weiß darum, wie fragil und brüchig unser gesellschaftlicher Konsens und unsere demokratischen Strukturen sein können. Schädelrauschen warnt vor Entwicklungen, die Sprache als Begriffsnarkose einsetzen.
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Seitenzahl: 165
Veröffentlichungsjahr: 2025
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1 Schluss mit Lustig
2 Besoffene Trollinger
3 Schädelrauschen
4 Grenzgänger
5 Entwicklungsautonomie
6 Wenn der Zufall einen Einfall hat
7 Retouren und Schredder
8 Sonnensteine
9 Linguistische Manöver
10 Was weißt Du den(n)
11 Zwischenruf I – Lazarus
12 Filterblasen und Echokammern
13 Agnostos Theos – dem unbekannten Gott
14 Schwarmintelligenz
15 Der Fluss der Zeit
16 Den Teufeln die Rechnung versaut
17 Petermann lebt
18 Rauschen im Äther
19 Wenn Gorillas zweimal klingeln
20 Konstante Variable
21 Zwischenruf II – Mikrogedanken
22 Pille Palle, Lari Fari und Firle Fanz
23 Humorkritik – ein komisches Fach
24 Das Nichts
25 Tünnes und Schäl in Anatolien
26 Der Teppichleser
27 Prima Klima – Zweifel unerwünscht
28 Bauernopfer
29 Wetten auf die Zukunft
30 Das Abenteuer der Sprache
EPILOG
Als Karl der Große im Jahr 789 nach einigen missglückten Possen seines Hofnarren in Aachen schlecht gelaunt die „Admonitio generalis“ (Allgemeine Ermahnung) erließ und damit prinzipiell jede Art von Narretei und unsinnigen Streichen verbot, war es im Frankenreich mit dem Spaß erst einmal vorbei. Das kaiserliche Mahnschreiben richtete sich in erster Linie an die Bischöfe und ihre schwarz gekleideten Nebelkrähen, die in der Folge die strenge Ermahnung von den Kanzeln herab an alle weltlichen Vasallen und das gemeine Volk im Reich zu richten hatten.
Die Admonitio generalis, als umfassende Bildungsreform gedacht, sollte das Treiben der Hofnarren ablösen und durch mündige und aufgeklärte Untertanen ersetzen. Der von Karl dem Großen eingeschlagene Weg, das Mahnschreiben von den Kanzeln der Kirchen verkünden zu lassen, war allerdings ein Irrweg. Zwar waren die Pfaffen die einzigen im Reich, die lesen und damit auch vorlesen und verkünden konnten, aber ihr Interesse an gebildeten Untertanen hielt sich in Grenzen. Narren und Schelme waren der Kirche lieber als die Befolgung kaiserlicher Sendschreiben.
Die Mahnung und hehre Absicht des weltlichen Erlasses zur Aufklärung und Erkenntnis des Volkes verpuffte also im Nebel der weihrauchgeschwängerten Kirchen und die Narren beschäftigten sich weiterhin in bunten Gewändern und Schellenkappen mit der Parodie der Auswüchse des menschlichen Daseins auf Kosten Andersgläubigen, Einfältigen, dummen und Missgebildeten. Das gemeine Volk, das von Narren und Bänkelsängern mit schaurigen Geschichten auf bunten Tafeln belehrt wurde, war angesichts des derben Spotts über Randgruppen froh, noch einmal davongekommen zu sein. Was Karl der Große aber schlicht übersehen hatte, war, dass sein Herrschaftsgebiet trotz seiner gewaltigen Ausdehnung von der Nordsee bis nach Mittelitalien und von den westlichen Pyrenäen bis nach Ostungarn einfach zu klein war, um ganz „Narragonien“ mit seinen allgemeinen und strengen Ermahnungen zur Räson zu bringen. Was kümmert es die Angelsachsen und Briten, die Normannen, Chasaren, Turkvölker, Balten und Slawen oder die Bewohner des Oströmischen und Byzantinischen Reiches einschließlich der Griechen und Araber, was ein schlecht gelaunter Franke in Aachen so von sich gab. Dass die Welt voller Narren ist, wusste man schon damals, denn bereits Salomon klagte in seinen Sprüchen darüber. Demokrit, der lachende Philosoph, amüsierte sich darüber und Heraklit, der alte Trauerkloß, weinte über die Torheit der Menschen. „Narragonien“ war von Beginn an das größte Land der Erde, dessen Narreteien sich in dem Verhältnis ausdehnten, in dem die Menschheit wuchs.
Bevor wir uns in der Topografie dieses Riesenreiches der Narren verlieren, die in allen Ländern, Regionen und menschlichen Siedlungen nachweisbar sind, konzentrieren wir uns auf jene Unterart, die in den folgenden Jahrhunderten ihrer Berufung als lustige Störenfriede bis zum Ausbruch der ersten Revolutionen nachging. Der Umstand, dass plötzlich alle mitreden wollten, drängte den Berufsstand der Narren ins Abseits. Erst in der Neuzeit machten die Narren in England wieder von sich reden. Insbesondere die Hofnarren, die als systemrelevante Komödianten nicht nur an Herrscherhöfen, sondern auch unter Päpsten, Kardinälen, Bischöfen und Prälaten sowie weltlichen Despoten ihre Narrenfreiheit genossen. Die Spaßmacher der hohen Herrschaften hatten im Gegensatz zu den heutigen Komödianten nicht die Aufgabe, das Volk zu belustigen und für Ruhe im Reich zu sorgen, sondern ausschließlich als ständige Begleiter ihre Herren mit heiteren Reden und derben Späßen bei Laune und in Schach zu halten. Hofnarren waren die verhätschelten Lieblinge, die sich fast alles erlauben durften, wofür offizielle Berater, Minister und Militärs mit dem Leben bezahlt hätten. Auf Kosten ihrer zur Schau gestellten Dummheit durften sie die Lächerlichkeit ihrer Herren und die Torheiten des Herrschers verspotten. Die Narren hatten das Privileg, im Unsinn Wahrheiten auszusprechen, die so manchen Herrscher zur Mäßigung zwangen.
Bunte Gewänder und eine Schellenkappe mit Eselsohren reichten demnach aus, um einen zornigen Herrscher mit pfiffigen Streichen rechtzeitig zu bremsen. Überliefert sind unter anderem der Hofnarr Golet (um 1065) am Hofe Wilhelm I., Herzog der Normandie. Der Hofnarr Will Somers (1525) am Hofe Heinrich VIII. und selbst Elizabeth I. (1533-1603) hielt sich gleich mehrere Spaßmacher, bis ein schlecht gelaunter Oliver Cromwell den englischen König Karl I. enthaupten ließ und damit seinen Hofnarren Muckle John im Jahre 1649 arbeitslos machte. So dauerte es über 350 Jahre, bis die Engländer (um 2004) mit Nigel Roder alias „Kester the Jester“[4] aus Milton Keynes wieder einen „Court Jester“ zu ernennen wagten. Obwohl die Stelle eigentlich in „The Times“ ausgeschrieben war: Narr gesucht. Voraussetzung ist Humor und die Bereitschaft, auch am Wochenende zu arbeiten. Eigene Berufskleidung (mit Schellen) ist mitzubringen… Gehalt nach Vereinbarung, beschwerten sich die Kollegen der englischen Narrenvereinigung über die Art der Ausschreibung. Allen voran der offizielle Stadtnarr von Salisbury, „Jonathan the Jester“, der sich im Namen seiner Verbandsmitglieder darüber beschwerte, dass die Ausschreibung zu kurzfristig erfolgt sei, als dass sich ein professioneller Narr rechtzeitig hätte bewerben können.
Diese Nörgelei des Gildenchefs Jonathan the Jester verfehlte zwar beim Volk ihre Wirkung, wurde aber auf Drängen einer Mehrheit britischer Hofnarren vor das Parlament gebracht, weil Englands offizielle Hofnarren keinen Spaß mehr verstanden. Erstens war die Stelle nicht von Elisabeth II. und der Krone ausgeschrieben worden, sondern nur von der „English Heritage“, und zweitens war Nigel Roder alias „Kester the Jester“ kein offizieller „Court Jester“, sondern ein Angestellter dieser vom Parlament gegründeten Stiftung für Denkmalschutz (English Heritage). Kein Wunder, dass sich das Parlament tagelang mit dieser lächerlichen Angelegenheit befassen musste, um dem neu gekürten „Kester the Jester“ nach mehreren Kampfabstimmungen den königlichen Titel abzuerkennen und ihn stattdessen „English Heritage Jester“ zu nennen.
Das Beispiel führt dem aufmerksamen Beobachter deutlich vor Augen, wie humorlos offizielle britische Institutionen solchen Unsinn bitterernst verhandeln können und dass es durchaus eine Verbindung zwischen Staatshumoristen und Politik geben muss. Als Blaupause für ähnlich alberne Abstimmungen taugte der Vorfall allemal, und so hält sich hartnäckig das Gerücht, die britische Krone habe die anstehende Wahl des Parlamentssprechers im House of Commons genutzt, um der drohenden Eskalation der anstehenden Brexit-Debatten insgeheim einen „House of commons Jester“ (Unterhaus Hofnarr) zur Seite zu stellen. Auf Drängen des Mountbatten-Clans wurde ein gewisser John Simon Bercow, dessen Vorfahren aus dem hessischen Battenberg stammten, für dieses Amt auserkoren. Vom Oberhaus, dem House of Lords, abgesegnet und von der Krone unterstützt, wurde Bercow zum Parlamentssprecher gewählt.
Nach intensivem Training der unterschiedlichsten Betonungen des Wortes „Order“ und der Grundausstattung mit alten englischen Gesetzestexten, die Bercow höchstpersönlich aus dem hessischen Mountbatten-Archiv ausgegraben hatte, erfuhr das Unterhaus sehr drastisch, was es bedeutet, wenn ein „House of commons Jester“ Premierministerin May aufgrund eines über 400 Jahre alten Gesetzestextes die wiederholte Abstimmung über einen Brexit-Vertragstext verbietet und als Sprecher des Unterhauses dem britischen Parlament quasi seine ganz persönliche „Admonitio Generalis“ als Mahnung mit auf den Weg gibt. Kein Wunder, dass die regierenden Tories einen Gegenspieler für Bercow suchten und nach der Abdankung von Theresa May auch einen geeigneten Kandidaten präsentierten. Boris de Pfeffel Johnson, alias „Boris the Jester“, bekannt durch seinen närrischen Bänkel-Zyklus „Friends, Voters, Countrymen – Jottings on the Stump“[5], wurde zum Premierminister Englands und damit zum Hofnarren der Regierungspartei ernannt. Für den Leser mag es ein Zufall sein, dass das britische Parlament damals zwei Hofnarren hatte. Ein Schelm, der wenige Monate vor diesem britischen Schlamassel ähnliche Ursachen in den Vorgängen im Vatikan sah, als plötzlich zwei Päpste ihre Schäfchen in der katholischen Kirche in Schach hielten.
Das duale System, entwickelt vom deutschen Philosophen, Mathematiker und Bibliothekar Gottfried Wilhelm Leibniz, ist eine Methode, die mit zwei Zeichen alles Wissen der Menschheit darstellen und erklären kann. Heute gilt die Kombinatorik nicht nur als Leitbild des digitalen Zeitalters, sondern auch als Kunstgriff in der politischen Willensbildung und Nachrichtenbearbeitung. Während sich die Briten mit John Bercow und Boris Johnson, die Katholiken mit zwei Päpsten und die Niederländer mit Beatrix und Harpe Kerkeling Widerspruch, Rede und Gegenrede sowie Sinn und Sinnlosigkeit zur Belustigung des Volkes ins Haus holten, ist dieses Modell in Deutschland leider durch staatstragende und systemrelevante Humoristen gescheitert. Deutsche Narren treten beispielsweise bei Nuhr und anderen drolligen Sendungen in wechselnder Besetzung auf, um das Volk vor tieferer Erkenntnis zu bewahren. Das Trolling, eine von deutschen Politikern perfekt eintrainierte Methode des eleganten Übergleitens in Antworten, zu Fragen, die niemand gestellt hat, oder die bewusste Irreführung durch Halbwahrheiten sind zu beliebten Techniken dieser Volksschauspieler geworden. Übrigens: Die norwegische Sagengestalt des Trolls hat nichts mit den heutigen systemrelevanten Komikern und Trollen zu tun, die mit postfaktischem Jonglieren, die Diskussionen bewusst entgleisen lassen und ihre Köder auswerfen, mit denen sie bei den Leichtgläubigen reiche Ernte einfahren.
Halten wir fest. Die „Admonitio generalis“ Karls des Großen war völlig verfehlt und führte im Kernland des Frankenreiches, dem späteren Deutschland, in eine Sackgasse. Der Hofnarr wurde ausgemerzt, seine Rolle verkannt. Andersartigkeit wurde unterdrückt, Störenfriede und ihre frischen Ideen kaltgestellt. Wen wundert es, dass insbesondere der Deutsche Bundestag in seiner Zusammensetzung als Volksvertretung nur noch aus Funktionären, Beamten, Konformisten und Kostgänger des Staates besteht, die mithilfe eines Heeres von Rentnern jeden Versuch des kritischen Hinterfragens oder der Kurskorrekturen zugunsten der jüngeren Generation an der Wahlurne ganz legal boykottieren.
Was tun also gegen die Uniformität des Denkens? Eine Narrenkappe aufsetzen und die Trolle mit intelligent gemachten Irritationen der Lächerlichkeit preisgeben. Wenn es sich ergibt, dann ja. Ansonsten ist diese Vorgehensweise zu ineffektiv. Das Trolling von Politikern zum Beispiel, also das Ausweichen in Antworten, nach denen niemand gefragt hat, lässt sich einfacher ignorieren. Alle Mikrofone und Kameras ausschalten, geschlossen umdrehen, sich abwenden und den Troll einfach stehen lassen, statt ihm zuzuhören. Aber nein! Das ist nicht unhöflich, das ist Notwehr.
Immer wenn ich einen mir unbekannten Begriff oder ein Wort genauer erklärt haben möchte, greife ich meist zum Duden-Bedeutungswörterbuch oder zu Kluges Etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache. Ich bin also im wahrsten Sinne des Wortes ein Vertreter der alten Schule, also nicht auf dem neuesten Stand, weil ich den schnellen digitalen Welterklärern nicht traue. Dabei nutze ich durchaus elektronische Helfer, besitze ein Smartphone, mit dem ich ausschließlich telefoniere, fahre seit über 20 Jahren Fahrzeuge mit alternativen Antrieben, bin für technische und umweltfreundliche Neuerungen zu begeistern, halte mich aber von den sogenannten „(a)sozialen Medien“ fern, weil ich bis heute nicht verstanden habe, was an Hassbotschaften, Shitstorms und dummen Sprüchen sozial sein soll. Mit zunehmendem Alter beherzige ich immer öfter den Rat alter Chinesen, die vor allem der Geschwindigkeit ein Geheimnis entlocken konnten: „Wenn du es eilig hast, gehe langsam!“ Im übertragenen Sinne also: nimm dir die Zeit, das Gehörte, Gesehene und Gelesene ausreichend zu reflektieren, denn nur so wird aus Information „Begreifen und Wissen“. Gleiches gilt für die glaubwürdige und prüfende Beurteilung im Sinne einer konstruktiv und sachlich vorgetragenen Kritik. Dies entspricht dem Bedeutungsstrang des französischen „critique“ bis hin zur abstrakten Kritik im heutigen Verständnis.
Übertragen auf den Literaturbetrieb verkommt unter anderem die Literaturkritik immer mehr zum billigen Abklatsch des Verlagsmarketings. Beide, Literaturmarkt und Literaturkritik, stellen mit effekthaschender und sensationsgeiler Dampfplauderei ihre falschen „Schecks“ aus. Anstatt als kritisches Korrektiv einen unaufgeregten, sachlichnüchternen Überblick über die wichtigsten Neuerscheinungen zu liefern oder neutrale Expertise im Dialog mit anregenden Debatten zu bevorzugen, folgt die modische Literaturkritik einem leicht konsumierbaren Stil. Häufig wechselnde wirtschaftliche, politische oder Mainstream-Trends werden in den Ersatzarenen der politischen Willensbildung bei Lanz, Miosga, Maischberger oder Illner durch gelenkte Debatten im Kurzzeitgedächtnis des Volkes gespeichert. Nicht zu vergessen, die mittlerweile in der Medienlandschaft dominierenden TV-Formate eines Dennis Scheck, der mit dem Etikettenschwindel Literaturkritik eine Trollkultur etabliert, die Demokratie für ein ungeeignetes Verfahren hält, um gute Ziele zu erreichen oder die besten Ergebnisse zu ermitteln. „Demokratie […] ist nur eine Methode der Machtverteilung“ (Zitat: Juli Zeh). Meinungsbildung, die einer „identitären“ Literaturbewegung Vorschub leistet, in der „öffentlich subventionierte Schreibautomaten“ (Zitat: Günter Franzen) und mit Preisgeldern überhäufte Bestseller-AutorInnen hoch zu Ross den Kritiker an der Leine führen und in Scheindebatten ihre schnellen Gedanken absondern. Alternativ zum Konzept der „Herrenreiterei“ wird die Konzentration des Lesers mit verkürzten Inhaltsangaben statt seriösen Textanalysen, wilden Kamerafahrten durch zerklüftete Landschaften und permanent das Blickfeld kreuzenden Absperrbändern gestört. Kein Hinweis auf kluge und ausführliche Zweitmeinungen der Kritikerzunft, dafür viel versteckte Kritik am Leser, dessen Lese- und Kaufverhalten sich in spöttischen Kommentaren der Bestenlisten widerspiegelt, die unter Berücksichtigung Verlagsökonomischer Interessen wahlweise gelobt oder in die Tonne gedroschen werden.
Das „gute Buch zur späten Stunde“ wird zur Selbstdarstellung und inszenierten Zerstreuung an Drehorten in abgelegenen Gegenden, zur Reiterposse in brandenburgischen Waldwohnsiedlungen oder zum Plausch im Tropenhaus des Kölner Zoos mit Vogelschiss am Revers. Orte der Ablenkung, die Bewertungen, Standpunkte und Argumente außer Kraft setzen, kluge und wichtige Bedanken der vorgestellten Bücher zerfasern und durch postfaktische oder gefühlte Wahrheiten der Lächerlichkeit preisgeben. Da streiten sich zum Beispiel Denis Scheck und Juli Zeh, zwei vom Leben verwöhnte und privilegierte Reiter über das Buch „Die Elenden“ von Anna Mayr. Die journalistisch gehaltenen Texte des Bandes enthalten neben realen Armutserfahrungen, die Anna Mayr als Kind langzeitarbeitsloser Eltern machen durfte, die Aufforderung der Autorin, eine dringend notwendige Diskussion über prekäre Lebenssituationen zu führen. Dabei lenkt Mayr den Blick nicht nur auf Arbeitslosigkeit, sondern auch auf andere Erscheinungsformen der Armut in unserer Gesellschaft. Dies wird von Denis Scheck hoch zu Ross mit der emotional getragenen Empörung abgetan, dass es „in einem wirtschaftlich so prosperierenden Land wie der Bundesrepublik der letzten 40-50 Jahre […] doch durchaus möglich sein müsste, einen Job zu finden.“ Die alte, abgedroschene Leier „Wer arbeiten will, findet auch Arbeit.“
Typisches Troll-Geschwafel angesichts von Millionen von Menschen, die gezeichnet durch Kinder- und Altersarmut, Arbeits- und Erwerbslosigkeit über Grundsicherung oder Sozialhilfe an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Statt Fakten im Sinne einer prüfenden, konstruktiven Kritik am Text zu liefern, folgen weitere gefühlte Wahrheiten des Kritikers: „Ich kann da aus meinem Widerwillen keinen Hehl machen. Dieses Buch von Anna Mayr ging mir wahnsinnig auf den Senkel. Vielleicht liegt es ja an meinen schwäbischen Genen […]“ Die weiteren Befindlichkeiten der besoffenen Trollinger Juli Zeh und Denis Scheck erspare ich mir, denn wes Geistes Kinder hier hoch zu Ross durch den Wald schlurfen und dem Publikum ihre Weltsicht unterjubeln, habe ich bereits in anderen Zweitverwertungen der Scheck'schen „Literaturkritikformate“ kennengelernt. „Vertrauen sie mir - ich weiß, was ich tue“, sein ins Deutsche gedengeltes Zitat aus der amerikanischen Fernsehserie „Sledge Hammer“ der 1980er Jahre, dient als Einleitung für Buchempfehlungen in aufregender Landschaft. Medienformate und Meinungen vom Waschzettel, die wir bereits aus Zeitschriften oder dem kostenlosen Buchjournal des Buchhandels kennen und die vor allem die merkantilen Kriterien der Verlage stärken. Dieser Bildersturm in trassierten Landschaften kann seriöse Literaturkritik nicht ersetzen. Die Enttäuschung der Leser liest man dann Wochen später in den Bewertungsportalen der Online-Buchhandlungen.
Nicht selten richten sich die Kommentare der so animierten Käufer und Leser gegen Autoren wie gegen Kritiker. Letztere sollten die Bücher vollständig lesen, anstatt den Leser mit Klappentexten, oberflächlichen Rezensionen oder reinen Inhaltsangaben in die Kauffalle zu locken. Die Kommentare zu den empfohlenen Büchern und Bestsellerautoren reichen von „schwer erträglich, streckenweise banal, albern, unangenehm, plakativ, klischeebeladen, realitätsfern und dumm bis hin zum Nachweis falscher geografischer Angaben. Der Nachhilfeunterricht der Leser in den Kommentarspalten bemängelt, dass die Pegnitz im Westen Brandenburgs liegt und nicht an der polnischen Grenze, und die Charité im Osten Berlins noch nie ein West-Berliner Krankenhaus war. Da aber Dorfromane und das Landleben gerade „en vogue“ waren, kamen die Bücher der „BotschafterInnen des Landlebens“ gerade recht. Unterhaltungsformate, die Klischees bedienen, verkaufen sich eben besser, als anspruchsvolle, schwer verdauliche oder experimentelle neue Texte. Letztere werden in den Verlagen sofort aussortiert, um mit seichter Unterhaltung oder auf dem internationalen Buchmarkt erprobten Werken zu überleben. Wenn das Verlagskonzept der risikolosen Bestseller-Wiederholungen internationaler Autoren nicht mehr aufgeht, wird der Mainstream mit Produktionshilfen, Literaturpreisen oder „Literaturshows“ wie Druckfrisch, lesenswert oder Reitgesprächen befriedigt. Doch was soll das Gejammere? Der Buchmarkt ist ein Geschäft wie jedes andere, und die Lautsprecher der Branche sollten aufhören, uns dieses Business mit dem Buch als kulturell besonders wertvoll zu verkaufen.
Neue Lebensentwürfe und Lebenserfahrungen, politische, soziale und gesellschaftliche Umbrüche haben schon immer neue Sichtweisen und damit auch neue Literatur hervorgebracht – auch wenn das Literaturangebot deutlich hinterherhinkt. Die Flucht aufs Land wechselt im Rhythmus mit urbanen Lebensentwürfen. Begleitet werden die jeweiligen Flüchtlingsbewegungen im Lande durch das Wehklagen der Kritiker, die mit ihren ebenfalls periodisch wiederkehrenden Floskeln die Unzulänglichkeit der Gegenwartsliteratur und das Desinteresse der Leser beklagen. Doch in dem Maße, wie das Lesen und die Zahl der Käufer abnahmen, stieg die Zahl der Buchveröffentlichungen. Literatur soll also nicht nur unsere Gegenwart widerspiegeln oder sich den aktuellen und drängenden Fragen und Themen der Zeit stellen. Literatur sollte vor allem neue Gedanken befördern und Lösungen anbieten, die mit einer erkennbaren Haltung und Überzeugung vorgetragen werden. Das klingt illusorisch, altklug, aber durchaus vernünftig.
Schreibende, um die hehre Bezeichnung Schriftsteller zu vermeiden, sollten im Umgang mit dem Literaturbetrieb und insbesondere mit den Kritikern der hier vorgestellten Couleur Nachsicht, besser Gleichgültigkeit entwickeln, um das eigene literarische Schaffen frei von negativen Einflüssen erträglicher zu gestalten. Ich schreibe, weil ich etwas zu sagen habe, der Gruß an die Trollinger. Zu guter Letzt noch einen Rat im Umgang mit Reitern und Reiterinnen im offenen Gelände: „Hüte dich vor den Reitern!“ Das Pferd ist harmlos.
Die Wortschöpfung Schädelrauschen, eine schwäbische Adaption des Neudeutschen Brainstorming, wurde erstmals von dem genialen Universalhandwerker, Musiker, Literat und Koch, Vincent Klink, am 18. Oktober 1986 zu vorgerückter Stunde im Schwäbisch Gmünder „Postillion“ den anwesenden Sektenmitgliedern der Neuen Frankfurter Schule (NFS) an den Kopf geworfen. Das Restaurant „Postillion“, eine Art Versuchslabor für das spätere „Restaurant Wielandshöhe“ in Stuttgart, war damals nicht nur ein Ort exquisiter Gaumenfreuden, sondern auch ein vielseitig nutzbarer Übungsraum für gehobene Literatur, aus dem unter anderem wichtige Beiträge für die Literaturzeitschrift „Der Rabe“ hervorgingen.
Die Schriftsteller Robert Gernhardt und Eckhard Henscheid brüteten gemeinsam mit den Karikaturisten Hans Traxler und F.K. Waechter über den Redaktionsbeiträgen zur 18. Ausgabe des Raben, dessen inhaltliche Zusammenstellung später als „Magazin für kulinarische Literatur“ Furore machen sollte. Nebenbei war dies auch der Startschuss für die kulinarisch-literarische Reihe „Die Rübe“, die ebenfalls bei Haffmans in Zürich erschien.
Das Redaktionskollektiv der Neuen Frankfurter Schule, von Vincent Klink reichlich mit Rotwein und Häppchen versorgt, drohte in einem Wust von Zetteln und Textfahnen zu versinken. Erschwerend für die geplante 18. Ausgabe des Raben war das von heftigem Magengrummeln begleitete Thema Essen und Trinken, das durch den Untertitel „Magazin für kulinarische Literatur“ unterstrichen wurde. „Saufen und Fressen ja, aber literarisch darüber zu parlieren ist mir ein Graus“, stöhnte Henscheid und schob seinen Teller mit den Resten des schwäbischen Wurstsalats beiseite, nachdem er die von Gernhardt kommentierte Liste aller in Deutschland zugelassenen Lebensmittelzusatzstoffe angelesen hatte. Getreu der Devise der Neuen Frankfurter Schule, bei jedem Thema jedweden Sinn zu unterlaufen und selbst bei so einfachen Aufgaben wie der Rezension eines Bratkartoffelrezeptes sich in systematisch betriebene Sinnverweigerung zu flüchten, beschloss Vincent Klink die Wogen zu glätten und der leicht beschwipsten Truppe die Studie von Volker Kriegel über „Alkoholismus im Tierreich“ auf den Tisch zu pfeffern. Begleitet von seinem Ordnungsruf „Euer Schädelrauschen ist erbärmlich“, wischte Klink die mühsam zusammengetragenen Argumente und Textbeiträge vom Tisch und forderte die Berücksichtigung der Alkoholstudie im geplanten kulinarischen Raben. Dankbar widmete sich das Redaktionsteam diesem von reichlich eigener Erfahrung durchtränkten Thema, und damit war die ursprünglich geplante und allgemein verhasste Themenausgabe eines Logik-Raben endgültig gestorben.
