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Er kochte für Päpste, Kaiser, Könige, Präsidenten und Gestalten wie Erich Honecker oder Nicolae Ceausescu ? aber auch für Handwerker, Schulkinder, Radrennfahrer und Polizisten. Tony Tintinger galt lange als bester und bekanntester Koch Luxemburgs. Seine kulinarische Karriere begann mit einem Croque Monsieur und führte ihn in den gastronomischen Olymp. Geschenkt wurde ihm nichts ? und deswegen vergaß er niemals die Höhen und Tiefen auf seinem Weg zu den kulinarischen Sternen. Was Tintinger erzählt, spiegelt auch die Geschichte Luxemburgs wider ? von einer düsteren Kindheit zwischen den Trümmern des Krieges und dem Staub der Hochöfen nach dem Krieg bis hin zu den prall gefüllten Taschen voller Schwarzgeld im einstigen Finanzparadies. Es sind spannende und komische Geschichten über Helden und Diebe, über Tricks und Täuschungen, über schamlose Mauscheleien und den unbeirrten Versuch, am aufrechten Gang festzuhalten. Es ist ein Blick hinter die Kulissen von Staatsbanketts und Empfängen, auf Prominente und Unbekannte, auf Rüpel und Gentlemen. Tintinger fand es immer wieder bestätigt: Titel und Geld sagen wenig über einen Menschen aus. Und dass Köche wie Tintinger meist sehr dominante Menschen sind und der Ton in einer Küche eher rau ? das erklärt sich mit dem fast unvorstellbaren Druck, der in einem Spitzenrestaurant herrscht. Auch nach seinem Abschied aus dem fast legendären Clairefontaine ist Tintinger als Berater für den Start oder Neustart von Restaurants sehr gefragt: Er weiß besser als viele, wie Gastronomie funktioniert ? oder auch nicht.
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Seitenzahl: 451
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Meine Kindheit war nicht schön. Jedenfalls kann ich mich an nichts Schönes erinnern. Das liegt nicht daran, dass ich in eine schlechte und schwierige Zeit hineingeboren wurde. Als ich am 12. Juni 1944 zur Welt kam, war Krieg. Und Luxemburg war von den Deutschen besetzt. Aber an diese Zeit erinnere ich mich glücklicherweise gar nicht. Meine Erinnerungen setzen etwas später ein. Es sind Erinnerungen an eine Zeit, die mit dem Wort „freudlos“ nur sehr unzureichend beschrieben wären.
Ich kam nicht im Krankenhaus von Differdingen zur Welt, wo meine Eltern wohnten, sondern im Hospital des benachbarten Petingen. Denn das Krankenhaus in Differdingen, wo meine Eltern lebten, war mit deutschen Kriegsverletzten belegt.
Meine Mutter kannte das Hospital von Petingen: Dort war ein Jahr zuvor ihr erster Sohn gestorben. Mein Bruder wurde nur sechs Jahre alt, weil er an Diphterie erkrankte. Und viele Medikamente waren von den deutschen Besatzern beschlagnahmt worden. Meine Eltern erzählten später, es hätte bloß einer einzigen Spritze bedurft, um meinen Bruder zu retten.
Ein Jahr nach dem Tod meines Bruders stand meine Mutter also hochschwanger wieder im Krankenhaus von Petingen. Und sie stand sogar vor dem Bett, in dem mein Bruder gestorben war. „In das Bett lege ich mich nicht hinein“, protestierte sie. „Wir haben aber nur dieses eine Bett frei“, sagten die Schwestern. Und so gebar sie mich in dem Bett, in dem mein Bruder gestorben war. Bei der Geburt half der Arzt, der ein Jahr zuvor den Tod meines Bruders festgestellt hatte.
Meine Eltern hatten sich nach dem Tode des ersten Sohnes vorgenommen, wieder ein Kind zu haben. Der tote Sohn hatte Tony geheißen. Und ich bekam den Vornamen des toten Bruders. Denn ich war der Ersatz-Tony. Und das bin ich lange Zeit geblieben.
Natürlich war es damals nicht ganz so einfach mit dem Vornamen. Mein Großvater war italienischer Herkunft und hieß Antonio. Meine Eltern wollten mich eigentlich Antoine nennen – aber französische Vornamen waren von den deutschen Besatzern verboten. Also wurde aus mir ein Anton. Eine ganze Generation von Luxemburgern hatte lange Zeit das Problem, mit zwangsweise eingedeutschten Vornamen leben zu müssen. Mittlerweile steht in meinem Pass Antoine. Aber im offiziellen Melderegister bin ich immer noch Anton. Das hat mal zu Problemen geführt, als für eine USA-Reise meine Identität überprüft wurde und man feststellte, dass es einen Antoine Tintinger nicht gab. Wie auch immer: Ich bin ja sowieso immer Tony genannt worden.
In Differdingen redete man, wie ich sehr viel später erfuhr, schon bald nach der Niederkunft meiner Mutter über mich. Ich hatte nämlich schon bei der Geburt vier weit ausgebildete Zähne, zwei oben und zwei unten. Das ist extrem selten, aber so war es. Wenn ich im Kinderwagen herumgefahren wurde, geschah es öfter, dass meine Mutter neugierigen Bekannten und Nachbarn meine Zähnchen zeigen musste. Eugène Meunier, später Flügeladjutant des Großherzogs Jean, gehörte zu jenen, die es kaum glauben konnten. Er war Stammgast im Waldhaff-Restaurant bei Anita Lamarr – und erzählte gerne von dem „medizinischen Wunder“, das ihm meine Mutter damals gezeigt habe.
Differdingen liegt im Süden des Großherzogtums direkt an der Grenze zu Frankreich – ein Ort von Eisenerz und Stahl, die damals den Reichtum des Landes ausmachten, den einfachen Arbeitern aber nur ein eher bescheidenes Auskommen ermöglichten. Ein Ort, dem man auch heute noch manche Wunden ansieht, die die Schwerindustrie dort im Laufe der Jahrzehnte geschlagen hat.
Den industriellen Aufschwung hat die Region um Differdingen und Esch-sur-Alzette dem Minette-Eisenerz zu verdanken, das dort in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entdeckt und in den benachbarten Hütten verarbeitet wurde. Und mein Großvater war Steiger im Eisenerzbergwerk von Rumelange (Rümelingen). Eines Tages gab es ein Unglück, bei dem viele Bergleute verschüttet wurden. Unglücke passierten immer wieder – seit 1845 sind in den luxemburgischen Erzgruben ja rund 1500 Menschen ums Leben gekommen, der jüngste übrigens im Alter von 13 Jahren. Mein Großvater ist nachts, weil er sich als Steiger verantwortlich fühlte, in die Grube gegangen, um die verschütteten Kumpel zu suchen. Er wurde selbst verschüttet und kam nie wieder zurück.
So wurde mein Vater im Alter von vier Jahren zum Waisenkind. Meine Großmutter hatte mehrere Kinder und war plötzlich ziemlich alleine auf der Welt. Also beschloss sie, einen Milchhandel aufzumachen, um die Kinder zu ernähren. Denn in Differdingen war eine Milchtour zu vergeben. Das war für meine Großmutter Grund genug, nach Differdingen zu ziehen. Deswegen wuchs mein Vater dort auf, ich auch. In der Zeit der großen Wirtschaftskrise hatte mein Vater eine schlechte Arbeit. Er ist jeden Tag von Differdingen bis nach La Sauvage arbeiten gegangen. Und das ist wörtlich zu nehmen. Das waren täglich morgens und abends etwa sieben Kilometer zu Fuß, bei jedem Wetter. Er hatte dort eine Arbeit als Baggerführer gefunden. Das war noch ein Dampfbagger, der mit Kohle angeheizt werden musste. Mein Vater ging immer schon in der Nacht los. Denn er musste mit dem Beheizen des Dampfkessels eine Stunde vor dem Eintreffen der Arbeiter beginnen. Die kamen um sechs Uhr, um die Züge zu beladen. Es war sehr hart für meinen Vater, aber er ernährte damit die Familie.
Schon vor dem Krieg hatte er sich um eine Stelle bei der Luxemburger Gendarmerie beworben. Die hatte Kandidaten gesucht. Er wurde aber nicht eingestellt, weil er zwei Zentimeter zu klein war. Und als dann der Krieg hier im Gange war, da kamen plötzlich die Deutschen auf meinen Vater zu. Er habe sich doch damals zur Gendarmerie gemeldet – und jetzt wollten sie ihn einstellen.
Mein Vater wollte das natürlich nicht. Schließlich waren die Umstände völlig andere. Er probierte es auch mit Ausreden und sagte: „Das habe ich damals nur getan, weil ich keine gute Arbeit hatte, inzwischen ist es aber besser.“ Die Deutschen ließen aber nicht nach und bedrängten ihn weiter, bis er schließlich akzeptierte, in eine deutsche Polizeischule zu gehen. Das war 1944. Als ich geboren wurde, war er schon bei der Gendarmerie.
Anfangs wurden die Polizeianwärter noch ein oder zwei Monate in einer Luxemburger Kaserne ausgebildet. Mein Vater hat mir immer wieder gesagt, wie er sich gesträubt hatte, das Hakenkreuz an der Uniform zu tragen. Er redete deswegen mit seinem besten Freund, der Polizeikommissar in Differdingen war. Den fragte er um Rat. Und sein Freund sagte: „Mach dir keine Gedanken. Es wird nicht lange dauern, dann muss ich auch die deutsche Uniform anziehen. Das ist nicht unehrenhaft.“
Nach der Ausbildung kam er als Gendarm wieder nach Luxemburg zurück. Und seine erste Dienststelle war Junglinster. Meine Mutter wohnte noch in Differdingen. Deswegen wohnte er beim Bürgermeister von Junglinster in Kost und Logis. Der Bürgermeister gehörte zum Widerstand. Er hatte einen Sender oben im Haus versteckt. Und das traf sich gut. Denn mein Vater hörte natürlich als Polizist in deutscher Uniform eine Menge über das, was die Deutschen gegen die Luxemburger planten. Darüber sprach er mit dem Bürgermeister und hielt ihn auf dem Laufenden über das, was er von den Deutschen erfuhr.
Am 20. Juli 1944 wurde der Ortsgruppenleiter der nationalsozialistischen „Volksdeutschen Bewegung“ in Junglinster von einem Widerständler erschossen. Die Deutschen antworteten mit furchtbarer Vergeltung: Sie erschossen zehn luxemburgische Männer. Außerdem wuchsen die deutschen Zweifel an der Loyalität der luxemburgischen Gendarmen. Diese galten plötzlich als gefährlich, zumindest aber als unzuverlässig. Mein Vater wurde nach Braunschweig versetzt.
Dort habe ich im April 1945 auch das Kriegsende erlebt. Mein Vater war in der Nähe von Braunschweig eingesetzt, wo ein britischer Soldat in einen Hinterhalt geraten und von Deutschen erschossen worden war. Die Engländer suchten Vergeltung und nahmen eine Reihe von jungen deutschen Männern fest, die standrechtlich erschossen werden sollten. Mein Vater hatte seine deutsche Polizeiuniform schon ausgezogen und sah sich auf der Gendarmerie plötzlich einem englischen Unteroffizier gegenüber, der ihn abführen wollte.
Mein Vater sprach kein Englisch. Er hatte keinen luxemburgischen Ausweis mehr, konnte sich also nicht als Luxemburger ausweisen. Aber er hatte das Sparbuch der Luxemburger Sparkasse mitgenommen. Das war seine Lebensrettung, denn dieses Sparbuch sah wie ein Pass aus: Auf der ersten Seite prangten der Luxemburger Löwe, die Umrisse Luxemburgs und die Farben rot-weiß-blau. Der Engländer sah sich das unschlüssig an, ging zu einem Offizier und dieser war der Auffassung, dass es sich hier wohl um einen Franzosen handele. So entging mein Vater möglicherweise seiner Verhaftung oder gar Erschießung. Meine Mutter und ich kamen mit englischen Transporten über Brüssel nach Luxemburg zurück.
Dann fing für meine Eltern eine böse Zeit an. Weil er eine deutsche Uniform getragen hatte, wurde mein Vater erst einmal von den Luxemburgern interniert. Er wurde als Waldarbeiter in Diekirch eingesetzt. Meine Mutter hatte kein geregeltes Einkommen mehr. Sie hielt sich aber über Wasser, weil sie eine perfekte Näherin und auch eine Spezialistin für Pelzarbeiten und Wildleder war. Sie litt sehr darunter, dass es so lange dauerte, bis die Luxemburger ihre eigenen Häftlinge endlich vor einen Richter führten.
Die Gefangenen wurden in Luxemburg auf der Place d’Armes im Cercle Municipal vorgeführt. Die Stimmung war aufgeheizt. Mein Vater berichtete immer, als er mit den anderen Häftlingen in das Gebäude geführt wurde, seien sie noch mit Stöcken geschlagen und „richtig gut geprügelt“ worden. Er habe blutend und verletzt vor seinen Richtern gestanden – die freilich nicht wirklich ein ordentliches Gericht darstellten, weil sie vor allem aus früheren Angehörigen der Widerstandsbewegung bestanden. Die Angeklagten wurden vom schaulustigen Mob bespuckt. Und mein Vater sagte, er wisse immer noch, wer ihn da angespuckt habe.
Dann wurde er aufgerufen. Die Richter fragten, ob jemand Jean Tintinger kenne und etwas gegen ihn vorzubringen habe. Da erhob sich im Saal ein Mann, rief „Ja, den kenne ich“ und ging nach vorne an den Richtertisch. „Ich bin der Bürgermeister von Junglinster“, sagte er. „Und diesen Mann hier“ – er zeigte auf meinen Vater – „den nehme ich sofort mit. Der hat hier nichts zu suchen.“
Der Bürgermeister war im Widerstand bekannt, deswegen hatte sein Wort Gewicht: „Jean Tintinger hat mir so sehr geholfen wie er es in seiner Position nur konnte. Dieser Mann muss sofort freikommen.“ Und so geschah es: Mein Vater verließ den Cercle Municipal als freier, rehabilitierter Mann. Vielleicht ist das Schicksal: Wäre der Bürgermeister von Junglinster nicht gekommen, weil er davon gehört hatte, dass mein Vater der Kollaboration beschuldigt wurde, so hätte Jean Tintinger möglicherweise mehrere Jahre in einem Luxemburger Gefängnis verbracht.
Als mein Vater heimkam, hatten wir zwar eine Wohnung, aber auch Probleme. Andere Leute lebten in der Wohnung. Die mussten natürlich erst einmal ausziehen. Und die Möbel waren geklaut worden, weil wir ja weg waren. Die Eltern mussten wieder neu anfangen. Meine Mutter nähte weiter. Mein Vater ging dann zum Stahlwerk in Differdingen, das damals zur HADIR gehörte. Er wurde dort sofort eingestellt – als Facharbeiter beim Hochofen für die Gasregulierung.
Ich erinnere mich nur ungerne an meine Kindheit. Vor allem deswegen, weil meine Mutter Mitglied der Neuapostolischen Kirche war und auch mein Vater um des lieben Friedens willen dieser Vereinigung angehörte. Meine Eltern lebten also in der ständigen Erwartung der Wiederkunft Christi in der allernächsten Zukunft. Und dementsprechend gottgefällig wollten sie sich verhalten. Diese Kirche machte mir als Kind das Leben schwer, sehr schwer.
Mit sechs Jahren musste ich Musikunterricht nehmen und Geige lernen, um bei Gottesdiensten und anderen Gelegenheiten zu spielen. Mein Eindruck war, dass hier alles verboten war, was mit Freude und Vergnügen zu tun haben könnte. Keine Kirmes, kein Kino, kein Fest, nicht mit den Kindern spielen. Immer hieß es: Das darf man nicht, das darf man nicht, das darf man nicht.
Sonntags bestand meine Mutter auf zwei Kirchgängen. Das bedeutete, jeweils sechs Kilometer zu gehen, hin und zurück. Montags war Gesangprobe, mittwochs Kirchentag, freitags nochmals Gesangprobe, samstags Kinderunterricht und sonntags nochmal Kinderunterricht zwischen den Gottesdiensten. Und am Mittwoch und am Samstag musste ich auch noch in die Musikschule nach Esch fahren. Mein Leben bestand aus Schule, Kirche und Musik. Das war alles.
Ich war etwa acht Jahre alt, als meine Mutter sich allmählich mit einem kleinen Textilladen selbstständig machte. Meine Eltern plagten sich sehr, um irgendwie Geld zu verdienen. Anfangs hatten sie noch kein Auto, sondern fuhren mit Bussen und ihren Koffern und dem ganzen Kram auf den großen monatlichen Markt. Dann konnten sich meine Eltern das erste Auto kaufen. Ich musste an schulfreien Tagen mit zum Markt, um darauf zu achten, dass niemand etwas klaute. Markt bedeutete für mich immer sehr frühes Aufstehen, denn der Stand musste in aller Frühe aufgebaut werden. Ich musste aufpassen, dass niemand etwas klaute.
Das war die Zeit, als die Frauen bei der Hausarbeit noch Schürzen trugen. Meine Mutter hat tonnenweise Schürzen verkauft, Pyjamas und unglaublich viele Hemden für Männer. Es gab auch Damenkleider und Herrenhosen. Erst etwas später wurde mir klar, dass meine Eltern auch mein Leben so gestalten wollten, dass ich später möglichst nahtlos ihr Textilgeschäft übernehmen könnte.
Das war wirklich eine ganz freudlose Zeit. Denn zwischen meinen Eltern herrschte ein Zustand ständiger Hochspannung. Mein Vater arbeitete noch am Hochofen, am Wochenende und an freien Tagen ging er mit auf den Markt. Mutter und Vater standen am Rande der eigenen Kraft. Sie zankten sich immer öfter. Und ich musste miterleben, wie sie sich stritten.
Es kam so weit, dass ich jedes Mal, wenn mein Vater von der Arbeit kam, Todesangst hatte. Denn ich habe jeden Tag Prügel bekommen. Meine Mutter hat ihre Wut an mir ausgelassen. Mein Vater auch. Ich denke, dass ich in der Woche sechs Mal verprügelt worden bin. Hauptsächlich von meinem Vater. Der hat immer den Ledergürtel aus der Hose gezogen und damit zugeschlagen.
Wenn ich mich entfernen oder verstecken konnte vor meinen Eltern, dann habe ich es gemacht. Nachts habe ich nicht ruhig geschlafen. Mein Vater ist manchmal spätabends nach Hause gekommen, wenn ich schon im Bett lag. Dann hat meine Mutter ihm irgendetwas über mich erzählt. Und er hat wieder den Gürtel genommen, hat mich aufgedeckt im Bett und ich habe Prügel bekommen.
Ich habe oft versucht, das zu verstehen. Vielleicht lag es daran, dass ich nicht der geliebte Sohn war. Der andere musste sterben, damit ich überhaupt auf die Welt kam. „Wenn Tony nicht gestorben wäre, dann wärst du nicht da“ – in diesem Ton hat meine Mutter öfter mit mir gesprochen. Ich will niemanden schockieren, sondern nur ganz ehrlich sein: Ich habe meine Mutter nie geliebt. Als sie 1986 starb, konnte ich keine Träne weinen. Meine Kindheit war wirklich nicht schön.
Die Atmosphäre daheim war schwer zu ertragen. Da herrschte eine Eiseskälte mit einer strengen Mutter, die nur ihren Glauben und ihr Geschäft im Kopf hatte. Zugleich lag diese ständige Spannung in der Luft, weil die Eltern es durch den Stress auch miteinander kaum aushalten konnten. Und ich hatte diese ständige Angst: Denn mit diesen Regeln, die es überall und für alles gab, konnte niemand leben, ohne nicht immer wieder irgendetwas falsch zu machen. Es wird niemanden verwundern, dass ich ein schlechter Schüler war.
Ich musste sehr oft abends hungrig ins Bett gehen - als Strafe. Ich habe im obersten Stock geschlafen, unter dem Dach in einer Mansarde. Da gab es noch eine Mieterin, eine ältere Frau. Und wenn ich verprügelt und ohne zu essen ins Bett geschickt wurde, kam diese Frau auf Zehenspitzen, klopfte an meine Tür und gab mir ein doppeltes Butterbrot mit Wurst oder irgendetwas drauf. Weil sie Mitleid hatte. Und das war sehr oft. Ich habe diese Frau mehr geliebt als meine Mutter.
Wichtig war, dass diese Frau Anteil an meinem Schicksal nahm. Sie musste mich, um ehrlich zu sein, nicht vor dem Verhungern retten. Denn in meinem Zimmer stand ein ziemlich großer Schrank, der mit Lebensmittelkonserven gefüllt war. Meine Mutter kaufte einmal im Monat bei einem anderen Glaubensbruder, der einen Lebensmittelhandel hatte, Riesenmengen Konserven ein. Und wenn ich ohne Essen ins Zimmer geschickt wurde, wusste ich, dass ich hinter einem Fuß des Schrankes einen sehr kleinen, aber durchaus gut funktionierenden amerikanischen Büchsenöffner versteckt hatte.
Meist machte ich mir eine Büchse Pfirsich, Thunfisch oder Sardinen auf. Natürlich konnte ich die Büchse dann nicht in meinem Zimmer entsorgen. Also warf ich sie aus dem Zimmer in Nachbars Garten. Der Nachbar war vermutlich nicht sehr begeistert darüber und warf sie, wenn er sie fand, meist wieder über den Zaun zu uns. Wenn das geschah, musste ich dafür sorgen, dass ich die Büchse zu fassen bekam, bevor sie meiner Mutter in die Hände fiel: Ich habe sie dann gerne lässig mit dem Fuß die Straße hinunter gespielt.
Das Fenster meines Zimmers war wie eine große Dachluke. Sehr oft bin ich im Schlafanzug hinausgeklettert, habe mich aufs Dach gesetzt und in die Gegend geschaut. Ich achtete immer darauf, nicht abzurutschen – und spielte doch mehrfach mit dem Gedanken, meinem Leben ein Ende zu setzen. Unten war ein Garten. Aber an einer Stelle war ein Betondach von 2 mal 2 Metern Größe unter mir. Oft habe ich mir vorgestellt, mich dort kopfüber fallen zu lassen. Manchmal überlegte ich auch, mich von einer hohen Eisenbahnbrücke in Oberkorn zu stürzen.
Alles war so hässlich. Ich hielt es einfach nicht aus. Ich fühlte mich überflüssig und unerwünscht auf der Welt, ich fühlte mich als Opfer sinnloser Peinigung. Gottseidank habe ich diese düsteren Gedanken nie in die Tat umgesetzt. Vielleicht auch deswegen, weil mir stets der richtige Mut fehlte. Weil ich mir auch immer wieder sagte: Du gehst in die Welt, irgendwann. Du haust ab, so schnell wie nur möglich.
Wenn ich abends auf dem Dach saß, konnte ich häufig meine Freunde sehen, die etwa 300 oder 400 Meter entfernt bei einem kleinen Lagerfeuer saßen. Dann habe ich mich gerne gegen 21 Uhr über die Treppe und durch den Keller hinausgeschlichen, um erst gegen 23 Uhr zurückzukommen. Wenn am nächsten Tag eine der Mütter zu meiner Mutter sagte „Die Buben haben sich ja gestern wieder gut amüsiert beim Lagerfeuer, Ihr Bub war ja auch dabei“, dann antwortete meine Mutter immer aus tiefer Überzeugung: „Nein, das kann nicht sein, der lag schon im Bett.“
Wir gingen gerne auf den Schrottplatz, auf dem sich ganz natürlich und selbstverständlich die Hinterlassenschaft des Krieges in Form von Stahl und Eisen ansammelte. Wir verfügten über jede Menge Helme und Waffen. Die etwas Älteren kannten sich mit dem Kriegsgerät bestens aus. Wir haben verschiedene verschrottete Waffen wieder zusammengesetzt und hatten dann Maschinengewehre und sogar eine Vierlingsflak einschließlich eines noch funktionstüchtigen 2-Zentimeter-Geschosses. Munition gab es überall, wie Sand am Meer, vor allem in den alten Bunkern.
Ich hatte auch im Keller wenigstens noch zehn oder zwölf scharfe Handgranaten. Die Älteren haben uns im Wald gezeigt, wie man Handgranaten werfen musste. Die sind dann wunderbar explodiert. Diese gefährliche Spielerei nahm allerdings ein rasches Ende, als ein Unfall passierte. Bei Schießübungen ging ein Schuss los und traf einen Jungen. Die Polizei kam und in den Schulen begannen Aufklärungsaktionen – bei denen wir lernten, dass unser Flakgeschoss nur aus Zufall bei unseren Spielen nicht explodiert war.
In der Musikschule erzählte mein guter Freund Lucien Lauer, dass seine Großmutter eine richtige Pistole im Nachttisch liegen habe. Das war die Pistole seines Vaters, der im Widerstand war und von den Deutschen erschossen wurde, als die Luxemburger aus den Verstecken kamen. Ich bat ihn, mir diese Pistole einmal zu zeigen. Als der Musikunterricht begann und der Lehrer ein Lied anstimmte, saßen Lucien und ich ganz hinten. Er nahm die Pistole aus dem Ranzen unter der Bank, um sie mir zu zeigen. Dabei kam er mit dem Finger an den Abzug. Ein Schuss löste sich.
Die Kugel traf den vor uns sitzenden Schüler im Gesäß und trat am Bauch wieder aus, um dann unter der Decke des Klassenzimmers einzuschlagen. Der Junge brach zusammen. Es gab eine Riesenaufregung. Schließlich merkten wir, dass der Junge nicht sterben würde: Glücklicherweise hatte die Kugel, wie sich später herausstellen sollte, keine lebenswichtigen Organe verletzt. Nach ein paar Monaten kam der Junge wieder in die Klasse und wir haben uns sehr kleinlaut entschuldigt. Jahre später noch hat er in der Escher Musikkapelle gespielt. Und Lucien Lauer ist nichts passiert: Sein Vater war von den Deutschen erschossen worden, er war ein Waisenkind und wurde von der Oma erzogen – das waren genug mildernde Umstände.
Jahre später bin ich noch einmal in dieser Musikschule gewesen. Und ein Lehrer, der auch damals in der Schule war, machte mich darauf aufmerksam: Das Einschussloch unter Decke war immer noch da. Man habe, wann immer der Klassenraum angestrichen wurde, darauf geachtet, dass das Loch nicht verputzt wurde. Als Erinnerung an diese Geschichte sozusagen.
Richtig schön war es, wenn meine Mutter auf dem Markt war, während ich Schule hatte. Dann bin ich mittags - wir hatten Unterricht von 8 bis 12 und von 14 bis 16 Uhr - zwischen den Schulstunden nach Hause gegangen und habe mir etwas gekocht. Da war ich neun Jahre alt und in meiner Klasse war ein Junge aus einer Familie mit 13 oder 14 Kindern. Der wohnte nicht weit weg von uns, nur sieben Minuten von der Schule entfernt. Josy kam immer gerne mit mir.
Dann haben wir uns zuhause Fritten gekocht und die haben wir gegessen. Wir schälten selbst die Kartoffeln und ich machte auf dem Gasherd Frittenfett heiß. Heute würde man sicherlich alle Kinder warnen, das zu tun, weil es sehr gefährlich sein kann. Manchmal habe ich auch Spaghetti gemacht, mit ein bisschen Butter drauf. Das waren natürlich ganz einfache Sachen. Und dann gingen wir wieder zur Schule zurück. Das hat meine Mutter auch zugelassen, da gab es keinen Ärger. Denn die Familie meines Freundes war sehr arm, dort gab es zuhause nicht viel zu essen. Bei uns aber hat es am Essen nicht gefehlt.
Es machte mir unglaublichen Spaß, alleine im Haus zu sein - ohne die Mutter - und zu kochen und diesen Freund einzuladen. Das waren für mich die allerschönsten Momente, an die ich mich in meiner Kindheit erinnern kann.
Der Bruder meines Vaters hatte in der französischen Armee und im Maquis gegen die Deutschen gekämpft. Und deswegen bekam er nach dem Krieg sofort eine Stellung als Tramfahrer. Er fuhr mit der Tram von Esch-sur-Alzette nach Rodange und aß manchmal bei uns. Dann ließ er die Straßenbahn vor der Tür auf der Straße stehen. Wann immer ich konnte, fuhr ich mit ihm von einer Haltestelle zur anderen. Natürlich wusste ich, wie die Straßenbahn funktionierte.
Ich war zehn Jahre alt, als mir das bloße Mitfahren zu langweilig wurde. Ich wusste, dass mein Onkel von 12 bis 13 Uhr Pause machte. Also löste ich das Seil, mit dem Stromabnehmer vom Fahrdraht ferngehalten wurde, lockerte die Bremse und legte einen Hebel um. Dann fuhr ich ganz alleine bis zur nächsten Station. Es war wirklich sehr einfach, eigentlich gar nicht der Rede wert. Ich war sehr stolz auf mich. Aber natürlich habe ich dafür wieder eine dicke Strafe bekommen.
Das hat mich aber von anderen Experimenten mit der Bahn nicht abgehalten. Unsere Straße war etwas abschüssig. Wir spielten daher auch mit schweren Stahlkugeln, die zu irgendwelchen Kugellagern gehörten und immer reichlich irgendwo herumlagen. Wir legten jeweils eine Kugel in eines der beiden Trambahngleise und ließen sie dann hinunterrollen. Der, dessen Kugel am schnellsten war, hatte gewonnen. Eines Tages war meine Kugel sehr schnell. Unglücklicherweise erschien plötzlich in der Kurve die Trambahn: Sie entgleiste und kippte gegen die Fassade eines Hauses. Wir liefen schnell weg. Und niemand hat mich je verraten.
Jeden Mittwoch und Samstag musste ich in die Musikschule. Ich hatte einen sehr guten Lehrer und spielte bald ziemlich gut Geige. Leider wurde Professor Massard eines Tages krank und ich bekam eine Ersatzlehrerin. Frau Pleimling war betrüblicherweise ganz anders ihr Vorgänger: Sehr unangenehm, sehr streng. Meine Freude am Geigenspielen ließ rapide nach. Aber wieder einmal hatte ich eine gute Idee. Ich ließ meine Geige in der Straßenbahn liegen und war überzeugt: Jetzt ist sie weg. Die nimmt ein anderer mit und du musst in deinem ganzen Leben nie mehr Geige spielen.
Doch am nächsten Tag war die Geige wieder da. Mein Onkel hatte sie mitgebracht. Irgendein ehrlicher Luxemburger hatte sie dem Trambahnfahrer mit den Worten „Hier hat jemand seine Geige vergessen“ gegeben. Und mein Onkel hatte rasch erkannt, dass es sich um mein Instrument handelte.
Eigentlich hätte ich gerne Posaune oder Trompete gelernt. Das durfte ich selbstverständlich nicht, weil diese Instrumente – die kirchenmusikalisch eigentlich durchaus von größerer Bedeutung sind - bei uns in der Kirchengemeinde jedenfalls nicht gespielt wurden. Meine freie Wahl beschränkte sich auf Harmonium, Geige oder Bassgeige: Dafür gab es in der Kirche meiner Mutter Bedarf. Ich habe also Geige gelernt, geübt und in der Kirche gespielt – Spaß hat es mir nicht gemacht.
Ich durfte in meiner Jugend nie etwas anderes machen als das, was mir aufgezwungen wurde, meist mit Hinweis auf die Bibel. Ich durfte nicht zu den Pfadfindern. Ich durfte eigentlich nicht einmal daran denken, Fernsehen zu schauen. Der Laden neben unserem Haus hatte einen Fernseher im Schaufenster. Ich wurde angehalten, auf keinen Fall hinzuschauen.
Als ich zwölf Jahre alt war, geschah völlig unerwartet etwas ganz Wunderbares. Meine Eltern kamen zu der Erkenntnis, dass sie eigentlich überhaupt keine Zeit hatten, sich um mich zu kümmern. Und sie meinten auch, es müsse endlich etwas geschehen, um aus mir, dem schlechten Schüler, einen fleißigen und guten Schüler zu machen. Ich wurde in ein Internat in Izel an der Semois in den belgischen Ardennen geschickt. Das Beste an dem Internat war, dass es etwa 60 Kilometer von Differdingen entfernt war.
Das war die Befreiung. Im Internat begann für mich die schönste Zeit meiner Jugend. Ich war von Zuhause weg, ich bekam keine Prügel mehr, ich hatte gute Freunde. Alle 14 Tage durften die Schüler nach Hause fahren. Das war eine Möglichkeit, von der ich meinen Eltern nichts erzählte. Und von der ich etwa zwei Mal im Jahr Gebrauch machte, notgedrungen. Und nur dann, wenn meine Eltern irgendwann einmal im Internat anriefen und sich erkundigten, warum der Sohn eigentlich nicht nach Hause komme. Wenn sie dann hörten, dass ich am nächsten Wochenende frei hatte, kamen sie mich abholen. Davor grauste mir. Das konnte ich nicht verhindern, aber es geschah sehr selten.
Ich muss zugeben: Bei diesen wenigen Besuchen war es auch nicht mehr ganz so schlimm wie vorher. Meine Eltern schienen sich durchaus darüber zu freuen, dass ich da war. Aber Druck gab es noch immer, an der Kirche führte nach wie vor kein Weg vorbei. Und die Spannung und Gereiztheit zwischen den Eltern war auch noch dieselbe. Ich war jedenfalls immer froh, wenn ich wieder in das Internat zurückfahren durfte. Wenn wir an Wochenenden von Samstagnachmittag bis Montagmorgen frei hatten, fand ich immer einen Freund, der mich mit zu sich nach Hause nahm.
In der Schule war ich glücklich. Und ich habe sehr viel gelernt. Es war eine gute Schule. In einigen Fächern war ich sogar richtig gut: Niederländisch war ein Pflichtfach - und weil ich Deutsch gelernt hatte, tat ich mich mit der Sprache leicht und wurde zum Klassenbesten. Leider durfte ich nur zwei Jahre im Internat bleiben.
Dann war ich 14 und musste eine Lehre antreten. Wie ich befürchtet hatte: Meine Eltern entschieden, dass die Textilbranche auch meine berufliche Zukunft werden sollte. Ich bekam also im besten Herrenausstattergeschäft von Camille Risch in Esch eine Lehrstelle. Das war durchaus angenehm. Ich habe da viel über Stoffe gelernt, ich habe eingeräumt, ausgeräumt und verkauft.
Risch hatte eine sehr gute Kundschaft. Bekannte Politiker kleideten sich bei ihm ein. Noch aufregender fand ich, dass auch große Sportler kamen. Charly Gaul etwa, der 1958 auf dem Höhepunkt seiner Karriere stand, als er die Tour de France gewann. Und dieser unfassbar prominente Luxemburger, der übrigens ein Jahr später auch noch den Giro d’Italia gewann, lud mich ein, als Treiber bei einer Jagd zu helfen. Noch erstaunlicher war eigentlich, dass meine Eltern mir das erlaubten.
Meine Berufsschulzeit in Esch ist vor allem deswegen bemerkenswert, weil sie damit endete, dass ich meinen Lehrer verprügelte. In dieser Schule wurde viel geschlagen. Erstens vom Direktor persönlich. Der wurde wegen seiner Hängebacken Baakentunn genannt und stand immer am Eingang des Schulgebäudes. Am liebsten verprügelte er die angehenden Friseusen. Er beobachtete die Schüler und vor allem die Schülerinnen in der Pause und fand immer einen Grund zur Bestrafung. Backpfeifen waren das meist, manchmal auch Fausthiebe. Und je schöner die Mädchen waren, desto mehr bekamen sie ab.
Zweitens prügelte aber auch der Französischlehrer meiner Klasse. Die bestand aus zwei Jungs und etwa 30 Mädchen. Ich saß ganz vorne am Eingang in der ersten Bank. Und jedes Mal, wenn er in die lärmende Klasse kam, dann schlug er mich. Denn die anderen sind dann erschrocken und es herrschte immer Ruhe, während ich mich von den Schlägen zu erholen versuchte. In mir staute sich ohnmächtige Wut auf. Und eines Tages beschloss ich: „Wenn der nicht aufhört, dich zu schlagen, dann schlägst du mal zurück.“
Es kam, wie es kommen musste. Er betrat die Klasse und schlug mich. Nun stand ich erstmals auf und sagte: „Das war jetzt das letzte Mal, dass du mich geschlagen hast. Jetzt kriegst es wieder.“ Ich war damals sehr flink, ich hatte meine ersten Judo-Erfahrungen gemacht, ich war total durchtrainiert. Ich habe dem Lehrer die Hand auf die Nase gesetzt und draufgeschlagen. Die Nase war sofort gebrochen. Wir sind dann zweimal in der Klasse rumgetobt, wobei ich ihn kräftig geschlagen habe und auch er mich am Mund traf. Dann stürzten die Lehrer von nebenan in die Klasse, um ihrem Kollegen zu helfen. Zu mir waren sie relativ nett, weil sie mich eigentlich als anständigen Schüler kannten.
Ich rannte in Richtung des Direktors, der drei Klassen weiter saß. Seine Sekretärin war eine Schulfreundin meiner Mutter. Ich rief, ich müsse zum Direktor, weil ich den Lehrer verprügelt hätte. Daraufhin wollte der Direktor mich schlagen. Ich muss ziemlich entschlossen geklungen haben, als ich voller Wut sagte: „Jetzt habe ich schon viel verteilt. Aber ich fliege hier sowieso raus. Jetzt kriegst du auch noch was auf die Fresse, so viel wie du willst.“ Jedenfalls hob der Schuldirektor erschrocken oder beeindruckt die Hände, zog sich zurück und schickte mich heim. Dann rief er meinen Vater an und bestellte uns für den nächsten Tag in sein Büro.
Ich war überrascht, dass mein Vater den Zwischenfall mit Fassung aufnahm. Ich hatte gedacht, er würde zuschlagen. Aber er sagte: „Was hast du nur gemacht.“ Aus der Schule bin ich rausgeflogen. Danach besuchte ich die Berufsschule in Luxemburg. Als erstes fragte der dortige Direktor natürlich, wie das alles passiert ist. Ich habe geschildert, dass ich immer geschlagen wurde. Der Direktor in Luxemburg wusste das auch, er kannte die tyrannische Ader seines Kollegen in Esch. In Luxemburg-Stadt hatte ich nie irgendwelche Probleme: Dort wurde niemand geschlagen.
Als die Lehre beendet war, war für mich vor allem wichtig, dass sich meine weitere berufliche Karriere auf keinen Fall daheim abspielte. Also bewarb ich mich um eine Art einjähriges Volontariat bei einem Herrenausstatter in Frankfurt. Ich ging mit einem Freund zusammen, dessen Vater ein großes Lebensmittelgeschäft in Differdingen hatte. Dieser Freund kam von einer Lehre in einem amerikanischen Supermarkt zurück. Wir tricksten gemeinsam ein bisschen, damit unsere Eltern uns nach Frankfurt gehen ließen.
Uns stand die Welt offen. Er war 17, ich war noch jünger. Und rein theoretisch hätte uns wohl in Frankfurt irgendjemand beaufsichtigen müssen. Wir beschlossen also, auf eine polizeiliche Anmeldung in Frankfurt zu verzichten und genossen die Vorstellung, illegal in dieser großen Stadt zu sein. In Frankfurt stießen wir auf einen Medizinstudenten aus Berlin. Und gemeinsam begegneten wir einem ausgebombten Kriegsversehrten, der eine Wohnung hatte, die er eigentlich gar nicht vermieten durfte, schon gar nicht an Minderjährige. Da traf es sich gut, dass es meinen Freund und mich eigentlich gar nicht in Frankfurt gab. Im Gegenzug zu einem sehr günstigen Mietpreis versprachen wir gerne, dass wir uns für den Fall einer Kontrolle als Verwandte unseres Vermieters ausgeben würden.
An meinem ersten Sonntag in Frankfurt klingelte es morgens um 9 Uhr an der Tür. Da standen vier Mädchen von der Neuapostolischen Kirche, um mich abzuholen und mit mir in die Kirche zu gehen. Meine Mutter hatte das organisiert. Als ich sagte, dass ich nicht mitkommen würde, sagten sie, dass sie dann am nächsten Sonntag wiederkämen. Ich machte klar: „Ihr braucht überhaupt nicht zu kommen, ich gehe nicht in die Kirche.“
Meine Mutter hat das natürlich sofort erfahren, aber sie konnte in Frankfurt nichts ausrichten. Danach bin ich nicht mehr in die Kirche gegangen. Meiner Mutter hat das natürlich nicht gefallen, denn sie war zutiefst überzeugt, dass man für ein gottgefälliges Leben Opfer bringen müsse. Sie hat ihr ganzes Geld der Kirche gegeben. Mein Vater sagte immer, falls man aus den drei neuapostolischen Kirchen in Luxemburg jene Steine herauszöge, die meine Mutter bezahlt hatte, würden die Kirchen sofort umfallen.
Frankfurt war wunderbar. Das wenige Geld, das ich von Zuhause bekam, reichte nur für Miete und Essen. Morgens ging ich in die Berufsschule, danach in der Kantine essen und mittags war ich im Laden. Abends ging ich entweder arbeiten oder wir haben uns amüsiert.
Ich habe mich damals überall als Student ausgegeben, um Geld zu verdienen. Ein erster Versuch endete nicht gut. Es gab in Frankfurt ein bayerisches Bierlokal in der Kaiserstraße namens Maier-Gustl. Und weil dies die Zeit von Chubby Checker war, der mit „Let’s twist again!“ für eine neue Beweglichkeit der jungen Leute sorgte, gab es im Maier-Gustl nicht mehr nur Blasmusik, sondern auch Twistwettbewerbe. Eine Bekannte von uns war dort Twistkönigin geworden. Sie war sich ganz sicher, dass Maier-Gustl uns dringend brauchte, um Teller zu spülen. Denn dort verzehrte man vor allem Frikadellen, Bockwurst oder Bratwurst – das kann man ohne Senf nicht essen. Und Senf muss sorgfältig abgewaschen werden.
Wir schlossen Maier-Gustl sofort ins Herz, weil er drei Mark pro Stunde zahlte und jeden Abend Hunderte von Tellern zu spülen waren. Mein Freund und ich gingen zum Friseur, zogen die besten Anzüge an, weiße Hemden und schicke Krawatten. Die Schuhe wurden sorgfältig poliert. Als wir im Lokal eintrafen, um uns vorzustellen, warteten dort schon sehr viele Studenten, die uns anschauten, als seien wir von einem anderen Stern gefallen. Der Besitzer des Lokals saß am Schreibtisch. Und bevor wir auch nur ein Wort sagen konnten, beschied er uns: „Hallo, ihr beiden da! Ich suche keinen Direktor, ich suche einen Spüler.“ Das war es auch schon. Wir mussten den Rückzug antreten, weil wir einfach zu schick angezogen waren.
Erfolgreicher war meine Karriere als Straßenbahnschaffner. Das brachte sogar 3,50 Mark pro Stunde. Man bekam eine Mütze und eine Ledertasche mit einer sogenannten Münzkassette für das Wechselgeld. Als Trambahnschaffner habe ich viel am Wochenende gearbeitet. Es gab damals Straßenbahnen mit acht Wagen, in denen man kassieren musste. Die Arbeit war einfach: Entweder drückte man einen Stempel in eine Monatskarte oder man verkaufte eine Fahrkarte für 20 Pfennige. Man gab dem Fahrer ein Klingelzeichen, wenn er losfahren durfte. Und dann ging man durch den Wagen und rief „Fahrkarten bitte!“ Natürlich gab es Leute, von denen man genau wusste, dass sie keine Fahrkarte hatten. Das war mir aber ziemlich gleichgültig: Bei mir durften die immer frei fahren.
Die Firma, bei der ich arbeitete, hieß Müller-Wipperfürth. Alfons Müller, der später den Ort seiner ersten Hosenfabrik an seinen Namen anhängte und zu Müller-Wipperfürth wurde, war einer der erfolgreichsten deutschen Unternehmer der Nachkriegszeit. Der „rheinische Hosenkönig“ produzierte Anzüge, webte selbst seine Stoffe und stellte sogar die Knöpfe im eigenen Haus her. In seinen besten Zeiten hatte er mehr als 100 Filialen. Später verpasste er den neuen Trend zur Freizeitkleidung und musste auch deswegen in den 70er-Jahren aufgeben.
In der Frankfurter Filiale war ich beliebt, weil ich gut Französisch und Englisch sprach. Also konnte ich die Kunden gut beraten. Ich arbeitete auch gerne bei Messen und übernahm einmal wöchentlich um drei Uhr morgens die Warenanlieferung – denn das bedeutete Mehrarbeit. Und das wiederum führte zu Freizeit, die ich dann entweder für meinen Straßenbahnjob oder aber für Privates gut gebrauchen konnte.
Natürlich habe ich mich auch bei Kursen und Schulungen weitergebildet. Aber mein Englisch habe ich doch besonders intensiv im Kontakt mit amerikanischen Soldaten perfektioniert. Luxemburger zu sein, war damals in Frankfurt von Vorteil. Denn das erleichterte den Zutritt zu Lokalen und Kellern, von denen Deutsche ausgesperrt blieben.
So kam ich auch in Kontakt mit Elvis Presley, ohne zu wissen, wer er war. Elvis war von 1958 bis 1960 im hessischen Friedberg stationiert, tauchte aber öfter als Gast im Paulanerkeller in der Nähe des Frankfurter Hauptbahnhofs auf. Die Musik kam nur aus der Musicbox. Und da wurde natürlich auch Elvis gespielt. Manchmal, wenn er gut gelaunt war, stellte er sich vor die Musicbox und sang mit.
Unsere amerikanischen Freunde erwiesen sich auch deshalb als sehr wertvoll, weil sie uns den Weg in den zollfreien PX-Shop der US-Besatzungstruppen öffneten. Wir konnten spottbillig amerikanische Zigaretten kaufen, die wir dann unter den Studenten weiterverkauften. Wir brauchten Geld - und amerikanische Zigaretten waren damals fast so gut wie Bargeld.
Danach habe ich noch für einige Monate in Frankfurt bei der Firma Ammerschläger gearbeitet, einem der besten Textilgeschäfte Frankfurts. Aber ich wollte weg. Also bewarb ich mich in Paris bei einer Firma, die Herrenanzüge herstellte. Die suchten jemand, der sich um den Verkauf in Deutschland kümmerte. Ich wurde eingestellt und kaufte mir mein erstes Auto, einen wunderschönen Ford 62 Galaxie Cabrio. Ein Traumauto, weiß mit roten Ledersitzen, das sogar in Paris auffiel. Eigentlich war es vom luxemburgischen Hof bestellt worden – blieb wegen verspäteter Auslieferung aber beim Händler ein Jahr lang stehen. Von dem bekam ich es zum Einkaufspreis von 168 000 Franken – das war fast mein ganzes Geld.
Das Unternehmen stellte französische Anzüge her, die von Pierre Cardin entworfen wurden. Die Besitzer dieser Firma waren Juden. Sie lebten in Israel, sprachen aber nur Deutsch. Für mich bedeutete das, dass ich, wann immer die Besitzer sich in Paris blicken ließen, als Übersetzer gefragt war.
Paris war faszinierend. Vor mir tat sich eine neue Welt auf. Ich erinnere mich an ein Direktionsessen mit Pierre Cardin im Maxim’s in der Rue Royale. Solch ein Lokal hatte ich noch nie gesehen. Ich war überwältigt von diesem erlesenen Jugendstil-Ensemble. Cardin übrigens mochte das Maxim’s so sehr, dass er es 1981 kaufte. Die Besitzer der Anzugsfirma hatten zu diesem Essen nicht nur ihren Designer Cardin, sondern auch noch Brigitte Bardot und deren damaligen Ehemann Jacques Charrier eingeladen.
Ohne Umschweife: Brigitte Bardot war eine sehr schöne, aufregende Frau. Aber ich war als 19-Jähriger noch begeisterter von dem Restaurant. Ich werde diese Szene nie vergessen: Da ging der Maître d‘hôtel vorbei, der einen Degen trug, auf den 12 brennende flambierte Filetsteaks gespießt waren. Großes Kino war das. Und ich war davon so fasziniert, dass ich nur schaute und dann unsanft angestoßen wurde. Brigitte Bardot und die anderen schauten mich erwartungsvoll an und meine Arbeitgeberin zischte: „Übersetz!“
So lebte ich aufregende acht oder neun Monate in Paris. Inzwischen hatte ich eine Freundin. Sie war Vietnamesin und ungewöhnlich schön. Ich lernte sie kennen, als die gerade zu „Miss Radio Télévision Française“ gewählt worden war. Eines Tages bekam ich den Auftrag, zu einem Kunden in Garmisch-Partenkirchen zu reisen. Natürlich wollte ich meine Freundin mitnehmen. Auf dem Weg nach Deutschland machte ich in Luxemburg Station. Selbstverständlich durfte meine Mutter niemals auch nur das Geringste von meiner Freundin erfahren. Also setzte ich die Schöne in einem Hotel in Differdingen ab, um meine Eltern zu besuchen und am nächsten Morgen gemeinsam mit ihr weiter nach Garmisch zu fahren.
Das war der Plan. Nicht geplant war, dass die Frau vom Hotel meine Mutter anrief und ihr erzählte, ihr Sohn habe ja bei ihr diese junge Dame untergebracht. Ob das denn mit der Rechnung auch klargehe. Meine Mutter drehte völlig durch. Sie raste zum Hotel und setzte meine Freundin in den Zug nach Paris.
Zugleich ließ mein Vater mich bei der Armee einsperren. Und das ging so: Ich war für zwei Jahre vom Dienst in der Luxemburger Armee zurückgestellt worden, um in Paris meine Ausbildung fortsetzen zu können. Mein Vater rief einen befreundeten luxemburgischen Offizier an und erklärte ihm, sein Sohn sei gerade dabei, in Paris ins Verderben zu laufen. Er müsse sofort in die Armee eingezogen werden. Dann nahm mein Vater mir die Autoschlüssel weg. Und kurz nach dem Mittagessen klingelte es: Die Tür ging auf, zwei Militärpolizisten traten ein und überreichten mir meinen Gestellungsbefehl. Ich musste am nächsten Morgen in der Kaserne sein, die ich während der Grundausbildung sechs Wochen lang nicht verlassen dürfte. Das haben also meine Eltern mit mir gemacht: Freundin weg, Auto abgenommen, Arbeitsstelle weg und von einer Minute auf die andere zur Armee gezwungen. Ich selbst hatte nichts zu sagen, ich war ja noch nicht volljährig.
Meine Freundin habe ich nie mehr gesehen. Ich hatte nie die Gelegenheit, mich von ihr zu verabschieden. Und ich hatte keine Adresse von ihr, weil sie bei mir lebte. Und bei der Armee war ich von der Außenwelt abgeschnitten – deswegen musste ich ja dorthin. Heute weiß ich, dass wir sicherlich keine Beziehung fürs Leben gehabt hätten. Aber dieses Ende war fast schon traumatisch. Sehr viel später habe ich mich in Paris nach ihr umgehört. Man sagte, sie sei nach Saigon zurückgekehrt.
Als ich zur Armee kam, sagte mir mein Vater: „Von mir kriegst du kein Geld, du hast ja in Paris gut verdient.“ Tatsächlich aber hatte ich mein Auto abbezahlt und war ein paar Mal mit einer Freundin in Deauville und Trouville gewesen. Kurzum: Ich hatte nichts gespart. Ein Wehrpflichtiger bekam damals einen Sold von 18 Franken pro Tag. Das reichte fast für ein Bier und eine Schachtel Zigaretten. Ich hatte nicht einmal genug Geld, um nach der Grundausbildung mit dem Bus von Diekirch nach Differdingen zu fahren. Mein guter Freund, der mit mir in Frankfurt war, hielt als einziger zu mir. In Frankfurt war ich besser bezahlt gewesen als er, jetzt war es genau andersrum. Einmal im Monat kam dieser Freund und gab mir einen Fünfhunderter mit den Worten: „Geh mal mit den anderen was trinken.“
Während meiner Armeezeit kam eines Tages der katholische Militärpfarrer zu mir. Er wusste natürlich, dass in meinem Pass bei Religion „Neuapostolische Kirche“ stand. „Willst du Dich denn nicht taufen lassen?“ fragte er. „Ob du katholisch wirst, kannst du ganz alleine entscheiden. Da haben Deine Eltern nicht mitzureden.“
Welche Vorteile die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche mit sich bringen würde, fragte ich den Pfarrer. Seine Argumente klangen sehr überzeugend: „Du kriegst bei einer Taufe zwei Tage frei. Wenn der Pate ein Soldat ist, kriegt er auch zwei Tage frei. Und ich geh gemeinsam mit dem Bischof an dem Tag, an dem du getauft wirst, mit dir und dem Paten essen.“
Ich habe sofort beschlossen, Katholik zu werden. Als ich auf der Stube fragte, wer Taufpate werden wolle, lachten die Kameraden erst einmal laut und herzhaft. Als ich über die zwei freien Tage und das Essen mit dem Bischof sprach, waren plötzlich alle Feuer und Flamme. Der Kamerad, mit dem ich mich am besten verstand, wurde mein Taufpate. Wir haben tatsächlich zwei freie Tage bekommen. Und der damalige Bischof ging mit uns ins Hotel Schintgen gegenüber der Kathedrale zum Essen, weil ich in der Kathedrale getauft wurde. Als ich das meiner Mutter sagte, war sie entsetzt und wütend. Aber ich war ja in der Armee. Da konnte sie nichts machen.
Weil ich erstens von Zuhause nichts bekam und es mich auch wirklich nicht nach Zuhause zog, hörte ich ganz genau zu, als wir in der Kaserne gefragt wurden: „Wer will in die Unteroffiziersschule?“ Das war nun eine Chance, sehr viel mehr Geld zu verdienen. Ich meldete mich und bestand die Aufnahmeprüfung so gut, dass ich hinterher auswählen durfte, in welche Abteilung der Armee ich wollte. Ich entschied mich für die Militärpolizei, weil die ja in Belgien war. Die wurde in Arlon ausgebildet, während die anderen luxemburgischen Unteroffiziersanwärter in Diekirch stationiert waren.
Die Ausbildung sollte sieben Monate dauern. Und ich war im sechsten Monat, also kurz vor dem Abschluss, als meine Eltern bei der Armee in Diekirch anriefen. Wieder einmal wollten sie sich erkundigen, warum der Sohn eigentlich nicht nach Hause komme. Und in Diekirch sagte ihnen ein Offizier, dass ich in Belgien auf einer Militärschule sei.
Mein Vater hatte mir immer eingeschärft: „Wenn du zur Armee gehst und du hast nur einen Streifen mehr auf der Uniform als ein einfacher Soldat, dann schlage ich dir die Beine beim Hintern weg.“ Und dann erzählte er mir immer, wie er im Krieg gelitten habe: „Du darfst nie etwas bei der Armee werden, nie.“ Mir war das, offen gestanden, ziemlich gleichgültig. Ich dachte vor allem an das ordentliche Gehalt, das ich bekommen würde.
Mein Vater hat sich dann wieder an seinen einflussreichen Freund in der Armee gewandt. Dieser sagte ihm, dass Luxemburg den Belgiern 375 Franken pro Tag für die Ausbildung bezahlte und es möglich sei, dass die Armee dieses Geld zurückverlange. Mein Vater ließ sich dadurch auch nicht abschrecken. Nachdem sie mir meine Freundin weggenommen hatten, waren meine Eltern entschlossen, nun auch meine sich anbahnende militärische Karriere zu zerstören. Mein Vater erklärte dem Armeeoffizier also, seine Frau liege im Sterben. Sie könne das Geschäft nicht mehr alleine führen. Deswegen müsse ich sofort aus der Armee entlassen werden und daheim im Geschäft der Mutter helfen.
Es war ein Samstagmittag, als ich aus der Kaserne in Arlon kam und meinen Vater mit dem Auto vor dem Tor stehen sah. Seine Botschaft war klar und bestimmt: „Steig ein. Du fährst jetzt mit nach Hause. Deine Mutter liegt im Sterben, du kommst mit.“ Selbstverständlich habe ich sofort protestiert: „Das ist unmöglich, ich muss hier meinen Dienst tun.“ „Nein“, sagt er, „Du bist vorübergehend freigestellt von der Armee“. Später hatten die Streitkräfte aber an mir oder am Geld meiner Eltern keinerlei Interesse mehr.
Als ich daheim unseren Laden betrat, stand meine Mutter bei ziemlich guter Gesundheit – jedenfalls nicht sterbenskrank – hinter der Theke. Ich konnte es nicht fassen: „Was ist das denn jetzt wieder für ein Mist“, rief ich. „Ich gehe wieder zurück zur Armee.“ Mein Vater schüttelte den Kopf. Ich war noch keine 21 Jahre alt, immer noch nicht volljährig. Ich durfte nicht machen, was ich wollte. Ich musste also bei uns im Laden arbeiten.
Nicht nur als Soldat, auch Zuhause bekam ich kein Geld. Ich habe den ganzen Tag gearbeitet, hatte ein Auto und immer gute Kleidung. Allerdings bekam ich jede Woche nur ein Taschengeld, das für drei Kaffee reichte. Ich war bei keiner Krankenkasse angemeldet. Wenn ich fragte, warum ich keinen Lohn bekam, wurde mir gesagt: Du kriegst ja später den ganzen Laden, dann hast du alles.
Dann kam der 5. August 1964, als ich in einem Lokal in Differdingen, dem „Metropole“, meine spätere Frau kennenlernte. Sie war mit einer Freundin unterwegs und wir redeten bei unserem ersten Treffen etwa vier Stunden miteinander. Erstens gefiel sie mir. Zweitens merkte ich, dass sie charakterlich zu mir passen könnte: Sie war lieb, sie war weich, sie war nett. Ich habe mich sofort wohl mit ihr gefühlt, sie ließ Nähe zu, nach der ich mich immer gesehnt hatte. Und sie konnte aus vollem Herzen lachen.
Als wir uns an diesem Abend trennten, habe ich ihr gesagt: Am 5. August nächstes Jahr werde ich Dich heiraten. Heute weiß ich, dass sie damals natürlich glaubte: Das ist ein Spinner. Sie und ihre Freundin haben sich fast totgelacht.
Das war die Frau, von der ich fand: Mit der kannst du zusammengehen, die ist vernünftig, die ist reif, die ist nett, die ist lieb. Mit dieser Frau kannst du dir ein neues Leben weg von Zuhause aufbauen. Mir war an diesem ersten Abend klar: du hast die große Liebe gefunden. Es waren lange acht Tage, bis ich sie wiedersehen konnte.
Dann fuhr sie nach Blankenberge an die belgische Nordseeküste in Urlaub. Ich fuhr ihr mit dem Auto hinterher und suchte nach ihr. Sie war total verändert: Sie hatte die Haare ganz kurz geschnitten, so kurz, dass ich sie auf den ersten Blick gar nicht erkannte. Dann stand ich vor ihr und habe gesagt: „Bist du es oder bist du es nicht?“ Wir waren sehr froh. Ich bin dann drei Tage dort geblieben. Wir hatten uns, wie es so geht, gefunden. Von nun an war Margot meine feste Freundin. Mittlerweile sind wir mehr als 50 Jahre verheiratet. Und inzwischen scheint es mir so, als sei meine Frau auf die Welt gekommen, um mich glücklich zu machen und mir zu helfen.
Ich bin dann von Zuhause abgehauen und habe auf dem Gemeindeamt einen Antrag gestellt, zu heiraten. Der Bürgermeister freute sich sehr. Als erstes ging er zu meinem Vater, einem Freund von ihm: „Das ist ja eine gute Nachricht, heute abend kannst du eine Flasche aufmachen“, sagte er. „Worum geht es denn?“ fragte mein Vater. „Wegen der Hochzeit von deinem Sohn“, sagte der Bürgermeister. Mein Vater war überrascht. „Das unterschreibe ich nicht“, sagte er.
Damals war es nicht so einfach, ohne Zustimmung der Eltern zu heiraten. Wenn die Eltern mit einer Hochzeit nicht einverstanden waren, konnten sie die Hochzeitspläne für sechs Wochen blockieren. Mein Vater tat genau das, was ich erwartet hatte. Der Bürgermeister rief an und sagte: „Ich habe eine schlechte Nachricht für Dich: Du kannst nicht heiraten, weil der Vater nicht zustimmt.“ Und ich antwortete: „Das habe ich schon mit einkalkuliert. Ich heirate am 5. August, auch wenn die nicht wollen.“ Und so kam es auch: Am 5. August 1965 habe ich meine Frau geheiratet. Wie versprochen - pünktlich auf Monat, Tag und Stunde genau.
Ich habe mich mit Menschen praktisch nie geirrt - und ich hatte in meinem Leben mit vielen Menschen zu tun. Ich habe mich auch bei meiner Frau nicht geirrt. Und meine Frau hat mich, wenn es darauf ankam, nie im Stich gelassen. Sie hat ihre Arbeit gekündigt und ist mit mir gegangen. Immer und überallhin.
Als ich bei meinen Eltern fortging, brauchte ich auch eine neue Arbeit. 1965 war die Zeit der Beatles. Und in Esch wurde ein Beat-Shop aufgemacht, das war damals die große Mode. Die jungen Leute schauten auf London, auf die verrückten Sachen der Carnaby Street. Eigentlich waren es drei Shops. Der Inhaber suchte jemanden, der sich um diese Läden kümmern konnte. Und ich brachte die nötige Handelsermächtigung mit.
Ich hatte viele Freunde und Bekannte, die mit der Zeitung Tageblatt zu tun hatten. Und ich kannte den Direktor ganz gut: Jacques Poos, der später Außenminister Luxemburgs werden sollte. Ich fragte ihn: „Ich glaube, ich hätte Spaß an der Zeitung - kannst du mich nicht in die Zeitung reinnehmen?“ Und er lehnte das ab, sagte aber, er brauche jemanden, der die Werbeabteilung des Tageblatts neu aufbaue. Davon verstünde ich aber nichts, sagte Poos. Falls ich es lernte, so könnte ich Leiter seiner Werbeabteilung werden.
Also beschloss ich, Werbung für die Zeitung zu lernen. Ich schrieb zwei Bewerbungen: Eine an Le Monde in Paris, die andere an die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Als ich es tat, war mir klar: Ich hasste diese ganze Textilindustrie. Weil ich dazu gezwungen worden war, obwohl die Arbeit mit den Textilien mir nie Spaß gemacht hatte. Ich war dazu gezwungen worden. Und ich wurde täglich daran erinnert. Außerdem hatte ich Angst, dass irgendwann die Eltern von mir verlangen würden, das Geschäft meiner Mutter zu übernehmen. Die Vorstellung war furchtbar.
Ich bekam Zusagen von Le Monde und der FAZ. Für Frankfurt entschied ich mich, weil mir die Stadt irgendwie lieber war als Paris - weniger gefährlich, lustiger. Und ich hatte einige Freunde da. So habe ich klein angefangen in der Werbeabteilung der FAZ, habe nicht viel verdient, aber viel gelernt. Ich war dort alleine, denn meine Frau, eine Zahntechnikerin, war erst einmal in Luxemburg geblieben.
Die Zeitung hatte freundlicherweise schon eine Anzeige aufgegeben: „Mitarbeiter der FAZ sucht Wohnung in Frankfurt.“ Eine Frau meldete sich mit den Worten „Ich nehme an, als FAZ-Mitarbeiter sind sie ja ein anständiger Mensch“ und sagte, ich könne mal in ihrem Haus auf dem Lerchesberg bei Frankfurt vorbeikommen. Es war ein wunderschönes Haus mit Schwimmbad innen und außen, großem Garten und einer Doppelgarage. Darin standen ein sehr schöner Maserati und ein sehr kleiner Fiat.
Die Frau stellte sich mir als die Ehefrau von Otto Herz vor, der als Major ein Sekretär von Generalfeldmarschall Erwin Rommel gewesen sei. Kurz vor Kriegsende habe er sich den Briten gestellt und wenig später bereits als Kriegsgefangener in London ziemlich frei herumlaufen dürfen. Als gelernter Börsenmakler sei Herz dann im Auftrag eines ebenfalls an der Börse erfahrenen britischen Generals nach Frankfurt geschickt worden, um dort in dessen Auftrag zu handeln. Später habe er an der Börse massiv Geld verdient. Die Frau war auf der Suche nach jemandem, der das Haus bewohnen wollte, weil sie etwa elf Monate im Jahr in Zürich lebte. Es gebe nur zwei Bedingungen: Ich müsse für das im Schwimmbad verbrauchte Wasser aufkommen – und ich müsse bereit sein, mit dem Maserati mindestens alle zwei Wochen ein paar Runden im Viertel zu drehen, damit das gute Stück bewegt werde.
Zu meiner großen Überraschung und Erleichterung wollte sie keine Miete haben. Sie dürfe nicht vermieten. Denn Otto Herz hatte das Haus nur aufgrund eines komplizierten Vertrages kaufen können. Er war der erste auf dem Lerchesberg, auf dem die Frankfurter Stadtsparkasse ein Reichen-Viertel entwickeln wollte. Und die Sparkasse hatte ihm den Kauf finanziert – im Gegenzug zu strengen Vorschriften für Größe und Ausstattung der ersten Villen, mit denen der Standard für die restliche Bebauung des Viertels festgelegt werden sollte.
Das war wohl auch gelungen. Denn als ich eines Tages über den Gartenzaun im Nachbargrundstück eine dirndlmäßig gekleidete junge Frau beim Wäscheaufhängen entdeckte, rief ich ihr in meinem vermeintlich besten Bayerisch zu: „Na, Madl, wie goahts?“ Sie antwortete gutgelaunt und erst einige Zeit später klärte mich ein anderer Nachbar darüber auf, dass es sich um die Eiskunstläuferin Marika Kilius handelte. Sie lebte nebenan mit dem Feuerzeugfabrikanten Werner Zahn. Und später fuhren wir oft gemeinsam mit dem Fahrrad zur Oberschweinstiege, wo es ein sehr schönes Lokal gab, das einen guten Handkäs mit Musik anbot.
Bei der FAZ fing ich bald an, mit dem Fotografen Bilder zu machen. Weil ich ja kein Geld und auch nichts Besseres zu tun hatte, half ich auch in der Dunkelkammer mit, wo der Fotograf abends seine Bilder entwickelte. Ich bin viele Stunden am Tag in der Zeitung gewesen, habe alles zu lernen versucht, was nur möglich war. Später habe ich dann auch oft den Umbruch der FAZ gemacht, nach einer Weile sogar ganz alleine. Man kann alles lernen. Und ich habe mich auch immer gemeldet, wenn es auszuhelfen ging.
