Verlag: Heyne Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

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E-Book-Beschreibung Scharnow - Bela B Felsenheimer

In Scharnow, einem Dorf nördlich von Berlin, ist der Hund begraben. Scheinbar. Tatsächlich wird hier gerade die Welt gewendet: Schützen liegen auf der Lauer, um die Agenten einer Universalmacht zu vernichten, mordlustige Bücher richten blutige Verheerung an, und mittendrin hat ein Pakt der Glücklichen plötzlich kein Bier mehr. Wenn sich dann ein syrischer Praktikant für ein Mangamädchen stark macht, ist auch die Liebe nicht weit.

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E-Book-Leseprobe Scharnow - Bela B Felsenheimer

Das Buch

In Scharnow, einem Dorf nördlich von Berlin, ist der Hund begraben. Scheinbar. Tatsächlich wird hier gerade die Welt gewendet: Schützen liegen auf der Lauer, um die Agenten einer Universalmacht zu vernichten, mordlustige Bücher richten blutige Verheerung an, und mittendrin hat ein Pakt der Glücklichen plötzlich kein Bier mehr. Wenn sich dann ein syrischer Praktikant für ein Mangamädchen stark macht, ist auch die Liebe nicht weit. Und was ist eigentlich mit den beiden homosexuellen Eichhörnchen?

Bela B Felsenheimer entfesselt in der deutschen Provinz einen wilden Tornado der Ereignisse, der sich in die ganze Welt auszubreiten droht.

Der Autor

Bela B Felsenheimer, geboren 1962 in West-Berlin, ist Schlagzeuger, Gitarrist, Komponist, Sänger, Schauspieler, Synchron-und Hörbuchsprecher, war Comicbuch-Verleger und hatte eine eigene Radiosendung. Bekannt ist er vor allem als Mitglied der Punkrock-Band Die Ärzte. Als Autor hat er bisher einige Kurzgeschichten veröffentlicht und ein Filmdrehbuch verfasst. SCHARNOW ist sein erster Roman.

BELA B

FELSENHEIMER

SCHARNOW

ROMAN

WILHELMHEYNEVERLAG MÜNCHEN

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Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Copyright © 2018 by Bela B Felsenheimer

Copyright © 2019 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Brigitte Helbling & Thomas Brill

Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel, punchdesign, München unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com (Kerstin Schoene) und photocase.de (kallejipp, slecnep)

Gesetzt aus der Kepler und E-Book Produktion von Satzwerk Huber, Germering

ISBN: 978-3-641-22865-1V001

www.heyne-hardcore.de

Meiner Jugend in Spandau gewidmet

Personenverzeichnis

Die auftretenden Figuren

Agent, der – untersteht dem →Sekretär

Agnes Petri – wohnt im dritten Stock des →Silo; Nachbarin von →Susanne Scharster und →Ron Thorsten Wassmann; Flurfunk

Alex Weinbarth – arbeitslos; bewohnt gemeinsam mit seinem verhassten Bruder →Jason die Wohnung der verstorbenen Mutter in →Scharnow; ehemals Polizeireservist; Waffe und Dienstausweis eingezogen

Billkauf – z.Z. einziger Supermarkt in →Scharnow; Slogan: »Bei uns ist BILLIG immer auch GUT!«; mit angrenzender Wiese, Lieblingsort von →Cloudy

Brahms, Thies & Deborah – wohnen im →Silo; geben vor rechtsradikal zu sein; Tochter: Suske Brahms, Freundin von Dalida Scharster

BsB, der Bund skeptischer Bürger – Gemeinschaft von Verschwörungstheoretikern; sind den →Weltenlenkern auf der Spur

Çem Schmöller – Beamter beim SEK →Sahsenheim; Bodybuilder; im Einsatz gegen den fliegenden Mann

Cheng Luigi’s – angesagtes Café mit großer Cocktailkarte in →Sahsenheim

Cloudy – portugiesischer Wasserhund und Schwester von Bo

Dave – ehemals E.; einst der Kater von Gregor Gysi

Eiche, die alte – steht im Scharnower Forst; Ort seltsamer Begebenheiten; in einer Höhle zwischen ihren Wurzeln lebt eine legendäre Dächsin; wichtiger Ort für den →Jungen

Elsa Karpski – wird von ihrer Enkelin →Nami »Omili« genannt; Witwe von Ortwin Karpski; wohnt in der →Siedlung im Norden und istNachbarin vom →Pakt der Glücklichen

Felix Pathé – Noch-Ehemann von →Sylvia Pathé; ehemaliger Gülleproduzent; aktuell Zirkusdirektor; Verschwörungstheoretiker

Hakans Kiosk und Internetcafé in →Scharnow, betrieben von →Hamids Onkel Abdal; fünf Internet-Terminals, Süßwaren, Zigaretten, Coffee to Go, kein Alkohol

Hamid Yussuf Kaoum – geflüchteter Syrer; wurde von seinem Onkel Abdal nach →Scharnow geholt; Praktikant im →Billkauf

Jan-Uwe Paslićka – Mitglied beim →BsB; geschieden, eine Tochter; Besitzer diverser Handfeuerwaffen und eines Präzisionsgewehres, das er Carla nennt; trägt nie Strümpfe

Jason Weinbarth – bewohnt gemeinsam mit seinem verhassten Bruder →Alex die Wohnung ihrer verstorbenen Mutter in →Scharnow; ehemaliger Polizeireservist; Waffe und sein Dienstausweis eingezogen

Junge, der – wird sich verändern

Kalle (Karl Friedrich Spanger) – Anführer im →Pakt der Glücklichen; Verfasser ihres Manifestes

Marlies Maria Henkel – Filialleiterin im →Billkauf; Kettenraucherin; Espressoliebhaberin; Mundgeruch

Nami (Benita Karpski) – 17; lebt mit ihrer Mutter in Berlin; besucht ihre Großmutter →Elsa Karpski in →Scharnow; Manga-Fan

Niels Emmerich – härtester Trinker im →Pakt der Glücklichen mit diversen Anzeichen von Alkoholkrankheiten; hält sich für einen Zeitreisenden; kennt →Pöhn

Pakt der Glücklichen, der – hat das Ziel glücklich zu sein; Anspruch bescheiden, exquis déchets; wohnt in einer Erdgeschosswohnung in der →Siedlung im Norden; Nachbarin →Elsa Karpski;

Patty – die beste Freundin von →Susanne Scharster; kommt immer zu spät; schwer zu erreichen

Peter Märse, Dave; Erotiktänzer »Dancing Dave Diamond«; hat in einem Pornofilm mit Eve Everdeargespielt; wohnt in einem Loft in →Sahsenheim; Schulfreund von →Trotsky

Pit (Lars Pitkowski) – zuverlässigstes Mitglied im →Pakt der Glücklichen; verehrt Oscar Wilde und Marc Aurel; wohnt als Einziger nicht ständig in der Wohnung des Pakts, sondern auch bei seiner Mutter

Pöhn, der »beige Mann« – Bekannter von →Niels Emmerich

Ralf Belching – Anhänger Zankwarts; Zimmergenosse des →Jungen

Rex Gildo – omnipresent

Sahsenheim – Kreisstadt mit Industrieviertel, Polizeihauptwache, Sushi-Restaurant und Szenecafé →Cheng Luigi’s

Scharnow – Dorf in Brandenburg, unweit der Kreisstadt →Sahsenheim

Sechs, (Skippy Maier); wohnt im →Silo; Freunde: Tasso Schmidt, Egmond Dulk; großes Interesse an Dalida Scharster; Fingertick

Sekretär, der – Kontakt zu den→Agenten; hat den Überblick

Senger,Dietmar – Polizeihauptmeister in →Scharnow; Genrefilm-Enthusiast; Lieblingsessen: Döner

Sieben (Aristide Olt) – Mann fürs Grobe im →Pakt der Glücklichen; hat viele Phobien und einen Fingertick; ehemaliger Hertha-BSC-Hooligan

Siedlung im Norden – liegt in →Scharnow; großer Parkplatz; zu den wenigen Bewohnern gehören der →Pakt der Glücklichen, Parterre →Elsa Karpski, Parterre und →Walther Pfannschmidt, zweiter Stock

Silo, der – inoffizieller Name eines Hochhauses mit 17 Stockwerken inmitten der Plattenbausiedlung in →Scharnow; in ihm befindet sich der einzige Schnellimbiss des Dorfes, das Dönerimperium

Sören Krüger – Schulleiter,genannt der Direx; leitet die JFK-Realschule in Braunschweig, Nordstadt

Susanne Scharster – Pornodarstellerin Eve Everdear; strippt online als Chantal; Tochter Dalida,14; beste Freundin von →Patty

Sylvia Pathé  – ehemals Profiturmspringerin; Noch-Ehefrau von →Felix Pathé; z.Z. Kassiererin im →Billkauf; Nebenberuf: Verkäuferin in der Boutique Gentleman’s Corner; Besitzerin einer Hündin →Cloudy und eines Katers →Dave

Trönse,Olaf – Mitglied beim→BsB; Fluchtfahrer; fährt einen Fiat Panda mit eingebautem Elektromotor; verstärkter Harndrang

Trotsky – verfügt über spezielle Kräfte, die bisher niemand bemerkte; das hat sich geändert, sein Leben auch, zum zweiten Mal

Walther Pfannschmidt – sehr alter Mann, wohnt in der →Siedlung im Norden wie →Elsa Karpski und der →Pakt der Glücklichen

Wassmann, Ron Thorsten – Literaturblogger, Genießer, Pornograf; Nachbar von →Susanne Scharster und →Agnes Petri im →Silo

Weltenlenker, die – mysteriöse Weltverschwörung

Wenker,Georg – Sportlehrer des →Jungen; Kumpeltyp

Zankwart, Jörg – Schulrowdy; Feind des →Jungen

Zarmo (Hans Zarm) – Mitglied beim →BsB; Waffenfetischist; ehemaliger Rechtsradikaler; schlechter Schütze

Zuchonns, Roswitha – Lehrerin in der Schule des →Jungen; sehr attraktiv

Zoyxe und Mandarius – Eichhornmänner, leben in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung; an einer →Eiche im Scharnower Forst werden sie Zeugen erschreckender Ereignisse

Eine Schar Wildgänse fliegt in Formation einen vollendeten Bogen über das herbstliche Brandenburg in Richtung Scharnow, einem kleinen Ort unweit der Kreisstadt Sahsenheim. Es ist ein schöner, ein erhabener Anblick, der sich perfekt in diesen sonnigen Morgen fügt.

Aus einem kleinen Wald löst sich plötzlich etwas. Eine Gestalt. Ein Schemen. Er schießt rasend schnell auf die Vögel zu. Eher Ahnung als feste Masse. Ist das ein Raubvogel? Seine Ausmaße sind zu groß dafür. Der Schemen stößt mitten durch die Formation von Zugvögeln, und jetzt erst reagieren die Gänse. Der Trupp fällt auseinander. Die Tiere fliehen panisch und wild schnatternd in alle Richtungen, versuchen sich zu retten. Der Schemen stoppt, ändert seine Flugbahn und umkreist in einer Abwärtsspirale das dunkle, alles überragende Hochhaus am Rande des Dorfes. Bevor er weiterfliegt, hält er einen Moment an einem Fenster im dritten Stock, hinter dem ein Mann in einem abgetragenen Morgenrock zu sehen ist, der einen Tisch deckt.

Prolog

Wassmann schob eine Weißbrotscheibe in den Toaster und machte sich auf den Weg zum Briefkasten. Im Vorbeigehen warf er noch einen zufriedenen Blick auf den gedeckten Frühstückstisch. Bei seiner Rückkehr würde das Brot die richtige Temperatur haben, nicht zu heiß, aber warm genug. Zudem würde er sich nicht die Finger am Gehäuse des altersschwachen Gerätes verbrennen, das ihm seine Mutter zum Einzug in die erste eigene Wohnung geschenkt hatte.

Seit vierzehn Jahren lebte Wassmann nun schon in dem 4200-Seelen-Ort in Brandenburg. Das Hochhaus, in dem er wohnte – der Silo, wie es die Anwohner hier nannten –, hatte inklusive Erdgeschoss siebzehn Stockwerke und stand im Zentrum einer lieblos modernisierten Plattenbausiedlung am Rande von Scharnow. An diesem Morgen nahm er die Treppe und hoffte, dass er niemandem begegnen würde. Er wollte keinen Kontakt zu den Nachbarn, mit Ausnahme von Susanne Scharster vielleicht. Und ganz besonders sie musste ihn ja nicht in Bademantel und ohne Socken in seinen ausgetretenen Lederpuschen sehen. Hätte er gewusst, dass sie sich im Treppenhaus aufhalten würde, wäre ein anderes Outfit trotzdem keine Option gewesen. Nicht für den Gang zum Briefkasten, da hatte er seine Prinzipien.

Unten angekommen holte er die Post aus dem Kasten und ging sie durch. Ein großer, schwerer Umschlag ohne Absender, eine Rechnung und Werbung. Eine ganze Menge davon. Der Aufkleber, der die Zettelverteiler davon abhalten sollte, ihre Flyer einzuwerfen, war teilweise weggekratzt. Wassmann seufzte und verteilte jetzt seinerseits, die Umgebung im Blick behaltend, die Werbezettel auf die anderen Briefkästen.

Den von Susanne ließ er großzügig aus.

Besser gelaunt begab er sich auf den Rückweg. Als er den dritten Stock erreicht hatte, stoppte er einen Moment lang vor Susannes Tür, ließ sich kurz vom Gedanken an sie wärmen und ging dann die letzten Schritte zu seiner Wohnung, wo der lauwarme Toast auf ihn wartete.

Er legte die Rechnung und seinen Schlüssel auf den kleinen Tisch neben dem Eingang, entledigte sich salopp seiner morschen Latschen und riss auf dem Weg zur Kochnische den Umschlag auf.

Ein Buch.

Horror Vacui stand dunkelrot in einer altertümlichen, ihm unbekannten Schrifttype auf dem Buchdeckel. Wassmanns Latein war seit der Schule etwas eingerostet, aber es reichte noch aus, um den Titel mit »Angst vor der Leere« zu übersetzen. Über dem Titel, an der Stelle, wo man den Autorennamen erwarten würde, befanden sich lediglich fünf eckige Punkte.

Das Buch hatte keinen Schutzumschlag. Die Schrift war auf den Buchdeckel geprägt, was auf dem Leineneinband sehr edel wirkte. Auf der Rückseite befand sich ein ebenfalls rotes W, geprägt und umrankt von seltsamen, runenartigen Schnörkeln. Die Gestaltung des Buches war insgesamt geschmackvoll, wenn auch nicht sonderlich opulent.

Wassmann war Literaturblogger und bekam regelmäßig Bücher zugeschickt. Auf diesem hier war seltsamerweise kein Verlagsname zu entdecken. Trotzdem sah es nicht nach dem privaten Druck eines Nachwuchsautors aus. Er hatte des Öfteren auch solche Werke in der Post, die er stets aussortierte. Dieses Buch jedoch fand er interessant. Und es hatte den Anschein, als interessiere es sich auch für ihn.

Der Gedanke kam ihm unvermittelt. Etwas beinahe Aufdringliches ging von dem Buch aus. Ein Eindruck, den Wassmann an nichts Konkretem festmachen konnte.

Es war einfach so.

Aus dem Nichts traf ihn plötzlich ein Schlag. Von dem Buch abgelenkt, war er beim Greifen nach dem gerösteten Brot mit den Fingern an das Metallgehäuse des schlecht isolierten Toasters gekommen. Begünstigt durch das barfüßige Schlurfen auf der Kunststoffauslegeware und die trockene Luft in seiner Wohnung schoss die elektrische Ladung durch seinen Körper wie ein Blitz.

Wassmanns Interesse an dem Buch erlosch sofort.

Genervt pfefferte er es auf einen Stapel, der neben seinem Frühstücksensemble – einem Becher mit lauwarmem Leitungswasser, einem Schnapsglas mit Olivenöl, Teller, Messer, Kaffee und Marmelade – aufgetürmt war. Er atmete einmal tief durch und nahm am Tisch Platz. Unter Verzicht auf Butter oder einen anderen fettigen Geschmacksträger verteilte er auf dem Toast großzügig die Orangenmarmelade von Tante Jella, deren letztes Glas er soeben, zwei Jahre nach ihrem Tod, geöffnet hatte. Dann nahm er einen Schluck Wasser, um seinen Mund von Ablenkungen zu reinigen, und wartete, so sah es sein Ritual vor, genau fünfzehn Sekunden, damit sich Brot und Aufstrich aufeinander einstellen konnten.

Etwas besänftigt griff er erneut nach dem Buch, während seine innere Stoppuhr präzise die Sekunden herunterzählte.

1 und 2 und 3 und …

Er suchte nach einem Impressum, fand aber keins. Das Buch begann nach einer leeren Seite mit dem ersten Kapitel.

4 und 5 und …

Er fing während des Zählens zu lesen an.

6 und 7 und 8 und …

Schon die ersten Worte langweilten ihn. Der Leser wurde direkt angesprochen.

»Kennen Sie das Gefühl, etwas an Ihrem Leben verändern zu wollen?«

9 und 10 und …

Das war in Wassmanns Augen der billigste Trick, Aufmerksamkeit zu gewinnen. Er beschloss, dem anonymen Autor nicht auf dessen ausgetretenen Pfad zu folgen, und übersprang ein paar Absätze.

11 und 12 und 13 …

Während er die nächsten Sätze überflog, spürte er mit einem Mal, wie sich ein seltsames Gefühl in ihm breitmachte. Eine äußerst unangenehme und sehr reale Empfindung, als würde eine zähe und dabei eiskalte Flüssigkeit in ihm ausgegossen.

14 und …

Erschrocken klappte er das Buch zu, legte es angewidert auf den Stapel, zog darunter einen dicken Wälzer hervor und drückte ihn sehr fest auf den Neuzugang. Etwa so, als würde er eine Kellerluke schließen.

15!

Verwirrt wandte er sich dem Toast zu. Doch bevor er sich seinem Frühstück widmen konnte, wurde er ein weiteres Mal abgelenkt. Offenbar hatte er sich an einer der Buchseiten in den Finger geschnitten. Ein Tropfen Blut war auf sein T-Shirt getropft, direkt auf die Lippen des darauf gedruckten Konterfeis von Klaus Kinski als Nosferatu. Die Fütterung des Vampirs, dachte Wassmann und musste lächeln. Er nahm ein Kleenex aus einer Packung, die auf der nahen Anrichte stand, wischte erst den Fleck von Kinskis Hurenmund und drückte dasselbe Tüchlein dann auf die kleine Wunde an seinem Finger.

Das Shirt spannte etwas in der Bauchgegend.

Hätte er vor zwanzig Jahren geahnt, wie gut die Qualität war und wie lange er es tragen würde, hätte er davon noch eins in einer Nummer größer erstanden. Sein Geschmack, was Kleidung betraf, hatte sich seit jener Zeit nicht groß verändert. Damals, während des Studiums, hatte er mehr Zeit in Doppel- und Dreifach-Features im Kino oder auf Rockkonzerten verbracht als in den Hörsälen der Universität. Da hätte er kleidungsmäßig durchaus für die Zukunft vorsorgen können. Er blickte auf den Teller vor sich.

Dieses verdammte Buch hatte ihn fast sein Frühstück vergessen lassen! Wassmann nahm endlich einen Bissen von dem inzwischen fast erkalteten Toast und machte sich bereit für die Reise. So nannte er das, was geschah, wenn seine Zunge, sein Gaumen auf eine Speise trafen. Er atmete tief durch und schloss die Augen. Nur Sekundenbruchteile später explodierte in seinem Kopf ein Kaleidoskop an Eindrücken, die von dem kleinen Bissen Brot ausgingen.

Es war die Marmelade, auf die er sich konzentrierte.

Seine Tante Jella hatte sie ihm bei seinem letzten Besuch mitgegeben. Etwas bitter, nicht zu süß, mit einem Schuss Cointreau veredelt. Eine einfache Rezeptur, die aber niemand so wie seine Tante hinbekam. Seine Zunge liebkoste die fein geraspelte Orangenschale einer Frucht, die ein Pflücker von einem Baum in Andalusien gerupft hatte. Der Pflücker war kein Spanier gewesen, eher slawischer Herkunft. Vielleicht ein Bulgare? Die Information wurde von der Nelkenessenz in der Marmelade zart verdeckt. In Wassmanns Mund sammelte sich Speichel an, der sich mit den Speisepartikeln verband, die seinen Geist zu Zuckerrohrplantagen trugen, durch Gewächshäuser wandeln ließen und selbst eine Ahnung der Glasbläserei abgaben, in der Tante Jellas Einmachglas einst gefertigt worden war.

Dann ebbte die Sensation wieder ab.

Wassmann schluckte, biss ein weiteres Stück vom Toast ab und schwelgte noch einmal genüsslich in den Eindrücken. Für den dritten Bissen ließ er sich etwas mehr Zeit. Dann öffnete er die Augen. Er glühte vor wohliger Erschöpfung, wie jedes Mal, wenn er sich einer Mahlzeit hingab.

Schon als Kind hatte er bemerkt, zu welch außerordentlichen Erkenntnissen seine Geschmacksnerven in der Lage waren. Im Laufe seines Lebens hatte sich diese erstaunliche Fähigkeit stets weiterentwickelt. Ohne Anstrengung konnte er Zutaten erschmecken, die seine Vorstellungskraft beflügelten, ihm Bilder von der Herstellung einer Speise oder einer Ingredienz bis hin zur Ernte einer Frucht oder eines Gemüses vor das innere Auge führten. Jede Mahlzeit erfüllte ihn mit einer Flut an Informationen. Essen war für ihn, wie einen guten Film zu sehen. Einen sensationell guten Film. Selbst in einem miserablen Mahl steckte eine interessante Geschichte.

Diese Fähigkeit besaß er, seit er denken konnte. Nie hatte er irgendjemandem davon erzählt. In der Pubertät, als ihm das Außergewöhnliche daran erst richtig bewusst wurde, gab es eine Phase, in der er sich ihrer sogar schämte und es vermied, viel und abwechslungsreich und vor allem in Gesellschaft zu essen. Mit zunehmendem Alter hatte er dann gelernt, seine anomale Gabe zu akzeptieren, sogar zu lieben. Bald schon fühlte er sich dem Essen mehr verbunden, als er es sich mit irgendeinem Menschen vorstellen konnte.

Er ging nur sporadisch aus. Es gab auch Frauen in seinem Leben. Doch sie blieben nie lange. Er hatte kein Händchen für sie. Bei einer Mahlzeit aber konnte er sich wirklich fallen lassen.

Er aß lieber und überließ sich dem Rausch seiner Geschmacksnerven. Dass er trotzdem nicht überproportional zunahm, verdankte er dem Umstand, dass sein Körper während einer Mahlzeit auch reichlich Kalorien verbrannte. Die Reisen zu den Ursprüngen seiner Nahrung erschöpften ihn fast so sehr, wie sie ihn befriedigten.

Weil er aber das Essen so liebte, kam ihm auch nie in den Sinn, seine Gabe mit der Welt zu teilen, sie etwa beruflich zu nutzen. Wie auch? Als Restaurantkritiker würde er die Zubereitung, das Anrichten und auch den Service eines Restaurants beurteilen müssen, nicht die viel sinnlicheren Aspekte eines Essens, die ihn eigentlich interessierten und die schwer in Worte zu fassen waren. Zum Koch eignete er sich ebenfalls nicht, da er sich selbst bei der unbedeutendsten Zutat so lange aufhielt, dass ihm jedes Essen anbrannte. Nach dem Abitur hatte er drei Viertel eines Journalistik-Studiums absolviert und sich als freier Kulturjournalist für kleinere Provinzblätter über Wasser gehalten. Bis ihn das Geld, das Tante Jella ihm hinterlassen hatte, aus seiner finanziellen Misere befreite, ihn angesichts seiner bescheidenen Ansprüche sogar recht sorglos leben ließ.

Um intellektuell nicht zu verdorren, startete er einen Literaturblog im Internet, »Wassmanns Wisdom«, der schnell zur eigenen Marke wurde. Nach einer Durststrecke von sechs Monaten, in denen er unermüdlich Kritiken schrieb, begannen Verlage ihm unaufgefordert Bücher zu schicken. Bald waren es so viele, dass er die Bücher, nachdem er sie in seinem Blog besprochen hatte, im Netz weiterverhökerte. Seine Website war beliebt. Er galt bei einigen Verlagen bereits als sogenannter Influencer, was diese mit Geldüberweisungen honorierten. Das Geschäft, wenn man es so nennen wollte, lief gut.

Der Stapel auf seinem Tisch zeugte allerdings davon, dass er mit seinen Kritiken im Verzug war. Wassmann hatte einen Hang zur Trägheit, lebte allein und arbeitete zu Hause. Drei Umstände, die seiner Selbstdisziplin gehörig zusetzten. Um seinen Status bei den Verlagen nicht zu verlieren, musste er dringend ein paar neue Rezensionen online stellen. Die Zeit reichte nicht mehr aus, um alle Bücher wirklich zu lesen, aber Wassmann vertraute auf seine Erfahrung. Verlage, die ihn bezahlten, bekamen gute Kritiken, dafür brauchte er nichts weiter zu tun, als die Seiten kurz durchzublättern und die Klappentexte zu überfliegen.

Missmutig betrachtete er die letzte Ecke Toast in seiner Hand, während er nach dem obersten Buch auf dem Stapel griff, es verfehlte und dabei hinunterstieß. Geräuschvoll landete der Wälzer auf dem Küchenboden. Wassmann musterte ihn von seinem Stuhl aus. Das Buch hatte mindestens 700 Seiten. Das war für den Anfang vielleicht ein bisschen zu sportlich. Er legte den Toast zurück auf den Teller und griff, ohne hinzusehen, nach dem nächsten, deutlich dünneren Werk. Als seine Finger es berührten, meldete sich die eisige Kälte zurück, die ihn diesmal aber weniger beunruhigte.

Horror Vacui.

Na schön, dachte er, den Anfang kannte er ja schon. Er blätterte ein paar Seiten weiter, begann zu lesen, doch er wurde aus dem Text nicht schlau. Die Sätze waren fragmentarisch, kaum verständlich und erfüllten ihn lediglich mit einem körperlichen Unbehagen. Mehr war da nicht.

Wassmann griff durch die linke Beinöffnung seiner ausgeleierten Boxershorts und kratzte sich missmutig an denfrei baumelnden Hoden. 1500 Zeichen musste er schleunigst verfassen, und zwar möglichst zu drei Büchern. Damit würde er sich etwas Luft verschaffen. Wassmann schob seinen Frühstücksteller beiseite und klappte seinen Laptop auf. Er öffnete eine neue Textdatei und schaute wieder hinüber zum Buch. Es löste alles Mögliche in ihm aus, außer der Lust, eine Kritik darüber zu schreiben. Kurz blitzte der Gedanke in ihm auf, das Buch wolle ihn daran hindern, es zu rezensieren. Die Vorstellung amüsierte ihn.

Er dachte wieder an seine Nachbarin.

Wenn ihn das Buch schon nicht bei den Eiern packte, wie wäre es dann mit Susanne? Sie war vor Kurzem mit ihrer Teenagertochter in den Silo gezogen. Susanne hatte ein hübsches Gesicht mit niedlichen Grübchen und strahlenden Augen. Die Nase war nicht zu groß, ihre Beine schlank und ihr Vorbau ganz und gar nicht zu verachten. Sie hatte etwas Versautes an sich, das ihn anmachte.

Beim Gedanken an sie wurde Wassmanns Schwanz hart.

Er klickte auf seinen Internetbrowser, der mit der Startseite des Nachrichtendienstes Paddington News sofort den Bildschirm füllte. Eine Schlagzeile blitzte auf.

»Gerettet: Schulbus fährt auf Abgrund zu und prallt gegen unsichtbare Wand!«

Wassmann registrierte die Schlagzeile, überlegte, ob er die dazugehörige Meldung lesen sollte, aber dafür war später auch noch Zeit. Er drückte die Flashnachricht weg, scrollte in seinen Lesezeichen zu einer gespeicherten Pornoseite, klickte sie an und nestelte schon mal ein Kleenex-Tuch aus der Schachtel. Die Startseite öffnete sich. Sehr langsam. Immerhin hatte er einen Internetzugang. In Scharnow war das nicht selbstverständlich. Er gab in die Suchanfrage »redhead« ein.

Susanne war rothaarig.

Sofort füllte ein Kaleidoskop an angebotenen Sexfilmen den Bildschirm. Er kniff die Augen zusammen und begann mit Kennerblick das Angebot zu studieren. Er entschied sich für ein relativ unspektakuläres Video mit einem Paar, das sich auf einem Bärenfell vergnügte. Die Frau sah Susanne nicht unähnlich.

Perfekt, dachte Wassmann und fuhr sich mit der Hand in die Boxershorts. Der Clip begann mit einer Art Spielfilmhandlung, was ihm gut gefiel. Ein Schornsteinfeger wurde von einer nymphomanischen Hausfrau verführt. Leider stockte das Video gleich am Anfang, lud erneut und brach wieder ab. Die Internetverbindung in seiner Wohnung war miserabel. Wenn weitere Leute im Haus im Netz waren, verschlechterte sich der Empfang zusehends. Entnervt schlug Wassmann seinen Laptop zu, stand auf und ging zu seinem Sofa. Davor, auf einem selbstgebauten Sideboard aus Kirschholz, stand ein großer Röhrenfernseher. Neben dem voluminösen Gerät war ein VHS-Videoabspielgerät. Er hatte den Player einem Museum abgekauft, das ihn für Ausstellungsfilme benutzt hatte. Die Besonderheit daran war, dass er nach dem Ende einer Kassette von alleine zurückspulte und den Film neu startete. Wassmann mochte das. Die Geräuschkulisse hatte den zusätzlichen Vorteil, dass er sich in der Wohnung weniger allein vorkam. Nur aus diesem Grund besaß er das Gerät. Er war kein Mediennostalgiker. Keiner, der seine alten VHS-Kassetten wie Schätze hortete. Er war schlichtweg zu geizig, um seine Filmsammlung auf DVD umzustellen.

Wassmann ging vor einem Stapel Videos auf die Knie. Es waren größtenteils Pornofilme. Der Stapel war in den letzten Wochen angewachsen, was daran lag, dass er manchmal die von ihm rezensierten Bücher im Netz gegen schlüpfrige VHS-Kassetten eintauschte. Er suchte die Cover nach Fotos ab und fand den einzigen Film mit einer Rothaarigen. Eine deutsche Produktion. Auch diese Pornoaktrice sah seiner neuen Nachbarin nicht unähnlich. Wassmann hatte den Streifen schon mehrmals gesehen und spulte zu seiner Lieblingsszene. Das Bild rieselte ein wenig, da er an dieser Stelle ein bisschen zu oft vor- und zurückgespult hatte.

Die Bewegungen der Frau auf dem Bildschirm verschmolzen mit dem Gedanken an seine Nachbarin. Erregt folgte er der dünnen Handlung. Er stellte den Fernseher lauter, weil ihm die Stimme der Frau gefiel, und begann sich hart und schnell zu massieren. In seiner Vorstellung hatte die jetzt emsig arbeitende Darstellerin auf dem Bildschirm Susannes Gesicht, und er war kurz vorm Abspritzen, als er mit einem Mal das Gefühl hatte, dass er nicht allein war.

Misstrauisch drehte er den Kopf und suchte den Raum ab. Neben dem Sofa stand eine alte Einbauschrankwand aus den Achtzigerjahren, die der Vormieter zurückgelassen hatte und in deren Türen schmale Spiegelstreifen eingearbeitet waren. In einem der Spiegel sah Wassmann sich mit runtergelassener Unterhose und seinem Genital in der Hand. Er lenkte den Blick schnell wieder auf seine Umgebung.

Wassmann konnte nichts Ungewöhnliches entdecken.

Auf dem Tisch: der zugeklappte Laptop, der Teller mit dem Rest Marmeladentoast darauf. Sein Kaffee und das Buch.

Das Buch!

Drei Rezensionen, und noch kein Strich getan.

Stress machte sich in ihm breit. Seiner Libido tat das alles andere als gut. Sein Penis wurde erst weich und erschlaffte dann ganz.

Ein letzter Blick zum Bildschirm, ob die Sache nicht doch noch zu einem guten Ende zu führen war, half nicht weiter – im Gegenteil. Die Bewegungen der heißen Braut wirkten nur noch mechanisch. Und nun drang auch noch das Grunzen des Mannes in sein Bewusstsein, ein lang gezogenes, nasales Stöhnen, das Gegenteil der schnellen Stöße, die der Kerl seiner Partnerin verpasste. Er musterte den Darsteller mit der Bodybuilder-Figur. Hatte der etwa Make-up aufgelegt? Und was war mit seinem Schwanz los? Ab der Mitte des Schaftes ging das erigierte Glied in eine völlig andere Farbe über. War er operiert, oder lag das an der Penispumpe, die diese Typen gerne benutzten?

Scheiße! Jetzt dachte er schon über die Genitalien anderer Männer nach. Vielleicht war es besser, sich erst mal den Rezensionen zuzuwenden.

Er zog die Boxershorts hoch und ging, ohne den Film anzuhalten, zum Frühstückstisch zurück. Er klappte den Laptop auf und öffnete das noch leere Dokument. Das Buch fasste er nicht mehr an. Stattdessen steigerte er sich mit Leidenschaft in einen Verriss, der es in sich hatte. Wassmann prügelte auf die Tasten ein wie ein Schulhofschläger auf die Brillenschlange aus der letzten Reihe. Ihm schoss wieder etwas Blut in die Lenden, aber er wollte, er konnte jetzt nicht aufhören. Er fühlte sich wie ein Inquisitor, wie der Duke von Gloucester in Der Henker von London oder wie Vincent Price in seiner Paraderolle als Der Hexenjäger. Keine Gnade zulassend, nur dem Ziel verpflichtet, das Böse auszumerzen, wo er es traf.

In knapp sieben Minuten war Wassmann mit seiner Kritik fertig und betrachtete prüfend sein Werk.

Es war gut. Es war sogar brillant.

Kurz glomm ein Funken Mitleid mit dem anonymen Autor auf, dessen Werk er hier meisterhaft in der Luft zerrissen hatte – ein Buch, von dem er nur die ersten paar Seiten kannte.

Dann nahm er doch noch das bedauernswerte Opfer seines Genies zur Hand, überflog schnell das letzte Kapitel und fügte seiner Hasstirade einige markante Stellen daraus hinzu.

Er spürte wieder einen unangenehmen Sog bei der Berührung des Buches, eine leise Ahnung der zähflüssigen Kälte von vorhin.

Wassmann beschloss, die Empfindung zu ignorieren. Zudem verhinderten die Geräusche des Pornofilms aus dem VHS-Rekorder, dass das Buch seine Aufmerksamkeit weiter besetzte. Die rothaarige Schauspielerin gab sich gerade sehr überzeugend ihrer Ekstase hin, was kurzfristig Wassmann das Leben rettete.

Er lehnte sich zurück und tastete nach seinem Gemächt. Sein Hass hatte ihm eine anständige Erektion beschert. Als er kam, kam er so heftig, dass das Kleenex, das er neben dem Laptop abgelegt hatte, nicht alles auffangen konnte. Er fingerte nach der Schachtel, um zwei weitere Tücher herauszufischen, während sich ein größerer Tropfen seines Ejakulats von der Tischkante hängend verdichtete und einem Sperma-Stalaktiten gleich in der Luft verharrte. Er fing die Wichse mit den Tüchern auf und wischte den verbleibenden Rest weg, als sein Blick das Buch streifte.

Hatte es vorhin nicht anders dagelegen?

Wassmann verdrängte den seltsamen Gedanken.

Bücher leben nicht, sagte er sich. Sie sind nur bedrucktes Papier, in den seltensten Fällen mit Gehalt gefüllte Gegenstände. Nebeneinandergestellt in einem Regal sahen sie ja vielleicht ganz dekorativ aus. Wenn man zwei Stapel machte und ein Brett darauflegte, gaben sie sogar einen passablen Tischersatz ab. Mehr war da in der Regel nicht zu holen.

Wassmann merkte, wie er anfing, an seinen Vergleichen Spaß zu haben. Bücher! Wurfgeschosse waren sie, die in einem Streit durchaus auch kleinere Verletzungen hervorrufen konnten. Papierersatz auf Containertoiletten im Wald. Bedrucktes Bastelmaterial. Tischdeckenbeschwerer!

Er sah das Buch, dem er jetzt fast mitleidige Gefühle entgegenbrachte, nachdenklich an. Dann stand er auf und schlurfte zufrieden zum Kühlschrank, um sich ein Palmnut-Bier zu holen.

Das war der Moment, als das Buch zum Angriff überging.

Scharnow

Tag X

1

Hamid überflog wenig interessiert den Sportteil des Sahsener Postillons. Hertha BSC hatte in Freiburg ein 2:2 geholt. Beim Großen Preis von Singapur startete Lewis Hamilton mit seinem Mercedes von der Pole-Position, und die Sahsener Volleyballdamen waren erfolgreich in die neue Saison gestartet.

In »Hakans Kiosk & Internetcafé«, dem Geschäft seines Onkels, war an diesem, wie so ziemlich an jedem Morgen, nicht viel los. Sein Onkel hieß eigentlich Abdal und kam wie Hamid aus Syrien, aus den Bergen nördlich von Damaskus. Doch er war der Ansicht, dass ein türkischer Name in der ostdeutschen Provinz mehr Akzeptanz erfahren würde. Hamid teilte diese Meinung nicht, behielt das aber für sich.

Im vorderen Teil, im Kioskbereich, gab es einen Verkaufstresen, umrahmt von Regalen mit Lebensmitteln und Getränken. Im hinteren Teil befand sich das Internetcafé. Hier standen fünf einfache Tische, jeder ausgerüstet mit einem Computerterminal, bestehend aus Tastatur und Monitor. Alle waren zum Ausgang hin aufgestellt, um die Privatsphäre der Kunden zu sichern.

Sein Onkel hatte Hamid nach Deutschland geholt, als es in der Heimat nicht mehr sicher für ihn gewesen war. Dafür war Hamid ihm dankbar und auch zu einigem bereit. Eigentlich arbeitete er als Betriebspraktikant im nahe gelegenen Billkauf-Markt. Heute aber hatte Abdal einen wichtigen Termin auf einem Amt in Sahsenheim. Er hatte seinen Neffen gebeten, sich den Vormittag frei zu nehmen und ihn im Laden zu vertreten.

Nach Öffnung des Ladens um neun Uhr hatte Hamid die Regale aufgefüllt und Staub gewischt. Nun war ihm langweilig. Um Deutsch zu üben, hatte er zur Zeitung gegriffen, doch seine Sprachkenntnisse wurden von den Beiträgen darin nicht sonderlich gefordert. Er sah zu dem einzigen Kunden herüber, einem Kerl mittleren Alters, der konzentriert vor seinem Terminal saß. Irgendetwas an ihm erregte Hamids Aufmerksamkeit. Er wirkte so, als wäre er gerade dabei, etwas zu tun, was er lieber nicht tun sollte.

Unter dem Vorwand, die Zeitung zurück ins Regal zu legen, näherte sich Hamid und stieß dabei gegen einen der Tische. Erschrocken sah der Mann auf. Noch bevor Hamid einen Blick auf den Bildschirm werfen konnte, war das geöffnete Fenster darauf verschwunden und ein anderes an dessen Stelle gerückt.

»Kann ich Ihnen etwas bringen?«, fragte Hamid verlegen. »Einen Kaffee vielleicht?«

So unauffällig wie möglich lugte er dabei an dem Mann vorbei auf den Bildschirm. Dort war ein Forum für Hautkrankheiten zu sehen. Der Mann starrte ihn verärgert an. Er saß auffallend schräg auf seinem Stuhl, als hätte er ein Problem mit seinem Hintern.

»Nein, danke. Ich bin hier gleich fertig!«

Hamid ging zum Tresen zurück. Er wusste, dass es auf dem Geschäftscomputer eine illegale Software gab, mit der er den Terminal des Kunden anzapfen und dessen Browserverlauf anschauen konnte. War der Vorgang wirklich illegal? Die Computer gehörten schließlich dem Laden. Hamid waren die Spitzfindigkeiten der deutschen Gesetzgebung ein Rätsel.

Er fand die Software ohne Probleme. Sie war ungetarnt, ganz lapidar als Customer Check auf dem Desktop des Hauptcomputers abgelegt. Hamid öffnete das Programm und sah verstohlen zu dem Mann herüber, während er das Symbol für dessen Terminal anklickte. Das erste Fenster öffnete sich. Ein Forum, in dem sich Leute über Furunkel austauschten. Der Kunde war gerade dabei, sich durch die Kommentare zu scrollen, von denen die Seite insgesamt achtundsiebzig verzeichnete. Scheinbar gab es zu dem Thema einiges zu sagen.

Hamid sah auf den Verlauf und erkannte sofort, warum der Mann so erschrocken reagiert hatte. Die weggeklickte Seite war verzeichnet als xxx-online-strip.com/chantal.

Das Surfen auf Sex- und Glücksspielseiten war in Internetcafés allgemein nicht gestattet. Normalerweise waren auch die meisten Suchbegriffe dafür gesperrt. Hamid wusste das, aber er hatte keine Lust, sich als Sittenwächter aufzuspielen. In diesem Land drehte sich alles um Sex und Geld. Warum also sollten arme Schweine, die keinen eigenen Computer besaßen, nicht auch daran teilhaben dürfen? Hamid war muslimisch erzogen, doch er wollte kein moralisches Urteil über die Sitten des Landes fällen, das ihn aufgenommen hatte.

Er betrachtete wieder den Kunden und musste plötzlich an seinen Vetter Schalim denken. Der hatte einmal ein eingewachsenes Haar am Gesäß gehabt, das furchtbar zu eitern begann. Die stolzen Männer in seiner Familie gingen wegen eines Pickels nicht zum Arzt. Die Stelle wurde jedoch immer schlimmer, und am Ende blieb ihnen nichts anderes übrig, als Schalim mit der Ambulanz in ein Krankenhaus zu verfrachten. Die Ärzte beschlossen zu operieren. Die Haut war an der Stelle so sehr angeschwollen, dass sie den Pickel mit einer Schere aufschneiden mussten. Drei Schnitte. Ein regelrechtes Blutbad. Hamid hatte es mit angesehen.

Er erinnerte sich noch an die furchtbare Sauerei, aus der ein sehr langes, sehr dickes Haar herausquoll. Die Wunde zu verbinden war ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Sein bedauernswerter Vetter hatte danach ein paar Wochen auf dem Bauch schlafen müssen. Obwohl, so richtig zu bemitleiden war Schalim dann auch wieder nicht gewesen. Hamid dachte an die Köstlichkeiten, die seine Mutter und seine Tanten für den Bettlägerigen zubereitet hatten, auf dass er schnell genesen möge. Frische Datteln, heiße Kichererbsensuppe oder Kataif-Pfannkuchen. Dazu hatte es herrlichen, süßen Tee gegeben. Das Haus war mit den wunderbarsten Gerüchen angefüllt gewesen. Und wenn die Küche einmal pausierte, wehte eine frische Brise den betörenden Duft des Gartens in die Stube. Ständig versammelten sich Familienmitglieder am Bett des Kranken, lasen ihm aus dem Koran oder alter Dichtung vor, erzählten Geschichten von der Arbeit oder aus der Stadt. An manchen Abenden spielte sein Vater für den Kranken traditionelle Lieder auf der Ud, die er zu diesem Anlass hervorgekramt hatte.

Hamid konnte sich gut daran erinnern, wie er Schalim regelrecht um dessen Verletzung beneidet hatte.

Zwei Dinge brachten ihn unvermittelt in die Gegenwart zurück: Die Glocke am Eingang des Ladens schellte, und der Pickelmann nieste in einer beängstigenden Lautstärke. Hamid sah unwillkürlich zu ihm hinüber, dann wandte er sich der Tür zu. Doch wer oder was auch immer den Laden gerade betreten hatte, war bereits am Tresen vorbeigehuscht. Hamid konnte nur noch schwarze Haare und eine rote Kappe erkennen.

Mit einem Mal war ihm nicht mehr langweilig. Er stellte sich auf die Zehenspitzen, um einen Blick auf das fremde Wesen zu erhaschen, das hinter den Lebensmittelregalen herumraschelte. Dann trat er lautlos hinter dem Tresen hervor und schlich sich langsam näher.

Da war sie.

Es war eine sie. Hamid war lange genug in dieser Gegend und sich relativ sicher, dass kein männlicher Teenager sich hier so kleiden würde. Das Mädchen stand mit dem Rücken zu ihm gebückt vor dem Süßigkeitenregal. Sie war zierlich, was ihre klobigen Schuhe noch unterstrichen. Sie trug einen kurzen schwarzen Rock und schwarz-weiß gestreifte Strümpfe, die einen winzigen Streifen Haut bis zum Rock frei ließen.

Als Hamid das bemerkte, senkte er den Blick.

»Habt ihr hier Rotwein?«, fragte sie, ohne sich umzudrehen.

Ihre Stimme war weich und ein bisschen dunkel. Etwas daran berührte Hamid, der es aber weiter vermied, sie anzuschauen.

»Wir führen keinen Alkohol. Tut mir leid.«

»Schade. Na dann!« Das Mädchen wischte an ihm vorbei.

Hamid sah kurz zu Tisch Nr. 14 – aus unerfindlichen Gründen hatte sein Onkel die fünf Tische mit den Nummern 10 bis 14 gekennzeichnet –, wo der Pickelmann unbeirrt auf den Bildschirm starrte. Dann blickte er wieder zu der Stelle, wo das Mädchen eben noch herumgeraschelt hatte. Im Regal lagen kleine, in Zellophan eingepackte Cremerollen.

Eine fehlte.

Da er die Regale erst vor einer Stunde befüllt hatte, sah er das sofort. Er ging der jungen Frau nach und fand sie vor dem Ständer mit den Snacks. Sie stand ihm halb abgewandt und studierte mit schräg gelegtem Kopf die Geschmacksangaben auf den Tüten. Als sie ihn bemerkte, drehte sie sich ihm zu und ihre Blicke trafen sich.

»HAAAATSCHOOOH!«

Obwohl es zum zweiten Mal passierte, war Hamid auf die Explosion, noch dazu direkt hinter ihm, nicht vorbereitet. Aus einem Reflex heraus fuhren seine Hände nach oben und umfassten Schutz suchend seinen Kopf. Vorsichtig drehte er sich um.

»Ich nehme doch einen Kaffee!«, sagte der Pickelmann, der nun einen halben Meter entfernt am Tresen lehnte und in sein Taschentuch starrte.

Hamid ließ die Arme sinken und atmete seufzend aus. Der Mann steckte das Taschentuch in seine rechte Hosentasche, kramte aus der linken einen Fünf-Euro-Schein hervor und wedelte damit in Hamids Richtung.

»Schwarz, mit Zucker! Und hast du ein Kissen für mich? Eure Hocker sind auf Dauer ziemlich hart.«

»Klar, einen Moment.«

Hamid ging zum Kaffeeautomaten, setzte ihn in Betrieb und kramte neben dem Kühlschrank das fusselige Sitzkissen eines Gartenstuhls hervor.

»Geht das?«

»Geht, danke!«

Er füllte eine Tasse mit Kaffee und schob sie über den Tresen. »Rechnen wir ab, wenn Sie fertig sind!«

Der Mann steckte den Schein wieder ein, nickte Hamid lächelnd zu, nahm drei Löffel Zucker und ging mitsamt Kaffee und Kissen an seinen Platz zurück.

Da ertönte erneut die Glocke der Ladentür. Hamid schaute hinüber. Niemand.

»Verdammt!«, entfuhr es ihm. Er eilte um den Tresen herum zum Eingang, trat hinaus und sah sich in alle Richtungen um.

Vergeblich. Sie war weg.

Sein Blick suchte den Ständer mit den Snacks ab. Es schien keine Tüte zu fehlen. Seufzend ging er zurück zum Tresen, wo er feststellte, dass das Customer-Check-Programm noch lief.

Er wollte es gerade schließen, als die Seite, die nun auf dem Computer des Kunden geöffnet war, seine Aufmerksamkeit erregte. Der Mann hatte das Forum für Hautkrankheiten verlassen und sich in einen Chatroom eingeloggt. Dieser gehörte zu einer Dating-Seite, war als privat gekennzeichnet und möglicherweise durch ein Passwort geschützt. Kein Problem für Abdals Spionage-Software.

An dem Chat nahmen insgesamt drei Personen teil, die sich HeidEgg, WiSta88 und Paradieser nannten.

Bei HeidEgg schien es sich um den Pickelmann zu handeln, denn Hamid konnte das Klappern seiner Tastatur hören, als die Konversation ihren Anfang nahm.

HeidEgg: Hallo zusammen. Ist alles vorbereitet?

WiSta88: Na klar. Schon seit einer Weile. Auf uns ist Verlass. Auf Sie auch?

Paradieser: Hallo, HeidEgg. Wir sind startklar. Wo finden wir die Informationen?

HeidEgg: Ein Foto des Zielobjekts und die Beschreibung seines Aufenthaltsorts habe ich unter dem Link asylum.oahest.ru/ugfr/saya hinterlegt. Das Passwort ist MausBiber12_z. Achten Sie darauf, dass Ihre Verbindung sauber ist. Und führen Sie den Auftrag möglichst noch heute aus.

Hamid stutzte. Der Ton dieses Austauschs passte gar nicht zu dem Bild, das der Pickelmann bisher in seinen Augen abgegeben hatte.

WiSta88: Zerbrechen Sie sich nicht unseren Kopf, HeidEgg. Wir kümmern uns darum. Hoffe, dass Ihr Link sauber ist.

Hamid fixierte über seine Konsole hinweg den Pickelmann. Die Unterhaltung klang nach einer Verabredung zu einem Anschlag. Aber welche Art von Anschlag? Ein Attentat? Der Mann wirkte auf ihn eigentlich nicht wie der Auftraggeber eines Attentats. Andererseits war in diesem Land alles anders, vermutlich also auch das Aussehen der Hintermänner von Auftragskillern. Was wusste er schon?

Paradieser: WiSta88, ich checke die Infos und melde dir per SMS, wo wir uns gleich treffen. In Ordnung?

WiSta88: In Ordnung. Muss es so schnell gehen?

HeidEgg: In diesem Fall zählt jede Minute. Sie wissen ja, was auf dem Spiel steht.

Paradieser: Wir erledigen das. Keine Sorge.

WiSta88: Ja, gut. Paradieser, ich …

»Ich hätte gern noch einen Kaffee.«

Der Pickelmann war so plötzlich vor dem Tresen erschienen, dass Hamid für einen Moment die Fassung verlor. Der Mann sah erst ihn, dann den Geschäftscomputer mit forschendem Blick an. Mit einem Tastenklick beendete Hamid hastig das Customer-Check-Programm.

»Einen Kaffee?«, wiederholte er so unschuldig wie möglich. »Kommt sofort!«

Er ging zum Kaffeeautomaten hinüber, als ihn ein Geräusch herumfahren ließ. Der Pickelmann hatte den Computerbildschirm zu sich gedreht.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte Hamid mit zittriger Stimme, die eigentlich fest klingen sollte.

»Nein, danke. Das heißt …« Der Mann sah Hamid mit ausdrucksloser Miene an. »Wo bleibt denn nun mein Kaffee?«

»Bin dabei.«

Hamid wandte sich dem Kaffeeautomaten zu, ohne den Mann aus den Augen zu lassen, und drückte den Knopf für schwarzen Kaffee. Nach dem lauten Geräusch des Mahlvorgangs floss heiße Brühe aus der Maschine.

»Fehlt da nicht was?«

Hamid schaute auf den Automaten und sah, dass sich die Flüssigkeit direkt in die Auffangschale ergoss. Eine Tasse! Verdammt!

»Entschuldigung, ich mach gleich einen neuen!«

»Vergiss es!«

Der Pickelmann befand sich schon wieder auf dem Weg zu seinem Terminal. Den Monitor hatte er einfach schräg stehen lassen. Hamid kam das auf unbestimmte Art bedrohlich vor. Doch er wusste nicht, was er tun sollte, also machte er erst mal einen neuen Kaffee. Diesmal mit Tasse.

Mit dem fertigen Getränk ging er Richtung Kundentisch. Im Vorbeigehen schob er den Monitor zurück in seine Position, schnappte sich Zucker und einen Löffel und stellte alles neben dem Terminal ab, an dem der Pickelmann saß.

»Geht aufs Haus«, sagte er unsicher, lugte kurz über den Kopf des Mannes hinweg auf den Bildschirm und sah, dass der Internetbrowser geschlossen war.

»Danke!«

Der Pickelmann stand seufzend auf. Er fischte seinen Fünf-Euro-Schein aus der Hosentasche und legte ihn so auf die Tasse, dass der Kaffee damit abgedeckt wurde.

»Stimmt so. Bis dann.«

Hamid wich unwillkürlich beiseite, als der größere Mann an ihm vorbeiging. Neunzig Minuten Internet plus Kaffee kosteten mehr als fünf Euro, aber Hamid hatte keine Lust, die Sache mit diesem zwielichtigen Kerl zu diskutieren. Nachdem sich die Tür geschlossen hatte, verspürte Hamid eine gewisse Erleichterung. Er nahm den Geldschein und trank nun selbst den Kaffee.

Da durchzuckte ihn ein Gedanke.

Er hastete, den Eingang im Auge behaltend, zum Tresen zurück und öffnete noch einmal das Customer-Check-Programm. Er klickte auf Terminal 14 und ging zum Verlauf. Da war nichts. Rein gar nichts.

Die Chronik der letzten Sitzung war komplett leer, gerade so, als hätte es nie eine Sitzung gegeben.

2

Was war das für eine verdammte Scheißidee gewesen?

Seit zwanzig Minuten schon schimpfte Trotsky vor sich hin.

»Trotsky, du Idiot! Da geh ich in diese beschissene Internetklitsche am Arsch der Heide, nur um nicht aufzufallen, und dann kriegt der Jungspund vom Tresen plötzlich Spaß am Spionieren?! Fuck! Fick Fuck Doppelkack!«

Er unterbrach seine Litanei, um am Eingang des Hauses 38b bei der Praxis von Dr. Brunner zu klingeln. Plötzlich überfiel ihn wieder der Drang zu niesen. Er fummelte das zerknüllte Taschentuch hervor und brachte es gerade noch vor der Eruption an seine Nase. Wieder Blut!

Mit einem Summen öffnete sich die Tür. Er atmete einmal tief durch, steckte das Taschentuch zurück in die Hosentasche und schüttelte die aufkeimende Beunruhigung ab.

Eigentlich war doch alles gut gelaufen.

Die Texte im Chat mit den beiden Idioten vom Bund skeptischer Bürger waren eher unverfänglich gewesen. Das Wesentliche, die Angaben für den Anschlag, hatte er verschlüsselt auf einer eigens dafür gemieteten Website in Russland deponiert, die nach einmaligem Abruf nicht mehr existieren würde. Die Adresse war zu kompliziert, als dass der Junge vom Internetcafé sie sich hätte merken können. Die Typen vom BsB hatten mit Sicherheit schon die Website besucht. Falls der angebotene Service hielt, was er versprach, sollten die Informationen inzwischen zusammen mit der Seite verschwunden sein.

Er würde sich jetzt erst mal um seine Gesundheit kümmern. Am Abend war dann genug Zeit, in aller Ruhe zu überprüfen, ob die Wutbürger vom BsB nicht nur Schaumschläger waren. Es machte Trotsky keinen Spaß, mit rechten Verschwörungstheoretikern zusammenzuarbeiten. Aber wenn diesen Deppen tatsächlich ein erfolgreiches Attentat gelang, würde das die Weltenlenker mal so richtig aufschrecken. Und die Drecksarbeit hätten andere für ihn übernommen. Wunderbar. So konnte er in Ruhe seinen nächsten Zug planen.

Trotsky betrat die Praxis und ging zum Empfangsbereich. Die Arzthelferin saß über einen Anmeldebogen gebeugt und telefonierte. Er sah nichts weiter als ihren dichten, goldblonden Haarschopf. Er nahm die Versicherungskarte aus seiner Brieftasche und legte sie auf den Empfangstresen. Eine feingliedrige Hand mit perfekt gefeilten Nägeln griff danach. Dann legte die junge Frau das Telefon zur Seite, hob den Kopf und sah ihn an.

»Herr Märse, der Arzt hat gleich Zeit für Sie.«

Trotsky stockte der Atem.

Die Lippen, die ihn mit dem Namen seines Mitbewohners ansprachen, waren perfekt. So elegant geschwungen wie die Linien am Kopf einer griechischen Statue, eingerahmt von zwei sensationellen Grübchen, die nicht nur attraktiv waren, sondern auch auf einen fröhlichen Charakter schließen ließen. Ihre Augen hatten die Farbe eines exotischen Meeres, in dem er sofort zu ertrinken drohte. Sie war zur Begrüßung aufgestanden. Er liebte große Frauen.

»Ich zeige Ihnen die Warte-Lounge.«

Dieses Wahnsinnsgeschöpf war vor einer Woche noch nicht hier gewesen. Sie hieß Sabrina, verkündete das Namensschild an ihrem ausladenden Vorbau. Warum stand da nur ein Vorname? Oder gab es vielleicht Menschen, die mit Nachnamen Sabrina hießen?

»Gehen Sie nachher mit mir etwas trinken?«, fragte Trotsky nicht, obwohl er genau das dachte.

»Danke«, dachte er nicht, sagte es aber.

Über der Tür zum Wartezimmer stand tatsächlich »Lounge«. Sabrina schenkte ihm ein warmes Lächeln, drehte sich mit einem lässigen Schwung, der ihre goldenen Haare wie in einem dieser kitschigen Shampoo-Werbespots durch die Luft wirbeln ließ, und ging Richtung Empfang zurück. Ungeniert stierte er auf ihren perfekten, sich entfernenden Hintern. Ein frischer Duft umwehte seine Nase.

Das war kein Parfüm. Diese Frau roch von sich aus wie ein Engel.

Er ging zu einem Stuhl und setzte sich. Augenblicklich durchfuhr ihn ein stechender Schmerz. Das Ding an seinem Hintern hatte er fast vergessen. Trotsky verlagerte sein Gewicht genervt auf die unversehrte Pobacke. Im Netz hatte er nicht viel finden können, außer dass der wahrscheinlichste Grund für dieses dicke, eitrige Gewächs ein südafrikanischer Parasit war, der sogenannte Medinawurm.

Als wäre er je in Südafrika gewesen. Lächerlich!

Männer wie er wurden von atomaren Waffen durchlöchert, in Vulkane geworfen oder von außerirdischen Amazonen in Fetzen geliebt. Sie wurden definitiv nicht von einem exotischen Wurm zu Tode geeitert. Um sich abzulenken, dachte Trotsky wieder an Sabrina, und tatsächlich besserte sich seine Laune umgehend. Er sah sich in der Lounge um.

Erdfarbene Stoffe an dezent beleuchteten Wänden. Zeitlos moderne, bequeme Möbel. Pflanzen, ein Aquarium, ein Brunnen. Ja verdammt, ein BRUNNEN! Daneben lagen fein geordnet zwischen Wasserspender und Espressomaschine Magazine für jeden Intellekt und Geschmack. Es gab sogar Comics! Vermutlich nannte man sie in solch gediegener Umgebung »Graphic Novels«, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass sie den ohnehin schon gut ausgerüsteten Warteraum zu einem unfassbar gut ausgerüsteten Warteraum machten. Diese Praxis wollte, dass man gerne wiederkam. Außerdem bestätigte sie das, was Trotsky sich in letzter Zeit öfter gedacht hatte. Nirgendwo war die Schere zwischen Arm und Reich so deutlich zu sehen wie in den Arztpraxen der Republik. Als Trotsky noch pflichtversichert war, hieß es höchstens: »Der Nächste, bitte!« Oder eine Nummer blinkte auf einem Display über einer grauen Tür – ein Aufruf, den man unweigerlich verpasste, wenn man zufällig gerade auf der Toilette war. Bei Dr. Brunner dagegen wurde er auf dem Laufenden gehalten. Und das von Sabrina.

Er sah sich die Mitwartenden an. Außer ihm waren da nur noch zwei weitere Personen, eine Frau mittleren Alters und ein junger Mann. Beide waren deutlich besser angezogen als er und mit dem Lesen einer Illustrierten (sie) respektive dem Mobiltelefon (er) beschäftigt.

Eigentlich gehörte Trotsky nicht hierher. Ein alter Schulfreund, Peter Märse, der sich inzwischen als Erotik-Tänzer verdingte und den er vor Kurzem kontaktiert hatte, hatte Trotsky vorübergehend bei sich aufgenommen und ihm auch gleich die Karte seiner privaten Krankenversicherung in die Hand gedrückt, damit er sich mal richtig durchchecken lassen konnte. Tatsächlich hatten sich bei Trotsky in letzter Zeit ein paar Symptome gehäuft. Mit Schwindel und Wahrnehmungsstörungen hatte es angefangen. Danach kamen anhaltende Kopfschmerzen. Natürlich gab es in seinem Leben genug Anlässe, sich einen Dauerkopfschmerz zu holen. Er schlief zu wenig. Trank nicht genug Wasser. Grübelte sehr viel. Prügelte sich ständig. Schmerz war seit Jahrzehnten sein treuester Begleiter. Wie viele Schläge hatte er schon einstecken müssen?

Alleine die Bergmutation musste mindestens fünftausend Mal auf ihn eingedroschen haben. Und das war nichts gegen die Peitschenhiebe Tormentors, den eisernen Headlock von Screw oder den Höllenhammer des Übermenschen. Jeder Schlag hatte eine Geschichte, kam von einem Gegner, der seine Knochen und seinen Willen hatte brechen wollen. Keinem seiner Widersacher war das gelungen. Am Ende war Trotsky immer Sieger geblieben.

Tatsächlich hatten seine außergewöhnlichen Sinne auf dem Weg zur Praxis von Dr. Brunner in der Ferne einen Tumult wahrgenommen. Das kam davon, wenn man im Freien unterwegs war. Er hatte dem Impuls widerstanden, der Unruhe auf den Grund zu gehen, war stattdessen mit dem Bus einen Umweg gefahren. Heute würde die Polizei sich darum kümmern müssen.

Und nun ging er in diesem traumhaften Wartezimmer zum Wasserspender und goss sich einen Becher voll, den er hastig leerte. Selbst das Wasser schmeckte hier anders. Er hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch nie klares Wasser getrunken, das überhaupt irgendeinen Geschmack hatte. Er füllte den Becher ein zweites Mal und genoss es, hier zu sein. Der Brunnen plätscherte, das Aquarium summte, begleitet vom Planschen einiger sündhaft teurer Miniaturkarpfen, die Zimmerpflanzen wogten sachte im Wind der lautlosen Klimaanlage, und da war natürlich noch …

Sabrina.

»Der Doktor hat jetzt Zeit für Sie, Herr Märse!«

Er bedankte sich artig und folgte seinem weißen Engel.

Die junge Frau führte ihn durch einen schmalen Gang, vorbei an akkurat aufgehängten Bildern mit surrealen, kubistischen Formen darauf. Trotsky mochte keine moderne Kunst. Zu viel Erklärung, zu viel Pose, ohne Relevanz für sein Leben. Für ihn kam Kunst von Können und einer möglichst naturgetreuen Wiedergabe der Wirklichkeit. Er empfand abstraktes Gekritzel auf Leinwand nicht als interessant oder wild, sondern nur als gewollt.

»Wunderbar, nicht wahr?«, schwärmte Sabrina. »Unser Chef ist ein angesehener Sammler.«

Trotsky kam sich mit einem Mal sehr hinterwäldlerisch vor.

»Ich verstehe nicht viel von Kunst …«, stammelte er.

»Ich auch nicht«, kicherte sie, »aber nicht weitersagen!«

Trotsky zog die Möglichkeit in Betracht, sich zu verlieben.

Sie öffnete eine Tür zwischen den Bildern, die er jetzt erst bemerkte.

»Da sind wir. Bitte treten Sie ein, Peter. Doktor Brunner ist in wenigen Sekunden bei Ihnen.«

Sie hatte ihn mit Vornamen angesprochen. Dass es nicht sein richtiger war, machte die Sache kompliziert, aber das sollte seinem Glück nicht im Wege stehen. Er nickte verunsichert.

»Bis später!«, verhieß sie ihm und ließ ihn allein. Ihr Lächeln schwebte noch einen Moment lang im Raum. Er nahm es an sich, wärmte sich daran und beschloss, sie beim Verlassen der Praxis nach ihrer Telefonnummer zu fragen.

Eine tiefe Männerstimme unterbrach ihn in seinen Gedanken.

»Herr Märse, nehmen Sie doch Platz.«

Doktor Brunner war ein braun gebrannter Mittsechziger, dessen Frisur davon zeugte, dass er erstens stolz auf sein immer noch volles, wenn auch inzwischen schlohweißes Haupthaar war und zweitens seine große Zeit ganz offensichtlich in den 1970ern zugebracht hatte.

Sein Lächeln war freundlich, professionell. Nachdem Trotsky ihm gegenüber Platz genommen hatte, schlug der Arzt eine hellgraue Mappe auf, in der einige lose, bedruckte Blätter lagen, auf denen Trotsky kleine, mit Kugelschreiber geschriebene Haken und Vermerke erkennen konnte. Dr. Brunner schaute mit gerunzelter Stirn auf die Blätter, als suche er den entscheidenden Hinweis, um die Konversation zu beginnen. Dann legte er seine Hände, die Finger gespreizt, auf die Unterlagen und sah sein Gegenüber ein paar Sekunden lang ernst an, bevor er zu sprechen begann.

Er hatte Trotsky nichts wirklich Gutes mitzuteilen.

3

Leukämie!

Nicht therapierbar!

Sechs Wochen noch!

Scheiße!

Trotsky verließ die Praxis wie in Trance. Sabrinas Nummer interessierte ihn nicht mehr. Er wollte verstehen, aber er wusste nicht, wie. Er wollte etwas tun, doch er wusste nicht, was. Gegenüber vom Ärztehaus lag die Bushaltestelle, an der er ausgestiegen war und an der jetzt ein paar Leute standen. Dahinter sah er eine leere Schuttfläche. Die perfekte Abflugrampe.