Schatten am See - Barbara von Becker - E-Book

Schatten am See E-Book

Barbara von Becker

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Beschreibung

In ihrem schönen Haus am Gardasee möchte die Berliner Kunsthistorikerin Clara Mahler im beginnenden Frühling ein Buch schreiben. Doch die Idylle wird schnell zum Ort unerwarteter Turbulenzen. Claras alter Freund Fridolin Merseburger hat in einem Nachlass ein Bild aus Italien gefunden, das seine Neugier weckt. Beide beginnen eine detektivische Suche nach der Herkunft des Bildes, die sie bis in die Zeit der "Republik von Salò" führt. Ein wagemutiger Antimafia-Journalist aus Mailand und Immobilienspekulanten geraten ins Geschehen, die italienische Traumlandschaft zeigt Risse. Was aber bei allen Geheimnissen rund um den See stets bleibt, ist die sinnliche Kraft von "Bella Italia".

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EPUB

Seitenzahl: 386

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Barbara von Becker

Schatten am See

Roman

LangenMüller

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www.langen-mueller-verlag.de

© für die Originalausgabe und das eBook:

2013 LangenMüller in der

F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten.

Schutzumschlag: Wolfgang Heinzel

Motiv: picture-aliance, Frankfurt

Satz und eBook-Produktion:

Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

www.Buch-Werkstatt.de

ISBN 978-3-7844-8145-6

Prolog

Der schlanke, dunkellockige junge Mann ging gedankenverloren durch die halb leeren Zimmer der kleinen Villa. Neben dem schon mit einem Wollplaid abgedeckten Flügel blieb er stehen. Er klappte den Deckel auf und schlug flüchtig ein paar Töne an. Ein wehmütiges Lächeln spielte kurz um seinen Mund. Dann ging er zum Fenster und sah auf den See, der sich im Dunst der leichten Herbstnebel bis ins Unendliche fortzusetzen schien.

Neben dem Flügel lehnten Bilder, nach ihrer Größe gestaffelt, an der Wand. Er bückte sich nach dem ersten und kleinsten, hob es auf und betrachtete es lange. Dann stellte er es abrupt, als ob er sich plötzlich verbrannt hätte, mit der Vorderseite zur Wand gedreht, wieder ab, so als könne er dadurch die Schatten der Erinnerung verscheuchen. Er blickte wieder auf den See, aber die Bilder in seinem Kopf ließen sich nicht vertreiben.

Er sah sich als Kind an der Hand seiner Mutter lange Korridore entlanggehen, vorbei an großen Gemälden mit gewalttätigen Szenen aus der Bibel und der Geschichte, die ihm Angst einflößten. Er sah, wie die Flügeltür zu einem hell erleuchteten Saal voller prächtig gekleideter Menschen sich öffnete, wie sein Vater ihn herbeiwinkte, er sich vor allen einzeln verbeugen musste, um dann von einem Diener wieder hinausgeführt zu werden. Er sah seine schöne, hochgewachsene Mutter, wie sie Stunden am Flügel verbrachte, eine Flucht in ihre eigene Welt der Töne, während sein Vater mit Geschäftsfreunden im anderen Trakt des Palastes feierte.

Er erinnerte sich an die schluchzenden Dienstmädchen, als er zusammen mit seiner Mutter den Palazzo verließ, um in die letztlich sehr viel gemütlichere charmante alte Villa zu ziehen. Er erinnerte sich bitter an die seltenen Besuche seines Vaters, an die heftigen Diskussionen, bei denen er versucht hatte, eine Antwort auf seine Fragen nach Schuld und Verantwortung zu bekommen.

Tempi passati! Schluss damit! In seiner Brusttasche steckte das Ticket nach Los Angeles. Ein Mitarbeiter des Auktionshauses würde heute Nachmittag den Abtransport der Möbel und Kunstgegenstände überwachen. Er selber hatte vor, mit leichtem Gepäck zu reisen.

1

Clara atmete tief durch. Es war so gut wie geschafft. Der letzte der ziemlich genau tausend Kilometer lag vor ihr. Von der viel befahrenen Küstenstraße, die von Riva bis Salò am westlichen Ufer des Lago di Garda entlangführte, bog sie nach rechts ab. In langen Kurven zog sich die Straße steil den Berg hinauf. Clara schaltete zurück in den zweiten Gang. Jetzt die letzte Serpentine. Jedes Mal wieder spürte sie in ihrem Bauch ein Kribbeln, wenn die ersten Häuser des Dörfchens vor ihr auftauchten, die Dächer gedeckt mit alten Ziegeln in verschiedenen warmen Rottönen. Wie vor einem Rendezvous, dachte Clara. Diese Erwartung, die Vorfreude, gemischt mit einem Schuss Skepsis, ob wirklich alles wieder so sein würde, wie sie es in Erinnerung hatte.

Geradeaus verengte sich die Straße. Die Häuser standen ohne davorgebaute Treppenabsätze oder Gehsteige mit ihren rauverputzten Mauern direkt bis an die Fahrbahn. Obwohl Tempo 30 vorgeschrieben war, preschte ein Motorradfahrer in Kamikazemanier an Clara vorbei und in die scharfe Linkskurve, weiter bergauf nach San Rocco.

Nun war sie schon auf Höhe der Eisdiele. Mit ihrem spitzgiebeligen Vordach sah sie aus wie eine Tiroler Almhütte. Sie passte überhaupt nicht in die südliche Landschaft. Obwohl die Aprilluft am frühen Abend noch kühl war, konnte das einige Gäste nicht davon abhalten, ihr Eis draußen vor dem Haus zusammen mit der spektakulären Aussicht auf den See zu genießen.

Weiter ging es bergan und nach zwei Kurven aus dem Ort hinaus. Nach etwa hundert Metern endete die asphaltierte Straße und ging in einen Schotterweg über. Clara fuhr noch langsamer, darauf bedacht, dass die wilden Brombeerranken links und rechts nicht den Lack des Autos zerkratzten. In einer Staubwolke und vom Geräusch wegspritzender Steinchen unter den Rädern begleitet, kam ihr ein großer schwarzer Geländewagen in hohem Tempo entgegen. Clara versuchte, ihren Fiat im Rückwärtsgang zu der gerade passierten winzigen Ausweichstelle zu manövrieren, als der SUV auch schon ohne seine Geschwindigkeit zu vermindern oder ein Zeichen des Danks an ihr vorbeigerauscht war.

Durch die dunkel getönten Scheiben konnte sie nur schemenhaft den Fahrer erkennen. Clara saß einen Augenblick bewegungslos hinter dem Steuer. Das hatte sie in den fünfzehn Jahren auf ihrem Berg noch nicht erlebt. Wer fuhr hier solche Autos? Im Schritttempo chauffierte sie weiter, wie benommen von dieser selbstverständlichen Demonstration des Rechts des Stärkeren. Nach der nächsten Biegung tauchte der weitläufige Olivenhain des Nachbarn Camposilva vor ihr auf und dahinter, nach einer letzten kleinen Steigung konnte man es sehen: in warmem terrakottafarbenen Veroneser Rot gestrichen, das letzte Haus in der Via Collina, La Casa Mahler.

Nach fünf Monaten rauem Berliner Winter konnte es Clara jedes Mal kaum glauben, dass dieser südliche Zufluchtsort nicht nur in ihren Fantasien existierte. Als Leo und sie vor fünfzehn Jahren bei einer Wanderung über dem Gardasee das Schild »Vendesi«– »Zu verkaufen«– am Gartentor entdeckt hatten, waren sie beide sofort bezaubert gewesen von dem Panorama, das sich ihnen bot: das weite Rund des in seiner Südhälfte eher wie eine große Bucht des Mittelmeers wirkenden Sees, die gegenüberliegenden sanften Hügelketten, an die sich das Hafenstädtchen Torri schmiegte, die Spitze der Halbinsel von Sirmione bis zur Isola del Garda vor dem im Abendlicht glühenden Felsen von Manerba.

Clara lenkte ihren Fiat in den Laubengang der Einfahrt. Noch war er winterlich kahl. Doch bald schon würden die lila Trauben der Glyzinienblüten und danach das hellgrüne dichte Blattwerk den »viale«, wie in Italien so eine kleine Bogenallee genannt wurde, in einen lichten Dom verwandeln. Müde von der langen Fahrt stieg Clara aus dem Auto. Aber die vergleichsweise milde Abendluft hatte eine belebende Wirkung. Sie nahm ihren Rollkoffer und die schwere, mit Büchern vollgestopfte Reisetasche. Das Schloss des weißen Gittertors klemmte. Wahrscheinlich hatte es sich über den Winter hin verzogen. Nach kräftigem Druck sprang es auf. Clara zog ihr Gepäck den Weg zum Haus hinauf. Da war sie, die Magnolie! Mit der Verheißung dieses Anblicks hatte sie sich bei den windigen Regengüssen auf der Autobahn bis zum Brenner bei Laune gehalten. Ein Blütenzauber aus Zartrosa und Magenta.

Die kleine Villa war ursprünglich ein einfaches Bauernhaus gewesen. Drei Sommer lang hatten die Mahlers dort auf einer Baustelle gelebt, denn die zwei ursprünglich winzigen Schlafzimmer und der enge Wohnraum entsprachen nicht Claras Vorstellungen vom gastlichen Leben mit Kindern und einer wechselnden Schar von Freunden. So wurde für den riesigen rustikalen Esstisch, den Clara als Erstes angeschafft hatte, im Untergeschoss, der ehemaligen Cantina, ein großer Raum gebaut, der am einen Ende in eine offene Küche überging, am anderen in eine große Terrasse zum Garten mündete. Unterm Dach fand sich Platz für den Ausbau einer von dicken Holzbalken getragenen Mansarde, in der es allerdings im Sommer empfindlich heiß werden konnte.

Clara schloss die Eingangstür auf. Vorgestern hatte sie noch von Deutschland aus Bentivoglios, ihre italienischen Nachbarn, gebeten, die Heizung im Haus anzustellen. Es war den ganzen Winter hindurch unbewohnt gewesen. Erfahrungsgemäß dauerte es mehr als einen Tag, bis die Kälte auch eines italienischen Winters aus den Mauern vertrieben war. Wohlige Wärme empfing Clara, als sie in die kleine Diele trat. Umsichtig hatte Signor Bentivoglio alle Heizkörper geöffnet und den Thermostat auf zwanzig Grad gestellt. Clara ging in das nun als Studio genutzte ehemalige kleine Wohnzimmer und zog den schweren Holzrollladen hoch. Sie öffnete die Balkontür, die auf eine überdachte Veranda hinausführte, und stützte die Arme auf die Brüstung.

Es dämmerte bereits, und die Konturen des südlichen Sees verschwammen in sanftem Dunst. Nur die Punta San Vigilio mit dem eleganten kleinen Palazzo des Humanisten Agostino Brenzone aus dem 16.Jahrhundert war gut zu erkennen. Schon immer hatte Clara die Silhouette der am Ende lang gestreckt in den See abfallenden Halbinsel an ein schlafendes Krokodil erinnert. Gerade sprang die Beleuchtung der gegenüberliegenden Uferstraße an. Eine gleichmäßige Perlenschnur zog sich von den ersten Häusern von Torri del Benacos den See entlang, bis sie dem Blick entschwand.

Clara fröstelte. Es war gleich halb sieben, und die Abendluft kühlte merklich ab. Besonders in den Nächten spürte man die Nähe der Berge. Was im Hochsommer oft sehr angenehm war, machte sich an einem frühen Apriltag noch eher winterlich bemerkbar. Sie schloss die Verandatür. Außerdem spürte sie auf einmal, dass sie hungrig war. Sie hatte keine Lust gehabt, in einem der Supermärkte an der Küstenstraße noch einzukaufen. Ebenso wenig hatte sie die Energie, sich wieder ins Auto zu setzen und in die nächste Trattoria im Dörfchen unten am Berg zu fahren. Aber Clara wusste, dass sie genau für diese Fälle vorgesorgt hatte. Es sei denn, dass Paul und seine Freunde, die im Spätsommer die Letzten im Haus gewesen waren, die Notvorräte geplündert hatten.

Auf dem Küchentisch stand schon mal eine unangebrochene Flasche mit Olivenöl. Im Schrank lagen, wie erhofft, mehrere Pakete mit Spaghetti, zwei Büchsen mit Polpa di Pomodoro, eine Dreierpackung Thunfisch-Dosen, ein Glas mit schwarzen Oliven und eines mit Kapern. Na bitte: Das war doch, wonach sie gesucht hatte. Auf frischen Knoblauch und Zwiebeln würde sie verzichten müssen. Dafür könnte man schauen, ob im Kräuterbeet schon was zu finden war. Clara öffnete die hintere Küchentür, die zu dem kleinen Wirtschaftsgärtchen führte. Sie knipste die Außenbeleuchtung an. Tatsächlich, neben dem buschigen Rosmarin spitzte junges Grün. Clara zupfte ein Blättchen ab und zerrieb es zwischen den Fingern. Majoran! Damit würde ihre Spaghettisoße den fehlenden Knoblauch verschmerzen.

Während das Wasser für die Nudeln kochte und der Thunfisch-Kapern-Oliven-Sugo, verfeinert mit dem frischen Majoran und ein paar Peperoncinistückchen, sanft blubberte, entkorkte Clara eine Flasche Rotwein aus dem von Leo wohlbestückten Regal. Komisch, hier am See schmeckte der Brolo, angebaut von einem jungen Öko-Weinbauerpärchen auf den nahe gelegenen Hügeln, um Klassen besser als in Berlin. Mit dem Glas in der Hand ging Clara zum CD-Player. Zur Begrüßung was Italienisches! Vivaldi oder Paolo Conte? Sie entschied sich für Paolo und sein »Gelato al Limon«.

Das Telefon klingelte. Es war Leo.

»Ja, danke, die Fahrt ging glatt. Ziemlich viel Regen unterwegs, aber hier ist das Wetter wunderbar. Natürlich blüht meine Magnolie! Ein bisschen müde, aber der Brolo und Paolo entspannen mich gerade. Entschuldige, die Spaghetti sind gleich fertig. Ja, ich melde mich, ciao.«

Mit einem dampfenden Teller setzte Clara sich auf ihren Lieblingsplatz, den alten Korbsessel, direkt am Fenster. Sie schaute auf die glitzernde Wasserfläche unter sich. Nein, sie wollte jetzt nicht an Berlin, an Leo und ihre Ehe denken. Der Augenblick hier war Harmonie pur… selten genug zu haben.

Am nächsten Morgen fiel helles Sonnenlicht durch die blau gestreiften Vorhänge von Claras Schlafzimmer. Sie öffnete die Fenster und blickte auf den See. Die Tramontana, der vormittägliche Wind, kam wie immer von Norden und ließ das Wasser in einem regelmäßigen Wellenteppich nach Süden gleiten. Heute blies er offensichtlich stark, denn die Autofähre zwischen Torri del Benaco und Maderno fuhr nicht in gerader Linie über den See. Wie immer bei starker Dünung nahm das Schiff einen Zickzackkurs, um die Wucht der Wellen nicht an der Seite abzubekommen, sondern sie mit dem Bug zu teilen. Nach einer kurzen Windstille um die Mittagszeit wehte dann bis in den Abend hinein von Süden die Ora, wie die Einheimischen sie nannten.

Der Himmel war strahlend. Clara beeilte sich beim Anziehen, um endlich ihren ersten Rundgang im Garten machen zu können. In Jeans, Turnschuhen, einem silbergrauen T-Shirt, den blauen Pulli um die trotz ihrer neunundvierzig Jahre noch immer schlanke Taille gebunden, die extragroße Tasse dampfenden Tees in der Hand trat sie auf die ummauerte Terrasse. Aufgeschreckt von dem Geräusch kam Otello, der schwarze Kater der Bentivoglios, hinter der Lorbeerhecke hervor. Er stellte den Rest seines rechten Ohrs schräg auf, das er bei Revierkämpfen eingebüßt hatte, miaute empört über die Zumutung, sein Terrain mit jemand anderem teilen zu sollen, und verschwand mit einem Satz im Unterholz des riesigen Oleanderbusches.

Clara schaute sich um. Der bis in den ersten Stock des Hauses hochgewachsene Orangenbaum trug mehr Früchte, als ihm guttat. Manche Äste bogen sich unter der Last. Neben der Magnolie, deren Pracht sie schon gestern bewundert hatte, blühten die blauen Hyazinthen, die Clara letzten Herbst gesetzt hatte. Die Zeit der Krokusse war fast schon vorbei. Sonst war noch nicht viel zu sehen. Die Hortensien und Pfingstrosen hatten tüchtig ausgetrieben, und der Lavendel hatte den Winter gut überstanden. Wie buschige Polster hingen die grünweißlichen Stauden von der Mauer über dem Sitzplatz. Nur die immergrüne Magnolie, die im Juni mit weißen Blüten, so groß wie Seerosen, den hinteren Teil des Gartens schmückte, machte einen kränkelnden Eindruck. Ich werde mit Emilio reden müssen, dachte Clara.

Emilio war der gute Geist von Haus und Garten, den Leo und Clara von den italienischen Vorbesitzern übernommen hatten. Nie würde Clara vergessen, wie der alte Mann ihnen entgegengelaufen kam, als sie mit ihrem vollen VW-Bus in der Einfahrt hielten. »Benvenuti Signori, sono Emilio, sono il giardiniere.« Dazu hatte er seine dunkelblaue, zerknautschte Schirmmütze mit einer Grandezza vor Clara gezogen, wie es nur südländische Höflichkeit zuwege brachte.

Nach dem Frühstück, das aus dem restlichen Reiseproviant, einem Apfel und einer angebrochenen Packung Kekse, bestand, packte Clara ihre schwere Büchertasche aus. Freisemester, dachte sie, bestehen im Wesentlichen in der freien Wahl des Arbeitsortes. Clara Mahler war Professorin für Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität. Und für die zwei Monate, die sie in ihrem Haus in Borgo Benaco zu verbringen gedachte, hatte sie sich genügend Arbeit eingepackt. Zwei Masterarbeiten, die zu korrigieren waren, ein angefangener Aufsatz für eine Fachzeitschrift, Themenvorbereitung für das Wintersemester, vor allem aber die Rechercheunterlagen für ihr geplantes Buch über die Fresken von San Salvatore in Brescia.

Nicht gerade wenig für acht Wochen. Leo hatte schon recht gehabt, als er skeptisch auf Claras pralle Tasche geschaut hatte. Ob sie ihn gleich für länger zu verlassen gedenke, hatte er spöttisch gefragt. Befürchtete er das wirklich? Sie waren doch übereingekommen, dass ein bisschen Abstand voneinander ihnen beiden guttun würde. Einfach mal eine Pause vom eingefahrenen Alltag mit gereizten Debatten über letztlich nebensächliche Dinge. Natürlich wusste sie, dass Leo auch gerne seinen Bücherkoffer gepackt und sich zum Arbeiten an den See verzogen hätte. Aber es war schließlich nicht ihr Problem, dass er seinen kleinen Verlag nicht einfach so lange allein lassen konnte. Die Autoren wären zum Lektorat ihrer Bücher auch gerne zu ihm nach Italien gekommen, und übers Internet ließen sich viele organisatorische Dinge abwickeln. Aber manches eben auch nicht, wie Vertretersitzungen, Buchpräsentationen und Pressetermine, die Leo als Einmannverleger selber wahrzunehmen hatte und die er nicht alle an seine langjährige Assistentin delegieren konnte.

Ach was! Clara fuhr mit den Fingern durch ihre kurzen dunkelbraunen Haare. Sie hatte sich ihr Freisemester nun wirklich verdient! Das waren typisch weibliche Skrupel!

Das Telefon klingelte.

»Hey, Mum, wie war die Fahrt? Alles okay?«

»Paul, na, so was! Ist ja nett, dass du anrufst!«

»Hm, ja… ich wollt’ eigentlich nur sagen, ich hab im Herbst so ’n paar von deinen CDs mit nach Berlin genommen. Hab vergessen, dir das zu sagen. Also, damit du dich nicht wunderst… Aber die Hütte ist dafür super geputzt. Da müsstest sogar du zufrieden sein.«

»Doch, danke, alles in Ordnung!« Clara musste an Zeiten denken, da Mutter und Sohn durchaus unterschiedliche Meinungen darüber hatten, wie ein sauberes Waschbecken auszusehen hatte. Das mit den CDs war ihr noch gar nicht aufgefallen. »Sag mal, wolltest du nicht gestern mit dem Chef vom ›Bella Roma‹ reden?«

»Ja, hab ich. Aber der Job ist nichts für mich! Nur die ewig gleichen, stinklangweiligen Nudelgerichte auf der Karte. So Spaghetti-Bolognese-mäßig und Frutti di mare aus dem Froster. Der will auch nichts dran ändern.«

»Hm. Du musst es wissen… Es wird sich schon noch was anderes finden. Bleib aber dran!«

»Klar. Mach dir nicht so viel Gedanken. Tschüss, Mum!«

»Ciao, Paul!«

Natürlich machte Clara sich Gedanken! Paul war Koch. Genau wie seine Schwester Luise weigerte er sich, in die Fußstapfen seiner Eltern zu treten. Leos offen gezeigte Enttäuschung darüber befeuerte natürlich eher die Opposition der beiden. Ein ewiges Streitthema zwischen ihnen. Aber von Psychologie hatte Leo nun wirklich keine Ahnung.

Clara ging zurück zu ihrem Korbsessel und goss sich noch etwas Tee ein. Pauls Interessen bewegten sich seit seiner Kindheit in eine ganz andere Richtung. Schon im Sandkasten konnte er sich stundenlang damit beschäftigen, ganze Kollektionen von Förmchenkuchen zu backen, und es gab jedes Mal ein mörderisches Gebrüll, wenn Clara ihm klarmachen musste, dass es unmöglich war, seine Kunstwerke mit nach Hause zu nehmen. Mit acht räuberte er regelmäßig den Kühlschrank aus und erfand sich Lieblingsgerichte wie Würstchengulasch mit Pesto. Mit zwölf setzte er einmal fast die Küche in Brand, weil er seine Pfannkuchen vor den bewundernden Augen der kleinen Schwester spektakulär flambieren wollte. Mit vierzehn rollte er selber Sushis für Claras Geburtstag und buk als Geschenk eine Tarte au citron.

Nach dem Abitur machte Paul eine Kochlehre und arbeitete danach, durch Vermittlung seines Patenonkels Fridolin, als besserer Küchenjunge bei einem Nobel-Italiener in München. Nach einem Praktikum in einem feinen Hamburger Hotelrestaurant hatte er sich so viel an höherer Kochkunst abgeschaut, dass er zusammen mit einem Freund das Angebot annahm, einen täglichen Mittagstisch für die junge, in Schlips und Turnschuhen aufkreuzende Belegschaft eines Berliner Start-up-Unternehmens zu gestalten. Das machte er ebenso kulinarisch wie biologisch-dynamisch. Die Klientel goutierte auch gewagte Experimente, sein Herd glich einem Abenteuerspielplatz, doch nach eineinhalb Jahren wurde die Firma nach Shanghai verlegt, und Paul war erst mal arbeitslos.

Clara seufzte und schaute auf die Uhr. Der Supermarkt hatte zwar durchgehend geöffnet, aber ihre Fischhandlung, die es sogar mit der exquisiten Fischtheke in der Lebensmittelabteilung des KaDeWe in Berlin aufnehmen konnte, schloss schon um zwölf. Sie schnappte Lederjacke, Einkaufskorb und die Autoschlüssel.

Als sie vor ihrem Fiat stand, fuhr Signor Bentivoglio gerade mit seinem Jeep auf das Nachbargrundstück. »Signora Mahler, come va? Schön, dass Sie wieder da sind! Ist alles in Ordnung mit dem Haus. Wie geht es Signor Leo?«

Clara beeilte sich, Bentivoglio für seine Hilfe zu danken. Müde und vom Rotwein leicht beduselt, hatte sie gestern vergessen, noch bei den Bentivoglios anzurufen. »Mein Mann, ja, er kann im Moment nicht aus Berlin weg. Die Arbeit, Sie wissen schon…! Ich melde mich heute Nachmittag bei Ihnen. Jetzt muss ich los, sonst schließt das Fischgeschäft, und ich möchte heute nicht noch einmal runterfahren.«

»Oh, no, Signora, ich möchte Sie nicht aufhalten. Schön, dass Sie wieder hier sind. Ein leeres Haus ist traurig.« Signor Bentivoglio hob grüßend die Hand an die Schläfe.

Clara winkte und fuhr los. Signor Bentivoglio hatte bis vor fünf Jahren sein eigenes kleines Hotel mit Restaurant am See geführt. Dann hatte er die Leitung an seinen Sohn Livio samt Schwiegertochter Adriana übergeben und war zusammen mit seiner Frau Valentina in das hübsche Haus am Berg mit einem riesigen Olivenhain dahinter gezogen. Er widmete sich nun überwiegend seiner Ölproduktion. Signora Valentina, die einige Jahre jünger war als ihr Mann, führte ein Maklerbüro unten im Ort. Die Nachfrage nach Villen und Appartements für smogmüde Mailänder, wohlhabende Brescianer und italiensüchtige Deutsche florierte nach wie vor, und Valentinas Agentur war dafür bekannt, die interessantesten Objekte im Angebot zu haben.

Allein schon der Anblick der Vitrine, wo sie nebeneinander auf gestoßenem Eis lagen, war ein Genuss: Branzino, Orata, Seezunge, Pulpo, Calamari, Sardinen, kleine Rotbrassen, Stabmuscheln und Vongole, ein blutig aufgeschnittener Thunfisch und Seeaale, ein halber Schwertfisch und natürlich die klassische Gardaseeforelle, eine Trotta, mit ihrem saftigen lachsrosa Fleisch, die winzigen Sardellen fürs Fritto Misto, der frisch angerührte Spaghettisugo mit Muscheln und gehackten Tintenfischen.

Wie immer war Clara in den Anblick versunken und konnte sich nicht entscheiden.

»Basta così, Signora?« Lucia, die Fischhändlerin, deutete auf die Forelle, die Clara sich ausgesucht hatte. »Ja, das ist alles, ich bin diesmal allein hier. Ach, oder geben Sie mir noch von den kleinen Calamari.« Die würden sich im Kühlschrank auch bis morgen halten. Jetzt war aber Schluss. Sonst müsste sie sich Gäste einladen und das hatte Clara wirklich nicht vor.

»Clara, benvenuta, ich hab schon von Leo gehört, dass du gestern angekommen bist.« Clara drehte sich um. Hinter ihr stand Judith, eine alte Freundin aus Münchner Studienzeiten. Sie war Schriftstellerin. Zusammen mit ihrem Mann Otto, der seine Augenarztpraxis frühzeitig an den Nagel gehängt hatte, lebte sie mittlerweile das ganze Jahr in ihrem Haus in Gargnano. Ihre letzten Romane waren in Leos kleinem Verlag erschienen.

»Du glaubst doch nicht etwa, dass du hier unbemerkt deine Zelte aufschlagen kannst?« Judith umarmte die überraschte Clara. »Wie lange bleibst du? Leo sagte etwas von zwei Monaten und einem Koffer Arbeit für ein Jahr.«

»Das ist nun wirklich übertrieben.« Clara fühlte sich überrumpelt. Sie hätte nichts dagegen gehabt, erst einmal ein paar Tage unbemerkt für sich zu sein. Gesellschaftliches Leben hatte sie genug in Berlin.

»Ich hab gerade die letzten Kapitel meines neuen Romans Leo gemailt. Jetzt warte ich auf sein Urteil und kann mich nur noch mit Kochen ablenken. Wie wär’s mit morgen Abend? Nicht so spät, ländliche Zeiten, bevor es dunkel wird. Ja?«

»Danke. Bis morgen also. Und grüß Otto herzlich von mir.«

Clara nahm ihren Korb und verließ die Fischhandlung. Sie war ärgerlich, ärgerlich auf sich selber. Wäre es wirklich peinlich gewesen, Judiths Einladung auszuschlagen? Warum? Sie hätte doch sagen können, dass sie gerne erst einmal ein paar Tage für sich bleiben wollte, ohne den Klatsch der letzten sechs Monate vom See zu hören und ohne dass man ihr die neuesten Nachrichten über Berlins Kunst- und Literatenszene aus der Nase zog. Außerdem war sie sich nie mehr so ganz sicher, wie weit nicht auch taktische Interessen eine untergründige Rolle spielten. Immerhin war sie die Frau von Judiths Verleger.

Längst schon gab es keinen klassischen »Alimentari«, den traditionellen italienischen Lebensmittelladen, am Ort. Dafür hatte Clara an der Gardesana die Auswahl unter drei riesigen und gut sortierten Supermärkten. Zig Tausende von deutschen Touristen deckten sich dort jedes Jahr mit Vorräten ein, bevor sie sich auf die letzten zweihundert Kilometer bis zum Brenner machten. Besonders schätzte Clara diejenigen Landsleute, die in breitem Bayerisch vor der Fleischtheke »no zwoa von dene Salami« verlangten. Aber um diese Jahreszeit traf man dort glücklicherweise fast nur einheimische Hausfrauen. Nachdem Clara die kulinarischen Basics von Parmaschinken bis zu einem typischen Bergkäse der Gegend, die Formagella Tremosine, erstanden hatte, hielt sie noch bei ihrem kleinen Gemüsehändler.

»Signora Mahler! Schön, dass Sie wieder hier sind. Wie geht es?«

»Gut, Daniele, danke. Und Ihrer Mutter?«

»Così così. Das Rheuma macht ihr zu schaffen. Der Winter war kalt dieses Jahr. Da schafft sie es kaum bis in den Laden.«

Daniele packte Tomaten, Ruccola, Zwiebeln, Knoblauch, einen Topf mit frischem Basilikum, Zitronen, Äpfel, Orangen und eine Schale mit sizilianischen Erdbeeren in eine Obststeige.

Während Clara die Autotür aufschloss, blickte sie hinauf zum Hang und suchte mit den Augen ihr rotes Haus. Da war es, darüber der hoch aufragende Gipfel des Monte Pizzoccolo und weiter links, oberhalb von Borgo Benaco die malerisch vorgelagerte Dorfkirche von San Rocco mit ihrer barock geschwungenen Fassade und dem klassischen Campanile daneben. Aber direkt dahinter, Clara ließ fast ihre Obststeige fallen, ragten zwei riesige Baukräne in den Himmel, wie überdimensionierte Galgen, so kamen Clara diese Aufbauten immer vor, und sie bedeuteten in der Regel genauso wenig Gutes: Uniforme Appartementsiedlungen fraßen sich in das Grün der Hügel, zerstörten das Gleichgewicht gewachsener Orte. Wütend startete Clara ihren Fiat. Wieso konnten Menschen nie genug kriegen? Nicht aus den Fehlern anderer lernen?

Wenig später ließ sich Clara vor einem Teller Tomatensalat mit Mozzarella und Basilikum auf ihrer Bank an der sonnigen Terrassenmauer nieder. Kater Otello erhob sich mit der Andeutung eines Buckels von der warmen Steinstufe. Er musterte Clara kurz, wie wenn er überlegte, ob er ihr wirklich das Revier überlassen sollte. Trotz Claras beschwichtigenden Lockrufen stolzierte er mit beleidigt erhobenem Schwanz in Richtung Gartenmauer, um dort mit einem Satz das Weite zu suchen.

Zur Feier des ersten Tages hatte sich Clara entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit schon mittags ein Glas Weißwein gegönnt. Versonnen tunkte sie ein Stück des knackigen Pane Pugliese in das mit Balsamico vermischte Olivenöl auf ihrem Teller. So eine »Insalata Caprese« schmeckte zwar überall nicht schlecht– auch auf dem Balkon ihrer Berliner Wohnung war sie bei Leo und Clara ein beliebter Mittagsimbiss. Doch nirgendwo entfaltete sich das Aroma dieser Tricolore aus Rot, Weiß und Grün so unwiderstehlich wie unter südlicher Sonne.

2

Leo Mahler saß im Büro seines Verlages im Rückgebäude eines Charlottenburger Jugendstilhauses. Im Vorderhaus bewohnten die Mahlers eine der klassischen geräumigen Berliner Altbauwohnungen mit hohen Stuckdecken, Flügeltüren und breiten Parkettbohlen. Er brauchte also nur über den begrünten Hof zu gehen und die vier Treppen in sein Reich der Bücher hinaufzusteigen.

LitArt, so hieß sein Verlag, der sich seit über zwanzig Jahren auf dem umkämpften Buchmarkt behauptete. Der Name war Programm! Leo vermochte nicht einzusehen, wieso er sich zwischen seinen beiden Leidenschaften, Kunst u n d Literatur, verlegerisch entscheiden sollte. Schubladendenken hatte ihn immer schon aufgeregt. Warum musste alles in ein Schema gepresst werden? Belletristischer Verlag o d e r Kunstbuchverlag. E-Musik oder U-Musik. Darf ein Journalist auch ernste Prosa schreiben, und darf ein Opernsänger ein Album mit Popsongs aufnehmen?

LitArt hatte sein Publikum, kein großes, aber es war treu. Die Leser und auch einige einflussreiche Kritiker vertrauten auf Leos Geschmack. Ob es um den ersten Roman einer afghanischen Autorin ging, einen Bildband mit den Werken wenig bekannter italienischer Renaissancemaler, die Reihe mit Monografien junger deutscher Künstler oder das neueste Buch von Aldo Moreni, einem italienischen Autor, dessen Romane Leo von Anfang an in Deutschland publizierte. Moreni galt als einer der vehementesten Kritiker der italienischen, besonders der Mailänder Gesellschaft. Er hatte ein präzises Gespür für den Zeitgeist. In spannende Storys verpackt, schrieb er mal über Ökoaussteiger, mal über Terroristen der Brigate Rosse der Siebzigerjahre, den Beziehungssumpf der römischen Kulturschickeria oder die Mafiageschäfte Mailänder Unternehmer. Es war Leo gewesen, der das erste Buch des damals noch jungen Schriftstellers entdeckt und auf Deutsch herausgebracht hatte. Inzwischen verkaufte sich jeder neue Moreni gut genug, um so dem Verlag auch manch ambitioniertes Buchprojekt zu ermöglichen, das nie schwarze Zahlen schreiben würde.

Heute wollte er sich Judiths Manuskript vornehmen. Es war der letzte Band einer Romantrilogie, die reale Familiengeschichte mit Erfundenem mischte, zugleich Spurensicherung, Weitererfindung und, wie Leo vermutete, auch noch ein Stück therapeutischer Selbstbefreiung. Dominierende Figur darin war jedes Mal Urgroßmutter Ruth, eine Opernsängerin, die aber nie den Durchbruch an erste Häuser geschafft und ihre ungenutzten Energien aufs Schikanieren der übrigen Familienmitglieder verwandt hatte. Zwar besaß Judith genug sarkastischen Humor, um nicht selber noch nachträglich den Unterwerfungskünsten ihrer Urgroßmutter zu erliegen. Allerdings verstrickte sie sich nach Meinung ihres Verlegers manchmal doch allzu sehr in die Konflikte ihrer Sippe.

Leo nahm den Telefonhörer und zögerte. Eigentlich wollte er Clara anrufen. So wie sie es immer gemacht hatten, wenn sie mal voneinander getrennt waren: Morgens und abends ein Lebenszeichen. Er stellte sich vor, wie sie an dem schönen alten Holztisch saß, inmitten hoher Bücherstapel, und auf das Wasser schaute. Leo hielt den Hörer noch immer in der Hand. Er dachte an ihre heftigen Auseinandersetzungen der letzten Wochen. Über Nichtigkeiten. Und doch schien keiner von beiden über seinen Schatten springen zu können. Keiner lenkte ein, war souverän genug, den anderen lachend in den Arm zu nehmen und damit die Sache einfach vom Tisch zu fegen. Leo schaute auf die mit Efeu bewachsene Wand seines Berliner Hofes. Langsam legte er den Hörer wieder auf die Gabel. Nein, Clara wollte in Ruhe gelassen werden. Das hatte sie ihm deutlich zu verstehen gegeben. Also besser kein Anruf heute Morgen.

Kaum hatte er aufgelegt, klingelte das Telefon.

»Ach, du bist es, Fridolin!« Leo bemühte sich, seine Stimme nicht enttäuscht klingen zu lassen. »Nein, Clara ist gestern an den See gefahren, in unser Haus. Ja, für länger, sie will an ihrem Buch arbeiten. Du kannst sie ja anrufen. Hm, in Ordnung. Treffen wir uns um dreizehn Uhr im Manzini. Bis später.«

Fridolin war Kunsthändler und seit vielen Jahren mit Clara und Leo befreundet. Er hatte ein verblüffendes Talent, im unübersichtlichsten Haufen irgendwelchen Krempels unter lauter drittklassigen Gemälden das einzig bemerkenswerte und bisweilen sogar wertvolle Bild zu entdecken. Clara begleitete ihn manchmal auf seinen Streifzügen durch Flohmärkte und Ramschläden. Beide liebten es, anschließend Wortgefechte über die stilistische und zeitliche Einordnung der Fundstücke auszutragen. Wahrscheinlich hatte er wieder etwas Obskures an Land gezogen und wollte wissen, was Clara davon hielt.

Leo blickte auf das Vielerlei der roten Ziegeldächer vor seinem Fenster. Draußen war es der Sonne endlich gelungen, das Wintergrau vom Berliner Himmel zu verdrängen. Leo packte Judiths Manuskript, steckte in alter Gewohnheit auch Zigaretten und Feuerzeug in die Tasche seines geliebten Tweedsakkos und machte sich auf den Weg in eines der Cafés am Stuttgarter Platz.

Von der Friedbergstraße aus waren das nur ein paar Schritte. Leos Stammcafé war so etwas wie sein zweites Büro. Dort las er Manuskripte, korrigierte Fahnen, traf sich mit Autoren. Der Platz mit seinen Cafés, einem italienischen Restaurant und einer edlen Salumeria gegenüber einem belebten Kinderspielplatz, war ein beliebter Kiez des alten und neuen Westberlin. Die Straßen, die von Bombenschäden im Zweiten Weltkrieg fast ganz verschont geblieben waren, hatten unaufdringlich renovierte Fassaden.

Auf den überbreiten, baumbestandenen Gehsteigen trainierten schon die Kleinsten ihre Fahrradkünste, Boutiquen und Secondhandgeschäfte wechselten sich ab mit Bäcker und Bioladen. Ein Trödel- und Antiquitätengeschäft inszenierte seinen Verkaufsraum alle vier Monate, den Jahreszeiten entsprechend, als Gesamtkunstwerk, die Buchhandlung war ebenso gut besucht wie die Weinhandlung, gegenüber dem indischen Restaurant hatte gerade ein Geschäft mit marokkanischem Kunsthandwerk aufgemacht, und ein kleiner türkischdeutscher Supermarkt sorgte für alles Übrige. Die Mütter, die ihre Kleinen vom Kinderladen abholten, kauften ihnen im österreichischen Stehimbiss eine Wurstsemmel oder einen Apfelstrudel. Mit einem Zeitungsladen und einer Fahrradwerkstatt bot die Straße alles, was man zum Leben brauchte.

Leo ließ sich mit Judiths Roman an einem der kleinen Caféhaustische nieder. Nach zwei Milchkaffees und fünfzig Seiten Manuskript machte er sich wieder auf den Heimweg. Er wollte die mit seinen Anmerkungen versehenen Blätter nur schnell zurück ins Büro bringen und den Fahrradschlüssel holen, um zu seiner Verabredung mit Fridolin ins Manzini zu fahren.

Auch im neuen Berlin war das Viertel zwischen Pariser Straße und der ehemaligen Freien Volksbühne, jetzt Haus der Berliner Festspiele, eine gesuchte Wohnadresse und das Manzini noch immer ein beliebter Treffpunkt der Westschickeria, für Chefredakteure, Intendanten, Schauspieler, Autoren und Journalisten.

Fridolin saß schon auf der mit flaschengrünem Leder gepolsterten Sitzbank. Über den Rückenpolstern lief ein Messinggeländer, hinter dem Zeitungen und Magazine steckten und Weinflaschen aufgereiht waren. An den ocker gestrichenen Wänden reflektierten große Spiegel das Treiben im Raum, das von zwei Lüstern aus weißem Muranoglas ins rechte Licht gesetzt wurde. Mit den Bistrotischchen auf rötlichem Marmorboden und der ausladenden Bar brachte das Manzini etwas französischen Flair an die Spree.

Leo umarmte Fridolin und blickte sich kurz um. »Wollen wir uns nicht lieber nach hinten setzen? Ich würde gerne was essen. Außerdem hat man dort mehr Ruhe.«

Fridolin nahm sein Rotweinglas, ließ sich mit Leo an einem der weiß gedeckten Tische im rückwärtigen Teil des Raums nieder und musterte die Gäste.

»Ganz schön gewöhnungsbedürftig, ihr hier im tiefen Westen.« Fridolin, der seit dreißig Jahren in Kreuzberg lebte, konnte es sich selten verkneifen, flapsige Bemerkungen über den in seinen Augen inzwischen typisch bourgeoisen Lebensstil seiner altlinken Generationsgenossen zwischen Fasanenstraße und Savignyplatz anzubringen. »Schau dir mal die beiden dort drüben an.« Fridolin machte eine Kopfbewegung in Richtung eines in Designerschick gewandeten Paares am Nebentisch. »Das ist ja fast schon Eppendorf!«

Fridolin selber kultivierte mit seinen dreiundfünfzig Jahren noch immer den postexpressionistisch inspirierten Kleidungsstil der Berliner Intellektuellen- und Künstlerszene der Siebziger- bis Neunzigerjahre: schwarzes T-Shirt, schwarze Hose und verknittertes schwarzes Leinensakko.

»Na, dein Kreuzberg wird auch immer aufgemotzter«, wehrte sich Leo. »Letzte Woche hatte ich einen Termin im Sale e Tabacchi, also, was da alles in Klamotten von Armani, Prada und Co. rumsaß…«

»Wusste gar nicht, dass du in Szenelokalen verkehrst!« Fridolin musterte Leo ironisch, während der Ober zwei Gläser Weißwein servierte.

»Die Literaturredakteurin vom WDR hatte einen Tisch dort bestellt. Im Borchardt war alles ausgebucht, sagte sie. Sie hatte wohl gehofft, dort mindestens dem Außenminister, ein paar Hauptstadtstudio-Nasen und Filmfuzzis zu begegnen. Dafür haben wir dann neben irgend so einer Nachrichtenmoderatorin gespeist. Ein paar Tische weiter saß Biolek, aber den kannte sie ja schon aus Köln…«

Als die Tagliatelle mit grünem Spargel in Krebsrahmsoße für Leo und der Flusszander in Zitronenbutter für Fridolin serviert waren, erkundigte sich Fridolin nach Clara.

»Sie will ihr Buch über die karolingischen Fresken in San Salvatore in Brescia zu Ende schreiben. Du weißt schon, diese Kirche, die Teil des Museums Santa Giulia ist. Außerdem hat sie jede Menge Unikram mit. Ich werde wohl erst Ende Mai runterfahren. Wann Clara zurückkommt, weiß ich nicht.«

»Ach so?« Fridolin warf Leo einen prüfenden Blick zu, sagte aber nichts. Er nahm einen Schluck von dem spritzigen Grünen Veltliner, den er zu seinem Fisch bestellt hatte. »Das passt mir jetzt aber gar nicht! Ich bräuchte dringend ihren Rat.«

»Hast du mal wieder ein verschollenes Meisterwerk aufgetrieben?« Leo grinste. »Unsigniert, undatiert, stark nachgedunkelt, aber im Zweifel mindestens ein Schüler von Raffael!«

Fridolin zog eine Packung filterlose Gauloise aus seiner zerknautschten Jackentasche und musterte sie wehmütig. »Spotte nur! Es ist ausnahmsweise kein Raffael, und zeitlich etwas später. Außerdem, wie ich vermute, eher Oberitalien, Mitte 17. Jahrhundert.« Aus der Brusttasche seines Sakkos fischte Fridolin eine schon etwas derangiert wirkende Fotografie und reichte sie Leo.

Das Bild zeigte im Vordergrund einen vielleicht achtjährigen Jungen in Jägertracht. Er stand unter einem Baum mit lichter Krone, der vom linken Rand in das Bild hineinragte. Er trug Stulpenstiefel aus dunkelbraunem Leder, in die ebenfalls braune Reithosen hineingesteckt waren. Unter einem Lederwams sah man ein Oberteil aus blauem Samt, dessen opulenter Spitzenkragen in einem merkwürdigen Kontrast zu der kess schräg aufgesetzten Schirmmütze und der sonst sportlichen Kleidung stand. In der Hand hielt er den Lauf einer großen Jagdflinte. Zu seinen Füßen lag ein offenbar völlig erschöpfter Hund, die Schnauze flach auf dem Boden, die Vorderläufe angewinkelt und die Ohren schlapp. Mit einem Ausdruck von Anmut und Würde zugleich schaute der Junge mit großen dunklen Augen direkt auf den Betrachter. Hinter ihm breitete sich eine sanfte Hügellandschaft aus, und im Bildgrund erkannte man die verschwimmende Silhouette einer Villa oder eines Schlösschens. Das Gemälde wirkte stark gelb- und braunstichig, und in der hinteren Mitte ging ein auf dem Foto gerade noch erkennbarer, etwa ein Zentimeter großer Riss durch die Leinwand.

»Wo hast du das Bild her?«

»Aus einem Nachlass, den ich letzte Woche hier in Berlin zu sichten hatte. Es gehörte zuletzt der Witwe eines Professors für italienische Literaturwissenschaft an der Freien Universität. Als ich das Bild sah, hatte ich sofort dieses Gefühl, du weißt schon: déjà vu. Ich komm nur nicht drauf, woran mich das erinnert. Deshalb würde ich es gerne Clara zeigen.«

Leo gab Fridolin die Fotografie zurück, die dieser sogleich sorgsam wie ein wertvolles Dokument wieder in der Innentasche seiner Jacke verstaute. »Tja, daraus wird jetzt nichts. Sie konnte ja nicht ahnen, dass du mal wieder auf Schatzsuche bist. Hast du denn schon etwas über die Provenienz herausfinden können?«

»Nein. Der Professor ist seit zwölf Jahren tot, und seine Frau ist letzten Monat gestorben. Kinder gibt es keine, nur einen entfernten Neffen, Zahnarzt in Bochum, der sich für alten Kram, wie er das nennt, nicht interessiert. Der will nur Geld sehen. Und das Bild hab ich ihm zusammen mit ein paar ganz netten historischen italienischen Stadtansichten, einem eher mittelmäßigen Stillleben und einem Biedermeiersekretär für einen guten Preis abgekauft. Der hatte aber keine Ahnung, wie und wann sein Onkel in Besitz des Bildes gekommen war.«

»Und was willst du jetzt tun? Glaubst du im Ernst, dass das Bild wertvoll sein könnte?« Leo verbarg nicht seine Skepsis.

»Das wird sich zeigen. Ich werd’s schon rausfinden! Wär’ nicht schlecht, wenn man ein bisschen was über den Professor erfahren könnte. Es gibt da anscheinend noch eine Freundin der Witwe, die sehr vertraut mit der Familie war. Die will ich demnächst mal aufsuchen. Aber nun sag, was macht der Verlag?« Fridolin wollte offensichtlich das Thema wechseln.

»Danke, es geht so. Die Zeiten sind ja allgemein nicht rosig. Ich schlag mich halt durch mit meinen fünf Titeln pro Saison. Du kennst doch Judith Bermann. Heute habe ich begonnen, ihren neuen Roman zu lektorieren.«

»Ach ja. Strickt sie an einem weiteren Kapitel ihrer Familiensaga? Mit diesem Drachen, dieser alten Operndiva, die alle anderen in den psychischen Ruin treibt? Ich habe die ersten beiden Bücher ganz gern gelesen. Sehr böse und ziemlich witzig.«

»Allerdings. Gepriesen sei ihr wunderbarer schwarzer jüdischer Humor. Schade, dass wir damit nun ans Ende der Trilogie gelangt sind. Die ersten beiden Bücher haben sich glänzend verkauft. Judith hat sich damit einen festen Leserstamm erobert. Das Geld daraus werde ich übrigens in eine hochinteressante Studie über einen bislang nicht sehr bekannten Genueser Maler aus dem Seicento investieren. Luca Cambiaso, kennst du ihn?«

Fridolin zögerte. »Der Typ, der alles in Braungrau-Schattierungen taucht, mit kalten Lichtakzenten, extrem manieristisch? Ich glaube, ich weiß, wen du meinst. Hat nicht Clara eine Masterarbeit über ihn betreut?«

»Ja, genau!« Leo lächelte. »Der Autor ist ein ehemaliger Schüler von ihr. Begabter Kerl. Schreibt gut und hat Ideen.«

Nach zwei Espressi, begleitet von zwei Gläsern Grappa, trennten sich die beiden. Leo radelte die Pariser Straße in Richtung Olivaer Platz. Die Platanen am Kurfürstendamm waren noch kahl, aber die Linden auf der Droysenstraße, die unter der S-Bahn hindurch zum Stuttgarter Platz führte, leuchteten geradezu, so hell war das frische Grün ihrer Blätter. Leo schloss die Haustür auf und stieg die breite Treppe zum dritten Stock hinauf. Was würde Fridolin wohl über das Jagdporträt dieses kleinen Jungen in Erfahrung bringen? Denn eines stand fest: Wenn ihr alter Freund die Fährte zur Geschichte eines Bildes einmal aufgenommen hatte, würde er sie nicht so schnell wieder verlassen.

3

Clara saß an ihrem Arbeitstisch wie auf einer Klippe. Obwohl zwischen dem Haus und der kleinen Badebucht mit dem felsigen Kap bestimmt ein Kilometer lag, hatte man wegen der bis zum Boden reichenden Fenster das Gefühl, direkt über dem Wasser zu schweben. Im Augenblick lag der See spiegelglatt vor ihr, in warmes Nachmittagslicht getaucht. Die Sonne zeichnete eine klare Silhouette des gegenüberliegenden Ufers. Man konnte sogar die Brenzone-Villa an der Punta San Vigilio erkennen. Auch die Landzunge von Sirmione ragte deutlich erkennbar vom Süden in den See. Die Konturen der Hügelketten hoben sich plastisch ab vom blauen Himmel. Die Sicht war gut– genauer gesagt zu gut, denn das verhieß meist schlechtes Wetter. Aber noch zauberte die Sonne ein Muster aus gleißend hellen und dunklen Flächen auf die Wasseroberfläche. Wenn man ihn so friedlich erlebte, konnte man sich schwer vorstellen, welche Gefahren der See barg. Unweit der Küste fiel er bis zu dreihundert Meter in die Tiefe, aber es waren besonders die jähen Winde und die Gewitterstürme, die schon zu tödlichen Katastrophen geführt hatten.

Clara dachte mit Schauder an den wunderschönen Sommertag vor drei Jahren, als sich nachmittags von Norden her eine von giftigem Dunkelgelb in Schwarz übergehende Wetterwand, begleitet von dumpfem Grollen, immer näher schob. Als die Sonne in den Wolken verschwand, hatte man das Gefühl, eine Sonnenfinsternis zu erleben, so verdunkelte sich das Tageslicht. Dann wieder wurde diese Düsternis zerrissen von großflächig aufflackerndem apokalyptischem Wetterleuchten, mal von grellen Zackenblitzen. Vom See war nichts mehr zu sehen, so tief hingen die Wolken, aus denen sich unvorstellbare Mengen Wasser entluden.

Es hatte vorher mehr als vier Wochen keinen Tropfen geregnet, sodass die hart verkrustete Erde die Regenmassen kaum aufnehmen konnte. In Sturzbächen flossen sie die Hänge um das Haus hinab, man war von einer einzigen prasselnden, rauschenden, gurgelnden Sintflut umgeben, ein nasses Inferno. Nach einer halben Stunde war alles vorbei, wie ein Spuk. Es wurde heller, und als ob man einen Theatervorhang langsam Stück für Stück aufziehen würde, erschien erst der See, dann das gegenüberliegende Ufer immer weiter hinunter bis zur Bucht von Bardolino in schönstem Licht. Die Sturzbäche waren versiegt, und der vorher sonnendurchglühte Terrassenboden hatte schon wieder trockene Stellen, so gierig hatten die Steine die Nässe in sich aufgesogen.

Am nächsten Morgen las Clara im »Corriere di Brescia«, dass ein Segelboot mit schwedischen Feriengästen oben vor Limone, wo die Fallwinde von den Bergen besonders tückisch waren, im Sturm gekentert war. Ein Mann und eine Frau waren sofort ertrunken, ein weiteres Paar wurde erst in den Morgenstunden von der Seewacht gerettet. Der Vorfall wurde zwar als Anlass genommen, zum wiederholten Mal ein Sturmwarnungssystem für den ganzen See zu fordern, ebenso eine Aufrüstung der Wasserwacht mit mehr und stärkeren Booten. Aber nach einigen Tagen verschwand das Thema wieder aus den Zeitungen, und alles blieb, wie es schon immer war. Das Festhalten am Gewohnten galt viel in Italien. Clara erinnerte sich, dass ein Freund aus München vor jedem längeren Segeltörn auf dem Gardasee den Wetterbericht beim bayerischen ADAC abrief, um zu wissen, was ihn erwartete.

Im Augenblick war jedoch mit keinen dramatischen Wetterstürzen zu rechnen. Clara beschloss, es für heute mit ihrem selbst verordneten Arbeitspensum genug sein zu lassen. Sie griff sich einen der Weidenkörbe, die unter der Treppe standen, und machte sich daran, den Orangenbaum von einem Teil seiner Last an Früchten zu befreien.

Dabei schweiften ihre Gedanken zu Fridolins überraschendem Anruf am frühen Nachmittag. Clara kannte ihren alten Freund genau. Sie hatte das erwachte Jagdfieber in seiner Stimme gehört, als er ihr die Geschichte von seinem neuesten Fundstück erzählt hatte. Clara bewunderte den Instinkt, mit dem Fridolinin Trödlerläden aus der hintersten Ecke zielsicher ein unscheinbares, meist völlig verschmutztes, aber, wie sich in der Regel herausstellte, durchaus wertvolles Bild, eine kleine Bronzeplastik, eine echte Jugendstilvase oder einen rabenschwarzen barocken Silberleuchter herauszog. Mit Fridolin auf Schatzsuchezugehen war ebenso vergnüglich wie spannend. Zudem hatte er großes Geschick, den Händlern die Dinge mit viel Charme und einer raffinierten Mischungaus Kaufinteresse und vertraulichem »Aberwirwissen-dochbeide, dassdashiernichtvielwertist«-Augenzwinkern abzuschwatzen.

Clara sinnierte. Fridolin hatte ihr das Bild mit dem kleinen Jungen genau beschrieben, aber das reichte natürlich nicht aus, um sich eine wirkliche Vorstellung davon machen zu können. Die Art des Porträts deutete darauf hin, dass es sich um einen adeligen Knaben handelte. Gerne hätte sie jetzt selbst das Foto von dem Gemälde gesehen.

Clara stellte den Korb mit den Orangen auf die Mauerbrüstung. Es waren Pomeranzen, Bitterapfelsinen. Man konnte nur die dicke Schale, zu dünnen Spiralen geschnitten, für Marmelade verwenden. Das Fruchtfleisch war trocken und strohig. Nicht zum Essen. Das hatte Gärtner Emilio ihr gleich beim Einzug erklärt: »Solo per la bellezza!« Sie sammelte ein paar Blätter auf, die der große Mispelbaum das ganze Jahr hindurch abwarf. Der Rosmarin wuchs üppig über die Steintreppe, und seine blauen Blüten hoben sich gegen das Grün der übermannshohen alten Oleanderbüsche ab. Clara stieg die Treppe hinauf auf die obere Terrasse. Durch die steile Hanglage bestand das Grundstück aus drei langen Plateaus. Das entsprach dem Bauprinzip der Limonaien, den alten Zitronen- und Orangenplantagen, wie man sie besonders oberhalb der Orte Gargnano und Limone finden konnte.

In früheren Zeiten waren die Früchte neben den Oliven eine Haupterwerbsquelle für die Bevölkerung gewesen. Noch heute sah man in den Hängen die an die Bergwände aus Naturstein gemauerten, übereinander aufragenden Pfeiler dieser Kolonnaden. Sie waren oben offen, aber zur Seeseite hin konnte man sie mit Brettern schließen, damit die empfindlichen Pflanzen im Winter vor kalten Nächten und Winden geschützt waren. Schon lange kamen die Südfrüchte aus Sizilien, wo sie kostengünstiger produziert wurden. Die malerischen Steingalerien bauten sich wohlhabende Deutsche und Engländer als Ferienhäuser aus.

Erfreut bemerkte Clara, dass die Glyzinien in der Einfahrt kurz vor der Blüte standen. Sie liebte die blauvioletten Trauben, die in der Zeit der Dämmerung die Luft mit ihrem Duft erfüllten. Der Inbegriff von Frühling. Sie schaute auf die Uhr. Es wurde Zeit loszufahren, wenn sie nicht zu spät bei Judith und Otto ankommen wollte.

Auf der Straße den Berg hinunter, begegnete sie Signor Bentivoglio und seiner Frau Valentina, die in einer der engen Kurven Claras Fiat in ihrem Jeep entgegenkamen. Beide grüßten strahlend, und Clara beschloss mit schlechtem Gewissen, morgen ihren längst erwarteten Kaffeebesuch bei den Nachbarn zu machen.

An der Gardesana bog sie nach links Richtung Norden. Die Straße führte eng am See entlang. Im Rückspiegel sah sie, dass drei Motorräder hinter ihr heranbretterten und gefährlich dicht auffuhren. Schwarze Maschinen, die Fahrer in Ledermontur mit riesigen schwarzen Helmen, die wie Visiere von mittelalterlichen Ritterrüstungen aussahen. Vor einer uneinsehbaren Kurve und bei durchgezogener weißer Linie überholten die drei mit aufheulenden Motoren. Clara trat unwillkürlich auf die Bremse. Wie Todesschwadronen, dachte sie. Sie reißen sich und andere ins Unglück. Nicht anders die vielen Mopedfahrer. Überall sah man am Straßenrand kleine Holzkreuze, mit Blumen geschmückt und den Geburtsjahren der Verunglückten. Kaum einer älter als dreiundzwanzig, oft Siebzehnjährige, so wie an dem Sträßchen unter ihrem Haus: Giovanni e Paolo, vor drei Jahren war das. Sie wohnten im Dorf. Clara kannte den Vater von einem. Er war Klempner und hatte mal den Abfluss der Dusche in der Casa Mahler repariert.

Am Ortsanfang von Bogliaco sah man die Masten der großen Segelyachten, die dort im Hafen ankerten. Gleich dahinter tauchte das Dach des Palazzo Bettoni auf, mit seinen lebensgroßen Figuren auf dem Dachsims. Der große Barockpalast war noch immer in Besitz der Grafen Bettoni und wurde nur zu ausgewählten Anlässen wie Konzertsoirèen oder für den Begrüßungsempfang der jährlich stattfindenden, größten Binnensee-Regatta, der Centomiglia, für Besucher geöffnet.

Die von Mussolini Anfang der Dreißigerjahre gebaute Uferstraße führte geradezu direkt durch den Garten der Schlossanlage. Sie trennte den Palazzo auf der Seeseite vom zum Berg hin gelegenen Park, der mit seinen Grotten, Wasserbassins, Steintreppen und von Balustersäulchen gesäumten Brüstungen, auf denen sich Amorettenfiguren kokett präsentierten, an ein barockes Bühnenbild erinnerte.

Einmal im Jahr, meist am letzten Wochenende im April, öffneten sich die hohen, elegant geschwungenen Gittertore des Parks für eine opulente Pflanzenschau, während der sich die kleinen Terrassen, die Emporen, Kieswege und Maueröffnungen in ein wogendes Meer aus Blüten und Blättern verwandelten, wo Azaleen und Rhododendren von hellstem Apricot bis zu tiefstem Purpur, von Zartrosa bis Violett ein furioses Zusammenspiel der Farben zeigten. Die Blüten der in riesigen Kübeln auf das ganze Terrain verteilten Orangen- und Zitronenbäumchen verströmten einen geradezu narkotisierenden Duft, und die ambitioniertesten Gärtnereien aus ganz Oberitalien präsentierten die verschiedensten Sorten von Lavendel, Pfingstrosen oder Lilien.