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Mischung aus Science Fiction und Fantasy. Handlung spielt in der Gegenwart. Vier Protagonisten treffen in Ausnahmesituation aufeinander und erkennen das ihre Welt auseinanderbricht.
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Seitenzahl: 669
Veröffentlichungsjahr: 2015
www.tredition.de
Für Thomas,
ohne den diese Geschichte
nie einen Anfang gefunden hätte.
Fürst Anton
SCHATTEN
Roman
www.tredition.de
© 2014 Anton Fürst
Umschlaggestaltung, Illustration: Anton Fürst
Lektorat, Korrektorat: Paulino Menendez, Alexandra Gräven
weitere Mitwirkende: Thomas Pernull
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN: 978-3-7323-1870-4
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
PROLOG
Eine Bar irgendwo zwischen Nacht und Tag. In diesem Niemandsland zwischen Vergessen und Bewusstlosigkeit kämpfen einige verlorene Seelen gegen die Geister ihrer Vergangenheit. Leise Musik dringt durch das mit Rauchschwaden gefüllte Lokal.
Es stinkt nach Rauch, Alkohol und verdrängten Erinnerungen. Die Kundschaft besteht aus ziemlich heruntergekommen wirkenden Gestalten, ausschließlich Männer.
An einem runden Tisch sitzen zwei ältere Männer. Einer liegt kopfüber am Tisch und schnarcht. Der andere sitzt gegenüber und erzählt lallend von seinem hoffnungslosen Leben.
An der Bar sitzt Leo, ein typischer Penner mit verwahrlostem schwarzem Vollbart und ungepflegtem, langem, verfilztem Haar. Vor ihm steht ein Glas auf der Theke, mehrere leere Gläser daneben. Er ist schon schwer betrunken.
Der Barkeeper ist ein dickerer Mann Mitte 40, er trägt eine Schürze und wischt mit einem Tuch gerade ein Glas ab. „ Es war am 6. Juni 1944, als wir in der Normandie landeten. Meine Truppe landete bei Carentan, nicht so bekannt wie die Landung bei Omaha Beach, aber genauso Scheiße“, lallt Leo den Barkeeper an. „ Ich sag dir, die Meisten haben keine Ahnung, wie es ist, wenn dir Blei um die Ohren fliegt. Du bist wie aufgeputscht, irgendwie wie unter Drogen.“
Leo grinst den Barkeeper an, er beugt sich etwas vor und spricht: “Den verdammten Krauts haben wir ordentlich den Hintern versohlt.“
Der Barmann blickt kurz von seiner Tätigkeit auf und lächelt milde. Leo leert das Glas, das vor ihm steht.
„Ich sehe noch den erstaunten Blick vor mir, als ich dem Kraut die Pistole ansetzte und abdrückte.“ Leo formt aus seiner Hand eine Pistole, setzt auf den Barkeeper an und „Peng“, dabei lässt er seinen Arm nach oben schnellen wie von einem Rückstoß. Leo scheint das Gleichgewicht zu verlieren. Er krallt sich an der Theke fest, kann sich aber nicht halten und kippt nach hinten vom Barhocker. Der Barkeeper hält im Putzen des Glases inne und beugt sich vor, über die Theke.
John
Kapitel 1
Es ist schwarz; riesengroß und schwarz, umgeben von einem weißen Rahmen. Ein Bild der Ausstellung: „Die Moderne: Bilder einer neuen Welt.“
John, in seinen abgetragen Jeans und ausgelatschten Schuhen, steht vor dem Gemälde. Er zupft an seinem grauen Pullover, bevor er sich dem Bild zuwendet.
John hat sich schon immer für Kunst interessiert, vor allem für Bilder, mit seinen rund 30 Jahren hat er schon viele gesehen und auch einige selbst gemalt.
„Schwarz und Weiß“, erklärt ein „Guide“, der etwas links von John steht, umgeben von einer Gruppe Japanern, die alle ihre Fotoapparate griffbereit haben, obwohl ein Schild mit deutlich lesbarer Schrift darauf hinweist, dass Fotografieren hier verboten ist.
„Der Künstler hat Symbole, Botschaften, Bilder und Zeichen mit weißer beziehungsweise schwarzer Farbe übermalt, die man mit den Begriffen Schwarz und Weiß assoziiert“, der „Guide“ in seiner schlichten grauen Uniform deutet auf ein riesiges weißes Gemälde, umgeben von einem schwarzen Rahmen, das neben dem Schwarzen hängt, „es gibt keine Aufzeichnungen, was der Künstler übermalt hat, er selbst hat sich nie zu dem Inhalt der Bilder geäußert.“
John tritt etwas näher an das schwarze Gemälde heran. Vielleicht kann er ja etwas erkennen, von dem was der Künstler unter der Farbe verborgen hat. Seine blaugrauen Augen mustern die Oberfläche des Bildes. Er hat blonde Haare und einen hellen Teint, was einen guten Kontrast zu dem Schwarz bildet.
Es hat ihn Überwindung gekostet hier her zu kommen er hasst es, nach draußen zu gehen unter Menschen, meist sitzt er zu Hause, vor seinem Computer und betrachtet die Welt durch das kleine Fenster seines Monitors. Dort hat er Kontrolle über seine kleine heile Welt, keine Konfusion, keine Menschen die ihn anrempeln, anreden, auf die Zehen steigen, Ruhe.
Aber diese Ausstellung, die hat ihn neugierig gemacht, hat den ausgemergelten, dünnen, etwa 1,80m großen John dazu gebracht, seine Scheu zu überwinden und hinauszugehen. Er hat schon öfter überlegt das Internet abzumelden, aber ganz will er sich doch nicht von seiner Umwelt zurückziehen. Es gibt doch noch etwas, das ihn hervor lockt, und wenn es nur eine Ausstellung über moderne Kunst ist. Im Internet ist er über einen Artikel über diese Ausstellung gestolpert, diese Bilder „Schwarz und Weiß“ haben ihn fasziniert und jetzt, jetzt hat er es geschafft und steht endlich davor.
Er tritt noch einen Schritt vor, bis zu der Absperrung, die aus einer dicken roten Kordel besteht, welche zwischen zwei Messingständer gespannt ist. Der Guide wirft einen kurzen Seitenblick auf John, wendet sich aber gleich wieder seiner Gruppe zu.
John beugt sich nach vorn, um vielleicht doch etwas erkennen zu können. Er stutzt. Hat sich da nicht etwas bewegt im Bild? Es scheint, als ob die Farbe sich zu konzentrieren scheint, sich in einem Punkt zu noch intensiveren Schwarz sammelt.
John tritt einen Schritt zurück. Panik steigt in ihm hoch. Die Begleitbroschüre zur Ausstellung entgleitet seiner Hand und fällt zu Boden. Er nimmt die Stimme des Guides nur noch gedämpft und irgendwie seltsam verzerrt wahr.
Einer der Japaner bückt sich, um die Broschüre wieder aufzuheben. Der Guide macht ein paar Schritte auf John zu, „Geht es Ihnen nicht gut?“ fragt er besorgt. In diesem Moment fährt eine verzerrte, übermenschgroße Fratze aus dem Bild in Richtung John. Ein schwarzer, dünner, sehniger Arm streckt sich ebenfalls aus dem Bild hervor. Die schwarze, mit fünf dünnen, langgliedrigen Fingern, in Klauen endende Hand versucht John zu ergreifen. John schreit und macht einen Satz zurück. „Nein!“ brüllt er und stolpert über eine der weißen Marmorbänke, die in regelmäßigen Abständen in der Mitte der Ausstellungshalle aufgestellt sind.
Durch seinen Satz nach hinten reißt er den Japaner mit, der sich nach der Broschüre gebückt hat. Der Guide versucht John vor dem Sturz zu retten, bleibt aber an dem Japaner hängen und hilft dann diesem wieder auf die Beine. Er wirft dabei einen Seitenblick auf das Bild, das aber in seinen Augen unverändert an der Wand hängt.
John ist unsanft auf dem Rücken gelandet, er hebt abwehrend die Arme und schiebt sich mit den Füßen weiter weg, Panik in den Augen. John hört nur noch kreischende Schreie von Angst und Schmerz, die schwarze Fratze und der Arm, der immer länger wird, füllen sein Blickfeld komplett aus. Schweiß tritt auf Johns Stirn, die Hand hat ihn fast erreicht, scheint sich um sein Gesicht schließen zu wollen.
Plötzlich wird er hochgerissen. Zwei Männer in denselben schlichten Uniformen wie der Guide haben ihn hochgehoben. Im selben Moment verschwinden das schwarze Monster und das Kreischen. „Wie geht es Ihnen?“ hört John gedämpft einen der beiden Männer fragen. Er reagiert nicht, starrt nur mit angstgeweiteten Augen auf das Bild. „Ruft die Rettung!“ bestimmt der Guide, der John immer noch aufrecht hält.
Verschwommen nimmt John seine Umgebung war. Der Guide, der mit der Gruppe Japaner unterwegs ist, redet beruhigend auf sie ein. Dem Japaner, den John mit zu Boden gerissen hat, ist nichts passiert, nur seine Brille sitzt etwas schief. Einer der Uniformierten, inzwischen sind schon drei um John herum, greift zu seinem Mobiltelefon und ruft die Rettung. Der Guide, der John hoch geholfen hat, setzt ihn jetzt auf die Marmorbank, über die John gestürzt ist. Er hat seine linke Hand auf Johns Schulter gelegt und spricht John noch mal an: „Sir? Wie geht es Ihnen? Sehen Sie mich an! Sir?“ John blickt durch ihn hindurch, sein Blick wandert wieder zu dem Bild, immer noch vor Schreck geweitet, er reagiert nicht auf die Frage.
„Was ist mit ihm?“ fragt einer der anderen Guides. „Ich habe keine Ahnung“, antwortet der Gefragte besorgt, „vielleicht ein Schock.“ „Rede weiter mit ihm, ich sehe nach der Rettung!“ sagt der Aufseher und läuft Richtung Ausgang. Der Guide bei John stellt sich zwischen das schwarze Bild und ihm, „Hören Sie mich überhaupt?“ fragt er und fuchtelt mit seiner Hand vor Johns Gesicht. John reagiert nicht. Noch immer ist Entsetzen in sein Gesicht geschrieben. Einige Leute starren auf John, der dasitzt wie gelähmt und auf nichts reagiert.
„Dort, dort sitzt er!“ ruft der Aufseher aus, der mit den Leuten von der Rettung wieder retour kommt. Zwei Sanitäter und ein Arzt laufen zu John. Der Arzt blickt ihm nur kurz ins Gesicht, „Schock, eindeutig. Holt eine Bahre, schnell!“ Die Sanitäter laufen wieder retour. „Wie lange ist er schon in diesem Zustand?“ fragt der Arzt den Guide bei John. „Erst kurz, vielleicht fünf Minuten“, antwortet der Guide, „Ihr wart verdammt schnell da.“ „Wir waren praktisch schon vor dem Gebäude“, sagt der Arzt, „war ziemliches Glück. Wie ist das passiert?“ „Ich bin mir nicht ganz sicher“, antwortet der Guide, „aber es scheint so, als habe er sich vor dem Gemälde da erschreckt“, er deutet auf das schwarze Bild, „und dann ist er über die Bank gestolpert und hat um Hilfe geschrien.“ „Vor dem Gemälde erschreckt?“ der Arzt wirft einen Blick auf das schwarze Bild.
Die zwei Sanitäter kommen mit der Bahre retour, stellen sie neben John ab und heben dann John hinauf. John liegt schlaff auf der Bahre, der Arzt fühlt seinen Puls, Tränen laufen an Johns Wangen herab.
Leo
Kapitel 2
Leo sitzt in einem Rollstuhl, sein Kopf ruht auf einer Nackenstütze. Er ist ausgemergelt, dürr, als hätte er schon seit Tagen nichts gegessen. In seinem struppigen, ungepflegten, schwarzen Vollbart klebt eingetrocknetes Erbrochenes. Sein Haar ist lang und ebenso ungepflegt und verfilzt wie der Bart.
Zwei Strähnen kleben in seinem schweißnassen Gesicht. Ob es von der Sonne gebräunt oder einfach nur von Schmutz bedeckt ist, ist nicht feststellbar.
Seine Augenlider sind halb geschlossen, darunter kann man dunkle, blau unterlaufene Augenringe erkennen. Sein linker Unterarm ist mit zwei Bändern an der Lehne des Rollstuhls fixiert. Er hängt an einem Tropf, aus dem langsam eine klare Flüssigkeit in ihn hineinsickert. Sein rechter Arm hängt schlaff herunter.
Sein Gewand ist völlig zerschlissen. Es wirkt fast, als hätte er es schon seit Ewigkeiten an. Eine braune, völlig verdreckte Hose aus dickem Wollstoff, nur von einem Stück Seil statt eines Gürtels zusammengehalten, bedeckt die Beine.
Das Hemd aus dickem, grobem Leinen ist über der Brust zerrissen, an den Ellbogen schon durchgewetzt. Es dürfte ehemals weiß gewesen sein, jetzt ist es mit gelben, braunen, grauen Flecken übersät.
Die Füße stecken in durchgelaufenen Schuhen, schwarze, vor Dreck starrende Socken blicken durch einige Löcher und aufgeplatzte Nähte ins Freie. Die Socken selbst sind ebenfalls schon löchrig und lassen den Zehen mehr Freiheit, als ihnen zusteht.
„Puuh“ sagt die Krankenschwester, eine mollige Farbige und winkt mit der Hand vor der Nase, um den Geruch von Urin, Alkohol, Schweiß und Erbrochenem zu vertreiben. „Wir haben wohl im Kanal übernachtet. Na ja, als erstes werden wir dich einmal waschen, mal sehen, was unter der Dreckkruste zum Vorschein kommt.“
Sie legt den schlaffen Arm in den Schoß von Leo, greift zu den Griffen am Rollstuhl und macht eine halbe Drehung nach links.
Leos Blick ist trübe und verschwommen, doch durch seine halbgeöffneten Lider nimmt er wahr, wie ein Mann, von zwei Sanitätern begleitet, den Gang betritt. Die Sanitäter stützen ihn. Der Mann trägt einen grauen Pullover, Jeans, ist etwa 1,80 m groß und hat helle Haare. Doch das ist es nicht, was Leo aufmerken lässt, es ist der seltsame Glanz, der ihn umgibt. Er kennt das, er hat ihn schon oft gesehen.
„Wieder so ein armer Kerl“, will Leo sagen, bringt aber nur ein krächzendes Geräusch aus seiner vertrockneten Kehle heraus. Etwas weißlicher Schleim rinnt in seinen Bart. Dann schläft er ein.
Er träumt, rund um sich ein Meer aus Blumen, er inhaliert ihren Duft, den eine sanfte Brise über ihn streichen lässt. Über ihm ein Himmel, der in einem wunderschönen, unirdischem Azurblau strahlt. Helle Stimmen werden vom Wind an sein Ohr getragen. Er fühlt sich, als wäre er im Paradies.
Plötzlich wacht er wieder auf. Die Schwester von vorher hält ihm einen Spiegel vors Gesicht. „Nein“, schreit Leo auf, „ tun Sie ihn weg!“ Leos Arm fährt blitzschnell nach vorne und schlägt ihr den Spiegel aus der Hand, dieser fällt auf den Boden und zersplittert in tausend kleine, spiegelnde Flächen.
Die Schwester ist zurückgesprungen: “Na hören Sie mal, vorher haben Sie aber auch nicht besser ausgesehen.“ Sie geht brummend in eine Seitenkammer und kehrt mit Besen und Mistschaufel zurück. „Kaputt ist er“, regt sie sich auf, „das war wirklich nicht notwendig“.
Leo liegt in einem Bett, es ist ein typisches Krankenhausbett in einem Krankenhauszimmer. Weiße, kahle Wände, etwas aufgelockert mit Bildern von Stillleben. Eine Vase mit Blumen steht auf einem kleinen Tischchen gegenüber an der Wand.
Er liegt im ersten Bett, gleich rechts neben dem Eingang ins Zimmer. Neben ihm stehen noch weitere fünf Betten, zwei davon sind belegt, am anderen Ende des Raumes. Die beiden Patienten starren ihn an. Leo lässt sich zurück auf das Polster sinken. „Ist doch nur ein unnötiges Stück Glas, geschaffen für die Eitelkeit des Menschen, um sich an dem eigenen Bildnis zu ergötzen“, murmelt er, aber so laut, dass man es versteht.
Leo ist glattrasiert und hat auch eine Glatze verpasst bekommen. „Was habt ihr mit meinen Haaren gemacht?“ fragt er mit monotoner Stimme.
„Sie waren so verfilzt, es war unmöglich, die wieder in Ordnung zu bringen, außerdem wachsen die ja wieder nach“ meint die Schwester und richtet sich mit Schaufel und Besen wieder auf. “Dein Gewand, falls man es so nennen kann, liegt gewaschen da im ersten Schrank neben der Tür“, sie zeigt mit der Schaufel auf den Kasten, der der Eingangstür am nächsten steht. „Klo ist am Gang, gleich links. Übrigens wird der Arzt auch gleich vorbeischauen. Also reiß dich zusammen.“
Die Schwester stellt den Besen in die kleine Kammer, kehrt die Splitter in den Mistkübel, der ebenfalls dort steht und verlässt das Zimmer.
Leo steht auf. Er wirkt etwas zittrig, geht zum Schrank und nimmt seine Sachen heraus. Sie sind ordentlich zusammengelegt und riechen nach Seife.
Er streift das Spitalshemd ab und zieht sich die Unterhose an, die bei seinen Sachen liegt. Sie wirkt neu. In dem Moment, wo er zu seiner Hose greift, geht die Tür auf. Herein kommen drei Männer in weißen Arztkitteln. Der erste, der den Raum betritt, ist Mitte 50, hat eine beginnende Glatze und ist ca. 1,70m groß, trägt einen schwarzen Vollbart und eine typische Lesebrille.
Er hat ein Klemmbrett, auf dem einige Zettel angeklemmt sind. Die Zwei, die ihn begleiten, sind jünger, vielleicht Studenten.
„Sie wollen uns schon verlassen?“ fragt der ältere Mann, auf seinem Namensschild steht Dr. Tamman zu lesen.
Leo bindet sich die Hose mit dem Stück Strick zu und greift zu seinem Hemd. Er reagiert nicht.
„Sie sind ein medizinisches Wunder, wissen Sie das?“ spricht Dr. Tamman ihn nochmals an. „Der Drogencocktail und auch die Dosis, die Sie intus hatten, hätten wahrscheinlich einen Elefanten erledigt.“ Leo sitzt inzwischen am Bett und bemüht sich, die Socken anzuziehen. Es sind neue Socken. Er zittert etwas und hat Mühe, sie überzustreifen.
„Wie lange bin ich schon hier?“ fragt Leo. „Zwei Tage“, kommt die Antwort vom Arzt. „Ein Passant hat Sie gefunden, Sie haben vor einer Bar gelegen, er dachte, Sie wären tot und er hat die Polizei gerufen. Die haben festgestellt, dass Sie es doch nicht sind und haben Sie hergebracht. Ich würde Sie gerne noch etwas unter Beobachtung haben. Sie waren wirklich nahe am Sprung.“ Leo hat inzwischen die Schuhe an und steht vom Bett auf. Er greift zum Hemd und streift es über, die Löcher in den Ärmeln scheinen geflickt worden zu sein und man erkennt immer noch die Flecken, die nicht weggegangen sind.
„Ich bin nicht versichert“, sagt Leo und blickt Dr. Tamman zum ersten Mal ins Gesicht. Sein Blick wirkt aggressiv. Dr. Tamman macht einen Schritt zum Bett und sagt eindringlich: “Hören Sie, Sie brauchen Hilfe, Sie sind schwer drogensüchtig und es ist mir egal, ob Sie versichert sind oder nicht.“ „Ich will Ihre Hilfe aber nicht“, meint Leo energisch, schiebt einen Begleiter von Dr. Tamman beiseite und öffnet die Tür, um den Raum zu verlassen.
„Früher oder später landen Sie wieder hier!“ ruft ihm Dr. Tamman noch nach und geht kopfschüttelnd zum nächsten Patienten.
John
Kapitel 3
Der Mann im weißen Kittel seufzt, auf dem Schildchen über seiner Brust steht: „Dr. Bozeman“. Er setzt sich auf den mit schwarzem Leder überzogenen Stuhl mit hoher Lehne und betrachtet kurz den dicken Ordner vor sich auf dem Schreibtisch. Er schlägt den Ordner auf.
„Johann Immanuel Bolt“ beginnt er, „seit über 15 Jahren behandle ich dich schon.“ Dr. Bozeman ist ein älterer Herr mit Glatze, die von einem weißen Haarkranz umgeben ist. Er trägt eine Brille mit runder Fassung. Sein Teint ist rosig, sein Gesichtsausdruck ernst, mit einer Spur von Sorge. Er sitzt in einem kleinen Büro, das ein bisschen einer Arztpraxis gleicht, wären da nicht die vielen Aktenschränke an den Wänden. Er blickt vom Ordner auf, zu John. John sitzt gegenüber von Dr. Bozeman. Er ist unrasiert, wirkt ausgemergelt, müde und vollkommen erledigt. Er trägt immer noch seinen grauen Pullover und die Jeans.
„Ich kenne dich mittlerweile besser als meinen eigenen Sohn“, setzt er fort und seufzt, „ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll“, er räuspert sich, „Die Medikamente, die ich dir verschrieben hatte, sind die Stärksten, die es zur Zeit gibt. Ich kann dir nichts Stärkeres mehr verschreiben.“ „Aber, aber“, stammelt John, „es muss doch etwas geben, ich kann so nicht weiterleben, wenn diese Halluzinationen wieder anfangen, werde ich noch komplett wahnsinnig.“
„John“, sagt Dr. Bozeman, „ich habe die Dosis kontinuierlich erhöht, seit deine Eltern dich mit 16 das erste Mal zu mir brachten. Sie waren vollkommen verzweifelt, am Rande des Zusammenbruchs. Ich habe alles versucht. Du warst lange Zeit hier bei mir, in der Klinik, in Therapie. Es schien funktioniert zu haben, aber kaum warst du wieder draußen, haben die Halluzinationen wieder angefangen. Das einzige, was ich dir anbieten kann, ist hier zu bleiben. Zumindest für eine Weile, bis du dich wieder sicher fühlst.“
„Ich bin nirgends sicher“, resigniert John, „aber danke für Ihr Angebot. Ich halte es hier nicht lange aus unter den ganzen Verrückten. Gibt es wirklich nichts mehr, keine stärkeren Tabletten? Wenn ich einfach mehr von denen nehme, die ich sowieso schon nehme?“
Dr. Bozeman schüttelt den Kopf: „Das würde nichts bringen, außer, dass du extrem gedämpft wirst und ich dich in dem Zustand nicht auf die Straße lassen würde. Es sind schwere Tranquilizer. Wenn du mehr davon nimmst, kannst du nicht mehr geradeaus blicken oder einen Fuß vor den Anderen setzen. Da kannst du gleich hier bleiben. Das Einzige, was du tun kannst: Kämpfe gegen die Halluzinationen an, lass sie nicht über dein Leben bestimmen. Tritt ihnen entgegen, bekämpfe sie. Das ist der einzige Rat, den ich dir noch geben kann.
“ John seufzt, „Wenn sie nur nicht so real wirken würden.“ Dr. Bozeman nickt, „Ja, das glaub ich dir sofort. Aber sei dir bewusst, dass all unsere Wahrnehmungen, alle Sinneseindrücke erst in unserem Gehirn entstehen. Es ist, wie wenn du ein Buch liest, es entstehen Bilder in deinen Gedanken, du riechst den Duft einer geschriebenen Rose, siehst einen Sonnenaufgang, hörst den Lärm einer stark befahrenen Straße. Tatsächlich stehen da nur ein paar seltsame Zeichen auf einem Stück Papier. Wie oft wirken Romanfiguren real, als würden sie wirklich existieren? Nichts davon ist wirklich real, sind nur Produkte deiner Vorstellungskraft. Genauso verhält es sich mit deinen Halluzinationen. Sie sind nur hier drin“, er deutet auf Johns Stirn, „und dessen musst du dir bewusst werden.“ Er steht auf und legt seine Hand auf Johns Schulter, „Und wenn du Hilfe benötigst, du kannst mich jederzeit anrufen oder zu mir kommen, jederzeit.“
„Danke, Doktor Bozeman, ich hoffe, ich komme alleine klar“, bedankt sich John und steht auf. Er gibt ihm noch die Hand und verlässt das Büro. „Armer Junge“, murmelt Dr. Bozeman als er die Tür schließt, geht zurück und schließt den Ordner.
John betritt seine Wohnung. Die Eingangstür ist innen weiß gestrichen, nach außen zum Gang hin, ist sie braun. Es ist eine nette Wohnung, ungefähr 60m2 groß, weiß ausgemalt. Die Fenster gehen alle zu einer Seite hinaus, in eine nicht befahrbare Sackgasse, in die die Feuerleitern der umgebenden Häuser hinabführen. Hin und wieder übernachten in der Gasse Penner.
Die Wohnung befindet sich im fünften Stock, alle Fenster sind mit dünnem Papier verhängt, das zwar Licht hindurch lässt, aber den Blick von gegenüber abhält. Es gibt einen kleinen Vorraum, mit einer Kleiderablage und einem kleinen Kästchen, auf dem ein Telefon steht. Selbiges dürfte schon lange nicht mehr benutzt worden sein, da eine Staubschicht darauf zu erkennen ist.
John zieht seine Schuhe aus, dann seinen Pullover, darunter trägt er ein T-Shirt, weiß ohne irgendwelche Aufdrucke. Den Pullover hängt er an einen Haken an der Kleiderablage, dann betritt er sein Wohnzimmer, ein großer Raum mit zwei Türen. Die Tür links vom Eingang führt zu seinem Schlafzimmer, die Tür rechts zu Bad und WC.
Den Großteil der Wohnung nimmt aber das Wohnzimmer ein, es ist auch gleichzeitig sein Arbeitszimmer. In der Ecke neben dem Fenster steht ein großer Schreibtisch, auf dem ein großer Bildschirm und ein Computer stehen. Gleich daneben ist ein Zeichentisch, auf dem sich Skizzen einer Fassade befinden. Auf der Ablage am Zeichentisch liegt eine Lightpen, mit deren Hilfe man die Zeichnung direkt auf den Computer übertragen kann. In der Mitte des Raumes steht ein runder Tisch mit drei Sesseln. Rechts im Raum befindet sich die Küche, eine typische Wohnküche, mit einer Theke vom Rest des Raums abgegrenzt.
Johns erster Weg führt zum Kühlschrank in der Küchenzeile. Er nimmt sich eine Tiefkühlpizza und schiebt sie in den Herd. Dann geht er zur Stereoanlage, die in einem Regal neben dem Schreibtisch steht, es handelt sich um ein Hightech Gerät, und dreht sich Musik auf, etwas Leichtes, Beruhigendes. Dann greift er zum Mobiltelefon das auf seinem Schreibtisch liegt. Er schaltet es ein und sieht, dass einige Anrufe in Abwesenheit angezeigt werden. Er geht die Liste durch und bei „Margret“ drückt er die Anruftaste.
„Hallo Margret, was gibt’s?“ „Hallo John“, sagt eine besorgte Frauenstimme, „Wo warst du? Seit zwei Tagen versuche ich dich schon zu erreichen. Es ist etwas Unglaubliches passiert!” „Ach so? Was denn?“, John geht nicht auf die Frage seiner Abwesenheit ein. „Hast du keine Nachrichten gesehen?“ „Du weißt doch, ich habe kein Radio und Fernsehen zu Hause.“ „Immer noch nicht? Ich dachte, es geht dir schon seit einiger Zeit ab. Wo warst du überhaupt? Ist dir was passiert?“
John antwortet nicht gleich. „John? Was ist los?“ Er seufzt: „Ich war wieder in der Klinik, mir geht es nicht besonders gut, hast du vielleicht Zeit?“ „Oh, ich komme sofort, und nehme ein Radio mit.“ „Nein Margret, bitte kein Radio!“ fleht John, aber sie hat schon aufgelegt. „Warum ruf ich sie eigentlich noch an?“ fragt sich John und legt das Handy wieder auf den Schreibtisch. Er schaltet den Computer ein und setzt sich in den bequemen Computersessel. Natürlich, eine E-Mail hat sie ihm auch geschickt.
„Unglaublich“ steht im Betreff. Im Textfeld ist die Kopie eines Textes einer Online Zeitung zu sehen: „Stadt verschwunden!“, liest John und runzelt die Stirn, „Dixon, eine Kleinstadt an der Grenze von Colorado zu Wyoming, ist über Nacht verschwunden. Wo gestern noch die verträumte Kleinstadt Dixon lag, findet man jetzt nur eine Landschaft aus kahlem Gestein, das dort vorher nicht war. Das Gebiet wurde großräumig abgeriegelt und die Armee ist mit Wissenschaftlern vor Ort, um das Phänomen zu klären. Von den Einwohnern fehlt jede Spur.“
Darunter findet John noch zwei Attachments. Er macht das erste auf und sieht das Foto einer Kleinstadt, offensichtlich eine Ansicht von Dixon. Er öffnet das zweite und schreckt zurück. Er sieht ein Bild von grau-schwarzem Gestein. Felsblöcke liegen durcheinander, und rundherum sieht er die normalen Badlands des Westens. Keine Pflanze ist auf den Felsen zu sehen, kein Grün, nur Ödnis, wie ein Stück vom Mond. John schluckt, ein unangenehmes Gefühl steigt in ihm hoch, und Angst.
In dem Moment läutet es an der Tür. „Das wird Margret sein“, sagt er zu sich selbst. Gleichzeitig läutet etwas in der Küche. „Ah, die Pizza“, John läuft zur Tür, macht sie auf und läuft dann weiter zum Herd, „Bin gleich bei dir, mach’s dir bequem!“ Als John sich mit der Pizza in der Hand aufrichtet und umdreht, um in den Raum zu blicken, sieht er einen Mann mitten im Zimmer stehen. Vor Schreck lässt er fast die Pizza fallen. „Was, wie“, stottert John, „Wer sind sie?“
Irgendetwas an dem Mann kommt ihm seltsam vor. „Keine Angst, John“, antwortet der Mann, „Du hast mich ja hereingebeten, also warum so überrascht?“ Langsam dreht sich der Mann zu John, der bis jetzt den Monitor betrachtet hat.
„Eigentlich…“, John bleibt der Rest des Satzes im Hals stecken. Denn dort, wo das Gesicht des Mannes sein sollte, ist nur Finsternis, tiefste Dunkelheit. Aber nach ein paar Augenblicken kann er ein Gesicht erkennen, es scheint unter der Dunkelheit zu liegen, kommt langsam an die Oberfläche.
Der Mann ist gut an die 1,90 groß und breitschultrig, er trägt einen schwarzen Anzug und feine schwarze Schuhe. Das Haar ist schwarz, lang und zu einem gepflegten Pferdeschwanz zusammen gebunden. Das Gesicht, das John unter dem schwarzen Schleier immer mehr erkennen kann, ist markant: dunkle stechende Augen, ein eckiges Kinn, schwarze, dichte Augenbrauen, gebräunte Haut und ein selbstbewusstes, gut trainiertes Lächeln.
„Verlassen Sie sofort meine Wohnung!“ schreit John und startet zur Tür um sie wieder zu öffnen. „Seltsam“, denkt er sich, „hab sie gar nicht ins Schloss fallen hören.“
„Willst du nicht wissen, was deine Halluzinationen sind? Willst du nicht wissen wer ich bin, was ich bin?“ fragt der seltsame Unheimliche.
John überlegt kurz, „Tritt ihnen entgegen, bekämpfe sie“, der Satz von Dr. Bozeman fällt ihm wieder ein. „Du bist nur wieder eine dieser Halluzinationen, aber diesmal werde ich nicht davon laufen, diesmal wirst du gehen! Ich glaube nicht an dich, du bist nicht da!“ John kneift kurz die Augen zusammen und macht sie dann wieder auf. Der Mann steht immer noch da.
„Das ist keine Krankheit. Das ist eine Gabe, ein Geschenk, kämpfe nicht dagegen an, nutze sie!“ fordert ihn der Dunkle auf. „Eine Gabe!?“ erregt sich John, „das ist ein Fluch, ich will sie nicht! Ich will ein normales Leben führen, wie alle anderen Menschen auch, verschwinde, geh weg!“ schreit John.
„Das wäre Verschwendung, aber ich könnte dir beibringen, sie zu kontrollieren, dass sie nicht von dir Besitz ergreift, sondern du von ihr. Diese Gabe gibt dir Macht, nutze sie, so wie ich. Du brauchst keine Angst zu haben. Ich tue dir nichts, ich will dir nur helfen.“
John beginnt zu schwitzen, seine Hände zittern, „Es ist nicht real“, denkt er sich verzweifelt, „nicht real“ Er umklammert den Türgriff so fest, dass die Knöchel weiß hervortreten. Der Mann geht auf John zu: „Entschuldige, dass ich mich bis jetzt noch nicht vorgestellt habe, George Noctum.“ Er hält ihm die Hand hin. John reißt die Tür auf und setzt an, der Gestalt einen Stoß zu geben, um sie hinaus zu befördern, doch er hält inne, denn vor der Tür steht Margret.
Etwas verdattert, die Hand ausgestreckt um gerade anzuläuten, blickt sie die beiden an, „Ähh, hallo John, du hast Besuch?“ John ist in der Bewegung erstarrt und blickt irritiert zu Margret.
Mr. Noctum hält plötzlich eine Visitenkarte in seiner Hand und drückt selbige dem verblüfften John in die Hand. Er verlässt die Wohnung, geht an Margret vorbei und verschwindet im Stiegenhaus mit den Worten, „Danke für das Gespräch, wenn Sie Fragen haben, rufen Sie an.“
Margret tritt herein, blickt dem Mann noch nach und sagt: „Was wollte der? Irgendein Vertreter?“ Sie hat ein tragbares Radio unter den Arm geklemmt und dreht sich zu John. Margret hat lockiges, rotes Haar, Sommersprossen und grüne Augen, sie geht John bis zum Kinn und blickt zu ihm hoch.
„Mein Gott, was ist mit dir passiert?“, ruft sie aus, als sie sein bleiches Gesicht sieht und die Angst in seinen Augen erkennt, „du siehst aus als hättest du den Leibhaftigen gesehen! Oh, entschuldige, wahrscheinlich hast du das auch. Du hast wieder diese Visionen, hab ich recht?“
Sanft schließt John die Tür, mit einem hörbaren Klicken rastet sie ein. Gedankenverloren, mit leeren Blick betrachtet er die Visitenkarte: „Dr. George Noctum, Versicherungsmakler und die Nummer eines Mobiltelefons.“
„Hallo, Huhu!“ Margret winkt vor Johns Gesicht, „hier bin ich. Der hat dich ja ganz schön durcheinander gebracht.“ „Du hast ihn auch gesehen?“ fragt John ungläubig. „Ja, natürlich“, antwortet Margret, „ziemlich gut gebaut, ich wette, der geht jeden Tag ins Fitnesscenter. Mh, es riecht nach Pizza. Magst du nicht essen, und erzählst mir dabei, was eigentlich los ist?“
John wirkt immer noch abwesend, wie ferngesteuert geht er zur Theke, nimmt die Pizza und stellt sie auf den Tisch in der Mitte des Zimmers. Die Visitenkarte hat er gedankenverloren eingesteckt. Margret verschwindet in der Küche, taucht mit Besteck und Servietten wieder auf.
„Was wollte der? Hat er dich so geschockt? Jetzt sag endlich, was ist los?“ Sie setzt sich gegenüber von John an den Tisch, ihre braune Jacke hängt sie über den Stuhl. Sie streift sich die Schuhe ab und darunter kommen Socken zum Vorschein, die über eine Strumpfhose gezogen sind. Das Radio steht schon am Tisch. Sie kramt in ihrer Jacke und holt eine Packung Batterien hervor.
„Tut mir leid, dass ich nicht schneller da war, ich musste noch Batterien besorgen, ich benutze das Radio nicht so oft und die Batterien waren schon leer.“
„Du hast also den Mann gesehen? Was für ein Gesicht hatte er denn?“, fragt John, während er sich ein Stück Pizza abschneidet. „Na, ja, eine markante Nase, braungebrannt und dunkle, stechende Augen, ja, und auffällige Augenbrauen, sonst kann ich nicht viel sagen, hab ihn ja nur kurz gesehen. Die Augen waren markant, ja, die sind mir sofort aufgefallen. Aber du hast ihn ja selbst gesehen, oder?“
John legt das Besteck zur Seite und blickt Margret ins Gesicht, „Ich habe wieder Halluzinationen, Margret“, beginnt John endlich von sich zu erzählen, „und Dr. Bozeman kann mir nicht mehr helfen. Jetzt taucht dieser Typ hier auf und erzählt mir, er kann mir helfen. Ich hab sein Gesicht nicht richtig sehen können, war wie hinter einem Schleier aus Schwärze, wie von einer dunklen Wolke verdeckt, und er hat mir Angst gemacht.“
John greift in seine Hosentasche und zieht die Visitenkarte hervor. „Die hat er mir gegeben“, er legt sie vor Margret auf den Tisch. Margret nimmt sie und betrachtet sie von allen Seiten. Es ist eine schlichte Karte aus weißem, glattem Karton mit einfacher schwarzer Schrift.
„Seltsamer Name, Noctum. Und du hast sein Gesicht nicht erkennen können? Ich hab ihn ganz normal gesehen, und die Visitenkarte ist auch real.“ John nimmt die Visitenkarte wieder an sich. „Dann war nur diese Dunkelheit eine Halluzination? Seltsam. Er meinte auch, das wäre keine Krankheit, sondern eine Gabe. Was meinst du, soll ich ihn anrufen?“
John greift wieder zum Besteck und isst ein Stück von der Pizza. Margret blickt auf die Pizza, „Darf ich ein Stück?“ John nickt. Margret nimmt sich einen Bissen. „Ich war mir nie ganz sicher, ob deine Halluzinationen nicht vielleicht irgendeine Art von Botschaften sind. So Visionen, wie sie früher Heilige oder Seher hatten. Aber der Blick von dem Mann war irgendwie unheimlich, ich würde mich nicht mit ihm treffen wollen, zumindest nicht alleine.“
John wirft noch einmal einen Blick auf die Visitenkarte, die er neben den Teller gelegt hat. „Ich denke, ich werde es tun, ich werde mich noch einmal mit ihm treffen und ich werde Dr. Bozeman und dich bitten dabei zu sein.“
„Ich sag dir gleich, ich lass mir sicher keine Versicherung aufschwatzen“, grinst Margret. Dann greift sie zum Radio und legt die Batterien ein. John verzieht das Gesicht, „Margret, du weißt, warum ich kein Radio höre, ich habe immer Dinge gehört, die sonst niemand gehört hat, und seltsam verzerrte Stimmen, Gesänge und Schreie, ich mag das nicht.“ „Wenn du willst, dass ich bei Mr. Noctum dabei bin, hörst du zu.“ „Okay“, sagt John, „aber ich weiß schon um was es geht, ich hab dein E-Mail gelesen.“
„Das ist doch seltsam, oder?“ meint Margret, „Wie kann so was passieren? Sie bringen laufend Sondersendungen darüber.“ Sie schaltet das Radio ein.
„Dixon, eine Kleinstadt verschwindet. Ich bin Elizabeth Tagrin und schalte um zu den Geschehnissen vor Ort.“ Ein vielstimmiges Schreien und Kreischen erfüllt den Raum. John springt auf und schaltet das Radio aus.
„Was hast du?“ fragt ihn Margret entsetzt. „Diese Schreie, an dem Ort muss was Schreckliches passiert sein“, entsetzt sich John. „Was für Schreie? Ich habe nichts gehört.“ John flippt fast aus. „Du siehst den Mann, er ist real. Der Schatten vor seinem Gesicht nicht. Ich höre Schreie, du nicht. Ich werde wahnsinnig, ich halte das nicht aus. Weißt du, wie das ist, wenn man Realität und Wahnsinn nicht mehr unterscheiden kann? Weißt du, wie das ist, wenn du in den Spiegel siehst und eine Fratze blickt dir entgegen?“ John sinkt auf dem Stuhl zusammen. „Ich halte das nicht mehr aus, es bringt mich um.“
Er schluchzt. Margret rückt neben ihn und legt den Arm um seine Schulter, streicht ihm mit der Hand über den Kopf. „Du und Doktor Bozeman, ihr seid die Einzigen, die von meiner Krankheit wissen, woher wusste dieser Mann es?“
Margret hält inne und horcht auf, als sie einen Schrei hört. „Hast du das gehört?“ John hebt den Kopf und blickt sie verständnislos an, „Was?“ „Da hat Jemand geschrien. Das kam von draußen.“ Margret steht auf und geht zu dem verdunkelten Fenster, das in die Nebengasse zeigt. Sie schiebt das graue Papier zur Seite, sieht aber nicht, was unten los ist, da der Blickwinkel zu steil ist.
„Das ist sicher nur ein Penner, hin und wieder übernachten welche hier“, meint John, „Die besaufen sich und grölen dann herum.“ „Nein“, sagt Margret, „das war ein Schmerzensschrei.“ Sie macht sich am Fenster zu schaffen, versucht es zu öffnen, aber sie bekommt es nicht auf. „Hast du die Fenster jemals geöffnet?“
Ein erstickender Schrei ist diesmal auch für John wahrnehmbar. „Jetzt hab ich auch etwas gehört, vielleicht raufen zwei miteinander.“ „Wir rufen die Polizei, schnell“, sie läuft zu ihrer Jacke, die über dem Sessel hängt und angelt ein Mobiltelefon hervor. Sie tippt den Polizeinotruf und wartet.
„Das ist sinnlos“, meint John, „die kommen sowieso nicht. Ich hab sie auch schon mal angerufen, als sich zwei Penner lautstark gestritten haben und sie meinten, einer bringe den Anderen um. Sie haben gesagt, ich soll einen Eimer Wasser hinunterschütten, das bringt sie zur Vernunft. Seitdem ruf ich nicht mehr an. Ich nehme mal an, irgendein Nachbar von Gegenüber hat ebenfalls dort angerufen. Wenn es draußen wieder mal lauter ist, schüttet er Wasser hinunter“, John grinst, „aber es hilft auch nicht immer.“
Margret hat inzwischen konzentriert und ungläubig am Mobiltelefon gelauscht. „Das gibt’s doch nicht“, ereifert sie sich, „da läuft ein Tonband, das alle Leitungen besetzt sind und man sieben Minuten warten muss, bis man durchkommt!“ Sie legt auf. „Komm mit, wir schauen selber nach.“ „Oh, nein“, zeigt sich John überhaupt nicht begeistert, „ich bin doch nicht verrückt. Wer weiß, was da los ist, am Ende kriegen wir noch ein Messer zwischen die Rippen.“ Doch Margret hat ihre Jacke schon an und schlüpft in die Schuhe. „Wo bleibst du denn, komm endlich!“ Sie winkt John zu sich. Mit einem Seufzen steht er auf und geht zu Margret. „Ich halte das für keine gute Idee“ tut er seinen Unmut kund und streift sich seinen Pullover über. Margret öffnet die Tür und geht voraus. John folgt ihr. Sie läuft über die Treppe hinunter. „Es braucht immer ewig, bis der Aufzug kommt.“ John läuft ihr nach „Warte doch!“
Beide treten hinaus auf die Straße, die Straßenbeleuchtung ist schon an und der Abend dämmert. Margret geht um die Ecke und folgt dann der Hausfront, bis sie an ihr Ende stößt, wo es wieder um ein Eck geht und die Nebengasse beginnt, aus der die Schreie zu hören waren. Sie bleibt hinter dem Eck stehen und wartet, bis John bei ihr ist. Dann blickt sie vorsichtig um die Ecke und ruft in die Sackgasse mit den Feuerleitern: „Hallo! Ist da wer?“
Sie glaubt, jemanden gesehen zu haben. „Komm John, wir sehen nach.“ Margret macht vorsichtig einen Schritt in die Gasse. „Hier sieht es aber aus. Wann war denn die Müllabfuhr das letzte Mal hier?“ Sie spricht mehr zu sich selbst als zu John. „Das ist Wahnsinn, Margret“, John flüstert fast, „hier hinten ist kein Licht, wer weiß wer sich hier versteckt hält.“ Trotzdem folgt er ihr. Er bewundert den Mut der Frau und schämt sich seiner Furcht. Er hat das Gefühl, dass jederzeit ein Dämon aus seinen Halluzinationen sich auf ihn stürzen könnte.
„Puhh, hier riecht es aber eklig“, Margret hält sich die Nase zu. Sie hält inne, hat ein Geräusch gehört, gleich vor ihr hinter einem Müllcontainer. „Was ist?“ fragt John. Er ist total angespannt und beißt sich auf die Unterlippe. „Da, bei dem Container“, flüstert sie und lässt die Stelle nicht aus den Augen. „Da war ein Geräusch. Sieh mal nach.“ Margret zieht John am Pullover nach vorne.
„Iiich?“ stammelt John, „aber, aber.“ John fürchtet, er könnte jeden Moment tot umfallen vor Angst. Er fasst sich aber und tritt näher an den Müllcontainer heran. Er kann die Umrisse einer menschlichen Gestalt erkennen, die hinter einem Eimer kauert.
„Es ist alles in Ordnung“, sagt diese, „Gehen Sie, mir geht es gut!“ John riecht Schweiß und Alkohol, und noch etwas, einen süßlichen, leicht metallischen Geruch, von dem ihm übel wird. John tritt wieder zurück, „Es ist alles in Ordnung, komm lass uns gehen.“
Er ist froh, wieder von hier fort zu kommen. Er schiebt Margret in Richtung Straße. Margret blickt ihn fragend an, „Warum hilfst du ihm nicht? Es ist doch offensichtlich, dass der Mann Hilfe benötigt.“ „Der Mann ist offensichtlich stockbetrunken und will keine Hilfe“, erklärt John und leiser flüstert er, „und außerdem mach ich mir vor Angst gleich in die Hose.“ Margret schüttelt den Kopf und tritt auf die Straße. Sie wirft noch einen Blick an John vorbei in die Gasse. Dann blickt sie zu John hoch. „Du bist ein großer Feigling! Aber wahrscheinlich hast du recht, es ist nur ein Penner, der zu viel getrunken hat.“ John seufzt und hebt resignierend die Schultern. „Ich bin eben nicht zum Held geboren.“
Leo
Kapitel 4
Leo befindet sich in einem heruntergekommenen Viertel, er biegt in eine dunkle Seitengasse ein und blickt um sich, ob ihm auch niemand folgt. „Die Krankenschwester hatte recht“ murmelt Leo zu sich selbst, „Gewand kann man das nicht mehr nennen, ich brauche was Neues zum Anziehen.“ Leo kramt im herumliegenden Müll, bis er einen Pflasterstein findet. Er hebt ihn zur Seite, gräbt ein bisschen im Dreck und stößt auf eine Metallplatte. Er vergewissert sich, ob sich auch niemand in diese Gasse verirrt hat, dann hebt er die kleine Platte von 10x10 cm auf und greift hinein. In seiner Hand ist eine Kreditkarte, die er in seinem Ärmel verschwinden lässt. Er kehrt den Dreck wieder über die Platte, drückt ihn etwas fest und legt den Stein wieder auf dieselbe Stelle, wo er ihn weggenommen hat.
Die Gasse, in der er sich befindet, ist links und rechts von kahlen Wänden umgeben, sie ist schmal und voller Müll. Der Boden in der gesamten Gasse besteht nur aus gestampfter Erde.
Leo verlässt die Gasse, er befindet sich in einem der ärmlichen Viertel der Stadt. Man sieht hauptsächlich ziemlich ärmlich gekleidete Weiße oder Latinos, die unmotiviert in den Straßen herumgammeln. Die Fensterscheiben einiger Wohnhäuser sind eingeschlagen. Autowracks stehen am Straßenrand. Er macht sich auf dem kürzesten Weg aus dem Viertel und geht dann in eine Bank.
Die Besucher der Bank blicken ihn seltsam an. „Was hat denn der hier verloren?“ hört er jemanden sagen. Der Wachbeamte der Bank behält Leo im Auge.
Leo stellt sich am Schalter an und wartet, bis er drankommt. In seinen Augen ist Wut zu sehen. Sein Gesicht wirkt angespannt. Der Wachbeamte geht auf Leo zu und stellt sich in seiner Nähe wieder auf. Er trägt einen Revolver an seinem Gürtel und mustert Leo von oben herab. Leo wendet seinen Blick ab, in seinem Gesicht arbeitet es, er steht kurz vor einem Wutausbruch.
Endlich ist er dran. Er geht vor zum Schalter, hinter diesem sitzt eine blonde, junge, hübsche Frau mit zu viel Schminke im Gesicht. Sie trägt eine weiße Bluse und einen schwarzen Rock. „Was kann ich für sie tun?“ fragt sie und bemüht sich, freundlich zu wirken.
Der Wachbeamte steht nur einen Meter hinter Leo und hat seine Daumen in den Gürtel gehakt. Er mustert Leo immer noch mit offener Feindseligkeit.
„Ich würde gerne Geld abheben“ presst Leo hervor und lässt die Kreditkarte aus seinem Ärmel gleiten. „5.000 $ in Hundertern.“ Die Dame am Schalter stutzt. Leo sagt: „ ich war auf einem Kostümfest als Penner verkleidet und hatte bis jetzt leider keine Zeit, mich umzuziehen.“ Er versucht, ein Lächeln zustande zu bringen, es wirkt aber etwas gequält.
„Bei so einer Summe muss ich den Vorstand holen“ sagt die Dame mit aufgesetztem Lächeln und macht Anstalten, zum Hörer zu greifen. „Nein, müssen sie nicht“, stößt Leo hervor, „sehen sie doch einfach mal nach.“
Die Dame stutzt und steckt die Karte in einen Schlitz unter ihrem Bildschirm. Sie schluckt und fragt dann: “Wie ist ihr Name, bitte?“
„Leo Luxor“, antwortet Leo, „geboren am 1.1.1970 in Washington D.C. Haben sie sonst noch Fragen?“ “Äh, nein, “ staunt die Dame, schiebt Leo einen Vordruck zu und sagt: „ Wenn sie bitte hier unterschreiben und den Betrag ausfüllen.“ Leo füllt das kleine Formular aus und schiebt es retour. „Danke“, sagt die Dame, greift in die Lade und beginnt die Scheine abzuzählen. „So, hier bitte, ihr Geld. Noch einen schönen Tag und beehren sie uns bald wieder, Mr. Luxor.“ „Sicher nicht!“ sagt Leo vernehmlich, steckt das Geld in eine der am Schalter aufliegenden Tüten und dreht sich um, um zu gehen.
Der Wachbeamte steht immer noch, wo er vorher war und wirft einen Blick zu der Dame hinter dem Schalter. Sie nickt nur und der Beamte tritt zur Seite. Leo geht an ihm vorbei, steckt das Geld in die Hosentasche und zischt noch leise zum Beamten: „Arschloch“.
Der Wachbeamte versteinert, tut aber sonst nichts und Leo verlässt die Bank.
Sein nächster Weg führt ihn zu einem exklusiven Herrenausstatter. Er steuert zielgerichtet eine hübsche Verkäuferin an und sagt:“ Ich hätte gerne einen Anzug, ja einen, der zu mir passt, auch gleich Socken dazu und Schuhe, führen Sie auch Schuhe?“
Die Verkäuferin mit langen schwarzen Haaren und einem schönen roten Kleid stutzt etwas, als sie Leo ansieht: „Entschuldigen Sie bitte die Frage, aber haben Sie ausreichend Geld dabei?“ Leo zieht die Tüte aus der Hosentasche und holt das Geld hervor. „Reicht das?“ meint er lakonisch.
„Ja natürlich, bitte entschuldigen Sie“, sagt die Frau verdutzt, „wenn Sie mir bitte folgen wollen.“ Leo folgt der Verkäuferin und meidet dabei den Blick in eine verspiegelte Säule, an der er vorbeigeht.
Die Verkäuferin verpasst ihm einen dunkelblauen, fast schwarzen Anzug mit dazu passenden Schuhen und zwei Hemden. Als sie ihm noch Krawatten vorlegt, lehnt er dankend ab. Leo verlangt noch nach einer dunklen, dazu passenden Sonnenbrille und ist dann fertig eingekleidet.
„Wollen Sie sich nicht im Spiegel ansehen, ob es Ihnen gefällt?“ erkundigt sich die Verkäuferin. „Nein, nein, danke, ich vertraue da voll auf Ihren Geschmack. Sie haben das hervorragend gemacht“, bedankt sich Leo. Seine alten Sachen lässt er gleich im Geschäft.
Dann tritt er auf die Straße. „Auf die Sonnenbrille hätte ich auch früher kommen können, vielleicht hilft sie ja ein bisschen“, sagt er zu sich selbst. Das Geld hat er in einer Innentasche des Sakkos verstaut.
Seine Kreditkarte steckt wieder im Ärmel. Vernehmlich zieht er die Luft ein, zum ersten Mal wirkt er etwas entspannt, fast schon fröhlich. „Ich glaube, ich werde etwas essen, ja, ich glaube, das werde ich tun!“ sagt er zu sich selbst und geht die Straße entlang.
Plötzlich bleibt er stehen, etwas hat seine Aufmerksamkeit erregt. Er dreht sich um zu einer Auslage voller Fernsehgeräte. Es läuft gerade ein Bericht über eine Kleinstadt, die über Nacht verschwunden ist. Ungläubig starrt Leo auf den Bildschirm.
„Ja, sehen Sie selbst, wo früher Dixon stand, befindet sich jetzt nur kahles Gestein.“ Der Sprecher zeigt auf etwas. Er steht auf einer Straße inmitten von Badlands. Die Kamera schwenkt in die Richtung, in die der Sprecher zeigt und der Blick fällt auf eine kahle Gesteinslandschaft, die irgendwie gar nicht in die Gegend passt. Leo hebt die Sonnenbrille, um besser zu sehen, sein Gesicht ist nahe der Scheibe. Da erkennt er sich in der Auslage. Zuerst zuckt er zusammen, doch dann betrachtet er sich genauer: „Ich sehe furchtbar aus“, murmelt er, „was haben sie aus mir gemacht?“
Er greift sich mit der Hand ins Gesicht, fährt sich über die Wange. Sein Spiegelbild beginnt sich zu verändern. Es wächst und beginnt zu leuchten, auch die Fenster sind nicht mehr zu sehen, stattdessen erstreckt sich ein wunderschöner Wald in sattem Grün, bestrahlt vom sanften Gold einer aufgehenden Sonne hinter dem Spiegelbild von Leo. Sein Abbild selbst hat sich verwandelt in einen übergroßen Menschen, der aus Licht zu bestehen scheint, kein Gesicht ist zu erkennen, nur Licht strahlt aus dem Antlitz.
Die Arme sind gesenkt, mit den Handflächen zu Leo gedreht. Leo ist einen Schritt zurückgetreten. Sehnsüchtig betrachtet er sein verändertes Spiegelbild, vorsichtig streckt er seine Hand in Richtung der Scheibe.
Plötzlich ist das Lichtwesen weg. Stattdessen steht da ein schwarzes humanoides Monster mit einer entstellten Fratze, die höhnisch lacht. Gleichzeitig sind Schreie und Kreischen zu hören.
Das schwarze Wesen steht vor einer Ebene aus Asche und Staub mit einem dunkelschwarzen, von Wolken verhangenen Himmel. Es scheint Leo auszulachen, ein hohles, tiefes Gelächter.
Leo hält sich die Ohren zu, er dreht sich um und erblickt in der Seitenscheibe eines Autos dieselbe Fratze wie in der Auslage. „Nein!“ schreit er und schlägt mit der Faust der Fratze ins Gesicht. Die Seitenscheibe zersplittert, eine Alarmanlage geht los. Einige Passanten sind stehen geblieben. Einer versucht ihn an der Schulter zu packen. Leo reißt sich los und läuft die Straße entlang. Aus jedem Rückspiegel lacht ihm die Fratze entgegen.
Er hält sich wieder die Ohren zu, schüttelt den Kopf, dabei verliert er die Sonnenbrille. Die Passanten weichen ihm aus. Leo stolpert in einen Supermarkt. Er hält sich immer noch die Ohren zu, die Schreie und das Lachen verfolgen ihn dennoch.
Er blickt sich hektisch um. Sein Blick bleibt beim Eingang zu den Spirituosen hängen. Zielstrebig läuft er darauf zu, hinein, greift sich eine Whiskyflasche, schraubt sie auf und schüttet den Whisky in sich hinein. Die Schreie und das Gelächter wirken jetzt gedämpft, sind aber immer noch da. Er greift sich noch zwei Flaschen, steckt sie in die Seitentaschen seines Jacketts und taumelt zur kleinen Kassa. Der Mann dahinter ist aufgestanden und blickt etwas kritisch auf Leo. „War wohl ein schlimmer Tag?“ Schweiß ist auf Leos Stirn zu sehen, er hat den Mann nur schwer verstanden, das Gelächter wird wieder lauter, auch die Schreie.
Leo macht noch einen tiefen Zug und stürzt dann wieder in Richtung Supermarkt. „He“, ruft der Mann hinter der Kassa und macht Anstalten, Leo nachzulaufen. „Sie haben noch nicht bezahlt!“ Zwei Jugendliche im Geschäft werden aufmerksam und blicken zu Leo. Es sind typische Rocker. Der eine trägt eine Lederjacke mit Nieten, schwarze Jeans und Springerstiefel. Der andere eine Jeansjacke mit einer Menge Aufnäher, ebenfalls eine schwarze Jeans und Militärstiefel. Der mit der Jeansjacke hat eine Glatze, der andere lange Haare. Beide tragen Sonnenbrillen.
Leo greift in die Innentasche, bekommt einen Schein zu fassen und lässt ihn hinter sich fallen, während er im Supermarkt zu den Regalen läuft, in denen die Medikamente zu finden sind. „Mensch, das ist ja ein Hunderter“, sagt der mit der Lederjacke. „Da hängen wir uns dran“, meint der andere und beide folgen Leo in den Markt. Der Mann von der Spirituosenabteilung bückt sich und hebt den Hunderter auf, zuckt mit den Schultern und geht zurück zu seiner Kassa.
Die Schreie werden wieder lauter. Leo macht wieder einen Schluck aus der Flasche, sie ist schon fast leer. Ein Verkäufer taucht neben Leo auf. „Sir, kann ich Ihnen helfen?“ Leo beachtet ihn nicht, er kramt bei den Medikamenten, dabei fallen einige zu Boden. Er nimmt dann den kompletten Vorrat einer bestimmten Packung aus dem Regal und läuft damit zur Kassa. Der Verkäufer beginnt die heruntergefallenen Packungen wieder einzuschlichten. Hinter ihm gehen die zwei Jugendlichen vorbei. Auf dem Weg zur Kassa leert Leo den Rest der Flasche und lässt sie einfach fallen. Sie zersplittert am Boden. An der Kassa vor ihm stehen schon zwei Kunden.
„Platz da, ich hab es eilig“, drängt er sich vor und rempelt die zwei älteren Frauen zur Seite.
„Das ist unerhört“, regt sich die eine auf. Leo schmeißt die Medikamente auf das Band. Über der Kassa ist ein Spiegel angebracht, um in die Einkaufswagen zu schauen. Die Fratze lacht ihm daraus entgegen und ihr höhnisches Gelächter treibt Leo zum Wahnsinn. Inzwischen ist er schon schweißgebadet. Er zieht zwei Hunderter aus dem Sakko und knallt sie auf das Band. „Das wird schon reichen“, presst er heraus und stopft die Medikamente in eine Papiertüte.
Er läuft aus dem Geschäft und biegt gleich in die erste Gasse ein. Die zwei Jugendlichen laufen ihm hinterher. Sie sehen ihn gerade noch um die Ecke biegen. Die Verkäuferin an der Kassa nimmt verdutzt die zwei Scheine und setzt an, etwas zu sagen. Leo ist aber schon weg.
Während Leo um die nächste Ecke biegt, greift er in den Papiersack und holt eine Packung hervor. Er reißt sie auf und drückt ein paar Pillen in seine Hand. Er läuft jetzt schon langsamer. Lehnt sich an eine Mauer und wirft die Tabletten ein.
Dann öffnet er die nächste Flasche und spült die Tabletten damit hinunter. Er ist in eine Sackgasse gelaufen, eine der typischen Gassen, in der Feuerleitern aus den umliegenden Häusern enden. Die Schreie werden leiser, das Lachen auch, dafür hört er das Rauschen seines Blutes in den Ohren. Das beruhigt ihn. Mit dem Rücken an der Wand rutscht er in die Hocke und schließt die Augen. Er atmet mehrmals tief ein und aus.
„Her mit dem Geld!“ hört er gedämpft eine Stimme durch das Rauschen seines Blutes. Der Jugendliche mit der Lederjacke steht vor ihm und hat ein Messer in der Hand. „Los, her damit, oder ich stech dich ab!“ Der zweite Jugendliche steht am Eingang zur Sackgasse und schaut, ob jemand kommt.
Leo blickt zu ihm hoch. „Schleich dich, du armer Irrer!“ Der Jugendliche zieht Leo hoch und rammt ihm das Messer in den Bauch. Leo schreit auf, der Schmerz ist unerträglich.
Der Jugendliche lässt Leo los und dieser sackt zu Boden, keuchend stützt er sich am Boden ab und hält sich mit der anderen Hand die Wunde. Blut tropft auf den Boden. Der Jugendliche mit der Lederjacke versetzt Leo noch einen Tritt ins Gesicht, der ihn vollends zu Boden gehen lässt. Leo schreit noch einmal auf und wimmert vor Schmerzen. Blut sickert aus der Nase und die Lippe ist aufgeplatzt.
Der Jugendliche dreht ihn um und fasst in die Innentasche der Jacke. Er fischt die Tüte hervor, wischt sein Messer noch an Leos Hose ab und springt dann auf.
„Komm, hauen wir ab!“ ruft er zu seinem Freund und läuft aus der Gasse.
Leo liegt am Rücken und keucht. Der Schmerz hat das Gelächter und den Schmerz vertrieben.
„Wenn es nur nicht so schmerzen würde“, presst er zwischen den blutigen Zähnen hervor. Die Lippe blutet stark, er spuckt Blut aus und dreht sich mühsam in die Seitenlage.
Sein Gesicht liegt im Dreck. Eine Hand hält er immer noch über die Wunde. Sein Sakko ist zerrissen. Sein Hemd blutgetränkt. Ein Schmerz durchzuckt seinen Körper, und Leo krümmt sich stöhnend zusammen. „Es tut so weh!“ stöhnt er, „verdammt noch mal.“
Seine freie Hand tastet nach der Whiskyflasche, er bekommt sie zu fassen und trinkt. Er verschluckt sich und hustet, spuckt Blut und Whisky wieder heraus. Er röchelt, dreht sich noch weiter auf den Bauch.
Er stemmt sich auf, zieht sich an einem Container hoch und übergibt sich.
Er lehnt sich mit dem Rücken wieder gegen die Hauswand. Im Container liegen einige alte Zeitungen, er fischt sich eine heraus und beginnt sich damit das Blut abzuwischen. Sein Atem geht stoßweise, und hin und wieder entkommt ihm ein Stöhnen.
Leo beißt die Zähne zusammen und stößt sich von der Mauer ab. Er wankt Richtung Straße. „Hallo? Ist da jemand?“ hört Leo eine Frauenstimme. Er kauert sich zusammen und verkriecht sich hinter einem der Müllcontainer.
Jemand betritt die Gasse. Leo kauert sich noch mehr in den Schatten. Schritte kommen näher, vorsichtig, es sind offensichtlich zwei Personen.
Leo holt langsam Luft, beißt die Zähne zusammen und hält den Atem an.
Er hört jemanden flüstern. Leo spannt seine Muskeln an. Der Schmerz hat schon etwas nachgelassen und er bekommt wieder mehr Kontrolle über seinen Körper.
Leo sieht die Umrisse eines Mannes neben sich in der Nähe des Containers auftauchen. Er ist umgeben von einer Aura, so, als ob die Luft um ihn herum vor Hitze flirren würde.
„Es ist alles in Ordnung“, sagt Leo, „gehen Sie! Mir geht es gut.“
Die Gestalt entfernt sich wieder. Leo entspannt sich und lehnt den Kopf an die Hauswand. Er saugt vernehmlich die Luft ein und setzt sich mit ausgestreckten Beinen hin. Vorsichtig betastet er die Bauchwunde und verzieht schmerzvoll das Gesicht.
„Scheiße“, presst er hervor, „das wird wieder Tage dauern, bis es heilt.“
Er fährt sich über sein Gesicht und blickt seine Hand an, sie ist voll Blut. Er neigt sich etwas hervor und blickt den Beiden nach. Sie sind weg. Leo rappelt sich auf. „Das war doch derselbe wie im Spital? Nein, das kann nicht sein“, murmelt er.
Er greift sich wieder eine Zeitung und setzt fort, sich abzuwischen. Leo wankt bis zum Ausgang der Gasse und lehnt sich dort hinter das Eck. Vorsichtig späht er auf die Straße. Es ist dunkel geworden.
Von dem Mann und seiner Begleitung keine Spur. Mit der Linken hält er sich die Verletzung am Bauch. Er fährt sich mit der Zunge über die Lippen. Er spürt eine Narbe, die Wunde blutet nicht mehr. Er dreht sich wieder um und wankt retour zu seiner Papiertüte. Er stellt die Whiskyflasche hinein und leert den Rest aus der angefangenen Flasche in sich hinein.
„Ahh, tut das gut“, er schüttelt sich kurz, holt ein Päckchen Medikamente hervor und nimmt zwei Tabletten, schluckt sie und verzieht das Gesicht. Ein stechender Schmerz geht von der Wunde am Bauch aus und bohrt sich in sein Gehirn.
Leo stöhnt wieder auf und geht in die Knie. Er ringt nach Luft, atmet ein paar Mal ein und wieder aus. Dann steht er wieder auf.
Seine linke Hand wandert wieder an die Wunde, die mittlerweile nur noch leicht blutet. Er wankt wieder Richtung Straße, diesmal mit seiner Papiertüte.
Als er am Ende der Gasse ankommt, wirft er noch einmal einen Blick nach links und rechts. Die Straße ist nicht sehr belebt. Nur wenige Passanten sind unterwegs. Ein Auto fährt vorbei. Ein kleiner Laden ist gegenüber. Leo überlegt, “ich sollte mich waschen und bräuchte etwas Neues zum Anziehen, außerdem bin ich todmüde.“
Er dreht seine rechte Hand und hält die Kreditkarte darin. Er grinst, „die haben sie nicht gefunden“, sagt er zu sich selbst und lässt sie wieder im Ärmel verschwinden.
Er tritt auf die Straße und torkelt rechts auf den Gehsteig. Der Alkohol macht sich bemerkbar und die Tabletten.
Zwei Passanten, ein Pärchen, weichen ihm mit entsetzten Blicken aus. Leo bleibt schwankend stehen und blickt an sich herab. Jetzt im Licht der Straßenlaternen sieht er das Malheur. Sein Hemd ist blutgetränkt und hängt aus der Hose. Selbige ist über dem Knie zerrissen, und das rechte Bein ebenfalls von Blut besudelt. Sein Sakko ist offen, es fehlen einige Knöpfe, und die rechte Außentasche hängt zerrissen herunter. Es ist ebenfalls blutverschmiert.
Er betrachtet seine Hände, sie sind ebenfalls von Blut rot gefärbt. Er schmiert sie an seiner Hose ab.
„Na so was, ich seh aus. Wie wenn mich jemand abgestochen hätte“, er grinst und torkelt etwas mehr an den Rand des Gehsteigs zur Häuserfront, um nicht direkt unter dem Licht der Laternen zu stehen.
An der nächsten Kreuzung ist etwas mehr los. Dort sieht er auch einen Taxistand, den er ansteuert. Die Passanten weichen alle großräumig aus. Leo grüßt einige: „Hallo“, „schöne Frau“, „wie geht’s?“
Leo gelangt bis zu einem der Taxis. Eine näher kommende Polizeisirene ist zu hören. Er öffnet die Tür und lässt sich auf den Rücksitz fallen. Der Taxilenker, ein korpulenter Schwarzer, wirft einen Blick in den Rückspiegel.
„Hey, Mann! Sofort raus, oder ich ruf die Bullen! Bluten sie wem anderen den Sitz voll!“ Leo beugt sich nach vorne mit der Kreditkarte in der Hand: “Was kostet ein neues Taxi?“ Der Mann nimmt die Karte, „nur eine Bitte, bleiben Sie hinten und halten Sie den Kopf unten. Wo soll’s hingehen?“
Yanna
Kapitel 5
Yanna sitzt auf einem Felsen. Sie hat die Hände auf dem vielfarbigen Gestein liegen und richtet ihr Gesicht zur Sonne. Der Felsen ragt aus einer Felswand hervor, die über einem Tal aufragt. In dem Tal unter ihr erstreckt sich ein wunderschöner Wald, der in goldfarbenes Licht der aufgehenden Sonne getaucht ist. Ein angenehmes Summen erfüllt die Luft, ein würziger Geruch nach Wald wird von einer sanften warmen Brise nach oben getragen. Yanna ist eine Lichtgestalt. Sie sieht aus wie eine wunderschöne Frau, nur besteht sie aus Licht und strahlt so hell, dass man ihren Körper nicht richtig wahrnimmt. Ihr Gesicht besteht ebenfalls aus Licht, so dass man es kaum erkennen kann. Es ist ein sanftes, doch strahlendes Gelb, in dem Yanna leuchtet. Ihr Gesicht, das ein Mensch wohl nicht anzusehen vermag ohne zu erblinden, ist von überirdischer Schönheit. Sie hat ihre Augen geschlossen. Sie erinnert sich.
Yanna steht vor einer Empore aus strahlend weißem Marmor, der fast zu leuchten scheint. Auf dieser Empore, zu der drei Stufen hinaufführen, sind zehn Lichtgestalten versammelt. Sie befinden sich in einer runden Säulenhalle. Die Empore befindet sich am Rand der Halle zwischen zwei Säulen. Die Säulen scheinen aus bläulichem Licht zu bestehen und ragen in den Himmel, in dem sie sich verlieren. Fast wie gebündeltes Licht von Scheinwerfern, nur nicht so grell.
Die Halle misst gut 30 Meter im Durchmesser. Die Säulen befinden sich in ungefähr fünf Meter Abstand zur Außenmauer, die aus demselben weißen Marmor besteht wie der Boden und die Empore. Die Wand dürfte an die zwölf Meter hoch sein. In drei Metern Höhe ist ein Balkon angebracht, ebenfalls in dem strahlenden Weiß gehalten, der sich rund um die Halle erstreckt, aber nicht hinter die Empore reicht. Er ist ungefähr einen Meter breit und hat ein Geländer, das aus feinem, ornamentiertem Rankenwerk aus leuchtendem Gold besteht, das 1,20m hoch ist, abgeschlossen mit einem Handlauf aus weißem Holz. Über diesem Balkon, mit drei Metern Abstand, folgt noch ein Balkon von derselben Machart und dann noch einer. Die Halle besitzt kein Dach. Eine Sphäre aus Licht spannt sich kuppelförmig darüber. Durch sie hindurch kann man den azurblauen Himmel erkennen. Im Boden der Halle ist ein zwölfzackiger Stern eingelassen. Er besteht nur aus Linien und sieht aus wie zwei sich kreuzende Hexagramme. Die Linien scheinen aus purem Licht zu bestehen. Gegenüber der Empore befindet sich ein Durchgang, von ungefähr zwei Metern Breite und zweieinhalb Metern Höhe. Der Torbogen aus weißem Holz ist mit Blattornamentik in Gold verziert.
