Schatten der Angst - Der Baron - E-Book

Schatten der Angst E-Book

Der Baron

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Beschreibung

Schatten der Angst ist ein Sammelsurium von Geschichten über die tiefsten Ängste, die ein Mensch haben kann. Althergebrachte, sehr bekannte Sprüche, die einem schon in die Wiege gelegt wurden, erscheinen plötzlich in einem vollkommen anderen Licht. Doch damit nicht genug, denn durch das Stück "Madeleine" lässt der Baron die Comicfigur Harley Quinn lebendig werden und " Femme Fatale" wird seine Art, der Schönheit der Frau zu huldigen.

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Seitenzahl: 243

Veröffentlichungsjahr: 2016

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DER BARON

Gestatten, dass ich mich vorstelle, obwohl man mich schon kennt – es nur niemandem so richtig bewusst ist. Egal, wo ich hinkomme, sei es Mittelaltermarkt oder Gothic-Musikfestival, freut es mich, wenn man sich unterhält und schon einmal von meinen Werken gehört, nur mich damit nicht in Verbindung gebracht hat. Meine Dark Poems von „Enter the dark side“ oder das Buch „Blutmond“ haben, so wie es scheint, schon seine Anhänger gefunden.

Ich bin DER BARON, lasse meinen dunkelsten Gedanken freien Lauf, stark beeinflusst durch die Musik, die ich so liebe, und bringe sie zu Papier. Nehmen Sie Platz in dieser Talfahrt der Gefühle und durchleben Sie mit mir, was mir so durch den Kopf geht. Geboren in einer der dunkelsten Ecken von Bayern, geniesse ich die Nähe von Salzburg und ziehe mich oft in die Geschichte dieser alten Stadt zurück. Ich lebe nicht umsonst in einem keltischen Gebiet, da ich mich dort wohl und mit diesen mystischen Plätzen sehr verbunden fühle. Wer mehr darüber wissen will, sollte mich einfach bei einer der nächsten Festlichkeiten ansprechen. Ich freue mich darauf!

Es wäre mir eine große Ehre.

Der Baron

Als Co-Autorin sowie für Lektorat und Design (abgesehen vom Coverbild dieses Bandes) verantwortlich zeichnet die Ehefrau des Barons, Antonia Gust. Normalerweise hauptberuflich als Opernsängerin und Gesangslehrerin in Europa unterwegs, kümmert sie sich neben eigenen Projekten auch um den professionellen Feinschliff der Werke ihres Mannes. Durch ihre bevorzugt verkörperten Partien, den Hexen, Zauberinnen und Walküren aus Richard Wagners Opern, ist sie mit mystischen Themenwelten bestens vertraut.

Es ist angerichtet:

Menue

Schatten der Angst

Stille

Allein

Seelenfänger

Spieglein, Spieglein

Femme Fatale

Kreuzmühle

Die Spieluhr

Das Legat

Madeleine

Anhang

Schatten der Angst

Nur mal so erwähnt

Hast du nicht manchmal das Gefühl, dass du nicht allein bist, obwohl niemand in der Nähe zu sehen ist?

Du spürst die Anwesenheit einer Person, die dich beobachtet.

Du hörst Schritte so deutlich und weißt aber, dass du absolut allein im Haus oder deiner Wohnung bist.

Ich kann dich beruhigen. Diese imaginären Begleiter sind Realität. Wenn du allein im Wald spazieren gehst oder den Gipfel eines hohen Berges bezwingst, kannst du dir sicher sein, dass du nie allein unterwegs sein wirst. Die Kirche nennt sie Schutzengel. Sie sollen dich beschützen, wenn du in Not gerätst. Dieses Gefühl, diese innere Wärme, soll dir die Sicherheit vermitteln, dass dir nichts passieren kann.

Jeder hat so einen Schutzengel.

Doch – wo man was Gutes findet, ist das Böse meist nicht weit.

Denn – wieso springt der Selbstmörder von einem Hochhaus? Oder – warum wirft sich dieser Irre vor den heranbrausenden Zug? Was bringt einen Bombenattentäter dazu, andere und sich selbst in die Luft zu sprengen?

Was bringt mir ein Beschützer, wenn ich trotzdem sterbe?

Ist es überhaupt ein Schutzengel?

Bist du dir sicher?

Innere Stimme

Nun stand ich da und zweifelte, ob es richtig sein würde, was ich jetzt vorhatte. 30 Jahre ist es her, dass sie mich hergegeben hatte, nur um ihr altes Leben nicht aufgeben zu müssen.

Von wem ich rede? Von meiner Mutter, dem Biest, die eben in die Psychiatrie eingeliefert wurde. Sie war eine der Personen, über die man nicht gerne spricht – so wie sie damals von mir. Jetzt war sie ein menschliches Wrack, das sich durch den Alkohol in den Abgrund gesoffen hatte. Früher war sie das Leben selbst und auf jeder Party zu treffen. Bis sie in die verkehrten Kreise kam und auch noch schwanger wurde. Und zwar mit mir. Zum Abtreiben hatte sie kein Geld und deshalb wurde ich kostengünstig entsorgt, weil ich nicht in ihr Leben passte. Die Babyklappe des nahe gelegenen katholischen Hospizes kam da gerade richtig und so brauchte sie auch kein schlechtes Gewissen zu haben. Denn bei der Kirche war ich ja gut aufgehoben.

Das war vor gut 30 Jahren gewesen. Inzwischen stand ich mit beiden Beinen fest im Leben. Ich war Lehrerin an einer Schule für geistig behinderte Kinder, denn irgendwie fühlte ich mich dazu berufen.

Eine innere Stimme flüsterte mir zu:

„Auch wenn Du Deine Mutter für das, was sie getan hat hasst, finde Deinen Seelenfrieden mit ihr, denn bald hast Du sie nicht mehr. Nur eines solltest Du wissen: Sie kann nichts dafür, denn sie wurde auserwählt.“

Dies war vor einer Woche gewesen. Seitdem lag ich jede Nacht wach und konnte an nichts anderes mehr denken. Was ich mit absoluter Sicherheit weiß ist, dass ich nicht verrückt bin – aber wer sprach mit mir? Warum wurde sie erwählt und vor allem VON WEM? Jetzt stand ich hier vor Zimmer 7, fasste all meinen Mut zusammen und klopfte. Ich klopfte einmal – keine Reaktion. Ein zweites Mal – wieder kein Laut. Und dann trat ich einfach ganz vorsichtig ein. Da sah ich sie, sie saß im Nachthemd auf einem Stuhl vor dem Fenster und starrte hinaus.

„Hallo? Hallo, darf ich eintreten?“

Höflich fragte ich, obwohl ich schon im Raum war. Keine Reaktion. Da schloss ich leise die Türe hinter mir, packte einen Stuhl und setzte mich neben sie. Keine Regung, kein Laut war zu vernehmen. Mit ihren langen ungewaschenen pechschwarzen Haaren, dem weißen Nachthemd und den schwarz umrandeten Augen mit dem starren Blick von unten nach oben sah sie Furcht einflößend aus. Ich versuchte, ihrem Blick zu folgen und sah, dass sie direkten Augenkontakt zu einer in einem Baum sitzenden Eule hatte. Ab und zu zwinkerte sie kurz. Mir kam es so vor, als täte die Eule das Gleiche. Es war irgendwie unheimlich, wenn nicht sogar beängstigend, was da vor sich ging. Plötzlich riss sie die Augen und ihren Mund auf und sank am Stuhl sitzend in sich zusammen. Erschrocken sprang ich auf und hielt sie fest, damit sie nicht vom Stuhl fiel. Hilflos stand ich jetzt da und schrie laut um Hilfe. Sogleich kam auch ein Pfleger und legte sie auf ihr Bett. „Ich gebe gleich Dr. Almond Bescheid. Sie wird sich sofort um sie kümmern“, sagte er und verschwand so schnell wie er aufgetaucht war.

„Ok. Ich warte hier.“

Beim Hinausgehen drehte er sich nochmal kurz um und sagte:

„Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, das passiert öfter.“

Und lächelte dabei.

Mit sorgenvoller Miene antwortete ich nur: „Wenn Sie das sagen...“

Ich bin ja viel aus meiner Schule gewohnt, aber das hier war abgefahren. Daraufhin packte ich mir einen Stuhl, setzte mich neben ihr Bett und wartete. Da ich die letzten Nächte nicht geschlafen hatte und es im Zimmer meiner Mutter höllisch warm war, überkam mich irgendwann die Müdigkeit und ich schlief ein. Als mir die Augen zufielen kam es mir so vor, als sähe ich einen Schatten, der sich über das Bett beugte. Ich dachte mir nur, dass es bestimmt der Arzt sei, und döste langsam ein.

Plötzlich wurde ich durch ein Räuspern wach und sah, wie meine Mutter im Bett saß und mich angrinste. Verwundert und noch leicht schläfrig blickte ich sie an und fragte: „Hallo, wie geht es Dir?“

Prompt kam die Antwort: „Gut, warum fragst Du?“

Ich dachte mir nur: „Komisch, sie benimmt sich wie ausgewechselt.“

Ganz vorsichtig versuchte sie, aus dem Bett zu steigen.

„Warte, ich helfe Dir.“ Schnell sprang ich auf und stützte ihren Arm.

Da drückte sie sich von mir weg und blickte mich ganz verwundert an.

„Moment mal, was machst Du eigentlich hier? Wir haben uns ja schon lang nicht mehr gesehen.“

Als ich ihr half, erwiderte ich: „Ja, schon sehr lange.“

Als sie stand, atmete sie erstmal kräftig durch und ging ein paar Schritte allein.

„Jetzt erzähl mal, wie geht es den Kindern?“

Da wurde mir bewusst, dass sie mich verwechselte, denn ich hatte keine Kinder. Wie sagte der Doktor am Telefon, als er mich anrief: „Ihre Mutter hat den Bezug zur Realität verloren. Sie erkennt nur noch die Leute, die in ihrer Nähe sind. Nicht wundern, wenn sie denkt, Sie seien jemand anders. Sie ordnet Sie ein. Spielen Sie einfach mit. Alles andere würde sie durcheinanderbringen und die Folgen wären nicht abzusehen. Ihr jetziger Zustand ist das letzte Aufbäumen ihrer noch vorhandenen Gehirnzellen. Es dauert nicht mehr lange und dann ist sie ganz leer. Denn nach der Reihe sterben ihre Zellen ab. Schonen Sie ihre Mutter, solange sie noch aufnahmefähig und vor allem noch am Leben ist.“

Also spielte ich das Spiel mit.

„Den Kindern geht es gut. Sie spielen zu Hause.“

„Na dann ist es ja gut. Hilfst du mir bitte? Ich möchte gern zu Tisch, denn mein Frühstück wird gleich kommen.“

„Gern.“

Ich stützte sie und hielt sie fest. Gemeinsam gingen wir zum Tisch und ich half ihr noch, sich hinzusetzen. Das Zimmer war ja mehr als dürftig eingerichtet. Der Holztisch war notdürftig zusammengeflickt und der Stuhl wackelte auf seinen dünnen Beinchen, als sie sich hinsetzte. Wie ich mich vorbeugte, hörte ich auf einmal dieses Flüstern: „Glaube nicht alles, was sie Dir erzählen.“

Erschrocken wich ich zurück, denn diese Stimme kam aus der Richtung meiner Mutter. Sie konnte es aber nicht gewesen sein, denn als ich sie so ansah, war sie ganz apathisch und summte ein altes Kinderlied. Nur hinter ihr war wieder dieser Schatten. Zuerst dachte ich, es wäre der meiner Mutter, doch sie bewegte sich nicht, aber dieser Schatten schon. Jetzt wurde mir ganz anders und auf einmal hörte ich diese Stimme wieder, nur diesmal hatte sie einen sehr diabolischen Unterton:

„Deiner Mutter fehlt nichts. NOCH nichts. HAHAHAHAHA.“

„Wer ist da?“

Plötzlich spürte ich die Nähe dieses Schattens. Mir lief es kalt den Rücken hinunter. Mich schauderte und ich fror. Da bemerkte ich, dass meine Mutter sehr ruhig wurde. Sie gab keinen Ton mehr von sich, saß nur da und starrte auf den Tisch vor sich. Auf einen Schlag kippte sie nach vorn und knallte mit dem Kopf auf die Tischplatte. Im gleichen Moment wurde die Zimmertüre geöffnet und eine Ärztin stand davor. Als sie meine Mutter sah, sprach sie: „Haben wir es jetzt endlich geschafft. Wurde auch Zeit. Jetzt ist ihr Leiden vorbei.“ Sie drehte sich nach links und drückte auf den Schwesternknopf. Dann kam sie auf mich zu und gab mir die Hand. „Sie müssen die Tochter sein. Gestatten, Dr. Lilly Almond. Mein herzliches Beileid.“

Ich stand mit weit geöffnetem Mund da und konnte erstmal nichts sagen.

„Machen Sie sich keine Sorgen. Sie hat es überstanden.“

Dann nahm sie mich in den Arm und begleitete mich aus dem Zimmer.

Die nächsten Tage war ich unfähig zu arbeiten und ließ mich von meinem Hausarzt für den Rest der Woche krankschreiben. Das Ganze war wie ein schlechter Film, der auf Endlosschleife eingestellt war. Irre. Ich saß nun auf der Couch im Wohnzimmer meines 3-Zimmer-Apartments und sah immer wieder die gleichen Bilder. Irgendwie nahm mich die Sache doch mehr mit, als ich mir eingestehen wollte. So stark war ich dann doch nicht. Ich brauchte professionelle Hilfe, um das zu verarbeiten. Zum Glück kam ein guter Studienkollege am Wochenende zu Besuch. Als er mich so sah, wusste er sofort, was mit mir los war.

Richard Wood, ein angehender Psychologe, setzte sich mir gegenüber und sagte kein Wort. Er war ein gut aussehender, schlanker Typ mit Anzug, der eigentlich immer lächelte. Als er mich aber so ansah, war nichts davon zu sehen. Wie jeder Psychologe versuchte er, seinen Klienten – diesmal mich – zu scannen. Er ließ mich zuerst alles, was passiert war, erzählen. Dann fragte er mich, was an dem Geschehenen für mich das einprägsamste Erlebnis war – natürlich MEINER Meinung nach.

„Wie meinst Du das?“ fragte ich ihn.

„Hat Dich der Tod Deiner Mutter überrascht?“

Nach kurzem Nachdenken antwortete ich: „Eigentlich nicht. Denn ich wusste ja, dass sie sterben würde. Aber...“

Als ich hier ins Stocken kam, fragte er: „Aber WAS?“

„Diese Stimme klang so anders und dieser Schatten geht mir nicht mehr aus dem Kopf.“

„Ich könnte Dir jetzt mit einer ellenlangen psychologischen Erklärung kommen, aber ich versuche, es so einfach wie möglich zu erklären:

Als Erstes – Du bist nicht verrückt.

Zweitens – Deine Mutter war ein Medium der Zwischenwelt.

In unserem Gehirn gibt es Zellen, die uns das Unwirkliche ausschalten lassen. Die das logische Denken steuern und nichts anderes mehr zulassen. Menschen, die dieses Hindernis überwinden, sehen mehr als Du und ich. Die heutige Gesellschaft stempelt solche Leute gern als verrückt ab, weil sie es nicht verstehen. Wir Psychologen kratzen mit unserem Erlernten nur an der Oberfläche unseres Gehirns und versuchen, es zu verstehen.“

„Moment mal, aber was war mit der Eule?“

„Eine Eule ist ein Bote. Als Du Deine Mutter auf den Vogel starren

sahst, tauschten sie sozusagen die letzten News aus, um es mal

verständlich auszudrücken.“

„Ja, aber...“

„Du meinst den Schatten und die Stimme?“

„Genau.“

„Leicht zu erklären. Ich weiß nicht, was Du über Schutzengel weißt.“

„Sie sollen Dich beschützen?“

„So ungefähr. Es sind Wegbegleiter.“

„Und die gibt es wirklich?“

„Ja, jeder Mensch hat so einen Aufpasser. Die Kirche verharmlost diese Gestalten, denn SOLCHE Engel sind es nicht.

In Wahrheit sind es DÄMONEN.“

Auf einen Schlag war ich hellwach.

„DÄMONEN?“

„Genau. Schatten, die Dir in der Not beistehen oder Dich – töten.

Die Kälte, die Du gespürt hast, war das Wechselspiel des Dämons, der von Gut zu Böse wird. Aus der wohltuenden Wärme, die Du spürst, wenn Du Dich geborgen fühlst – denk an ein Baby, das im Arm seiner Mutter ganz ruhig einschläft – wird daraus, wenn der DÄMON sich verändert, eisige Kälte.

Dann spürst Du die eisige Hand Deines Beschützers in Deinem Nacken und um Deinen Hals. Langsam drückt er Dir die Kehle zu und – ...und Du hast Angst.“

„Und die Stimme?“

„Gute Frage. Es gibt Dämonen, die nicht nur ihren Menschen beeinflussen können, sondern auch leibliche Verwandte. Dabei verlassen sie ihren zugeteilten Menschen und treiben ihr Spiel mit anderen. So wie mit Dir.“

„Aber warum sagte er, dass meine Mutter auserwählt war?“

„Deine Mutter war ja ein Medium und ein ganz besonderes, weil ihr die gewissen Gehirnzellen fehlten. Das heißt, sie sah VIELES sehr genau, wahrscheinlich ZU deutlich. Im Zwielicht gehen Dinge vor sich, die wir nur erahnen können. Solche Leute wie Deine Mutter erzählen uns davon. Aber leider nicht lange, weil sie dann sterben.

Wir gehen davon aus, dass diese Dämonen zu schlau sind und das Sterben beschleunigen.“

„Wieso beschleunigen?“

„Damit man ja nicht zu viel erfährt.“

Wir redeten noch lange in die Nacht hinein und er erzählte mir auch etwas von einer schwarzen Kirche in Form eines Würfels ohne Fenster. Wenn man dieses Gebäude betritt und die Fähigkeit eines Mediums hat, sieht man die Wahrheit vom Zwielicht. Doch bis jetzt wurde sie nicht gefunden.

Oder sagen wir lieber, bis jetzt sollte sie nicht gefunden werden.

Die Tage vergingen und der Alltag in meiner kleinen Schule holte mich wieder ein. So wurden die Gedanken an das Geschehene zurückgedrängt. Nur noch in meinen Träumen sah ich meine Mutter. Obwohl ich sie nur kurz kannte, war sie mir so vertraut. Ich stellte sogar ein Bild von ihr auf meinen Nachttisch. Mein Freund, der Psychologe, betreute mich seit den Tagen und half mir, meine Träume zu verarbeiten. Langsam lernte ich, damit umzugehen und ich musste mir eingestehen, ab und zu auch ins Zwielicht zu sehen. Denn zu meiner Überraschung fanden sich die richtigen Gene meiner Mutter auch in mir. Deshalb war ich auch ein Medium und je mehr Richard mit mir arbeitete, desto stärker wurden die Bilder. Es war wie im Kino.

Die Offenbarung

Das Bewusstsein, ein Medium zu sein, ermöglichte mir, die Welt auf eine andere Art zu sehen. Das Zwielicht ist überall, betreten kann man es nur als Medium oder durch die Tore. Langsam verstand ich, warum manche Bauherren in ihren Häusern einfach die Fenster 'vergaßen'. ABSICHT – denn hinter diesen vermeintlich architektonischen Fehlern bestand die Möglichkeit, ein Hintertürchen ins Zwielicht zu haben. Jede verstorbene Seele irrt ziellos umher, nur eingeweihte Seelen nutzen dann einfach diese Einstiege und haben ihre Seelenruhe. Also nicht mehr wundern, wenn bei Häusern Fenster oder Türen nur angedeutet, aber nie eingebaut wurden.

Mit dieser Erkenntnis sah ich jetzt auch Kirchen mit anderen Augen. Niemandem würde es auffallen, aber Dämonen verändern die Farben der Kirchenfenster. So geschickt, dass es keinem Menschen auffällt, der es nicht besser weiß. Denn wie man sich in diesem Bauwerk fühlt, hängt viel vom hereinfallenden Licht ab. Jetzt ging ich viel offener durch die Welt und musste mich öfters ausruhen, um erstmal alle neuen Eindrücke zu verarbeiten. Da tut es gut, von den Kindern in der Schule gefordert zu werden. Ich liebe sie über alles, denn sie sind die dankbarsten Geschöpfe dieser Welt. Von der Gesellschaft ausgestoßen, weil sie nicht ins schöne Bild passen. Weggesperrt, damit niemand ein schlechtes Gewissen bekommt.

„Oh Gott, es könnte ja mein Kind sein und jemand könnte es sehen!“

Doch ich provozierte und zeigte den Kindern die Welt. Wie in den letzten Schulferien. Da ich ja keine Familie hatte, widmete ich mich den zurückgebliebenen Schülern, die nicht von ihren Eltern anstandshalber zur Urlaubsreise abgeholt wurden. Diese drei Kinder sind sozusagen die Unansehnlichen. Ich packte die Kinder in mein Auto und wir besuchten die Bilderausstellung eines mir unbekannten Malers im nahegelegenen Hamburg. Aufmerksam machte mich Richard mit den Worten: „Ich schätze, der könnte Dich interessieren. Seine Werke sind etwas skurril, aber einzigartig. Einer der wenigen Gothic-Maler. Sein Name Hendrik van Dyck. In der Szene bekannt unter dem Namen SETH.“

Das beeindruckte mich doch sehr, denn Seth war der Name eines der wichtigsten ägyptischen Götter und dieser war der Gott des Chaos. Genau die richtige Ablenkung für meine Kinder und mich.

Als wir die Ausstellung betraten, spürten wir sofort diese eigenartige Stimmung. Düster, gut besucht und lauter schwarz gekleidete Menschen. Ich nahm meine Kinder zur Seite und sagte:

„Falls wir uns verlieren, was ich ja nicht hoffe, warten wir hier am Haupteingang an diesem Sarg, der da neben mir steht. Ich hoffe nur, dass er jetzt nicht aufgeht.“

Alle drei nickten, aber vorsichtshalber fragte ich noch mal jeden einzeln.

Zuerst Elvira, meine kleine 13-jährige Prinzessin. Leider hatte ihr Gesicht durch einen Autounfall sehr an seiner Schönheit eingebüßt und der Aufprall auf dem Sitz ihrer Mutter hatte ihr Gehirn auf den Stand einer Zweijährigen zurückversetzt. Sie verstand alles, hatte aber ab und zu ihre Probleme, das Gehörte umzusetzen.

Dann Edward, unser Frauenheld mit Sprachfehler. Ein großer Charmeur und leider eines der zahllosen Contergankinder. Ein herzensguter 15-Jähriger, den ich gleich mal als Aufpasser für Elvira einsetzte, falls ich nicht da wäre.

Und schließlich Selma. Ihr Alter bleibt ein Geheimnis, denn eigentlich müsste sie zwischen 30 und 40 Jahre alt sein, aber ihr Körper hatte komplett im Alter von 20 Jahren die Involution eingeleitet. Sie wird von Tag zu Tag jünger. Aber leider hatte das ihr Gehirn nicht vertragen.

Als ich mich so mit meinen Schützlingen unterhielt, stupste mich plötzlich jemand von hinten an und ich drehte mich um. Da stand ein Mann vor mir. Genauer gesagt ein Schrank von einem Mann, denn was ich vor mir sah, war seine Brust. Komplett in Schwarz, wie aus einem Degenfilm entsprungen, nur mit einer dunklen kleinen Sonnenbrille und seine Haare zu einem Zopf gebunden, seiner Robe mit Goldbesatz und einem Stock, auf den er sich stützte. Das musste SETH sein, ich spürte es irgendwie.

Langsam blickte ich nach oben und fragte: „Ja bitte, Sie wünschen?“

Da hörte ich nur in forschem Ton: „Würden Sie sich bitte zur Seite begeben. Sie stehen mir im Weg mit ihren Monstern.“ Das war genau das, was ich jetzt absolut nicht hören wollte und wurde sauer. Ich ballte meine Hände zu Fäusten und spürte schon, wie mich dieser Kerl mit seinem Stock zur Seite schieben wollte. Plötzlich zuckte er zurück, denn Edward packte den Stock, riss ihn dem Riesen aus der Hand und warf ihn zu Boden. Stotternd sagte mein Beschützer nur: „Wenn – Duu – Diiich – miiit – ihr – annnlegst, dddann – auuuuch – mitttt – MIR.“

„UND MIT MIR“, hörte ich Selma sagen und von Elvira war nur ein „Mhhhh“ zu hören. Sogleich standen die Kinder wie eine Wand vor mir. Man spürte, wie die Stimmung kochte. Damit hatte dieser Kerl nicht gerechnet.

„Moment, Moment, das muss doch nicht sein!“ hörte man auf einmal eine Dame im roten Abendkleid, die sich zwischen die Kinder und diesen Riesen stellte. Sie hob den Stock auf, gab ihn dem Kerl, hakte sich bei ihm unter und führte ihn weg. Ich hörte nur noch, wie sie lächelnd zu ihm sagte: „Junger Meister, jetzt müssen Sie mir das nochmal erklären...“

Sofort nahm ich meine Kinder in die Arme und wir drückten uns ganz fest. Auf einmal hörten wir eine Stimme:

„Euch kann man nicht allein lassen. Ich hätte Dich warnen sollen. Dieser Kerl hat es zwar künstlerisch auf dem Kasten, aber leider nichts in der Birne. Nicht alle Tassen im Schrank, würde man sagen, hahaha.“

Waren wir glücklich, als wir Richard sahen. Da die Kinder ihn auch von seinen Besuchen bei mir kannten, fiel die Begrüßung sehr herzlich aus. Alle lachten und er schickte die Kinder ans andere Ende der Ausstellung mit den Worten: „Wenn Ihr Hunger habt, da hinten haben sie kleine Häppchen vorbereitet, nehmt Euch so viel Ihr wollt. Mein Institut zahlt heute alles.“

Verwundert blickte ich ihn an.

„Ihr zahlt alles? Das musst du mir näher erklären.“

Er lachte nur und nahm mich in den Arm.

„Schau Dir die Bilder an und Du verstehst mich.“

Ich verstand nur Bahnhof, aber tat ihm den Gefallen. Als wir am ersten Bild ankamen, stand ich davor und versuchte, mir einen Reim aus diesem sogenannten Kunstwerk zu machen. Ich blickte es von allen Seiten an, konnte aber beileibe nichts Interessantes entdecken. Aus Höflichkeit gegenüber den anderen Gästen flüsterte ich Richard ins Ohr:

„Entschuldige, da malen manche Kinder im Kindergarten besser.“

Dann hielt er seine Hand vor mein Ohr und sprach ganz leise.

„Wem sagst du das.“

Ich schüttelte nur meinen Kopf und ging zum nächsten Bild. Jeder Psychologiestudent hätte bestimmt seine helle Freude an diesen Kunstwerken. Mord und Totschlag in dunklen Farben. Das Ebenbild des Künstlers. Es wurde immer schlimmer, bis man nichts mehr erkannte, außer ein Feld mit Mohnblumen, natürlich in dunklen Farben. Plötzlich sah ich etwas Außergewöhnliches, blieb stehen und sah mir das Bild näher an. Auf diesem Bild war mehr zu sehen. Ich drehte mich zu Richard und sah ihn nur über beide Ohren grinsen. Dann wendete ich mich wieder dem sogenannten Kunstwerk zu. Im Hintergrund war ein Kubus zu sehen und vorne daran ein Eingang. Wie vom Blitz getroffen fiel mir die Kirche ohne Fenster ein und ich wurde ganz nervös. Als Richard das sah, packte er mich und hielt mich fest.

„Psst, wie ich sehe hast Du es entdeckt. Bitte jetzt ganz ruhig, wir wollen ja kein Aufsehen erregen. Ich schätze, ich sollte Dir etwas erklären.“

Wir sammelten die Kinder ein, die inzwischen das ganze Buffet geleert hatten, und verließen die Vernissage. In der nahegelegenen Eisdiele bekamen die Kinder jeder einen Eisbecher und sie durften sich ans Fenster setzen. Richard lud mich auf einen Kaffee ein und wir nahmen am Nachbartisch Platz.

„Jetzt raus mit der Sprache. Wer ist SETH?“

Dies sagte ich aber mit einer Lautstärke, dass Richard mir den Mund zu halten musste.

„Psst, nicht so laut.“

Er nahm seine Hand wieder weg und fing an zu erzählen.

„Also, wir haben ihn gefunden. Er lag in Den Haag in einem Krankenhaus.“

„Wieso Den Haag? Wieso Krankenhaus?“

„Er war wie Du ein Medium und hatte sich aber leider zu weit ins Zwielicht gewagt. SETH hatte einen schweren Unfall mit dem Auto.

Das, was Du vorhin sahst, ist das Produkt. Er ist so richtig arrogant geworden und behandelt alle Leute von weit oben herab. Die Dame vorhin in Rot war übrigens meine Kollegin Dr. Gordon, seine Leibpsychologin. Der Kerl ist das Letzte an Manieren, aber er zeichnet, was er gesehen hat. Wie die Kirche ohne Fenster.“

„Weißt Du, wo er sie sah?“

„Das ist das Problem. Wir wissen nicht, wo er herkam. Er kam aus dem Nichts. Und fragen bringt nicht viel. Sein Gehirn ist zu stark lädiert. Und noch was: Die Dämonen wissen Bescheid.“

„Wie – Bescheid?“

Da zog er ein Blatt Papier aus der Jackentasche. Zusammengefaltet, weil es sonst zu groß wäre. Als er es am Tisch ausbreitete, erkannte ich mein Gesicht und die Kinder, gezeichnet von SETH.

Erschrocken wich ich zurück. „Und jetzt?“

Zaghaft antwortete er mir: „Das wollte ich eigentlich DICH fragen.“

Plötzlich bemerkte ich, dass wir beobachtet wurden und ich blickte zur Seite des Tisches. Elvira, Edward und Selma standen Hand in Hand an der Tischkante und ich konnte Edwards Stimme hören, obwohl er seine Lippen nicht bewegte.

„Wenn Ihr wollt, können wir Euch helfen.“

Ich erschrak, als ich das hörte und zuckte nach hinten.

„Nicht nur Du siehst ins Zwielicht. Da Du gut zu unserer äußeren

Hülle bist, werden wir Dir helfen, es zu finden.“

Gemeinsam verließen wir das Lokal und fuhren zu mir nach Hause.

Edward meinte, es wäre besser, denn der Dämon von SETH hatte bereits im Zwielicht Bericht erstattet. Und er spürte, dass SETH es überstanden hatte. Die Männer räumten schnell meine Couch, wir setzten uns zu fünft auf den Boden und bildeten einen Kreis. Wir nahmen uns an den Händen und schlossen die Augen. Dann hörte ich auf einmal Edwards Stimme.

„Das, was Du suchst, ist nicht weit von hier. Nur eines muss ich Dir sagen...“

„Was?“ fragte ich aufgeregt.

„Bist Du Dir sicher, dass Du es sehen willst?“

„Ja, das ist das Ziel meines Lebens.“

Plötzlich änderte sich seine Stimme und sie wurde sehr diabolisch.

„Du wirst NIE mehr zurückkommen. HAHAHAHAHA.“

„Wie bitte?“

Da wurde es mir klar. Die Dämonen waren perfekte Schauspieler und bereits in den Kindern. Ich wollte den Kreis lösen, aber meine Hände waren wie eingefroren und mir wurde schwarz vor Augen. Langsam trat ich weg. Das Einzige, was ich noch hörte, war das diabolische Lachen von Edwards Dämon. Halb benommen spürte ich, wie ich in einen Strudel geriet und mitgerissen wurde. Der Druck wurde immer stärker und meine Arme taten fürchterlich weh von den Schmerzen. Auf einmal erkannte ich ein Licht in diesem Kubus. Es war, als ob mich dieses Ding ansaugte. Immer mehr und immer stärker. Ich konnte die Schmerzen kaum noch aushalten. Bis ich einen Schlag erhielt und mich nicht mehr rühren konnte. Ich weiß nur noch, dass mein Kopf fürchterlich brummte und ich komplett die Besinnung verlor.

Nach einer Weile spürte ich die Sonne, wie sie in mein Auge blinzelte. Ihr Licht tat gut. Ich spürte diese Wärme, nur irgendetwas war komisch, als ich versuchte, mich zu strecken. Meine Arme, meine Beine, kein Gefühl mehr. Ganz ehrlich spürte ich überhaupt nichts mehr. Da öffnete ich langsam meine Augen und erkannte die Umrisse einer Gestalt. Es war Richard und er beugte sich über mich. Er sagte etwas zu mir, nur ich verstand ihn nicht. Als ich ihn deswegen ansprach, reagierte er nicht. Plötzlich wurde er von einem Mann in Weiß, ich schätze einem Doktor, zur Seite geschoben und dieser sprang auf mich. Ich erkannte nur noch einen Defibrilator in seinen Händen.

Blitze schossen durch meine Augen und alles zuckte. Dann – war alles still.

Ruhe.

Absolute Ruhe.

Bis ich die Stimme meiner Mutter vernahm.

„Ich hätte Dich warnen sollen, als die Zeit noch dafür da war, aber jetzt ist es zu spät. Wenn Du den Kubus siehst, gibt es kein Zurück und Du bist ein Teil des Zwielichts.“

„Aber ich war doch gerade noch...“

Weiter kam ich nicht, denn sie fiel mir ins Wort.

„Du hast gerade Deinen eigenen Tod gesehen. Richard wollte Dich nicht aufgeben, nur – Dein Dämon war stärker.“

„Heißt das, ich bin tot?“

„Ja, das bist Du.“

„Wenn ich tot bin, wieso spüre ich dann plötzlich diese Wärme?“

Da wurde ihre Stimme energischer.

„Vorbei ist vorbei.“

„Ich will noch nicht tot sein!“

Auf einmal zuckte wieder alles und ich erkannte wieder diese Blitze.

Mir wurde warm und meine Gefühle kamen zurück. Jemand griff nach mir und zog an meinem Arm. Ich öffnete meine Augen und sah ein Tor, ein Fenster und Selma neben mir. Sie packte mich und durchschritt mit mir diesen Zugang. Es gab einen lauten Knall und ich fiel durch ein großes Loch. Ich wurde immer schneller und schneller. Alles verschwamm um mich herum. In meinen Gedanken sah ich Richard, der mich im Arm hielt und mir etwas zurief. Doch diesmal verstand ich ihn, denn er rief meinen Namen. Die Bilder wurden deutlicher und ich bemerkte, dass ich erwachte. Da sah ich auch Selma. Wir blickten uns an und sie zwinkerte mir nur zu. Ich hörte ihre Stimme in meinem Kopf.

„Wenn ich es geschafft habe, dann schaffst Du es auch.“

Wir lachten uns beide an und freuten uns, endlich wieder zu Hause zu sein.

Die nächsten fünf Wochen verbrachte ich unter strenger Aufsicht von Richard und Selma im Krankenhaus, um mich zu erholen. Als ich das Krankenhaus verließ, erfuhr ich, dass Edward bei einem Unfall ums Leben gekommen und Elvira spurlos verschwunden war. Wir beschlossen gemeinsam, nie mehr ins Zwielicht zu schauen und einfach unser Leben zu leben.

Doch würden wir von den Dämonen in Ruhe gelassen werden?

Denn einmal entkamen wir ihnen – würde es uns ein zweites Mal auch gelingen?

Wer weiß.

Doch – da war noch dieses Flüstern. Hörst du es auch?