Schatten des Nichts - Janus Schreiber - E-Book
SONDERANGEBOT

Schatten des Nichts E-Book

Janus Schreiber

0,0
0,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 0,00 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Für den brillanten, aber isolierten theoretischen Physiker Dr. Vlado Jonek ist die perfekte Null, die die Gesamtenergie des Universums beschreibt, keine elegante Formel, sondern eine unheimliche Verurteilung. Besessen von der Ahnung, dass hinter dieser kosmischen Bilanz eine verborgene Intelligenz steckt, lauscht er dem tiefsten Nichts – dem Quantenvakuum – und entdeckt ein Signal, das die Grundfesten seiner wissenschaftlichen Weltanschauung erschüttert.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Kapitel 1 – Die Nullsumme

Die Zahl starrte Dr. Vlado Jonek von dem zentralen Monitor entgegen, eine perfekte, unnachgiebige Null. Sie war nicht einfach das Ergebnis einer Berechnung; sie war eine Verurteilung. Um sie herum tanzten auf den sekundären Bildschirmen die Geister des Universums: Graphen, die den kosmischen Mikrowellenhintergrund darstellten wie die verblassende Wärme eines erloschenen Feuers, Simulationen von Galaxienhaufen, die wie Nervenzellen im Dunkeln leuchteten, und endlose Kolonnen von Daten, das digitale Echo des Urknalls.

Drei Uhr nachts. Das Labor war sein Kokon, ein schummriger Raum, der nach Ozon von den überlasteten Servern und dem bitteren Geruch von kaltem, schwarzem Tee roch. Draußen schlief die Stadt, ahnungslos gegenüber dem kosmischen Drama, das sich auf Vlados Bildschirmen abspielte. Für die Welt war er ein Sonderling, ein brillanter Geist, der sich in den Elfenbeinturm der theoretischen Physik zurückgezogen hatte, weil seine Ideen zu radikal, seine Fragen zu unbequem waren. Hier drinnen war er der einzige Mensch, der dem Anfang aller Dinge ins Auge blickte.

Und dieser Anfang war eine Null.

Nach all den Jahren, all den schlaflosen Nächten, all den Opfern war die Antwort so simpel und so enttäuschend. Die Gesamtenergie des Universums – die positive Energie der Materie und Strahlung, perfekt ausbalanciert durch die negative Energie der Gravitation – ergab exakt Null. Keine Rundungsfehler, keine statistische Abweichung. Eine reine, makellose, fast schon arrogante Null.

Die gängige Lehrmeinung hätte hier applaudiert. Ein elegantes Universum, das aus dem Nichts entstehen konnte, weil es im Grunde genommen immer noch Nichts war. Ein kosmischer Freifahrtschein. Aber Vlado spürte keinen Triumph. Er fühlte einen Schauder, der nichts mit der eisigen Zugluft der Klimaanlage zu tun hatte.

Er lehnte sich in seinem abgewetzten Stuhl zurück und fuhr sich mit zitternden Fingern durch sein schütteres Haar. Sein Spiegelbild im dunklen Bildschirm war das eines Mannes, der zu lange in einen Abgrund gestarrt hatte: tiefe Augenringe, ein fiebriger Glanz in den Augen, der zwischen Genie und Wahnsinn oszillierte.

„Null ist nicht Nichts“, flüsterte er in die Stille des Raumes, und das leise Surren der Lüfter schien ihm zuzustimmen. „Nichts ist die Abwesenheit. Eine Leere. Aber das hier…“ Er deutete mit einer vagen Geste auf die Daten, die das gesamte Sein umfassten, von der ersten Quantenfluktuation bis zum letzten verlöschenden Stern. „Das ist keine Abwesenheit. Das ist eine perfekte Bilanz. Eine Gleichung.“

Eine Gleichung, die auf Null aufging, war nicht leer. Sie war im Gleichgewicht. Auf einer Waage lag auf der einen Seite das gesamte materielle Universum – jede Sonne, jeder Planet, jedes lebende Wesen – und auf der anderen Seite eine exakt gleich große, unsichtbare Kraft. Die Physiker nannten sie schlicht „negative Gravitationsenergie“. Ein technischer Begriff für ein Mysterium.

Für Vlado fühlte es sich an wie ein Täuschungsmanöver. Als hätte jemand eine unvorstellbar komplexe Maschine gebaut, deren einziger Zweck es war, nach außen hin stillzustehen. Als würde ein schreiendes Kind seine Hände vor den Mund pressen, um einen perfekten, unheimlichen Moment der Stille zu erzeugen. Der Schrei war immer noch da. Die Energie war da. Sie war nur… versteckt.

Er stand auf und trat an das große Whiteboard, das fast die gesamte Wand einnahm. Es war ein Schlachtfeld der Gedanken, bedeckt mit Formeln, Diagrammen und durchgestrichenen Hypothesen. Mit einem schwarzen Stift zog er einen Kreis in die Mitte, das Symbol für die Null.

„Du bist kein Ende“, murmelte er und tippte mit dem Stift auf den Kreis. „Du bist eine Grenze. Eine Membran.“

Er stellte sich die Null nicht als leeren Raum vor, sondern als die Oberfläche einer Kugel. Im Inneren war etwas, und außerhalb war etwas anderes. Oder vielleicht war die Null die Spannung in einem Seil, das von zwei unendlich starken, gegensätzlichen Kräften gezogen wurde. Das Seil bewegte sich nicht, aber die Spannung war absolut, fast unerträglich. Das Universum war diese Spannung.

Ein Gefühl der Isolation, schärfer als je zuvor, ergriff ihn. Wem sollte er das erzählen? Seinen Kollegen, die ihn für seine Obsession mit den philosophischen Implikationen ihrer Arbeit belächelten? Sie würden sagen, er solle die Zahlen akzeptieren und aufhören, Gespenster zu sehen. Aber Vlado sah keine Gespenster. Er spürte eine Präsenz. Eine Struktur.

Die Null war keine Antwort. Sie war die raffinierteste Frage, die je gestellt worden war. Sie war der Schatten, den ein unsichtbares Objekt warf. Und Vlado Jonek wusste in diesem Moment mit einer Klarheit, die ihn erschreckte und berauschte zugleich, dass er sein Leben damit verbringen würde, dieses Objekt zu finden. Er würde in den Schatten hineingreifen, auch wenn er riskierte, von dem, was sich darin verbarg, verschlungen zu werden.

Er wandte sich wieder den Monitoren zu. Die Null wartete auf ihn. Geduldig. Endgültig. Und doch fühlte es sich an, als würde sie ihn beobachten. Als wäre sie nicht nur das Ergebnis seiner Suche, sondern der Anfang von etwas völlig anderem. Etwas, das lauschte.

Kapitel 2 – Das Flüstern im Vakuum

Die Null war keine passive Zahl mehr; sie war ein Gegner. Ein Wächter vor einem Tor, und Vlado Jonek war fest entschlossen, das Schloss zu knacken. Er verbrachte die folgenden Nächte nicht mehr damit, über die Null zu philosophieren, sondern sie zu belauschen.

Sein Labor verwandelte sich in ein Heiligtum der Stille. In seiner Mitte stand das Herzstück seiner neuen Besessenheit: eine Vakuumkammer aus poliertem Titan, nicht größer als ein menschlicher Kopf. Gekühlt mit flüssigem Helium auf eine Temperatur, die nur wenige Grad über dem absoluten Nullpunkt lag, sollte sie den perfektesten Zustand des Nichts erzeugen, den die menschliche Technologie erschaffen konnte. Ein winziges, eingefangenes Stück Leere. Um sie herum spannte sich ein Netz aus supraleitenden Quanteninterferenzdetektoren – die empfindlichsten Ohren, die er bauen konnte. Er wollte nicht nach Wellen oder Teilchen suchen. Er wollte das Atmen des Vakuums selbst messen.

Die ersten Nächte waren eine Symphonie der Enttäuschung. Die Monitore zeigten genau das, was die Lehrbücher vorhersagten: ein unaufhörliches, chaotisches Flimmern. Das Quantenrauschen. Virtuelle Teilchenpaare, die für unvorstellbar kurze Momente aus dem Nichts geboren wurden, nur um sich sofort wieder gegenseitig zu vernichten. Es war das Grundrauschen der Existenz, ein konstanter, zügelloser Lärm ohne Muster und ohne Sinn. Es klang, als würde das Universum im Schlaf mit den Zähnen knirschen.

Vlado kämpfte gegen die Müdigkeit, die wie ein zäher Nebel in seinen Verstand kroch. Er saß stundenlang da, sein Gesicht nur vom geisterhaften Leuchten der Bildschirmschaltflächen erhellt, und starrte auf Graphen, die aussahen wie die Lügen eines Detektors. Die Null hielt dicht. Sie war perfekt still, perfekt ausgeglichen. Die chaotischen Fluktuationen waren nur die zuckenden Muskeln eines schlafenden Riesen, nicht seine Stimme.

In der vierten Nacht, als die Erschöpfung ihn fast in einen fiebrigen Traumzustand versetzt hatte, geschah es.