Schatten über Brodersby - Stefanie Ross - E-Book

Schatten über Brodersby E-Book

Stefanie Ross

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Beschreibung

Der Frühling naht im idyllischen Brodersby: Landarzt Jan Storm bekämpft mit allen Mitteln die grassierende Grippewelle und treibt die Renovierung seines Hauses voran. Als sein Freund Jörg in Schwierigkeiten gerät, ist es mit der Ruhe schlagartig vorbei. Ida, die Tochter von Jörgs Freundin, wird erpresst. Der Kieler Polizist will den Täter zur Rede stellen, aber nach dem Treffen ist der Jugendliche tot und Jörg der Hauptverdächtige. Der Landarzt beginnt, Nachforschungen anzustellen. Tatsächlich häufen sich an Idas Schule seltsame Vorfälle – und jemand aus Jans nächstem Umfeld scheint die Fäden zu ziehen und über jeden seiner Schritte informiert zu sein. Als ob das nicht reichen würde, geht auch noch seine Lebensgefährtin Lena auf Distanz und verhält sich merkwürdig. Kann Jan ihr noch trauen?

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Stefanie Ross

Schatten über Brodersby

Mehr von Stefanie Ross und Jan Storm:

Das Schweigen von Brodersby. ISBN 978-3-89425-490-2

Jagdsaison in Brodersby. ISBN 978-3-89425-584-8

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2019 by GRAFIT in der Emons Verlag GmbH

Cäcilienstraße 48, 50667 Köln

Internet: http://www.grafit.de

E-Mail: [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Kossack, Hamburg.

Umschlaggestaltung: © Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/grafikwork (Himmel), Anton-Burakov (Gras), avphotosales (Boot/See)

Lektorat: Dr. Marion Heister

eBook-Produktion: CPI books GmbH, Leck

eISBN 978-3-89425-598-5

Die Autorin

Stefanie Ross wurde in Lübeck geboren. Sie verbrachte einen Teil der Schulzeit in Amerika und unternahm später ausgedehnte Reisen unter anderem durch die USA, Kanada und Mexiko. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre folgten leitende Positionen bei Banken in Frankfurt und Hamburg.

Sie ist verheiratet, Mutter eines Sohnes, fährt gerne Motorrad und schreibt seit 2012 Thriller. Das Schweigen von Brodersby war der erste Roman um den charismatischen Landarzt Jan Storm.

www.stefanieross.de

Kapitel 1

Noch eine halbe Stunde und Jan Storm konnte sich auf den Heimweg machen. Er liebte seinen Beruf als Landarzt in dem kleinen Dorf Brodersby in unmittelbarer Nähe der Ostsee, aber heute zog es ihn nach Hause. Und dabei dachte er nicht mehr an die Wohnung, die über seiner Praxis lag, sondern an das alte, renovierungsbedürftige Haus, das er seit dieser Woche mit seiner Lebensgefährtin Lena bewohnte.

Nach etlichen Stunden harter Arbeit hatten sie einen Zustand erreicht, den sie ›einzugsready‹ getauft hatten. Das sollte wohl eine Anspielung auf Jans Zeit als Soldat sein, die er lächelnd abgetan und dabei überspielt hatte, dass ihm das Wortkonstrukt sehr gut gefiel. So ganz hatte er seine Jahre als Angehöriger der Spezialeinheit der Bundeswehr wohl noch nicht hinter sich gelassen. Heute Abend wollten sie gemeinsam mit den Freunden, die ihnen so tatkräftig geholfen hatten, grillen. Da das Wochenende vor der Tür stand, hatte er einen ordentlichen Biervorrat besorgt.

Wenn Jan den Plan richtig im Kopf hatte, wartete kein Patient mehr auf ihn. Leider ging seine Sprechstunde noch bis drei Uhr, aber er würde die restliche Zeit für den ungeliebten Papierkram nutzen. Wieder einmal machte sich das perfekte Praxismanagement seiner Arzthelferin Gerda bezahlt: Sie belegte die Randtermine grundsätzlich zuletzt und hatte ihnen so schon manches Mal einen früheren Feierabend beschert.

Es klopfte an der Tür und ungewöhnlich zögernd betrat Gerda sein Behandlungszimmer. Als Jan den Umschlag in ihrer Hand entdeckte, erkannte er den Grund für ihre Zurückhaltung.

»Sag nicht, dass es uns jetzt auch getroffen hat«, bat er und wusste bereits, dass sein Wunsch unerfüllt bleiben würde. Er hatte schon von Kollegen gehört, dass die Krankenkassen auf eine weitere, in ihren Augen geniale Idee zur Kosteneinsparung gekommen waren.

»Leider doch. Diese Hyänen werfen dir jetzt deine Hausbesuche vor. Aber nicht mit mir! Ich habe zu sämtlichen Terminen bereits die Gehbehinderungen, sonstigen Gebrechlichkeiten und das Alter der Patienten in einer Tabelle erfasst. Du musst nur noch ein bisschen Mediziner-Blabla hinzufügen und dann sind wir draußen.«

»Und wie viel fordern sie zurück, wenn wir uns diesen elenden Papierkram sparen? Wobei erst einmal: danke für deine Vorarbeiten.«

»Dafür nicht. Es geht ja gar nicht, dass du noch dafür bestraft werden sollst, dass du dich um deine Patienten kümmerst. Nach meiner Hochrechnung würden ungefähr zwanzigtausend Euro Honorarrückzahlungen auf dich zukommen, wenn wir die Notwendigkeit nicht belegen. Das wäre dann wohl euer neues Badezimmer …«

Jan quetschte einen Fluch aus seiner Bundeswehrzeit hervor und rechnete mit einem strafenden Blick von Gerda, der jedoch ausblieb.

»In diesem Fall ist das ausnahmsweise erlaubt. Da wundert es diese Dösköppe, dass junge Leute keine Lust mehr haben, eine Praxis zu eröffnen und …« Gerda brach ihre Tirade mitten im Satz ab und sah an ihm vorbei aus dem Fenster. »Oh, das sieht nicht gut aus. Geh mal besser raus und fass mit an. Ich bereite hier alles vor.«

Jan folgte ihrem Blick und sprintete los. Saskia Möhlerich versuchte vergeblich, ihren sechzehn Jahre alten Sohn aus dem Beifahrersitz ihres Passats zu zerren. Da der Junge einen guten Kopf größer war, schaffte sie es nicht.

Jan überprüfte noch im Wagen die Atmung und den Puls des Teenagers. Beides war zum Glück nicht so auffällig, dass es lebensbedrohlich gewesen wäre. »Lass mal, ich bringe Tommy rein.«

»Nenn ihn bloß Thomas, sonst flippt er gleich wieder aus«, erklärte Saskia. »Als ich ihn nicht wach bekam, habe ich Angst gekriegt.«

Nicht ganz zu Unrecht, aber das sagte Jan lieber nicht laut, um die besorgte Mutter nicht noch weiter zu beunruhigen.

Schon auf dem Weg in die Praxis bemerkte er einen leichten Alkoholgeruch, aber auch ohne weitere Untersuchung war Jan sich sicher, dass der Junge nicht bloß unter einem ausgeprägten Kater litt.

Kaum hatte Jan den Teenager auf die Untersuchungsliege bugsiert, drehte Tommy sich auch schon auf die Seite und schlief ein.

Kopfschüttelnd betrachtete Jan den Jungen. »Wie lange geht das schon so?«

Saskia atmete tief ein. »Ich habe ihn heute Morgen um Viertel nach sechs geweckt und bin dann aus dem Haus. Ich dachte, er steht gleich auf. Zur Sicherheit ist nämlich sein Handywecker auf halb sieben gestellt. Aber als ich um zwei Uhr von der Arbeit gekommen bin, lag Tommy immer noch da. Ich habe mit viel Mühe geschafft, dass er sich angezogen hat, aber du siehst ja selbst …«

»Und was hat er gestern Abend gemacht?«

»Mit zwei Freunden in seinem Zimmer gezockt. Irgend so ein Onlinespiel. Sie hatten ein paar Dosen Bier dabei, aber nicht wirklich viel. Und er trinkt ja sonst auch nicht oder kaum was. Schon wegen Fußball und so. Ich verstehe das alles nicht.« Sie fuhr sich mit der Hand durch die kurzen braunen Haare. »Um Mitternacht habe ich die Jungs rausgeschmissen. Das war schon etwas später als sonst, also so zwei Stunden, aber ich war vorm Fernseher eingeschlafen. Eigentlich ist um zehn Uhr Schicht im Schacht.«

Jan brummte etwas Unverständliches und überprüfte den Blutdruck des Teenagers. Viel zu niedrig. Und die auffallend trockene Haut gefiel ihm auch nicht.

Trotzdem widerstrebte es ihm, den Jungen ins Krankenhaus einweisen zu lassen. Er kannte ihn vom Fußball. Während Jan zum Spaß in der Alte-Herren-Mannschaft spielte, war Tommy trotz seines Alters bereits Stammspieler in der ersten Mannschaft.

»Tommy?« Er packte ihn fest an der Schulter und brachte ihn in eine sitzende Position.

Blinzelnd kam der Teenager zu sich. »Jan? Was machst du denn hier?«

»Ich sollte dich besser fragen, was du für Sachen machst. Sieh dich mal um, wo du bist.«

Langsam, fast wie in Zeitlupe, wendete Tommy den Kopf. »Wie komm ich denn hierher? Was ist passiert?«

»Sag du es mir.«

Der Blick des Jungen irrte zu seiner Mutter. »Ähm, könnten wir vielleicht alleine … Na, du weißt schon …«

Jan nickte. »Tut mir leid, Saskia, aber er hat das Recht, dass ich ihn ohne dich untersuche. Wenn die Diagnose lebensbedrohlich sein sollte, was sie ganz bestimmt nicht ist, würdest du es natürlich erfahren.«

»Alles klar. Ich glaube, das solltet ihr wirklich unter Männern klären.«

Jan sah Saskia an, wie schwer ihr die scheinbar lockere Zustimmung fiel, und lächelte ihr aufmunternd zu. Als alleinerziehende Mutter hatte sie es nicht leicht, erledigte aber ihren Job nach allem, was er wusste, sehr gut.

»Na, dann erzähl mal«, bat er den Teenager, als die Tür hinter Gerda und Saskia ins Schloss fiel.

»Da war gestern Abend so ein Turnier. Ich war schon im Halbfinale und es ging um hundert Euro. Aber ich war so verdammt müde, dass ich nur noch Mist gemacht habe. Da … Einer meiner Kumpels hatte so ein Zeug bei mir vergessen.«

»Irgendwelche Pillen?«

»Nee, ich bin doch nicht bescheuert. Da weißt du doch nie, was du nimmst. Das war einfach nur Gras. Keine Ahnung, wieso mich das so umhaut.« Tommy gähnte dermaßen, dass Jan Angst um das Kiefergelenk des Jungen bekam.

Mit Vorwürfen oder Predigten kam er hier nicht weiter. »Rauchst du regelmäßig Gras?«

»Nein, das geht nur auf die Kondition und kostet irre viel Geld.«

»Und woher weißt du, dass das einfach nur Gras war?«

Tommy stutzte. »Na, das ist es doch immer. Kostet fünf Euro und … Um ehrlich zu sein, habe ich das noch nicht so oft gemacht, mir reichen ein oder zwei Bier, um in Stimmung zu kommen. Aber meine Kumpels meinten, dass das Zeug harmlos sei.«

Dazu hätte Jan einiges zu sagen gehabt. »Dass das nicht stimmt, merkst du ja gerade. Ich würde dir raten, beim Bier zu bleiben. Apropos, wie viel hast du gestern getrunken?«

»Ein, höchstens zwei Bier.«

Die Art, wie Tommy seinem Blick auswich, gefiel Jan nicht. »Und weiter?«

»Na, du hast nach gestern gefragt. Ich glaube, ich habe heute Morgen das letzte getrunken, weil ich einfach nicht hochkam. Aber vielleicht habe ich mir das auch eingebildet.«

»Ich hoffe, du merkst, wie gefährlich das Zeug ist, wenn du solche Erinnerungslücken hast! Ich verpasse dir jetzt eine Infusion, das heißt, du kannst dich rund dreißig Minuten hier ausruhen. Danach checken wir deinen Kreislauf. Wenn du sicher auf den Füßen stehst, war’s das. Wenn die Flüssigkeitszufuhr alleine nicht ausreicht, muss ich einen RTW rufen, der dich in die Klinik bringt. Dann steht eine Blutanalyse auf dem Programm, um geeignete Gegengifte zu finden.«

»RTW heißt Rettungswagen, oder? Ins Krankenhaus? Nee, das geht nicht. Sonntag ist Pokalspiel, da muss ich ran.«

»Dann drück mal die Daumen, dass es dir gleich besser geht.«

Während er den Zugang legte, horchte Jan den Teenager unauffällig aus, erfuhr aber nichts wirklich Neues. Anscheinend gab es die Joints fertig gedreht auf dem Schulhof zu kaufen und sie erfreuten sich unter den Jugendlichen großer Beliebtheit. Das Zeug galt als Wachmacher, Konzentrationshilfe und auch als reiner Stimmungsaufheller.

Als die Infusion vernünftig lief, verzog Tommy das Gesicht. »Musst du jetzt meiner Mutter sagen, was los war?«

»Nein, muss ich nicht, darf ich genau genommen auch gar nicht. Aber ich würde dir empfehlen, es ihr selbst zu sagen. Ihr habt doch ein gutes Verhältnis, mach das nicht kaputt.«

»Ach Mensch, ich fühle mich gerade so bescheuert.«

»Jeder macht Fehler. Glaubst du ernsthaft, das war dein letzter?« Jan deutete mit dem Finger auf Tommy und grinste schief. »Es hätte dein letzter sein können, wenn du an noch giftigeres Zeug geraten wärst, denn normal ist deine Reaktion darauf nicht.«

Vermutlich war die Konzentration des Joints nur sehr stark gewesen, was eigentlich für die Qualität des Rauschgifts sprach, aber das verschwieg Jan ihm lieber.

Tommy kratzte sich am Kopf. »Na, dann sollte ich meine Kumpels mal lieber warnen. Nicht, dass die auch noch bei dir landen.«

»Das wäre nett, denn ich habe am Wochenende eigentlich was anderes vor.« Jan setzte sich neben dem Teenager auf die Liege. »Weißt du, das Gefährliche an diesen Drogen ist, dass sie bei jedem anders wirken können. Was der eine wie einen ordentlichen Whisky wegsteckt, führt beim nächsten zum Kollaps. Und niemand weiß so recht, woran das liegt.«

»Verstanden. Aber sag mal, kannst du mir ein Attest für die Schule schreiben? Unser Klassenlehrer ist bei Abwesenheiten am Freitag oder Montag immer extrem pingelig.«

Seufzend nickte Jan. »Wie ist das Turnier eigentlich ausgegangen? Und welches Spiel war’s?«

»Fortnite, ich habe gewonnen! Langsam ist eSport echt eine Alternative zum Kicken. Bringt voll Spaß, sogar etwas Geld und ist auch ganz schön anstrengend.«

»Aber nicht wirklich gesund«, erwiderte Jan. »Jedenfalls nicht, wenn man nicht regelmäßig mit Laufen oder einem anderen Ausdauersport einen Ausgleich schafft. Du weißt schon, dass das bei professionellen eSport-Mannschaften Pflicht ist?«

»Klar. Aber ich hätte nicht gedacht, dass du dich in der Szene auskennst.«

»Tja, da kannst du mal sehen, was wir alten Herren noch so draufhaben.« Dass er das angesprochene Spiel nur kannte, weil einer seiner Freunde sich ständig darüber beschwerte, dass sein Sohn es viel zu lange spielte, erwähnte Jan nicht. Und erst vor zwei Tagen hatte er durch seinen Freund Jörg erfahren, was es mit eSport auf sich hatte, nachdem dessen Lieblingsverein, der HSV, nun auch eine entsprechende Sparte hatte. So ganz hatte Jan sich noch nicht mit dem Gedanken angefreundet, dass Videospiele mittlerweile als Sport galten.

»Ich hole mal deine Mutter rein.«

Dann überließ Jan den beiden sein Zimmer.

Von ihrem Platz hinter dem Schreibtisch im Empfangsbereich sah Gerda ihm missmutig entgegen. »Die Jugend wird auch immer schlimmer.«

»Als ob du früher ein Unschuldsengel gewesen wärst. Aber du hast schon recht. Tommy hat es ganz schön erwischt und das wundert mich.«

»Du solltest mal Heiner fragen. Neulich gab’s doch diesen Unfall hinter Karby. Ich meine, das Mädel hatte auch Drogen genommen. Irgendwas war Heiner daran nicht koscher, aber ich konnte nicht weiter nachfragen, weil deine Nachbarin dazwischengeplatzt ist.«

Seufzend rieb sich Jan übers Kinn. »War das der Tag, als …«

»Ja, genau der. Was für ein Drama!«

Jan seufzte erneut, dieses Mal allerdings nur gedanklich. Obwohl er wusste, was Gerda meinte, ergoss sich eine wahre Wortflut über ihn, mit der seine Arzthelferin nochmals das Schicksal seiner Nachbarin Elvira schilderte. Zu Elvira, die gleichzeitig die Witwe des früheren Landarztes war, hatte Jan ein extrem ambivalentes Verhältnis. Dennoch hatte es ihm natürlich leidgetan, dass ihr Sohn, zu dem sie seit Jahren keinen Kontakt mehr gehabt hatte, bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war.

Kurz darauf war seine Witwe mitsamt der gemeinsamen Tochter bei Elvira eingezogen. Die sechsjährige Sophie sorgte für reichlich Trubel und hatte ihre Großmutter förmlich aufblühen lassen. Für Jans Geschmack war die Kleine zu schwer einzuschätzen. Mal war sie der reinste Wirbelwind, dann wieder erstaunlich ernst und altklug. Ihre Mutter hingegen war uneingeschränkt nett und zurückhaltend, sogar ein wenig schüchtern.

Mit etwas Verspätung machte es bei ihm Klick. »Dein Gespräch mit Heiner liegt dann doch eine halbe Ewigkeit zurück. Wieso hast du nicht noch mal nachgefragt?«

Seine Arzthelferin bedachte ihn mit einem Blick der Marke ›Männer‹. »Weil mich das Thema bis gerade eben nicht interessiert hat und mir erst da wieder eingefallen ist. Was hat denn einen so sportlichen Jungen wie Tommy nun umgehauen?«

»Vermutlich ungewöhnlich starkes Marihuana.«

Gerda schüttelte den Kopf, murmelte etwas und verschwand dann ohne weitere Erklärung im Wartezimmer. Mit der aktuellen Ausgabe eines Nachrichtenmagazins in der Hand kehrte sie zurück und warf es geöffnet auf ihren Schreibtisch. »Hier. Das habe ich gerade gelesen. Das gute Zeug in den Joints, also das, was uns früher so gefallen hat, wird immer weniger. Aber das böse Zeug, das die Psychosen und so ’n Kram auslöst, wird immer mehr. Das liegt daran, dass die Anbauer nur noch wenige weibliche Pflanzen nutzen und vermehrt männliche. Ich sag’s doch immer: Wir Frauen …«

Jan unterbrach die Tirade, indem er sich die Zeitschrift schnappte und den Artikel überflog. Außer einer Bestätigung von Gerdas Zusammenfassung brachten die Zeilen jedoch keine neuen Erkenntnisse. Viel interessanter war die Vergangenheit seiner Helferin. »So, so, du kennst dich mit dem Zeug also bestens aus.«

Prompt lief sie rot an. »Na ja, wir waren auch mal jung. Und ich hatte damals ein Keksrezept, das auf jeder Party für ordentlich Stimmung gesorgt hat. Da hat manch einer seine Klamotten …«

Jan hob eine Hand. »Okay, das reicht. Mehr Kopfkino vertrage ich heute nicht.«

Kapitel 2

Jörg Hansen überlegte auf dem Weg zu seinem Vorgesetzten, ob und was er sich in den letzten Tagen zu Schulden kommen lassen hatte. Ihm fiel nichts ein. Trotzdem war da so ein gewisser Tonfall gewesen, der ihn alarmierte.

Normalerweise würde er nicht so empfindlich auf ein mögliches Fehlverhalten reagieren, aber er liebte seinen Job beim Mobilen Einsatzkommando des Kieler Landeskriminalamtes und hatte keine Lust, diesen nach wenigen Wochen bereits wieder zu verlieren. In seiner bisherigen Laufbahn bei der Polizei hatte er schon öfter feststellen müssen, dass nicht jeder seine unkonventionellen Methoden zu schätzen wusste – trotz seiner unbestreitbaren Erfolge. Martin Harms schätzte er eigentlich anders ein, aber selbst der konnte sich nicht unbegrenzt gegen Druck von oben wehren.

Jörg hielt sich nach dem Klopfen an Martins Bürotür nicht mit dem Warten auf eine Einladung auf, sondern betrat das Zimmer. »Habe ich irgendwelchen Mist gebaut?«

Verdutzt blinzelte Martin. »Wie kommst du denn darauf?« Er grinste schief. »Meldet sich da dein schlechtes Gewissen? Gibt es etwas, das ich wissen sollte?«

Erleichtert ließ sich Jörg auf einen der zwei Besucherstühle fallen »Nö, ich dachte nur. Du hast dich vorhin ziemlich genervt angehört.«

Martin schnaubte und klopfte auf einen dicken Ordner. »Budgetbesprechungen fürs nächste Jahr.«

»Okay, das erklärt einiges. Aber ich dachte, du wärst um diese Zeit schon auf dem Weg zu deinem Sohn.«

»Das war auch der Plan. Jedenfalls so lange, bis ich unerwartet ins Innenministerium bestellt wurde.«

»Wegen des Budgets? Sollen wir sparen?«

»Sollen wir das nicht immer? Du liegst teilweise richtig. Unerwartet wurden heute zwei Themen verknüpft und ich wollte so schnell wie möglich mit dir darüber reden. Du hast dich nach dem Einsatz vor rund drei Wochen ziemlich deutlich zur Abstimmung mit den Kollegen aus den einzelnen Dezernaten geäußert.«

Wenn Jörg die Wärme auf seinen Wangen richtig deutete, lief er gerade rot an. Verdammt! Trotz seiner Sonnenbräune hatte er relativ helle Haut. Zusammen mit seinen hellblonden Haaren sah man ihm viel zu oft seine Verlegenheit allzu deutlich an. »Ähm, sollte ich mich in der Wortwahl vergriffen haben, kann ich mich offiziell entschuldigen.«

Martin winkte ab. »Inhaltlich hattest du ja recht, allerdings hättest du das diplomatischer ausdrücken können.«

Einem ranghöheren Kollegen, der nur noch wenige Monate bis zur Pensionierung hatte, zu empfehlen, seinen Schreibtisch nicht mehr zu verlassen, weil er offenbar geistig nicht mehr in der Lage sei, auf der Straße zu arbeiten, war tatsächlich nicht besonders nett gewesen. Allerdings hatte der Beamte fast ihren geplanten Zugriff verraten, weil er den gut erkennbaren zivilen Streifenwagen direkt vor ihrem Zielobjekt, einem illegalen Wettbüro, geparkt hatte. Wenigstens hatte Jörg das Wort ›Altersschwachsinn‹ so leise gemurmelt, dass niemand außer seinem Team es gehört hatte.

Martin lehnte sich zurück. »Die gute Nachricht ist, dass unsere oberste Führungsebene endlich eingesehen hat, dass es bei einigen Fällen sinnvoller ist, das MEK von Anfang an mit den Ermittlungen zu betrauen, einschließlich des Zugriffs natürlich. Die Erfahrung der Vergangenheit hat gezeigt, dass es zahlreiche Situationen gibt, bei denen es richtig ist, eine Spezialeinheit für die letzten entscheidenden Schritte der Festnahme anzufordern. Aber eben auch etliche, bei denen das nicht die optimale Vorgehensweise ist.«

Über diesen Punkt hatten sie oft genug geredet und waren einer Meinung gewesen. »Das klingt doch gut. Wo ist der Haken?«

»Wir brauchen ein Team, das als Versuchskaninchen dient. Du und deine Jungs habt durch eure bisherigen Einsätze mit Abstand die meisten Erfahrungen mit Ermittlungen, also wird es dich nicht wundern, dass die Wahl auf euch gefallen ist.«

»Das gefällt mir. Warum habe ich immer noch das Gefühl, dass du mir eine schlechte Nachricht verschweigst?«

Martin lachte. »Dass du mich so leicht durchschaust, sollte mir zu denken geben. Es gibt einfach nur noch keinen Fall für euch. Da ist etwas Geduld angesagt.« Martin grinste spöttisch. »Ich kann ja mal deinen Kumpel Jan fragen, ob er was hat, was interessant sein könnte.«

Prompt musste Jörg an die WhatsApp seines Freundes denken, in der Jan ihn gefragt hatte, ob er mit der aktuellen Entwicklung am Cannabis-Markt vertraut war oder er ihm einen Ansprechpartner für das Thema nennen konnte. Jörg spürte, dass seine Wangen sich erneut verräterisch röteten.

Martin stöhnte demonstrativ. »Offenbar habe ich mit meinem Scherz ins Schwarze getroffen. Woran ist die Brodersby-Gang dieses Mal dran?«

Abwehrend hob Jörg die Hände. »Ich kenne noch keine Details. Aber wir treffen uns nachher zum Grillen. Jan fragte nur nach aktuellen Tendenzen in der Drogenszene.«

»Ich hätte nicht gedacht, dass das in dieser idyllischen Umgebung ein Thema ist.« Martin runzelte leicht die Stirn. »Aber andererseits hattet ihr es ja schon mit so einigem zu tun. Halte mich auf dem Laufenden.«

»Mache ich. War’s das mit den schlechten Nachrichten?«

»Nicht ganz. Ich habe klargemacht, dass dein Team die Sache übernehmen wird, und nicht damit gerechnet, dass mir ordentlich Gegenwind um die Ohren wehen würde. Du hast nicht nur Freunde in den höheren Etagen. Es gibt anscheinend einige, zum Glück wenige, die nur darauf warten, dass du Murks baust. Also lass es. Verstanden?«

Jörg beschränkte sich auf ein Nicken, während er fieberhaft überlegte, mit wem er es sich in der Vergangenheit dermaßen verdorben hatte, dass ihn die Sache jetzt einholte. Ihm fiel niemand ein.

Nur ein schmaler Grasstreifen trennte Jans Haus vom Strand, sodass sie die Feier kurzerhand direkt ans Meer verlegt hatten. Anders als an den Touristenorten lagen hier im Sand etliche Steine, von denen einige sogar groß genug waren, um darauf zu sitzen. Wenn der Wind ungünstig stand, wurde auch eine Menge Seetang angespült. Aber ein Anruf bei einem befreundeten Bauern reichte, damit dieser das Zeug nicht nur zur Seite schob, sondern es auf seinen Hänger lud, um es als natürlichen Dünger zu nutzen.

Fackeln und Solarleuchten, die sich tagsüber aufgeladen hatten, würden auch dann noch ausreichend Licht spenden, wenn die Sonne endgültig untergegangen war.

Jan deutete mit der Bierflasche auf den Sandweg, der neuerdings von ihrer Terrasse direkt zur Ostsee führte, und grinste dann seinen Freund an. »Deine Idee war genial.«

Jörg nickte. Falsche Bescheidenheit war noch nie seine Art gewesen. »Finde ich auch. Wenn du ewig über das Grünzeug gelaufen wärst, hättest du dir im Herbst und im Frühjahr nasse Füße geholt. Theoretisch könnten wir den Rasen auch einzäunen und ihr haltet euch ein paar Schafe, die das Mähen übernehmen.«

»Vergiss es!«, mischte sich Lena ein und hakte sich bei Jan unter. »Das klingt zwar gut, aber erst einmal muss das Haus fertig sein. Danach sehen wir weiter.«

Der schwarze Labradormix Tarzan trottete näher und legte sich mit einem beeindruckenden Gähnen neben Jan in den Sand.

Jörg schüttelte den Kopf. »Dann bräuchtet ihr noch einen vernünftigen Hütehund. Also einen Vierbeiner, der sich auch mal bewegt.«

Tarzan gab ein tiefes Brummen von sich.

Lena lachte. »Was heißt das nun?«

»Keine Ahnung. Er ist euer Hund«, erwiderte Jörg und sah sich suchend um. Er kannte und schätzte die anderen Gäste, die in kleinen Grüppchen am Strand standen, sich unterhielten und darauf warteten, dass auf dem Grill die ersten Würste gar wurden, aber die interessierten ihn im Moment nicht. Er konnte seinen Hund nicht entdecken! Dafür lächelte seine Lebensgefährtin Andrea ihm kurz zu und hob grüßend ihre Bierflasche. Sofort wurde ihm warm ums Herz. So ganz hatte er sich noch nicht daran gewöhnt, dass es mit Andrea und ihrer Tochter Ida gleich zwei Menschen gab, mit denen er zusammenwohnte und die ihm genauso wichtig waren, wie es andersherum der Fall war.

Jan seufzte übertrieben laut. »Ginger ist mit den Kindern ein Stück am Strand langgegangen«, erklärte er spöttisch.

»Nenn die Teenager nicht Kinder«, mahnte Jörg, ehe seine Freunde ihn wieder einmal damit aufzogen, dass er eben gerne wusste, wo sich sein Hund befand. Er sah den Strand entlang und stutzte. »Was geht denn da ab?«, sagte er mehr zu sich selbst.

Jan und Lena folgten seinem Blick.

»Hm, sieht nach Gewitter im Teenieparadies aus«, mutmaßte Lena.

Zwischen Ida und ihrem Freund Jonas schien es hoch herzugehen. Selbst aus der Entfernung waren die Gesten, die das Gespräch der Teenager begleiteten, unmissverständlich. Nun wandte sich Ida ab und stapfte davon. Ginger folgte ihr.

Jörg fluchte leise. Ida war für ihn zwar wie ein eigenes Kind, er hätte aber eine Bedienungsanleitung für den Umgang mit rebellischen Teenagern gut gebrauchen können. Normalerweise beschränkte er sich recht erfolgreich auf die Rolle eines älteren Freundes. Er war sich nicht sicher, der Richtige zu sein, um ihr bei Liebeskummer zu helfen. Andrea war in ein Gespräch mit Freunden verwickelt und hatte nichts mitbekommen. Also war es wohl tatsächlich seine Aufgabe, dem Mädchen zumindest etwas Trost anzubieten.

Ehe er losgehen konnte, kam Jonas auf ihn zugeeilt. Der Junge blieb vor ihm stehen und trat unsicher von einem Bein aufs andere.

»Ich müsste dich mal kurz sprechen, Jörg.« Er schielte zu seinem Vater, dem die Kfz-Werkstatt in Brodersby gehörte und der von dem Drama nichts mitbekommen hatte. »Alleine.« Jan hob demonstrativ eine Augenbraue, aber Jonas ließ sich nicht abschrecken. »Es ist wirklich wichtig.«

Das leichte Zittern in der Stimme des Jungen alarmierte Jörg. Hier schien es um mehr als einen einfachen Krach zu gehen. »Na, dann komm mal mit. Reicht es, wenn wir ein paar Schritte am Wasser entlanggehen?«

»Ja, sicher. Dann können wir hinterher auch gleich Ida beruhigen.«

Anscheinend hatte Jörg mit seiner Vermutung, dass es zwischen den Teenagern gekracht hatte, komplett danebengelegen. So langsam machte er sich tatsächlich Sorgen und dachte an Jans Fragen zum Thema Rauschgift bei den Jugendlichen in der Umgebung. Sie hatten nur kurz darüber geredet, einfach weil Jörg noch keine vernünftigen Informationen hatte, aber Jans Patient Tommy war nur eine oder zwei Klassen über Jonas und damit praktisch gleichaltrig.

Jonas sah zurück und blieb stehen. Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare und bohrte seinen Sneaker tief in den Sand. »Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll.«

»Einfach am Anfang. Ich sortiere schon alles.«

»Also gut. Das Ganze …«

»Nein!« Laut kreischend rannte Ida auf sie zu. Ginger folgte ihr mit wildem Bellen.

Jörg kannte sie zwar auch als launischen Teenager, aber einen, der recht beherrscht war. Nun entdeckte er Tränen in ihren Augen. Er befahl Ginger, ruhig zu sein und sich zu setzen. Dann legte er Ida einen Arm um die Schultern. »Beruhige dich. Egal, was es ist, wir bekommen es hin. Und denk immer dran: Du kannst niemals so viel Mist machen wie ich damals in deinem Alter.«

Ein zaghaftes Lächeln zeigte sich in ihren Mundwinkeln. »Das sagst du immer, verrätst mir aber nicht, was du eigentlich alles angestellt hast.«

Und das aus gutem Grund! Jörg grinste nur. »Na, komm. Was ist los? Du weißt doch, dass du mit allem, also wirklich allem, zu mir kommen kannst.«

Jonas nickte so heftig, dass seine Nackenwirbel knackten. »Genau das habe ich ihr auch gesagt!«

»Ist ja gut.« Ida hielt Jörg ihr Handy hin. »Sieh dir mal die WhatsApp an. Aber bitte sag Mama nichts davon! Sie regt sich nur auf und ich habe Stubenarrest bis zum Abi.«

»Dabei ist Ida absolut unschuldig!«

Jörg ging auf Jonas’ Verteidigungsrede nicht weiter ein, sondern überflog die Nachricht, die laut Absenderangabe des Chats von Carsten (Arschloch) stammte. Zumindest konnte man dem Typen nicht vorwerfen, nicht auf den Punkt zu kommen. »Du sollst für ihn Gras verticken?«, fragte Jörg, obwohl der Text eindeutig war.

Ida nickte. Jonas schnaubte.

»Logisch«, sagte der Junge dann. »Ida kennt alle und gilt als obercool. Für diese Idioten wäre sie die perfekte Dealerin. Sie haben nur nicht damit gerechnet, dass sie so einen Kack nicht machen wird.«

Ausnahmsweise verzichtete Jörg darauf, Jonas wegen seiner Ausdrucksweise zurechtzuweisen. »Wenn ich das richtig verstehe, hat er dich schon öfter gefragt und du hast abgelehnt. Wo ist das Problem?«

Nun hielt Jonas Jörg sein Smartphone hin. »Ida hat die Nachrichten gelöscht. Aber ich habe sie, weil sie mir die weitergeleitet hat. Dieser Wichser hat eine Kamera in der Mädchenumkleide installiert – und ausgerechnet Ida erwischt.«

Jörg verzichtete darauf, sich das Video anzusehen, um das Mädchen nicht noch mehr in Verlegenheit zu bringen. »Wie schlimm ist es?«

»Sehr schlimm. Ich hatte nur einen Slip an. Er droht, es auf YouTube hochzuladen, inklusive meinen Namen. Es sei denn, ich verkaufe seine beschissenen Joints in den großen Pausen und nach Schulschluss.«

Wenigstens klang sie nun wütend und nicht mehr verzweifelt.

»Hat Carsten außer ›Arschloch‹ noch einen anderen Namen?«

»Sievers«, antwortete Jonas wie aus der Pistole geschossen. »Was machen wir jetzt? Kannst du ihn nicht erschießen? Verdient hätte er es. Aber so was von!«

»Tja, leider ist das hier die reale Welt und kein Computerspiel, in dem sämtliche Probleme mit einer Schrotflinte gelöst werden. Ich sehe mal, was ich über den Typen in Erfahrung bringen kann. Vor Montag wird sich ja wahrscheinlich nichts tun. Und wenn er sich doch meldet, dann versucht, ihn zu einem Treffen zu überreden.«

»Und da gehst du dann hin?«, fragte Ida.

»Ganz bestimmt. Vielleicht nehme ich auch noch Jan mit. Glaubst du ernsthaft, dass er gegen uns beide eine Chance hat?«

»Nö.« Ida atmete tief durch. »Puh, jetzt geht’s mir besser. Darf ich nach dem Schock einen Schluck von der Bowle?«

»Vergiss es. Aber sag mal, Kleines, wie lange schleppst du den Mist schon mit dir rum?«

»Seit gestern. Da habe ich das Video bekommen.«

»Um vierzehn Uhr eins!«, erklärte Jonas so ernsthaft, dass Jörg beinahe geschmunzelt hätte.

»In Zukunft kommst du gleich zu mir und quälst dich nicht so lange allein. Okay?«

»Okay.«

»Noch eine Frage: Sind diese Joints im Moment tatsächlich angesagt?«

Beide Teenager antworteten wie aus einem Mund: »Aber so was von.«

Jonas zuckte mit der Schulter. »Die Dinger sind fertig gedreht, kosten nur fünf Euro und machen richtig Spaß.« Er räusperte sich. »Also sie sollen Spaß machen. Ich weiß das natürlich nicht.«

»Natürlich nicht«, wiederholte Jörg spöttisch und verkniff sich jeden weiteren Kommentar.

Allerdings galt das nur für den Augenblick. Er musste dringend mit Jan reden. Und mit Jonas’ Vater. Hasch und härtere Drogen hatte es immer gegeben, aber seit wann war in Kappeln so ein Mist dermaßen verbreitet, dass schon Achtklässler darüber bestens Bescheid wussten?

Kapitel 3

Jan legte die Füße auf einen Hocker, der sonst auch als Sitzgelegenheit diente, und genoss den ruhigen Abend. Genauso hatte er sich sein Leben in dem Haus vorgestellt: der Blick auf die Ostsee, die noch ausreichend warmen Sonnenstrahlen und ein kühles Bier.

Nachdem er morgens fünf Kilometer Richtung Damp gejoggt und nachmittags mit dem Motorrad – seiner geliebten Ninja, einer schwarzgrauen Kawasaki ZX10R – über die Landstraßen gerast war, fühlte er sich angenehm ausgepowert. Zum Glück war Lena mit dem Kochen dran und nichts sprach dagegen, die letzten Stunden des Wochenendes zu genießen.

Sein Handy vibrierte.

Fluchend griff Jan danach und hoffte, dass es kein akuter Notfall war. Schon die Nummer ließ ihn aufstöhnen. Elvira, die Witwe seines Vorgängers.

»Entschuldige die Störung, Jan. Sophie geht es sehr schlecht und ich komme alleine nicht weiter. Sie …«

»Ich bin unterwegs«, unterbrach Jan die aufgeregte Frau.

So viel zum Thema ruhiger Abend auf der Terrasse.

Lena kam heraus. »Mit wem hast du gesprochen?«

»Elvira. Ihre Enkeltochter ist krank.«

»Oh. Und sie kommt alleine nicht weiter? Na, dann mal los. Ich halte dir das Essen warm.«

Lena hatte das Problem zielsicher erkannt, denn Elvira hatte eigentlich Nerven aus Stahl und besaß ein umfangreiches medizinisches Wissen.

»Super. Danke.«

Als Jan seine Lederjacke überzog, meldete sich sein Handy. Er rechnete halbwegs wieder mit einem Anruf von Elvira, aber stattdessen wurde Jörgs Nummer angezeigt.

»Hast du Zeit?«, erkundigte sich sein Freund ungewohnt kurz angebunden und Jan ahnte den Grund dafür.

»Leider nein. Sag nicht, dass dieser Carsten sich gemeldet hat!«

»Doch. Er hat Ida in dreißig Minuten an die Steilküste in der Nähe von Schönhagen zitiert. Das ist mit dem Rad zu schaffen, mit dem Wagen bin ich natürlich schneller und habe noch Zeit. Was ist denn bei dir los?«

»Arzteinsatz bei Elviras Enkelin, der kleinen Sophie.«

»Ach Mist, wenn Elvira dich anruft, muss es ernst sein, sie ist ja selbst eine halbe Ärztin. Dann übernehme ich den Mistkerl alleine.«

Das wiederum gefiel Jan überhaupt nicht. Leider konnte er sich nicht klonen und für eine Diskussion, die er am Ende vermutlich sowieso gegen seinen sturen Freund verloren hätte, fehlte ihm die Zeit. »Nimm lieber Jo mit«, schlug er daher nur vor.

»Ach was. Bis der bei mir ist, habe ich den Mist schon geklärt. Wenn es zeitlich noch passt, kannst du ja vorbeikommen und den Kerl zusammenflicken.«

»Übertreib es nicht.«

»Das war Spaß!«

»Ich meinte, dass du mir was übrig lassen sollst!«, stellte Jan klar.

Er hörte noch Jörgs Lachen, ehe sein Freund die Verbindung trennte.

Aufgrund des guten Wetters entschied Jan sich für sein Motorrad. Sein Rucksack mit den wichtigsten medizinischen Utensilien lag wie immer griffbereit im Windfang.

Normalerweise fuhr er rund zehn Minuten von seinem Haus zur Praxis, aber wenn es drauf ankam, konnte er die Zeit fast halbieren. Nachdem er so ziemlich sämtliche Verkehrsvorschriften ignoriert hatte, legte er die Strecke in weniger als fünf Minuten zurück. Er hielt vor seiner Praxis und sprintete auf Elviras Doppelhaushälfte zu. Die Tür stand offen.

»Wohnzimmer!«, rief Elvira ihm zu.

Jan durchquerte den Windfang und betrat den Raum. Das Mädchen lag kreidebleich auf der Couch.

»Ich war noch nie so froh, dein Motorrad zu hören! Atmung sehr flach, Erbrechen mit Schaum und einige wenige Blutflecke. Bedingt ansprechbar. Theoretisch würde ich auf eine Vergiftung tippen, aber das ergibt keinen Sinn.«

Bis auf die hektischen roten Flecken auf ihren Wangen und die zitternden Hände beherrschte sich die Arztwitwe. Für die knappe, präzise Zusammenfassung war Jan ihr dankbar. Er setzte sich zu Sophie und überprüfte Puls und Atmung. Beides war auffällig, aber nicht lebensbedrohlich. Damit hatte er gerechnet, denn sonst hätte Elvira nicht ihn, sondern einen Rettungswagen angerufen.

»Soll ich den Notarzt alarmieren?«, fragte sie unsicher.

Jan rieb sich übers Kinn. Sicherer wäre es, aber auch stressiger für das Kind. Die Kleine sah ihn jetzt schon aus weit aufgerissenen Augen an. »Nicht ins Krankenhaus«, flüsterte sie.

»Okay, aber dann musst du mir sagen, ob du etwas gegessen hast, was du eigentlich nicht darfst.«

Angespannt wartete er auf ihre Antwort.

»Mama? Der Kakao ist so bitter«, sagte Sophie so leise, dass Jan sie kaum verstand, und schloss die Augen.

Er musste nichts sagen. Elvira lief bereits in die Küche und kehrte mit einem Becher in der Hand zurück, auf dem ein schwarzes Pferd abgebildet war. Sie schnupperte daran und reichte das Gefäß dann Jan. Bis auf den angetrockneten Bodensatz war nichts mehr von dem Kakao übrig.

Jan fuhr mit dem Finger über die weiche Kruste, roch zunächst daran und probierte dann vorsichtig.

Elvira schnappte nach Luft. »Jan!«

»Lass mal gut sein. Ich wiege vermutlich doppelt so viel wie Sophie. Das Zeug ist extrem süß und tatsächlich etwas bitter. Hast du eine Idee, ob sie sich was reingemixt haben könnte? Ein Arzneimittel, das wie Zucker aussah? Etwas von einer Pflanze?«

Hilflos zuckte Elvira mit der Schulter. »Mir fällt nichts ein. Aber möglich wäre es. Sie ist ja kein Krabbelkind mehr, darum schließe ich nicht alles weg.«

Jan war unschlüssig. Der Zustand des Mädchens war im Moment nicht lebensbedrohlich, das stand fest. Viel mehr aber auch nicht. Er stellte Elvira noch ein paar Fragen dazu, wann Sophie den Kakao getrunken hatte und wann die ersten Symptome aufgetreten waren.

Viel weiter brachten ihn die Antworten jedoch auch nicht. »Wo steckt eigentlich ihre Mutter?«, fragte er, um Zeit zu gewinnen.

»Margrit wollte zum Strand runter und dort etwas spazieren gehen. Ich habe sie angerufen, aber sie geht nicht ran.«

»Vielleicht hört sie das Handy nicht. Es ist ganz schön stürmisch, dazu kommen noch die Wellen.«

»Ja, das kann gut sein. Was machen wir denn jetzt nur?«

»Kaffee trinken!«

»Was?«

»Ernsthaft, Elvira. Du kochst uns jetzt einen Kaffee oder einen Tee und wir beobachten Sophie die nächste halbe Stunde. Wenn sich ihr Zustand nicht verschlechtert, fahre ich wieder. Dann lässt du sie einfach ausschlafen. Wenn uns irgendetwas nicht gefällt, bringen wir sie in die Klinik. Aber ich denke, das steckt sie so weg. Was immer es auch war. Nach dem, was du erzählt hast, hat sie den Mist schon ausgespuckt.«

»Dann habe ich dir ganz umsonst deinen Sonntag versaut.«

»Nein. Dass du besorgt warst, verstehe ich gut. Und wer Störungen nicht verträgt, sollte kein Arzt werden. Oder sich zumindest für keine Landarztpraxis entscheiden. Ich wette, deinem Mann ging es früher auch nicht anders.«

Elvira berührte ihn kurz am Arm und lächelte. »Ich sehe mal nach, ob noch etwas Kuchen da ist. Wenigstens das schulde ich dir.«

Genervt stapfte Jörg den Sandweg entlang Richtung Ostsee. Normalerweise liebte er das Meer, den Wind und vor allem die Wellen. Obwohl er die letzten Jahre überwiegend in Jos Haus gewohnt hatte, das wenige Kilometer entfernt direkt an der Schlei lag, bevorzugte er die Ostsee mit ihrem rauen Charme. Der Meeresarm, der weit ins Innere der Halbinsel Schwansen führte, war zwar landschaftlich schön, aber eben auch etwas langweilig. Außerdem fehlten Sandstrände fast völlig.

Jo und dessen Frau Helga, die ihm so nahe wie leibliche Eltern standen, zogen ihn regelmäßig liebevoll damit auf, dass er sein Zuhause nicht richtig zu würdigen wüsste, wenn er das Meer so deutlich bevorzugte.

Die beiden hatten zunächst etwas darunter gelitten, dass er nun nicht mehr abwechselnd in Kiel und bei ihnen lebte, sondern einige Minuten entfernt in Brodersby mit Andrea und Ida zusammenwohnte. Aber mittlerweile hatte sich alles recht gut eingependelt und sie sahen sich regelmäßig. Gerade das Mädchen brachte noch einmal ordentlich Schwung in das Leben der beiden, die schon über siebzig Jahre alt waren – was man ihnen jedoch nicht ansah.

Als ehemaliger Kampfschwimmer achtete Jo auf seine Fitness und wäre tatsächlich ein idealer Partner für dieses Treffen gewesen. Allerdings hatte Jörg nicht vorgehabt, Jo und Helga den Sonntagabend zu verderben. Er wäre selbst gern zu Hause geblieben, um auf der Terrasse mit Andrea die letzten Sonnenstrahlen zu genießen. Stattdessen musste er nun einen idiotischen Teenager zur Räson bringen.

Mit verpeilten Jugendlichen hatte er es in seinem Job in der Vergangenheit schon oft genug zu tun bekommen, das brauchte er nicht noch in seiner Freizeit. Mit Jan an seiner Seite wäre es anders gewesen. Sein Freund besaß nicht nur starke Nerven, sondern bewahrte auch in unangenehmen Situationen einen trockenen Humor. Auch wenn Jörg davon ausging, mit diesem Carsten alleine fertigzuwerden, wäre Jan dank seiner Erfahrung bei der Bundeswehr eine wertvolle Hilfe gewesen. Sein Freund war sowohl mit als auch ohne Waffen jemand, mit dem man sich besser nicht anlegte. Aber sich über Dinge zu ärgern, die er nicht ändern konnte, hatte Jörg sich schon lange abgewöhnt.

Mit dem Rad hätte Ida direkt an den Strand fahren können, mit seinem Passat war Jörg nicht so flexibel. Endlich lag vor ihm das Meer, allerdings einige Meter unter ihm. Mehr rutschend als gehend legte er das letzte Stück zurück. Ausgerechnet den Punkt der Steilküste, an dem Jörg sonst stundenlang mit Ginger tobte, hatte sich dieser Idiot als Treffpunkt ausgesucht.

Der Stamm eines umgestürzten Baums reichte fast bis ans Wasser heran. Jörg hatte das riesige Gewächs selbst schon als Schattenspender oder Sitzmöglichkeit genutzt und vermutet, Carsten dort anzutreffen. Kurz glaubte er, hinter der Baumkrone eine Bewegung zu entdecken, aber dann bemerkte er einen jungen Mann, der ein paar Meter entfernt direkt am Wasser stand.

Das musste Carsten sein!

Jörg eilte auf ihn zu. Der Jugendliche sah an ihm vorbei, vermutlich auf der Suche nach Ida. Erst als Jörg direkt vor ihm stand, geruhte der Typ, ihn zur Kenntnis zu nehmen.

»Uhrzeit weiß ich nicht. Nach Schönhagen geht’s da lang«, nuschelte der Kerl.

»Carsten?«

Nun hatte Jörg seine volle Aufmerksamkeit. »Wer will das wissen?«

»Idas Vater.« Das war zwar rechtlich nicht ganz richtig, entsprach aber seinen Gefühlen.

Carsten wich instinktiv einen Schritt zurück. Prompt traf ihn die nächste Welle, sodass seine Jeans bis zu den Knöcheln durchnässt wurde. »Hey, Mann. Ich will keinen Ärger.«

»Ich auch nicht. Dann rück mal das Video raus!«

Ganz langsam überwand Carsten seine Überraschung. »Nee, das behalte ich lieber und …«

Jörg öffnete den Reißverschluss seiner Jacke und ließ das Schulterholster mit seiner Dienstwaffe dezent aufblitzen. »Wie bitte?«

Carsten räusperte sich und wich weiter zurück. Die nächste Welle kam, seine Jeans färbte sich bis zu den Knien dunkelblau. Besonders warm war das Wasser noch nicht, aber das schien ihn nicht zu stören. »Ich … ähm …«, stotterte der Teenager und grinste dann plötzlich überheblich. »Also eigentlich möchte ich doch nicht … Hey! Was …?«

Alarmiert fuhr Jörg herum. Der Wind und die Wellen ergaben zusammen eine beeindruckende Geräuschkulisse, sodass sich ihm jemand unbemerkt hatte nähern können. Er erhaschte nur noch einen Blick auf eine dunkle Kapuze, dann kam etwas auf ihn zu. Ein Kantholz? Für eine Ausweichbewegung war es zu spät. In der nächsten Sekunde krachte das Teil gegen Jörgs Schläfe.

Als er mit dem Gesicht voran im nassen Sand landete, war sein letzter Gedanke, dass es absolut lächerlich wäre, im flachen Wasser zu ertrinken. Dann wurde alles schwarz – und nass.

Jörgs Kopf pochte, als ob er drei Nächte durchgemacht hätte, aber das hatte er seit Ewigkeiten nicht mehr getan. Vergeblich kämpfte er gegen einen Würgereiz an. Er wollte sich zur Seite drehen, schaffte es aber aus eigener Kraft nicht mehr.

Jemand half ihm. Hustend spuckte er eine widerliche Mischung aus Salzwasser und Galle aus.

»Ganz ruhig atmen. Es wird gleich besser.«

Das war Jan. Trotz der ruhigen Stimme hörte Jörg seinem Freund etwas an, das ihm nicht gefiel. »Was …« Er brach ab und hustete erneut.

»Noch nicht reden. Warte, bis du das Wasser komplett losgeworden bist.«

Jörg wollte protestieren, verzichtete aber darauf, als sich der nächste Hustenanfall ankündigte. Er bemühte sich um eine regelmäßige Atmung und sah sich um. Oder versuchte es. Besonders viel konnte er nicht mehr erkennen, da es bereits dunkel war.

»Wie spät ist es?«

»Gleich sieben. Kannst du dich daran erinnern, was hier los war?«

»So halbwegs.« Jörg schaffte es mit Jans Hilfe in eine sitzende Position. Sofort fiel ihm das Atmen leichter. »Wenn ich diesen Mistkerl erwische, dann bringe ich ihn um«, stieß er hervor.

»Tja, da kommst du zu spät. Das hat schon jemand für dich erledigt. Und ich fürchte …«

In einiger Entfernung blitzten Scheinwerfer oder starke Taschenlampen auf.

»Polizei! Ist bei Ihnen alles in Ordnung?«

»Verdammt. Genau das wollte ich nicht«, zischte Jan Jörg zu und rief dann: »Hier drüben! Und in Ordnung ist leider nichts. Ein Mann ist tot, ein Kollege von Ihnen schwer verletzt.«

Der Junge war tot? Dann war Jörg nicht von seinem Komplizen niedergeschlagen worden, sondern … Er begriff überhaupt nichts mehr. Und wieso betonte Jan, dass Jörg Polizist war, und übertrieb schamlos seine Verletzung?

»Überlass das Reden erst einmal mir!«, befahl Jan leise.

Da Jörg nicht einmal ansatzweise wusste, was hier los war, nickte er knapp.

Kapitel 4

Jan hatte Jörg zu einem Felsen bugsiert, auf dem er halbwegs bequem saß. Seine Klamotten waren sandig und nass, dazu kamen Kopfschmerzen, die jede Sekunde zunahmen, was jedoch definitiv nicht an dem Schlag lag. So langsam verstand Jörg Jans Verhalten. Je mehr er begriff, was hier gerade geschah, desto stärker wurde das Pochen in seinem Schädel.

Mittlerweile war er so wütend, dass er seine gesamte Beherrschung brauchte, um Jan das Reden zu überlassen. Wenn er nicht völlig danebenlag, dann verschwieg Jan den Polizisten ein paar Dinge. Anscheinend glaubte sein Freund, dass die gesamte Situation geschickt konstruiert worden war, um Jörg als Mörder des Jungen zu präsentieren. Diese Interpretation fand Jörg zwar übertrieben, spielte aber erst einmal mit.

Bisher schien sich keiner der Kollegen die Frage zu stellen, ob es sich bei Jörg wirklich um das Opfer oder doch eher den Täter handelte, der sich selbst eine Verletzung zugefügt hatte.

In der Ferne waren bereits Martinshörner zu hören. Bei einem Tötungsdelikt würden die Kollegen alles auffahren, was sie zu bieten hatten, und das war einiges. Die Spurensicherung würde den Strand durchkämen, aber dabei wohl kaum etwas finden, das bestätigte, dass sich eine weitere Person am Strand befunden hatte. Der Wind und die Wellen hatten vermutlich alle eventuellen Beweise bereits vernichtet. Die Geschichte vom ›großen Unbekannten‹ war der Klassiker unter den Ausreden. Mal ganz abgesehen davon, dass es eigentlich nicht einfach war, sich unbemerkt an einen Polizisten heranzuschleichen – und schon gar nicht an jemanden, der wie Jörg Mitglied einer Sondereinheit war. So ein verdammter Mist! Wieso hatte er sich nur wie ein Anfänger übertölpeln lassen? Vielleicht war Jans Befürchtung doch nicht so abwegig, wie Jörg gedacht hatte.

Ein uniformierter Kollege kam auf ihn zu. »Dieser Tatort hat zu einem wunderbaren Streit über die Zuständigkeiten geführt. Kripo Flensburg und Kiel diskutieren noch. Ich tippe jedoch auf die Kieler Kollegen, weil wir mittlerweile die Bestätigung haben, dass Sie dort tätig sind.«

Dass der Streifenpolizist ihn nicht duzte, wie es unter gleichaltrigen Kollegen eigentlich üblich war, interpretierte Jörg als erstes Warnsignal.

»Brauchen Sie uns noch vor Ort?«, erkundigte sich Jan. »Jörg kann seine Aussagen doch auch morgen machen. Da er sich weigert, ins Krankenhaus zu fahren, würde ich mich wohler fühlen, wenn ich ihn in meiner Praxis durchchecken könnte. Außerdem braucht er dringend trockene Kleidung.«

Jörg bemerkte sofort, dass Jan mit der Frage einen wunden Punkt getroffen hatte. Unschlüssig rieb der Polizist sich übers Kinn. »Mir wäre es schon lieber, Sie beide würden auf diejenigen warten, die die Ermittlungen leiten werden. Sie sind schließlich unser Hauptzeuge, Dr. Storm.«

Jemand, den Jörg nicht erkennen konnte, kam durch den Sand auf sie zu gestapft.

»Nun lass mal gut sein, Kollege. Ich kenne die beiden und lege meine Hand für sie ins Feuer. Jan kann morgen zu Protokoll geben, was er gesehen hat. Wenn der Täter noch hier in der Nähe wäre, hätte unser Landarzt ihn sich schon geschnappt.«

Robert Kahnau, ein Polizist aus Kappeln, den Jan und Jörg ganz gut kannten, war eingetroffen. Erleichtert atmete Jörg auf.

Der uniformierte Kollege nickte zustimmend. »Wenn das so ist, geht das in Ordnung.« Ihm war anzumerken, dass er heilfroh war, die Verantwortung abzugeben.

Auf dem Weg zum Parkplatz spürte Jörg, dass er noch nicht wieder fit war, trotzdem versperrte er Jan den Weg zu seinem Wagen und deutete auf das Motorrad seines Freundes. »Fahr mit deiner Kiste. Ich komme schon klar.«

»Vergiss es! Ich meinte es ernst, dass ich dich durchchecken möchte und du dich ausruhen musst. Du könntest eine Gehirnerschütterung haben, damit ist nicht zu spaßen.«

»Du willst die doch nicht ernsthaft hier stehen lassen?«

Normalerweise achtete Jan mit Argusaugen darauf, dass seine geliebte Ninja keinen Kratzer abbekam. Nun zuckte er achtlos mit der Schulter. »Die ist so bekannt, die wird schon keiner klauen. Schlüssel her. Du fährst ganz bestimmt nicht selbst.«

Als Jan den Wagen startete, bemerkte Jörg jedoch den misstrauischen Seitenblick, mit dem sein Freund das Motorrad betrachtete.

Eine Zeitlang schwiegen sie. Da die Kopfschmerzen schlagartig wieder zunahmen, suchte Jörg nach einer Ablenkung. »Wo kam denn Robert plötzlich her? Hast du ihn angerufen? Ich hätte seine Handynummer gar nicht gehabt.«

»Die hatte ich auch nicht. Ich habe Sven ein SOS geschickt. Muss ich dir erklären, dass da jemand ein sehr geschicktes Szenario eingefädelt hat?«

Jörg stutzte bei der Formulierung, aber da Jan nur besorgt und nicht belehrend klang, nahm er ihm die Wortwahl nicht übel. »Nein, darauf bin ich schon selbst gekommen. Also darauf, dass du das glaubst.« Jörg schwieg kurz. »Meinst du nicht, dass das ein wenig weit hergeholt ist?« Ratlos sah er Jan an. Da sie in diesem Moment Brodersby erreichten und an einer Straßenlaterne vorbeifuhren, konnte er die versteinerte Miene seines Freundes erkennen.

»Leider nicht. Ich erkläre dir die Details später.«

Wenn Jan diesen Tonfall anschlug, war jede Diskussion zwecklos. Siedend heiß fiel Jörg ein, dass er besser Andrea Bescheid sagte, dass er später nach Hause komme. Er hatte sich eindeutig noch nicht daran gewöhnt, nicht mehr alleine zu leben. Rasch schickte er ihr eine WhatsApp, drückte sich bewusst vage aus, betonte jedoch, dass sie sich keine Sorgen machen sollte.

Als Jan vor seiner Praxis hielt, lächelte er flüchtig. »Du kannst deinem Boss auch gleich Bescheid sagen. Dein Dienst fällt morgen aus.« Jörg wollte protestieren, aber sein Freund hob eine Hand. »Möchtest du lieber ins Krankenhaus? Das kannst du haben. Ich kann es dir auch buchstabieren: Mit einer Gehirnerschütterung ist nicht zu spaßen! Im Zweifel bleibst du die ganze Woche zu Hause! Und wenn du nicht brav bist, sind Handy und Fernsehen gestrichen!«

»Du bist doch echt …«, begann Jörg, während er ausstieg, musste sich dann aber am Fahrzeugdach festhalten, weil ihm schwindelig wurde.

Sofort war Jan bei ihm. »Sprich ruhig weiter. Wolltest du ›besorgter Freund‹ oder ›kompetenter Arzt‹ sagen?«

Wenig später befand Jörg sich in Jans Behandlungszimmer und ließ die fälligen Untersuchungen über sich ergehen.

Jan knurrte etwas Unverständliches und schüttelte schließlich den Kopf. »Ich würde dich eigentlich lieber zum Röntgen in die Klinik schicken. Aber ich mache dir einen Kompromissvorschlag: Du pennst heute Nacht hier und ich habe ein Auge auf dich. Beim geringsten Anzeichen, dass dein Dickschädel mehr abbekommen hat, als ich hier feststellen kann, fahre ich dich nach Eckernförde.«

»Dann willst du auch hier schlafen?« Jörg verzog den Mund, als ihm bewusst wurde, wie überflüssig die Frage war. »Sorry, ist schon spät.«

»Hast du Hunger?«

»Nee. Aber hast du noch einen ordentlichen Whisky hier?«

»Natürlich. Aber erst duschst du und ziehst dir was Trockenes an. Dann sehen wir weiter.«

»Verrätst du mir dann auch endlich, warum du den Verdacht hast, dass mich jemand reinlegen wollte?«

»Ich denke drüber nach.«

Jörg gab es ungern zu, aber nach einer langen Dusche und in den von Jan geliehenen Joggingklamotten fühlte er sich deutlich besser. Als er aus dem Badezimmer in Jans Schlafzimmer ging, stutzte er. Sein Freund nickte ihm nur gedankenverloren zu. Kein Wunder, er sah abwechselnd auf ein Notebook, ein Handy und telefonierte dabei auch noch.

Da Jan sich bei dem Gespräch im Wesentlichen auf Flüche – überwiegend in Englisch – und diverse Brummlaute beschränkte, konnte Jörg keinen wirklichen Sinn erkennen. Allerdings wunderte er sich, was es mit dem Smartphone auf sich hatte. Keiner von ihnen nutzte die Geräte mit dem angebissenen Apfel.

Endlich wirkte Jan zufrieden. »Wurde aber auch Zeit«, sagte er auf Deutsch und grinste. »Du mich auch. Danke, Jake.«

Wenigstens wusste Jörg nun, mit wem Jan gesprochen hatte. Der in Deutschland stationierte amerikanische Soldat war ein Freund von ihnen und ein begnadeter Hacker.

»Was ist das für ein Telefon?«

»Verrate ich dir gleich. Erst eine andere Frage: Wie hoch schätzt du die Wahrscheinlichkeit ein, dass ein Jugendlicher sein Handy nicht schützt?«

»Gleich null. Mindestens eines dieser Muster, die man aufs Display zeichnen muss, nutzt doch eigentlich jeder. Warum?«

»Wenn du das Handy gegen das Licht hältst, siehst du ein umgekehrtes U. Ich vermute, mit dem Muster hat Carsten sein Handy gesperrt. Aber als ich es gefunden habe, ging bei der ersten Berührung das Display an und es wurde mir ein Video gezeigt, also eigentlich ein Standbild. Und zwar von Ida.«

»Ach du Scheiße.« Jörg fuhr sich durch die feuchten Haare und versuchte, seine Gedanken zu sortieren.

Seine Lebensgefährtin Andrea war nicht nur Idas Mutter, sondern auch die Witwe von Jans Freund, der in Afghanistan gestorben war. Als Idas Patenonkel kümmerte sich Jan wie ein leiblicher Verwandter um das Mädchen, aber dennoch wunderte Jörg sich darüber, dass Jan das Handy einfach so eingesteckt hatte, statt es der Polizei zu überlassen.

»Ich verstehe ja, dass du Ida da raushalten willst, aber du kannst deswegen doch keine Beweismittel unterschlagen.«

Der Blick, mit dem Jan ihn durchbohrte, hatte es in sich. Sein Freund stand auf und schenkte in zwei Gläser, die neben einer Whiskyflasche auf dem Nachttisch standen, jeweils einen Fingerbreit der goldfarbenen Flüssigkeit ein.

Jan reichte ihm eines der Gläser. »Ich habe das nicht für Ida, sondern für dich getan.«

»Du meinst … weil sie mich wegen des Videos für den Täter halten könnten?«

»Ganz genau. Das wäre das Motiv. Außerdem kam mir das Handy merkwürdig vor. Es gab kaum WhatsApp-Nachrichten, kein E-Mail-Programm, nur wenige Fotos. Auf mich wirkte es, als ob jemand in aller Eile vieles gelöscht hätte. Deshalb habe ich Jake gebeten nachzusehen, ob er Dinge wiederherstellen kann.«

Blinzelnd starrte Jörg auf das Notebook. »Und das geht per Remote-Zugriff?«

»Ja, aber die technischen Details kann ich dir nicht erklären. Nachdem ich ein Programm von Jake auf dem Notebook installiert habe, kann der Speicher des Handys wie eine Festplatte ausgelesen werden – auch via Internet. Und das macht Jake gerade.« Jan verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. »Das erspart ihm wohl einen ziemlich langweiligen Film, den seine Frau mit ihm sehen wollte. Besonders traurig ist er über den Überfall also nicht.«

»Ich verstehe nur immer noch nicht …«

Jan unterbrach ihn einfach. »Trink erst einmal einen Schluck.«

Sie prosteten sich zu und Jörg genoss die rauchige Würze des Single Malts, die durch das richtige Maß an Süße gemildert wurde. »Was ist das für einer?«

»Talisker Skye. Ein Geschenk von Dirk.«

»Der gefällt mir.«

»Mir auch. Und er ist sogar noch bezahlbar. Aber zurück zu dem Überfall am Strand. Ich habe vorhin deine Kopfwunde fotografiert, falls wir einen Beweis dafür brauchen, dass du mit einem Gegenstand niedergeschlagen wurdest.«

»Wieso sollten wir den brauchen? Da muss doch irgendwo …« Dieses Mal kam er selbst auf die naheliegende Idee. »Lass mich raten: Das Stück Holz ist verschwunden?«

»Exakt. Ich habe nur das Handy gefunden, eingesteckt und mir später kurz angesehen. Mehr lag da nicht. Kein Stein oder Holzstück, das geeignet gewesen wäre, dich auszuschalten. Für mich sah es aus, als ob du dort ertrinken solltest. Und für den Fall, dass das nicht geklappt hätte, wärst du eben der Mörder gewesen. Nebenbei: Die Polizei ist aufgrund eines anonymen Anrufs am Strand aufgetaucht. Jemand hat was von einem Streit zwischen zwei Männern erzählt, der eskaliert sei.«

Zum ersten Mal begriff Jörg, dass er tatsächlich in der Klemme steckte. Vorher war es nicht viel mehr als ein vager Gedanke gewesen. Willkommen in der Realität. Er leerte das Glas in einem Zug und hielt es Jan auffordernd hin.

Empört schnappte er nach Luft, als sein Freund lediglich sich selbst nachschenkte.

»Falls du noch ein Schmerzmittel brauchen solltest, wäre das nicht sinnvoll«, erklärte Jan.

»Ich will kein Aspirin oder so ein Zeug, sondern einen Whisky!«, knurrte Jörg.

Zögernd goss Jan ihm etwas von dem Getränk ins Glas. »Wie gut, dass nur dein Freund und nicht dein Arzt hier ist. Wie beurteilst du als Polizist denn die Ausgangslage?«

»Ziemlich bescheiden. Der große Unbekannte ist mit Abstand die beliebteste Ausrede. Und ich habe ein Motiv. Mir fällt nur kein Grund ein, warum ich nicht einfach nach dem Mord abgehauen bin, statt mich selbst auszuknocken und ins Wasser zu legen.«

»Weil du davon ausgegangen bist, dass andere von deiner Verabredung mit Carsten wussten?«, schlug Jan vor.

Abschätzend betrachtete Jörg sein Glas. Sein Freund war zumindest heute Abend eindeutig schneller als er. »Stimmt. Könntest du eventuell bezeugen, dass mir das erst jetzt eingefallen ist?«

Jan lachte leise. »Na klar, mache ich. Dass du deinen Humor noch nicht verloren hast, beruhigt mich. Und eins ist dir ja wohl klar: Wir klären den Mist!«

Als Jan aufwachte, wusste er zunächst nicht, was ihn geweckt hatte. Besorgt lauschte er, aber Jörg atmete gleichmäßig und schien im Gegensatz zu ihm noch tief und fest zu schlafen.

Ein Blick auf sein Handy verriet ihm dann den Grund. Normalerweise hatte er die Chat-Benachrichtigungen stumm geschaltet, nur für Lena war eine Ausnahmeregel eingestellt. Und sie schrieb ihm morgens um kurz nach fünf Uhr? Rasch überflog er den Text.

Muss unerwartet nach Hamburg. Sehen uns heute Abend, wenn du es nicht wieder vorziehst, woanders zu pennen. Hol Tarzan ab, ehe du die Praxis aufmachst!

Schlagartig war er hellwach. Was war denn mit Lena los? Am Vorabend hatte sie noch Verständnis dafür gehabt, dass er Jörg nicht allein lassen wollte. Ohne weitere Erklärung war sie von selbst darauf gekommen, dass es Jan nicht nur um eine mögliche ernstere Gehirnerschütterung, sondern auch um den Schock gegangen war, den sein Freund erlitten hatte. Niemand steckte es einfach so weg, gerade noch überlebt zu haben.

Ihm fiel kein Grund dafür ein, dass Lena so plötzlich nach Hamburg fuhr – und dann noch so früh. Erwähnt hatte sie davon nichts. Und dass kein einziger Smiley ihre Nachricht auflockerte, wunderte ihn zusätzlich. Auch wenn es albern war, hatte er sich offenbar daran gewöhnt, dass ihre Nachrichten ein Herz oder ein ähnliches Symbol enthielten.

Da er nun sowieso nicht mehr schlafen konnte, würde er die frühen Morgenstunden nutzen, um sein Motorrad zu holen. Im lockeren Lauftempo wäre er eine halbe Stunde unterwegs und würde dann eben ausnahmsweise ohne Helm die kurze Strecke zu seinem Haus fahren. Er zog sich lediglich ein altes Sweatshirt und eine Jogginghose an, in der er Schlüssel und Handy gerade so unterbrachte, und lief los.

Jan hatte erst wenige Meter zurückgelegt, als hinter ihm ein Geräusch, das gut von einer alten Dampflok hätte stammen können, immer lauter wurde.

Er drehte sich um. Ein alter Traktor, dessen grüne Farbe vor lauter Rost kaum noch zu erkennen war, kam näher getuckert. Am Steuer saß Hinnark, ein Landwirt aus der Nachbarschaft.

»Moin, Jan, so früh schon unterwegs?«

»Tja. Mein Motorrad steht noch auf dem Parkplatz beim Steilufer. Ich hole es lieber, ehe einer der Touristen darüber stolpert und auf dumme Gedanken kommt.«

»Dann hüpf rauf. Ich fahre in die Richtung und mach einen lütten Schlenker für dich.«

Wenn er das Angebot annahm, traf er vielleicht sogar noch Lena zu Hause an. Jan kletterte auf den Sitz über dem gewaltigen Kotflügel. »Danke, Hinnark.«

»Na, dafür doch nicht. War ja ganz schön was los gestern.«

»Das hat sich schon rumgesprochen?«

»Na, was denkst du denn!« Hinnark war etwas älter als Jan und musste ordentlich darum kämpfen, dass seinem eher kleinen Hof nicht von den großen Betrieben das Wasser abgegraben wurde. Obwohl sie nicht viel miteinander zu tun hatten, wusste Jan von Lena, dass Hinnark sich um eine artgerechte Tierhaltung bemühte und auf seinen Flächen so wenig Chemie wie möglich einsetzte. Normalerweise war Hinnark ein recht umgänglicher Typ, heute schien ihn etwas zu belasten.

»Alles klar bei dir?«, brüllte Jan ihm über den Lärm des Motors zu.

»Bei mir schon. Du bist doch ganz gut mit Jörg befreundet, oder?«

»Jo.«

»Dann solltest du vielleicht wissen, dass sich seit gestern Abend einige fragen, ob er nicht doch wieder rückfällig geworden ist. Es ist kein Geheimnis, dass er in seiner Jugend ziemlichen Mist angestellt hat.«

Da hatte der Dorfklatsch ja mal wieder ganze Arbeit geleistet. Obwohl Jan nun schon etliche Monate hier lebte, überraschte ihn dennoch, wie schnell sich die Ereignisse an der Ostsee verbreitet hatten. »Ich war auch da und kann dir versichern, dass Jörg nichts mit dem Tod des Jungen zu tun hatte.«

»Du bist doch erst gekommen, als alles vorbei war.«

»Nicht ganz. Eigentlich war wohl vorgesehen, dass es Jörg auch erwischt. Sag mal, woher stammen diese ganzen Details? Außerdem finde ich es ziemlich unfair, Jörg nach all der Zeit seine Jugendsünden vorzuhalten.« Besonders, da sein Freund sich noch immer genug Vorwürfe deswegen machte. Aber das erwähnte Jan nicht.

»Musst du mir nicht sagen. Ich sehe das auch so. Aus ihm ist ein ordentlicher Polizist geworden. Wenn du mich fragst, dann schießt da jemand ganz gewaltig gegen den Jungen.«

Als ›Jungen‹ hätte Jan seinen Freund zwar nicht bezeichnet, aber ansonsten gab er Hinnark recht. Wenn jemand tatsächlich gezielt Gerüchte streute, würde Jörgs Problem noch größer, als es eh schon war.

Kapitel 5

Hinnark ließ es sich nicht nehmen, Jan bis zu seiner Ninja zu fahren. Er hielt so dicht neben dem Motorrad, dass Jan den Atem anhielt.

Nachdem der Trecker davongetuckert war, genoss Jan kurz die Stille. Dann betrachtete er den verdreckten russischen Geländewagen, der ebenfalls auf der Sandfläche parkte. Den Lada Niva kannte er und damit hatten sich seine Pläne wieder geändert. Vermutlich war Lena sowieso schon aufgebrochen und Tarzan konnte ruhig eine Zeitlang allein bleiben.

Der Wagen gehörte Heiner Zeiske, einem pensionierten Polizisten und passionierten Jäger. Als sie sich kennengelernt hatten, verband sie eine tiefe gegenseitige Abneigung, aber das hatte sich mittlerweile geändert. Den Lada nutzte Heiner für seine Fahrten ins Revier, aber Jan war sich sicher, dass kein Tier der Grund für seine Anwesenheit hier war.

Jan folgte dem Sandweg zur Ostsee. Wie erwartet fand er dort Heiner, der nachdenklich aufs Wasser hinausstarrte. Um ihn nicht zu erschrecken, stieß Jan einen leisen Pfiff aus.

Heiner drehte sich um und eilte lächelnd auf ihn zu. »Gut, dass du hier bist, das erspart mir einen Besuch in deiner Praxis. Da sind wir ja in einen schönen Scheiß hineingeraten!«

Dass Heiner sofort von ›wir‹ sprach, hätte Jan unter anderen Umständen amüsiert. Es hatte sich in ihrer Beziehung wirklich einiges geändert.

»Das kannst du wohl laut sagen! Was machst du so früh hier?«

Heiner verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. »Meine Frau nennt das senile Bettflucht. Ich bin meistens spätestens um halb fünf wach und heute dachte ich mir, dass ich die Zeit sinnvoll nutzen könnte.«

»Wenn du Schlafprobleme hast, dann …«