Schatten über dem Odenwald - Susanne Roßbach - E-Book

Schatten über dem Odenwald E-Book

Susanne Roßbach

4,5
3,99 €

oder
  • Herausgeber: Midnight
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2018
Beschreibung

Alexandra König ermittelt wieder

Endlich Urlaub! Nachdem Alex zu Kommissar Tom Brugger nach Beerfelden gezogen ist, kämpfen die beiden mit den Tücken des Zusammenlebens. Zusätzlich muss Tom einen neuen Fall übernehmen. Ein Auto ist auf Burg Breuberg den Hang hinuntergestürzt und es gibt eine Leiche. Es stellt sich jedoch heraus, dass die Kopfverletzung des Toten nicht durch den vermeintlichen Unfall entstanden ist. Alex‘ Neugier ist geweckt und sie beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Unterstützt wird sie dabei von ihren Freunden Hedi und Herbert, die für ein paar Wochen zu Besuch gekommen sind. Tom ist davon alles andere als begeistert. Vor allem, als Alex in die Schusslinie des Mörders gerät …

Von Susanne Roßbach sind in der Alexandra-König-Reihe bei Midnight erschienen:
Der Tote vom Odenwald (Fall 1)
Schatten über dem Odenwald (Fall 2)

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Die Autorin

Susanne Roßbach, geboren 1966, ist Diplom-Betriebswirtin und Diplom-Psychologin und arbeitet als Senior Business Analystin in einer Großbank. Eine ihrer großen Leidenschaften ist das Schreiben von Romanen. Sie bereiste halb Europa, Nordafrika, war mehrmals in den USA und in Japan. Heute lebt sie mit Partner und Tochter im Süden Frankfurts und widmet sich in ihrer Freizeit ihrem Pferd und ihren Büchern.

Das Buch

Alexandra König ermittelt wiederEndlich Urlaub! Nachdem Alex zu Kommissar Tom Brugger nach Beerfelden gezogen ist, kämpfen die beiden mit den Tücken des Zusammenlebens. Zusätzlich muss Tom einen neuen Fall übernehmen. Ein Auto ist auf Burg Breuberg den Hang hinuntergestürzt und es gibt eine Leiche. Es stellt sich jedoch heraus, dass die Kopfverletzung des Toten nicht durch den vermeintlichen Unfall entstanden ist. Alex‘ Neugier ist geweckt und sie beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Unterstützt wird sie dabei von ihren Freunden Hedi und Herbert, die für ein paar Wochen zu Besuch gekommen sind. Tom ist davon alles andere als begeistert. Vor allem, als Alex in die Schusslinie des Mörders gerät …Von Susanne Roßbach sind in der Alexandra-König-Reihe bei Midnight erschienen:Der Tote vom Odenwald (Fall 1)Schatten über dem Odenwald (Fall 2)

Susanne Roßbach

Schatten über dem Odenwald

Midnight by Ullsteinmidnight.ullstein.de

Originalausgabe bei MidnightMidnight ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinAugust 2018 (1)

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2018Umschlaggestaltung:zero-media.net, MünchenTitelabbildung: © FinePic®Autorenfoto: © privatE-Book powered by pepyrus.com

ISBN 978-3-95819-159-4

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Inhalt

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

DANKE

Leseprobe: Der Tote vom Odenwald

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Cover

Titelseite

Inhalt

KAPITEL 1

KAPITEL 1

Ich hielt das Corpus Delicti mit spitzen Fingern in die Höhe. Der Gestank war kaum auszuhalten. Eine tote Ratte konnte nicht übler riechen. Optisch lag es irgendwo zwischen getrocknetem Hundedurchfall und ausgewürgtem Katzenmageninhalt. Das Schlimme daran war, dass es einmal zu einem Menschen gehört hatte, noch dazu zu dem Menschen, den ich über alles liebte.

»Tom?«

Keine Reaktion.

»Tohom!«

Aus dem Wohnzimmer kam ein leises »Hm?«.

»Es wäre schön, wenn du deine Socken nicht immer so zusammengeknäult in die Wäsche schmeißen würdest. Es ist kein Vergnügen, sie in ihre ursprüngliche Form bringen zu müssen, bevor man sie waschen kann.«

»Mhm.«

Ich ließ die stinkende Socke in den Wäschekorb fallen und schaute durch die offene Badezimmertür ins Wohnzimmer. Tom saß in der praktisch gleichen Haltung wie schon den gesamten Abend am Couchtisch, über seine Arbeitsunterlagen gebeugt. Er sah bekümmert aus, wie bereits seit ein paar Tagen. Unter seinen Augen waren leichte dunkle Ringe zu erkennen, und auf seiner Stirn hatten sich Sorgenfalten breitgemacht. Ich stand auf und ging zu ihm hinüber.

»Hast du mir überhaupt zugehört?« Ich setzte mich neben ihn.

Tom schob die Fotos rasch zusammen und versuchte dabei, es so aussehen zu lassen, als ob er es nicht wegen mir täte. Ich wusste, dass in seinem aktuellen Fall ein wohlhabender Erbacher Unternehmer seine Frau erwürgt hatte, jedoch hatte der Mann die Tat gestanden, und bisher schien Tom sich deswegen keine Sorgen um die Aufklärung gemacht zu haben. Heute Abend allerdings wirkte er sehr bedrückt.

Tom schob die Fotos in die Aktenmappe. »Die Botschaft ist angekommen … Ich habe mal gelesen, dass Männer nur deswegen das Zusammenleben mit einer Frau ertragen, weil sie dafür ständig verfügbaren Sex bekommen.« Er sah mich spöttisch von der Seite an.

»Was glaubst du denn, weshalb ich mit dir zusammengezogen bin?«, gab ich zurück und legte meinen Arm um ihn.

Tom rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht, dann lehnte er sich zurück und legte den Arm um meine Schultern. »War nur Spaß.« Er versuchte sich an einem aufmunternden Lächeln, aber es gelang ihm nicht so richtig.

»Was schaust du dir denn da an?«, fragte ich. Ich wollte mich langsam vortasten und zeigte betont lässig auf die Aktenmappe.

Tom tat ebenfalls entspannt. »Fotos von einer nackten Frau.« Er grinste. »Nichts für dich.«

»Aha.« Ich wartete.

Tom atmete tief aus und schaute auf den Tisch. »Du musst dich nicht mit meinen Problemen belasten.« Er sah zu mir rüber und lächelte kurz. »Morgen hab ich ein Gespräch mit Rainer Linke deswegen.« Tom tätschelte meine Hand. »Er wird mich vermutlich einmal kräftig abbürsten, und damit ist mein Problem quasi erledigt.«

»Mit deinem Chef, dem Polizeidirektor? Das ist doch dieser gut aussehende Dunkelhaarige mit den vielen Abzeichen auf den Schulterklappen, oder? Ziemlich niedlich. Den hab ich schon ein paar Mal gesehen, wenn ich dich von der Arbeit abgeholt habe. Der macht doch einen ganz netten Eindruck.«

»Rainer ist in Ordnung, aber es gibt Vorkommnisse, bei denen für jeden der Spaß aufhört.« Tom starrte auf die Aktenmappe. Dann sah er mich an. »Wieso findest du Rainer niedlich, der ist doch fast so groß wie ich?«

»Wieso sollten große Männer nicht niedlich sein können?«

»Na ja, wenn du zum Beispiel Günter niedlich finden würdest, das wäre für mich eher nachvollziehbar.«

»Ich fürchte, du bist eben doch nicht der große Frauenversteher, für den du dich hältst.«

Tom antwortete nicht, sondern strich mit seinen Fingern zärtlich über meinen Hals. Dann griff er mir leicht ans Kinn und sah mich dabei eindringlich an. »Und jetzt gehe ich erst pinkeln, und danach fummle ich die verknäulten Socken wieder auseinander. Vielleicht kann ich dadurch meinen Niedlichkeitsfaktor in deinen Augen steigern.« Er warf noch einmal einen kurzen Blick auf die Aktenmappe und verschwand ins Bad.

»Mit dem Pinkeln oder mit den Socken?«, rief ich ihm hinterher und kicherte.

Vor mir lag die Aktenmappe. Tom und ich kannten uns mittlerweile ziemlich gut, und ich war nicht blöd. Ich legte meinen rechten Arm über den Sofarücken und setzte ein entspanntes Gesicht auf. In der Tat wurde die Badtür plötzlich wieder aufgerissen, und Tom steckte seinen Kopf hindurch. Nur für den Bruchteil einer Sekunde streifte er mit den Augen die Aktenmappe, dann sah er auf mich. »Ich mache dann auch gleich die Waschmaschine fertig.«

»Alles klar.« Ich lächelte ihn an. So schlau wie du bin ich schon lange, mein Lieber!

Er schloss tatsächlich die Badtür ab, und ich stürzte mich sofort auf die Aktenmappe. Ob Tom wirklich irgendwelche anzüglichen Fotos besaß, die er in seinen Arbeitsunterlagen versteckt hatte? So hatte ich ihn bisher nicht eingeschätzt, aber man konnte nie wissen! Gespannt zog ich den Inhalt der Mappe heraus.

Ich starrte auf eine Frau, die mich ihrerseits mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. Sofort überfiel mich Reue für meine dummen Unterstellungen. Die Frau war zwar wahrhaftig nackt, aber das war es nicht, was meinen Blick anzog. Vielmehr ihre blutunterlaufenen, schrecklich weit aufgerissenen Augen. Die Würgemale an ihrem Hals waren nicht zu übersehen. Schockiert schaute ich auf die Badezimmertür. Zugegebenermaßen konnte ich jetzt verstehen, warum Tom dieses Foto vor mir hatte verbergen wollen. Aber da musste ich jetzt durch. Für Tom handelte es sich hier um die soundsovielte Leiche seiner Karriere; das konnte unmöglich der Grund für seine gedrückte Stimmung sein. Es musste noch etwas anderes an diesem Fall geben, was Tom Probleme bereitete.

Ich zwang mich, auch die übrigen Fotos anzusehen. Im Wesentlichen war die Tote von allen Seiten abgelichtet worden. Außerdem hatte jemand das gesamte Schlafzimmer fotografiert. Es schien keinen großen Kampf gegeben zu haben. Sie war wohl rasch auf dem Boden zum Liegen gekommen und hatte offensichtlich nicht die Spur einer Chance gegen ihren Mörder gehabt.

Die Mappe enthielt des Weiteren Fotos von Schmuckstücken. Sie hatten ein anderes Format als die Tatortfotos und wirkten laienhafter. Vermutlich waren diese Fotos von den Schmuckbesitzern irgendwann für die Versicherung angefertigt worden. Eine goldene Kordelkette mit einer riesigen Goldmünze als Anhänger. Trug man so was heutzutage überhaupt noch? Ein Ring mit zwei einander zugewandten Drachen. Ihre Augen bestanden aus kleinen Smaragdsplittern. Ganz hübsch.

Im Bad ging die Klospülung. Schnell das nächste Foto. Ein Platinarmband mit dicken Kettengliedern. Mehrere klassische Diamantringe. Wieso befanden sich diese Fotos in der Aktenmappe zu einem Mordfall? Ich hätte sie eher bei einem Einbruchsfall vermutet.

Der Klodeckel wurde energisch heruntergeklappt. Hastig betrachtete ich noch einmal die Tatortfotos. War der Schmuck hier zu sehen? Auf dem Nachttisch stand eine geöffnete Schmuckschatulle, aber sie war leer. Tom hatte bestimmt mittlerweile wieder die Hose an. Zwei Fotos weiter war die Schatulle erneut im Bild – aber Moment mal, jetzt war deutlich zu erkennen, dass sich Schmuck darin befand! Wie konnte das sein?

Ich stopfte die Fotos rasch zurück in die Mappe, ging in die Küche und schaute in den Kühlschrank. Dann nahm ich mir einen Joghurt und setzte mich an den Küchentisch.

Blöd. Ich war zu vorsichtig. Tom hielt sich immer noch im Bad auf, und ich hätte mir die Unterlagen genauer ansehen können. Meine Gedanken wanderten zurück zu den Schmuckstücken. Was hatte es damit auf sich? Warum nur waren sie erst während der Tatortuntersuchung ins Schlafzimmer gekommen? Ich löffelte meinen Joghurt.

Die Badezimmertür wurde geöffnet, und ich hörte, wie sich Toms Schritte der Küche näherten.

Na klar! Die Fotos hatten nicht in chronologischer Reihenfolge in der Mappe gelegen, denn Tom hatte sie vorhin einfach schnell zusammengerafft, um sie vor mir zu verbergen. Die Reihenfolge musste vielmehr sein: Erst war der Schmuck noch vorhanden, dann war er weg. Irgendjemand musste ihn während der Tatortuntersuchung gestohlen haben.

Ich schaute Tom an, der gerade die Küche betrat, und versuchte mich an einem unschuldigen Lächeln.

Tom stellte sich mir gegenüber an den Küchentisch, beugte sich weit vor und stützte seine Hände auf die Platte, sodass sein Gesicht ganz nah an meinem war. Ich zwang mich, nicht zurückzuweichen. Er sah mir fest in die Augen. »Gibt es irgendetwas, was du mir sagen möchtest?«

»Nein, wieso?« Ich setzte einen Hundeblick auf.

»Die Arbeitsmappe hat offensichtlich während meiner Abwesenheit Zuckungen bekommen und ihre Lage auf dem Couchtisch minimal verändert.«

Mist. »Wie kommst du denn darauf?«

»Du hast gestern reichlich Kekskrümel auf dem Couchtisch hinterlassen, und ich habe mir ihre Lage im Verhältnis zur Mappe gemerkt.«

»Ganz schön clever.«

Tom richtete sich langsam auf, ohne mich aus seinem hypnotisierenden Blick zu lassen. Er setzte sich, verschränkte die Arme vor der Brust und sah mich abwartend an.

Ich begann mich innerlich zu winden, aber ich wich seinem Blick nicht aus. Ich würde mich nicht entschuldigen! Schließlich hatte ich ein Recht darauf, zu erfahren, was meinen Freund belastete!

»Na los, frag schon«, sagte Tom langsam, ohne mich aus den Augen zu lassen.

Ich triumphierte innerlich. »Vor ein paar Tagen hast du noch gesagt, dein aktueller Mordfall, bei dem ein Erbacher Unternehmer seine Ehefrau erwürgt hat, wäre schon gelöst, weil der Täter selber die Polizei gerufen und die Tat gestanden hätte. Aber ich glaube, es geht nicht um die Leiche, sondern um den Schmuck.«

Tom nickte unmerklich.

»Erst lag er in der Schmuckschatulle, dann war er verschwunden. Es muss irgendwann passiert sein, während ihr euch vor Ort aufgehalten und die Fotos gemacht habt.«

Tom nickte.

»Hat der Mörder es geschafft, in eurer Anwesenheit Wertgegenstände beiseitezuschaffen? Oder befanden sich im Schlafzimmer noch andere Personen, die die Gelegenheit genutzt haben könnten, mal kräftig abzuräumen?«

Tom beugte sich vor und legte die Ellbogen auf der Tischplatte ab. »Nein, meine Leute waren die Einzigen, die in diesem Zeitraum den Tatort betreten durften.« Er rieb sich das Gesicht mit beiden Händen bis zum Haaransatz. Danach standen seine Haare wild ab. »Ich sitze schon seit Tagen über den Fotos und versuche nachzuvollziehen, wann der Schmuck verschwunden ist und wer sich wann wo aufgehalten hat. Jeder war mal einen Moment alleine im Raum und hätte die Gelegenheit gehabt, den Schmuck an sich zu nehmen. Aber ich würde für alle meine Mitarbeiter die Hand ins Feuer legen.«

»Oje, das tut mir echt leid.« Ich legte meine Hand auf Toms Arm.

»Wir sind alle Polizisten. Wir haben diesen Job ergriffen, um das Gesetz zu verteidigen. Denk mal an Steffi, sie war schon dabei, als ich die Stelle als ihr Vorgesetzter antrat. Sie ist absolut integer.« Tom schüttelte den Kopf. »Günter kenne ich seit zwei Jahren, ich würde ihm mein Leben anvertrauen. Und Rudi war bei der Spurensicherung auch dabei, er ist ein guter Mann. Ich bin mir sicher, dass keiner von ihnen so etwas tun würde.«

»Rudi, damit meinst du den Neuen, diesen Rudolf Gambach?«

»Genau.«

»Das ist echt mies. Ich verstehe, dass es für dich als Chef schlimm ist, wenn deine Mitarbeiter verdächtigt werden. Könnte man nicht …«

»Nun ja«, unterbrach mich Tom und lächelte gequält, »nicht nur meine Mitarbeiter stehen unter Verdacht …«

»Was?« Beinahe wäre ich vor Empörung aufgesprungen. »Du etwa auch? Warum? Das ist doch lächerlich!«

»So lächerlich ist das nicht. Ich habe mich genauso vor Ort aufgehalten wie sie.«

»Das kann doch nicht sein! Ich sehe mir die Fotos noch einmal an.« Ich stand auf und lief ins Wohnzimmer, Tom folgte mir.

»Mach dir nicht die Mühe. Ich habe schon so lange darauf gestarrt, es ist partout kein entlastender Hinweis zu finden.« Wir setzten uns auf die Couch, und Tom zog die Fotos aus der Mappe. »Zu Beginn der Spurensicherung war der Schmuck noch da«, er zeigte auf einige der Fotos, »siehst du, hier … und hier … Und am Ende ist die Schatulle leer.« Er zeigte auf ein anderes Foto.

Ich überlegte. »Aber wenn ihr alle gleich verdächtig seid, wird die Sache doch wohl vermutlich so ausgehen, dass man keinen von euch belangen kann, oder?«

»Das ist anzunehmen, ja, aber was bedeutet das für die weitere Zusammenarbeit? Möchte ich in kritischen Situationen von einem bewaffneten Mitarbeiter gedeckt werden, der hier und da schon mal was mitgehen lässt? Kann ich überhaupt noch auf die Zuverlässigkeit meiner Mitarbeiter zählen, oder ist der Dieb eventuell auch bestechlich? Schreckt er vielleicht auch vor anderen Straftaten nicht zurück?«

»Und es war wirklich sonst niemand in der Nähe?«

»Mach dir keine Mühe, ich bin schon alle Möglichkeiten durchgegangen.« Tom schüttelte den Kopf und lehnte sich zurück.

Ich nahm seine Hand. »Aber könnte man nicht …«

Tom legte seinen Finger sanft auf meinen Mund und strich mir dann über die Wange. »Ich wollte nicht, dass du dir deinen hübschen Kopf darüber zerbrichst. Du hast ab morgen zwei Wochen Urlaub, du machst dir eine schöne Zeit mit Hedi und Herbert, und ich werde es irgendwie mannhaft ertragen, dass ein Haufen Klunker mysteriös verschwunden ist.« Er bemühte sich um ein ungezwungenes Lächeln, hauchte mir einen Kuss auf den Mundwinkel und schob die Fotos zusammen.

»Ja, auf Hedi und Herbert freue ich mich wirklich sehr.« Meine älteren Urlaubsbekanntschaften, die ich vor fast eineinhalb Jahren als Touristin in Beerfelden kennengelernt hatte, waren mir tatsächlich ans Herz gewachsen. Ich zögerte kurz. »Ich bin froh, dass du es mir erzählt hast. Weißt du, ich war mir die letzten Tage nicht sicher, weshalb du so schlecht drauf bist. Ich habe ja noch nie mit einem Mann zusammengelebt, und ich … ich wusste nicht, ob du dich womöglich hinter der Arbeit versteckst, weil du unser Zusammenleben jetzt, nach einem halben Jahr, vielleicht doch bereust …«

»Vergiss den Quatsch. Mit uns ist alles okay.« Er küsste mich.

Ich atmete erleichtert aus. Trotz aller Problemchen, die der gemeinsame Haushalt mit sich brachte: Tom hatte große Chancen, der Mann meines Lebens zu werden, und wenn er irgendwelche Schatten auf unserer Beziehung liegen sehen würde, hätte es mich schwer getroffen.

Aber diese Geschichte mit dem Schmuck ging mir nicht aus dem Kopf. Niemand sollte Tom einen Diebstahl anhängen! Ich musste ihm unbedingt helfen, sich von diesem Verdacht zu befreien. Die nächsten zwei Wochen hatte ich glücklicherweise frei. Auch wenn Hedi und Herbert ab übermorgen hier sein würden: Ich hatte zwar viele Ausflüge geplant, aber es würde sicher auch noch Zeit für andere Aktivitäten bleiben …

Es klingelte. Wieder. Und wieder.

War es schon Zeit, aufzustehen und Hedi und Herbert vom Bahnhof abzuholen? Ich versuchte, wach zu werden.

Tom drehte sich um und beendete das Klingeln. »Brugger?«

Ach so, sein Handy. Mein Gehirn kam langsam in Gang. Ich legte Tom meine Hand auf die Taille.

»Wo genau?« Er klang angespannt.

Ich fuhr mit meinen Lippen zwischen seinen Schulterblättern entlang.

»Ja, bis gleich.«

Oje, er hatte einen Bereitschaftseinsatz. Wie spät war es? Ich schlang ein Bein um ihn.

Tom langte nach hinten und legte seine Hand auf meinen Oberschenkel. »Ich muss los.«

»Was ist passiert?«, murmelte ich.

»Ein Autofahrer ist an der Burg Breuberg den Abhang hinuntergestürzt. Schlaf weiter.«

Ich hob das Bein an und gab Tom frei. Sein Körper glitt unter meiner Hand fort und nahm seine Wärme mit.

Ich entdeckte Hedi auf dem Bahnsteig, wie sie mir mit hoch erhobenem Arm wild zuwinkte. Herbert hob nur einmal souverän die Hand. Ich winkte zurück.

»Alex, Alex!« Hedi war ganz aus dem Häuschen. Ich lief ihnen rasch entgegen und umarmte die beiden.

»Es ist so schön, dich wiederzusehen!« Hedi strahlte. »Über ein Jahr ist es schon her!«

»Ich freue mich auch riesig. Ihr habt ja wieder eure lustigen Trachtenhüte dabei!«

»Das hat Tradition.« Herbert hob seinen Hut kurz an und setzte ihn wieder auf. »Es ist sehr nett von dir, uns vom Bahnhof abzuholen.«

»Das ist doch selbstverständlich. Wie war eure Reise, hat alles reibungslos geklappt?« Ich nahm Hedi ihren Koffer ab.

»Ja, die Bahn war ausnahmsweise mal pünktlich. Sonst kann es uns ja egal sein, aber da du uns diesmal abholst, wollten wir dich auf keinen Fall warten lassen.«

»Das hätte mir überhaupt nichts ausgemacht.« Ich zeigte mit dem Arm zum Ausgang. »Mein Auto steht da drüben.«

»Im ICE war es mir fast ein bisschen zu kalt, da haben sie die Klimaanlage sehr stark aufgedreht. Hoffentlich bekomme ich keine Erkältung. Hier draußen haben wir sicher an die 28 Grad. Wie geht es Tom?«

»Oh, nicht so toll. Er wäre gerne dabei gewesen, um euch abzuholen, doch gestern Abend wurde er noch mal ganz spät zu einem Einsatz gerufen, und da habe ich ihn heute Morgen schlafen lassen. Aber er freut sich schon darauf, euch kennenzulernen, und er kommt heute Abend mit zum Essen.«

»Ich bin schon sehr gespannt auf unser erstes echtes Zusammentreffen.« Hedi zappelte ein bisschen. »Auch wenn er dir beim Videochatten manchmal über die Schulter geguckt und in die Kamera gegrinst hat, so richtig kennen tut man sich ja deshalb noch nicht. Aber aus deinen Mails konnten wir herauslesen, wie verliebt du in ihn bist. Es erinnert mich an meine Anfangsjahre mit Herbert.«

Mir wurde leicht warm. »Ach, echt?«

»Willst du damit sagen, du bist jetzt nicht mehr in mich verliebt?« Herbert zog die Augenbrauen hoch.

»Natürlich bin ich noch in dich verliebt. Aber die ersten Jahre sind doch die aufregendsten.«

»Ist es denn jetzt nicht mehr aufregend mit mir?« Herbert machte große Augen.

»Jetzt dreh mir nicht dauernd die Worte im Munde herum, Herbert! Natürlich ist es nicht mehr so aufregend. Aber das erwarte ich auch gar nicht. Ist das nicht dein Auto?«

»Ja.« Ich öffnete den Kofferraum. »Setzt euch ruhig schon mal rein.«

Die beiden stiegen ein.

Auf der Fahrt nach Beerfelden fragte Herbert nach Toms nächtlichem Einsatz.

»Das war ziemlich blöd, aber es kommt in seinem Job manchmal vor. Die Leute sterben halt nicht immer während der offiziellen Dienstzeit, und wenn er Bereitschaft hat, muss er ran. Da ist wohl gestern einer an der Burg Breuberg mit dem Auto den Hang hinuntergestürzt, irgendwas war verdächtig daran, und deswegen musste Tom den Fall überprüfen. Da ich ihn heute Morgen noch nicht habe sprechen können, weiß ich nichts Genaueres.«

»Wie aufregend!« Hedi machte große Augen.

»Nicht so langweilig wie mit mir«, brummte Herbert.

»Papperlapapp!«, sagte Hedi ungeduldig und wandte sich wieder an mich. »Dann verstehe ich aber auch, dass Tom nicht bester Laune ist, wenn er spät nachts arbeiten muss.«

»Nun ja, das ist nicht der einzige Grund …« Ich zögerte. »Es gibt einen anderen, gewichtigeren Grund, aber bitte sprecht Tom heute Abend nicht darauf an, denn er macht sich große Sorgen deswegen. Außerdem unterliegt es bestimmt einer Geheimhaltungspflicht oder so was.« Ich schaute Hedi und Herbert – Letzterem über den Rückspiegel – fest in die Augen, bis sie nickten. »In einem anderen Mordfall ist während der Spurensicherung Schmuck gestohlen worden, und es sieht so aus, als ob einer seiner Mitarbeiter der Täter ist. Tom steht ebenfalls unter Verdacht, weil er auch vor Ort war, aber er hat den Schmuck natürlich nicht gestohlen. Jedenfalls ist es für ihn eine ganz üble Sache, weil er selber seinen Job so ernst nimmt und meint, alle anderen Polizisten hätten ebenfalls einen Heiligenschein auf, während ich davon ausgehe, dass es in diesem Beruf ähnlich viele schwarze Schafe gibt wie anderswo auch. Aber das will Tom nicht hören.«

»Das ist wirklich schlimm, das tut mir leid.« Hedi nickte bekräftigend.

»Ich überlege schon die ganze Zeit, wie ich ihm helfen kann. Vielleicht kann ich irgendetwas über seine Mitarbeiter herausfinden, aber das wird schwierig. Jedenfalls darf Tom natürlich nichts davon erfahren, das müsst ihr mir versprechen! Er will mich aus allem heraushalten.«

»Aber du ermittelst trotzdem«, stellte Hedi fest. »Wie bei unserem letzten Urlaub, als wir dich kennengelernt haben. Weißt du noch, Herbert? Da hat Alex doch den Fall mit dem toten Landwirt gelöst.«

»Na ja, ich hab nur ein bisschen recherchiert.«

Hedi ließ sich nicht ausbremsen. »Und diesmal untersucht sie einen Diebstahl. Gestohlener Schmuck während einer Morduntersuchung! Wie aufregend!«

»Nicht so langweilig wie mit mir«, murmelte Herbert.

KAPITEL 2

Ich lenkte das Auto aus Breuberg heraus, und wir fuhren auf der gewundenen Straße den Berg hinauf. »Ich habe gedacht, wir besichtigen erst die Burg und fahren danach ins Schnapshäusche.«

»Wohin?«, fragte Herbert vom Rücksitz.

»Ins Schnapshäusche, die Brennerei, von der ich gestern erzählt habe, als wir mit Tom essen waren. Die, die ihren Schnaps aus einheimischem, unbehandeltem Obst herstellt. Ich habe extra einen Termin mit Alex ausgemacht.«

»Mit wem?«, fragte jetzt Hedi.

»Alex, ach so, dem Besitzer, Alexander Friedrich. Tom kennt ihn schon länger, und wir duzen uns. Es führt bei mir auch immer noch zu Verwirrung, wenn wir im Schnapshäusche sind und Tom einen Satz mit ›Alex‹ beginnt.«

»Herbert trinkt ab und zu einen Schnaps nach dem Essen, und wir wollen gerne ein paar Flaschen als Mitbringsel für unsere Freunde kaufen.« Hedi machte eine wegwerfende Handbewegung. »Aber ich selber trinke ja nicht so viel.«

»Er hat auch selbst gemachten Apfelsaft. Von dem werde ich mir auch einige Flaschen mitnehmen.«

Hedi nickte. »Das wäre eher was für mich.«

Je höher wir kamen, desto öfter musste ich runterschalten. Es wurde immer steiler. Mein Auto war nicht mehr das jüngste, aber es mühte sich redlich. Hedi hielt sich an dem an der Innenverkleidung der Beifahrertür angebrachten Griff fest.

»Diesen Parkplatz nehmen wir. Der weiter unten ist mir zu entfernt, und der, den es noch ein Stück weiter oben am Ende der Burgstraße gibt, ist viel zu klein, der ist bestimmt schon voll. Sonntags tummeln sich hier immer viele Besucher.« Ich schaute neugierig rechts in den Wald, bevor ich auf den Parkplatz einbog. »Hier gibt es leider keinen Schattenplatz. Hoffentlich mutiert das Auto nicht zum Brutkasten, bis wir zurückkommen.«

Wir stiegen alle aus, und ich verriegelte das Auto. Der Parkplatz war nicht geteert und mit vielen Steinchen übersät. Durch die Trockenheit der letzten Tage staubte es ein wenig. »Würde es euch etwas ausmachen, wenn wir ein paar Meter zurücklaufen, bevor wir die Burg besichtigen? Ich würde mir gerne die Stelle ansehen, wo vorgestern Nacht das Autounglück passiert ist.« Ich rückte meine Sonnenbrille zurecht.

»Geht es um den Fall, von dem du uns gestern erzählt hast?« Hedi riss die Augen auf. »Hier geht es steil bergab.«

»Ja, das Auto hat sich mehrmals überschlagen …«

»Wie schrecklich!« Hedi machte große Augen.

»Seht mal hier.« Wir waren etwa zehn Meter aus dem Parkplatz hinaus auf die Straße gelaufen und schauten am linken Rand den Abhang hinunter. Er war von Bäumen bewachsen, aber nicht so dicht, dass sie ein abstürzendes Auto aufgehalten hätten. »Das Auto kam direkt hier, wo die Leitplanke endet, hinter dem Leitpfosten von der Fahrbahn ab, bekam Schlagseite und überschlug sich mehrmals, bevor es kurz vor der Straße dort unten liegen blieb.«

»Davon hat Tom gestern beim Abendessen gar nichts erzählt.«

»Er redet nicht viel über seine Fälle. Ich glaube, er möchte mich nicht damit belasten … und seit ich ihm bei dem Fall mit dem toten Landwirt geholfen habe, bei dem ich zugegebenermaßen in ein paar … etwas ungünstige Situationen geraten bin, will er wohl auch unbedingt vermeiden, dass ich mich durch meine Recherchen in Gefahr bringe.«

»Wieso weißt du dann etwas über den aktuellen Fall?«, schaltete sich nun Herbert in unser Gespräch ein.

»Na ja, er hat gestern Mittag mit Günter, seinem Mitarbeiter, telefoniert, um ihn auf dem Laufenden zu halten … Tom hat sich zwar auf die Terrasse verkrümelt und die Tür hinter sich zugezogen, aber ich habe mich ins Schlafzimmer geschlichen und ans gekippte Fenster gestellt, da kann man ganz gut mithören.«

»Wie raffiniert!« Hedi kicherte. »Das muss ich mir merken, vielleicht kann ich so was auch noch brauchen.«

Herbert schaute sie erstaunt an.

»Erzähle weiter, Alex!«, forderte Hedi mich auf.

»Okay, das Auto lag also da unten, und es sah wie ein Unfall aus, aber dann haben sie festgestellt, dass der Motor gar nicht an gewesen war, als das Auto abstürzte. Außerdem haben sie in der Kopfwunde Steinchen und Erde vom Parkplatz gefunden. Diese Verletzung hatte zum sofortigen Tod geführt, also muss er nach seinem Tod auf dem Parkplatz gelegen haben.«

»Aber als Toter kann er doch nicht in sein Auto gestiegen und den Hang hinuntergefahren sein!«, wunderte sich Hedi.

»Nein«, sagte Herbert, »aber es kann ihn jemand ins Auto gesetzt und das Auto den Hang hinuntergeschoben haben, damit ein Mord wie ein Unfall aussieht.«

»Oh nein!«, rief Hedi entsetzt aus.

»Genau, das vermutet Tom auch«, bestätigte ich Herberts Annahme. »Er hat deswegen die Umgebung abgesucht und an der Treppe, die hier ein Stück weiter oben zur Burg hoch führt, Blutspuren gefunden. Er geht davon aus, dass das Opfer die Treppe hinuntergestoßen und dann zum Parkplatz geschleift wurde. Dort hat jemand die Leiche kurz abgelegt, um das Auto zu öffnen, wobei die Kopfwunde verdreckt wurde. Anschließend hat man die Leiche ins Auto verfrachtet und selbiges aus dem Parkplatz hinausgeschoben und den Hang hinunterrollen lassen. Aber die Erkenntnis, dass das Opfer nicht mehr selber in sein Auto gestiegen ist, hält Tom noch unter Verschluss. Das ist Täterwissen.«

»Mich fröstelt es.« Hedi schüttelte sich.

»Wir haben über zwanzig Grad!« Herbert schaute Hedi verwundert an und legte dann seinen Arm um sie.

Wir blickten alle drei schweigend den Abhang hinunter. Sicher hatten wir alle denselben Gedanken: Auch wenn das Opfer bereits tot gewesen war, die Vorstellung, hier in einem sich mehrmals überschlagenden Auto den Abhang hinunterzustürzen, hatte etwas enorm Gewalttätiges.

Hedi riss sich als Erste los. »Lasst uns die Burg besichtigen.« Sie wandte sich bergauf.

»Schaut mal, da oben«, versuchte ich Hedi abzulenken und zeigte mit dem gestreckten Arm auf die Burg. »Wie imposant die alten Gemäuer von hier aus aussehen!« Hedi und Herbert folgten meinem Blick. »Sie ist eine der größten und am besten erhaltenen Burgen Süddeutschlands.«

Herbert ließ Hedi und mich im Vordergrund posieren und fotografierte uns mit der Burg im Hintergrund. Dann liefen wir am Parkplatz vorbei, bis wir die Treppe erreichten, auf der Tom die Blutspuren entdeckt hatte.

»Wir können hier die Treppe hoch zur Burg steigen, oder wir gehen noch bis zur Rutsche und nehmen dann einen Weg ohne Stufen.«

»Ich würde es gerne vermeiden, diese Treppe zu benutzen.« Hedi schüttelte sich erneut.

»Was für eine Rutsche?«, fragte Herbert.

»In der Burg ist eine Jugendherberge untergebracht, und ich nehme an, dass man sie für die Kinder, die hier zu Gast sind, aufgebaut hat. Werdet ihr gleich sehen.«

Nach etwa hundert Metern erreichten wir die Rutsche. Sie bestand aus Metall, war an die zwanzig Meter lang, begann an der Straße und schmiegte sich an den Berghang. Ihr Verlauf war nicht schnurgerade, sondern wies eine leichte Rechts- und eine leichte Linkskurve auf, die einen schön hin und her schleuderten auf dem Weg bergab. Ich hatte sie mit Tom schon einmal ausprobiert.

»Und, Hedi, wie wär’s?«, fragte Herbert.

»Um Gottes willen, das ist mir viel zu gefährlich.«

»Ich dachte, du suchst Aufregung. Pass auf, ich rutsche vor und fange dich unten auf.«

»Nein, nein, denk an deine Knie!«

»Was ist mit Herberts Knien?«, fragte ich, während Herbert sich tatsächlich daranmachte, die Rutsche zu besteigen.

»Er hat doch Arthrose. Hoffentlich trifft er unten nicht zu hart auf.«

Herbert grinste uns noch einmal siegesgewiss zu und stieß sich ab. Er meisterte die Landung am Fuß der Rutsche, ohne das dahinter aufgestellte Fangnetz als Notbremse benutzen zu müssen.

»Jetzt du, Hedi, komm schon!« Herbert machte eine Handbewegung, um Hedi herunterzuwinken.

»Nein, ganz bestimmt nicht, Herbert Pfeiffer! Komm du wieder hoch!«

Herbert stapfte die Stufen der parallel zur Rutsche verlaufenden Treppe nach oben. »Das war lustig. Hättest du ruhig auch machen können.« Er rieb sich mit dem gestreckten Zeigefinger über seinen Schnauzer.

Hedi klopfte Herbert den Hosenboden ab. »In hundert Jahren nicht. Lasst uns weitergehen.«

Wir gingen schnaufend einen gepflasterten Weg zur Burg hinauf. Nachdem wir das äußere Burgtor passiert hatten, liefen wir bis zu einer Mauer und wurden mit einem atemberaubenden Ausblick auf die Stadt und die umliegenden Berge belohnt. Dann ging es weiter in Richtung Burggraben. Hedi las eine Informationstafel durch.

»Wo sind die Schafe? Hier steht was über eine alte Schafrasse; ich hätte jetzt erwartet, dass die irgendwo auf diesem Flecken herumlaufen.«

Wir beugten uns alle drei über eine Mauer und schauten angestrengt in den Burggraben.

»Keine Ahnung«, antwortete Herbert schließlich. »Dieser Graben sieht sehr groß und lang gezogen aus, vielleicht stehen sie irgendwo um die Ecke. Oder wir bekommen sie gleich zum Mittagessen serviert. Ein Lammkotelett wäre jetzt nicht schlecht.«

»Die Burgschänke ist in dem Trakt direkt rechts vom Torhaus untergebracht.« Ich deutete mit der Hand darauf. »Wir können ja nachher mal schauen, ob sie Lamm auf der Speisekarte haben.«

Herbert freute sich. »Oh ja, ich habe schon etwas Hunger.«

Wir liefen über die Brücke, dahinter durch das Torhaus und erreichten den Innenhof der Vorburg.

»Wie schön!« Hedi zückte ihren Fotoapparat. »Alles noch richtig wie im Mittelalter.«

Herbert kratzte sich an der Stirn. »Die vier Autos, die hier im Hof geparkt sind, scheinen mir doch eher aus der Neuzeit zu stammen.«

Der Hof war abwechselnd von altrosa verputzten Häusern und Mauern aus ebenfalls altrosanen oder braunen Steinen umrahmt. Hedi lief voran und blieb erst auf der gegenüberliegenden Seite des Hofs stehen, wo unter einem Mauergewölbe mehrere Buntsandsteine hochkant zu einem Rechteck aufgestellt waren. »Schaut mal, hier ist ein Merowinger Steinkistengrab. Die waren aber klein, die Merowinger.«

»Ich glaube nicht, dass sie so klein waren«, mutmaßte Herbert. »Vielleicht ist es ein Kindergrab.«

»Tom meinte, in Steinkistengräbern wurden die Leichen nicht immer liegend begraben, sondern auch in Hockstellung.«

»Aha.« Herbert drehte sich um. »Lasst uns durchs nächste Burgtor gehen. Ich glaube, ich sehe schon den Bergfried dahinter.« Er zeigte auf den riesigen Turm, den man beim Blick durch das Burgtor erahnen konnte.

Wir durchschritten das Tor und gelangten in einen recht beengten Hof. Der imposante Bergfried stand in seiner Mitte und nahm viel Platz ein. Eine Informationstafel im Inneren des Turms unterrichtete uns über seine Maße: Hedi und Herbert staunten über die Höhe von fünfundzwanzig Metern, wollten ihn aber trotzdem gerne besteigen. Ich bezahlte für uns alle den Eintritt, dann ging es über eine schmale Holztreppe bergauf.

»Ist das überhaupt was für deine Knie, Herbert?«, fragte ich besorgt. »Ich meine, beim Treppensteigen werden sie doch besonders belastet, oder nicht?«

»Das stimmt, aber ich muss meine Höhenangst bekämpfen.« Herbert lief langsam, aber stetig bergan.

»Herbert meint immer, den Helden mimen zu müssen«, kam Hedis Stimme von weiter oben. »Wenn wir die Spitze erreicht haben, wirst du ihn leichenblass erleben. Aber der Herr will ja nicht hören.« Hedis Schnaufen war trotz ihres Vorsprungs deutlich vernehmbar. »Die ersten Jahre, nachdem wir uns kennengelernt hatten, habe ich noch versucht, ihn davon abzuhalten, aber er meint, er müsse sich der Höhenangst stellen.«

»Muss ich auch! – Oh, Vorsicht, hier ist eine Stufe locker.«

Hedis Stimme antwortete weit über uns: »Wirklich? Ich hab gar nichts gemerkt.« Sie legte ein flottes Tempo vor. Von oben hörte man Kindergeschrei. Herbert und ich verschnauften bei einem Uhrwerk, das in der Mitte des Turms ausgestellt war. Es hätte sich gut als Dekoration für einen Vampirfilm geeignet, wie eigentlich der gesamte Turm, den ein Hauch von Grusel umgab.

Gruselig war auch das Geschrei, das nun von oben erklang. Es ertönte lautes Getrappel auf der Holztreppe, dann hörten wir Hedi »Vorsicht!« rufen. Das Gekreische kam bedrohlich näher, und dann stürmten sechs oder sieben Kinder, vielleicht auch schon im jugendlichen Alter, an uns vorbei. Eigentlich war die Treppe viel zu schmal für zwei Personen nebeneinander, aber die wilde Horde quetschte sich lachend und kreischend ohne Rücksicht auf Verluste an uns vorbei. Gerne hätte ich mir die Ohren zugehalten, doch um meiner Sicherheit willen zog ich es vor, mich am Geländer festzuhalten, um nicht in die Tiefe gerissen zu werden. Als sich der Lärm langsam entfernte, stapfte Herbert weiter.

»So eine Rasselbande!«, schimpfte ich. »Da fragt man sich doch gleich, ob man selber so was in die Welt setzen will.«

»Unsere Kinder waren wesentlich besser erzogen«, stellte Herbert klar. »Heutzutage deklarieren sie mangelnden Anstand als Durchsetzungsvermögen.« Er drehte sich im Laufen leicht zu mir um. »Du kannst immer noch selber entscheiden, zu welcher Art von Eltern du gehören willst.«

Als wir endlich oben ankamen, schien Hedi schon lange die Aussicht zu genießen. Sie wandte sich zu uns. »Diese unerzogenen Kinder haben mich heftig angerempelt! Deren Eltern möchte ich mal in die Finger bekommen. Pah!«

Ich nickte zustimmend und trat durch eine Tür nach draußen. Ein leichter Luftzug umwehte den Turm und sorgte bei dem heißen Wetter für angenehme Kühlung.

Hedi lief drei Schritte weiter. »Seht mal her, hier sind diese kyrillischen Inschriften von den Zwangsarbeitern, von denen Alex erzählt hat.« Sie deutete auf eine Zinne.

»Ja, ja.« Herbert stand noch immer in der Tür und lugte nur vorsichtig um die Ecke. Er sah in der Tat ziemlich blass aus.

»Komm, Alex, lass Herbert ruhig stehen, da steht er gut. Die Aussicht von hier oben ist beeindruckend.« Hedi winkte mich weiter.

Wir liefen an der Mauerkrone entlang einmal um den Turm und betrachteten die umliegenden Orte und die in unterschiedlichen Grüntönen gesprenkelten Berge. Hinter ihnen lagen weitere Berge, die von unserem Aussichtspunkt aus betrachtet nur noch wie sanfte Hügel wirkten. Hier hatte ich vor ein paar Monaten mit Tom gestanden. Er hatte seine Arme von hinten um mich gelegt, und wir hatten einige Minuten regungslos in die Ferne geschaut und unser Glück genossen.

Hedi riss mich aus meinen Gedanken. »Ich habe dir noch gar nicht gesagt, wie gut mir dein Tom gestern gefallen hat.«

»Ah, wirklich? Das freut mich. Er fand euch auch sehr sympathisch.«

»Er scheint ein Mann zu sein, auf den der Spruch ›Ein Mann, ein Wort‹ zutrifft.«

»Ja, das sehe ich auch so. Man kann sich vollkommen auf ihn verlassen.«

»Und was für ein Bär von einem Mann! Du kannst dich glücklich schätzen.«

»Das tue ich. Ich bin sehr froh, dass wir uns gefunden haben. Du hast recht gehabt, als du mich damals zum Umzug ermutigt hast. Ich habe es keine Sekunde bereut.« Wir hatten den Turm fast umrundet und blieben stehen. Ich legte meine Hände auf eine Zinne.

Hedi schaute mich lächelnd an. »Wie sehen eure weiteren Planungen aus? Wollt ihr Kinder?«

»Huch, also darüber haben wir noch gar nicht geredet. Conni Waldheim, seine Tante, redet dafür umso öfter davon.« Ich lachte. »Aber vor den Kindern wäre es mir lieb, wenn die Beziehung einen offiziellen Status erhält. Ich komme auch gut ohne Trauschein zurecht, aber wenn man Nachwuchs bekommt, sollte man doch besser verheiratet sein, finde ich.«

»Unbedingt!« Hedi nickte bekräftigend. »Etwas anderes hätte ich mir gar nicht vorstellen können. Herbert und ich haben geheiratet, und erst ein Jahr danach kam Richard zur Welt, zwei Jahre später Kerstin.«

»Tja, so ähnlich könnte ich es mir auch vorstellen. Aber das liegt alles in ferner Zukunft. Ich glaube, für Tom ist das noch überhaupt kein Thema.« Ich legte den Kopf schief. »Wir wohnen ja auch erst ein halbes Jahr zusammen.«

»Aber vorher wart ihr auch schon fast ein Jahr ein Paar«, wandte Hedi ein. »Nach bald eineinhalb Jahren muss man sich doch langsam fragen, wie die Beziehung weitergehen soll.«

Ich zuckte mit der Schulter und rang mir ein Lächeln ab. »Ich muss mir erst mal selber darüber klar werden, was ich will. Und Tom vermutlich auch.«

Hedi tätschelte meine Hand. »Gestern Abend, als wir zusammen essen waren, hat er dich ständig so verliebt angesehen …«

»Findest du? Ich …«

»Wo bleibt ihr denn?« Herbert stand dicht an die Wand gedrückt und spähte vorsichtig um die Ecke. Er sah nicht besser aus als bei seiner Ankunft an der Spitze des Turms.

»Wir kommen schon, Herbert.« Hedi lief ihm rasch entgegen. Im Inneren des Turms hielt Hedi ihren Mann kurz zurück. »Wir machen das so: Alex geht vor und fängt dich notfalls auf. Ich bilde die Nachhut.«

»Ich muss nicht aufgefangen werden«, protestierte Herbert, reihte sich aber gehorsam hinter mir ein.

Wir stiegen vorsichtig die schmalen Stufen hinab. Ich wusste nicht, wie Hedi sich das mit dem Auffangen vorgestellt hatte, aber für den Fall, dass Herbert mich als Prellbock benutzen wollte, hielt ich mich stets gut am Geländer fest.

Nach der Besichtigung des Bergfrieds kehrten wir zum Essen in die Burgschänke ein und nahmen dann noch an einer Führung teil, bei der uns die verschiedenen Burggebäude auch von innen gezeigt wurden. Ich war dabei nicht ganz aufmerksam, was nicht nur daran lag, dass ich mit Tom bereits eine Führung mitgemacht hatte. Nein, auch Hedis Worte geisterten mir im Kopf herum. Ich hatte noch gar nicht so konkret darüber nachgedacht, aber tatsächlich hätten unsere Vorstellungen einer gemeinsamen Zukunft durchaus ein Gesprächsthema zwischen Tom und mir sein sollen, doch sie waren es nicht. Ich hatte selber nur eine ungenaue Vorstellung davon. Irgendwann wollte ich Kinder haben, und irgendwann vorher wollte ich heiraten. Und bei genauerer Betrachtung lag dieses Irgendwann in nicht ganz so weiter Ferne. Ich war jetzt dreiunddreißig, und die Uhr tickte. Wie wir unser Leben dann mit Kindern gestalten würden, lag für mich noch völlig im Dunkeln. Würde einer von uns seinen Job aufgeben und sich vollständig der Kindererziehung widmen? – Also ich bestimmt nicht. Würde Tom diese Aufgabe mit mir fair teilen? Konnte er als Beamter nicht viel leichter und länger seinen Job auf Eis legen als ich? Aber bevor wir das alles klären könnten, müssten wir erst einmal ganz am Anfang der Planungskette ansetzen und über eine Eheschließung sprechen. Doch ich fürchtete, dass ich von Tom eine Abfuhr erhalten würde, er mich schlimmstenfalls auslachen würde. Er hatte so rein gar nichts für Romantik übrig. Es fiel mir ja selber schwer, ihn mir als verheirateten Ehemann vorzustellen. Auch war er ja schon einmal verlobt gewesen und hatte schlechte Erfahrungen damit gemacht. Ich war mir ziemlich sicher, dass Tom diesem Thema eher ablehnend gegenüberstand. Und hätte er mir die zu erwartende Abfuhr erst einmal erteilt, dann könnte ich nicht mehr die Augen vor unseren unterschiedlichen Lebenszielen verschließen und mich mit einem in unbestimmter Ferne liegenden Zustand trösten, der dann doch nie eintreten würde. Kurzum, ich war zu feige, ihn direkt zu fragen. Unsere Beziehung war zu schön und ich viel zu sehr in Tom verliebt, als dass ich mit der Erkenntnis fertigwerden würde, dass wir vielleicht doch nicht so gut zusammenpassten.

»Oh nein!« Hedis Aufschrei riss mich aus meinen Gedanken. »Meine Börse ist weg!«

»Was?«

»Jetzt wollte ich dem netten Herrn ein Trinkgeld für die Führung geben, aber meine Börse ist nicht mehr in der Handtasche!« Hedi schaute verzweifelt in ihre Tasche.

»Sieh noch mal genau nach«, versuchte Herbert sie zu beruhigen. »Ich gebe ihm in der Zwischenzeit das Trinkgeld.« Er zog sein Portemonnaie aus der Hosentasche, während Hedi hektisch in ihrer Handtasche wühlte.

»Nein, nein, sie ist nicht da!« Dann schaute sie uns entsetzt an. »Das waren bestimmt diese frechen Kinder, die mich auf der Treppe angerempelt haben!«

»Bist du sicher? War der Reißverschluss deiner Handtasche offen?« Ich wusste nicht zu sagen, ob Hedi ihn nicht eben erst aufgemacht hatte.

»Ich weiß nicht … ich glaube schon.« Hedi ließ die Hand, in der sie die Tasche hielt, kraftlos sinken.

»Das sind marodierende, kriminelle Kinderbanden!«, schimpfte Herbert. »Die werden von ihren Eltern auf solche Diebstähle angesetzt. Ich verstehe nicht, warum die Polizei dem keinen Riegel vorschiebt.«

»Hast du die Börse auch nicht im Auto oder im Hotel liegen lassen?«, fragte ich vorsichtig.

»Nein, das wüsste ich doch!«, entrüstete sich Hedi.

»Ich meine, du hattest noch eine Jacke dabei, die du im Auto gelassen hast«, gab ich zu bedenken.

»Nein, nein, ich stecke die Börse niemals in die Jackentaschen. Ach Gott, zum Glück hatte ich nicht so viel Geld dabei. Vielleicht zwanzig Euro?« Sie sah uns fragend an. »Vermutlich auch meinen Ausweis und einige Karten. Oder habe ich die im Hotel gelassen?« Hedi schien verwirrt.

Herbert zuckte mit den Schultern.

»Das lässt sich alles ersetzen«, versuchte ich sie zu trösten. »Sollen wir heimfahren? Ihr könnt im Hotel eine Bestandsaufnahme machen, dann kann ich mit euch zur Polizei gehen, und wir können dort Anzeige erstatten. Und deine Geld- und Kreditkarten solltest du sperren lassen.«

»Die Nummer der Sperr-Hotline haben wir im Hotel«, sagte Herbert.

Wir liefen über die Brücke und verließen die Burg.

»Wohin führt dieser Weg?«, fragte Herbert und zeigte nach rechts.

»Oh, den Trampelpfad entlang dem Burggraben können wir auch nehmen, da kommen wir etwa oberhalb des Parkplatzes raus.« Ich überlegte noch immer, was man wegen des Diebstahls von Hedis Börse alles beachten musste. Wir marschierten im Gänsemarsch, Herbert vorneweg. »Jetzt links die Treppe runter!«, rief ich ihm zu.

Herbert tat einen Schritt auf die erste Stufe, als Hedi stocksteif stehen blieb.

»Moment! Ist das nicht die Treppe, auf der dieser arme Mann … Nein, hier gehe ich nicht hinunter!« Hedi war offensichtlich mit ihren Nerven am Ende.

»Oh, entschuldige, daran habe ich gar nicht gedacht.« Eigentlich hätte mich genau das interessiert.

»Ist doch nicht schlimm«, wiegelte Herbert ab, der sich etwas verkrampft am Geländer festhielt. »Solange wir nicht selber hinunterfallen …«

Ich stellte mich neben Hedi und schaute die Treppe hinab. Sie sah wirklich sehr steil und etwas gefährlich aus. Ein paar Stufen weiter unten meinte ich, dunkle Flecken zu erkennen. Ich hätte mir den Tatort gerne genauer angesehen, aber ich wollte Hedi nicht im Stich lassen. »Wir können einfach wieder zurückgehen und den gleichen Weg nehmen, den wir gekommen sind«, schlug ich vor.

»Ich sehe nicht das Problem«, widersprach Herbert. »Ist doch spannend. Wir können nachsehen, ob die Blutspuren noch da sind.« Er zeigte mit dem Kopf bergab.

»Nein«, beharrte Hedi, »ich gehe zurück.«

Hedi und ich traten den Rückweg an, Herbert hingegen lief tatsächlich die Treppe hinunter. Er erwartete uns unten auf der Straße. »Das war hochinteressant! Schon auf den oberen Stufen konnte man sehen, dass …«

»Das will ich gar nicht wissen.« Hedi lief stur geradeaus schauend an ihm vorbei.

Herbert hielt mich kurz zurück und zeigte mit dem Arm die Treppe hinauf. »Auf den oberen Trittflächen sind tatsächlich noch deutliche Blutflecken zu sehen«, raunte er mir zu. »Die Treppe ist sehr steil und beinhart. Völlig klar, dass man das nicht überlebt, wenn einem hier die Rübe auf den Stufen aufschlägt.«