Schatten und Licht - Konrad Barner - E-Book

Schatten und Licht E-Book

Konrad Barner

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Beschreibung

Hinter Dingen lauert das Unergründliche, das Absurde. Die Autorengruppe Zweibrücken mit dem Bösen Aug in Aug. So einfach ist das nicht, denn die Grenzen sind fließend. Wir haben vieles für Sie zusammengetragen: In der Geschichte INS FÄUSTCHEN GELACHT hat eine vermeintlich gute Tat verheerende Auswirkungen, während böse Überraschungen wie in GEBÄUDE 70 sich für die Protagonistin nach dem Motto GLÜCK UNGLÜCK als Voraussetzung für eine selbstbestimmte Zukunft erweisen. Natürlich ernten Figuren immer wieder Sturm, obwohl sie nur Wind gesät haben. Das heißt aus Bösem kann nichts Gutes entstehen, so in der Geschichte KIND FÜR KIND. Die Macht des Bösen sollte aber nicht die Oberhand behalten, deshalb haben wir unserem Bändchen den Titel SCHATTEN UND LICHT gegeben, denn schon Heinrich von Kleist wusste, dass wir das eine durch das andere besser erkennen. Unter diesem Titel findet auch Traurigkeit ihren Platz, ebenso die böse Erfahrung (WENN DU STIRBST oder auch SCHADE.SCHÖN. ALLES GUTE) und der Galgenhumor (BÖSER TRAUM, ZUSAMMEN AUSEINANDER). Wir nehmen dem Bösen seinen Stachel, in Geschichten, wo den ganz alltäglichen Widrigkeiten und bösen Überraschungen mit Tapferkeit und Humor begegnet wird. Die Autorengruppe wünscht Ihnen bei all dem Dunkel, das wir Ihnen in diesem Büchlein zumuten, auch lichte Momente.

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Seitenzahl: 68

Veröffentlichungsjahr: 2017

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INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

Konrad Barner

Michael Dillinger

Barbara Franke

Annette Kimmel

Karin Klee

Runa Neuer

Gundela Nitschke

Wolfgang Ohler

Gerhard Rinsche

Heide Werner

Bio-Bibliographisches

VORWORT

Hinter den Dingen das lauernd Unergründliche freilegen, das Gefährliche – auch das Absurde – das war diesmal unsere Absicht: Mit dem Bösen Aug in Aug. Doch bald merkten wir, dass es nicht so einfach ist mit „gut“ und „böse“. Die Grenzen sind fließend. In der Geschichte „Ins Fäustchen gelacht“ hat eine vermeintlich gute Tat verheerende Auswirkungen, während böse Überraschungen wie in „Gebäude 70“ sich für die Protagonistin nach dem Motto „Glück Unglück“ als Voraussetzung für eine selbstbestimmte Zukunft erweisen. Natürlich bewahrheitet sich auch immer wieder der Spruch „wer Wind säet, wird Sturm ernten“. Das heißt aus Bösem kann nichts Gutes entstehen, so in der Geschichte „Kind für Kind“. Die „Macht des Bösen“ sollte aber nicht die Oberhand behalten, deshalb haben wir unserem Bändchen den Titel „Schatten und Licht“ gegeben, denn „der Schmerz macht, dass wir Freude fühlen, so wie das Böse macht, dass wir das Gute erkennen“ (Heinrich von Kleist).

Unter diesem Titel findet auch die Traurigkeit ihren Platz, die bösen Erfahrungen folgt in Texten wie „wenn du stirbst“ oder „Schade. Schön. Alles Gute“.

Galgenhumor wie in „böser Traum“ oder „Zusammen.

Auseinander“ nehmen dem Bösen den Stachel, ebenso Gedichte wie „Bre-Du-Fa-Zwo – Brechdurchfall 2“, wo den ganz alltäglichen Widrigkeiten und bösen Überraschungen mit Tapferkeit oder wie in „Es ist nichts“ mit Humor begegnet wird. Die Autorengruppe wünscht Ihnen bei all dem Dunkel, das wir Ihnen in dem Büchlein zumuten, viele lichte Momente.

Für die Autorengruppe

Barbara Franke

KONRAD BARNER

Bestimmung

Wenn ich ein Ast wäre,

wäre ich gern ein Baum.

Wenn ich ein Baum wäre

Und es käme ein Sturm,

wäre ich

zerborsten

zersägt

zerstückelt

zerfallen

zerfressen

Wenn ich ein Baum wäre

und es käme kein Sturm,

wäre ich

verplant

verkauft

verbaut

verheizt

verbrannt

Wenn ich ein Ast wäre…

Der böse Gott

Danach bei donnerndem Getöse

schuf Gott am 8. Tag das Böse.

Der erste Mensch war kaum geboren,

schon ging das Paradies verloren.

Von da an geht es steil bergab.

Das Leben nur noch Weg zum Grab. (1)

Gott reizt den Kain in einem fort,

er provoziert den Brudermord. (2)

Von Mose hat man´s nicht gedacht,

auch er hat einen umgebracht. (3)

Das Böse, das in jedem steckt,

kommt zweifellos von Gott direkt.

Man muss sich nicht den Kopf zerbrechen,

man lässt Gott einfach selber sprechen:

„Ich schaffe Unheil“, wann ich will. (4)

Der Mensch hält notgedrungen still.

Es ist kein Unglück in der Stadt,

das nicht der Herr verbrochen hat. (5)

Das finden wir bei den Propheten –

Im Grunde hilft da nur noch beten.

Das Vaterunser sei genannt,

es ist weltweit sehr gut bekannt:

„Erlöse uns, Herr, von dem Bösen“, (6)

Doch will Gott überhaupt erlösen?

Selbst Jesus führt er ins Verderben,

am Kreuz lässt er ihn grausam sterben.

Und heute? Ist es auch nicht besser.

Das Böse liefert uns ans Messer.

Zum Beispiel „Krebs“, das große Leid,

vielleicht das größte unsrer Zeit.

Der Terror, als „IS“ bekannt,

zieht grausam mordend durch das Land.

Wer kann uns davon je erlösen?

Wir bleiben in der Macht des Bösen.

Anmerkungen

1) „Du bist Erde und sollst zu Erde werden“ (1. Mose 3,19)

2) „Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an.“ (1. Mose, 4,4 und 5)

3) „…erschlug er den Ägypter und verscharrte ihn im Sande.“ (2. Mose 2,12)

4) „Ich bin der Herr…der ich Frieden gebe und schaffe Unheil.“ (Jesaja 45,6 und 7)

5) „Ist etwa ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tut?“ (Amos 3,6

6) „…führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ (Matthäus 6,13)

Wenn

Wenn ich dich liebte

Was dann wohl geschähe

Durch deine Nähe

Wäre die Welt verändert

die Augen umrändert

das Licht im Dunkel noch heller

das Herz schlüge schneller

mit Extrasystolen

wir müssten den Notarzt holen

weil Liebe gern stirbt

MICHAEL DILLINGER

Martha

Was bleibt denn noch von dir

fragte ich

als sie fast keinen Schatten mehr warf

Ich nehme niemandem das Licht

antwortete sie.

Bevor es heute wird

Bevor es heute wird

zieh die Gardinen zu

bedeck die Welt

mit weißem Tuch

wirf auf die Leinwand deine Träume

dann von Nacht und Nebel und

dem Stern von Bethlehem und

lass mich sehen

was du sahst

bevor es heute wird

Tagtraum

Einschlafen

aus dem Tag fallen

am Abend am Morgen erst

wissen

es gab eine Nacht

BARBARA FRANKE

Ganz anders

Normalerweise hätte sie einen großen Bogen gemacht um diese Typen. Nein, sie hätte sich nicht dahin setzen sollen. Sie sahen nicht gerade vertrauenserweckend aus. Entsprachen genau dem Bild der jugendlichen U-Bahn-Schläger. Baseballkappe schräg auf dem Kopf, zerschlitzte Jeans, verächtliches Grinsen, als sie mit vollen Einkaufstaschen auf das Bushäuschen zusteuerte. Ein Platz wäre noch frei gewesen, hätte der eine nicht rasch seinen Rucksack darauf geworfen. Offenbar sein Revier. Sie war schon gefasst auf: Verpiss dich Alte, doch es blieb ihr keine Wahl. Der Rücken schmerzte, die Beine wollten sie nicht mehr tragen. So wagte sie ein vorsichtiges: „Darf ich mich setzen?“ Und oh Wunder, der Rucksack wurde widerwillig heruntergenommen und landete auf dem Boden vor den beiden. Marie atmete tief durch. Geschafft.

In zehn Minuten würde der Bus kommen, sie aus der misslichen Lage befreien, ehe die üblichen Pöbeleien anfangen würden. Die beiden Jungen nahmen keine Notiz mehr von ihr, öffneten mit einem groben ‚Ratsch‘ den Rucksack, aus dem sie eine Schachtel zerrten.

Misstrauisch linste Marie herüber und sah, wie die beiden mit flinken Griffen Zigarettenstummel daraus entnahmen, anzündeten und mit hastigen Zügen zu Ende rauchten bis die Glut ihre Fingerkuppen zu verbrennen drohte. Der Rest landete mit Schwung auf dem Boden. Zunächst wandte sie sich angeekelt ab, doch allmählich regte sich ihr Gewissen. Das waren ja fast noch Kinder.

Sollte sie so tun, als ginge sie das nichts an? Wollte sie zu den Wegguckern gehören? Nein, das war noch nie ihre Art gewesen. Verstohlen schaute sie dem routinierten Hantieren zu. Die Kerle ließen sich nicht aus der Ruhe bringen. Was interessierte sie die Alte da. Die war so unwichtig, dass sie sie gar nicht wahrnahmen. Maries Blick wanderte weiter nach oben und blieb hängen an einem Riesenwerbespruch an der Seitenwand des Bushäuschens.

Schwarz auf weiß stand da zu lesen: MAY BE NEVER WINS. Seltsames Englisch, dachte sie. Who never wins. Natürlich, jetzt kann sie dahinter, das ‚May be‘ das ‚Vielleicht‘ führte nicht zum Ziel. Es schien ihr plötzlich wie gemünzt auf ihr Zögern und Zaudern. Als sie dann rechts unten die Aufforderung BE las, daneben Marlboro und den obligatorischen Zusatz ‚Rauchen kann tödlich sein‘, gab sie sich einen Ruck.

„Entschuldigung, ihr Zwei, ich weiß, es geht mich gar nichts an, aber ich kann einfach nicht ruhig zusehen, wie ihr eure Gesundheit ruiniert.“ Zumindest ein ‚Halt’s Maul, Alte‘, hätte sie erwartet oder ‚zieh Leine‘, doch es kam nur ein halblautes „is doch egal“. Das ermunterte sie dranzubleiben. „Glaubt ihr, eurer Mutter wäre das auch egal?“ – „Unsere Mutter ist tot.“

Das hatte sie nicht erwartet.

„Tot?“ – „Krebs, es war schrecklich – Aber sie hat sich noch von mir verabschiedet. – Florian kam zu spät. Er ist mein Bruder – Halbbruder, hat einen anderen Vater, wohnt bei dem.“ Der jetzt plötzlich einen Namen hatte, ergänzte. „Das war vor zwei Jahren. Da war ich 14 und Fred 15.“ Florian und Fred, jetzt 16 und 17 Jahre alt, und sie hatte sie einfach mit ‚du‘ angeredet. Sie schämte sich ein wenig, weil sie sich eingemischt hatte, doch jetzt war der Bann gebrochen. Sie kamen mit ihr ins Gespräch, erzählten von vergeblicher Jobsuche, dem Frust zuhause, wo in zwischen eine neue Frau Mutters Stelle eingenommen hatte, und ihren gelegentlichen Treffen an der Bushaltestelle, wo sie sich mit Nikotin bei Laune hielten. „Aber warum die Kippen, im Filter sitzt das meiste Gift.“ – „Kein Geld.“

– Marie war ratlos.

„Gibt es nichts Anderes, was noch Freude macht, damit ihr das Zeug nicht so oft braucht?“