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Quynh Trans gefeiertes Debüt entwirft in zarten und lebendigen Bildern die Geschichte einer Kindheit in der Fremde. "Schatten und Wind" erzählt einfühlsam von einer Familie vietnamesischer Herkunft, die in einer kleinen Stadt in Finnland lebt. In magischen Szenen schildert der acht Jahre alte Erzähler den Alltag mit seiner Mutter Má, die vom großen Geld träumt, und dem älteren Bruder Hieu, der von der Liebe träumt. Herr Tèo, der sich für japanische Kultur begeistert, die schrullige Tante Tei Tei oder Más engste Freundin, die Dolmetscherin Lan Pham, bilden den Kosmos des Jungen, der versucht, nicht nur seine fremde Umgebung zu begreifen, sondern auch das seltsame Verhalten seines pubertierenden Bruders und seiner eigenwilligen Mutter. Zwischen Poesie und Realität, Zugehörigkeit und Distanz bewegt sich dieser sehr besondere Familienroman, dessen Erzähler uns unmittelbar ans Herz wächst.
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Seitenzahl: 275
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Quynh Tran wurde 1989 geboren, wuchs im finnlandschwedischen Jakobstad auf und lebt heute in Malmö/Schweden. Er besuchte die Autorenschule in Biskops Arnö/Schweden und arbeitet als Psychologe. Für seinen Debütroman »Skugga och svalka« hat er in Finnland und Schweden viel Aufmerksamkeit erhalten und wurde mit dem schwedischen Yles Literaturpreis 2021, dem finnischen Runeberg Preis 2022 und dem Boras Tidning Debütantenpreis 2022 ausgezeichnet. Der Roman wird derzeit in zahlreiche Sprachen übersetzt.
Quynh Tran
Roman
Aus dem Schwedischenvon Andreas Donat
Die Arbeit des Übersetzers wurde vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.
Wir danken für die Unterstützung
Die Originalausgabe dieses Werks erschien 2021 unter dem Titel
»Skugga och svalka« im Verlag Nordstedts, Stockholm.
© Quynh Tran 2021
© 2024 Residenz Verlag GmbH
Salzburg – Wien
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
www.residenzverlag.com
Alle Rechte, insbesondere das des auszugsweisen Abdrucks und das der fotomechanischen Wiedergabe, vorbehalten.
Umschlaggestaltung: Thomas Kussin/buero 8
Lektorat: Jessica Beer
ISBN Print 978 3 7017 1792 7
ISBN eBook 978 3 7017 4728 3
NEIN DANKE, WIEDERSEHN
UMWEG
VORSCHUSS
FOTO ELITE
ROTE AUGEN
SCHÄRENGARTEN, ERHOLUNG IM FREIEN
MAGGIE & TONY
JEDER EINZELNE VON IHNEN
TAMPERE
KAUEN
HERRN TÈOS TIRADE
ALLE KNÖPFE
IMMER NOCH MORGENGRAUEN
EUROSPORT
KOBRA
TOSKANA
LAURA
MUKAMAS
NICHT UNGELEGEN
CATARATAS DO IGUAÇU
ERZÄHLUNGEN UNTER DEM REGENMOND
DER BESTE TAG
DIE KOMBI PASST
SIE BEFREIEN
TAMPOPO
SCHULDIG
DIE TAGE MIT LAURA
UNSCHLÜSSIG
DÜNNES TUCH
UNGLAUBLICH SCHLECHT
LITMANEN
VOR EINEM KUSS
HERRMANS
WAS SAGT IHR?
ICH NEHME ALLES
ENTWICKLUNGSPROZESS
SCHWESTERFABRIK
EIN BLICK DER EXTRAKLASSE
NEKTARVÖGEL UND KOLIBRIS
FÜTTERN
LAN PHAMS TIRADE
SIE MACHTE ES WIE WIR
FLATTERNDE HERZEN
FIAT
EINER VERSUCHUNG ZU WIDERSTEHEN
GEDICHTE
AUCH MICH
LOVERET
ICH FÜHLE MICH STARK
MEINE ERSTE SEHNSUCHT
GESCHWOLLEN
WAS DER KOMMISSAR SAGTE
WIE UNTER WASSER
TOKYO STORY
ICH REISTE DURCH DAS LICHT
TANTE TEI TEIS NÄCHTLICHE BEWEGUNGEN
AUF
ICH WAR GLÜCKLICH
KEIN KAFFEE
FLUT
BIOLOGIE
MALINS TIRADE
AGENT
DER LEOPARD
PRADA
HANDEL
OHNE DRAMATIK
HIEU HAT EINE GENIALE IDEE
LARSMO
JA, UM DEN HALS
DÉSASTER
WAR SIE JUNG?
DIE KRAFT DES VERSTANDS
PREISELBEEREXTRAKT
KUDZU
GEH NACH HAUSE UND SCHREIB EIN GEDICHT
OHNE UNTERBRECHUNG
SCHATTEN UND WIND
DIE BILDER VON LAURA
BLAUE FINGER
EIN FREUDENTAG
WAS MACHT MAN MIT EINEM PFERD?
IN EINER SZENE
MINOLTA 35MM SLR
SÖREN BÄCK
NACHSPIEL
DIE BILDER IN EINEM FILM
ER WARTETE AUF DAS AUTO
KEINEN TEXT
SCHLEICHEND
ZIKADEN
UNGESTÖRT
DAS FINNISCHE TIERLEBEN
ÜBERALL VIETNAMESEN
Seit Wochen hatte sie mich vorgewarnt: Eines Morgens würde ich mitkommen müssen. Das Einzige, was ich dabei tun sollte, das Einzige, woran ich zu denken brauchte, war dies: jämmerlich auszusehen.
Also übten wir.
Na komm schon … Schau jämmerlich aus.
Den Blick eine Spur konzentrierter, die Lippen gelöster, keinesfalls schmollend oder zusammengepresst.
So.
Má kicherte. Ich hielt den Blick gesenkt, ließ ihn dort ruhen, wo die Tapete auf den Fußboden traf, und dann entlang der Bodenleisten um die Ecke gleiten, in die Küche. Ein langsamer, sehr loser Blick.
Eines Morgens weckte sie mich mit Händen, die mir über die Schläfen strichen, über die Augen. Hieu lag noch in seinem Bett auf der anderen Zimmerseite. Wir schlichen hinaus. Es war viel zu früh und Má und ich waren auf dem Weg in die Stadt.
Vorfrühling. Bleiche, rosa Sonne.
Der Supermarkt hatte gerade geöffnet, und die Stammgäste standen bereits an den Spielautomaten. Má fragte, ob sie den Chef sprechen könne. Wir wurden von der Filialleiterin empfangen. Die wollte wissen, ob Má Finnisch beherrsche.
Wir gingen zur Fleischfabrik. Der Chef wollte wissen, ob Má kräftig sei.
Wir gingen in Richtung Zentrum. Má wollte es im Blumenladen versuchen, obwohl sie von Blumen keine Ahnung hatte. Bei der ersten Ampel, nur ein paar Steinwürfe von den belebtesten Straßen entfernt, blieben wir stehen. Hinter der Hausecke sah man die gelb gestrichene Steinfassade der Schule hervorschimmern. Wir wollten gerade die Straße überqueren, da fiel ihr ein, dass mein Schultag gleich anfangen würde. Sie schaute auf ihre Armbanduhr.
Tschüss, meine Perle.
Sagte sie.
Ich ging auf die im Schulhof spielenden Kinder zu – es war die prächtigste Schule der Stadt – und Má kehrte um, ging nach Hause.
Am nächsten Morgen weckte sie mich ebenso früh, und wir gingen schnurstracks zum Blumenladen. Das war ein feuchter Ort, die Fenster waren beschlagen. Wir wurden von einer älteren Dame empfangen, die gerne so freundlich sein wollte, ihren Chef anzurufen. Immerhin seien wir ihre ersten Besucher, sagte sie. Ich betrachtete die Blumen (Begonien, Pelargonien, Sonnenhut), während die Tante ihrem Chef am Telefon Má beschrieb: »Fröhlich, knuffig, ja, wie soll man sagen … knuffig.« Sie legte auf und wandte sich zu uns. Sie hatte gute Nachrichten, sie konnte sich vor Aufregung kaum halten.
Magnus könne sich vorstellen, Má ein Praktikum anzubieten …
Mitten im Satz wurde sie von Má unterbrochen: »Praktikum, nein danke, Wiedersehn«, und schon bewegten wir uns in Richtung Ausgang.
»Praktikum.«
»Nein danke.«
»Wiedersehn.«
Eine unmögliche Schwedin.
Ich drehte mich um, um der Tante zuzuwinken, aber sie hatte uns bereits den Rücken zugewandt und beugte sich über einen enormen Erdhaufen, der wie braunes Wasser auf ihre Füße zurann. Ihre ganze Erscheinung, so schlapp und weich.
Als Má mich am Morgen darauf weckte, hatte ich plötzlich einen unerhörten Einfall; ich hielt sie nicht aus, fast hatte ich Lust, ihr ins finstere Gesicht zu spucken. Wir gingen zur Wäscherei, die gleich um die Ecke lag, ganz in der Nähe.
Sie bekam die Stelle.
Sie würde jedes Wochenende arbeiten, Freitag bis Sonntag, Nachmittag bis Abend. Im Juni würde sie anfangen. Sehr gut, sagte sie, der Sprachkurs dauert bis Mai.
Ich rannte zur Schule.
Am Nachmittag, als ich nach Hause kam, stand sie, wie vorbereitet, auf der Schwelle zwischen Küche und Flur. Sie sagte, ich hätte gar nicht mitzukommen brauchen, sie habe mich nur zur Sicherheit mitgenommen, den Job hätte sie so oder so bekommen. Sie habe ihn nicht einmal gewollt. Ich fragte, warum, und sie sagte, wegen der vielen Vietnamesen, die dort arbeiteten.
Früher Mittag. Hieu hatte sich ans Küchenfenster gesetzt. Kleine Schweißflecken auf dem Hemd. Er stützte sich mit den Ellbogen auf den Tisch, als wollte er sich abkühlen.
An den Wochenenden, wenn wir alle zu Hause waren, weckte mich manchmal ein still und sanft fallender Regen. Hieus zusammengeknüllte Laken drüben auf der anderen Zimmerseite. Ich schloss die Augen, schlief wieder ein. Ein Tag, der schon lange begonnen hatte. Das immer weicher werdende Trommeln der Regentropfen auf das Blech, die Regenkälte an den Fensterscheiben, als wären sie meine Haut.
Die Geräusche aus dem Wohnzimmer eines späten Morgens. Sie aßen. Ich stellte mir vor, wie sie aßen und fernsahen – in die Küche gingen, zurück ins Wohnzimmer, auf den Balkon; abwechselnd hinausblickten auf die feuchte Frühlingsstraße, ganz glatt und blank von Regen und Verkehr – in die Küche und wieder zurück zum Fernseher, kauend, mit vollem Mund. Die Balkontür, die sie offen ließen. Eine gefügige, langsame Kühle.
Die Möwen waren verstummt, die Autos hatten den Parkplatz verlassen. Eine Nacht, die in den Tag herübergeschwappt war. Ich stand auf und leistete ihnen Gesellschaft. Gedämpftes Licht. Im Fernsehen: Tennis. Das Essen lauwarm in den Glasschalen.
An manchen Abenden machte ich mich spontan auf den Weg zum Wohnbaumessegelände, setzte mich auf eine Bank und blickte hinaus auf das Wasser. Ältere joggende Paare liefen die beinahe eisfreie Meeresbucht entlang an mir vorüber. Kurze, freundliche Blicke. Hundebesitzer und ihre Hunde, die hier und da stehen blieben. Die fremden Hunde, die sich ruckartig aufeinander zubewegten und dann starr gegenüberstanden, zögernd; die gespannten, sandfarbenen Hundekörper im milchigen Schein der Straßenlaternen, reglos bis auf die Nasenlöcher, die sich zuckend weiteten und schlossen.
Wind kam auf. Die Menschen verschwanden von den Balkonen, zogen die Türen hinter sich zu. Die Baumwipfel verschwammen vor dem trüben Himmel.
Anstatt den kürzesten Weg zu nehmen, vorbei an den alten Holzhäuservierteln, machte ich einen Umweg nach Hause. Ich lief quer über den Parkplatz des Einkaufszentrums. An der Ampel stand eine einsame Frau mit einer Papiertüte in der Hand und beugte sich über die Möwen, die sich um sie scharten. Sie lächelte. Die allerkleinsten Möwenjungen hüpften auf der Stelle auf und ab. Ihre Blicke folgten der Hand der Frau ins Innere der Tüte. Fluffige Brotstücke flogen über sie hinweg und ihre Schreie hallten über die Straße, mischten sich mit dem Leerlaufgrummeln vom Parkplatz hinter dem Einkaufszentrum.
Manchmal war Hieu zu Hause, wenn ich zurückkam. Dann kickte ich mir die Schuhe von den Füßen, laut.
An Freitagnachmittagen brachte Hieu Milch und honigmarinierte Hähnchenschenkel mit nach Hause, die er im Ofen zubereitete. Der karamellige Duft lockte mich an, ich kletterte auf den Küchenstühlen herum, hockte oder kniete vor dem Ofen. Durch das grünglänzende Ofenfenster beobachtete ich die Verwandlung: die schmierige Hähnchenhaut, die hart und dunkel wurde.
Wir aßen oft ohne Má.
Manchmal kam sie spät nach Hause. Dann machte Hieu Wasser heiß, und wir saßen, jeder mit seiner Tasse Tee, in der Küche. Schweigend sahen wir zu, wie sie das Hähnchen in den klebrigen Reis rührte und das Fett und die Farben ineinanderrinnen ließ, ehe sie den ersten Bissen nahm.
Arme Kinder … Jeden Tag das gleiche Essen … Eine trostlose Pampe …
Dann verschwand sie im Badezimmer.
Es war nun schon lange her, dass sie von den Gerüchen der Küchenuniformen erzählt hatte, die in solchen Bergen in die Wäscherei kamen, dass sie von fern aussahen wie Gletscher, die aus den hohen, vergitterten Stahlkarren emporragten, Küchenuniformen, die sich, sobald man sie ausbreitete, als völlig verschmiert herausstellten: Ölflecken an den Ärmeln, der Bund braun verklebt, der stechende Geruch, der, wenn er sich einmal festgesetzt hatte, unmöglich loszuwerden war, und wie sie alles versucht habe, ihn zu vermeiden und nie in Kontakt mit dem Schmutz zu kommen.
Ihr weißer Arbeitskittel hing an einem einsamen Haken im Flur. Gleich am ersten Tag hatten wir ihn genau inspiziert, ihn an den Ärmeln von innen nach außen gestülpt, in die riesigen Taschen hinter den Knöpfen geschaut, und alles war weiß gewesen, sogar die Nähte waren weiß, und dann dieser beißende, zitrusartige Duft.
Wir grübelten im Stillen, jeder für sich. Dennoch tauchte sie immer wieder in unseren Gesprächen auf, Má, und die Wäscherei, und was dort alles vor sich ging. Sie machte immer öfter Überstunden.
Häufig saßen Hieu und ich zusammen vor dem Fernseher, am Küchentisch, auf dem Balkon und überlegten laut: welches Waschmittel wohl benutzt wurde, ob die Angestellten Gummihandschuhe trugen, ob sich Má sonst nicht die Hände verätzen würde, ob sie die Wäsche im Sitzen oder im Stehen sortierten, wir dachten an die Hitze, die Hitze der Bügeleisen, der Maschinen, der Aggregate, an ihr glänzendes Gesicht, den Geruch, der sich Má zufolge wie eine Haut über Arme und Beine legte, der nie verschwand, ganz gleich, wie oft man duschte, wir fragten uns, wie der Chef wohl aussah und wie der Arbeitskittel am Haken im Flur nur so duften konnte.
Wenn sie nach Hause kam, wurde es still. Wie aus Ehrfurcht gegenüber dieser neuen Zerbrechlichkeit in ihr – ihr neues, nervöses Lachen – verstummten wir.
Eines Abends fasste Hieu Mut. Mit zitternder Stimme fragte er, ob wir sie nicht irgendwann mal in der Arbeit besuchen könnten. Die Wäscherei liege doch gleich um die Ecke. Da verdrehte sie die Augen und prustete los, lachte. Unter keinen Umständen könnten wir das.
Má bekam ihren Lohn am Monatsende. Manchmal, etwa, als wir die roten Plastikstühle für die Küche kauften, durfte sie um einen Vorschuss bitten.
Hieus Bücher lagen verstreut in der Wohnung herum. Ich sah ihn niemals lernen, aber die Bücher sahen immer abgenutzt aus. Er machte, was manche mit Büchern machen: kratzen, schnüffeln.
Wenn niemand zu Hause war, blätterte ich darin. In Literaturgeschichte (weißer Umschlag), am Seitenrand, schräg über einem Porträt von Hagar Olsson, stieß ich zum ersten Mal auf Isabella. Der Name war sorgfältig ausgeschrieben, dünn, mit Bleistift, mit geraden Linien und wohlproportionierten Bögen nach allen Regeln der Handschrift. Ganz einfach: achtsam.
Auf jeder Seite des Religionsbuchs (roter Umschlag): Isabella in Druckschrift, Isabella in Schreibschrift, und nach knapp hundert Seiten: Isabella in Großbuchstaben, Isabella in Rot und Lila, Blau und Orange, Isabella in schön gestalteten, mehrdimensionalen Buchstaben, bis zum Rand mit Farbe gefüllt, hineinragend in den Text und die Illustrationen, die von den letzten Tagen Jesu erzählten.
Am Ende des Frühjahrssemesters gab es eine Abschlussfeier. Der Sportsaal war zum Bersten gefüllt mit Schülern und Angehörigen, mit Personal und Kindern von anderen Schulen. Wir saßen Wange an Wange. Es brannte in den Handflächen, die Spannung war nicht auszuhalten. Einer nach dem anderen traten wir ins Scheinwerferlicht. Hier und da, nicht oft, aber öfter als einmal, ging ein Raunen durch das Publikum. Die Angehörigen applaudierten am eifrigsten, fotografierten am meisten. Auch Má hatte eine Kamera dabei. Eine ganz neue; am Abend zuvor hatte sie damit am Tisch gesessen, die kleinen Hefte mit Gebrauchsanweisungen neben der Kamera auf ihrem Schoß. In der Küche, den ganzen Abend.
Es war Hieus letzter Schulabschluss in Lagmans Grundschule. Ich beendete die zweite Klasse, er die sechste. Traditionsgemäß war es Aufgabe der ältesten Klasse, das Fest abzurunden. Ihre Münder: oh, oh, oh, ein herrlicher Klang, das Lied schwoll an, während sich die Stimmen ineinander verflochten. Der letzte Ton war noch nicht verklungen, als bereits der Jubel losbrach und das Abendprogramm beendete. Der ganze Saal pfiff und stampfte mit den Füßen zu Ehren Hieus und seines großen, stolzen Mundes.
Später, an der Bushaltestelle: Sie hängte unsere Sakkos über ihren Arm. Die Abendsonne strömte auf mich ein und drückte direkt gegen meine Augen. Der Bus kam, gerammelt voll. Ich wurstelte mit meiner Buskarte herum. Der Fahrer schaute auf mich, dann auf seine Armbanduhr, mich, seine Armbanduhr … Má und Hieu hatten zwei freie Sitze ganz hinten entdeckt, als sich die Tür schloss und die Schlange, die sich bis auf die Straße hinausringelte, entzweihieb. Ich setzte mich ganz nach vorne auf den einzigen leeren Platz. Das Anzughemd klebte mir am Körper.
Die Klimaanlage voll aufgedreht. Der Busfahrer jetzt gut gelaunt, zurückgelehnt.
Draußen blühten die Traubenkirschen. Kieselsteine prasselten gegen das Blech unterm Fenster.
Neben mir: das Liebespaar der Parallelklasse, Milla und Taisto, in einer Umarmung.
Ich blickte weiter zurück, Má schaute bereits zu mir – gleich da, formte sie mit den Lippen und zeigte auf die Informationstafel über mir. Noch vier Haltestellen. Unter ihrem anderen Arm hatte sich Hieu zusammengerollt. Unsere Sakkos bedeckten irgendwie seinen ganzen Oberkörper, nur der Kopf lugte heraus. Ihr Arm schlängelte sich unter seinem Kinn hervor und es sah aus, als ob sie mit der hohlen Hand sein Ohr bedeckte. Sie lehnte ihren Kopf gegen seinen und er schloss die Augen, beschützt.
Der Bus leerte sich. Wir stiegen aus. Die feuchte Luft. Sengend heißer Asphalt, die Silhouetten der Hochhäuser. Má und Hieu, wie sie voller Eifer den Hügel hinaufgehen.
Das war der Sommer, in dem ich lernte, beidbeinig zu dribbeln. Das Geheimnis war einfach: Machst du es bloß, um den Gegner zu erniedrigen, dann ist es, egal, wie vollendet du es ausführst, eine unnötige Fähigkeit. Wenn es dem Team nichts nützt, ist es ein leeres Talent; darin lag meine Erkenntnis, ein Wissen, das ich mir früh aneignete. Dribbling zu meistern erforderte Wiederholung, also übte ich. Má übte Fotografieren. Sie saß über ihren Gebrauchsanweisungen; entblößte ihre obere Zahnreihe, leckte sich die Unterlippe. Bald würde sie in der Stadt bei Foto Elite ihre ersten Filmrollen abgeben.
Má und ich saßen auf dem Sofa, jeder in seiner Ecke. Hieu war in unserem Zimmer. Má sah fern. Auf dem Tisch lagen drei Stapel Fotos, die meisten misslungen, entweder waren sie ganz schwarz oder sie zeigten ein rundes, diffuses Licht, eine Lampe oder einen Mond.
Auf manchen war unsere Wohnung zu sehen: die Küche, das Wohnzimmer, Más Zimmer, unser Zimmer, das Bad. Verwackelte Nahaufnahmen: das Telefon, der Wasserhahn in der Küche, der Schreibtisch. Auf den Bildern von Hieu und mir sah man nie unsere Augen, nur Rücken, Wangenknochen, Haaransätze.
Eine Nahaufnahme der Schaukel auf dem Schulhof. Blumenbuketts und weiße Hemden. Vom Schulabschluss.
Ich blätterte weiter.
Fotos aus der Turnhalle, die Zeugnisvergabe. Ein Mädchen mit ihrer Klasse auf dem Weg zur Bühne. Dasselbe Mädchen – unscharf, mitten in einer Bewegung – auf dem Weg von der Bühne. Auf dem letzten Bild setzt sie sich wieder ins Publikum. Blickt in die Kamera.
Dieses Foto betrachtete ich lange.
Halb beleuchtet: Anzüge, Kleider, verschwommene Bewegungen kleiner Kinder. Das Mädchen blickt in die Kamera, ihre Arme hängen, sie wirkt vollkommen entspannt. Im Hintergrund sieht man Hieu, sein albernes Lächeln, ganz still im Gewimmel hinter dem Mädchen und ihren roten Augen.
Má, in ihrer Ecke des Sofas, blickte zu mir herüber.
Das ist Isabella … Sie war so schön.
Das war der erste Abend mit den Fotos. Hieu kam aus dem Zimmer und setzte sich zu uns aufs Sofa. Er fing an, einen der Stapel durchzublättern, wir blätterten beide; ich beobachtete ihn, wie er neben mir saß und sich die Fotos anschaute, in ihnen blätterte, wie er sie systematisch abarbeitete, jedem gleich viel Zeit widmete.
Erst später, als wir im Bett lagen, fiel mir auf, dass er ein Foto mit ins Zimmer genommen hatte. Er lag da und betrachtete es, als Má hereinkam: Sie öffnete die Tür und ging zu ihm, er lag halb zugedeckt auf dem Bauch, die Ellbogen aufgestützt, das Kinn in den Händen und das Foto vor sich auf dem Kissen. Sie kam wortlos herein – sie nahm ihm das Foto weg – und sie ging wortlos hinaus. Im schwachen Licht seiner Nachttischlampe erhaschte ich einen Blick auf das Bild, das letzte Foto von Isabella, mit dem lächelnden Hieu im Hintergrund, das einzige Bild von den beiden.
Ich sollte die Bilder noch oft durchsehen. Am Ende lagen sie in einem Stapel vor mir. Ich tastete mich an eine Chronologie heran – Datum, Uhrzeit – und ordnete sie. Später versuchte ich sie nach anderen Prinzipien zu sortieren: Farbe, Licht, Schärfe. Zuletzt nach der Größe von Isabellas Augen: die größten Augen zuerst, die kleinsten zuletzt. Die übrigen Fotos interessierten mich nicht mehr.
Um die innere Ordnung der Fotos zu verstehen, hätte ich verstehen müssen, was ihnen vorangegangen war, hätte etwas über Hieus Gefühlsleben wissen müssen, darüber, was ihn während dieser Monate beschäftigte. Will sagen: eine gewaltige Liebe, glühend rot, über die Ränder hinaustretend.
Manchmal hörte man, es sei eine kleine Stadt, in der wir wohnten. Eine schöne, kleine Sommerstadt, schöne Sommer; Schärengarten, Erholung im Freien.
Es gab Tage, an denen Má mit uns ins Schwimmbad ging. Laue, stillstehende Morgen. Die Tante am Eingangsschalter schien erstaunt, fast gekränkt, wenn wir auftauchten.
Die Schwimmhalle war menschenleer, ganz leer, bis auf den Bademeister, der mit einer zusammengerollten Zeitung in der Hand auf und ab schlenderte und gelegentlich einen Blick auf uns warf. Wir liefen zwischen den Schwimmbecken hin und her, bis Hieu und ich schließlich fröstelnd ins Kinderbecken stiegen. Hieu fing an zu planschen, bis das Wasser über den Beckenrand spritzte. Den Bademeister schien das nicht zu stören. Dann schwamm Hieu ein paar Längen, hin und zurück, ohne Pause. Zuletzt stiegen wir aus dem Becken und leisteten Má im Whirlpool Gesellschaft. Sie strich uns das Haar aus der Stirn.
Später warteten wir vor dem Eingang, während sich Má in der Damenumkleide die Haare föhnte. Es war ein wirklich schöner Tag. Laue Brise, zitternde Baumkronen. Má kam heraus und machte ein Foto von uns auf der warmen Steintreppe.
Auf dem Heimweg gingen wir zur Eisdiele auf dem Hauptplatz. Jeder eine Vanilleeistüte in der Hand, setzten wir uns dann vor den hohen Rathaustüren auf eine Bank und blickten hinunter auf die Familien, die zwischen den Blumenrabatten herumschlenderten. Hieus sonnenflimmerndes Haar. Es dauerte nicht lange, ehe er anfing, mit dem Bein zu wackeln, rastlos, mit dem Fuß auf dem Boden wippend wie eine gespannte Feder. So saß er eine ganze Weile, wippte, bis Má es bemerkte und ihm die Hand aufs Knie legte. Er hörte auf, und sie ließ ihre Hand liegen.
Die Autos fuhren langsam mit offenen Fenstern an uns vorbei. Fahrer und Beifahrer mit Sonnenbrillen. Familien auf dem Weg zum Strand, munter und fröhlich in der Sommerstadt.
Wir überquerten den Hauptplatz, gingen heimwärts. Má mit leicht gekrümmtem Rücken, die Kamera wie ein steinschweres Schmuckstück um ihren Hals.
Wochenlang war Hieu am Kino vorbeigegangen und hatte das Plakat im Schaufenster betrachtet: die Frau im roten Samtkleid und mit schwarzen Ohrringen, der Mann im dunklen Anzug, die Augen geschlossen, sein Kopf in ihrem Schoß. Ein Liebesfilm aus Hongkong. Er hatte bis zum vorletzten Tag gewartet, an dem der Film gezeigt wurde: Nachmittagsvorstellung, halber Preis.
Má war noch nie im Kino gewesen, nicht, seitdem wir hierhergekommen waren.
Es war Strandwetter, hell und mild, wir trugen dünne Klamotten. Als wir zum Kino kamen, waren die anderen Besucher bereits hineingegangen und hatten sich im Saal auf ihre Plätze gesetzt.
Die Vorstellung war so gut wie ausverkauft. Klickende Jackenknöpfe, Schokoladenpapier, Pistazien. Rascheln.
Hieu sagte den Titel des Films.
Er hatte wochenlang darüber geredet.
Irgendjemand verliebt sich in irgendjemand … Zwei Paare ziehen gleichzeitig als Mieter in dasselbe Haus und werden Nachbarn. Bei der Frau des einen Paars und dem Mann des anderen regt sich nach und nach der Verdacht, dass ihre jeweiligen Partner miteinander eine Affäre haben. Sie leben sich in den Verdacht ein, fangen an, die fantasierten Situationen nachzuspielen.
Während der Werbung schlich Má hinaus, geduckt durch die Dunkelheit. Zurück kam sie mit einer großen Flasche Limonade, dazu Chips und Popcorn.
In der ersten Szene beziehen die beiden Paare ihre Zimmer. Die Möbelpacker tragen die Möbel die engen Steintreppen hinauf. Alle stehen eng aneinandergedrängt da. Alle sind verschwitzt, außer Maggie und Tony. Maggie und Tony: die Frau des einen Paars, der Mann des anderen. Maggie & Tony: das Plakatpaar.
Vermieterin: Was für ein Zufall, dass Sie am selben Tag einziehen.
Tony: Der Sessel kommt dort in die Ecke.
Möbelpacker: Ihr habt aber viel Zeugs für ein Paar.
Maggie: Vorsicht mit dem Spiegel, passen Sie auf, wenn Sie den Spiegel aufhängen!
Tony: Sind das Ihre Zeitschriften?
Maggie: Ja, die gehören meinem Mann.
Die zweite Szene spielt im Wohnzimmer. In einer Gesellschaft, bei der sich auch die Vermieterin befindet, wird an einem runden Tisch Mahjong gespielt. Alle sind sehr gut angezogen. Maggies Mann ist ebenfalls dabei, er sitzt mit dem Rücken zur Tür. Maggie kommt herein, als Tony gerade das Zimmer verlässt – ihre Blicke begegnen sich. Maggie setzt sich zu ihrem Mann, der berührt kurz ihren Arm und wendet sich dann wieder den Mahjongsteinen zu. Rauch steigt auf und sammelt sich in trägen, dichten Wirbeln unter dem Lampenschirm.
Má stand auf und ging wieder hinaus, einfach so.
Während des Abspanns blieben alle sitzen. Das Licht ging an und wir landeten mitten im Menschenstrom Richtung Ausgang. Die anderen Kinobesucher redeten eifrig über den Film und über anderes, sie redeten über alles Mögliche, während sie auf ihre gestikulierenden Hände blickten. Das sah lustig aus, wie sie fuchtelten, während sie redeten.
Draußen verstummte das Gerede. Alle standen schweigend vor dem Kino und blickten hinauf zu den Wolken. Ein heftiger Regen. Einer nach dem anderen rauschten die Kinobesucher zum Parkplatz. Einzelne, vorwärtskriechende Autos; ein unerklärlich langsamer Verkehr. Má stand weit entfernt auf der anderen Straßenseite, unter der Markise vor der Apotheke. Sie hatte die Haare aufgemacht – bald würden wir wieder zu Hause sein –, sie klebten ihr feucht im Gesicht; den ganzen Abend würde sie in ihrem Bett liegen und die Wärme würde sich unter der Decke ausbreiten.
Hieu nahm mich an der Hand, zog mich hinter sich her, führte uns über die Straße.
Má blickte geradeaus. Ihre Kleider hingen glatt und kalt an ihrem Körper. Der Autolack spiegelte sich im Schaufensterglas, Más Augen. Unter den Kanalgittern gurgelte es. Má sagte etwas Unhörbares.
Es war, im Großen und Ganzen, ein verregneter Sommer.
Nebelwolken vor dem Klassenfenster. Ich sah meine Schulkameraden wieder, heimgekehrt von ihren Urlaubsreisen – die dünnen, weißen Hemden über der rotverbrannten Haut. Am ersten Tag sollten wir einen Aufsatz über unsere Sommerferien schreiben. Am Ende der Stunde konnte man ihn, wenn man wollte, vorlesen.
Ich musste mir eine Zeit ins Gedächtnis rufen, die vom Jetzt kaum zu unterscheiden war. Es war ja immer noch Sommer, während wir dort saßen, sommersprossig und rosig, zurückgekehrt unter das blendende Licht der Leuchtstoffröhren.
Die Sommerferien …
Die Wolken, und dann die Sonne.
Wenn es regnete, wenn es windig war.
Der Lehrer stand auf und ging hinaus, und meine Klassenkameraden krümmten sich über ihre Pulte. Wir waren uns selbst überlassen. Und nun, bei diesem Anblick, dem Anblick meiner Klassenkameraden – sommersprossig, rosig, mit hellen Haaren, mit dunklen Haaren –, musste ich auf einmal blinzeln und wurde kurz darauf von einem merkwürdigen Schwindel erfasst, einem schnell vorübergehenden Schwindel, der mich irgendwie dazu brachte, klar zu denken.
Ich stellte mir den Sommer als ununterbrochene Reihe von Tagen vor: der Wind, das Licht, das Einschlafen und das Aufwachen, die Nachmittage, der Regen in der Nacht.
Dann schrieb ich drauflos, wie ein Tier, sozusagen.
Josefine hatte über ihren Familienurlaub in Indien geschrieben.
In Indien war es warm.
Wie in einer Sauna.
Sie gingen zum Markt.
Es war ein großer Markt.
Sie kauften Kräuterpflanzen.
Die Kräuterpflanzen nahmen sie mit nach Hause.
Für mehr habe die Zeit nicht gereicht, entschuldigte sie sich, aber der Lehrer bedankte sich und meinte, es sei ganz toll gewesen.
Emilia hatte über ihren Aufenthalt in einem Reitlager in Ostfinnland geschrieben … Eine grottenschlechte Geschichte, die sie noch dazu unbegreiflich langsam vorlas, aber der Lehrer fand sie ausgezeichnet.
Und so ging es weiter.
Ich konnte es so aussehen lassen, als hätte ich mich in letzter Minute entschlossen, als wäre das mit dem Vorlesen eine Art spontaner Einfall gewesen, also hob ich, nachdem alle anderen, die wollten, mit dem Vorlesen fertig waren, die Hand, und obwohl es eigentlich bereits Zeit war für die Pause – Rauschen in den Korridoren, Lärm und Gelächter auf dem Schulhof –, hatte der Lehrer keine Wahl. Ich streckte mich und fing an zu lesen.
Der Strand. Die Wellen und die Sonne.
Ich hatte über den Tag geschrieben, als Má mit uns ans Meer gefahren war.
Anstatt im Schwimmbad spielte sich alles in Fäboda ab. Wir badeten also im Meer, und das Wasser ließ Salz auf unseren Lippen zurück. Wir aßen Eis am Strand, und als es dunkel wurde, fuhren wir mit dem Bus nach Hause.
Ich hörte meine Stimme, ich fühlte meinen Puls – es war eine Art Strom –, und ich wurde beim Lesen allmählich schneller. Ich hatte Sätze mit Beistrichen und Adjektiven geschrieben. Meine Grammatik war vollendet. Ich las mit Gefühl.
Die brennende Sonne.
Die hohen Wellen.
Ich beschrieb die Busfahrt, und wie Má sich später zu Hause mit dem Föhnen ihrer regennassen Haare plagte.
Hinterher blickte der Lehrer auf die weiße Uhr über der Tür. Er schaute in die Runde und lobte uns, bedankte sich für die schönen Aufsätze. Von der Pause waren noch fünf Minuten übrig. Eine seltsame Stimmung. Er blickte in die Runde, würdigte mich aber keines Blickes.
Ich und Matti, der Lehrer. Das Surren der Leuchtstoffröhren.
Für den Rest des Tages fiel es mir schwer, mich zu konzentrieren. Im Unterricht war ich voller Eifer, laut, getrieben von etwas Unbekanntem, einem fremden Appetit, der sich zu erkennen gegeben hatte.
Eine vollendete Grammatik.
Matti muss erstaunt gewesen sein, ja, völlig verblüfft, von meinem Aufsatz.
Tuomas hatte darüber geschrieben, wie er seinem Bruder mehrere Wochen lang beim Rumschrauben an dessen Moped geholfen hatte. Jürgen hatte über den Kokkola Cup geschrieben, das Fußballturnier, alles drehte sich um Fußball; er erwähnte jedes Resultat, jeden Torschützen, welche Teams welche Medaillen erhalten hatten und so weiter, und so weiter, und das war es …
Josefine … Siri … Emila … Timo … Tove … Jürgen … Jeder Einzelne von ihnen … Schrecklich …
In den Pausen war es anders. Besnik und Juri und ich waren Teamkameraden. In der Pause vor der letzten Schulstunde, es war an einem späten Nachmittag, entdeckten wir etwas Neues. Eine plötzliche Koordination unserer Bewegungsmuster. Das war neu, und es war kein Zufall, denn wir machten es wieder und es funktionierte, und am nächsten Morgen wieder und es funktionierte wieder. Das Ganze lief darauf hinaus, den Ball sofort wiederzugewinnen, wenn wir ihn verloren hatten, wir mussten es gemeinsam tun, unmittelbar: Mit aller Kraft rauschten wir dann auf den Gegner zu, und wenn der Ball weitergepasst wurde, rauschten wir weiter, zusammen, wie ein Schwarm, bis wir ihn zurückerobert hatten. Es war einfach. Unsere Schulkameraden standen mit den Händen in den Hüften da, verdutzt, überließen uns den Ball, als wäre es ihre Pflicht.
Es funktionierte wochenlang, bis sich uns schließlich ein paar von den Älteren in den Weg stellten und den Ball verteidigten, sie standen einfach da und wir rannten geradewegs in ihre massiven Rücken hinein.
Besnik und Juri und ich: für ein paar Wochen waren wir ein einziger, unüberwindbarer Organismus; ein stürmender, lachender Haufen.
Es war eine Zeit des Spielens.
In den Herbstferien sollten Má und ich nach Tampere fahren. Sie hatte sich von einer Kollegin ein Auto geliehen. Wir fuhren frühmorgens an einem Freitag. Sie weckte mich im Morgengrauen. Hieu atmete tief und rhythmisch auf der anderen Seite des Zimmers. Es würde sein erstes Wochenende allein sein, seit Wochen hatte sie davon geredet.
Má redete, wie immer in der Küche, und wir hörten zu: Kein Grund, sich Sorgen zu machen, nur ein Wochenende, nichts Besonderes. Dann reckte Hieu den Hals, seine Augen schweiften über den Hof, bis zu den Linden an der Straße, wo die vorbeifahrenden Autos zwar zu hören, durch das Astwerk hindurch aber kaum zu erkennen waren. Neuerdings saß er immer mit kerzengeradem Rücken – der Oberkörper eins mit der Stuhllehne –, und jedes Mal, wenn wir am Esstisch saßen und Má uns versicherte, dass alles gut gehen würde, blickte er noch länger hinaus, ließ den Blick auf dem Gras und den Bäumen ruhen, das Gesicht völlig reglos, ohne zu blinzeln, nicht einmal sein Mund bewegte sich.
Im Morgengrauen, auf dem Parkplatz: Más zögernder Blick nach oben zu unserem Schlafzimmerfenster. Sie startete den Motor und wir verließen den Parkplatz, fuhren langsam durch das Wohnviertel, bis zur Landstraße.
Ich hatte in einem Atlas nachgesehen. Genau in der Mitte der Linie, die sich zwischen Jakobstad und Helsinki quer über die Karte zog, lag Tampere.
Der Ford Focus von Más Kollegin. Stück für Stück bohrten wir uns ins Land hinein, so stellte ich es mir vor.
Auf dem Rücksitz bewegte ich mich hin und her: nach links, um den Gegenverkehr zu beobachten, nach rechts, um die sonderbare, matschige Landschaft zu betrachten. Die Sitzbezüge fühlten sich an meinen Armen kalt und weich an. Má drehte das Radio lauter. Es war der erste richtige Herbsttag. Überall brachen die rostigen Farben hervor. Ich saß mit dem Gesicht gegen das Fenster gelehnt. Trinh Cong Son sang von einer unglücklichen Liebe:
wie die Wellen sich sehnen, den Strand zu liebkosen
so sehne ich mich nach deinem warmen Schoß
Ich erwachte zu Más unerwartet heller und hektischer Stimme. Die Sonne war aufgegangen. Der Dunst lag still in der Luft. Überall Lachen.
Die Autos standen ordentlich geparkt entlang des niedrigen Zauns vor dem Haus. Im Garten wuchsen Büsche mit roten und schwarzen Beeren. Wir waren kaum ausgestiegen – unter der Motorhaube knisterte es noch –, als ein Mann und eine Frau, sie waren die Gastgeber, auf uns zugeeilt kamen und uns umarmten. Frau Ngoc und Herr Chim, immerzu lächelnd, so, dass man dabei die Zähne sah. Frau Ngoc in einem langen, türkisfarbenen Kleid, Herr Chim mit zugeknöpftem Hemd und einer runden, an einer Schnur hängenden Brille. Hin und wieder nahm er die Brille ab und warf einen kurzen Blick darauf, ehe er sie wieder ganz unten auf seinem Nasenbein platzierte. Má erzählte eifrig von der Autofahrt, während sie unser Gepäck ins Haus trugen.
Wir gingen über den Rasen auf das Haus zu. Ein rotes Holzhaus mit Flachdach. Auf der Terrasse saßen eine kurzhaarige Frau und ein Mann, in lebhaftem Gespräch. Der Mann lächelte und nickte in unsere Richtung, er fragte, ob Tante Tei Tei nicht eigentlich auch hätte mitkommen sollen, und Má antwortete, diesmal habe es sich nicht so ergeben, und dass man bei Tante Tei Tei ja ohnehin nie wissen könne.
Frau Ngoc führte uns durch das Haus. Leichte Schritte auf dem knarrenden Fußboden: das Bad, die Sauna – ihre türkisfarbenen Arme hingen in der Luft – und hier ist das Gästezimmer, wie du dich vielleicht erinnerst …
Wir kamen in eine aufgeräumte Küche mit Glastür und einem kleinen Fenster zum Hintergarten. Der Garten, der Straßenrand und die Waldlichtung. Dort streiften sie herum, die Kinder der Gastgeber, ein Geschwisterpaar. Má schubste mich in den Raum, nicht zur Tür, sondern geradeaus zum Fenster hin, als wünschte sie sich, dass der sanfte Griff ihrer Hände um meine Schulterblätter mich vom Boden abheben und durch das Fenster schweben lassen würde – und ich glitt über den rutschigen und vor Feuchtigkeit glänzenden Rasen unserer Gastgeber auf das spielende Geschwisterpaar zu. Hinter mir war Frau Ngocs Stimme zu hören, abgewandt, bereits wie aus der Ferne: Nur kurz abräumen, dann können wir anfangen.
