Schatten von dir - I. Maria C. Utz - E-Book

Schatten von dir E-Book

I. Maria C. Utz

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Beschreibung

Eine Erzählung über eine junge Frau, die versucht im Prozess des Erwachsenwerdens eine Trennung zu verarbeiten.

Das E-Book Schatten von dir wird angeboten von tredition GmbH und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Trennung,Liebe,Selbstfindung

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 202

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Für Sophia,ohne die es dieses Buch nicht gäbe.

I. Maria C. Utz

Schatten von dir

© 2017 I. Maria C. Utz

Umschlag, Illustration: I. Maria C. Utz

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN (Paperback)

978-3-7439-3935-6

ISBN (Hardcover)

978-3-7439-3936-3

ISBN (e-Book)

978-3-7439-3937-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Dornröschen

Wenn die Hoffnung blüht wie wilde Rosen,Wenn sie wuchert, wächst, gedeiht,Wenn die Wurzeln tiefer schlagenUnd die Äste dicker werdenMit jedem Jahr, das so verstreicht,Vermag die schärfste Klinge eines SchwertesNicht die Rose zu vernichten,Welch’ mich da am Leben hält.

~*~

Ich blickte aus diesem Fenster. Eigentlich müsste es einen Film über mein beschissenes Leben geben. Hollywood dreht doch über jeden Mist einen Film. Warum also nicht auch über das, was mir passierte? Das, was wirklich war. Das echte Leben. Nicht nur dieses ewige Zuckerwattengepuste von Happy Ends.

Ich nahm mir eine Zigarette aus der Schachtel auf der Fensterbank. Frische Luft. Ja, das brauchte ich jetzt. Also machte ich das Fenster auf, obwohl es draußen einige Grade unter null hatte. Langsam setzte ich mich auf die Fensterbank. Mein rechtes Bein baumelte heraus. Ich hatte diese blaue, alte Jogginghose an und ein überdimensionales, schwarzes T-Shirt, unter dem sich meine Brüste trotzdem noch abzeichneten. Es hing vorne an meinen Nippeln fest, die eindeutig zu erkennen gewesen wären, hätte sich jemand dafür interessiert. Die kalte Luft ließ mich in meinem aufgeheizten Körper erschauern. Ich steckte mir die Zigarette an und sog den Rauch tief in meine Lungen. Augenblicklich spürte ich die berauschende Wirkung des Nikotins. Ja, ich war noch am Leben. Auch nach diesem ganzen Mist noch.

Mein Herzschlag fing langsam an, sich wieder zu normalisieren und meine Atmung wurde wieder flacher. Vor zwei Minuten noch hatte ich in meinem Bett gelegen und masturbiert. War gefangen in dieser Sucht nach diesem einen kurzen Augenblick, den man am liebsten einfrieren würde. In Gedanken spielte man alle Szenarien durch. Mit wem, wie lange und warum.

Bei mir war es immer noch derselbe, an den ich dachte, wenn ich kam. Obwohl man das Gefühl eines Orgasmus vielleicht als das größte Rauschmittel ansehen könnte, fühlte man sich dennoch nach einem selbst herbei-geführten Höhepunkt dreckig. Dieser reine Moment voller Lust und Verlangen reduziert sich unmittelbar danach auf eine Unbedeutendheit, die einem Angst machen kann. Man ekelt sich auf einmal vor sich selbst und vor dem, was man gerade getan hat.

Ich starrte hinaus in die Dunkelheit. Überall glitzerte Schnee. Ich hasste den Winter. Da wurde einem immer so unvermeidbar klar, wie furchtbar alleine man auf dieser gottverlassenen Welt war. Es war, als würde ständig jemand mit dem Zeigefinger auf diese Tatsache zeigen und deinen Blick so lange auf sie richten, bis du keine andere Chance mehr hast, als es endlich resigniert einzusehen.

Frustriert schnippte ich die Zigarette hinunter auf die Straße, zwischen die dort unaufhörlich vorbeihuschenden Autos, fast schon wie die Lichtschleier in den Zeitraffern in amerikanischen Filmen.

Ich nahm mir noch eine Zigarette und machte sie an. Ein bisschen Asche fiel auf die Jogginghose, die ich trug. Ich beobachte den Aschefummel, wie er langsam hinunter schwebte und sich sanft auf meinen Oberschenkel legte. So wie Schnee. Als mein Blick an der Hose hängen blieb, durchzuckten mich Bilder. Bilder aus Erinnerungen, die ich versucht hatte, mir zu verbieten, sie auszublenden, zu ignorieren, sie zu töten, sie aus mir heraus zu schneiden wie einen fiesen Tumor, der nicht aufhören wollte zu wachsen und mich mit seinem Gift zu verseuchen. Dennoch fanden sie immer wieder den Weg aus meinem Unterbewusstsein nach oben, genauso wie gerade.

… Ich lag in seinem Bett. Eine wunderbare Nacht voller Lust und Leidenschaft lag hinter uns. Unsere erste Nacht zusammen. Ich schwebte irgendwo in anderen Sphären. Die Sonne spitzte ganz vorsichtig durch das einzige Fenster in seiner Wohnung im obersten Stock. Langsam drehte ich mich nach links. Er lag wirklich da neben mir. Dieser wunderschöne Mann. Ob ich ihn wohl schon wahrhaftig liebte? Ich war mir in diesem Augenblick noch nicht wirklich sicher. Zu ihm gesagt hatte ich es heute Nacht zum ersten Mal. Aber hatte ich es auch schon so gemeint? Aus tiefstem Herzen? Ich wusste es nicht, aber ich wollte mir alle Zeit nehmen, um es herauszufinden. An seiner Seite. Er war so wunderschön, wie er dort lag und döste. Unter der Decke zeichneten sich die Konturen seiner Brust ab und als mein Blick seinen Körper studierte, erfüllte mich auf einmal eine so unglaubliche Wärme tief aus dem Bauch heraus, die mir sagte, dass ich womöglich angekommen war, wo ich hingehörte. In seine Arme. Genau hierher. Neben ihn in dieses Bett.

Ich beugte mich nach vorne und küsste ihn auf die Stirn. Er blinzelte und rieb sich dann die Augen. Es dauerte einen Augenblick, bis sein Blick mich fand und unmittelbar breitete sich ein umwerfendes Lächeln auf seinem unverschämt perfekten Gesicht aus. „Ich liebe dich, mein Schatz“, sagte er, zog mich mit der linken Hand an sich und küsste mich leidenschaftlich und fordernd. Als er mich wieder freigab, funkelten seine Augen dämonisch.

Ich liebte diesen Gesichtsausdruck. Da sah er so gefährlich und böse aus. Richtig teuflisch. Doch bevor ich ihm wieder verfiel und wir in einer Runde Morgensex gelandet wären, drehte ich mich von ihm weg und setzte mich auf die Bettkante. Ich trug seine alte, blaue Jogginghose…

Ich verbot es mir, weiter zu denken. Zu weh tat es mir schon wieder und das, obwohl die Erinnerungen an ihn und unsere Zeit eigentlich das Beste und Wertvollste waren, was ich im Moment besaß.

Alles war so unglaublich unreal. Das ganze Leben nach ihm. Ich fühlte nichts. Keine Hitze. Keine Kälte. Nur immer wieder diesen Schmerz, der durch meinen Körper zuckte, wenn ich an ihn dachte und die Bilder über mich hereinbrachen wie eine Sturzflut. Es fühlte sich alles so taub an. So wie sich die Finger angefühlt haben, wenn man als Kind zu lange ohne Handschuhe im Schnee gespielt hatte.

Überhaupt war der Vergleich zwischen Liebe und Schnee auf der Haut nicht einmal so abwegig. Wenn Schnee auf die Haut fällt, wird es erst heiß, dann kalt und am Ende tut es einfach nur noch weh. Mit der Liebe verhielt es sich doch genauso.

Gierig sog ich den letzten Zug meiner Zigarette ein, ließ sie dann einfach hinunterfallen, ohne zu beobachten, auf welchem teuren Auto sie diesmal landete.

Mir war schlecht. Die Erinnerung und das Nikotin hatten mich schwindelig gemacht. Ich sprang von der Fensterbank zurück in mein Schlafzimmer und stieß mir beim Aufprall den Knöchel. Verflucht.

Ich schlug das Fenster zu. Sobald ich den Riegel vollständig geschlossen hatte, kehrte vollkommene Stille ein in dieser Dreizimmerwohnung im 8. Stock. Hier lebte ich. Alleine. Zurückgezogen von allen Menschen, die ich einst gekannt hatte. Nach der Sache mit ihm hatte ich es nicht mehr länger ausgehalten. Ich hatte alles zusammen-gepackt und war umgezogen. Weg von allem. Weg von ihm. Weg von den Erinnerungen in der damaligen Wohnung.

Das war sowieso schon überfällig gewesen. Ich brauchte einfach Zeit für mich, um erst einmal herauszufinden, wer ich jetzt war. Ich musste zu mir finden und wieder mit mir in Einklang kommen, bevor ich wieder mit anderen Menschen klarkam. Er hatte alles verändert. Alles. Mein Leben. Meine Einstellung zum Leben. Mich.

Jetzt, hier, alleine, war alles besser.

Nein, war es nicht, aber noch wollte ich mir das nicht eingestehen.

~*~

Das schrille Klingeln meines Weckers riss mich um kurz vor sechs Uhr aus einem traumlosen Schlaf. Gleichgültig drückte ich auf den Knopf, schlug die Decke zurück und setzte mich an die Bettkante. Ich blinzelte in das zwielichtige Morgengrauen eines weiteren trüben Wintertages. Ausgiebig rieb ich mir die Augen, gähnte genüsslich, streckte mich und stand auf.

Im Vorbeigehen an der Unterwäschekommode schnappte ich mir einen Haargummi und band mir die Haare zusammen. Langsam schlurfte ich in die Küche, setzte Kaffee auf, und während sich das Wasser in das heißgeliebte Getränk verwandelte und die ganze Wohnung mit diesem herrlichen Morgenduft erfüllte, ging ich ins Bad, um mich für einen neuen Tag im Büro vorzubereiten.

Ich putzte mir gerade die Zähne, als plötzlich wieder ohne Vorwarnung ein Schwall Bilder über mich hereinbrach. Ich atmete zischend ein und verschluckte mich fast an dem Schaum aus Zahnpasta in meinem Mund.

… Langsam stand ich auf, damit er auch jede meiner Bewegungen studieren konnte. Bevor ich mich ins Bad verkrümelte, drehte ich mich noch einmal zu ihm und betrachtete diesen gottgleichen Mann, wie er begierig zu mir hochblickte. Ich stand grinsend da, mit einer Hand an der Hüfte und legte den Kopf schief, als ich sah, wie sein Blick langsam und genüsslich über meinen nackten Oberköper glitt. Irgendwann blieb er an der Hose hängen. Er grinste. „Aber die will ich wieder haben.“

Als Antwort zog ich nur eine Augenbraue nach oben, drehte mich noch breiter grinsend einfach nur um und hüpfte leichtfüßig ins Bad.

Ich konnte nicht anders als lächeln. Als ich mich im Spiegel sah, war ich ziemlich verblüfft. Ich strahlte. Mein ganzes Gesicht versprühte Lebensfreude, meine Augen spuckten Feuer. So hatte ich mich noch nie gesehen. Ich war wirklich glücklich. Das wurde mir in diesem Augenblick schlagartig klar. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich wirklich und wahrhaftig glücklich und ich wusste auch, dass das nur wegen ihm so war. Er war meine Sonne. Meine Sonne in der Dunkelheit.

Ich kicherte leise. Ich kam mir vor wie ein verliebter vierzehnjähriger Teenager.

Frech wie ich war, schnappte ich mir seine Zahnbürste und putzte mir damit die Zähne. Anschließend schlug ich mir eiskaltes Wasser ins Gesicht, um die Müdigkeit und auch diesen letzten Zweifel in mir, der mir ständig sagte, dass ich träumte, zu vertreiben. Als ich mich wieder aufrichtete, stand er hinter mir. Ich hatte ihn nicht gehört. Ich konnte ihn im Spiegel grinsen sehen. Als ich sein Lächeln genauso frech und neckisch erwiderte, kam er noch einen Schritt näher und drückte sich von hinten an mich. Ich spürte, dass er nichts anhatte und lief unwillkürlich rot an, obwohl es mir überhaupt nicht peinlich war, ihn so nah bei mir zu haben. Im Gegenteil.

Er fasste von hinten um mich herum und schloss mich mit zwei starken Armen vollkommen ein. In dieser Umarmung steckte mehr Gefühl als erwartet. Sie war bestimmend und besitzergreifend, als ob er mir sagen wollte, dass ich jetzt ihm gehörte und für nichts und niemanden auf der Welt würde er wieder fortgehen, es sei denn, ich wollte es so.

Dieses stumme Zugeständnis entwaffnete mich und machte mich in diesem Moment wehrlos, auch wenn ich mich mit einer Leichtigkeit aus dieser Umarmung hätte befreien können. Aber das wollte ich gar nicht. Ich wollte bei ihm sein, ihn bei mir haben und vor allem wollte ich, dass ich ihm gehörte und zwar nur ihm. Ich wollte nicht, dass er ging. Nie mehr.

Er biss ganz sanft und leicht in mein rechtes Ohrläppchen. Dann flüsterte er: „Gibst du mir bitte meine Hose zurück, denn sonst muss ich den ganzen Tag nackt rumlaufen, und ich weiß ja nicht, ob dir das so passt, wenn mich jeder so sieht.“ Langsam drehte ich mich in seinen Armen zu ihm um. Ich war ihm so nahe. Mein Mund war direkt neben seinem linken Ohr und erst knabberte ich etwas daran. Dann küsste ich seinen Hals. Ich wusste, dass er das mochte, und fühlte, wie er sich sofort entspannte und meine Berührungen genoss. Langsam und zärtlich wanderte ich mit meinen Lippen an seinem Kiefer entlang, bis ich seine Lippen fand. Er hielt mich die ganze Zeit fest und verstärkte seine Umarmung und ich konnte fühlen, dass auch er nicht wollte, dass ich wegging.

Er erwiderte meinen Kuss. Erst vorsichtig, als ob er Angst davor hatte, dass ich zerbrechen könnte, dann wurde er fordernder und wilder. Die Spannung und das Verlangen zwischen uns musste direkt sichtbar sein. Zwei Körper, entflammt vor Begierde, Lust und Dankbarkeit, dass sie einander gefunden hatten.

Er drückte sich immer fester an mich und seine Haut brannte auf meiner. Ich konnte sein Verlangen spüren. Ein Verlangen, das nur darauf aus war, so wenig Platz zwischen uns zu lassen wie nur irgendwie möglich. Die Wärme seines nackten Oberkörpers floss direkt in mich hinein, als ob wir in diesem Augenblick durch ein Band verbunden wurden, das sich immer enger um unsere Herzen legte und uns miteinander vereinigte, uns immer näher aneinander zog. Wie ein Herz in zwei Körpern.

Als ich mich atemlos und etwas schwindlig kurz von ihm löste, sagte ich ganz leise und verschmitzt grinsend: „Die musst du dir schon wieder holen.“

Sofort breitete sich wieder dieser teuflische Gesichtsausdruck auf seinem Gesicht aus, den ich so sehr liebte. Seine Augen blitzten dämonisch und gefährlich, er zog seinen rechten Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln nach oben und senkte sein Kinn, sodass er mich von unten nach oben anschauen konnte. Allein bei diesem Blick wurde ich sofort schwach und wieder durchfloss mich unwillkürlich ein Gefühl von Geborgenheit und Dankbarkeit. Mit jeder Sekunde war ich mir sicherer, dass er bleiben würde und zwar für immer. Ich war angekommen. Er war mein Weg, mein Ziel, alles was ich brauchte, um mein Leben perfekt zu machen. Niemals würde ich ihn wieder hergeben. Niemals würde ich ihn wieder gehen lassen. Und genau in diesem Moment war meine Entscheidung gefallen. Er oder keiner.

Er gluckste. „Das hätte ich an deiner Stelle jetzt lieber nicht gesagt.“

Sofort nahm er mich wieder fest in seinen Armen gefangen, verwickelte mich in einen weiteren Kuss und drückte mich ganz sanft, aber unglaublich bestimmend in Richtung Bett. Ich stolperte rückwärts, aber er hielt mich fest. Eigentlich trug er mich fast.

Im Schlafzimmer angekommen, warf er mich aufs Bett, schaute von oben auf mich herab und ich grinste ihn verführerisch an, räkelte mich, hob den Finger nach oben und deutete ihm, näher zu kommen. Ich musste nicht eine Sekunde lang warten, denn sofort breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus und er kniete sich über mich aufs Bett, beugte sich nach vorne und küsste mich wieder. Ich umschlang ihn mit beiden Armen und zog ihn näher an mich. Mit den Händen fuhr ich genüsslich über seinen starken, nackten Rücken. Ich fühlte die Muskeln, wie sie sich an- und abspannten. Ich fasste ihn so unglaublich gerne an. Er war meine Sucht.

Nach kurzer Zeit löste er sich aus meinen Armen und fing an, mich mit seinen Lippen zu liebkosen. Erst mein Gesicht, dann meinen Hals und ganz langsam hinunter zu meiner Brust. Dann wanderte er zu meinem Bauchnabel und spielte mit der Zunge darin herum. Es gab keinen Zentimeter meiner Haut, den er ausließ. Jede einzelne Berührung seiner Lippen auf meiner Haut löste in mir ein Feuerwerk aus. Ich verbrannte gerade unter seinen Händen und Lippen und ich wusste, dass er diese Tatsache in vollen Zügen genoss.

Er wanderte quer über meinen Bauch immer weiter hinunter.

Als er bei der Hose angekommen war, hörte er auf, blickte zu mir hinauf – dieses dämonische Lächeln – küsste mich noch einmal einfach nur auf den Bauch, zog mir liebevoll und siegessicher grinsend die Hose aus und hielt sie stolz nach oben.

„Siehst du. So macht man das.“

Jetzt lag ich nur noch in Unterhose auf seinem Bett und versuchte, meine Gedanken zu ordnen und wieder Luft zu bekommen, während er sich die Hose anzog und grinsend und leise glucksend im Bad verschwand…

Ich saß auf dem Boden mit dem Rücken an die Badewanne gelehnt, hatte die Knie eng angezogen und meine Arme so fest ich konnte um meinen Oberkörper geschlungen und versuchte zu verhindern, dass es mir das Herz zerriss. Aber, wie immer, funktionierte es nicht. Schmerzenstränen flossen mir die Wangen hinunter, brannten sich wie Feuer in meine Haut und ich hörte mich leise wimmern.

Es war einer der schlimmeren Zusammenbrüche, die ich hatte, wenn die Erinnerung an diese glücklichsten Wochen meines Lebens mich einholte. Dann war es so, als ob mein kompletter Brustbereich von jetzt auf gleich in einen luftleeren Raum verwandelt wurde und der Unterdruck, der dadurch entstand, sog alles nach innen und ich konnte nicht mehr atmen. Meistens wurde mir schwarz vor Augen, meine Knie gaben nach und ich landete, so wie jetzt, irgendwo zusammengekauert und elendig wimmernd am Boden.

Wenn mir das an öffentlichen Orten passierte oder wenn andere dabei waren, kostete es mich unglaubliche Selbstbeherrschung und Überwindung, mich so lange aufrecht zu halten und den Druck in meiner Brust auszuhalten, bis ich mich irgendwo in einen einsamen Raum verdrücken konnte, um in Ruhe zusammenzubrechen.

Ich zwang mich, ruhig zu atmen und aufzustehen. Das Ziehen in meiner Brust ließ langsam nach. Ich blickte in den Spiegel. Auf meinem ganzen Gesicht waren rote Flecken verteilt. Meine Augen waren gereizt von den Tränen. Als ich mich so sah, schlug der Schmerz allmählich in Wut auf mich selbst um.

Wut darauf, dass ich hier stand und diese Erinnerungen an ihn nicht aushielt. Wut auf die Tatsache, dass ich nicht kontrollieren konnte, wann und ob mir diese Bilder in den Kopf schossen. Ich wollte nicht, dass er eine solche Macht über mich hatte, auch wenn er schon längst nicht mehr hier war. Ich drehte den Wasserhahn auf und schlug mir eiskaltes Wasser ins Gesicht, und so plötzlich wie der Schmerz gekommen war, war er auch wieder weg. Ich atmete aus, stützte mich am Waschbecken ab und blickte mich noch einmal kritisch im Spiegel an.

Ich würde weitermachen. Ich musste weitermachen. Er und diese Erinnerungen an ihn durften einfach nicht das Wichtigste in meinem Leben sein und alles bestimmen, was ich tat. Das musste aufhören – ein für alle Mal.

Mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken zu mir selbst und einem vernichtenden Blick in den Augen nahm ich mir das Handtuch, trocknete mich ab und ging mich ohne einen weiteren Blick in den Spiegel anziehen.

Als ich in die Küche kam, brachte mich der Geruch von Kaffee wieder auf andere Gedanken. Dankbar goss ich mir eine Tasse ein, setzte mich mit einer Schüssel Müsli an den Tisch und ging in meinem geistigen Auge noch einmal den bevorstehenden Tag durch.

Ich musste unbedingt diesen großen Kunden für die Kampagne begeistern können, sonst hatte ich langsam ein Problem. Natürlich hatte ich einige Projekte laufen, allerdings konnte ich von denen auf Dauer die Gehälter nicht bezahlen. Ich brauchte wieder einen Großauftrag. Mir blieb also nichts anderes übrig als den Möbelhersteller aus Frankreich davon zu überzeugen, dass meine Werbefirma die einzige war, die der Aufgabe gewachsen war, seine Möbel international zu bewerben und seine Vorstellung auch einwandfrei umsetzen konnte.

Wenn ich so an meinen Werdegang dachte, war meine Karriere eigentlich zu schön um wahr zu sein.

Alles hatte angefangen als ich mit achtzehn ein Praktikum in dieser Werbeagentur machte, die mir jetzt gehörte. Ich machte gerade mein Abitur und wollte mich schon mal im Voraus mit meinem Wahlberuf bekannt machen, um früh genug ausschließen zu können, dass ich mich irrte. Und wie es das Schicksal so wollte, wurde ich nach dem Abitur von der Firma übernommen und landete in der Kreativabteilung, wo ich mich sehr wohl fühlte, da ich gerne Ideen entwickelte und kreativ gestaltete, ob nun in Textform oder in Zeichnungen und Collagen. Dann kam auch noch dieser eine Auftrag, den ich übernehmen sollte und der Kunde war sehr zufrieden. Also bekam ich Anschlussaufträge und mit 21 wurde ich überraschend früh zur Geschäftsführerin. Nach einem weiteren Jahr wollte mein Großvater mir eine Freude machen und schenkte mir, sozusagen zum Geburtstag, die Firma, nachdem er sie kurzerhand einfach gekauft hatte. Man muss dazu sagen, dass die Firma nicht allzu groß war – damals. Er war der Meinung, dass ich bewiesen hatte, dieses Geschenks würdig zu sein. Er wollte mir ein Startkapital für mein Leben geben und da schien ihm die Firma perfekt geeignet. Seitdem war ich also Geschäftsführerin und Inhaberin einer Werbeagentur.

Das hört sich vom jetzigen Standpunkt aus alles ziemlich nüchtern an, aber damals freute ich mich ehrlich über dieses überwältigende Geschenk und das Vertrauensgeständnis, das mein Großvater mir damit machte.

Meine Karriere war wie aus einem Bilderbuch herausgeschnitten und eigentlich fast unglaubwürdig, aber wahr. Wer Geld hat, hat Macht, so war das schon immer, und ich hatte nun mal davon profitiert, dass mein Großvater Millionär war, der seiner Enkelin einfach eine Freude machen wollte. Noch dazu war ich ziemlich erfolgreich und verdiente selbst so viel Geld, dass ich mir eine Eigentumswohnung und ein Auto ohne Weiteres leisten konnte.

Obwohl ich im Moment keine Großaufträge hatte, war ich noch weit von Problemen entfernt, aber ich wollte es gar nicht erst so weit kommen lassen. So war es unglaublich wichtig, dass ich den Franzosen überzeugte.

Mein Job füllte mich voll und ganz aus und obwohl mir manchmal alles über den Kopf zu wachsen drohte, war ich gerade jetzt sehr dankbar für die viele Arbeit und die willkommene Ablenkung.

Meine Karriere und die Arbeit waren aber auch der entscheidende Grund dafür, dass ich tatsächlich erst mit 22 erst einen festen Freund gehabt hatte, und das war er gewesen. Der eine, der aus dem Nichts einfach in mein Leben hineinfiel und alles verändert hatte.

Jedenfalls galt ich als der Inbegriff an Ehrgeiz und Erfolg für die meisten Menschen um mich herum – zumindest sagten die anderen das. Ob das wirklich so war, wusste ich nicht.

Vor ihm war ich selbst auch zufrieden mit meinem Leben gewesen. Es gab nichts, das ich vermisste oder vermissen hätte können. Ich dachte, mein Leben sei perfekt, so wie es war. Ich konnte mir alles leisten, was ich wollte, hatte keine Sorgen und bemerkte nicht, naiv und jung wie ich war und bin, dass in meinem Leben ein elementares Gefühl fehlte – die Liebe.

Dafür spürte ich es nach ihm umso deutlicher. Die Leere schlich durch meine Wohnung wie ein gieriges Monster, das alle Freude und alles Glück zu verschlingen schien und begleitete mich überallhin. Tagsüber konnte ich sie vielleicht eindämmen und wegsperren, weil sie im Gewusel der Agentur einfach unterging, aber nachts kroch sie langsam unter dem Bett hervor und schloss mich gnadenlos in einem Mantel aus Einsamkeit und Beklommenheit ein, der mir den Verstand raubte. Diese Kälte, die dann in mir entstand, und das Bewusstsein, dass ich nie wieder so unbekümmert mit dem Leben umgehen würde wie vor ihm, machten mir Angst. Teilweise bereute ich es sogar, mich überhaupt auf ihn eingelassen zu haben, denn erst durch ihn hatte ich erfahren, wie einsam und unglücklich ich in Wirklichkeit war. Und kein Heilmittel und keine Zeit der Welt würden diese Erkenntnis je wieder aus meinem Gedächtnis löschen können. Sie würde mich immer überallhin begleiten.

Ich stellte die Tasse und die Müslischale in die Spüle, sammelte meine Sachen, die ich für die Präsentation brauchte, und fuhr in die Agentur.

~*~

Als ich ankam, stürmten gefühlt tausende Leute auf mich zu, die alle irgendetwas von mir wollten. Denn auch sie wussten, dass dieser Tag entscheiden war und ihr aller Arbeitsplatz in gewissermaßen vom Erfolg der heutigen Präsentation abhing. Dennoch nahm ich mir erst einmal die Freiheit in mein Büro zu gehen, um selbst anzukommen und mir einen Überblick zu verschaffen.

Kurz darauf allerdings wurde es stressig und hektisch in der Firma, denn der Kreativraum musste noch für den Kunden vorbereitet werden. Doch trotz des Zeitdrucks waren wir fertig, als der Kunde ankam, und alles verlief wie geplant.

Ich übernahm diesen Auftrag selbst, denn ich wollte das Schicksal nicht herausfordern. Natürlich hatte ich gute und kompetente Mitarbeiter, auf die ich mich verlassen konnte, aber ich machte die wichtigen Dinge lieber selbst, damit ich mich anschließend nicht fragen musste, ob es vielleicht anders gelaufen wäre, wenn ich den Auftrag selbst vorgestellt und ausgeführt hätte.

Ich will nicht sagen, dass der Kunde diesmal ganz einfach war. Er wusste genau, was er wollte und gab sich nicht mit der zweiten Wahl zufrieden. Deswegen waren wir auch nicht die einzige Firma, die er beauftragt hatte, einen Entwurf vorzustellen.