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Die letzte Schlacht beginnt: Schatten gegen Licht – Liebe gegen Schmerz. Luisa ist zur Werwölfin geworden, nur so konnte sie überleben. Nun droht ihr ein grausames Schicksal: Bald wird sie ihre Erinnerung an ihr vorheriges Leben verlieren – auch die an ihren geliebten Bruder, der viel zu früh sterben musste. Als der Leitwolf Norrock ihr das Tor zur Unterwelt zeigt, ergreift sie die Chance: Endlich kann sie ihren Bruder wiedersehen. Sie ahnt nicht, in welch große Gefahr sie sich damit bringt – noch nie hat jemand zurückgefunden aus der Welt der Toten. Thursen, ihrer großen Liebe, gelingt es dennoch, sie zu retten. Doch damit haben sie die mächtigen Gegenspieler der Wölfe – die Shinanim – auf ihre Spur gelockt. Ihr Ziel: die Vernichtung aller Werwölfe ...
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Seitenzahl: 518
Veröffentlichungsjahr: 2013
Nora Melling
Schattenblüte. Die Erwählten
Roman
Rowohlt E-Book
«WANN wachst du endlich auf?» Ich streiche Luisa wieder und wieder mit dem Finger durch den weichen Pelz hinter dem Ohr. Doch sie blinzelt nicht einmal. «Verdammt, Haddrice, sie muss doch endlich aufwachen!»
Die Werwölfin betrachtet die schlafende Gestalt vor mir mit zusammengezogenen Brauen. «Vielleicht war sie noch schwerer verletzt, als wir dachten? Immerhin ist sie nicht gestorben. Und ein paarmal war sie doch wach in den letzten Tagen.»
«Ja, sie lebt noch.» Erschöpft lege ich den Kopf zurück an den Baumstamm hinter mir und schließe einen Atemzug lang die Augen. «Ich könnte die umbringen, die ihr das angetan haben.»
Haddrice zuckt die Achseln. «Norrock ist zuerst dran. Seine Sjöll wurde von diesem Haufen Arschlöcher gequält, da kanntest du Luisa noch gar nicht. Wenn du Nicks Bande willst, stell dich hinten an, Thursen.»
Ich lasse das letzte abgekochte Wasser aus dem Topf in eine Schüssel plätschern. «Ich meine das mit dem Töten nicht wörtlich.»
Wenn sie so hinterhältig lächelt, sieht sie in ihrer schwarzen Kleidung und mit den kurzen Haaren noch mehr wie eine Kriegerelfe aus. «Norrock schon. Sjöll war seine große Liebe, und Nicks Jungs haben sie nur zum Spaß gefoltert und erniedrigt. Das mit dem Töten meint unser lieber Leitwolf sehr wohl wörtlich, glaub mir. Und unsere Chancen dafür stehen nicht schlecht. Norrock hat gestern noch ein neues Geschwisterpaar ins Rudel aufgenommen. Zwei echte Kämpfer. Wir werden immer stärker.» Haddrice tritt mit der Stiefelspitze gegen den Plastikkanister, dass die Eisbrocken darin gegen die Wände klappern. «Fast leer. Ich sehe nach, ob die anderen Werwölfe im Lager Wasser für euch haben», sagt sie, verwandelt sich in ihre schwarze Wolfsgestalt und springt zwischen den Bäumen davon. Ein paar Atemzüge später hat sie der Wald mit seinem fahlen Boden und dem Wintergestrüpp verschluckt. Nichts mehr ist von ihr zu sehen, nur kahle Stämme und Stille.
Nein, nicht überall Stille. Nicht ganz. Das Feuer knistert. Und Luisa atmet. Meine Luisa. Ausgestreckt liegt sie auf der alten Decke, die wir für sie auf dem Waldboden ausgebreitet haben. Sie schläft so tief, dass man denken könnte, sie wäre bewusstlos. Doch das ist sie nicht. Ihre rechte Vorderpfote ragt über den Deckenrand hinaus, zuckt und lässt das angetaute feuchte Laub unter ihren Krallen rascheln wie alte, nasse Plastiktüten. Ich wette, im Traum rennt sie gerade. Was mag es sein, Jagd oder Flucht? Ob sie Albträume von dem Überfall hat? Solange sie Wolf ist, kann ich nicht mit ihr reden, sie nicht beruhigen. Ich kann ihr nicht mal sagen, dass sie in Sicherheit ist, jedenfalls für den Moment. Die Schüssel mit dem warmen Wasser stelle ich vorsichtig ab, schiebe die Decke zur Seite und hocke mich neben sie. Ich rieche ihre Wunden. Ich rieche sie genauso selbstverständlich wie die Rinde des Baumes, den Rauch des Lagerfeuers und die Wildschweine irgendwo weit entfernt. Wenn man einmal Werwolf war, so wie ich, dann bleibt die Nase überempfindlich, das kann man nicht einfach abschalten.
«Shorou?», sage ich ihren Wolfsnamen. Sie dreht sich zu mir, stöhnt leise, doch ihre Augen öffnet sie immer noch nicht. Verdammtes Warten! Wenigstens geht es ihr etwas besser als noch vor ein paar Tagen. Ihr Atem ist jetzt tief und gleichmäßig. Das schmerzverzerrte Hecheln, das leise Jaulen am Anfang war die Hölle. Endlich heilen die Rippen, und Blut hustet sie auch nicht mehr. Nur ihr Fell ist immer noch struppig, blutverklebt und voller Löcher, dort, wo die Tritte und Schläge von Nick und seiner Bande ihre Haut haben aufplatzen lassen.
Nick! Ich könnte kotzen, wenn ich nur seinen Namen höre. Nein, ich würde ihn vielleicht nicht töten, aber – egal. Ich kann ja eh nicht losgehen und mit ihm tun, was ich gerne würde, nicht jetzt. Ich kann überhaupt nirgendwo hingehen, denn ich kann Luisa nicht allein lassen.
Noch einmal versuche ich es. «Luisa, komm zu mir zurück. Du musst endlich Mensch werden!»
Sie sieht mich an, nichts als Fragen in ihren Wolfsaugen, und ich grabe meinen Blick in ihren. Verwandle dich! Wenn ich sie beschwören könnte, ich würde es tun. Doch die Macht habe ich nicht, nicht mehr. Nicht seit ich kein Werwolf mehr bin. Mir bleiben nur Worte, die sie als Wölfin nicht versteht. Und so spreche ich einfach weiter. «Komm zu mir! Bitte!»
Ich ziehe die Wasserschale und das Päckchen mit Tupfer und Verbandszeug zu mir heran. Es ist Zeit, ihre Wunden neu zu verbinden, die Wunden in ihrer Menschenhaut. Zeit, die alten Verbände abzulösen und ihr weh zu tun, wieder mal. Wenn es mir weh täte, das wäre hundertmal besser, als sie leiden zu sehen. Doch erst muss sie Mensch werden. Ich weiß, wie es sein wird. Wie es jedes Mal ist, wenn sie in ihre Menschengestalt zurückkommt. Ein Zittern wird über ihr Fell laufen, sie streckt sich. Das Fell um sie verfliegt, als wäre es nur eine Illusion gewesen. Dann liegt das Mädchen vor mir auf der Decke, das fast aussieht wie meine Luisa. Aber nur fast, denn sie hat sich verändert, ist weniger menschlich. Alles an ihr ist jetzt von einem fast durchscheinenden Grau. Ihre Haare haben die Farbe von Spinnenfäden, die Augen von Herbsthimmel an einem regnerischen Tag. Meine Haut ist winterblass, doch ihre ist noch viel blasser. Sie sieht fast aus wie aus dem Rauch gemacht, der von unserem Lagerfeuer aufsteigt. Ich habe so viele Menschen zu Werwölfen werden sehen, habe die Veränderungen hingenommen. Nie hat es mich geängstigt, so wie bei Luisa.
Ich weiß ganz genau, warum das so ist. Weil sie nicht irgendein Mensch, sondern der wichtigste Mensch in meinem Leben ist. Sie ist der Grund, warum ich überhaupt lebe. Ohne sie ist alles nichts.
Das Wasser neben mir wird langsam kalt, und ich versuche noch einmal, sie zu wecken. «Luisa! Hör doch, Luisa!», flüsterte ich in ihr Ohr. «Komm zu mir zurück! Bitte, du musst dich jetzt verwandeln.»
ICH liebe ihn. Ich liebe es, wie seine Hand mit den schlanken Fingern meinen Pelz kämmt. Ich mag den Klang seiner Stimme, so sanft. Er spricht mir ins Ohr, flüstert leise. Sein Tonfall drängt mich. Wozu? Was will er? So viele Laute fallen aus seinem Mund, gleiten über mich hinweg und füllen die Winterluft. Ich blinzele in das Licht der Sonne, das zwischen den Zweigen auf uns herabfällt, gekämmt, wie mein Fell. Er, der mir so wichtig ist, ist ganz nah bei mir. Gut so. Ich rieche genussvoll an seiner Hand, lecke mit meiner Zunge darüber, um den vertrauten warmen Geruch ganz in mich aufzunehmen. Und noch immer spricht er zu mir, umwebt mich mit seiner Stimme und lässt mich nicht aus den Augen. Sie sind braun, seine Augen. Braun wie das Fell eines Rehs. Ich möchte liegen bleiben, ewig so liegen bleiben, ausgestreckt auf dem Waldboden und seine Hände in meinem Fell. Ich möchte den Wald atmen, die harzigen, modrigen Gerüche der lebenden und sterbenden Bäume, die würzigen, scharfen der Tiere. Da ist das ferne Schilf des Sees, leise knisternd unter der Kälte. Der Wald ist in Raureif getaucht.
Ich rege mich nicht, fühle die Hand auf mir und das Vibrieren seiner Stimme in meiner Seele. Ich atme flach, das ist besser so, denn meine Rippen schmerzen wie Fuchsbisse bei jedem Atemzug. Nur meine Ohren wende ich den Geräuschen zu. Da sind die winzigen Herzschläge der Waldmäuse unter dem Laub. Der Singvogel, die Federn aufgeplustert, über uns in den Zweigen. Auch dessen Herz pocht mit aller Macht an gegen die Winterkälte. Und das von ihm, ihm, dessen Schlagen meinen Tag begleitet. Ich könnte es besser hören, wenn er nicht immer noch reden würde, wenn er mich nicht so drängen würde. Und mit einem Mal weiß ich, was er will. Wieder einmal.
Nein, bitte, nein!
Es ist so schwer. So verdammt schwer, was er da verlangt!
Ich winsele, ohne es zu wollen, als ich mich durchringe, die Wolfsgestalt gehenzulassen. Winsele, als mein Pelz von mir abfällt und ich mir mit einmal nackt vorkomme in meiner viel zu dünnen Menschenkleidung. Von einer Sekunde auf die andere scheint sein Duft verweht. Der Wald knistert und knackt weiter, aber die Gerüche bleiben stumm. Gegen meine Wolfsnase ist meine Menschennase taub.
«Shorou!», flüstert er meinen Namen. Ich verstehe endlich, was er sagt. «Shorou!», sagt er noch mal. Denn er weiß, das ist das Einzige, was mich dazu bringen kann, zurückzukehren in meine zerrissenen schmutzigen Klamotten: Dass ich ihn dann verstehe. Dass ich ihm antworten kann mit meinem Menschenmund. Dass ich seinen Namen sagen kann. «Thursen.»
Er, Thursen, lächelt auf mich herab. Und dann spüre ich seine Lippen, kühl und weich auf meinen. Das beste Gefühl von allen, so vertraut. Vertraut, ja, auch wenn ich mich nicht wirklich erinnere. Dabei müsste ich mich doch erinnern, an solche Küsse, oder nicht? Ich will mich aufstützen, aufrichten, ihm entgegenkommen. Doch als ich es versuche, stöhne ich und gebe auf. Der Schmerz bohrt sich in mich wie ein spitzer Stein, lässt mich meine Rippen spüren und jeden blauen Fleck unter meiner Haut.
«Ist es noch schlimm?», fragt Thursen.
«Ich weiß nicht. Vorher war es viel schlimmer, oder?»
«Zeig mal.» Er hilft mir, mich aufzusetzen und die Jacke auszuziehen.
Vorsichtig drehe ich die Schulter und strecke den Arm, um ihn aus dem Ärmel rutschen zu lassen. «Autsch!», presse ich zwischen den Zähnen hervor. Ich kneife die Augen zusammen und versuche, nicht zu laut zu jammern. Ich weiß, dass es sein muss, dass ich mich verbinden lassen muss, um zu heilen und er mir nur dabei hilft. Trotzdem. Wäre ich Wolf, nur Wolf –
Da hält er inne. «Shorou! Sieh mich an. Bleib bei mir, hörst du?»
Habe ich die Augen noch immer geschlossen? Ich öffne sie und halte mich an seinem Blick fest, damit ich nicht doch wieder zum Wolf werde aus Furcht vor dem Schmerz. Kalt ist es. Kalt, dort, wo ich die Jacke von meiner Menschengestalt abgeschält habe und der Winter auf einmal so nah kommen kann. Ein Schauder überläuft mich. Die Muskeln schmerzen noch mehr, jetzt, wo die Kälte sie verkrampft. Und ich stöhne doch.
Thursens Gesicht spiegelt meinen Schmerz. «Mein Gott, Luisa.»
Luisa? Wer soll das sein? Ich mag es nicht, wenn er mich ansieht und dabei diesen fremden Namen flüstert. Thursen gehört doch zu mir, mir, Shorou! Sein Blick hält meinen. Einen winzigen Moment lang erscheint eine Falte zwischen seinen Augenbrauen. Kann er wissen, was ich denke? Dass ich ihn niemals teilen will mit einer anderen? Denn jetzt sagt er: «Shorou. Shorou, komm. Lass mich das ausziehen.»
Gehorsam versuche ich, die Arme zu heben. Langsam, ganz langsam gelingt es. Er streift mir den Pullover über den Kopf. Und die Kälte beißt jetzt unmittelbar in meine Haut, meine Schultern, meine nackten Arme. Seine Hände fassen nach dem Verband, den er um mich geschlungen hat. Das Verbinden war er, das weiß ich. Er hat es getan mit seinen rauen, aufgesprungenen Händen. Er sollte nicht hier sein, bei mir, in der Kälte des Waldes. Er ist ein Mensch und gehört nicht hierher. Doch ich bin so dankbar, dass er trotz allem da ist, denn wie sollte ich sonst überleben, ohne ihn?
Ich wimmere, als er beginnt, den Verband abzuwickeln. Eine Lage, zwei. Seine Hände arbeiten sicher und ohne zu zögern. Auch die dritte Lage löst sich, Thursen wickelt langsamer. Ab hier ist der schmale Verband mit dunklem Blut getränkt. Altes Blut, Stunden alt, denn jetzt blute ich nicht mehr. Thursen zupft vorsichtig am Streifen, und ich umklammere seine Schulter, beiße die Zähne zusammen, um nicht aufzuschreien. «Nein, hör auf!», bitte ich.
«Es geht auch eh nicht. Hier sitzt der Verband fest. Es tut mir leid.» Er seufzt. Gibt auf und wickelt den langen Verbandstreifen lose wieder um mich.
Der Verband sitzt fest. Ich weiß, was das heißt. Der Verband ist nicht nur verklebt, sondern mit meiner Haut verwachsen, so wie ein Zaundraht mit den Jahren in einen Baum wächst. Bei mir geht so etwas in Stunden. Ich heile zu schnell, sagt Thursen. Er muss den Stoff aus meiner Haut herausschneiden, anders bekommt er ihn nicht ab.
«Ich hab was, das hilft wenigstens etwas.» Er sieht mich nicht an, als er in seiner Jackentasche sucht und mir dann fast bittend die Handfläche entgegenstreckt, auf der zwei Tabletten liegen. Dankbar nehme ich die Schmerzmittel. Ich schlucke sie mit dem Rest Wasser aus meiner Flasche, die immer neben meinem Lager steht.
«Mir ist kalt.» Ich hätte gerne wieder mein Fell, doch Thursen hilft mir meine Jacke überzuziehen, während wir warten, dass die Tabletten wirken. Ich habe seit meiner Verwandlung zum Werwolf vieles, so vieles vergessen, aber nicht den Schmerz vom letzten Mal, als Thursen den blutverkrusteten Stoff halb aus meiner Haut geschnitten und halb gerissen hat. Ich taste nach Thursens Hand und bin dankbar, dass er sie drückt, ohne zu fragen.
«Komm her», sagt er, öffnet seinen Mantel, zieht mich an sich und legt seine Arme um mich. Wir wickeln uns beide in den Schlafsack, in dem er die Nacht verbringt, nur um bei mir zu sein. Hier, mitten im Nichts. Bestimmt bin ich heute kräftig genug für den Weg ins Wolfslager. Dann kann er dort schlafen, denn er hat kein Fell für die Nacht, und im Lager gibt es Hütten und Höhlen, sagt Haddrice. Ich höre seinem Herz beim Schlagen zu, bis mein Magen sich knurrend meldet.
«Hunger?», fragt Thursen. Als ich nicke, schält er sich aus dem Schlafsack.
«Hier, iss das», sagt er und gibt mir ein Stück Brot, in dem ein kalter gebratener Fleischbrocken steckt. «Haddrice hat es für dich aus dem Lager mitgebracht, da war es noch heiß. Ich weiß, dass es zu wenig ist. Die Wölfe jagen. Bald gibt es mehr. Dann bringt sie dir gleich was und auch frisches Wasser.»
Frische Beute! Ich ahne den Geschmack von würzigem, frisch gejagtem Fleisch auf der Zunge, das ich mit meinen Wolfszähnen von den Knochen reißen werde. Ich bin wirklich hungrig, immer, als Mensch und als Wolf. Thursen sagt, das kommt davon, dass mein Körper so viel Energie für die Heilung verbraucht.
Thursen sieht mir zu, wie ich gierig in das Essen beiße. «Verschluck dich nicht, dann musst du wieder husten.»
Ich kaue hastig und schlucke. «Es tut mir leid, dass ich so schlinge», sage ich und reibe mir mit dem Handrücken den Fleischsaft aus dem Mundwinkel. «Es ist nur –»
Er fährt mit seiner Fingerspitze über meine Wange. «Du bist jetzt ein verletzter Werwolf. Ist schon in Ordnung, ich kenne diesen grimmigen Hunger doch selbst. Ich habe nur an deinen letzten Hustenanfall gedacht.»
Thursen hat recht, husten tut weh. Schlimmer als der Hunger. Ich bemühe mich, mehr zu kauen und kleinere Bissen zu nehmen. Zwischendurch spüle ich mit Schlucken aus der Wasserflasche nach. Und nach und nach beginnt das entsetzlich nagende, leere Gefühl in meinem Magen dann doch zu verschwinden.
«Ist es jetzt für dich auch manchmal so, als wäre die Welt schärfer eingestellt?», fragt er mit einem Mal. «Als würdest du tausend Eindrücke bekommen vom Hier und Jetzt, aber alles andere ringsum, das Gestern und das Morgen, verschwimmt? Mir war manchmal, als würde alles Sein auf den Moment, auf mich hier im Wald zusammenschnurren.»
Noch ein Schluck aus der Flasche, dann kaue ich den letzten Bissen. «Ich weiß nicht. Ich habe bisher mehr darüber nachgedacht, wann ich mich endlich wieder richtig bewegen kann, ohne dass es weh tut.» Und das wird bald sein. Ich merke, wie nach dem Essen die Heilung gierig in mir tobt, schmerzt, brennt und ich trotzdem von Stunde zu Stunde kräftiger werde. Als lebte in mir etwas Fremdes, Bedrohliches, das nicht zu mir gehört. Etwas, das mein Ich frisst, es verschlungen haben muss, denn wer bin ich? Wer ist man, wenn man sich selbst vergessen hat?
Thursen spricht weiter. Seine leise, raue Stimme hüllt mich ein. «Du fühlst ihn, den Wald, stimmt’s? Das alles hier. Die Bäume und den Boden und die Tiere und die Luft zwischen den Stämmen. Die Insekten, die unter der Rinde schlafen, und die kleinen Tiere unter dem Laub. Du spürst, dass alles da ist, oder?»
«Ja.» Ja, ich fühle es wie ein leises Kribbeln auf der Haut, fühle, dass ich verbunden bin mit allem Leben um mich. Noch etwas, das fremd ist, fremd und mächtig und auch nicht ich. Noch nicht.
Er legt seinen Arm um mich und zieht mich näher. Sein Atem fließt über meine Wange, als er weiterspricht. «Für mich ist das weg, seit ich wieder Mensch bin. Manchmal, wenn ich schlafe, träume ich, ich könnte es noch.»
Da ist so viel Sehnsucht in seiner Stimme. «Wenn du das so mochtest, warum wolltest du dann nicht, dass ich Werwolf werde? Denn das hast du mir doch erzählt, oder? Dass du eigentlich niemals wolltest, dass ich verwandelt werde.»
«Du solltest vor der Scheiße in deinem Leben nicht davonlaufen. Für dich ist das nichts, sich im Wolfspelz zu verstecken. Du solltest die Kontrolle behalten über dein Leben und es selbst ändern. Das passt besser zu dir.»
«Die Scheiße in meinem Leben? Was meinst du damit? Den Überfall? Oder war da sonst noch etwas?»
«Hmm.»
Was auch immer in meinem früheren Leben passiert ist, so schlimm kann es nicht gewesen sein, denn wenn ich in mich hineinhorche, dann fühle ich nichts. Keine Angst, keinen Kummer, nur Leere. Eine sanfte dunkle Leere, endlos wie ein verwaister Kaninchenbau. «Ich soll die Kontrolle behalten, aber jetzt bist du es, der Kontrolle hat. Du weißt, wie du mich zurückverwandeln kannst, und hast mir versprochen, dass du es tun wirst. Warum machst du es nicht?»
«Jetzt, bevor du gesund bist? Was soll das bringen?»
«Ich bin gesund. Es tut fast gar nicht mehr weh.» Na ja, fast jedenfalls nicht mehr.
«Das sind die Schmerzmittel.»
«Das kannst du nicht wissen. Warum lässt du mich nicht meine eigene Entscheidung treffen? Es ist mein Leben. Was ist, wenn ich gesund bin und dann nicht mehr zurückverwandelt werden will? Gibst du mir dann trotzdem mein Menschenleben wieder?»
«Ich gebe dir nur zurück, was deins ist. Und außerdem wird dir die Kontrolle ohnehin entgleiten, wenn du Werwolf bleibst. Irgendwann entscheidest du nicht mehr, was du gerade sein willst. Dann übernimmt der Wolf in dir. Du erlebst eine kurze Phase der Stärke, der Freiheit, und dann ist es aus. Ein Wolfsleben ist verflucht kurz.»
«Vielleicht gefällt mir das kurze Wolfsleben?»
«Du sollst nicht so früh sterben. Es gibt mehr im Leben als Stärke und Jagd. Außerdem brauche ich dich noch.»
Ich lächle, als er mich auf die Nase küsst. Ich brauche ihn auch, so sehr. Nein, freiwillig würde ich ihn niemals aufgeben. «Was meinst du mit: ‹Der Wolf übernimmt die Kontrolle›?»
«Du wirst dich verändern. Vielleicht hat es sogar schon begonnen.» Er streicht mit der Fingerspitze eine Haarsträhne aus meiner Stirn. «Dein Denken verändert sich, deine Sicht der Dinge. Das Töten, es wird ganz leicht. Deine Wut wird ungezähmt. Du wirst wilder werden und rücksichtsloser. Das ist der Werwolf in dir, der erwacht, mächtiger wird und seinen Platz fordert.»
«War das bei dir auch so?»
«Ja, war es. Mein erstes Wild zu töten war eklig. Schließlich war es ein unschuldiges Tier, voller Angst, voller Leben. Wie konnte ich bloß? Irgendwann aber lernte ich das Jagdfieber kennen und habe mich von dem Raubtier in mir leiten lassen. Seitdem habe ich meinen Opfern mit einem einzigen Biss die Kehle durchtrennt. Ganz schnell, ganz einfach. Es ist, als könntest du im Töten das Leben der Beute trinken. Du bist lebendiger, kräftiger und wacher als jemals zuvor.» Er schließt die Augen, schluckt, wie um das innere Bild zu vertreiben. «Es ist schwer, damit aufzuhören.» Er schweigt, scheint den inneren Kampf noch einmal zu fühlen, denn noch immer hat er die Zähne zusammengebissen.
Ich kann kaum begreifen, was er da sagt. Werde ich wirklich irgendwann Spaß am Töten finden? Es ist eine furchtbare Vorstellung. Das Reh, das eben noch gerannt und über einen Busch gesprungen ist, liegt im Gras und wird niemals wieder aufstehen, und mir soll das gefallen? «Ich töte bestimmt nie mit Freude.»
«Das sagst du jetzt. Warte, bis du stark genug bist, um mit dem Rudel zu jagen.»
Und wenn er recht hat? Ich ahne, wovor er mich warnen will. Da ist etwas in mir, tief unten auf dem Grund meiner Seele, das sich sehnt zu hetzen. Etwas, das langsam erwacht. Schnell fasse ich nach seiner Hand und drücke sie. «Hol mich vorher zurück. Hol mich jetzt zurück, jetzt gleich.»
Ein Kuss auf meiner Stirn. «Heile erst.»
Meine Erinnerungen schwinden, und der Wolf in mir wird stärker. «Wie lange noch?» Werde ich wenigstens eine Ahnung an mein früheres Ich bewahren können? Oder muss ich mich erst ganz verlieren?
«Ein paar Tage vielleicht.»
Noch ein paar Tage, dann bin ich wieder Mensch. Dann werden vielleicht die alten Erinnerungen über mich hereinbrechen. Was ist, wenn sie wirklich so schlimm sind, wie Thursen angedeutet hat? Werden sie mich verschlingen? Doch er wird auch dann da sein und dafür sorgen, dass ich nicht in ihnen ertrinke. Er weiß, was er tut. Er selbst war Werwolf. Ich war es, die ihn zurückverwandelt hat, sagt er. Noch so ein blinder Fleck auf meiner Vergangenheit. Nur Bilder, Schnipsel, Stücke sind übrig geblieben, mit lauter Lücken dazwischen. Verblassende Bilder, die aneinandergesetzt eine Collage ergeben, aber niemals den Film, der mein Leben abbildet. Und es wird schlimmer, mit jedem Tag, mit jeder Stunde, die ich länger Werwolf bin.
Da ist doch noch etwas anderes, das ihn zögern lässt. Noch etwas außer der zurückkehrenden Erinnerung. Ich sehe es in seinen Augen, in denen jetzt schon das Mitleid wartet. «Die Rückverwandlung, wie wird die sein?», will ich wissen.
«Nicht so schön.»
Nicht so schön? Sein Mund sagt etwas anderes als sein Gesicht. Sei ehrlich, Thursen! «Also schlimm, richtig schlimm?»
«Ja, schlimm. Schlimm und schmerzhaft und grauenvoll. Willst du das wirklich hören?»
«Bereust du es? Dass du zurückverwandelt wurdest, meine ich?»
«Das hast du mich schon mal gefragt.»
Habe ich das? Wieder ein blinder Fleck. «Und was war deine Antwort?»
«Nein. Nein, ich bereue es nicht.»
Woher kommt dann die Sehnsucht in seiner Stimme? «Aber?»
«Wirklich, ich bereue nichts. Es war richtig und wird immer richtig sein, dass du es beendet hast. Nur … ich wäre so gerne einmal, ein einziges Mal mit dir durch den Wald gelaufen.» Er zieht einen Mundwinkel hoch, lächelt ein gebrochenes Lächeln. «Einmal wäre ich gerne mit dir hinter der Beute hergehetzt, hätte gemeinsam mit dir die Kraft und die Geschmeidigkeit der Wolfskörper gespürt. Leise und tödlich hätten wir uns den Wald zu eigen gemacht.» Er küsst mich, stupst seine Nase an mein Ohrläppchen. «Einmal nur hätte ich gerne gefühlt, wie intensiv dein Geruch auf mich als Wolf wirkt.»
Ich würde ihm gerne seinen Wunsch erfüllen, aber er kann sich nicht verwandeln, nie mehr. Nur weiß ich auch das nicht, weil ich mich erinnere, sondern weil er es mir gesagt hat. So viel musste er mir von uns erzählen. Wäre da nicht dieses Gefühl der Verbundenheit in mir gewesen, stark und unverbrüchlich wie mein Herzschlag, dann hätte das alles von der großen Liebe zwischen uns genauso gut nur seine Erfindung sein können. «Ich wäre gerne schon jetzt wieder Mensch. Dann würde ich nicht ganz vergessen, was ich mal war. Dann kämen endlich die Erinnerungen zurück. Nicht die schwarzen, vor denen du mich warnst, auch die an dich. Ich kann mich noch nicht mal mehr an unseren ersten Kuss erinnern.»
«Dann hast du ja etwas, worauf du dich freuen kannst.»
«Erzähl es mir!»
«Nein.» Er schüttelt den Kopf. «Die Erinnerungen kommen schon wieder. Guck mal, ich habe dir Hafer-Trüffel-Kekse mitgebracht. Solche Kekse hat meine Mutter immer für mich gekauft, als ich klein war. Damals, vor ihrer depressiven Zeit, als es ihr noch gutging. Direkt neben unserem Kinderarzt war eine kleine Bäckerei mit einer braunen Holztür. Jedes Mal, nachdem wir beim Arzt waren, sind wir erst zur Apotheke gegangen, um meine Medizin zu holen, und danach durfte ich mir Kekse in der Bäckerei aussuchen. Ich war fest davon überzeugt, dass es in Wirklichkeit die Kekse waren, die mich wieder gesund werden ließen und nicht die bittere Medizin.»
Ich öffne den Clip an der durchsichtigen Tüte. Die Kekse riechen süß und kernig und voll.
Ich bin mir nicht sicher, aber: «Solche Sachen hast du mir früher nicht erzählt, oder?»
«Nein, habe ich nicht.»
«Warum nicht?» Ich halte ihm die Tüte hin.
Er greift hinein, ohne hinzusehen, seinen Blick immer noch auf mich gerichtet. «Wenn ich dich ansehe, wie du dich veränderst, blasser, farbloser wirst, dann erinnerst du mich so sehr an mich selbst. Ich dachte damals, es gibt keinen Weg zurück. Ich dachte, alles aus meiner Vergangenheit ist für immer weg. Für mich war das nicht so wichtig, ich wollte ja vergessen. Jedenfalls dachte ich das damals.»
«Ich will nicht alles verlieren. Ich habe Angst, dass ich mit meinen Erinnerungen auch mich selbst verliere. Ich weiß nicht mal mehr, wie ich war, als ich noch Mensch war. Dabei ist das erst so kurz her! Wenn das alles für immer weg ist wie eine gelöschte Festplatte, dann hat Nick gewonnen! Dann hat Nick mich zerstört, obwohl ich noch lebe.»
«Du hattest keine andere Wahl. Haddrice hatte recht, du musstest dich in einen Werwolf verwandeln, um zu heilen. Wärest du Mensch geblieben, hätte Nick dich mit seinem Angriff erst recht zerstört, weil du nämlich verblutet wärest. Dann wärest du jetzt tot. Wäre dir das lieber?»
«Natürlich nicht. Ich habe nur Angst, das ist alles.»
«Das weiß ich. Darum habe ich dir das von mir erzählt. Ich hatte so vieles vergessen, als ich Werwolf war, aber jetzt ist die Erinnerung wieder da. Ich habe wieder den Duft in der Bäckerei in der Nase und weiß, was die Ladentür für ein Geräusch machte, wenn man sie öffnete. Leider gibt es die Bäckerei nicht mehr. Ich habe die Kekse woanders gekauft.» Er betrachtet den Keks, steckt ihn sich in den Mund und kaut.
«Und deine Mutter, erinnerst du dich auch an sie?»
Er nickt, schluckt und erzählt dann weiter. «Ja, und ich weiß auch noch, was für eine Frisur meine Mutter zu dieser Zeit hatte.» Er lächelt in sich hinein. «Es war die Zeit der Dauerwellen, lauter Löckchen hatte sie auf dem Kopf. Ich erinnere mich noch an einen Besuch beim Arzt, meine Mutter trug eine weinrote Steppjacke und Jeans. Ich weiß noch, wie sie lachte, als ich ihr danach gestanden habe, dass ich sie angeschwindelt hatte.»
«Du hast sie angeschwindelt? Was hast du gemacht?»
«Ich war absichtlich krank geworden.»
«Warum das denn?»
«Meine Mutter war lange zu einer Kur weg und endlich nach Hause gekommen. Sie hatte mir so gefehlt. Ein paar Tage war sie noch zu Hause und konnte sich um mich kümmern. Dann musste sie wieder arbeiten, und weil Agnetha länger Unterricht hatte, war ich schon wieder allein, wenn ich von der Schule kam. Ich habe mich die halbe Nacht im nassen T-Shirt ans offene Fenster gestellt, um Halsschmerzen zu bekommen. Ich wollte sie nicht zur Arbeit gehen lassen, ich wollte nicht zur Schule, ich wollte den Tag mit meiner Mutter verbringen, nur wir zwei. Ich wollte mit ihr zum Arzt, und ich wollte, dass sie mir danach diese Kekse kauft.»
«Deine Mutter hat gelacht, sagst du?»
«Ja, und eine zweite Tüte Kekse für meine Schwester gekauft. Dabei mochte Agnetha die gar nicht so gerne, die waren ihr schon immer zu süß.»
«Also hast du ihre Kekse auch noch bekommen.»
«Kann sein. Wahrscheinlich. Agnetha hatte schon immer eine Schwäche für ihren kleinen Bruder.»
Es ist nicht nur Agnetha, die eine Schwäche für ihn hat. «Ist es nicht schön, alles wieder zu wissen?»
Er seufzt und streicht mir die Haare aus der Stirn. «Du bekommst alle Erinnerungen zurück. Alle, weißt du, nicht nur die schönen, frohen, lustigen, auch die schlimmen, schrecklichen, vor denen du dich vielleicht lieber dein Leben lang verkriechen würdest. Die Erinnerung an deinen Bruder.»
Ja, ich hatte einen Bruder. Da sind kleine Erinnerungsfunken in meinem immer dunkler werdenden Gedächtnis, die mir, wie ein Blitzlicht, das Gesicht eines kleinen Jungen zeigen. Er ist gestorben, und ich vermisse ihn, hat Thursen mir erzählt. Das ist bestimmt schlimm, doch es ist nicht alles, was ich vergessen habe. «Ich will meine Erinnerungen zurück. Jetzt sofort. Ich vermisse dich. Ich vermisse die Erinnerungen an dich, an das, was zwischen uns war. Nichts kann so schlimm sein wie Vermissen.»
«Ich werde da sein wie jetzt auch. Keine deiner Erinnerungen ist für immer verloren. Aber du wirst deinen Bruder wieder vermissen. Das hat dich fast zerstört.»
Mein Bruder ist an Krebs gestorben, hat Thursen gesagt. Es ist ein ferner Schmerz, der über mich hinwegwäscht wie ein plötzlicher kalter Wind. Wollte ich damals wirklich auch nicht mehr leben? Ich fröstele, und Thursen zieht mich näher, lässt mich mein Gesicht an seinem Hals verbergen. Thursen und ich, wir sind uns ganz nah. Wird das so bleiben? Werde ich mich auch an das hier zwischen uns erinnern, wenn ich wieder ganz Mensch bin? Oder wird das dann vielleicht der blinde Fleck in meiner Erinnerung werden? «Weißt du auch noch alles aus deiner Zeit als Werwolf?»
Sein Blick gleitet in die Ferne, als würde er einem fremden Lied lauschen. «Was willst du denn hören?»
Kommt es mir nur so vor, oder ist seine Stimme wirklich heiserer als eben noch? Da sitzt nicht mehr der Junge mit den Keksen neben mir. Auf einmal ist er der Werwolf. Der Leitwolf war er, hat er mir gesagt. «Erzähl mir von der Jagd.»
«Alles?» Er sieht mich an mit seinen Augen, dunkel jetzt, wie die Beute, die er gehetzt hat. Wie die Augen der Tiere, die ich fresse, wenn ich Wolf bin.
Was versucht er in meinem Gesicht zu lesen? «Was ist alles?», frage ich.
«Ich habe dir ja schon erzählt, was das Jagen für mich bedeutet hat, als ich noch ein Werwolf war. Menschen essen auch Fleisch, doch sie töten heute nicht mehr selbst. Tiere, Raubtiere, haben immer gejagt und getötet und gefressen. Wir haben das Fleisch unserer Beute gefressen und die Lebenskraft getrunken. Das ist der wahre Kreislauf des Lebens. Es beginnt mit der Erde. Die Erde gibt aus ihrem Innern das Leben, sie lässt die Pflanzen wachsen. Die Pflanzenfresser töten die Pflanzen und verleiben sich ihr Leben ein. Sie tragen es mit sich, bis die Raubtiere kommen und das Leben aus ihnen trinken. Und irgendwann sterben die Raubtiere und geben das geliehene Leben an die Erde zurück. Es endet in der Erde, um von dort wieder von neuem zu beginnen.»
Ich beobachte den kleinen Vogel über uns in den Zweigen, hin und her hopst er und macht sich keine Gedanken über das Gestern und Morgen. «Also findest du, wir alle haben nur ein geliehenes Leben?»
Er sieht mich an, und ich bin ihm so nah, dass ich die Röte auf Wangen und Nase betrachten kann, die die Kälte auf seine Haut malt.
«Na ja, unser Leben dauert im Verhältnis nicht sehr lange», sagt er, «wenn du mal guckst, wie lange es die Erde schon gibt.» Thursen nimmt seinen Arm von meiner Schulter. «Meinst du, das Schmerzmittel wirkt jetzt?»
«Versuch es einfach.»
«Ich bemühe mich, dir so wenig wie möglich weh zu tun.» Er sucht in seinem Rucksack und holt eine Rasierklinge heraus. Er legt sie vorsichtig in seine hohle Hand und gießt aus einer kleinen Flasche Alkohol darüber. «Ziehst du das selbst aus?»
Ich befreie mich aus meiner Jacke. Betrachte mit Herzklopfen, wie er die notdürftig desinfizierte Klinge zwischen die Fingerspitzen nimmt und sich den übrig gebliebenen Alkohol in den aufgesprungenen Händen verreibt. Noch einmal wickelt er vorsichtig den Verband ab, bis zu der Stelle, an der es nicht mehr weitergeht. Dann ein rasches Brennen.
«Autsch!», zische ich.
Thursen hat einen feinen Schnitt gesetzt und den Stoffstreifen ein Stück weit befreit. Ich will die Zähne zusammenbeißen, mich gegen den Schmerz wappnen, bevor er weitermacht. Doch stattdessen beugt er sich vor und drückt seine Lippen auf meine. Es ist ein eindringlicher, sanfter Kuss. Ich wünschte, ich könnte mich noch an all unsere Küsse erinnern. Ein paar sind noch da. Ich suche in meinem Kopf, finde sanfte Küsse, rasche, flüchtige Küsse, und lange, eindringliche, bei denen mir im ganzen Körper warm wurde. Thursens Küsse. Und da ist noch ein anderer Mund, der mich geküsst hat, irgendwann. Als ich mich gerade erinnern will, wer das war, beißt ein weiterer Schmerz in meine Rippen.
«Gleich vorbei», sagt Thursen. Dieser Kuss ist kürzer, und der nächste Schmerz folgt schneller.
«Nicht!», bitte ich. Doch dann hat er den letzten Zipfel des Verbandes losgeschnitten. Er desinfiziert meine Haut mit einem Spray aus einer kleinen weißen Pumpflasche und holt ein neues, noch ungeöffnetes Verbandspäckchen aus dem Rucksack.
«Ist aus einem Autoverbandskasten», sagt er. «Den hat Mauriks gefunden.»
Er hat eine Stelle meiner wunden Haut entdeckt, die er noch nicht eingesprüht hat und bedeckt auch sie mit einem feinen Nebel. Das Zeug ist so kalt. «Ich bin nicht gerade eine Heldin, oder?», frage ich.
«Du hast Nicks Angriff überstanden, und du hast überlebt. Du hast dich gewehrt, so gut es ging. Das reicht an Tapferkeit für den Rest deines Lebens. Können wir den neuen Verband jetzt anlegen?» Thursen knibbelt die Folie vom Päckchen.
Ich wende unwillkürlich den Kopf, als ich das ferne Geräusch von rennenden Pfoten wahrnehme.
«Haddrice?», fragt Thursen.
Ich nicke. «Aber irgendwas stimmt nicht.» Ihr Angstgeruch weht zu uns herüber. Und dann sehe ich sie, die schwarze Wölfin, langgestreckt auf uns zu galoppieren. Erst unmittelbar vor uns lässt sie die Wolfsgestalt fallen und wird zu der schattenblassen Frau.
«Ihr müsst weg!», keucht sie. «Sie sind gleich hier.»
«Wer?», frage ich, mein Herz hämmert schneller. «Nicks Leute?»
Haddrice schüttelt den Kopf. «Shinanim.»
«Scheißhalbengelspack.» Thursen wirft das Verbandspäckchen beiseite und streift mir wortlos und hastig meine Kleidung über die frisch geöffneten Wunden.
Halbengel? Ist das gut oder schlecht? Das Wort Shinanim hat mir mal was gesagt, bestimmt. Ich wühle verzweifelt in meinem Gedächtnis, aber da ist keine klare Erinnerung mehr. Nur eine diffuse Angst, die sich in den Augen von Thursen und Haddrice widerspiegelt.
«Kein Verband?»
«Keine Zeit.» Thursen wirft das Desinfektionsmittel in den Rucksack. «Erst mal müssen wir verschwinden. Hoffentlich kannst du laufen.»
«Ich weiß nicht», beginne ich. «Ich hab keine Ahnung, ob ich schon so weit bin.»
Haddrice packt mich am Arm. «Du kannst. Du musst!»
Ich ziehe meine Beine an, die sich vom langen Liegen fremd und hölzern anfühlen, als würden sie zu jemand anderem gehören.
«Beeil dich! Steh endlich auf, Shorou!», knurrt sie.
«Los, komm her!» Thursen zögert nicht. Er nimmt meine Hand und zieht mich hoch. Mein Körper brüllt vor alten Schmerzen, als ich mich zusammenkrümme und die Beine unter mich ziehe. Dann drücke ich die Knie durch, und wieder fühlt sich mein blasser, farbenloser Körper fremd an. Als würde ich ihn mit einer schwarzweißen Figur teilen. Doch die Kraft ist zurückgekommen, tatsächlich. Etwas zittrig bin ich, aber ich kann stehen. Dass ich die Arme um Thursens Hals gelegt habe, immer noch, obwohl Haddrice ungeduldig schnaubt, liegt daran, dass ich nicht wage, ihn loszulassen. Nicht in dieser verwirrenden, fremden Welt, in der sich meine alten Erinnerungen auflösen und ich noch kaum neue habe.
«Ich komme ja mit dir», flüstert er mir ins Ohr und streift meine Wange mit seinen Lippen. Meine unverbundenen Wunden brennen unter dem Shirt, als ich mich zu ihm drehe.
Haddrice schüttelt den Kopf. «Nein, tust du nicht. Versteck dich irgendwo, Thursen. Wir sind als Wölfe schneller ohne dich.»
Thursen nickt, greift mit beiden Händen mein Gesicht und drückt mir einen verzweifelten Kuss auf den Mund.
Haddrice rümpft die Nase, schnuppert, schiebt ihn mit einem Ruck zur Seite und packt mich bei den Schultern. «Verdammt, sie sind gleich da!»
«Lauf mit Haddrice. Ich warne das Rudel!», sagt Thursen. «Komm, Shorou, es wird schon irgendwie gehen.» Thursen lässt mich langsam los. Ja, ich kann stehen. Unsicher, mit meiner Hand in seinen Ärmel gekrallt, aber viel besser als gestern.
«Du weißt, was zu tun ist!» Haddrice bohrt ihren Blick in meinen, bis ein kurzes Zucken ihrer Augenbrauen mir das Zeichen gibt.
Ich lasse es zu. Fell umwächst mich, meine vier Pfoten fühlen die Erde, viel sicherer, als auf zwei Beinen zu stehen. Krallen im schneenassen Laub. Dann springen wir los. Sind Wolfsschwestern. Haddrice rennt vorweg. Kennt sie den Weg? Weit greifen meine Sprünge. Mein Wolfsgehör ist scharf. Ich höre auch Thursens Schritte. Rieche ein letztes Mal seinen schnell verwehenden Duft. Haddrice dreht die Ohren. Was hört sie? Da sind andere Schritte, rennende Schritte, durcheinander, viele, zu schnell, keine Schritte von Menschen. Fremd. Shinanim? Sind das die Halbengel? Nur weg hier. Schnell! Zu viele fremde Stimmen. Der Wald riecht nach Gefahr und Hass. Wir müssen weg.
Wir rennen.
ICH wusste nicht, dass ein besonderer Tag so normal beginnen kann. Ich sitze auf meinem Sessel, das Bein mit der fast schon verheilten Bisswunde ausgestreckt, und betrachte das Bild vom Erzengel Gabriel. Ich habe es als Anerkennung für meinen mutigen Einsatz gegen die Werwölfe erhalten und vielleicht ein wenig auch als Anreiz dafür, dass ich weiterhin bereit bin zu kämpfen. Zu kämpfen wie er. Doch ich bin weiß Gott nicht wie Gabriel. Er ist ein Engel, ganz und gar ein Engel und damit viel stärker und mächtiger, als ich es je sein werde. Bestimmt wurde er nie verwundet, hatte nie Narben. Ist es vermessen, wenn er trotzdem mein Vorbild ist, der Engel mit dem Flammenschwert?
Jemand klopft an meine Zimmertür.
Als ich «Ja?» rufe, öffnet sie sich, und Adrian lehnt im Rahmen mit einem Becher Kaffee für mich.
«Ich dachte, du brauchst etwas Aufmunterung, bevor du dich vor unseren Obersten traust.»
Er sagt das, als müsste er mir Mut machen! «Adrian, sie haben mich ausdrücklich darum gebeten, dass ich komme. Sie brauchen mich, denn es gibt vermutlich Fragen, die nur einer von unserer Gruppe ihnen beantworten kann. Ich bin für unsere Gruppe verantwortlich, also werden sie mich schon angemessen behandeln.»
«Schick genug siehst du jedenfalls aus», spöttelt er mit Blick auf meinen Anzug. Er grinst und stellt den Becher auf meinen Schreibtisch. «Raquel und Felix wollen wissen, wann du losfährst.»
Etwas steif noch stehe ich vom Sessel auf. Wann endlich hört dieser Wolfsbiss auf zu schmerzen? «Jetzt.»
Adrian hebt die Tasse noch mal hoch. «Dann brauchst du die Papiere hier nicht mehr?»
Er zeigt auf den Stapel Ausdrucke, gesichert mit meinem Briefbeschwerer aus grünem Glas. Das oberste Papier ist jetzt leicht gewellt und hat einen braunen runden Kaffeeabdruck vom Boden des Bechers. Das darf doch nicht wahr sein! «Doch, die brauche ich allerdings noch. Das sind die Unterlagen für meinen Vortrag.»
«Tut mir leid. Kannst du sie noch mal ausdrucken?»
«Ja natürlich.» Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass meine Zeitreserve gerade ziemlich zusammenschrumpft.
«Aber?»
«Mein Drucker ist ausgeschaltet und mein Laptop heruntergefahren und eingepackt.»
«Du hast die Daten doch bestimmt sicherheitshalber noch irgendwo gespeichert, nicht nur auf deinem Laptop, oder? Ich kenne dich, Elias.»
«Auf einem USB-Stick. Ja.»
Adrian streckt die Hand aus. «Gib her. Ich drucke die Blätter für dich aus. Du kannst inzwischen deinen Kaffee trinken. Wenn ich fertig bin, bringe ich sie dir zum Auto.»
Ich gebe ihm den Stick und die Mappe für die fertigen Ausdrucke. «Danke. Auch für den Kaffee.» Ich drehe mich nicht um. Das Klappen der Tür sagt mir, dass er weg ist. Ich schaue aus dem Fenster. Da draußen ist nichts als ein kalter grauer Wochentag, mit kahlen Zweigen und schmutzigem Schnee in kleinen übrig gebliebenen Haufen, die zertreten werden und schmelzen. Der Himmel ist farblos grau, denn die Sonne scheitert an den Wolken. Kaum etwas von ihrem Licht erreicht uns. Dabei sollte die Sonne leuchten vom strahlend blauen Himmel, die Vögel sollten singen und die Bäume sich in ihr erstes Grün hüllen. Die Menschen auf den Straßen sollten lachen und singen. Denn wenn es auch kein Jubeltag ist, kein Feiertag, so ist doch dieser Tag etwas ganz Besonderes für mich. Der Erzshinan kommt in unsere Stadt. Der Oberste der Oberen. Die wenigsten von uns haben jemals Gelegenheit, ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Ich jedoch werde in wenigen Stunden Vittorio nicht nur sehen, sondern auch mit ihm sprechen.
ICH folge Haddrice, ihren Angstgeruch in der Nase. Schnell! Die Anderen, Fremden, nähern sich. Sie riechen seltsam, nicht nach Wald und Erde, sondern nach Eifer und Licht und beißend frischen Regenwolken. Wir rennen, doch wir sind zu langsam! Der fremde Geruch wird stärker.
Haddrice wirft sich nach links. Jagt quer durchs Gehölz, zerknackt Ästchen unter ihren Pfoten. Zweige stechen in mein Fell, als ich folge. Atmen schmerzt. Wo sind die Fremden? Ich wende den Kopf. Wo sind sie, die Zweibeiner, die nicht Menschen sind? Jetzt sehe ich sie. Es sind viele. Sie jagen im Rudel wie wir. Der erste hebt die Hände, ruft etwas. Ich höre ihn und verstehe nicht. Wir sind am Wasser. Eis deckt den Fluss. Mürbes, feines Eis. Haddrice stoppt und dreht sich um. Immer noch riecht sie nach Angst. Ich bleibe ebenfalls stehen, die Pfoten im schneeigen Laub. Ducke mich, mein Fell gesträubt. Wenn sie uns wollen, müssen sie kämpfen.
Die Fremden bilden einen Halbkreis vor uns, als wären sie eine Rotte Wildschweine. Vor uns sind sie, hinter uns der Fluss. Eine Falle? Und wenn schon. Haddrice wirft sich herum, wir rennen, hinaus auf das Eis. Die dünne Eisschicht, wie die Haut des Flusses, bricht knisternd unter unseren Pfoten. Schnell noch ein paar Sprünge. Und dann schwimmen wir aufs Wasser hinaus.
Die Fremden sind unmenschlich schnell. Sie haben grelle Augen, doch sie haben kein Winterfell wie wir. Sie können nicht folgen. Ihr Geruch bleibt am Ufer zurück.
Wir sind Wölfe. Fellgewärmt und trotzdem eisig durchpflügen unsere Beine das Wasser. Geradeaus, nur geradeaus, den Fluss aufwärts gegen die Strömung. Wir sehen uns um, und ein paar der Anderen stehen noch da. Manche laufen mit uns parallel am Ufer. Werden weniger, je weiter wir kommen. Gleich geben sie auf.
Das Wasser spült mir kalt ums Maul. Rhythmisch grabe ich die Krallen in die Wellen. Meine Beine rudern flussaufwärts, ich bin hinter Schilf verborgen. Durch die welken Halme sehe ich sie auseinanderlaufen. Ihr Geruch wird schwächer, ihre Rufe verwehen. Endlich. Ich japse nach Luft, schmecke die Havel auf der Zunge. Wasser plätschert, dünnes Eis knirscht. Anstrengend, doch das Wasser schützt uns. Vor mir schwimmt Haddrice. Meine Schmerzen, die eben noch nur knurrten, beißen mich. Bei jeder Bewegung. Schmerz. Schmerz. Der ganze Fluss ist voll Schmerz. Das Wasser ist Schmerz. Ich muss weiter schwimmen, Haddrice hinterher. Atmen ist schwer. Wo ist meine Kraft? Ich winsele, winsele nach Haddrice. Sie wendet die Ohren. Ein kurzer Kläffer, sie hat verstanden.
Wir wenden uns auf das offene Wasser hinaus. Wir sind mutig. Jetzt sind wir wieder sichtbar, doch wie sollen sie folgen, die Fremden? Sie können nicht über das Wasser gehen. Jetzt brüllen sie wieder lauter. Aufgeregt. Wir Wölfe verstehen die Worte nicht. Ich kann gleich nicht mehr. Nur langsam kommt das Ufer näher.
Haddrice schwimmt voraus, läuft über die Eisscherben ans Ufer. Auch ich schaffe es raus aus dem Wasser über das knirschende Eis. Wir durchbrechen den Schilfgürtel. Schütteln das Wasser aus dem Fell und laufen weiter. Der Wald wird uns schützen. Gleich sind wir im Unterholz. Gleich sind wir verschwunden. Nur noch ein paar letzte lange Sätze. Gleich sind wir sicher.
Gleich.
AUF das Treffen mit Vittorio, unserem verehrten Weltoberhaupt, und den anderen führenden Köpfen unseres Ordens habe ich mich lange und konzentriert vorbereitet. Heute muss und wird alles perfekt sein. In Gedanken gehe ich meine Rede noch einmal durch. Ich kenne sie auswendig, die dazu gehörenden Schaubilder sind im Computer abgespeichert und zusätzlich für alle Fälle auf USB-Stick gesichert. Mein Auto ist aufgetankt. Raquel und Felix sind vermutlich draußen, um die Scheiben meines schwarzen BMW Roadster zu enteisen, damit ich gleich losfahren kann. Der Kaffee, den Adrian mir gebracht hat, ist heiß und gut. Ich trinke ein paar Schlucke und prüfe dabei im Spiegel über meiner Kommode, dem ich in dieser Hinsicht mehr vertraue als Adrian, ob mein Anzug sitzt. Es ist ein neuer Anzug, zum ersten Mal einer von der Sorte, wie sie mein Vater trägt, wenn er wichtige Geschäftsgäste empfangen muss. Ich werde nicht auf einen Geschäftspartner treffen. Der Besuch hat nichts mit Geschäft zu tun, doch mein Maßanzug ist vom selben Schneider. Ich sehe das Lächeln meines Vaters vor mir, zufrieden, dass sein Sohn jetzt doch endlich in seine Fußstapfen tritt. Dabei wird das niemals passieren, denn auch wenn wir uns gut verstehen, im Grunde bin ich ihm so unähnlich, wie man es nur sein kann. Ich bin ja nicht mal ganz und gar Mensch. Ich bin ein Shinan, und das bedeutet, in meinen Adern fließt auch das Blut der Engel. Ich bin stolz auf mein Erbe, das von meiner Mutter auf mich kam und mich zu einem Mitglied des geheimen Ordens der Shinanim machte. Wahrscheinlich bin ich sogar stolzer, als es mein Vater auf seinen geschäftlichen Erfolg je sein könnte. Ich trinke noch einen Schluck Kaffee und rücke mit der freien Hand meinen Krawattenknoten gerade. Kurz über dem Hemdkragen schaut eine der Narben hervor, die die Zähne dieses schwarzen Werwolfs, Norrock, hinterlassen haben. Ich kann sie nicht unter der Kleidung verschwinden lassen, wie die fast verheilten Wunden an meinem Bein. Vielleicht will ich das auch gar nicht. Sollen die Shinanim ruhig mit eigenen Augen sehen, wie nah ich den Werwölfen gekommen bin.
Ich ziehe meinen Wintermantel an und nehme den Aktenkoffer. Mein Bein schmerzt beim Gehen, aber ich lebe noch. Ich habe zum zweiten Mal mit den Werwölfen gekämpft, und ich bin entkommen und kann davon berichten. Das ist es, was zählt.
Es ist Zeit, aufzubrechen.
Auf dem Weg zum Ausgang komme ich an dem Zimmer vorbei, in dem Luisa die kurze Zeit, in der sie hier war, gewohnt hat. Die von uns damals aufgebrochene Tür ist repariert worden und sieht wieder aus wie vorher. Nichts erinnert mehr an Luisa. Vielleicht ist es besser so. In der Küche stelle ich noch schnell den leeren Kaffeebecher ab. «Alles Gute», wünscht mir Chiara. Ich wette, sie wäre jetzt gerne an meiner Stelle. In ihrem Zimmer hängt ein signiertes Foto von Vittorio. Ich brauche kein Foto, ich treffe den Erzshinan heute persönlich.
Wir wohnen noch immer im Dachgeschoss des Hauses am Kurfürstendamm, von dem die Menschen denken, dass es leer steht. Ich schließe die Wohnungstür hinter mir, durchquere einen der langen Gänge und fahre mit dem wackligen Fahrstuhl nach unten. Mein Auto steht im Hof.
«Wir haben die Scheiben abgetaut, ganz ohne Chemie», sagt Raquel.
«Sieh mal!» Felix lässt den Engelsfunken in seiner Hand aufleuchten, fährt mit der Handfläche über die Scheibe, und die Hitze verdunstet das letzte bisschen Eis.
«Gut!», lobe ich sie. Wenn wir Shinanim in den kommenden Zeiten für die Sicherheit dieser Stadt sorgen werden, sollen die beiden an vorderster Front stehen. Dann werden sie Gegner haben, die nicht so leicht zu besiegen sind wie das Eis auf der Scheibe. Sie werden jede Waffe brauchen, die sie haben, und mir gefällt, dass sie langsam lernen, ihre Shinanim-Fähigkeiten als Teil ihrer selbst anzunehmen.
Da kommt Adrian mit den Ausdrucken. «Ich weiß, du bist begeistert von den Obersten, doch pass auf, mit wem du dich einlässt», raunt er mir zu. «Glaub nicht alles, was man dir sagt.»
Ich versenke die Mappe in der Aktentasche und stecke den USB-Stick ein. «Mit der Einstellung wirst du es in unserem Orden nicht sehr weit bringen, Adrian. Der Rat besteht aus unseren Leuten, Shinanim wie wir. Nein, die Besten von uns! Ein bisschen Vertrauen musst du schon haben.»
Ich stelle meine Tasche auf den Beifahrersitz und steige ins Auto. Felix hat schon das Tor zur Straße geöffnet. Ich kann losfahren.
SIE sind weg, meine Wölfinnen. Ich habe Luisa und Haddrice gesagt, ich würde das Rudel warnen. Doch das wäre ja Blödsinn. Die Werwölfe im Lager riechen die Feinde viel schneller, als ich je bei ihnen sein könnte. Ich bin keine große Hilfe, als Mensch.
Also laufe ich nicht zum Lager, sondern dorthin, wo Haddrice die Shinanim gesehen hat. Renne über das schneebedeckte Laub und springe über die abgestorbenen Bäume. Ich verstecke mich nicht, bin nicht mal besonders leise. Wozu auch? Sie sollen mich doch sehen, die verdammten Shinanim. Ich mache mich zum Lockvogel. Hundertmal besser, sie fangen mich als Luisa.
Vom Wasser her höre ich etwas. Ich bleibe stehen und versuche, obwohl ich vom Rennen außer Atem bin, ruhig und lautlos Luft zu holen. Eisig brennend strömt sie in meine Lungen. Ich schließe die Augen und lausche. Nicht zum ersten Mal wünsche ich mir mein Wolfsgehör zurück. Was ist das für ein Geräusch? Plätschern? Wildschweine am Wasser oder doch die Shinanim? Sind das Rufe? Keine Chance, ich kann es nicht hören, ich muss es sehen. So schnell ich kann, renne ich, zwischen den Baumstämmen hindurch, abwärts zum Havelufer. Direkt am Wasser bleibe ich keuchend stehen. Ja, jemand ruft etwas, und ein anderer scheint zu antworten. Ich klettere auf eine Weide, deren Stamm sich über das Ufereis der Havel neigt. Im Sommer springen die badenden Kinder von hier ins Wasser. Die Rinde ist abgewetzt von endlos vielen nackten Füßen. Ein paar schnelle Griffe, dann bin ich so hoch, dass ich über das Schilf und das Buschwerk hinwegsehen kann.
Ein Stück flussaufwärts werden die Rufe lauter, und da sind sie, Haddrice und Luisa, beide Wölfe, im Wasser! Sie schwimmen zügig durch die eisige Havel, und die Shinanim gucken ihnen vom Ufer aus hinterher. Sie haben sie abgehängt! Haddrice schwimmt voraus, sie wendet, durchquert den Fluss, und die beiden erreichen das gegenüberliegende Ufer. Ja! Ja! – Fast hätte ich es laut gesagt. Sie steigen rasch aus dem Wasser, schütteln die Tropfen aus ihrem Fell und laufen weiter, dem Wald entgegen. Sie haben es geschafft!
Doch die Freude bleibt mir im Hals stecken. Am anderen Ufer sind auch schon lauter Shinanim.
Verdammt!
ICH fahre aus der Einfahrt, setze den Blinker und fädele mich in den zäh fließenden Verkehr ein. Meter um Meter kriecht die Autoschlange über den Asphalt des Kurfürstendamms. Bremslichter vor mir leuchten rot. Motoren brummen im Leerlauf, atmen ungeduldig Abgaswolken aus, dann geht es wieder ein paar Meter weiter. Ein Kurierfahrer rast, auf sein Mountainbike geduckt, an mir vorbei. Ich sehe der breiten gelben Tasche, die er auf dem Rücken trägt, nach, versuche ruhig zu bleiben, aber diese quälende Langsamkeit zerrt an meinen Nerven. Warten an der Ampel. Fahren. Wieder eine Ampel, die auf Rot springt, bevor ich die Kreuzung erreicht habe. Und wieder warten. Die Geschäfte haben schon geöffnet, Fußgänger mit Einkaufstüten überqueren die Fahrbahn, endlos wie ein Ameisenschwarm. Selbst die rote Fußgängerampel stoppt sie nicht. Dann ist die Straße endlich wieder frei, und es geht weiter. Ich könnte mich entspannt in meinem Sitz zurücklehnen, aus dem Fenster sehen, Musik hören. Ich bin nicht in Zeitnot. Es gelingt mir trotzdem nicht. Mit leisem Neid betrachte ich den Doppeldecker, der mich rechts auf der Busspur überholt. Busse, Taxis und Fahrräder sind die Einzigen, die am Ku’damm ihre Reifen rollen lassen können.
Ich begegne meinem Blick im Rückspiegel und rufe mich selbst zur Ordnung. Heute geht einer meiner Lebensträume in Erfüllung. Ich bin auf dem Weg zum Flughafen, auf dem Vittorio – Vittorio! – in Kürze landen wird, und ich wurde eingeladen, bei seinem Empfang dabei zu sein.
Ich muss schon wieder stoppen, denn der Golf vor mir hat einen freien Parkplatz gefunden und blockiert beim Einparken die Straße. Hier braucht man wirklich eine Engelsgeduld. Der hinter mir hat sie nicht und hupt. Ich lächle. Ich glaube, nichts ist mir so schwergefallen zu lernen wie Geduld. Noch während des Abiturs hatte ich nicht die Spur davon. Eine Gruppenaufgabe befasste sich mit Kinderarbeit in Entwicklungsländern. Wir waren zu dritt, aber anscheinend war ich der Einzige, der sich die Höchstpunktzahl zum Ziel gesetzt hatte. Unser Vortrag entwickelte sich im Tempo der Kontinentalverschiebung. Bei keinem Treffen gab es nennenswerte Fortschritte. Meine Mitschüler arbeiteten zwar vor sich hin, gingen am Abend aber lieber auf Partys als am Computer zu sitzen. Anfangs begleitete ich sie sogar, in der Hoffnung, mich abzulenken. Aber bald habe ich es nicht mehr ertragen. Ich arbeitete fast die ganze Nacht durch allein an der Aufgabe. Endlich ging es voran. Nach zwei weiteren Nächten war ich fertig mit der Recherche, hatte alle Materialien vorbereitet und sämtliche Schaubilder allein angefertigt. Nur ihre Texte, nach meinen Vorgaben natürlich, haben die anderen beiden aus meiner Gruppe noch selbst geschrieben, gerade rechtzeitig. Die Prüfung lief natürlich gut. Die anderen wollten mich anschließend zum Essen einladen, denn die Punkte, die wir bekommen haben, konnten auch sie gut brauchen. Ich nahm ihre Einladung an, aber sie wussten genauso gut wie ich, dass ich niemals ein guter Teamarbeiter werden würde. Ich habe ihre Aufgabe nicht für die Gruppe, für ein Essen oder Dankbarkeit erledigt. Ich habe es für mich getan, weil ich das langsame Arbeitstempo meiner menschlichen Mitschüler einfach nicht ertragen konnte. Dabei war das sogar schon ein Fortschritt für mich. Immerhin habe ich meine Partner ihre Texte selbst verfassen lassen. Früher, bei anderen Referaten, hatte ich das auch noch mit erledigt.
Ich lasse den blauen Opel vor mir in meine Spur wechseln und halte an der nächsten Ampel, die der Opel gerade noch schafft. Vittorio kreist jetzt vielleicht schon mit seiner Maschine über Berlin.
Mein Navi sagt mir mit freundlicher Frauenstimme, dass ich zum Flughafen Schönefeld rechts abbiegen muss. Wenn wir Vittorio und seine Delegation begrüßt haben, werden wir ins Hauptbüro am Potsdamer Platz fahren, und dort werde ich über meine Begegnung mit den Werwölfen erzählen. Endlich kann ich den Shinanim offiziell berichten, dass es sie wirklich gibt, diese dunklen Sagengestalten. Ich kann erzählen, wie sie sich verwandeln, von den dunklen Schatten, die sie umgeben, wie stark und schnell sie wirklich sind. Ich kann meinen Plan vorstellen, wie wir sie unter Kontrolle halten werden. Ich werde darlegen, wie viele von uns nötig sind, eine Stadt wie Berlin zu beschützen, damit die Menschen trotz dieser Herausforderung sicher sind. Und ich kann erklären, dass meine Gruppe, meine kampferprobte Truppe junger Shinanim, die ich gegründet habe und im Geheimen in unserem Quartier am Kurfürstendamm trainiere, dafür perfekt geeignet ist.
DA ist der Wald. Schnell weg vom Ufer. Haddrice läuft voraus. Schnee und Laub knistern unter meinen Pfoten. Wieso riecht es nach ihnen? Shinanim, hier?
Auf einmal stehen sie vor uns. Wir stoppen. Zurück, Haddrice? Meine Beine zittern vor Anstrengung. Ich sehe über die Schulter. Doch da sind noch mehr von ihnen. Shinanim, grelläugige, werwolfhassende Shinanim sperren das Ufer ab. Sechs von ihnen. Schneller, als ich schauen kann, schließen sie die Lücken. Kommen. Greifen nach uns mit feurigen Händen. Haddrice kämpft wütend. Ich kann kaum noch, habe keine Kraft mehr. Ich jaule vor Schmerzen und versuche es trotzdem. Beiße, schnappe um mich.
Sie werfen Netze über uns. Wir versuchen uns zu befreien, verstricken uns, knurren, beißen, kämpfen. Sinnlos.
Mit Stangen halten sie uns von sich weg. Binden uns mit Seilen. Schleppen uns schließlich, als wir hilflos zusammengeschnürt sind, zu seltsamen Kisten.
Was sind das für Dinger? Schmale Kisten aus ausgetrocknetem, fahl riechendem, totem Holz, die geschnitzten Verzierungen voller Staub. Sie schieben mich hinein in eine Kiste und Haddrice in eine zweite. Ich jaule. Ich und nur ich in dieser Kiste, allein. Jemand schlägt die Tür zu. Ein Schloss knirscht. Die Stäbe in der Tür sind schwarz. Als ich sie untersuchen will, wische ich mit meinem Fell etwas von der Schwärze ab, und es ist helles Metall darunter, das wie Silber riecht. Meine Kiste schwebt hoch, der Boden unter mir windet sich, ich höre jemanden rufen, jemanden antworten. Diese Fremden, Shinanim, die wie Menschen reden und es nicht sind. Wieder ein Ruf, und dann tropft Wasser auf mich, von oben, durch Ritzen der Deckenbretter. Kein Havelwasser. Es riecht nach nichts, wie frischer Schnee. Dann ruckt es noch einmal, schwankt, ich höre schurrendes Schieben. Haddrice knurrt langgezogen und laut im Finstern. Ganz nah. Ich antworte ihr. Dann knallen Türen, dumpf, es wird schlagartig dunkel, und etwas wie ein Motor erwacht brummend zum Leben.
DER Himmel ist immer noch grau, aber bisher schneit es nicht. Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt lassen den Schnee zu einer schmutzigen Pampe werden, die rechts und links der Straße aufgetürmt ist. Die Straßen zum Flughafen sind geräumt, aber sie sind von einem schwarzfeuchten Zeug bedeckt, das von den Reifen aufgewirbelt auf den Scheiben trocknet und sie blind macht. Ich betätige zum soundsovielten Male die Scheibenwischanlage, spüle mir die Sicht frei und biege endlich auf das Gelände des Flughafens Schönefeld ein. Dort folge ich dem ausgeschilderten Weg zum Charterterminal. Vittorio, der Erzshinan, fliegt nicht mit einer Linienmaschine. Natürlich nicht.
Als ich Josias’ weißen langgestreckten Rolls-Royce erkenne, eingekeilt zwischen zwei Wagen in unauffälliger silberfarbener Lackierung, parke ich mein Auto. An meinem Schlüsselbund pendelt mein Shinanim-Abzeichen, ein verschlungener Knoten. Seit kurzem habe ich ein neues Zeichen, es ist anders geschlungen, und das Metall ist silbern. Ich bin aufgestiegen im Rang seit meinem Kampf. Bei den Shinanim braucht man Leute, die praktische Erfahrung mit Werwölfen haben. Meine ganze Truppe wurde in einem Festakt befördert. Selbst Adrian, der sich nie in die Denkweise der Oberen einfinden wird, mussten sie zähneknirschend eine Beförderung zugestehen.
Fluglärm von den startenden und landenden Maschinen dröhnt in meinen Ohren. Die Shinanim stehen im Gespräch zusammen. Das sind die Räte Franz aus Köln und Ramona aus Dresden, doch wo ist Josias? Wieder rollt die Lärmwelle eines Flugzeuges über uns und radiert jede Sprache aus. Ich grüße mit Handzeichen. Franz erkennt mich und winkt mich zu sich. Ich gehe auf die anderen zu und konzentriere mich darauf, gleichmäßige Schritte zu machen und nicht zu humpeln. Ich hasse es, Schwäche zu zeigen. Wer von meinen Verletzungen erfahren soll, entscheide ich.
In dem Moment, in dem ich die weiße Limousine erreiche, öffnet einer der vier Anzugmänner, vermutlich Sicherheitsleute, die Tür.
Josias steigt aus, fast wie ein Filmstar bei der Oscar-Verleihung, und streckt mir die Hand entgegen. «Elias, endlich», sagt er. Dann wendet er sich zum Rest der Gruppe und verkündet ein wenig zu laut: «Unser Elias, der junge Mann, auf den Vittorio so gespannt ist.»
«Es ist mir eine Ehre, Josias.» Ja, es ist eine Ehre, an seiner Seite Vittorio zu treffen, keine besondere Ehre jedoch, ihm, Josias, die Hand zu schütteln. Auch wenn er das vermutlich gerne glauben würde. Eine zweite Tür öffnet sich, und Helena, die wohl inzwischen so etwas wie seine persönliche Assistentin geworden ist, steigt ebenfalls aus. Ich schüttele alle ihre Hände, Helenas, Franz’, Ramonas und auch die der anderen, deren Namen ich mir so schnell nicht merken kann.
«Vittorios Maschine ist im Landeanflug», meldet einer der Anzugmänner.
