5,99 €
Käthe Braun-Prager hat ihre Gedichte und Zeichnungen Visionen genannt. Durch ihre Texte zieht sich ein roter Faden von mystischer Faszination, die eine Grundstimmung von Melancholie, Ironie, Liebe, Hass und Todessehnsucht sowie auch ihren Seelenzustand in der Emigration widerspiegeln. Für diese Ausgabe, mit bereits schon veröffentlichten und unveröffentlichten Gedichten wurde eine ganz persönliche Auswahl getroffen. - Herausgeberin Tatjana M. Popovic´
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 44
Veröffentlichungsjahr: 2015
DAS HERZ STEHT STILL,
WENN ES BEWEGT IST
Käthe Braun-Prager
österr. Schriftstellerin, Malerin
(1888-1967)
Käthe Braun-Prager 1930
Helle Nacht*
Hohe Erinnerung*
Wunder
Liebespaar unterm Kastanienbaum
Junge Beamtin*
Mann und Weib
Ehe
Konzert*
Mahlzeit der Liebenden*
Fensterkreuze*
Der Bote
Erinnerung an den Vater
Bei der Kerze
Wir und die Anderen
Eine Schwerkranke am Montag*
Die tote Mutter spricht zu ihrer jungen Tochter
Sanfte Eifersucht
Die Liebende*
Trost für eine verlassene Frau
Manche Frauen
Der Graf von Glerichen spricht zu seinen zwei Frauen
Müdes Straßenmädchen
Die Frau*
Das Ebenbild
Verschneit
Tote Liebe
Silvester
Hoffnung*
Die Witwe auf der Straße*
Wiedersehen am Grabe*
Verlassenschaft*
Der Hass-Strauch
Der Gast (HK)
Im Rauchgewand (HK)
Mitternacht auf der Straße
Beherzigung
Erinnerungen
Donaubild
Gang zum Schwarzsee
Der Seelenstrauch
Bei einer Todesbotschaft
Aufgelassener Friedhof in Döbling
Feuerfrühling*
Die Traubenquelle
Die Sense (HK)
Morgenröte
Melancholie*
Verfrühter Herbst*
Verwandelte Welt*
Das Haus der Jahreszeiten(HK)
Herbstlich*
Herbstschatten
Oktober(HK)
Noch im November
Novembernebel*
Prunusbäumchen im Winter*
Der ererbte Spiegel
Fahrt durch den Abend
Winterfahrt durch die mährische Hanna*
Stern im Schnee
Köchin in der Fremde
Köchin in der Heimat
Fahrt
Ein Traum
Einer Lilie Licht
Meine Bilder
Selbstbildnis
Der unterirdische Fluss (HK)
Der neue Pass (HK)
Nachwort der Herausgeberin
Lebenstafel
Bibliographie
Anmerkungen
Ich kenne nicht die Wurzel, aus der meine Gaben wachsen.
Plötzlich gegeben, oft wieder genommen, von Brieftauben
zugebrachte Befehle, die ich auszuführen habe. Geleistet
werden sie von Geistern niederen Grades, denen ich zusehe,
wie sie für mich schreiben oder zeichnen.
Erst meldet sich eine Anfangszeile als eine grüne Blattspitze,
dann hebt sie sich in die zweite Zeile hinauf, und wenn die
Sonne der Gnade sehr warm scheint, treibt sie den Schaft
hoch und läßt die Sternblüte des Gedichts aufgehen.
Käthe Braun-Prager
Manches Mal in heller Nacht
Ist eine Blume aufgewacht.
Hat kein Auge ihrer acht,
Wie sie da in Schönheit steht,
Zarter Atem sie durchweht
Und wie sie vergeht.
Heute in der hellen Nacht
Ist mir Liebe aufgewacht.
Hat kein Auge ihrer acht,
Wie sie da in Schönheit steht,
Weihrauch-Atem sie durchweht
Und – nie mehr vergeht.
Der Abendstern nahm mir mein Licht,
Weil seines ihm verging.
Spiegelte drin sein Angesicht,
Als wär’ ich nicht gering.
Das Meer nahm meine letzte Kraft
und trieb damit die Flut.
Ich lag am Strand, glücklich erschlafft,
Die Ebbe sanft im Blut.
Der Wind nahm meinen Atem sich,
Damit er stärker weh’ –
Nun beugen Bäume sich durch mich,
Und ich bin leicht wie Schnee.
Als ich mich heute im Spiegel besah,
Ward mir das seltenste Wunder nah.
Am Grund meiner Augen leuchtete dein Bild
Doppelt schön und doppelt mild.
Aus meinen Augensternen glänztest du
Mir lieb und gütig zu…
Wie kamst du in meine Augen hinein?
- das kann doch nur der Liebste - -
magst du es sein?
Über das atmende Glas beugte ich mich hin
und küßte dich darin.
(Sievering)
Ihr Liebende! Unterm Kastanienbaum lehnt ihr,
Laternenlicht leuchtet euch sanft ins Gesicht!
Frühling im Herzen, den Sommer ersehnt ihr,
Und kennt doch den Herbst, kennt den Winter noch nicht!
Wie ihr euch hinneigt, wie ihr euch findet,
Wie immer inniger ihr euch verbindet!
Nun Wange an Wange, selig ermattet,
Verschlungene Hände, vom Laubwerk beschattet…
Vom heimlichen Hören geschlossen die Lider…
Duftender Wind jagt herüber vom Flieder!
Sie sitzt bei den Büchern, die sie kaum halten kann,
Und reiht müde Zahlen um Zahlen und Zahlen an,
Vornübergebeugt… Nur manchesmal hebt sie den Blick,
Doch weicht er verschreckt vor den grauen Wänden zurück.
Aber das Fenster, das hohe, neben dem Büchergestell,
Heut hat sie es offen lassen, denn es ist windstill und hell.
Ein sanfter Lufthauch streichelt ihr übers Gesicht
Und die Stirnhaare rühren sich leise und werden ganz licht.
Die emsige Hand gleitet mählich hinab in den Schoß;
Es wand sich die Feder den Fingern, den willigen, los
Und rollte zu Boden, mit leise klingelndem Fall,
Mitten in einen ausgebreiteten Sonnenstrahl.
Ein Lächeln, ein mildes, liegt rührend auf ihrem Gesicht.
Sie sieht an den Büchern hinab und sie sieht sie doch nicht.
Tief atmet sie auf – schmiegt sich in den Sessel hinein:
Träume kommen, lichte und lullen sie ein.
Plötzlich ein Schatten vor ihr, der das Fenster laut schließt -
Wie Dunkelheit jetzt über Bücher und Boden fließt.
Langsam heben – die Finger – die Feder wieder – empor –
Und schon springen Zahlen um Zahlen aus allen Seiten hervor!
Hier die Frau und dort der Mann:
Zwischen ihnen Neumondnacht,
unter ihnen Kraterschacht.
Reicht der Mann den Arm hinüber:
In das Dunkel trifft er nur,
Aber hell zieht eine Spur
Von des Frauenarmes Weiße
An den Fingern ihm vorüber.
Auf den Zehen schwankt das Weib –
Weit gestreckt den Arm, den schlanken,
Herz und Sinne und Gedanken
