Schattengänger - Bucher Gina - E-Book

Schattengänger E-Book

Bucher Gina

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Beschreibung

Der sonnige Maitag ist wie geschaffen für ein Grillfest in der Siedlung. Unter den Nachbarn ist auch Jo Graber. Nur – ihn hat niemand eingeladen. Kaum einer kennt den mysteriösen Mann von nebenan und gerade deswegen entwickeln die verschiedensten Mutmaßungen ein erstaunliches Eigenleben. Hat er tatsächlich ein junges Mädchen aus der Nachbarschaft zu sich in die Wohnung eingeladen? Was ist mit seiner Familie? Und was macht Jo Graber, wenn er nicht auf dem Bauamt der Stadtverwaltung, Abteilung Aufzugsanlagen, arbeitet? Über Jo Graber wird ausschließlich von anderen erzählt, etwa von den Nachbarinnen und Nachbarn, die ihn nicht einladen und doch betroffen sind, als er plötzlich verschwunden ist; von seinen Arbeitskolleginnen und -kollegen, die davon ausgehen, dass er ein Privatleben haben muss oder von seiner besorgten Ärztin. Durch die rasch wechselnden Perspektiven dieser Menschen, die immer auch ihre eigenen Leben, ihre eigenen Themen miterzählen, setzt sich nach und nach die Identität eines Mannes zusammen, der sich selbst verschweigt. Erst einige Monate nach seinem plötzlichen Verschwinden findet sich bei der Räumung seiner Wohnung das Indiz einer berührenden Freundschaft … Gina Bucher hat sich mit profund recherchierten und spannend erzählten Sachbüchern einen Namen gemacht. Mit ihrem ersten Roman greift sie erneut ein brisantes Thema auf. Eindringlich erzählt die Autorin von Vereinsamung in einer superindividualisierten Gesellschaft und von der Kraft der Freundschaft. Wieder gelingt ihr ein fesselndes Buch: empathisch, ernst und zugleich humorvoll.

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Seitenzahl: 244

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Gina Bucher

Schattengänger

Roman

Teil I

Remigio

Es wird nicht stimmen, was sie sagen.

Die Zigarette des Nachbars glimmt bis zu mir herüber. Das ist etwas vom wenigen, das ich weiß: Dass er raucht. Ich erkenne die Zigarettenmarke nicht. Ich weiß nur, dass er jeweils eine Zigarette nach der Tagesschau raucht. Ganz selten auch schon eine nach dem Abendessen. Sogar in dieser Hitze, die wir zurzeit erleben.

Marta und die anderen Nachbarinnen sind sich in vielen Punkten einig. Vieles davon kann ich mir nicht vorstellen. Doch was weiß ich schon. Natürlich kann auch ich mich täuschen. Schließlich kenne ich ihn genauso wenig wie Marta. Aber jetzt schaue ich hin. Ich werde in Zukunft viel mehr hinschauen. Wir wohnen auf derselben Etage in zwei Häusern, die sich gegenüberstehen. Von unserem Wohnzimmer sehe ich in seines. Er wohnt alleine, sagt Marta. Das sehe ich auch, wenn ich abends das Licht lösche und seine Silhouette hinter dem Vorhang erkenne.

Ich glaube, auch er hat sein Sofa hinten an die Wand gestellt und den Fernseher links vom Fenster. Wir wohnen spiegelverkehrt. Er wohnt im Block in der Mitte unserer Siedlung. Alle unsere Wohnungen sind gleich gebaut. Nur die Wohnungen unten auf den ersten Ebenen sind anders geschnitten. Das sind Familienwohnungen. Dort wohnt auch das Mädchen, das kürzlich mit seinen Eltern hergezogen ist.

Unten im Hof fährt ein leichter Wind durch das Gebüsch. Nur ein Baby weint in die Nacht. Sonst ist es ruhig hier, immer noch. Deswegen sind wir hergezogen. Rundherum wird zwar gebaut und es wird immer lauter, aber bei uns bleibt es friedlich. Obwohl wir mitten in der Stadt wohnen.

Morgens habe ich ihn noch nie rauchen gesehen, mittags auch nicht. Eigentlich sollte er bald den Vorhang zurückziehen und das Licht löschen.

Das wenige, das ich über ihn mit Sicherheit weiß, ist, dass er – genauso wie wir – die Tagesschau gegen 22 Uhr schaut und kurz danach zu Bett geht. Wobei mir nicht klar ist, was er in den anderen Zimmern macht. Ich sehe zwar in sein Wohn- und Schlafzimmer, aber seine Küche liegt nach hinten hinaus. Vielleicht verbringt er dort viele Stunden, bevor er zu Bett geht. Allerdings müsste ich dann das Licht im Korridor sehen.

Frau Fistarol, die Nachbarin vom Haus dahinter, hat Marta erzählt, dass sie ihn in der Küche gesehen hat. Dort hat er keine Vorhänge, wisse Frau Fistarol, meinte Marta.

Der Nachbar drückt die Zigarette aus und schaut herüber. Anders als sonst stehe ich versteckt hinter dem Vorhang unseres bereits dunklen Wohnzimmers. Ich muss jetzt ganz genau, aber diskret hinsehen. Alleine Marta zuliebe.

Gegenüber löscht er das Licht. Ich stelle mich in den Korridor, ziehe die Tür knapp hinter mir zu und lange mit der Hand zum Wohnzimmerlicht. Schalte es für wenige Sekunden an. Ohne dass wir uns sehen, grüßen wir einander. Ich bin noch da.

Dann drücke ich erneut den Lichtschalter und unser Licht geht aus. Durch den Schlitz sehe ich, wie gegenüber dasselbe passiert. Auch er ist da.

Noch lange bleibe ich so stehen. Die Hand auf dem Lichtschalter, das Wohnzimmer und der Korridor sind dunkel. Nur aus der Küche dringen Licht und Martas Worte zu mir. Sie telefoniert.

Es wird nicht stimmen, was sie beim Abendessen erzählt hat.

Colin

Die Würste kaufe ich beim Metzger vorne am Platz, nicht im Supermarkt. Auf gar keinen Fall im Supermarkt. Wer sich ein wenig mit Fleisch auskennt, wird zum selben Schluss kommen wie ich. Würste sind nicht gleich Würste. Da gibt es wirklich große Unterschiede.

Der Sommer ist meine Saison. Nicht nur wegen dem Grillwetter. Im Sommer haben wir uns kennengelernt, am Grill. Noch heute muss ich lachen, wenn ich daran denke: Wir sind uns an einem öffentlichen Grill in der Badeanstalt begegnet – sie im Bikini, ich mit einem Fleischspieß in der Hand. Sie hatte eine gute Figur, hat sie immer noch. Und sie ließ sich nichts sagen von all den Männern, die sich sofort auf sie stürzten. So ist sie, Sigi. Sie hatte schon immer ihre eigene Meinung. Jedes Mal wenn ich in unserem Garten am Grill stehe, denke ich daran, wie wir uns getroffen haben.

Ich stand mit einem Freund am Grill, wir waren in unserer Gruppe fürs Fleisch zuständig. Es waren nur Männer beim Grill. Und Sigi. Plötzlich schob sie sich neben uns, zwei Hähnchenschenkel und einen Maiskolben in der Hand. Sie wartete auf einen freien Platz für ihr Grillgut. Ziemlich lange. Immer wieder wich sie dem beißenden Grillrauch aus. Ich liebe es, im Rauch zu stehen, sie nicht.

Irgendwann fragte sie uns höflich, wie das hier funktioniere. Ob es eine Schlange gäbe? Wir lachten. Eine Warteschlange am Grill? Undenkbar. Jeder legt sein Fleisch auf den Grillrost und gut ist. Sie runzelte ungläubig die Stirn. Und sofort witterte der Typ hinter mir seine Chance: Er hechtete regelrecht zwischen uns und nahm ihr die Stücke aus der Hand. Schob zwei andere Würste zur Seite und legte die Hähnchenschenkel großzügig auf die Glut. Natürlich hatte er eine Grillzange. Sie bedankte sich lächelnd bei ihm.

So läuft das hier also, sagte sie zu ihm.

Dann wandte sie sich zu mir und verdrehte grinsend die Augen. Ich lachte und bot ihr ein Bier von uns an. Mein Freund Joris wusste sofort, was war.

Unterdessen sind wir seit zwölf Jahren verheiratet. Wir haben uns sogar ein kleines Tattoo stechen lassen. Für mich war es das erste Tattoo, für Sigi das zweite. Eines, das außer uns niemand sieht.

Mein Arbeitgeber würde das nicht akzeptieren, ein Tattoo, ich habe viel Kundenkontakt. Ich berate unsere Kunden für Finanzprodukte, bei der Post. Das ist mir wichtig. Ich arbeite nicht für eine große Bank, ich bin kein rücksichtsloser Banker. Die sind ein ganz anderer Schlag. Was wir bei der Post machen ist solide. In letzter Zeit habe ich auch viele Frauen beraten, die Post hat eine Kampagne lanciert. Frauen interessieren sich nämlich viel zu wenig für Geld. Müssten sie aber, unbedingt! Sigi weiß das. Sie hat schon früh in Fonds investiert und hat schon einiges zur Seite legen können. Sie ist tough und klug auch. Die Sparkonti für die Kinder hat sie angelegt. Darüber lachen unsere Freunde regelmäßig. Sie, die verträumte Kulturfrau, ich, der strategische Finanzprofi – könnte man meinen, doch dem ist gar nicht so, überhaupt nicht.

Unsere Kinder sind toll. Nur haben sie vieles verändert. Ich schlafe unterdessen im Kinderzimmer, im Bett von Emilia. Denn Emilia möchte bei Mama im Bett schlafen. Sie wird bald fünf. Ich finde, sie könnte in ihrem eigenen Bett schlafen. Aber Sigi hat einen Ratgeber gelesen und besteht darauf, dass Emilia frei entscheiden darf. Überhaupt diese Bücher und Podcasts. Sie liest viele Ratgeber und hört viele Podcasts. Lieber hört sie auf den Rat anderer als auf meinen. Meistens macht das Sinn.

Remigio

Er raucht immer nur eine Zigarette, nie zwei oder drei oder vier. Und nie auf dem Balkon, sondern immer zum Wohnzimmerfenster hinausgelehnt.

Ich würde auf dem Balkon rauchen. Dafür ist ein Balkon da, nicht? Als ich noch rauchte, hatten wir keinen Balkon. Leider. Marta bestand darauf, dass ich für jede nach draußen ging, selbst bei kaltem Regenwetter. Sie war erbarmungslos. Und sogar, wenn meine Kollegen zu Besuch waren. Wegen der Kinder, meinte sie.

Gerade telefoniert sie mit ihrer Schwester. Dabei steht sie gerne in der Küche und wühlt in der Küchenschublade. Immer. Ich weiß nicht warum. Vielleicht, weil ihre Schwester sie nervös macht. In unserem Wohnzimmer ist es bereits dunkel. Auch der Fernseher läuft nicht mehr. Die Tagesschau ist ohnehin vorbei und die Wetterfrau hat noch einmal versprochen, was sie seit ein paar Tagen ständig tut. Bisher allerdings vergeblich. Dass es bald regnen wird. Währenddessen stand die Wetterfrau auf dem Dach des Fernsehstudios und hielt sich im Sturmwind die blondmelierten Fransen aus den Augen. Heute könnte es klappen, meinte sie. Nach der Tagesschau machten wir den Fernseher aus und Marta rief sofort ihre Schwester an. Auch hundert Kilometer weiter nördlich beklagen sie die Hitze jetzt schon. Dabei haben wir erst Mai.

Draußen zieht endlich Wind auf. Ich sollte Marta rufen. Doch das würde auch mein Nachbar hören. Da sind nur wenige Meter zwischen seinem und unserem Fenster. Gerade in dieser Hitze, in der alle die Fenster geöffnet halten. Deswegen stehe ich hinter dem Vorhang.

Er sieht mich nicht.

Ein starker Windstoß fährt in den Vorhang, es ist schwierig, den aufgebauschten Vorhang festzuhalten. Endlich schließt der Nachbar gegenüber das Fenster und löscht kurz danach sein Licht im Wohnzimmer. Verwickelt im Vorhang lange ich mit der einen Hand zum Fenstergriff, schließe das Fenster so sanft wie möglich und ziehe die Vorhänge gerade.

Dann geht das Licht gegenüber noch einmal an.

Jetzt nicht bewegen.

Das ist sein Zeichen. Unser Zeichen.

Davon weiß Marta nichts. Dass wir uns täglich mit dem Licht grüßen.

Licht aus, Licht noch einmal kurz an, Licht aus.

Immer nach der Tagesschau. Selbst im Sommer, wenn es nach halb elf Uhr kaum Licht bräuchte. Das sind keine Zufälle. Er sieht mich, ich sehe ihn.

Nur heute nicht.

Vorsichtig schleiche ich aus dem Wohnzimmer. Unsere Vorhänge sind aus lichtdurchlässigem Leinen, leicht transparent. Das war Marta wichtig. Obwohl sie mir versichert hat, dass man nicht zu uns hineinsieht, wenn es bei uns dunkel ist. Wir haben keine Geheimnisse, aber auch das müssen die Nachbarn sehen, sonst reden sie bald.

Also haben wir Vorhänge gekauft, nur keine blickdichten.

Dagy

Schon wieder riecht es süß nach Kardamomäpfeln auf karamellisiertem Zucker. Backen kann ich nicht, das ist Jaschas Metier. Er hält sich akribisch an die Rezepte. In letzter Zeit backt er viel. Angefangen hat es mit einem Osterkuchen. Nach altem Rezept seiner italienischen Großmutter, einer Art Brotkuchen. Danach gab es Apfelkuchen, Marmorkuchen, viele gängige Rezepte, und auch einmal einen Zucchinikuchen.

Anfangs freute ich mich, aber sobald ich das übermäßige Backen angesprochen hatte, wurde Jascha wütend. Er backe überhaupt nicht mehr als sonst und ich solle ihn doch bitte in Ruhe lassen, schließlich könne ich froh sein, dass er als Mann nicht dem üblichen Rollenmuster entspreche.

Ich gab ihm sofort recht. Und ich beiße seither gerne in jeden Kuchen, besonders wenn er noch lauwarm ist. Ich liebe seine Apfel-Kardamom-Kombination, die hat er durch ein Missgeschick selbst herausgefunden.

Trotzdem möchte ich gerne wissen, was los ist. Mit ihm, Jascha. Er habe überhaupt nicht weniger Stress bei der Arbeit, behauptet er, und er habe übrigens auch mehr Überstunden als alle anderen Kollegen. Als ob ich das wissen will. Lieber möchte ich erfahren, wie es ihm geht, doch ich habe keine Chance. Egal wie ich es anspreche, er verschließt sich mir komplett. Und nicht nur mir, auch unseren Freunden. Als wir neulich Besuch hatten und das Thema auf unsere berufliche Vorsorge kam, stellte er sich irgendwann in die Küche, um den Geschirrspüler auszuräumen. Zuerst fiel uns das gar nicht auf. Irgendwann verstand ich, dass er nicht über die Arbeit reden mag. Nicht weiter dramatisch, geht uns ja allen irgendwann mal so.

Nur: Das ist so geblieben. Seit Monaten geht das schon so. Er hat noch nie viel über sich erzählt. Neu ist das Backen.

Gerade hat er einen Blechkuchen mit Aprikosen in den Ofen geschoben. Wir hatten Streit deswegen: Noch ist überhaupt gar keine Saison, fand ich. Es empörte mich, dass er schon im Mai Aprikosen gekauft hat. Zuerst antwortete er nicht. Er sah mich nur an, mir war nicht klar, ob traurig oder enttäuscht – und sagte nichts.

Ich suchte Lily auf dem Spielplatz, und als ich zurück in die Küche kam, entschuldigte ich mich. Die Nachbarin mit den drei Kilo frischen Früchten …, sie hätte sie doch nur weggeworfen, murmelte er.

Welche Nachbarin?

»Im Nachbarschafts-Chat«, sagte Jascha abwesend und streute Rohrzucker über den Kuchen. Die Aprikosen sahen hart und unreif aus. Trotzdem bin ich gerührt. Er hat ein Herz für Aprikosen. Er kümmert sich, er ist da. Er trägt sogar die Schürze, die mir Lily im Kindergarten zum Muttertag bemalt hatte. Und Lily liebt Aprikosen. Vielleicht liegt es ja auch an mir. Ich habe in letzter Zeit viel zu tun gehabt. Habe viel stehen- und liegengelassen. Die Nähmaschine zum Beispiel, sie steht seit Wochen auf dem Tisch im Wohnzimmer. Ich sollte sie wegräumen und froh sein, dass es nach Aprikosenkuchen riecht, auch wenn es erst Anfang Mai ist. Vielleicht hilft mir ja der Kuchen für die Urlaubsplanung – wachsen in Bordeaux im August Aprikosen? Wohin möchtest du verreisen, wenn du Aprikosen riechst?

Remigio

Im Gegensatz zu mir, arbeitet er noch. Mittags habe ich ihn noch nie gesehen. Jetzt steht er überraschenderweise am offenen Schlafzimmerfenster. Zuerst habe ich ihn gar nicht bemerkt.

Er schaut hinunter in den Hof. Als er meinen Blick registriert, sieht er zu mir. Beinahe fällt mir das Tischtuch aus den Händen. Bei Tageslicht habe ich ihn selten gesehen.

Vielleicht ist er krank.

Oder er hat Urlaub. Doch heute ist Mittwoch. Obwohl ich schon seit einigen Jahren pensioniert bin, weiß ich immer ganz genau, welchen Wochentag wir haben. Marta nicht, sie gerät häufig in ein Durcheinander. Sie ist auch schon am falschen Tag zum Markt gefahren. Dann wird sie wütend. Weil ich ja auch einmal einkaufen könnte. Doch Einkaufen sagt mir nichts. Hat es mir noch nie.

Hätte er Urlaub, wäre er wohl weg. Nicht? Er läge jetzt an einem italienischen Strand oder säße auf Deck eines Schiffes. Wir machten das vor Jahren einmal. Über die Donau in die Wachau, das war eine ganz besonders schöne Reise. Ich könnte ihm das empfehlen. Unser Reiseanbieter hat viele Themen und Regionen im Angebot. Marta hätte gern die französischen Schlösser in der Loire gesehen. Vielleicht machen wir das im nächsten Jahr. Die Weinfahrt könnte zu ihm passen.

Er nickt mir abwesend zu. Ich nicke zurück. Er trägt ein Hemd und Blazer. Krank ist er bestimmt nicht.

Marta behauptete einmal, er sei Beamter. Kurz nachdem er in die Wohnung eingezogen war. Ich erinnere mich nicht, ob bei der Stadt oder beim Bund. Vielleicht auch bei der Post oder bei der Bahn.

Wahrscheinlich sitzt er viel am Computer. Als ich noch arbeitete, wurde viel umstrukturiert. Ich war froh als ich aufhören konnte. Da hat sich so viel verändert. Gerade haben sie uns das Zeitungsabo eingestellt. Wird nur noch digital angeboten und das wollen wir nicht. Unser Sohn und die Tochter haben uns ein Tablet eingerichtet. Sie haben uns gezeigt, wie man online Nachrichten liest. Ich mag es nicht. Marta auch nicht. Wenn ich morgens einen Artikel entdecke, ist er abends nicht mehr da. Sie verändern ständig die Seite. Nur manchmal ist das Gerät ganz praktisch. Der Wetterbericht, die Karte, der Fahrplan. Mein Freund Edin hat mir ein paar Tricks gezeigt für die Tourenplanung von Wanderungen. Da gibt es viele Vorteile.

Ich schaue noch einmal hinüber. Unterdessen steht er nicht mehr dort. Vor seinem Fenster ist der rechte Laden geschlossen. Wahrscheinlich glaubt er auch, dass heute endlich das große Gewitter kommt.

Oder er versteckt sich, weil Marta eben doch recht hat.

Dennis

Dialekt verstehe ich schwer. Aber ich sehe die Blumen. Und das Fragezeichen im Gesicht von Herrn Jo. Herr Jo ist der Sohn von Frau Klaudi. Er hat ihr Blumen mitgebracht. Gelbe. Ich kenne die Sorte nicht.

Ich zeige Herrn Jo die Vasen. Frau Klaudi lächelt zu mir. Sie will nichts wissen von ihrem Sohn. Obwohl sie heute einen guten Tag hat. Wir waren draußen. Wir haben zwei riesige Raben gesehen. Sie hat gelacht.

Große, schwarze Raben. Schöne Tiere. Stolz und neugierig. Sie haben Futter gesucht. Frau Klaudi hat mir die Geschichte eines Raben erzählt. Sie hat das versucht. Das ist schwierig für sie. Sie hört und fühlt. Sie kann nicht gut erzählen. Nicht mehr. Sie kann nicht gut erinnern. Nicht mehr. Einmal konnte sie.

Die Ärztin sagt, sie ist alt.

Es sind hier alle alt. Ich bin froh, dass ich arbeite. Das ist mein großes Glück. Nur schade, dass die Menschen sterben. Ich lerne jemanden kennen, gebe die Hand und dann plötzlich: ist seit gestern Nacht nicht mehr bei uns. Sie sagen nicht »gestorben«. Sie sagen: »Nicht mehr bei uns.« Als ob das weniger Schmerz ist.

Nicht alle Menschen sind freundlich hier. Schon gar nicht zu mir, dem Ausländer. Einige sind richtig böse. Doch ich habe keine Angst. Nie. Die schlechte Laune kommt immer erst danach.

Frau Klaudi ist anders. Ich mag sie. Und Frau Rakić. Herrn Sigfried auch.

Ich habe ihr mein Wort für Rabe gesagt. Sogar zwei Stunden später weiß sie das noch.

Ich klopfe an die Tür und bringe Wasser. Frau Klaudi rümpft die Nase.

»Sie bekommen Besuch von Ihrem Sohn. Das ist schön, Frau Klaudi, nicht wahr?«

Ich mag ihn, wirklich. Er kümmert sich. Seine Brüder nicht. Bis heute habe ich erst einen von ihnen gesehen. Herr Jo kommt immer. Obwohl Frau Klaudi in letzter Zeit viele schlechte Tage hat. Sie ist alt und krank. Ist normal. Das tut weh. Ich sehe viel Schmerz bei Herrn Jo, immer wieder. Er sagt nichts, weint nicht. Nicht einmal seufzen tut er. Aber ich sehe das. Ich spüre das. Gerade kommt er oft mit einem Fotogerät vorbei. Nicht mit dem Telefon. Mit echtem Film. Er fotografiert sie, er fotografiert sich und manchmal auch sie beide.

Heute ist ein guter Tag. Sie sagt seinen Namen. Auch wenn sie ihn nicht sehen will. Ich habe ihr schon am Mittag gesagt. Er kommt nachher. Meistens kommt er Mittwoch. Da bin ich nicht immer hier. Wir arbeiten mit Schichten. Wenn ich da bin, vorbereite ich Frau Klaudi immer. Wenigstens das kann ich tun.

Im Protokoll auf der Station sehe ich, wann er hier ist. Er kommt zweimal pro Woche, mindestens. Er wohnt in der Nähe.

Wenn sie jetzt gleich noch einmal in den Garten gehen, sehen sie vielleicht die Raben. Sie waren über Mittag weg. Danach sind sie zurückgekommen. Vielleicht gibt es ein Nest in der Nähe. Das weiß ich nicht. Frau Klaudi kann ihrem Sohn die Geschichte des Raben erzählen.

Remigio

Wir wohnen schon am längsten hier. Es gibt nur noch ein Paar, in Haus Nr. 29, das ähnlich lange hier wohnt. In der Nummer 25 sind wir die längsten Mieter. Die Siedlung wurde in den siebziger Jahren gebaut. Ein grobes Gebilde aus Beton, Wiese und Glas. Mehr Beton als Wiese, immerhin mehr Wiese als Glas. Insgesamt sind es fünf Häuser, verbunden durch einen Garten und ganz hinten ist ein Spielplatz. Alle Treppenhäuser führen hinunter in ein und dieselbe Tiefgarage. Das galt als modern, als wir hier eingezogen sind. Die Siedlung wurde in den letzten Jahren renoviert und einige Wohnungen wurden zusammengelegt. So sind junge Familien hergezogen. Unser Sohn nennt sie »Hipster«. Die neu Zugezogenen sprechen von »architektonisch wertvoller Bausubstanz«. Wir wohnen im rosa Haus. Rosa, weil der Eingangsbereich und die Fensterrahmen in dieser Farbe gehalten sind. Gegenüber von uns ist das blaue, weiter hinten das grüne und daneben das gelbe und das rote Haus. Die Kinder wissen so ganz leicht, wo sie wohnen, vor allem die Kleinen, die die Hausnummern noch nicht kennen. Marta behauptet, die Architekten hätten nicht daran gedacht, dass gerade bei Buben die Rot-Grün-Blindheit stark verbreitet sei.

Am liebsten schaue ich in der Abenddämmerung aus dem Wohnzimmer. Von hier sehe ich auf die große Jeffrey-Kiefer und den üppig wuchernden Flieder. Als wir eingezogen sind, war die Kiefer noch ganz klein. Jetzt reicht sie bis fast auf unsere Höhe in der dritten Etage. Wenn sie in diesem Tempo weiterwächst, werde ich meinem Nachbarn nächstes Jahr nicht mehr ins Wohnzimmer sehen.

Ich kenne diesen Nachbarn von gegenüber nur so: Wie er im Wohnzimmer steht und aus dem Fenster gelehnt Zigaretten raucht; wie er abends die Läden schließt und das Licht löscht. Auf der Straße habe ich ihn noch nie angetroffen.

Der Flieder wurde übrigens erst vor ein paar Jahren gepflanzt. Er wächst außerordentlich schnell. Das findet auch Marta. Sie kennt sich gut mit Pflanzen aus, immer noch.

»Was machst du da?«, fragt Marta plötzlich. Ich zucke zusammen. Ich habe nicht gemerkt, dass sie noch im Wohnzimmer ist. Draußen verliert sich das Tageslicht im Horizont. Drinnen ist es bereits schummrig geworden.

»Was machst du da?«, frage ich. Sie kauert unter unserem Esstisch. Ich stehe am Lichtschalter.

»Warum machst du das Licht an und aus?«, fragt Marta.

Der Nachbar. Wie soll ich ihr von ihm erzählen.

Sie mag ihn nicht.

Gerade in diesen Tagen nicht. Was weiß ich, ob stimmt, was sie erzählen. Er sieht mich, ich sehe ihn. Wir sprechen nicht miteinander. Was gäbe es auch schon zu besprechen.

»Die Glühbirne«, sage ich, »sie hat einen Wackel.«

»Hat sie nicht«, sagt Marta. Sie weiß genau, dass ich nicht lügen kann.

»Was suchst du unter dem Tisch?«, versuche ich unser Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.

»Ich suche meine Lesebrille.«

»Aha.«

»Was, aha?«

Da ist sie, sie findet die Lesebrille und kriecht unter dem Tisch hervor.

»Du hast mich erschreckt.«

»Tut mir leid«, sagt sie und rappelt sich schwerfällig auf. Ich gehe noch einmal zum Fenster und linse hinaus. Auch gegenüber brennt wieder das Licht. Dann löscht es aus.

Ich gehe rasch zum Lichtschalter und lösche das Licht.

Marta protestiert. »Warte, ich suche auch noch mein Buch.«

»Das ist hinten im Schlafzimmer«, sage ich und halte meine Hand auf den Lichtschalter, damit das Licht ausbleibt.

Jetzt bloß dem Nachbarn keine falschen Zeichen schicken.

Marta beobachtet mich misstrauisch. Schließlich verschwindet sie im Korridor Richtung Schlafzimmer. Manchmal besorgt es mich, dass sie jetzt schon so verwirrt ist. Vielleicht sollten wir das einmal dem Arzt sagen. So beginnt das doch, oder?

Kris

Er isst etwas Undefiniertes mit Soße, die Serviette über die Beine gelegt, der Rücken gerade. Vielleicht Polenta. Das hatte meine Mutter immer gekocht, nie mochte ich es. Zu schleimig nach meinem Geschmack. Gesund meinte sie, aber gesund schmeckt ja nicht. Das werde ich meinen Kindern sicher nie kochen. Ich mochte schon immer lieber süße Sachen, Chips auch. Ich esse viele Chips, wenn ich nicht am Fenster stehe und kiffe. Ein Nerd, seufzte meine Ex-Freundin gern, kiffen, Chips und gamen. Am Anfang meinte sie das noch liebevoll, mit der Zeit änderte sich ihr Ton, leider bemerkte ich das zu spät. Immer wenn ich mich ans Fenster stelle, denke ich an sie, hier hängt das Tuch, das sie mir von – ich glaube Kuba, vielleicht auch von Koh Panghan – mitgebracht hat. Koh schreibt man übrigens mit einem H, Koh, das bedeutet Insel auf Thailändisch; ein leuchtendes Batiktuch mit einem Print von Bob Marley. Damals stand ich total auf Reggae, auch das hat sich unterdessen geändert. Der Nachbar im blauen Haus isst immer alleine, ich auch, er bläst Gabelportion für Gabelportion kühl – immer zum Ende des Essens sucht er nach der Fernbedienung. Er ist ein Schattengänger. Kommt selten aus seiner Wohnung, schleppt sich tagsüber wie ein Schatten durch die Gegend und verschmilzt nachts fast mit der Dunkelheit. An Nachbarn geht er rasch vorbei. Nie stellt er sich zu ihnen und plaudert. Er lebt zurückgezogen. Schon seit er eingezogen ist. Ich habe ihn noch nie lächeln gesehen. Sein Fenster steht offen, eigentlich müsste ich hören können, was er im Fernsehen sieht. Wenn bei mir keine Musik laufen würde, bei mir läuft immer Musik, laute Musik, harte Musik, ich liebe laute, harte Musik. Meine Mutter hat mir Kopfhörer gekauft. Die Nachbarn von unten beschwerten sich anfangs. Sie sahen bald ein, dass das nichts bringt, dass das mein Leben ist: laute, harte Musik. Mit Kopfhörern ist das nicht dasselbe. Jetzt hat der Schattengänger fertig gegessen und sich auf das Sofa gesetzt. Das Fernsehbild erkenne ich nicht. Plötzlich steht er auf. Sein Telefon. Würde ich die Musik leiser stellen, könnte ich vielleicht hören, mit wem er telefoniert. Ich kann die Musik nicht leiser stellen, sonst kommen die Gedanken. Bei mir wäre die Mutter am Telefon. Bei ihm vielleicht ein Freund oder eine Freundin. Bestimmt ist seine Mutter schon lange gestorben. Ich beneide ihn. Das klingt hart, aber ich wäre befreit. Sie macht mir immer nur Vorwürfe. Meine Ex-Freundin meinte, sie habe auch ihre Gründe. Das stimmt nicht. Meine Ex-Freundin hat keine Ahnung, wie ich aufgewachsen bin.

Dagy

Auf dem Küchentisch liegt eine Rechnung, die Gebühren für öffentliches Fernsehen und Radio. Jascha hat sie noch nicht geöffnet.

Mal zahlt er, mal zahle ich. Wir sind ein typisches Paar, das irgendwann ein Kind der Liebe bekommen hat. Lily. Ich sehe nicht ein, warum wir heiraten sollten. Wir arbeiten beide und gerne, verdienen beide ähnlich viel, Jascha wahrscheinlich ein wenig mehr. Heilpädagoginnen sind schlechter bezahlt als die Leute in der Kommunikation. Er wird mir die Hälfte des Betrages überweisen, sobald ich ihn daran erinnere.

Wir teilen uns die meisten Aufgaben, auch die Nachmittage mit Lily. Er bleibt am Freitag zu Hause, ich am Mittwoch. Mir wäre es lieber umgekehrt, aber sein Arbeitgeber ist damit strikt: ein Papi-Tag sei wirklich nur freitags möglich.

Ich versuche immer mittwochs möglichst viel »Familienadministration« zu erledigen. Jascha lacht über dieses Wort. Doch es entspricht ziemlich genau dem, was ich an solchen Tagen tue: Ich logge mich ein und klicke mich durch etliche Formulare. Um den Hort während der Urlaubswochen zu buchen, das Ballett zu verschieben, den Impftermin abzumachen und die letzte Arztrechnung an die Krankenkasse weiterzugeben.

Sind Sie zufrieden mit unserem Service für Kund*innen?

Nein, rotes Emoji.

Auch ich werde ständig evaluiert und unpersönliche Kundenführung deprimiert mich.

Gleich kommt Lily nach Hause, es bleibt nur noch wenig Zeit, um die falsch bestellten Hallensportschuhe zurückzuschicken. Erneut einloggen, Gründe auswählen, die Adresse eintippen – Sie können die Retourenetikette jetzt ausdrucken. Leider ist der Toner unseres Druckers schon seit längerem leer und wir haben noch nicht herausgefunden, welches das Nachfolge-Produkt des bisherigen Toners ist, der übrigens nicht mehr produziert wird.

In der Küchenschublade ein Post-it suchen: Druckertoner (Patrone?!)!!!

Auf einem zweiten Post-it notiere ich die sechs Wochen Schulferien im Sommer. Der Hort muss bis Ende Juli gebucht werden. Für unseren Urlaub haben wir noch keine Pläne, ich denke immer wieder an die Brise am Atlantik, Jascha hält sich noch sehr bedeckt zu diesem Thema.

In der WhatsApp-Gruppe gibt es 56 ungelesene Nachrichten. Ein Schlüssel wurde gefunden, jemand hat zu viele Aprikosen gekauft, hat einen Teil davon verschenkt, drei Herz-Emoji, ein Aufsatz für Filterkaffee wird gesucht und bald soll wieder das Grillfest stattfinden. Wer bringt was und brauchen wir ein Verschiebedatum bei schlechtem Wetter? Weiß jemand wie das Wetter wird?

Remigio

Durch die Vorhänge meines Nachbars schimmert das blaue Licht der Tagesschau. Der Gong ertönt auch bei uns: »Meine Damen und Herren, wir begrüßen Sie zur aktuellen Ausgabe der Tagesschau.«

Obwohl das Fenster geöffnet ist, klebt die Luft. Im Himmel wieder dunkle Versprechen, die vorbeiziehen werden. »Es gibt Menschen«, sagt Marta, »die riechen Gewitter.« Ich gehöre nicht zu ihnen.

Abendluft bläht die Vorhänge meines Nachbarn. Wahrscheinlich experimentiert er mit Zugluft. Wie wir das diese Tage alle tun. Für die extreme Hitze ist es eigentlich noch viel zu früh. Gerade ändert sich alles, vor allem das Wetter. In der Tagesschau bittet der Wettermann um Geduld, die Gewitter bildeten sich zurzeit sporadisch an den Luftmassengrenzen. Marta seufzt. Sie hat schon letzte Nacht kaum geschlafen. Ich stelle mich in die leichte Zugluft am Fenster, linse zum Nachbarn hinüber.

Er ist ein komischer Kauz.

Auch er stellt sich ans Fenster. Er zieht an seiner Zigarette. Er nickt mir zu. Ich weiche automatisch zurück. Was, wenn Marta recht hat? Ich sollte ihn beobachten, aber mich nicht mit ihm anfreunden. Das ist mein Nachbar, nicht mein Freund. Trotzdem hat er mich bereits gesehen. Also lehne ich mich weit aus dem Fenster und schaue in den Hof hinunter. Es könnte mir etwas hinuntergefallen sein. Heute Mittag habe ich meinen Rucksack ausgeschüttelt. Ich war mit meiner Gruppe wandern. Wir wandern, so gut wir das noch können. Der Schwächste gibt das Tempo vor. Vor zwei Jahren sind wir in drei Stunden noch weiter gekommen. Unterdessen gibt Edin den Takt vor, er hatte letztes Jahr eine Operation am Knie. So ist das Leben.

»Was tust du da?«, fragt Marta hinter meinem Rücken.

»Nichts«, murmle ich, »mir scheint, es ist etwas hinuntergefallen.«

Der Nachbar von gegenüber beobachtet mich. Rasch stelle ich mich wieder aufrecht und ziehe den Vorhang.

Womöglich habe ich ihm zugenickt. Es gibt ja auch keinen Grund, das nicht getan zu haben. Du siehst mich, ich sehe dich.

Vorhang ziehen und Licht löschen.

Marta bleibt sitzen. »Ich kann sowieso nicht schlafen«, sagt sie. Ich mache das Licht wieder an und setze mich zu ihr aufs Sofa. Auch gegenüber geht das Licht wieder an, für wenige Minuten nur. Es schmerzt mich, dass ich das Licht nicht auch an- und ausschalten kann. Gerade jetzt nicht. Stattdessen starre ich auf unseren Vorhang. Dann wird es endgültig dunkel dort drüben.

Erleichtert lege ich meine Hand auf Martas Bein.

Misstrauisch betrachtet sie mich von der Seite.

»Was ist los?«, fragt sie.

»Nichts.«

Sie schlägt ein Magazin auf und zeigt mir einen Artikel. Ein Interview mit einer Ökonomin. Sie empfiehlt mir den Text. Ich lese den Vorspann zweimal, um zu verstehen, worum es geht. Die männliche Wirtschaft aus weiblicher Sicht, so ungefähr.

»Interessant, oder?«, lächelt sie.

Sie ist die klügere von uns beiden, immer noch.

Colin

»Wo ist Aurel?«

Sigi. Sie bringt den ersten Salat heraus, dazu eine Platte mit Veggi-Nuggets. Ob ich die auch noch braten könne.

Wieder ein Ernährungs-Podcast, bestimmt. Besser, ich sage nichts.

»Aurel testet sein neues Fahrrad«, sage ich und zeige zum Ausgang der Siedlung. Das ist das Gute hier: Die Kinder können sich frei bewegen. Gleich nebenan ist eine ruhige Quartierstraße. Wir wohnen in der Stadt, da ist das nicht selbstverständlich.

»Er weiß doch, dass er in Sichtweite bleiben soll«, sagt Sigi genervt.