Schattengeboren - Clerie Warren - E-Book

Schattengeboren E-Book

Clerie Warren

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Beschreibung

Sie kann niemandem mehr trauen. Er muss eine Entscheidung treffen. Gemeinsam könnten sie alle retten. Oder alles zerstören. Band 2 Nach den Ereignissen auf Rhea während der Wintersonnenwende, findet sich Hannah in einem modrigen Keller wieder. Ihre Hände sind gefesselt und das tiefe Gefühl des Verrats schnürt ihr die Kehle zu. Wie soll sie fliehen, geschweige denn ihre Freunde vor dem Verräter warnen, wenn sie keinen Zugang zu ihrer Magie findet? Als dann auch noch Maeva direkt vor ihr steht, weiß sie, dass sie längst verloren hat. Dieses Buch ist etwas Besonderes, denn du entscheidest, wie die Geschichte ausgehen wird. Wähle zwischen drei unterschiedlichen Enden; falls du dich traust, mit den Konsequenzen zu leben. Wie entscheidest du dich?

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Seitenzahl: 516

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Magiesystem

Schattenmagie

Blutmagie

Sonnen- und Mondzeichnungen

Sonnenaffine Fähigkeiten: Geschwindigkeit, Hellsicht, Heilung Mondaffine Fähigkeiten: Teleportation, Telepathie, Visionen

Weiterentwickelte Elementabstufungen

Metalle, Pflanzen, Kristalle, Schall, Schwingungen, Blitze, Höllenfeuer, Lava, Eis, Gelee

Grundelemente

Wasser, Feuer, Erde, Luft

Playlist

Ursine Vulpine – Without You

SAYSH, Anderson Rocio – Invincible

Lexxi Saal – Save Your Soul

Ely Eira – Secrets Kill

Kat Leon – Time Is Running Out

Liv Ash – Never Surrender

7Chariot – Pyrokinesis

Simon, Elina Victoria – My Kingdom

Hidden Citizens, Erin McCarley – Out of Time

Ruelle – Carry You

Hidden Citizens – Nothing Is As It Seems

UNSECRET, Erin McCarley – Feels Like Falling

Tommee Profitt, Nicole Serrano – One Last Breath

Steelfeather – Can You Feel It Coming

Tommee Profitt, Sarah Reeves – It’s Got My Name on it

burnboy, Brooke Williams – The Greatest

UNSECRET, Ruelle – Slip Away

Hidden Citizens, SVRCINA – Too Far Gone

Triggerwarnung

Dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte. Wenn es dir mit den folgenden Themen nicht gut geht, solltest du dieses Buch mit Vorsicht genießen. Dein Wohlbefinden steht an oberster Stelle. Pass auf dich auf.

explizite, detailliert beschriebene Sexszenen

Verrat, Entführungen & Gefangennahmen

Blut, Verletzungen & Wunden

Monster jeglicher Art, Gewalt & Kampfszenen

Rauschzustände, Alkoholkonsum und Gift

Aussichtslosigkeit, Tod & Mord

Stalking & Handschellen

Weil nicht jede Geschichte ein Happy End bekommen kann…

Inhaltsverzeichnis

Was bisher geschah …

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Achtung!

Ende 1

Kapitel 47

Ende 2

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Ende 3

Kapitel 51

Was bisher geschah …

Eine Zusammenfassung zu Band 1. Falls du dich noch gut an die wichtigsten Ereignisse erinnern kannst, überspringe diesen Teil ruhig.

Hannahs Kräfte brechen während des Geländelaufs im Sportunterricht aus ihr heraus und bauen ausgerechnet eine magische Verbindung zu Ren auf, der beauftragt wurde, sie zu finden und umzubringen. Glücklicherweise merkt er jedoch nicht sofort, wer sie ist, und Hannah tut das Ganze zunächst als Halluzination ab. Als ihre Magie dann aber immer unkontrollierbarer wird, ist ihre Schwester Jess gezwungen, ihr die Wahrheit über ihre Herkunft zu erzählen. Hannah ist nämlich die Prinzessin eines magischen Reiches namens Callisto, die gezwungen wurde, auf die Erde zu flüchten, da ihre Tante Maeva den Thron gewaltsam an sich gerissen hat. Damals war Hannah, die eigentlich Sienna heißt, nur noch zu jung, um sich an irgendetwas erinnern zu können.

Die Verbindung zu Ren verschwindet nicht und jetzt, da sie weiß, dass er für Maeva arbeitet, muss sie ihm gegenüber besondere Vorsicht walten lassen – jedoch ohne Erfolg. Schneller als ihr lieb ist, kommt er dahinter, wer sie wirklich ist, doch als er die Chance bekommt, sie zu töten, tut er es nicht. Er rettet ihr sogar das Leben, als sie beim Surfen beinahe ertrinkt. Kurz darauf kommen sich die beiden das erste Mal näher und küssen sich, was Hannah nur noch verwirrter zurücklässt, denn die Angriffe von Maeva und ihren Schattenmonstern nehmen nicht ab.

Nachdem Maddie, Hannahs beste Freundin, ungewollt von ihren Kräften erfahren hat (ein Streit führte dazu, dass sie sich durch halb Europa teleportierten) und ihren Adoptiveltern eine Lüge über ein Internat in der Schweiz aufgetischt wird, reist Hannah nach Rhea, einem magischen Planeten samt Elementarakademie, um Kontrolle über ihre Magie zu erlangen. Sich alleine an die Akademie zu begeben ist gefährlich, denn überall könnten Spione auf sie warten und bereits ihre Affinitäten würden sie verraten, wenn jemand von ihnen erfährt. Hannah ist nämlich sowohl eine Sonnen- als auch eine Mondgezeichnete, was eigentlich gar nicht möglich sein dürfte.

Dass sie den anderen Studierenden gegenüber misstrauisch sein sollte, bestätigt sich, als sie eines Abends von weiteren Schattenwesen angegriffen wird. Gemeinsam mit ihren neuen Freunden versucht sie, den Verräter zu entlarven, der die Ignihenca aufs Schulgelände gelassen hat und findet belastende Beweise im Büro ihres Professors.

Erst in der Nacht zur Wintersonnenwende, an der Hannah nicht über ihre Sonnenmagie verfügen kann und quasi machtlos ist, da ihre mondaffine Seite noch immer nicht zu kontrollieren ist, zeigen sich die wahren Verräter. Wie sich herausstellt, haben Direktorin Welsh und Isaac, einer von Hannahs Freunden, ihre Entführung und Auslieferung an Maeva geplant. Ihr Herz zerbricht jedoch, als auf einmal auch noch Ren auftaucht und ihr – anstatt ihr zu helfen – die magieunterbindenden Handschellen anlegt.

Als Hannah wieder zu sich kommt, findet sie sich in Maevas Gefangenschaft wieder. Hier beginnt Band 2.

Prolog

Vor der Wintersonnenwende

Wasserdampf ließ die Spiegel beschlagen, aber die hohe Luftfeuchtigkeit war nicht das Erste, das Ren auffiel. Es war Hannahs Hintern, der sich ihm entgegen reckte, während sie vorsichtig einen Fuß unter den Wasserstrahl der Dusche hielt, um die Temperatur zu testen. Ihr nackter Hintern.

Es kostete ihn eine Menge Überwindung, den Blick zu heben. Erst recht, da er die ganze Zeit daran denken musste, wie sie sich an ihn geschmiegt hatte. Wärme breitete sich in ihm aus und er räusperte sich. »Von diesem Anblick kann ich nie genug bekommen«, neckte er.

Erschrocken fuhr sie herum und geriet auf dem nassen Boden ins Schlittern. Wild ruderte sie mit den Armen durch die Luft, fand aber keinen Halt.

Sofort trat Ren näher, wickelte einen Arm um ihre Taille und hielt sie aufrecht. Hannahs Körper presste sich an seinen und auf einmal fiel ihm das Atmen schwer. Warum sah sie ihn auch aus ihren tiefblauen Augen so an? Wenn sie so zu ihm aufblickte, wollte er sie nie wieder loslassen.

»Ich dachte schon, du tauchst gar nicht mehr auf«, murmelte sie.

Bei dem hohlen Klang ihrer Stimme krampfte sich etwas in ihm zusammen. Sie klang enttäuscht und automatisch zog er sie näher.

»Ich habe dich vermisst«, hauchte sie an seiner Halsbeuge. Ihr Atem strich über seine Haut, eine Gänsehaut überkam ihn.

»Es tut mir leid«, erwiderte er schuldbewusst und küsste sie auf den Scheitel. Maeva beauftragte ihn in letzter Zeit mit so umfangreichen Missionen, dass er kaum noch zu etwas kam, geschweige denn sich einen schönen Tag mit Hannah machen konnte. Hätte er es nicht besser gewusst, könnte man fast meinen, sie tat es mit Absicht.

Hannah drehte sich in seinen Armen herum, sodass er sie ansehen konnte. Sie schlang die Arme um seinen Hals, dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn. Es war kein leidenschaftlicher oder stürmischer Kuss, er war leicht, unschuldig. Trotzdem raubte es ihm den Atem.

Ich liebe sie, dachte er und war sich des vollen Ausmaßes dieser Worte bewusst. Es durfte nur niemand erfahren.

Erst durch Hannahs Luftholen, die Veränderung ihrer Haltung, bemerkte er, dass er die drei Worte laut ausgesprochen haben musste, und strich sanft über ihre Taille. Er wanderte ihren nackten Körper herab, unfähig, nicht an diesen Moment der Zweisamkeit zu denken. Er hatte schon öfter Sex gehabt, meistens um sich nach einem anstrengenden Auftrag abzulenken, zu entspannen. Aber nichts kam an das Gefühl heran, das er bei Hannah empfand. Es war so anders, besonders, wichtig. Weil er sie liebte.

»Man könnte meinen, du hast unsere Verbindung absichtlich in genau diesem Moment ausgenutzt.«

»Vielleicht.« Ein schelmischer Ausdruck trat in ihre Augen. »Aber es ist ziemlich unfair, dass ich nackt vor dir stehe, während du vollständig bekleidet bist.«

Er lachte. »Das lässt sich schnell ändern, Prinzessin.«

Ren küsste ihre Nasenspitze, einfach weil er es wollte und blickte zum Wasserstrahl. Er hielt sie vom Duschen ab. »Störe ich gerade?«, wollte er wissen und meinte damit sehr viel mehr.

»Nö.« Sie hatte wieder dieses Funkeln in den Augen. »Ich wollte nur gerade duschen gehen.«

»Hm«, machte er. Ohne ein weiteres Wort knüpfte er sein Hemd auf. Dann packte er ihren Po und hob sie hoch. Sofort schlang sie die Beine um seine Hüfte. Ihre zierlichen Finger vergruben sich in seinem Haar, als er sie unter den heißen Strahl brachte. Sie seufzte. Es war das schönste Geräusch, das er je gehört hatte.

Er spürte die heißen Wassertropfen, die auf seinem Gesicht, seinen Schultern landeten. Der Hemdstoff klebte an seiner Haut und es war ihm so egal. Ihm war alles egal, solange sie ihn weiterhin so ansah, wie sie es in diesem Moment tat. Küssend wanderte er ihren Hals hinauf. Er versank in ihrer weichen Haut. Ihrem Duft.

Darum sah sie ihn umso verwirrter an, als er sie wieder auf dem Boden absetzte. Statt einer Antwort griff er stumm nach einem Stück Seife, das auf der Ablage an der Wand lag und fing an, ihre Haut einzuseifen.

Sie musste schmunzeln. »Ich weiß, wie man sich wäscht.«

Ein Lächeln zupfte an seinen Mundwinkeln. »Mag sein, aber vielleicht gefällt es mir?«

Seine Hände glitten über ihre zarte Haut, auf der sich automatisch eine Gänsehaut bildete. Es war faszinierend, wie ihre Verbindung funktionierte. Er strich über ihr Dekolleté, ihre Brüste, ihren Bauch. Seine Augen folgten jeder Bewegung. Er bekam nicht genug von ihr.

»Ist das schön?«

»Hm.« Sie brummte zustimmend und drängte sich näher an ihn. »Hör nicht auf.«

»Ich denk nicht einmal daran.« Er küsste ihre Halsbeuge erneut, während er sich langsam das nasse Hemd abstreifte. Irgendwann landete es auf dem Boden, gefolgt von seiner Hose. Er schnappte sich die Flasche mit ihrem Shampoo und massierte es in ihre Kopfhaut ein. Sie legte den Kopf in den Nacken und kicherte.

»Was ist so lustig?«, fragte Ren an ihrem Ohr.

»Das hier.« Sie deutete auf ihn, dann auf die Dusche. »Dass du mich einseifst.«

Er runzelte die Stirn und trat einen Schritt zurück, um sie besser ansehen zu können. »Wieso?« Er verstand nicht, warum ausgerechnet das lustig oder seltsam für sie war. Dass sie ihm wichtig war, müsste ihr mittlerweile doch bewusst sein. Warum sollte er sie dann nicht verwöhnen wollen?

»Na, weil …« Sie suchte nach den richtigen Worten und ließ seufzend die Schultern hängen. »Ach, ich weiß auch nicht.«

Sorge breitete sich in Ren aus. Bereute sie es, mit ihm geschlafen zu haben? Sie hatte zwar gesagt, dass sie es nicht täte, aber seitdem waren einige Tage vergangen. Was, wenn sie ihre Meinung geändert hatte? Er würde damit umgehen können, wenn sie nicht das Gleiche für ihn empfand, nicht wahr? Wenn sie sagte, dass sie das zwischen ihnen nicht wollte, würde er ihren Wunsch respektieren, auch wenn es noch so schwer war. Sie sollte glücklich sein. Das war alles, was zählte.

Er wollte ihr nicht das Gefühl geben, sie zu drängen, also flüsterte er: »Wenn du mehr Zeit brauchst, dann–« Er konnte den Satz nicht beenden, denn sie presste ihre Lippen auf seine und zog ihn zurück unter den heißen Strahl.

»Ich liebe dich«, murmelte sie.

Ihm stockte der Atem. Es war das erste Mal, dass sie aussprach, was sie für ihn empfand. Das Herz in seiner Brust schien anzuschwellen, jegliche Sinne waren nur auf sie gerichtet. Kurz war es so, als könnte er gar nicht verarbeiten, was sie gesagt hatte. Sie liebte ihn?

»Ich will, dass das zwischen uns ernst ist.«

Sobald sie die Worte ausgesprochen hatte, konnte er sich nicht länger zurückhalten. Er küsste sie, stürmischer dieses Mal. »Das will ich auch.«

Er drängte sich an sie, erkundend fuhren seine Finger ihren Körper hinab. Er küsste ihren Mundwinkel, genoss die Geräusche, die sie von sich gab. Sie legte den Kopf schief, machte ihm Platz und er saugte fester an ihrer Haut. Er schnappte nach Luft, als sich ihre Hand um seine Erektion legte. Sie grinste ihn nur an, als wüsste sie genau, welche Wirkung sie auf ihn hatte. Ihr so nah zu sein, ohne in ihr zu sein, machte ihn wahnsinnig.

»Hannah«, warnte er. Er erkannte seine Stimme kaum wieder. Sie hatte einen düsteren Klang angenommen, spiegelte das Verlangen wider, das in seinen Adern brodelte. »Wenn du das tust, verliere ich meine Selbstbeherrschung.«

»Vielleicht will ich ja, dass du sie verlierst?«

Fluchend packte er ihren Po und hob sie hoch. Ihre Beine spreizten sich von ganz allein, dann überbrückte er die restliche Distanz zwischen ihnen. »Bist du sicher?«, fragte er unsicher und blickte ihr in die Augen.

Sie gab keine Antwort. Stattdessen bewegte sie ihr Becken, rieb neckend über seine Erektion. Mit Genugtuung beobachtete sie, wie sein Blick dunkler, fokussierter wurde. Dahin war seine Beherrschung. »Fuck« Er lehnte ihren Rücken gegen die Duschwand und drang in sie ein.

Rens Schritte hallten unangenehm laut von den kahlen Gemäuern wider. Es war nicht ungewöhnlich, dass Maeva ihn spontan zu sich zitierte, aber nie hatte er ihr in die Katakomben folgen sollen. Er ließ sich sein Unbehagen nicht anmerken, lediglich die Flamme in seiner geöffneten Hand flackerte unregelmäßig. Maeva war direkt hinter ihm, lotste ihn hinab zu den geheimen Zellen. Das war der Grund für seine Unruhe. Nie zuvor war es nötig gewesen, einen Gefangenen in den privaten Kerkern unterhalb des Thronsaals einzusperren. Wieso also führte Maeva ihn nun her? Hatte sie etwa …? Nein, schüttelte er seine Sorge ab. Hannah war auf Rhea und wohlauf. Er hatte sie gestern noch gesehen. Bei der Erinnerung an ihre gemeinsame Dusche wurde ihm ganz warm.

Warum also hatte er kommen sollen? Wer befand sich hier unten, dass seine Anwesenheit von Nöten war? Konnte Maeva nicht einen ihrer Leibgarde entbehren? Wieso brauchte sie überhaupt jemanden zur Wache, wenn es unmöglich war, aus diesen Räumlichkeiten zu entkommen? Es sei denn, er war nicht zu ihrem Schutz hier. Was war, wenn sie von seinen verräterischen Gefühlen und Absichten erfahren hatte? Die Panik unterdrückend, richtete er sich gerader auf, doch er war sich sicher, sie konnte sein rasendes Herz poltern hören.

Am Ende der Treppe trat Maeva an ihm vorbei. Er ließ sie passieren, beobachtete, wie sie die Eisentür vor ihnen mit der Kraft des Metallbändigen öffnete. Es gab nicht viele, die diese Kunst beherrschten. Obwohl das Erdbändigen weit verbreitet war, schafften es nur die wenigsten, edle Materialien und Metalle zu beeinflussen.

»Nach dir«, bot Maeva an und hielt Ren die Tür auf.

Er hielt ihren Blick, während er über die Schwelle trat. Er brauchte sein Misstrauen nicht einmal zu verbergen. So wie sie ihn anlächelte, war ihr längst bewusst, was in seinem Kopf vor sich ging.

Leuchtsteine entzündeten sich, erhellten die ersten Zellen. Dieser Ort war anders als der Teil der Katakomben, den er bereits kannte. Ein unangenehmes Engegefühl breitete sich bei dem Anblick der steril weißen Räumlichkeiten in ihm aus. Er wollte sich gar nicht ausmalen, welche Grausamkeiten hinter den verspiegelten Fronten Realität werden konnten. Er war noch nie hier gewesen, aber er hatte Geschichten gehört von diesem Ort. Es waren düstere Erzählungen von Folterungen und Menschen, die nie wieder gesehen wurden. In den letzten Wochen häuften sie sich, doch er war noch nicht dahintergekommen, was sie hier unten tat, was sie plante.

Die Zellen, an denen sie vorbeiliefen, sahen nahezu gleich aus: Weiße geflieste Wände, ein zur Mitte hin abgesenkter Boden, ein Abfluss an der tiefsten Stelle. Ob es zur einfachen Reinigung oder Toilettengängen diente, wusste er nicht.

Unsicher lief er den kurzen Gang entlang. Maeva blieb direkt hinter ihm, ließ ihn an den leeren Zellen vorbeischlendern, bis sie den letzten Raum erreichten. Das künstliche Licht, das durch die dicke Glasfront zu ihnen in den Flur drang, war so grell, dass es ihm in den Augen brannte.

An der gegenüberliegenden Wand war eine junge Frau angekettet worden. Die blonden Haare, die ihr Gesicht verdeckten, waren blutverkrustet. An ihren Unterarmen lief noch immer frisches Blut hinunter, tropfte auf den Steinboden und bildete eine Lache, die langsam Richtung Abfluss lief. Als spürte sie den Besuch, hob sie kraftlos den Kopf.

Ren war davon überzeugt, dass man im Inneren der Zelle nicht in der Lage war, den Flur hinter den verspiegelten Scheiben sehen zu können. Sie konnte ihr Auftauchen unmöglich bemerkt haben, trotzdem schien es, als sah sie direkt in seine Richtung. Beim Anblick ihrer grünen Augen, wich ihm sämtliche Farbe aus dem Gesicht. Auf zittrigen Knien trat er näher an die Scheibe. Er wagte es kaum zu atmen. Das konnte nicht … Sie war viel älter als in seiner Erinnerung, aber ihr Gesicht … Sie war es. Unverkennbar. Tränen traten in seine Augen. Maeva war ihm zuvorgekommen.

»Stella …«, flüsterte er verzweifelt. Kälte breitete sich in ihm aus, als ihm bewusstwurde, was Sinn des Ganzen war. Sie war seine Schwachstelle und in den Händen Maevas ihr Ass im Ärmel.

Auf klackernden Absätzen trat die Königin zu ihm an die Glasfront. »Wie gut, dass du sie erkennst. Das erspart mir eine Erklärung.«

»Wieso?«, presste er hervor, konnte den Satz jedoch nicht beenden. Er hatte alles getan, um sie vor Maeva zu verstecken, war davon ausgegangen, seine eigenen Erinnerungen vor ihr geheim halten zu können. Dabei war es naiv und dumm gewesen, das erkannte er nun auch. Sie war einfach so viel stärker als er.

»Sie hat Euch nichts getan. Warum tut Ihr so etwas?« Es fiel ihm schwer, seine Magie zu kontrollieren. Wut prickelte in seinen Adern, ließ Macht in seinem Inneren entflammen. Das Verlangen, ihr wehzutun, sie für all das Leid und den Schmerz büßen zu lassen, war beinahe übermächtig. Doch er wusste, er hätte nicht den Hauch einer Chance…

»Du hast mir keine andere Wahl gelassen«, meinte sie schulterzuckend. Ein zartes Schmunzeln zupfte an ihren Lippen. Ihr war bewusst, wie sehr es ihn quälte, seine Schwester da angekettet zu sehen. Das war schließlich Sinn und Zweck des Ganzen. »Wenn es jemandes Schuld ist, dann deine. Ich hätte mehr von dir erwartet.«

Wut staute sich in ihm. Er wusste, dass es aussichtslos war, sich zu wehren. Er hatte sich jahrelang gefügt. Wieso also fiel es ihm jetzt so schwer, es ein letztes Mal zu tun? Denn es würde das allerletzte Mal sein, das schwor er sich stumm.

»Ein Anwärter namens Isaac befindet sich zurzeit auf Rhea und bereitet Siennas Entführung vor. Zusammen mit Direktorin Welsh, die sich bereit erklärt hat, sie uns auszuliefern, dürfte zwar nichts schief gehen, aber ich möchte sichergehen, dass alles reibungslos verläuft. Ihre Mondmagie ist noch zu schwach, weshalb sie an der Sonnenwende nahezu machtlos sein wird.« Eindringlich betrachtete Maeva ihn. »Ich will sie lebend, Ren. Beweise mir deine Loyalität und ich schenke deiner Schwester die Freiheit.«

Rens Kiefer knackte. Seine schlimmsten Albträume wurden Wirklichkeit. Alles in ihm sträubte sich gegen den Gedanken, Hannah zu hintergehen. Er konnte das nicht tun. Aber Stella zu beschützen, war seine Lebensaufgabe gewesen. Ohne sein Zutun huschte Rens Blick zurück zu dem gefesselten Körper an der gegenüberliegenden Wand. Er brachte es nicht übers Herz, sich abzuwenden, obwohl sein Innerstes in Flammen stand.

Wie sollte er eine Entscheidung fällen? Er konnte Stella nicht im Stich lassen, aber wie sollte er beide retten?

Er prägte sich alles ein: Jede blutende Stelle, jeden blauen Fleck. Stella zitterte vor Kälte und bei jedem Beben, fragte er sich, welchen Preis er zahlen würde, um sie zu retten.

1

Endlich lernen wir uns kennen, Sienna. Das wurde aber auch langsam Zeit ...«

Wie erstarrt begegnete ich Maevas Blick, spürte, wie die beißende Kälte unter meine Jacke kroch, während ihre Worte immer und immer wieder in meinem Kopf nachhallten. Endlich lernen wir uns kennen, endlich…

Ich kniff mir in die Handinnenfläche. Das musste ein Albtraum sein, aus dem ich nur aufzuwachen brauchte. Doch je länger kalte Luft in meine flachatmende Lunge drang, desto realer wurde das Bild vor meinen Augen. Nichts flimmerte oder verzerrte sich seltsam. Mein Herz stolperte.

Wir mussten uns unter der Erde befinden, denn die Luft war seltsam feucht und moderig. In einem Verlies vielleicht? Es gab keine Fenster, nur Fackeln, die an den Steinwänden in ihren Halterungen hingen und spärliches Licht spendeten.

Wachen umzingelten mich. Sie hatten sich bis an die hinterste Wand in die Schatten zurückgezogen, sodass ich kaum mehr als ihre breiten Umrisse erkennen konnte. Maeva stand direkt vor mir – und ich war nicht einmal in der Lage, ohne Hilfe aufzustehen, denn ich klammerte mich an Ren wie an einen Rettungsring.

Nur war er keine Rettung, wie mir schmerzlich bewusstwurde. Er hatte vielleicht versucht, Isaac aufzuhalten, aber wenn er von dem Plan, mich während der Sonnenwende anzugreifen, gewusst hatte, wieso zum Teufel hatte er mich dann nicht gewarnt? Warum hatte er für sich behalten, dass Isaac und Welsh mit Maeva zusammenarbeiteten?

Ich hatte ihm vertraut, wirklich geglaubt, zu wissen, wer er war und vor allem wer er sein wollte. War alles nur gespielt und er ein verdammt guter Lügner? War ich so naiv gewesen, dass ich ihm einfach glauben wollte? Dass sein attraktives Äußeres und mein Verlangen nach Liebe ausgereicht hatten, um ihm alles von mir zu geben? Das zwischen uns war so schnell gegangen. Zu schnell vielleicht. Ich hatte jegliche Vernunft ignoriert und mich auf ihn eingelassen. Ich fühlte mich wie eins dieser naiven Dummchen in Filmen, die nicht nur ihre Unschuld, sondern auch ihr Herz an den Love-Interest verloren, während dieser sie von vorne bis hinten belügt. Dabei war ich keinen Deut besser.

»Gut gemacht, Ren. Wie ich sehe, hast du mich doch nicht enttäuscht.«

Gut gemacht Ren. Gut gemacht Ren. Gut gemacht Ren. Wieder und wieder hallten Maevas Worte in mir nach und mit jeder Wiederholung brannten sie ein größeres Loch in mein kleines Herz. Beschämt wandte ich den Blick ab. Seelenverwandte, dass ich nicht lache! Vermutlich steckte die Feuerkoboldin mit ihnen unter einer Decke und so etwas wie Seelenverbindungen gab es wirklich nicht. Sie hatte mich einfach nur weiter in seine Arme treiben sollen. Ich kam mir so dumm vor. Der Stich, den sein Verrat hinterließ, übertünchte das Brennen der Handschellen, die sich mit Widerhaken in mein Fleisch bohrten. Sie unterbanden meinen Magiefluss. Ich war Maeva vollkommen ausgeliefert.

Nicht, dass ich viel gegen sie hätte ausrichten können. Schließlich hatte sie meinen Blutfluss sogar verlangsamen können, als ich sie lediglich durch die Verbindung zu Ren hatte sehen können. Kaum vorzustellen, wozu sie in der Lage war, jetzt, da ich wirklich vor ihr stand. Dass ich noch nicht tot umgefallen war, grenzte an ein Wunder. Wobei… Warum überhaupt warten? Ich hatte immer angenommen, sie würde mich unverzüglich aus dem Weg schaffen, sobald sie die Chance dazu bekam. Warum also? Genoss sie das Gefühl der Überlegenheit? Dass ich starr vor Angst vor ihr stand?

»Ich dachte, du wolltest mich umbringen. Nicht kennenlernen.«

»Hannah«, warnte Ren als wollte er mich zur Vernunft bringen, dabei wussten wir beide, dass es keinen Ausweg mehr gab. Dafür hatte er gesorgt, indem er mich hierhergebracht hatte. Am liebsten hätte ich laut aufgelacht, denn es war lächerlich. Was kümmerte es ihn? Es war vorbei. Game Over.

Vorher hätten wir – ich, korrigierte ich in Gedanken – vielleicht eine Chance gehabt, gegen Maeva anzukommen. Mit dem richtigen Plan, genügend Vorbereitung und vor allem ausreichend Zeit. Jetzt konnte ich nichts erreichen.

Maeva lachte leise und jagte mir damit mehr Angst ein als durch ihr analysierendes Starren.

»Was wäre ich für eine Mutter, wenn ich meine eigene Tochter umbringen würde?«

2

Jemand übergoss mich mit einem Eimer Eiswasser. So fühlte es sich jedenfalls an. Betäubend. Luftabschnürend.

Maevas Worte trafen mich mit einer Wucht, die mich hätte einknicken lassen, hätte Ren mich nicht ohnehin auf den Beinen halten müssen. Ich verstand, was sie sagte, mein Gehirn weigerte sich allerdings, es zu akzeptieren. Der erste Gedanke, der mir in den Kopf schoss, war: Das kann nicht sein. Sie musste lügen. Aber warum sollte sie? Warum mich hinhalten, wenn sie mich einfach ausschalten konnte? Es ergab keinen Sinn.

Ungläubig starrte ich sie an, öffnete mehrmals den Mund, um etwas zu sagen, fand aber keine Worte.

»Du lügst«, flüsterte ich schließlich und war erleichtert, dass ich meine Stimme vom Zittern abhalten konnte.

»Oh, Sienna …« Sie legte amüsiert den Kopf schief, während ich die Reste meiner zerschlissenen Jacke enger um meinen Körper wickelte.

Es war aber auch kalt hier unten! Wenn wir uns auf Callisto befanden, wovon ich ausging, war auf dem Planeten vermutlich ebenfalls Winter. Wehmut legte sich über mein Herz. Ich hätte meine Heimat gerne kennengelernt. Ohne Handschellen und nicht als Gefangene.

»Hat es dir niemand gesagt? Du könntest gar nicht Ajirus Tochter sein. Du hättest nicht diese Macht, wenn du es wärst. Sie war immer schon schwächer als ich.«

Maeva kam einen Schritt auf mich zu und berührte meine Schulter, die sich seltsam verspannt anfühlte. Ich kaufte ihr die gespielte Fürsorge allerdings nicht ab. Welche Mutter nahm einen bitte gefangen?

»Meine Schwester hat deine Entführung veranlasst als du noch ein kleines Kind warst. Nur wenige ihrer verschwiegensten Anhänger waren eingeweiht. Vermutlich wollte sie dich umbringen oder deine Macht für sich selbst nutzen, aber sie war zu gefühlsduselig, um ein Kind derart zu missbrauchen.«

»Und du hättest damit kein Problem, obwohl ich angeblich deine Tochter bin?« Ich kaufte ihr kein einziges Wort ab.

»Wie ich unschwer erkennen kann, bist du nicht länger ein kleines Kind, nicht wahr?«

Sie lachte, da ich statt einer Antwort ihre Hand abschüttelte.

»Beschwer dich nicht, nur weil ich dir die Wahrheit sage. Aber keine Sorge: So untrainiert bist du mir ohnehin nicht nützlich. Es wird dauern, deine Kräfte zu kanalisieren.«

Zu kanal- was? »Wieso bin ich dann hier?«

»Ist es so unrealistisch, dass ich meine Tochter endlich kennenlernen will?«

Ihre ersten Worte mir gegenüber kommen mir wieder in den Sinn. Endlich. Kennenlernen. Als ob! Ich zuckte mit den Schultern, ignorierte den stechenden Schmerz, der bei der Bewegung bis in die Rippen ausstrahlte. »Ja. Schon.«

»Ich glaube, du hast ein völlig falsches Bild von mir.«

»Ach, dann willst du also nicht alle Reiche angreifen, um über jeden Planeten zu herrschen?«, fragte ich sarkastisch.

Ren neben mir versteifte sich sichtlich.

Vielleicht sollte ich mehr Angst haben, doch die Furcht, die mich kurz zuvor noch gelähmt hatte, wandelte sich in Wut. Was bildete sich Maeva ein? Dass ich ihr, nur weil sie angeblich meine Mutter war, verzeihen würde? Dafür, dass sie mich nicht umbringen wollte, waren die Begegnungen mit den Schattenwesen allesamt recht knapp verlaufen. Mal ganz abgesehen davon, dass Ren tatsächlich beauftragt wurde, mich aus dem Weg zu schaffen. Jedes Wort, das aus ihrem Mund kam, stank nur so vor Lügen.

»Und streite es nicht ab. Ich würde dir ohnehin nicht glauben«, fügte ich an.

»Ich streite es nicht ab. Ich will ein vereintes Reich schaffen. Mit dir zusammen. Du sollst neben mir herrschen, schließlich ist es dein Erbe und Schicksal.«

Ich wusste nicht, was ich erwartet hatte, aber definitiv nicht, dass sie … teilen wollte? Es passte nicht zu dem Bösewicht-Image, das ich ihr angedacht hatte.

»Ich glaube dir kein Wort. Welche Mutter würde schließlich jemanden beauftragen, ihre Tochter zu ermorden? Wozu Schattenmonster auf mich hetzen, wenn ich nicht sterben sollte?!« Mit jedem Wort war ich lauter geworden, konnte nichts gegen meine aufwirbelnden Gefühle unternehmen. Erst wollte sie mich umbringen und da sie es nicht geschafft hatte, sollte ich mich ihr nun anschließen? Im Leben nicht!

»Ich seh‘ schon. Wir sind nachtragend, was?«

Ich schnaubte. »Nachtragend ist das falsche Wort, findest du nicht?« Wie zur Bestätigung begann die Narbe auf meinem Rücken, die vom Schulterblatt entlang meiner Wirbelsäule bis hinunter zum Steißbein führte, zu jucken.

»Hätte ich gewollt, dass du tot bist, wärst du es längst.«

Vermutlich. Allein in den letzten Minuten hätte sie jede Chance dazu gehabt. Und genau das war es, was ich einfach nicht verstand. Sie wollte mich töten, oder etwa nicht? Dem war ich mir so sicher gewesen, dass ich jetzt nicht mehr wusste, was ich glauben sollte.

Ihre Finger schlossen sich um das Amulett, das um meinen Hals baumelte. Die Glieder der Kette drückten sich unangenehm in meinen Nacken, doch ich hatte keine Möglichkeit, mich ihrem Griff zu entziehen. Ren stand direkt neben mir, fixierte mich nach wie vor, sonst wären meine Beine sicher schon weggeknickt.

»Wieso sonst hätte ich den Blutstein aktivieren sollen? Er hat dich vor dem Angriff der Ignihenca bewahrt.«

Blutstein? Meinte sie etwa das Amulett, das Jess mir gegeben hatte? Sie hatte es aktiviert? Wie und vor allem warum? Ich hatte angenommen, Ren sollte es mir entwenden, um mich angreifbar zu machen – und dass er mir die Kette nur zurückgegeben hatte, weil er besorgt um mich war. Dabei war es ein weiterer Auftrag gewesen. Wie vermutlich alles, was wir miteinander geteilt hatten. Hatte sie ihm etwa sogar aufgetragen, Zeit mit mir zu verbringen? Mich glauben zu lassen, er empfände etwas für mich? Bei der Vorstellung krampfte sich mein Herz schmerzhaft zusammen.

»Die Kette hat einmal mir gehört, musst du wissen«, fuhr Maeva fort. »Ein Familienerbstück, das an den stärksten Blutmagier weitergegeben wird. Die Ignihenca sollten lediglich deine Freunde ablenken, mehr nicht.«

Etwas Ähnliches hatte mir Jess auch erzählt. Dass es sich also um ein Familienerbstück handelte, schien zu stimmen. Nur den Bezug zu Maeva und der Blutmagie hatte ich nicht erahnen können.

Trotzig verschränkte ich die Arme vor der Brust. Mir gefiel es nicht, wie sie mich mental in die Enge trieb. »Und die anderen Monster? Was ist mit dem Nehema und den Ignihenca, die mir den Rücken aufgeschlitzt haben?« Ich wurde wütend. »Was sollte das dann?«

Ihre verdutzte Miene steigerte meine Wut.

»Ich weiß nicht, was du meinst.«

»Verkauf mich nicht für blöd. Wer sonst hätte so etwas getan?«

Die Verwirrung in ihren Augen irritierte mich. Wer wäre außer ihr dazu in der Lage gewesen? Ich machte mir gar nicht die Hoffnung, dass Maeva die einzige Person war, die mich tot sehen wollte. Vermutlich war ich in den Augen vieler eine Gefahr. Aber es gab nicht viele, die Blutmagie beherrschten und Schattenwesen heraufbeschwören konnten.

»Schließlich sollte Ren mich ursprünglich ja auch umbringen«, ergänzte ich, unfähig, von dieser Tatsache abzulassen. Mein Blick huschte kurz über die Schulter zu ihm, doch er sah zu Boden, mied mein Starren.

Der Boden ruckelte unter meinen Füßen, Steinplatten wuchsen in die Höhe und bildeten einen steinernen Thron, auf dem sich Maeva seufzend niederließ. Ihr Zauber ging so schnell, ich hatte das knisternde Ankündigen in der Luft kaum bemerkt.

»Ich bin nicht deine Feindin, Sienna. Viele wissen, dass du vor sechzehn Jahren nicht ums Leben gekommen bist. Sie fürchten deine Macht. Was sollte sie davon abhalten, dir etwas anzutun? Nur bei mir wirst du sicher sein.«

»Irgendwie glaube ich dir das nicht.«

»Glaub was du willst, aber ich lüge dich nicht an. Ich weiß, du hältst nicht viel von mir. Ich will mir gar nicht ausmalen, was man dir alles über mich erzählt hat, aber es ist nicht meine Absicht, dir zu schaden.«

»Aha.« Ich war nicht überzeugt. »Daher auch der Mordauftrag. Ergibt mega Sinn.«

»Ich bitte dich! Ich wusste, dass er es nicht tun würde. Er hat ein zu weiches Herz, was ihm nicht guttut.« Sie redete als stünde Ren nicht direkt neben mir. »Außerdem bist du eine Morgan. Man tötet uns nicht so einfach.«

»Was sollte das alles dann?« Ich zügelte meine Ungeduld. Lauerte. Wenn ich eines wusste, dann dass sich jeder Lügner irgendwann verplapperte. Ich brauchte nur auf den richtigen Moment zu warten.

»Ich wusste nicht, wo man dich versteckt hielt. Ren war dazu da, dich aufzuspüren, da ich deine magische Essenz nicht wahrnehmen konnte. Du hättest überall sein können und als er dich endlich gefunden hatte, musste ich nur noch einen Weg finden, damit du zu mir kommst.«

Ich unterdrückte ein Schnauben. Ich war nicht zu ihr gekommen, sie hatte mich entführt.

»Außerdem wusste ich, dass er dich nicht umbringen würde.«

»Woher? Weil das alles Teil deines Plans war?« Sollte Ren mich verführen? Dafür sorgen, dass ich ihm vertraue?! Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter. Mit jedem Atemzug wurde das Brennen in mir, in meiner Lunge, in meinem Herzen stärker. Dieses Gefühl, hintergangen worden zu sein. Dieses Gefühl von Verrat, das nichts als Zerstörung in mir hinterließ.

Rens Griff um meine Oberarme brannten sich förmlich durch den Polyesterstoff meiner Winterjacke. Nur zu gerne hätte ich ihn weggestoßen.

Amüsiert neigte Maeva den Kopf. »Als ob eine Mutter es gerne hat, wenn irgendwer ihre Tochter entjungfert.«

Ich verschluckte mich an meiner eigenen Spucke. Natürlich wusste sie davon. Hatte vielleicht sogar Ren ihr davon erzählt? Der Gedanke widerte mich an.

»Eure Verbindung kam mir sehr gelegen, darum habe ich sie nicht unterbunden.«

Und das hätte sie gekonnt, nicht wahr? Hat Ren mir nicht gerade eben erst gezeigt, wie viel Macht sie auf ihn ausübte? Wenn er sich entscheiden musste, siegte stets die Angst vor Maeva.

»Du kannst ihn haben, wenn es das ist, was du willst«, bot sie an. »Ich kann dir alles geben, wonach du dich sehnst.«

»Toll«, brachte ich zwischen zwei Hustenattacken hervor. »Dann lass mich gehen.«

»Du bist keine Gefangene.«

Ungläubig zog ich die Stirn kraus. »Und warum dann die?« Ich hob die Arme und deutete auf die Handschellen. Trockenes Blut klebte an meiner Haut und die Bewegung schickte stechende Schmerzen durch meine Fingergelenke. »Legst du deine Gäste etwa immer in Ketten?«

»Die sind zu deinem eigenen Schutz. Ich will nicht, dass du verletzt wirst, weil du einen Fluchtversuch startest. Du würdest es eh nicht nach draußen schaffen. So kommst du zumindest nicht auf falsche Gedanken.«

»Für mich fühlt es sich wie ein Gefängnis an, ganz egal, wie sehr du es verneinst.«

»Das muss aber nicht so bleiben.«

Verwirrt sah ich sie an. Was sollte das denn bedeuten?

»Hast du eine Ahnung, wie besonders du für mich bist? Wie wichtig? Ich habe alles dafür gegeben, dich wiederzufinden. Ich hatte große Pläne für dich.« Sie überschlug die Beine und lehnte sich auf dem Thron zurück. »Ich habe immer nur das Beste für dich gewollt. Du solltest mein Erbe antreten, mit mir die Planeten vereinen und über ein gemeinsames Reich regieren. Du hättest den Frieden gewahrt, den ich versuche, aufzubauen.«

»Frieden?« Ich konnte mich nicht vom Lachen abhalten. »Wie kannst du es Frieden nennen, wenn du diejenige bist, die andere Planeten angreift?«

»Ich befreie sie«, widersprach Maeva und ich konnte ihr ansehen, dass sie wirklich glaubte, was sie sagte. »Wahrer Frieden kann erst durch Verschmelzung entstehen. Keine widersprüchlichen Gesetze, Meinungen, Religionen oder Abkommen mehr. Erst dann kann ein Reich zu seiner vollen Größe auferstehen.«

Meine Hände begannen zu zittern. Sie war noch weitaus irrer als ich gedacht hatte. Sah sie denn nicht, wie falsch das alles war? Diejenigen, denen sie angeblich Frieden bringen wollte, litten doch am meisten unter den Angriffen. Krieg hatte keine Gewinner. Übersah sie das einfach oder verschloss sie ihre Augen absichtlich davor?

»Und was ist, wenn ich das nicht möchte? Wenn ich nicht an deiner Seite herrschen möchte?«

Maeva blinzelte. Nur einmal. Ganz langsam. »Du wirst deine Meinung schon noch ändern. Immerhin bist du meine Tochter.«

Mir kam Gallensäure hoch. »Ich soll mich dir also anschließen? Brav danebensitzen und zusehen, wie du andere Menschen tyrannisierst?« Ich schüttelte den Kopf. »Das ist kein Vereinen der Planeten, sondern eine Kriegserklärung. Du würdest – nein, du bist bereits über Leichen gegangen, um deine größenwahnsinnigen Pläne in die Tat umzusetzen.«

Falls meine Worte sie trafen, ließ sie es sich nicht anmerken. Sie zuckte lediglich mit einer Schulter. »Manchmal braucht es drastische Maßnahmen. Die Leute verstehen nicht den höheren Sinn einer Sache, sondern nur das unmittelbare Geschehen vor ihnen. Natürlich fühlen sie sich angegriffen, aber sie könnten jederzeit kapitulieren und sich mir ohne unnützes Blutvergießen anschließen, wenn sie nicht so stur wären.«

Mir fehlten die Worte. Wie konnte sie der Meinung sein, dadurch etwas Gutes zu bewirken? Vielleicht war ihre Vorstellung von einem friedvollen, gemeinsamen Reich etwas Wunderbares, aber man erreichte dieses Ziel nicht auf diese Weise. Nicht, indem man das Leben so vieler Unschuldiger opferte.

»Für mich klingt das Ganze eher nach einer machthungrigen Irren, der nicht klar ist, dass ihre Zukunftsvision zum Scheitern verurteilt ist.«

Vermutlich besiegelte ich damit mein Schicksal, aber die Worte waren bereits ausgesprochen. Selbst wenn ich gekonnt hätte, ich hätte sie nicht zurückgenommen. Sie entsprachen der Wahrheit. Ich würde Maeva niemals helfen. Das konnte sie ruhig wissen.

»Ich bezweifle, dass irgendwer unter deiner Herrschaft Frieden kennt«, fuhr ich unbeirrt fort. Wenn ich mir schon mein eigenes Grab schaufelte, konnte es wenigstens tief sein. »Du attackierst wehrlose Planeten und zwingst ihnen deinen Willen auf. Das ist Diktatur und damit werde ich dir niemals helfen. Ganz im Gegenteil: Solange ich lebe, werde ich mein Bestes geben, jede mir zur Verfügung stehende Macht dazu zu nutzen, um dich vom Erreichen dieser Zukunft abzuhalten.«

Ihr Blick durchlöcherte mich, fühlte sich wie tausend Nadelstiche auf meiner Haut an. Ich konnte ihre Musterung nicht zuordnen. War ich zu weit gegangen? Oder hatte sie mit dieser Reaktion gerechnet? Ich stellte mich gerader hin, ignorierte, wie weich sich meine Knie anfühlten. Ich würde nicht nachgeben. Ich stand zu dem, was ich gesagt hatte. Ob sie meine Mutter war oder nicht, sie hatte unzählige Leben auf dem Gewissen.

Selbst wenn sie nicht hinter den Schattenwesen steckte, hatte sie noch immer Ren beauftragt, mich zu ermorden. Was war, wenn er es doch gekonnt hätte? Wenn er die Klinge nicht wieder von meinem Hals genommen, sondern zugestochen hätte? Wäre sie deswegen bestürzt gewesen? Hätte sie um mich getrauert? Hätte sie ihren Plan bereut? Irgendwie bezweifelte ich es. Das war das Risiko, das sie eingegangen war. Sie hätte mich geopfert, wenn es ihr genutzt hätte. Vermutlich würde sie das noch immer, egal wie sehr sie es abstritt. Sie konnte beteuern, was sie wollte. Sie blieb ein Monster.

Maeva zuckte mit den Schultern. »Schlaf eine Nacht darüber. Du wirst das bald mit ganz anderen Augen–«

»Das werde ich nicht«, unterbrach ich. » Es ist mir egal, ob du mich geboren hast. Du bist nicht meine Mutter und wirst es auch nie sein.«

Ich sah es in ihren Augen, konnte beobachten, wie sie die Beherrschung verlor. Ich genoss diesen Anblick vermutlich mehr als ich sollte.

»Du bist ein Monster, eine Abscheulichkeit«, drang es über meine Lippen, bevor ich mich stoppen konnte, und merkte die Ähnlichkeit zu dem, wie mich Ren einst genannt hatte. »Ich habe nur drei Worte für dich: Fahr. Zur. Hölle.«

Es war töricht, geradezu lebensmüde, so mit ihr zu sprechen, aber es fühlte sich verdammt gut an.

Maeva presste die Kiefer aufeinander und erhob sich ruckartig von ihrem Thron. Ich wusste, ich war zu weit gegangen. Regungslos stand sie da, starrte mich an. Der Boden wankte. Macht strömte schubweise aus ihr heraus. Sie war nicht wütend, sie war rasend.

Die Tür zerbarst, hielt dem Druck ihrer Magie nicht länger stand. Meterlange Holzsplitter wurden durch die Luft geschleudert und die Wachen blickten überrascht auf. Sie waren unserem Gespräch stumm gefolgt, hatten es nicht gewagt, auch nur zu husten. Plötzlich krampfte sich mein Körper schmerzverzerrt zusammen und ich sank auf die Knie. Mein Hals schnürte sich zu, kein Sauerstoff gelangte in meine Lungen.

»Hannah!« Starke Arme dämpften meinen Sturz. Mein Blutfluss verlangsamte sich. Selbst die Panik, die versuchte, dagegen anzukämpfen, beugte sich schließlich Maevas Kraft. Ich war so müde…

»Wie kannst du es wagen, so mit mir zu sprechen?!« Maevas Stimme hallte unnatürlich laut von den Steinwänden wider. »Ich habe wirklich vorgehabt, geduldig mit dir zu sein und Rücksicht auf deine mangelnde Erziehung zu nehmen, aber solch ein Verhalten dulde ich nicht.«

Schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen.

»Du wirst dich mir beugen, Sienna. Früher oder später – und wenn ich dich dafür brechen muss.«

Nur dumpf drangen ihre Worte an mein Ohr. Ich konnte nicht atmen. Alles brannte. Es überlagerte jeden Gedanken. Ich musste… atmen…

»Hört auf!«, drang Rens Stimme an mein Ohr. »Ihr bringt sie um!«

Der dröhnende Schmerz verschwand schlagartig und ich sackte in seinen Armen zusammen. Mein Kopf schien zu explodieren. Japsend beförderte ich Luft in meine Lunge. Nur Rens Griff um meine Schultern sorgte dafür, dass ich nicht mit der Stirn voran auf dem Boden aufschlug.

»Etwas Bedenkzeit wird dir die Augen öffnen«, sagte Maeva noch und nickte den Wachen zu.

Sofort traten zwei breitgebaute Männer aus den Schatten, griffen meine Oberarme und zogen mich auf die Beine. Ich zischte, als sich ihre Hände schmerzhaft in meine Haut gruben, bildete mir ein, dass sie mich sogar noch fester packten, sobald ich aufrecht stand. Ren ließ sie gewähren. Natürlich tat er das. Er sagte kein Wort, sobald sich die Wachen in Bewegung setzten und mich den Flur entlangzogen.

Jedes Mal, wenn ich versuchte, mich gegen sie zu stemmen, riss einer von ihnen an der Eisenkette, die beide Handschellen miteinander verband, sodass die Widerhaken tiefer in mein Fleisch schnitten. Ich schrie auf. Das schien sie nur noch mehr zu amüsieren.

Irgendwann blieben wir vor einer schlichten Tür stehen. Einer der Männer entriegelte das Schloss und schlug mit der flachen Hand zwischen meine Schulterblätter. Ich stolperte vorwärts.

Noch bevor ich meine Gedanken sortieren konnte, wurde die Tür hinter mir zugezogen. Ich vernahm das dumpfe Klicken des einrastenden Schlosses, dann gaben die Knie unter mir nach, zu schwach, um mich noch länger zu tragen.

Ich befand mich in einem schlichten Zimmer. Es konnte nicht mehr als zehn Quadratmeter groß sein, machte aber einen sauberen Eindruck. Immerhin war es kein Verlies, schoss es mir umgehend in den Kopf.

An der gegenüberliegenden Wand befand sich ein Fenster, durch das Sonnenstrahlen hereinfielen. Dahinter erkannte ich wage einen See, auf dessen Wasseroberfläche sich das Licht glitzernd spiegelte. Ansonsten sah man nichts außer verschneiter Weite und Tannen.

Ob man es überleben würde, aus dieser Höhe in das Wasser zu springen? Und hatte es schon einmal jemand versucht, weswegen die Gitterstäbe angebracht wurden?

Ich robbte über den Boden zum Fenster und zog mich an dem quadratischen Tisch zurück auf die Beine. Falls ich mich nicht würde halten können, war das staubige Bett wenigstens nicht weit.

Mir fiel ein Stein vom Herzen, sobald ich die angelehnte Tür erblickte, die in ein weißgekacheltes Badezimmer führte. Ich musste mich an den kleinen Dingen festhalten, um nicht zu zerbrechen. Denn zerbrechen hieß, Maeva gewinnen zu lassen. Und das konnte ich nicht zulassen.

Kapitel 3

Wintersonnenwende

Yuna zappelte in Emelys Armen, ein nervöses Jaulen entwich ihr. »Yuna, halt doch still! Hannah kommt gleich wieder.« Emely nahm die Wölfin auf den Schoß, hielt sie fest umarmt, denn jetzt tapste sie mit den weichen Pfoten unruhig auf ihren Beinen umher. Wie bei einer Katze piksten die feinen Krallen sie durch den Stoff ihrer Jeans. Einige Kratzer würden vermutlich trotzdem auf ihrer Haut zurückbleiben.

Leigha lachte. »Vielleicht solltest du ihr eins deiner Haargummis geben«, schlug sie vor. »Dann ist sie abgelenkt.«

»Genau«, murmelte Emely entnervt. »Damit ich dann gar kein Haargummi mehr hab. Alle anderen hat sie schon längst zerfetzt.«

Leigha zupfte den letzten Rest Brot von ihrem Stock. »Also ich finde es ziemlich süß, wenn sie diese Dinger apportiert. Sie will doch nur spielen–«

Irgendwo donnerte es, ein Blitz zuckte über den Himmel, dann sank die Temperatur schlagartig. Beißende Kälte brannte Emely auf den Wangen und sie sah zum wolkenverhangenen Nachthimmel auf. Weiße Flocken rieselten auf sie herab. Wie in Trance fing sie eine Schneeflocke mit der Hand auf. Sofort schmolz der Schnee und hinterließ ein nasses Gefühl auf der Haut.

Wie war das möglich, wenn die Barriere nicht nur ungebetene Gäste draußen hielt, sondern auch die eisigen Temperaturen des Winters? Sicher, es war dennoch alles andere als warm gewesen, aber es machte für Em einen großen Unterschied, ob sie einfach eine Jacke überziehen musste oder trotz Schal und Mütze weiterhin fror.

Jetzt warf sie Leigha einen alarmierten Blick zu. In den Augen ihrer Freundin spiegelte sich ihre eigene Angst. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht – und es fühlte sich gewaltig an.

»Die Schutzmauer«, murmelte Leigha.

»Hannah«, flüsterte Emely.

Yuna reagierte als Erste. Sie jaulte kurz auf und krabbelte über Emelys Schulter. Der flossenartige Schweif schlug ihr dabei ins Gesicht, als sich Yuna abdrückte und hinter ihr wieder heruntersprang. Schnaufend sprintete die Wölfin auf den Waldrand zu.

»Verflucht!« Sofort war Emely auf den Beinen. Sie jagte hinter dem Arylu her, das sich wie ein Geist an den anderen Studierenden vorbeischlängelte und mit unbändiger Geschwindigkeit auf die Dunkelheit zu hetzte. Noch schillerte das grau-lila Fell auffällig im Licht der Laternen, im Wald jedoch würde sie kaum noch zu sehen sein.

»Was ist denn auf einmal in sie gefahren?«, rief Leigha ihr nach, während sie versuchte, die beiden einzuholen. »Gerade eben war doch noch alles in Ordnung.«

»Woher soll ich das wissen?«, entgegnete Emely ohne den Blick von der Wölfin zu nehmen. »Sehe ich so aus, als spräche ich Aryluisch?«

Leigha drängelte sich an den gaffenden Studierenden vorbei. Wie gebannt sahen sie nach oben und beobachteten, wie sich die Äste allmählich weiß färbten. »Die Sprache gibt es gar nicht.«

»So? Kannst du es beweisen?«

»Du hast echt einen Knall, Em.«

»Genau dafür liebst du mich doch.« Emely lächelte ihre Freundin kurz an, dann trübte sich ihr Ausdruck schlagartig. »Ich hab echt kein gutes Gefühl dabei.«

»Du hast nie ein gutes Gefühl.«

Zu Recht, dachte sich Emely, während sie in den dichten Wald traten. Bei Freunden, die so oft handelten, bevor sie über etwas in Ruhe nachdachten, blieb Emely gar keine andere Wahl als sich zu sorgen.

Yuna sprang über ein Gebüsch und verschwand in den Schatten. Irritiert verlangsamten die beiden ihre Schritte. Leigha zückte ihr Handy und schaltete die Taschenlampe ein. »Ich bin mir sicher, Yuna weiß, wo Hannah steckt, aber wie sollen wir sie jetzt wiederfinden?«

Ein weiteres Beben ging wie ein Ruck durch die Erde und ohne darüber nachzudenken, rannten sie blind in die grobe Richtung, aus der seltsame Geräusche an ihre Ohren drangen. Mittlerweile schneite es so stark, dass sich die Sicht deutlich verschlechterte und selbst der Waldboden mittlerweile weiß war. Frost härtete den Boden schlagartig und das ungute Gefühl, das Emely verspürte, verschlimmerte sich. Selbst wenn die Barriere, aus Gründen, die sie noch nicht kannte, verschwunden war, handelte es sich bei diesem Wintereinbruch um keine natürliche Kälte.

Die Bäume lichteten sich etwas, sobald sie sich dem Bannkreis der Barriere näherten. Emely stemmte ihre Absätze in die Erde, während Leigha erschrocken Luft holte.

»Oh, fuck«, entwich es ihnen gleichzeitig.

Dutzende Ignihenca hatten sich vor der Einkerbung im schneebedeckten Waldstück versammelt. Blake lag auf der Erde und rang mit Isaac, der sich auf ihn draufgeschmissen hatte und ihn zu Boden drückte. Keine Spur von Hannah. Yuna hatte sich vor den Schattenwesen aufgebaut und kläffte.

»Helft mir!«, rief Blake.

»Er hat Hannah verraten«, meinte Isaac und knebelte Blake mit Lianen, die auf sein Handzucken hin aus der Erde wuchsen. Dieser versuchte, etwas zu erwidern, aber es kam ihm kein verständliches Wort über die Lippen. Blake fuchtelte mit den Händen, versuchte, die Pflanzen von seinem Gesicht zu reißen.

Unschlüssig standen sie da und betrachteten die Szene vor ihnen. Die Ignihenca rührten sich keinen Millimeter, aber dennoch ging von ihnen die größte Gefahr aus. Ob sie einfach nicht bemerkt hatten, dass die Barriere verschwunden war? Oder warteten sie auf einen Befehl?

Leigha nickte Emely auffordernd zu. »Ich verstärke Isaacs Magie, du fesselst seine Hände.«

Sie halfen Isaac, verstärkten seine Lianen, sodass dieser sich unter Blakes Gewicht endlich freikämpfen konnte.

»Ihr macht einen riesigen Fehler!«, schrie Blake frustriert, nachdem er sich auf dem vereisten Waldboden hin und her gewunden hatte und die Pflanzen von seinem Mund reißen konnte.

»Hört nicht auf ihn. Er ist ein mieser Lügner und Verräter. Ich wollte ihn aufhalten, aber ich kam zu spät«, beteuerte Isaac etwas außer Atem.

Wie die Schlange, die er in ihren Augen war, robbte Blake auf sie zu, schlüpfte mit einem Arm aus den Schlingen. »Merkt ihr denn nicht, was er da gerade abzieht? Er war–« Aber weiter kam er nicht, denn erneut wickelten sich Lianen um seinen Mund. Dieses Mal war es Leighas Werk, die unsicher auf ihn hinabsah. Sie hatte diesen arroganten Angeber noch nie gemocht, aber dass er sie so hintergehen würde… Damit hatte sie nicht gerechnet. Hieß das, er arbeitete mit Maeva zusammen?

Ein hohles Kreischen drang plötzlich an ihre Ohren und sie zuckten zusammen. Die Schattenwesen, die noch immer in einer Reihe vor der ehemaligen Schutzmauer standen, öffneten die Mäuler und stießen nacheinander einen Schrei aus, bei dem es Emely eiskalt den Rücken hinabfuhr. Dann übertrat der Erste die Einkerbung im Boden, die einst die abschirmende Barriere begrenzt hatte.

»Scheiße«, entwich es Leigha. Ihre Miene war konzentriert, während sie den Schnee schmolz und sich das Wasser um ihre Arme legte. Wie Tentakel holten die Wasserarme aus, um die Monster auf Abstand zu halten. Aber es reichte nicht. Die ersten Ignihenca begannen, sich unter den Angriffen weg zu ducken und mit gebleckten Zähnen auf sie loszustürmen. Schnell hatten die Schattenwesen sie umzingelt.

»Und was jetzt?«, kreischte Emely.

»Ich zähle bis drei und dann duckt ihr euch, verstanden? Ich hab keine Lust, euch aufzuschlitzen«, wies Leigha sie an. Um Blake brauchte sie sich nicht zu scheren. Er lag bereits am Boden.

»Okay. Eins.« Die Wassertentakel zogen sich zurück, sammelten sich erneut an Leighas Handflächen. »Zwei.« In Leighas Kopf formte sich das Bild spitzer, zu Eis erstarrter Geschosse und das Wasser auf ihren Armen vibrierte erwartungsvoll. »Drei. Runter!«

Emely und Isaac warfen sich ohne Widerworte auf den Boden, keine Sekunde zu früh, denn eisige Pfeile entsprangen Leighas Händen, trafen mehrere Ignihenca in die Brust und spießten sie an Baumstämmen auf. Sofort sackten die Kreaturen in sich zusammen.

Leigha keuchte schwer. Das Manöver hatte sie mehr Magie gekostet als sie angenommen hatte. Schweiß glänzte auf ihrer Stirn – und es war noch nicht vorbei.

Zwei weitere Wesen sprangen von links aus den Schatten auf sie zu. Emely entzog der gefrorenen Erde Flüssigkeit und durchschnitt die Monster mit einem blitzschnellen Wasserstrahl in der Mitte. Ihre Oberkörper kippten nach vorne und rutschten zu Boden, wo sie nur noch als Häufchen Staub aufkamen.

»Nicht schlecht, Ems.«

Blitze tanzten über Isaacs Fingerknöchel. Er streckte den Arm aus und die knisternde Energie entlud sich mit einem Knall. Der grelle Blitz erhellte den Nachthimmel und sobald Emely wieder etwas sehen konnte, war der Boden mit Staub übersäht.

Sie kräuselte die Stirn. Es war zu einfach. Ja, sie arbeiteten gut zusammen, aber in den Büchern, die sie mit Hannah überflogen hatte, wurde ständig erwähnt, dass diese Art von Kreaturen nur durch ein einziges Element besiegt werden konnte. Und niemand von ihnen beherrschte die Lichtmagie, zumal die Wintersonnenwende das Bändigen dieser Magie für den Rest der Nacht blockierte.

Emelys Blick blieb an Blake hängen, der panisch mit dem Kopf schüttelte. Er warf ihr einen warnenden Blick zu und nickte in Isaacs Richtung hinüber als wolle er ihr etwas sagen. Sie verstand nur nicht, was.

»Em, hinter dir!« Leighas Rufen riss sie aus der Erstarrung. Sofort wirbelte sie herum und ihr Wasserstrahl trennte ein Schattenwesen von seinem Kopf.

Sobald alle Kreaturen zu Staub zerfallen waren, ließen sie die Arme sinken. Alle drei von ihnen atmeten schneller. Emely fächerte sich mit einem Ende ihres Schals kalte Luft ins Gesicht. Selbst Blake hatte aufgehört, sich gegen seine Fesseln zu stemmen.

»Wir sollten Hannah suchen. Was ist, wenn sie gerade–«

»Das bringt nichts«, fiel ihr Isaac ins Wort. »Der da« – er trat Blake gegen das Schienbein – »hat ihr geholfen zu fliehen. Sie ist weg.«

»Wie weg?«, platzte es aus Emely heraus. »Was soll das heißen, sie ist geflohen?«

»Sie ist nicht die, für die sie sich ausgegeben hat«, stellte Leigha mit einem bitteren Geschmack im Mund fest. Seit dem Einbruch in Professor Saltzmans Büro war ihr bewusst, dass ihre Freundin ihnen etwas verschwieg. Sie hatte nur angenommen, Hannah würde ihnen selbst offenbaren, dass sie neben ihrer Sonnenzeichnung auch Mondmagie einsetzen konnte – und warum. Stattdessen war sie abgehauen?

Isaac nickte eifrig. »Genau. Sie hat euch – uns – eine Freundschaft vorgespielt und gelogen, um ihre wahre Identität zu verbergen.«

»Und wer sollte sie bitte sein?« Emely rümpfte die Nase. Sie wollte nicht glauben, dass Hannah sie die ganze Zeit über belogen hatte. Ihre Freundschaft hatte sich dafür zu… echt angefühlt. Jetzt an einen Verrat zu glauben, kam dem Gefühl gleich, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

»Sie ist Maevas Tochter«, ertönte die Stimme von Direktorin Welsh hinter ihnen. »Wir konnten nicht länger zulassen, dass sie uns ausspioniert.«

Auf ihr Schnipsen hin zogen sich die Lianen um Blake zurück und hustend stemmte er sich auf die Beine.

»Das scheint ein großes Missverständnis gewesen zu sein.« Bedächtig sah sie in die Runde. »Ihr Name lautet eigentlich Sienna Morgan und sie hat Ihnen von Anfang an etwas vorgespielt. Isaac konnte sie kurz vor der Wintersonnenwende enttarnen und mir davon berichten, leider war ich nicht schnell genug, um diesen Angriff zu verhindern.«

Emely runzelte die Stirn. »Sie wollen also sagen, dass Hannah – oder eben Sienna – für diesen Vorfall verantwortlich ist? Das kann ich einfach nicht glauben.«

»Ich weiß, es ist schwer zu verdauen und es tut mir leid, dass Sie auf diese Weise davon erfahren. Auch wenn ich nicht denke, dass einer von Ihnen etwas mit den Gegebenheiten von heute zu tun hat, bin ich gezwungen, mit jedem von Ihnen die letzten Stunden Revue passieren zu lassen. Mit Ihnen würde ich gerne zuerst sprechen, Mr Lightwood.«

»Aber Isaac hat die Ba-«, setzte Blake an, zu erklären, doch da wickelten sich erneut Lianen um seinen Mund.

Direktorin Welsh lächelte. »Sparen Sie sich die Erklärungen für mein Büro auf, Mr Lightwood.«

Keiner wagte es, auf dem Weg zum Haupthaus, etwas zu sagen. Nicht einmal Blake unternahm einen weiteren Versuch, die Geschehnisse aufzuklären, obwohl Emely gerne gehört hätte, was seine Sicht der Dinge war.

Wenn man ihn nicht besser kannte, könnte man fast meinen, Blake hielt bewusst Abstand zu Isaac, weil er beim Gerangel unterlegen war und es nun an seinem Ego kratzte. Immerhin würde er einige Schrammen, wenn nicht sogar den ein oder anderen blauen Fleck davontragen.

Yuna lief dicht vor Leighas Füßen, wie sie es immer tat, wenn es ihr an Aufmerksamkeit fehlte, sodass sie fast über das flauschige Tier stolperte. »Bei der Göttin, Yuna! Ich wäre fast auf dich draufgefallen!«

»Sie will auf den Arm genommen werden«, erklärte Emely. »Das hat sie bei Hannah auch ständig gemacht.« Sie stolperte über den Namen. Emely wollte einfach nicht glauben, was die Direktorin ihnen offenbart hatte. Hannah war ihre Freundin. Warum sollte sie sie verraten? Womit? Hatte sie Rheas Sicherheitssystem und wertvolle Dokumente studieren sollen? War sie deswegen so viel in der Bibliothek gewesen, als sie meinte, sie recherchiere nach den Schattenwesen?

Emely bemerkte, wie sie bereits anfing, dem Gesagten Glauben zu schenken. Wirklich Sinn ergeben tat es dennoch nicht.

Yuna gab ein ungeduldiges Schnauben von sich.

»Jetzt nimm sie endlich hoch«, kam es von Isaac, der hinter ihnen lief. Ihm war anzuhören, wie genervt er war.

Seufzend blieb Leigha stehen und bückte sich. Sofort sprang Yuna ihr in die geöffneten Arme und ließ sich hochheben. Mit den Hinterpfötchen saß sie auf einem Arm, während sie die Vorderpfoten auf Leighas Schulter ablegte. Die lilafarbene Schwanzflosse lugte unter Leighas Ellbogen hervor, schmiegte sich haltsuchend an ihre Taille.

»Du bist so ein verwöhntes kleines Vieh, weißt du das?«, murrte Leigha und holte zu den anderen auf.

Sofort kuschelte sich die Wölfin an sie und schnurrte. Das war ein Verhalten, das Leigha immer verwirren würde. Yuna sah aus wie eine Wölfin – die lilafarbene Schwanzflosse und die Drachenschuppen an der Wirbelsäule mal ausgenommen –, benahm sich aber wie eine verzogene Katze.

Fröstelnd rieb sich Emely über die Arme. Der Weg zurück durch den Wald erschien ihr länger als sonst. Sie war müde, wollte am liebsten einfach in ihr Bett fallen. Und sie brauchte Zeit. Zeit, den vergangenen Abend zu verarbeiten. Um zu akzeptieren, was ihr Kopf längst wusste.

Dass die anderen so ruhig bleiben konnten, war Emely ein Rätsel. Sie riss sich zusammen, platzte beinahe vor Neugierde. Es war ihrer Müdigkeit geschuldet, dass sie es tatsächlich schaffte, ihre Gedanken für sich zu behalten. Erschien diese Situation denn niemandem sonst seltsam? Wieso hatten diese verbrannten Wesen Hannah angegriffen, wenn sie diejenige war, die sie hergebracht hatte? Damit sie unschuldig erschien?

Emely hatte sie nie danach gefragt, aber sie hatte die Narbe in den Waschräumen gesehen, die sie von dem ersten Angriff davongetragen hatte. Sie war gewaltig und sah schmerzhaft aus. Allein die Tatsache, dass sie trotz Heilung so sichtbar geblieben war, zeugte davon, wie tief die Klauen dieser Kreaturen in Hannahs Haut gedrungen waren. Ohne Leigha hätte sie im Wald verbluten können. Wer würde so ein Risiko auf sich nehmen? Und selbst wenn sie sich hätte heilen können und nur so getan hatte als wäre sie hilflos, hatte sie die Schmerzen ertragen müssen. Emely wollte einfach nicht glauben, dass es ein ausgeklügelter Plan gewesen war. Denn wenn alles stimmte, was die Direktorin ihnen weismachen wollte, was war sie dann gewesen? Hannahs Alibi und nerviger Sidekick?

Sie seufzte, als sie endlich das Haupthaus erreichten und wieder Wärme in ihre Finger trat. Vor Welsh' Büro blieben sie stehen und Blake folgte der Direktorin mit angespannter Haltung in den Raum.

Erschöpft sank Emely auf eine der Sitzbänke auf dem Flur. Leigha ließ sich neben ihr in die grünen Polster sinken. Es war nicht derselbe Farbton wie der Teppich zu ihren Füßen. Beide waren zwar grün, passten aber nicht perfekt zusammen.

Leigha hob Yuna von ihrer Schulter und setzte sie auf den Boden. Natürlich weigerte sie sich, sprang zurück auf ihren Schoß und rollte sich stur zu einer Kugel.

Emely rutschte auf ihrem Platz hin und her. »Wo ist Griff eigentlich?«, fragte sie hauptsächlich, um sich abzulenken.

»Ihm ist vermutlich schlecht geworden. Ich hab gesehen, wie er die Lichtung verlassen hat, kurz bevor sich Yuna losgerissen hat.« Leigha hob die Achseln. »Der schläft bestimmt längst. So wie ich ihn kenne, hat er den Fall der Barriere nicht einmal mitbekommen.«

»Kann sein.« Emely hätte ihn einfach gerne hier gehabt. Griff hätte ihr vermutlich genauso wenig Antworten auf ihre Fragen liefern können, aber er hätte die angespannte Situation zumindest etwas mit seiner witzigen Art aufgelockert.

So blieb ihnen nichts anderes übrig als zu warten und an die weiße Decke zu starren.

»Was besprechen die da drinnen wohl?«

Bevor Leigha ihr antworten konnte, mischte sich Isaac grummelnd in ihr Gespräch ein: »Das wirst du gleich doch selbst erfahren. Zerbrich dir nicht das Köpfchen darüber. «

»Ja, aber wundert es dich gar nicht, dass sie uns direkt befragt, als hätten wir etwas verbrochen?«

»Blake hat ja auch etwas verbrochen. Er hat zugesehen, wie Sienna die Barriere zerstört und nichts dagegen unternommen. Nein, er hat sogar verhindert, dass ich mir Sienna schnappen konnte. Es würde mich nicht wundern, wenn sie zusammen unter einer Decke stecken.«

Em verzog den Mund. »Aber Hannah hatte doch gar keine Magie—«

»Dadurch, dass sie keine gewöhnliche Sonnengezeichnete ist, hatte sie das durchaus.«

»Wie meinst du das?«

Leigha räusperte sich, weil sie erahnte, worauf er hinauswollte. »Sie ist beides, oder nicht? Sonnen- und Mondgezeichnet. Darum konnte sie sich auch teleportieren.«

Emelys Kopf fuhr zu ihr herum. »Beides? Ist das überhaupt möglich?«

»Ist es«, erklärte Isaac. »Wie weh tut es eigentlich zu erfahren, dass sie euch das verheimlicht hat?«

»Streu noch Salz in die Wunde!«, zischte Emely, den stechenden Schmerz in ihrer Brust ignorierend. Wenn Enttäuschung eigentlich eine psychische Empfindung war, wieso empfand sie dann solche körperlichen Schmerzen?

Das Büro der Direktorin sah aus, wie Blake es sich vorgestellt hatte: Ein Mahagonischreibtisch, der vor der großflächigen Fensterfront stand. Die roten Gardinen waren teilweise zugezogen, der düstere Campus dahinter wurde durch die vereinzelten Leuchtkristalle erhellt. Das Licht drang bis zu ihnen nach oben. Links befand sich ein Kamin. Das verkohlte Feuerholz glimmte leicht. Der restliche Raum des Büros diente als Bibliothek. Bücher- und Aktenschränke ragten bis unter die Decke. Automatisch fragte er sich, ob er hier Schriftstücke fand, die es in dem öffentlichen Bereich der Schulbibliothek nicht gab.

Welsh richtete ihre Brille und verschränkte die Finger ineinander. »Erzählen Sie mir, was Sie gesehen haben, Mr Lightwood. Wie kam es dazu, dass Sie einen Ihrer Mitschüler angegriffen haben?«