Verlag: CW Niemeyer Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung SchattenGier - Nané Lénard

Unterschätze nie den Unscheinbaren. Von Sandra Völker, Profilerin beim LKA Hannover, gibt es nach der Geburtstagsfeier bei ihrem Vorgesetzten kein Lebenszeichen mehr. Wohin brach sie am späten Freitagabend auf und war sie allein? Auch Hauptkommissar Wolf Hetzer kam niemals zu Hause an. Freunde und Kollegen sind ratlos und vermuten zunächst eine Liebelei. Doch als beide verschollen bleiben, lässt Peter Kruse die Handyortung zu und schlägt Alarm. Der letzte Login erfolgte im Rotlichtmilieu am Steintorviertel. Sandras Chef fürchtet, dass sie seinen Freund Wolf zu geheimen Ermittlungen überreden konnte. Sind sie dadurch dem Fesselmörder zu nahe gekommen, der seine Opfer brutal misshandelt? Alle fürchten das Schlimmste. . denn in ihm lauert die Gier!

Meinungen über das E-Book SchattenGier - Nané Lénard

E-Book-Leseprobe SchattenGier - Nané Lénard

Inhalt

Titelseite

Impressum

Über die Autorin

Widmung

Prolog

Unter der Frankenburg

Wut im Bauch

Im Angesicht des Netzes

Sorgen

Dämmerung

Streifzug vor anderthalb Jahren

Die Fahndung

Stimmen

Entdeckungsreise

Die Suche

Sonntagmorgen in Todenmann und Kleinenbremen

Wasser

Sonntagmorgen in Bückeburg

Fundsache

Spuren

Sackgasse

Am Hafen

Proteine

Nachforschungen

Am Kanal

Ungefähr ein Jahr zuvor

Blutproben

Die Angel

Warten

Ohne den Wirt

Büthes Nachforschungen

Stolpern und Fallen

Wieder warten

Im Klinikum

Fundsache, die zweite

Verknüpfungen

Krankenbesuch

Zwiegespräch

Nummer zwei

Der vorletzte Einsatz

Übereinstimmungen

Das Erwachen

Donnerstagabend

Abendgedanken

Gier

Nachtgedanken

Wehmut

Freitagvormittag

Der Anruf

Unumkehrbar

Auf dünnem Eis

Reiner Wein

Präpariert

Erinnerungen

Aufbruch

Vor Ort

Schlimme Gefühle

Finale

Am Nachmittag

Unterwegs

Entsorgung

Maulwurfshügel

Unter Beobachtung

In der Bar

Träume

Flucht nach vorn

Die Klappe

Ins ewige Vergessen

Endlose Zeit

Gras

Beton

Die Suche

Erlösung

Was in den nächsten vier Wochen geschah ...

Unter der Frankenburg

Danksagung

Leseprobe

FriesenNerz

Wie Oma Pusch zu ihrem Namen gekommen ist

Der Kiosk

Zaungäste

Rollmopsbrötchen

Im Bestattungsinstitut Fritsche & Esen

Nané Lénard

SchattenGier

 

 

 

 

 

 

Im Verlag CW Niemeyer sind bereits folgende Bücher der Autorin erschienen:

SchattenHaut

SchattenWolf

SchattenGift

SchattenTod

SchattenGrab

SchattenSchwur

SchattenSucht

KurzKrimis und andere SchattenSeiten

FriesenNerz

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de

© 2016 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln

www.niemeyer-buch.de

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Carsten Riethmüller

Der Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.com

eISBN 978-3-8271-9794-8

EPub Produktion durch ANSENSO Publishing

www.ansensopublishing.de

Der Roman spielt hauptsächlich in einer allseits bekannten Stadt des Weserberglands, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

Über die Autorin:

Nané Lénard wurde 1965 in Bückeburg geboren, ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Nach dem Abitur und einer Ausbildung im medizinischen Bereich studierte sie später Rechts- und Sozialwissenschaften sowie Neue deutsche Literaturwissenschaften.

Von 1998 an war sie als Freie Journalistin für die regionale Presse tätig. Ab 2009 arbeitete sie für unterschiedliche Firmen im Bereich Marketing und Redaktion. Seit 2014 ist Lénard als freiberufliche Schriftstellerin tätig.

Von ihr wurden neben den Romanen bereits mehrere Gedichte und Kurzgeschichten veröffentlicht.

Mehr über Nané Lénard und ihre Aktivitäten erfahren Sie unter www.nanelenard.de

Dieser Krimi sei den lieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in allen Buchhandlungen gewidmet, die meine Bücher ihren Kunden ans Herz legen

In all dem Blassen, Unscheinbaren steckt tief verborgen dunkles Beben. Die, die im Licht nie sichtbar waren, lechzen, die Neigung auszuleben.

Begehren was in großen Nöten sich windet und entsetzlich schreit, um jene Lust in sich zu töten, die sie entfesselt und befreit.

Prolog

Es war dunkel. Dunkel und kalt. Die Luft, die er einatmen musste, roch muffig und schien von etwas überdeckt zu sein, das er kannte. Aber es fiel ihm nicht ein, was es war, bevor er wieder bewusstlos wurde.

Als er später die Augen öffnete, hatte er längst vergessen, schon einmal wach gewesen zu sein. Ein dünner Streifen Licht störte die Finsternis. Er fiel aus der rechten Wand wie eine Klinge und schnitt das Schwarz in zwei Hälften. Wolf starrte benommen ins Dunkel und unterdrückte ein Würgen. Kam es vom Schmerz? Von der Kälte? Vom stickig süßlichen Duft, der sich durch seine Nase ins Gehirn bohrte? Mit einem Mal roch er es bewusst. Da war Blut. Viel Blut. Irgendwo. Aber war es seins? Der Versuch sich abzutasten scheiterte, doch das lag nicht an den klammen Fingern, die er kaum noch spürte. Etwas hielt ihn fest. Er fror noch mehr, als er begriff, dass er sich überhaupt nicht bewegen konnte. Doch er vermochte weder zu sehen noch zu fühlen warum. Beine und Hände gehorchten ihm nicht. Der linke Arm schien fort zu sein. Hatte man ihn amputiert? Roch er seine eigene Blutlache? Ihm wurde schlecht. Er versuchte, die Finger zu spreizen – nichts. Panik. Fassungslosigkeit. Entsetzen. In die grausam kalte Stille hinein schrie er. Er brüllte direkt. Dabei gelang es ihm, sich kaum merklich zu winden, und er begriff, dass er am ganzen Körper fixiert sein musste. Doch noch schlimmer war die Erkenntnis, frei im Raum zu schweben. Denn das Bewegen war kein Räkeln auf festem Untergrund. Er fühlte keinen Widerstand, nur die Last seines eigenen Gewichts. Jetzt hasste er sich, seinen zu wohlgenährten Leib, der eine Woge aus Schmerz war. Sein kläglicher Versuch einer Befreiung hatte alles schlimmer gemacht. Er kam nicht los und würde es erst sein, wenn er aufhörte zu atmen oder wenn das Blut ganz aus ihm herausgesickert war. Jemand wollte, dass er verreckte. Ein Jemand ohne Gnade und ohne Gesicht. Er schien ihm nicht mal zusehen zu wollen. Oder war da irgendwo eine Kamera? Er heulte. Aus Panik und Wut. Tränen liefen über seine Wangen. Sie kühlten aus, noch bevor sie zu Boden fielen. Ich verschwende Energie, war sein letzter Gedanke. Dann umfing das Dunkel ihn aufs Neue.

Wolf musste wieder bewusstlos gewesen sein, denn als er das nächste Mal mit verzerrtem Gesicht die Lider hob, konnte er Umrisse sehen. Schemenhaft zwar, aber deutlich erkannte er die Balken einer alten Scheune, den Lichtstreifen rechts und weiter hinten eine Gestalt. Er blinzelte. Sie hing vor etwas, das wie ein großes Rad aussah. Aber die vielen Speichen machten ihn stutzig.

„Hallo!“, rief er, so laut er konnte. Doch nichts rührte sich. Er probierte einen Schrei aus voller Kehle, aber auch das brachte nichts, weil sein Krächzen niemanden aufweckte. Wolf vermutete, dass es ein Mensch war und fragte sich, warum der Körper so merkwürdig aussah, aber es war ohne Bedeutung. Vielleicht war der längst tot.

Auch er würde sterben. Das war ihm jetzt klar. Sollte er seine letzten Minuten mit dem Gedanken an andere verschwenden? Es war doch sowieso alles scheißegal. Auch, dass er pinkeln musste. Lass es einfach laufen, sagte er sich. Doch es ging nicht. Der Druck, der ihn quälte, brachte ihn fast um den Verstand. Erst jetzt sah er an sich entlang. Widerwillig. Aber es ließ sich nicht länger vermeiden. Dann heulte er wie ein Wolf. Was er sah, war grausam. Jemand hatte ihn eingeschnürt. Wie eine Spinne ihr Opfer einwebt. Er hatte so etwas schon einmal bei Ermittlungen gesehen. Fesselspiele. Menschen taten das aus Lust. Wie konnten sie nur? Seile schnitten überall in seinen Körper. Der Arm war wohl noch dran, der Schwanz auch, aber die Fesseln quetschten alles ab.

Trotz des Schmerzes versuchte er sein Becken in eine andere Lage zu bringen. Das erforderte Kraft, aber auch Vorsicht. Als er eine Stellung gefunden hatte, in der der Druck nachließ, lauschte er dem Plätschern und empfand eine Erleichterung, die ihn für einen Moment euphorisch machte. Er pisste, bis kein Tropfen mehr kam und ließ sich dann stöhnend in die alte Position zurücksinken. Den Arm spürte er immer noch nicht. Auch wenn er da war.

Wie war er hierhergekommen? Wo war er vorher gewesen?

Das Letzte, an das er sich erinnerte, war sein Abschied von Moni. An den Kuss, den er ihr gab, bevor er nach Hannover zum Geburtstag seines Freundes Thorsten Büthe gefahren war.

Danach war alles in seinem Kopf gelöscht. Error. Totalausfall.

„Moni!“, schrie er völlig entkräftet in den schummrigen Raum. Er vermisste sie. Warum war sie nicht bei ihm? Er brauchte sie jetzt. Sie würde ihn wärmen und zudecken. Bei ihr würde er Ruhe und Frieden finden.

Als er das nächste Mal erwachte, wusste er, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Seine Lippen waren rissig von Kälte und Durst.

Kostbare Tropfen hatte er an die Schwerkraft verloren, ohne sie auffangen zu können. Er wusste nicht, wie lange er schon dort hing. Aber ohne Wasser war es absehbar. Maximal drei Tage, wenn der Kreislauf so lange mitspielte.

Unter der Frankenburg

In der alten Kate unter der Frankenburg war es still. Nur der Herbstwind fegte in Böen ums Haus und rüttelte an den Angeln der Holzfenster. Den Ragdollkatern Max und Moritz war das egal. Sie schliefen wie gewohnt eng aneinandergekuschelt auf der Chaiselongue im Wohnzimmer. Von ihnen war nur ein gelegentliches Gähnen oder Räkeln zu hören, wenn sie sich streckten.

Es dämmerte bereits, als die Kater jäh vom Geräusch des Haustürschlüssels und einer schnuppernden Hundeschnauze geweckt wurden. Doch das führte nur dazu, dass sie sich herzhaft streckten und auf die andere Seite drehten. Sie kannten und ignorierten den stinkenden Mitbewohner wie immer.

„Ich bin’s Jungs!“, rief Moni etwas zaghaft von der Tür aus.

Immer wenn Kommissar Wolf Hetzer nicht zu Hause war, hütete sie seine altdeutsche Schäferhündin Lady Gaga und fütterte die Kater. Den Hund nahm sie meist mit zu sich, doch die Ragdolls blieben lieber auf ihrem weichen Platz vor dem Kaminofen, selbst wenn er, so wie jetzt, nicht brannte.

Moni war mehr als nur Wolfs Nachbarin. Sie war auch seine beste Freundin und Ratgeberin und darüber hinaus verbrachten sie die Nächte zusammen. Ein Geheimnis, von dem sie beide immer noch glaubten, dass es ihres war. Doch die Kollegen grinsten sich seit Langem eins und sogar Wolfs Sohn Niklas hatte den Braten längst gerochen. Aber niemand sagte etwas dazu.

Heute hatte Moni das Haus eher aus Sorge betreten, weil sie schon gegen halb vier morgens gesehen hatte, dass Wolfs Wagen noch nicht wieder in der Einfahrt stand. Eigentlich wollte er gestern Abend zurückgekommen sein, aber vielleicht hatte er doch ein Glas zu viel getrunken und war bei seinem Freund vom LKA Hannover geblieben. Für den Fall, dass er noch in der Nacht mit dem Taxi gekommen sein sollte und oben seinen Rausch ausschlief, würde sie sich nach dem Füttern leise davonschleichen und Lady Gaga wieder mitnehmen. Ein Morgenspaziergang würde ihnen beiden guttun. Sie brauchte frische Luft. Und selbst wenn Wolf oben in den Kissen läge, wäre er bestimmt froh, wenn sie ihm dies abnahm.

Nachdem die Kater versorgt waren, blieb sie noch kurz im Flur stehen und horchte nach oben. Doch sie konnte weder ein Atmen noch ein Schnarchen erkennen. Sie fühlte eine vage Unruhe und konnte sich zunächst nicht erklären, woher sie kam. Mit einem Seufzer zog sie die Tür ins Schloss und hoffte, dass es ihm gut ging, da, wo auch immer er war. Von weiter Ferne bohrte sich eine kaum greifbare Angst in ihre Gedanken, dass er eine andere Frau kennengelernt haben könnte. Eine, die jünger war als sie und vielleicht sogar jünger als er selbst.

Wut im Bauch

Während seine Frau Nadja noch genüsslich im gemeinsamen Haus in Kleinenbremen schlief, schlich sich Peter Kruse leise mit seinen übergroßen Lammfellpuschen aus dem Obergeschoss nach unten in die Küche. Es war die Angst, die ihn dorthin trieb. Die Angst zu verhungern. Er verfluchte den Tag, an dem er seinem Kollegen, Freund und Chef Hauptkommissar Wolf Hetzer versprochen hatte, sich mit ihm im Sportstudio anzumelden. Nun musste er Wort halten. Das war nicht mehr zu ändern. Für eine Zeit lang wenigstens. Wahrscheinlich wäre es besser, erst nach dem Training zu frühstücken, aber beim Gedanken daran wusste er schon, dass er das nicht aushielt. Allein die Vorstellung, jetzt nicht essen zu dürfen, marterte ihn. Er blickte an sich herab und verfluchte den blöden Spruch von Wolfs Kumpel Norbert Kunz, der für die Zeitung schrieb. Hatte der ihm doch neulich mit einem frechen Grinsen auf seinen Bauch geklopft und zu Wolf gesagt: „Guck mal, dein Kollege hat wenigstens ein ordentliches Dach über seinem Arbeitslosen.“ Eine Unverschämtheit von einem, auf dessen Knochen der Wind Harfe spielen konnte. Und was wusste der schon von seinem Liebesleben? Oder noch schlimmer, was ging den das überhaupt an, welchen Umfang oder welche Libido er hatte. Peter schnaubte und öffnete den Kühlschrank. Er war eben ein Genießer. Aus dem Inneren dufteten ihm die Hähnchenschenkel entgegen, die vom gestrigen Abendessen übrig geblieben waren. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Eins von den fünf Schenkelchen konnte er doch als Appetithäppchen vorab essen. Das trug nicht auf und Huhn war gesund. Mager war es auch. So ein bisschen gebratene Haut über dem Fleisch konnte kaum ins Gewicht fallen. Mit einem Küchenkrepp nahm er ein Hinterbein vom Teller und rückte die anderen wieder gleichmäßig zurecht. Auch kalt schmeckte es köstlich. Er sah auf die Uhr. Erst kurz nach neun. Eins schaffte er noch. Der Termin war erst um Viertel vor zehn, um halb wollte er sich mit Wolf treffen. Als er um zwanzig nach neun aufbrach, hatte er das letzte verbleibende Hühnerbein auf einer Untertasse wieder in den Kühlschrank geschoben. Es hatte auf dem großen Teller so mickrig ausgesehen. Jetzt fühlte er sich besser, hatte aber ein schlechtes Gewissen. So war das immer. Entweder hatte er Bauchschmerzen vom Hunger oder vom Essen. Leicht brummig schnappte er sich seine Sporttasche, sprang in den Wagen und fuhr ein wenig zu schnell nach Bückeburg zum „Relax“. Der Parkplatz war schon mit etlichen Autos belegt, und Peter fragte sich, ob die ganzen Menschen tatsächlich freiwillig hierherkamen oder von anderen dazu genötigt worden waren, so wie er. Von zwei Seiten übrigens. Denn Nadja hatte mit Inbrunst in Wolfs Horn geblasen. Die Verräterin tarnte sich mit der Sorge um seine Gesundheit. Pah! Alles Panikmache! Sein Blutdruck war ihm scheißegal. Es ging ihm doch gut. Vielleicht bekam er etwas schlechter Luft beim Treppensteigen, aber er war ja auch kein junger Hüpfer mehr.

Nachdem er bis zwanzig vor neun draußen gewartet hatte und von einem Bein auf das andere getreten war, wurde er unruhig. Wolf würde ihn doch nicht versetzt haben? Möglicherweise hatte er sich mit dem Weg verschätzt. Normalerweise hätte Wolf ihn in Kleinenbremen abgeholt. Das lag schließlich direkt auf der Strecke nach Bückeburg, wenn man von Todenmann aus dorthin fuhr, aber seit einiger Zeit war die Strecke durch den Ort wegen Bauarbeiten gesperrt. Ein lästiger Umstand, denn Wolf musste nun immer Umwege fahren. Er sah sich um, ob er den Wagen von ihm irgendwo sah. Nicht dass Wolf schon hineingegangen war. Aber er konnte ihn nirgendwo entdecken. Seine Laune sank.

Widerstrebend betrat er das Fitnessstudio und lehnte sich an den Tresen. „Kruse mein Name“, sagte er nach kurzer Begrüßung. „Ich habe hier heute eine Einführungsstunde mit meinem Freund Wolf Hetzer. Ist der schon da? Wir wollten uns eigentlich schon um halb draußen treffen.“

„Moment“, bat die Dame an der Rezeption, „ich schaue kurz nach. Nein, leider nicht, aber du kannst dich schon umziehen. Die Umkleidekabinen sind da hinten geradeaus. Ich sage unserem Trainer Florian Bescheid, dass du da bist. Melde dich dann bitte wieder hier bei mir. Dein Freund kann ja später dazustoßen, wenn er kommt.“

Peter nickte und fluchte innerlich. Jetzt war er dem Ganzen auch noch alleine ausgeliefert. Es war zum Mäusemelken. Unlustig schleppte er sich samt den Hühnerbeinen in die Umkleide und suchte sich ein ruhiges Plätzchen. Das war gar nicht so einfach, weil in jeder Ecke schon jemand stand. Während er sich auszog, beobachtete und unterteilte er die Kerle in vier Kategorien: Da waren die energiegeladenen Jungspunde mit Dreitagebartflaum, die zumindest mit einem Tattoo auf ihrem gestählten Körper protzten, dann die Rasierten – manchmal komplett, staunte Peter – rund um die Midlife-Crisis, die von ihren beginnenden Fettpölsterchen mit Sonnenbräune, Kettchen und Körperbemalung ablenkten. Peter hatte sich nie in einer dieser beiden Phasen befunden. Er gehörte wohl eher der Teilmenge der leicht untersetzten Männer an, die Genuss schätzten und verhindern wollten, dass ihre Körper zu sehr aus dem Leim gingen. Schlussendlich gab es noch die Betagten, denen es längst egal war, wie sehr ihre Hintern hingen oder ihre Körper insgesamt an Elastizität verloren hatten, die sich aber den Gewinn von Lebenszeit und Gesundheit erhofften.

Peter schüttelte die Gedanken ab, griff nach seinem Handtuch und schlenderte in der Hoffnung zur Rezeption zurück, dass sich Wolf inzwischen eingefunden hatte. Aber ihn erwartete nur Florian mit einem gewinnenden Lächeln. Ja klar, dachte Peter, der hatte gut lachen. Straffe Haut in der Farbe von Wiener Melange harmonierte mit seinem durchtrainierten Körper, der sich trotz aller Kraft mit der Geschmeidigkeit einer Katze bewegte. Er selbst war das, was man einen Trampel nannte und staunte. Darüber und wegen Florians sympathischer Ausstrahlung vergaß Peter, dass er eigentlich nur widerwillig und unter Protest hier war, denn der Trainer begrüßte ihn wie einen alten Freund.

„Hallo Peter, herzlich willkommen. Ich bin Florian. Was ist denn dein Ziel? Was möchtest du für dich erreichen?“, fragte er.

„Tja, also, ähm“, begann Peter und sah an sich herab. Wolf hätte jetzt genau gewusst, was zu sagen war, aber er war nicht da.

Florian half ihm. „Ich schätze, du möchtest fitter werden und etwas für deine Gesundheit tun?“

„Ja genau“, bestätigte Peter, „eigentlich wollte mein Kollege auch hier sein. Wir wollen zusammen ein bisschen ...“

„Okay“, übernahm Florian, als Peter seinen Satz nicht zu Ende sprach, „ich schlage vor, du wärmst dich schon mal auf dem Rad oder dem Crosstrainer auf, bis dein Kollege kommt und dann machen wir gemeinsam weiter. Was wählst du? Fahrrad, Sitzrad oder Crosstrainer?“

Peter zögerte. Die Dinger sahen fast alle gleich unbequem aus. Er zeigte aufs Sitzrad, weil ihm das am humansten erschien.

Florian nickte und erklärte ihm die Einstellungen. „In zehn, fünfzehn Minuten komme ich wieder und nehme dich mit. Oder euch zwei“, fügte er noch hinzu.

„Danke“, sagte Peter und radelte los. Wohin wusste er nicht. Da war zwar so ein komisches Display, auf dem man verschiedene Strecken einstellen konnte, aber das machte es auch nicht besser. Mit einem Kopfhörer hätte man sogar fernsehen können. Das lenkte wenigstens ab. Aber auf die zappelnden Bilder ohne Ton konnte er verzichten. Wo war Wolf? Mit dem hätte man sich bei der Tortur wenigstens unterhalten können. Trotz all der oberflächlichen Grummelei machte er sich so langsam Sorgen. Wolf war nicht der Typ Mensch, der seine Freunde im Stich ließ. Er zog sein Smartphone aus der Hosentasche und warf einen Blick darauf, aber niemand hatte angerufen oder gesimst. Das war kein gutes Zeichen. Wolf konnte das Training nicht vergessen haben. Da war sich Peter sicher. Sie hatten noch gestern im Dienst darüber gesprochen, kurz bevor Wolf nach Hannover aufgebrochen war. Ach ja, er war bei Thorsten Büthe auf dem Geburtstag gewesen. Da konnte es natürlich sein, dass Wolf doch später ins Bett gekommen war und keinen Wecker gestellt hatte. Dagegen sprach aber Wolfs eigene Aussage, nicht versacken zu wollen. Nun ja, manchmal kam es eben anders als man zunächst gedacht hatte. Aber dann hätte er sich normalerweise gemeldet. Peter seufzte und fuhr ein bisschen schneller, als ob ihn dies dem Ziel eher nahe brachte. Auf dem Ding würde er niemals irgendwo ankommen, außer an seiner Belastungsgrenze, aber es bot ihm die Möglichkeit, während des Radelns zu simsen. Er wollte Wolf eine Nachricht schicken und tippte: Na, alter Sack, haste nur gekniffen oder zu viel gesoffen und pennst noch? Ich bin sauer auf dich. Lässt mich hier alleine auf den Folterinstrumenten strampeln. Das kannst du nur mit einem doppelten Chicken-Teller im Minchen wieder gutmachen.

Florian grinste, als er auf Peter zukam. „Lässt sich doch locker fahren, wenn man dabei noch SMS schreiben kann.“

Peter wurde rot. „Ich hab nur versucht, meinen Kumpel zu erreichen.“

„Er kann dann einen neuen Termin vereinbaren. Jetzt machen wir zwei erst mal weiter“, sagte Florian und zerstörte damit Peters Hoffnung auf einen vorzeitigen Abbruch der Einführung. „Ich habe mir überlegt, dass du zunächst mit dem Milon-Zirkel beginnen könntest. Das ist ein detailliertes Training für die unterschiedlichen Muskelgruppen in verschiedenen Etappen.“

Peter nickte und schlich hinterher. Auf einem Rondell waren verschiedene Trainingsgeräte, Fahrräder und Crosstrainer im Kreis angeordnet. In der Mitte befand sich eine beleuchtete Wassersäule, in der von Zeit zu Zeit Luftblasen aufstiegen.

„Mit deiner Karte stellen wir jetzt jedes Gerät speziell auf deine Körpergröße und deinen Trainingsstand ein. Jedes Mal, wenn du kommst und die Karte hineinsteckst, fährt es genau in deine Trainingsposition mit den Gewichten, die wir gewählt haben. Die können dann später angepasst werden, wenn du Fortschritte gemacht hast.”

Peter folgte Florian willig wie ein Schaf vom Beinstrecker zum – beuger und vom Butterfly zum Bauchtrainer. Er hoffte, dass er sich das alles merken konnte. Auch dafür wäre Wolfs Anwesenheit wichtig gewesen. Der hätte das im Nu aus dem Effeff beherrscht und auch später nicht wieder vergessen, was man von Peter nicht behaupten konnte. Das Einzige, was er spontan behielt, war, dass er nur trainieren sollte, solange Luftblasen aufstiegen, weil er das lustig fand. Danach folgte immer der Wechsel zum nächsten Gerät. Aber ob er beim nächsten Mal noch wusste, was darauf zu machen war, dafür konnte er beim besten Willen nicht garantieren. Er ließ sich aber nichts anmerken und tat so, als ob er Florian aufmerksam zuhörte. Mit den Gedanken war er jedoch ganz woanders. Als er später in der Umkleide stand, entschloss er sich, das Vorhaben sausen zu lassen, noch in eine der Saunen zu gehen. Sie hatten sich nach dem Training einen entspannten Vormittag machen wollen. Zusammen, versteht sich. Allein war ihm die Lust vergangen. Aber er hätte auch keine Ruhe gehabt. Erfahrung und Schmerz schärften das Gefühl, das man Intuition nennt. Sie ist bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Peters, die in der Gegend der Magengrube saß, schlug Alarm. Wolf hatte sich auch auf die SMS nicht gemeldet. Ein Anruf auf dessen Smartphone zeigte ihm, dass es ausgestellt war. Jetzt hatte es Peter eilig. Er sprang nur flüchtig unter die Dusche, sein Shampoo hatte er sowieso vergessen, Wasser musste reichen. Anschließend rubbelte er sich ab, wich einem Prachtburschen der Kategorie zwei aus, der sein Goldkettchen zurechtrückte, und zwängte sich in seine Jeans, die er unter dem Bauch schließen musste. Dabei fiel ihm der Arbeitslose wieder ein. Völlig unsinnigerweise, wie er in diesem Moment fand.

Mit offener Jacke und ohne seine Haare getrocknet zu haben sprang er ins Auto. Von dort rief er bei Moni an. Sie musste wissen, was mit Wolf los war.

„Kahlert.“

„Moni, ich bin’s, der Peter. Sag mal, hast du heute schon was von Wolf gehört?“

„Nein“, antwortete sie leicht irritiert, „wieso?“

„Er müsste doch längst aus Hannover zurück sein“, sagte Peter, „wir hatten uns zum Einführungstraining im „Relax“ verabredet.“

„Ach Mensch, stimmt ja“, entfuhr es Moni. „Das hatte er mir gestern noch gesagt. War mir total entfallen. Dann müsste er doch längst wieder da sein.“

„Die Lady ist sowieso bei dir, oder?“, fragte Peter.

„Ja klar, schon seit gestern. Ich habe heute Morgen auch schon nach den Katern gesehen. Sein Auto stand nämlich nicht im Hof. Deswegen bin ich rüber“, erklärte sie.

„Du hast nicht zufällig in seinem Schlafzimmer nachgesehen?“, wollte Peter wissen.

„Nein“, rief Moni empört, „ich kontrolliere ihn doch nicht. Wieso sollte ich?“

„Rein zur Beruhigung“, wiegelte Peter ab. „Er hätte ja auch mit dem Taxi nach Hause gekommen sein können.“

„Die Idee hatte ich auch schon, aber dann wäre er längst aufgetaucht, selbst wenn er einen über den Durst getrunken hätte“, sagte Moni. „Außerdem wissen wir beide, dass er dich nie versetzt hätte, ohne dir Bescheid zu sagen.“ Sie klang besorgt. „Weißt du was? Ich gehe jetzt noch mal rüber zu ihm und rufe die Treppe hoch.“

„Ja, mach das“, bat Peter, „auf dem Smartphone kann ich ihn nämlich auch nicht erreichen. Es ist ausgestellt.“

Moni grübelte. „Du könntest versuchen, seinen Freund Thorsten Büthe zu erreichen. Vielleicht hat er dort in Hannover übernachtet oder er weiß zumindest Bescheid, wo Wolf abgeblieben ist. Möglicherweise hat er sich auch ein Hotelzimmer genommen, falls die Büthes kein Gästezimmer haben.“

„Okay, ja, mache ich“, versprach Peter. „Ich fahre aber erst nach Hause. Oder warte! Ich weiß gar nicht, ob ich Büthes Nummer überhaupt habe. Wenn ich sie nicht irgendwann in meinem Smartphone notiert habe, muss ich unterwegs an der Dienststelle anhalten und hoffen, dass Wolf sie in seinem Telefon gespeichert hat. An seinen Rechner komme ich nicht so ohne weiteres ran. Ich brauche ja die Privatnummer. Die dienstliche nützt mir heute am Samstag nichts und in Das Örtliche steht er bestimmt nicht.“

Moni seufzte tief. „Würdest du mir bitte Bescheid geben, wenn du etwas weißt? Egal was!“

„Nun mach mal nicht die Pferde scheu“, beschwichtigte Peter, „es muss ihm doch nicht gleich was passiert sein. Geh mal davon aus, dass er bei seinem Freund Thorsten versackt ist und dass die beiden jetzt ein Katerfrühstück mit Ringen unter den Augen einnehmen.“

Aber so richtig glaubte keiner von beiden daran. Peter hatte ein vages Gefühl von Gefahr, das er nicht einordnen konnte, während Moni ihren Nachbarn und Liebhaber eher in den Armen einer weitaus jüngeren Frau sah, was sie verstand und womit sie immer gerechnet hatte. Doch es tat weh. An einen nächtlichen Unfall glaubte niemand. Dann wäre längst ein Streifenwagen unter der Frankenburg aufgetaucht.

Nachdem sie aufgelegt hatte, nahm Moni den Schlüssel zu Wolfs alter Kate vom Bord und ging noch einmal nach nebenan. Das hatte sie schon so oft getan, doch heute fühlte es sich anders an. Fast so, als ob sie eine Fremde wäre. Den Hund hatte sie zu Hause gelassen. Er würde spüren, dass sie unsicher war und Wolf suchte. Das wollte sie Lady Gaga ersparen. Als sie im Flur stand, rief sie zum ersten Mal nach ihm. Doch nichts rührte sich. Auch nicht, als sie den Ruf auf der Treppe nach oben wiederholte. Da fasste sie sich ein Herz und ging hinauf in Wolfs Schlafzimmer, in dem sie schon so viele glückliche Stunden verbracht hatte. Der Gedanke daran, dass dies vorbei sein könnte, stach ihr ins Herz, aber sie wischte ihn fort. Sie hatte kein Anrecht auf ihn. Wenn es so wäre, dann hätte sie zum Großteil dazu beigetragen. Sie wusste, dass er sie seit Langem heiraten wollte, aber immer war sie seiner stummen Frage aus dem Weg gegangen, hatte abgelenkt, weil sie sich für zu alt hielt, seine Frau zu werden. Doch das war nur die Angst vor der Zukunft gewesen. Sich zu sehr auf ihn einzulassen hätte bedeutet, verletzlich zu werden. Aber wenn sie ehrlich zu sich selbst war, ja wenn sie sich eingestand, wie die Realität ihr jetzt den Spiegel vorhielt, dann wusste sie, dass es keinen Unterschied bedeutet hätte. Sie liebte ihn. Sie war seine Frau, wenn auch nicht auf dem Papier, aber sie war es mit Haut und Haar. Und sie wollte ihn auf keinen Fall verlieren. Nicht an den Tod und nicht an eine andere Frau.

Wolfs Schlafzimmer war leer. Das sah sie nicht nur, sie spürte es auch. Er schien weit weg zu sein. Kaum greifbar. Sie fegte ihre selbstsüchtigen Gedanken beiseite und dachte daran, wie es ihm gehen mochte. Sie konzentrierte sich ganz auf ihn, versuchte ihn mental zu erreichen, aber es gelang ihr nicht, eine Verbindung herzustellen. Esoterischer Schwachsinn, hätten Wolf und Peter gesagt, wenn sie davon wüssten. Aber sie sprach nicht darüber. Eins stand auf jeden Fall fest: Wolf war nicht da und er war ihrer Meinung nach auch nicht hier gewesen. Daran hatten sie nämlich überhaupt noch nicht gedacht, dass er angekommen und wieder weggefahren sein konnte.

Im Angesicht des Netzes

Wolf wachte aus einem irren Traum auf. Er hatte sich mit einer dunkelhaarigen Schönheit die Seele aus dem Leib gefickt. Mal hatte sie mit wippenden Titten auf ihm gesessen oder ihm einen geblasen, dann hatte er sie geritten wie eine Stute und sich dabei an ihrem langen Zopf wie an einem Zügel festgehalten. Das Erwachen war jäh und wie ein Flashback gewesen. Fies, schmerzhaft und kalt. Alles war plötzlich wieder da. Er hing gefesselt von einer Scheunendecke. Jemand hatte an ihm ein überaus kunstvolles Werk verrichtet. Eine kompakt verschnürte Skulptur mit einem angewinkelten Bein. Die Anordnung und Verknotung der Seile war symmetrisch. Das Licht, das durch den Spalt in der Tür fiel, schien mittlerweile hell genug, dass er das ganze Ausmaß seiner Situation erkennen konnte. Vielleicht war er jetzt auch wacher oder klarer. Das Dumpfe war etwas von ihm gewichen. Aber er hatte wahnsinnigen Durst. Jeden Tropfen, den er vorhin so erleichtert ausgepinkelt hatte, bereute er. Ja, er war bereit alles Genießbare zu trinken, das man ihm reichen würde, oder sogar aus einer verdreckten Schlammpfütze zu lecken. Alles war besser als die Gier nach Flüssigkeit ohne die Aussicht darauf. Seine Zunge klebte trocken und pappig im Mund, die Lippen begannen rissig zu werden. Er musste sein Gehirn anstrengen, solange es noch halbwegs funktionierte. Wie viel Zeit blieb ihm noch? Zum Glück war es kalt. So fror er zwar, würde aber wenigstens nichts ausschwitzen und sein Stoffwechsel würde auf Sparflamme herunterfahren. Das verlängerte seine Überlebenschance. Trotzdem gab er sich selber nicht viel mehr als drei Tage, vor allem nicht in dieser Verfassung – gefesselt, unterkühlt und am Dachbalken hängend. Einer war schon fast um. Er lauschte in die Stille. Hier drin regte sich nichts außer ihm und ein paar Mäusen, die gelegentlich quiekten und im Stroh raschelten. Von draußen hörte er nur Vogelgezwitscher und den Wind, der um die Scheune strich. Wolf versuchte, sich durch leichtes Bewegen in eine andere Richtung zu drehen. Er hing seitlich an drei Tausträngen fest, die in einem Ring mündeten. Von dort ging ein Seil zum Balken. Seine Arme waren auf den Rücken geschnürt. Einen davon spürte er schon lange nicht mehr. Das obere Bein hatte man in einem spitzen Winkel angestellt und am Knie fixiert. Wenn er es vorsichtig versuchte, konnte er vielleicht noch einmal leichte Bewegungen riskieren und nach dort hinten zu dem Rad schauen. Er wollte versuchen zu erkennen, ob da tatsächlich noch eine andere Person außer ihm war oder ob die nur in seiner Vorstellung existiert hatte. Nur ganz langsam und unter Schmerzen gelang ihm nach und nach eine Drehung von knapp 180 Grad. Dann hatte er sie ganz genau vor Augen. Ja, es war eine Sie, doch als er das an den Brüsten erkannte, die aus der Fesselung heraushingen wie überreife Früchte, fiel sein Blick wenig später auf den Teil ihres Gesichtes, das zu sehen war. Es war deutlich blaulila eingefärbt. Sie war tot. Das Blut hatte sich gemäß der Schwerkraft unten gesammelt. Sie hing kopfüber – ja, er glaubte seinen Augen nicht zu trauen – in einem Spinnennetz. Der Lichtspalt, der jetzt im Tagesverlauf genau die Stelle erreicht hatte, an der sie hing, gab noch weitere unschöne Details preis. Das, was er als Rad angesehen hatte, war in Wirklichkeit ein kunstvoll gewebtes Geflecht aus Seilen, und sie selbst hing kopfüber daran wie ein Insekt, das in den Faden eingewebt worden war. Die langen, dunkelbraunen Haare setzten die Silhouette nach unten fort. Er überlegte, ob sie ihm bekannt vorkam, aber die Blaufärbung der Gesichtshaut und der Druck der absackenden Flüssigkeit hatten ihr Antlitz zu dem eines Monsters werden lassen. Das Schmetterlingstattoo auf der rechten Brust sah aus wie ein Stempel nach der Fleischbeschau eines Veterinärs. Ein verstörendes Detail. Dem Körper nach schätzte er sie auf Mitte/Ende dreißig. Die schaurige Installation hatte etwas Unwirkliches. Er hätte sich nicht gewundert, wenn gleich eine überdimensionale Spinne aus der Scheunendecke gekrabbelt wäre und damit begonnen hätte, ihr Opfer auszusaugen. Das war ein gruseliges Kunstwerk, wenn man es denn als solches bezeichnen wollte. Die Tote war vollkommen symmetrisch mit Seilen verziert worden. Jemand hatte sich große Mühe gegeben, ein perfektes Bild zu konstruieren. Aber hatte derjenige bedacht, dass der Tod das Gesicht der Frau entstellen würde? Oder sollte gerade dies Teil seiner Schöpfung sein? Ein Schauder lief durch Wolfs entkräfteten Körper. Ihm kam wieder ein Fall in den Sinn, in den ihn sein Freund Büthe aus Hannover vor einiger Zeit eingeweiht hatte. Die Frau vor dem Spinnennetz erinnerte ihn daran. Aber das schien alles weit weg zu sein. Und wen interessierten schon seine Gedanken, wenn er sie niemandem mehr mitteilen konnte.

Das Licht, das eben noch mittig auf die Tote gefallen war, lag jetzt etwas seitlich von ihr auf dem Netz und hatte eine goldene Farbe angenommen. Wolf schloss daraus, dass es anfing zu dämmern. Es war gut, dass der Kopf der Frau aus dem Lichtkegel verschwunden war. Er wollte sie nicht sehen, aber eine weitere Drehung weg von dem schaurigen Anblick ging über seine Kräfte. Bald würde alles finster sein und nur noch in seiner Vorstellung existieren, aber das konnte schlimmer sein, überlegte er sich, weil es darin keine schützende Dunkelheit gab. Und so war es auch. Seine inneren Augen wurden das Bild nicht los. Es brachte sich selbst immer wieder in Erinnerung. In das Aufblitzen der schrecklichen Momentaufnahme mischte sich auf einmal ein Gedankenfragment. Er sah die Dunkelhaarige aus seinem Traum vor sich. Die Bilder wechselten sich ab. Lächelnd lustvoll wurde zu grausam entstellt und umgekehrt. Wenn er hier starb, wäre er eine besser zu ertragende Leiche, weil sich die Totenflecken in seiner linken Körperseite verteilen würden, kam ihm völlig unsinnigerweise in den Sinn. Dann hatte er wieder die Brüste vor Augen. Einmal als Stillleben, einmal in Bewegung, und plötzlich sah er ihn, den Schmetterling. Er flog mit dem wippenden Busen auf und ab. Es musste sich um ein und dieselbe Person handeln.

Die Erkenntnis ließ ihn innerlich zusammenzucken und setzte Adrenalin frei. Sein Herz klopfte wie wild. Seine Lunge schien für die zugeschnürte Brust zu groß zu sein. Er begann trotz Gänsehaut zu schwitzen und nahm die Trockenheit seines Mundes jetzt noch stärker wahr. Warum hatte er diese Bilder im Kopf? Kannte er die Frau? Bewusst konnte er sich nicht an sie erinnern, aber ihm schien eine ganze Zeitspanne zu fehlen. Vielleicht kam all das, was er inzwischen erlebt hatte, stückweise wieder zurück. Er zitterte. Und das kam nicht nur von der zunehmenden Kälte, die in seinen Körper kroch. Er hatte Angst. Was war geschehen? Mit ihm? Mit der Frau? Krampfhaft versuchte er, die nahe Vergangenheit zu rekonstruieren. Das Letzte, was ihm einfiel, war nach wie vor der Abschied von Moni und seine Absicht, zu Thorsten Büthes Geburtstag zu fahren, aber ob er da jemals angekommen war, konnte er nicht sagen. Er wusste genug über retrograde Amnesien, dass er vermuten konnte, selbst eine zu haben. Ein Schutzmechanismus des Gehirns. Das machte es nicht besser. War ein Unfall der Grund? Hatte er etwas Traumatisches erlebt? Warum ließ man ihn hier verrecken? Er stöhnte und wurde mit einem Mal von einem wahnsinnigen Schmerz übermannt, von dem er nicht sagen konnte, wo er entsprang. Er war zu intensiv, um lokalisiert zu werden, denn er überlagerte alles, sogar das Denken. Präsent und stechend war er. Wahrscheinlich nahm er sich selbst und seine Situation jetzt durch den Schock des bruchstückhaften Erinnerns intensiver wahr. Konnte es sein, dass der Traum mit der Frau real gewesen war? Ein Stich durchfuhr ihn. Und mit dem Schmerz steigerte sich die Angst ins Unermessliche. Sein einziger Wunsch war, dass die Tortur bald vorbei sein möge. Das war der letzte Gedanke, bevor seine Sinne schwanden.

Sorgen

Nachdem Moni etwas ratlos und allein mit ihren Gedanken in Wolfs Kate gestanden hatte, spürte sie, dass sie frische Luft brauchte. Entschlossen holte sie Lady Gaga von drüben und schloss ihre Tür.

Als sie im Wald war, kroch die Mittagssonne hinter den Wolken hervor und gaukelte ihr einen schönen Tag vor. Aber es war keiner. Wolf war kein Mensch, der einfach so ohne ein Wort verschwand. Sie machte sich zunehmend Sorgen. Selbst wenn eine andere Frau im Spiel war, wäre er nicht so von Sinnen, dass er nicht wenigstens ein Lebenszeichen von sich geben würde. Eine SMS, ein Anruf oder eine Mail. Mittlerweile war ihr alles recht. Jede noch so fadenscheinige Begründung für sein Ausbleiben hätte bedeutet, dass es ihm gut ging.

Ihre zunehmende Unruhe ließ sie jedoch glauben, dass genau das Gegenteil der Fall war. Zum wiederholten Mal zog sie ihr Smartphone, das sie sonst selten dabei hatte, aus der Tasche und kontrollierte das Display, in der Hoffnung, sie habe vielleicht einen Anruf oder eine Nachricht überhört. Doch da war nichts. Sie holte tief Luft.

Lady Gaga schien Monis innere Aufruhr zu spüren, denn sie entfernte sich kaum von ihr und stupste sie gelegentlich mit der Nase an. Das war sonst nicht ihre Art. Meist tollte sie in Sichtweite durchs Gebüsch oder animierte Moni zum Werfen von Stöcken. Wenn man wenigstens einen Anhaltspunkt hätte, dann könnte man die Lady nach ihm suchen lassen, überlegte Moni und schimpfte dann wieder mit sich selbst, weil sie so negative Gedanken hatte. Bestimmt lag Wolf total verkatert auf Thorsten Büthes Couch und war sich selbst zu viel.

Als das Telefon plötzlich klingelte, fuhr sie zusammen. Endlich, dachte sie und zog es wieder hervor, doch es war nur Peter, aber vielleicht hatte der etwas herausgefunden.

„Keine guten Nachrichten“, hauchte er atemlos, „der Büthe hat nicht die leiseste Ahnung, wo Wolf sein könnte. So langsam mache ich mir wirklich Sorgen.“

„Wann ist Wolf denn in Hannover losgefahren? Nach Hause, meine ich. Konnte sich Thorsten daran erinnern?“

„Na ja“, antwortete Peter, „die ganze Sache ist ein wenig mysteriös.”

„Was meinst du damit?“, wollte Moni wissen.

„Erst haben sie wohl bei Büthes zu Hause gefeiert und dann verabschiedeten sich die Gäste nach und nach. Das war so gegen zehn, halb elf. Wolf war wohl auch dabei, aber einige sind anschließend in Richtung Innenstadt gefahren. Sie standen erst eine Zeit lang draußen bei Büthes vor der Tür und haben sich unterhalten. Vielleicht hat er sich überreden lassen mitzukommen. Das weiß Thorsten aber nicht genau. Seine Frau und er haben währenddessen das Gröbste aufgeräumt. Als sie ins Bett gegangen sind, war keiner mehr da. Er sagte nur noch, dass Wolf richtig gut drauf gewesen sei.“ Peter verschwieg Moni allerdings weitere Ausführungen und vor allem, dass sich ihr Nachbar und Liebhaber den ganzen Abend intensiv mit einer brünetten Kollegin von Thorsten unterhalten hatte.

„Dann wissen wir jetzt auch nicht mehr als vorher“, sagte Moni resigniert.

„Im Grunde nicht“, gab Peter zu, „Thorsten Büthe hat mir versprochen, bei seinen Gästen nachzufragen, ob jemand weiß, was Wolf anschließend gemacht hat. Er gibt mir dann Bescheid.“

„Dann können wir also nur warten? Das kann doch nicht wahr sein!“, erwiderte Moni verzweifelt. „Gib doch zu, dass das alles dubios ist. Es ist nicht seine Art. Das weißt du ganz genau. Ihm muss etwas passiert sein, sonst würde er sich melden. Und dich hätte er heute Morgen auch nicht im Stich gelassen.“

„Nun geh doch nicht gleich von dem Schlimmsten aus. Was schlägst du denn vor, was wir tun sollen?“, fragte Peter und hatte ein schlechtes Gewissen, wenn er an die Brünette dachte. „Ich gebe dir ja recht, dass sein Verhalten ungewöhnlich ist, aber vielleicht gibt es dafür trotzdem eine logische Erklärung. Jetzt schon Alarm zu schlagen, halte ich für verfrüht. Ich werde gleich noch mal bei den Krankenhäusern nachhaken. Und wenn Büthe nichts weiter erfährt, sollen die Hannoveraner Kollegen mal die Augen offen halten. Denkst du, mir gefällt die Sache?“ Nein, dachte Peter bei sich, sie gefiel ihm so oder so nicht.

„Na gut“, sagte Moni, „dann lass uns in einer Stunde noch mal sprechen.”

Eine Stunde konnte verdammt lang sein. Vor allem, wenn man auf etwas wartete. Die verrücktesten Ideen gingen einem durch den Kopf. Egal, ob sie realistisch oder totaler Schwachsinn waren. Moni versuchte sich abzulenken. Sie saugte, putzte das Bad und war gerade dabei Fenster zu putzen, als das Telefon wieder klingelte.

„Ich bin’s noch mal“, keuchte Peter in die Leitung. Er war die Treppe zu schnell hochgestiegen. „Leider keine wirklich neuen Erkenntnisse“, versuchte er zu verharmlosen. „Die Leute sind dann doch nach Hause gefahren. Wolf stand zum Schluss wohl noch mit einer Kollegin von Thorsten draußen, aber die konnte er bis jetzt nicht erreichen. Weder zu Hause noch mobil. Er hat versprochen hinzufahren. Vielleicht weiß sie was. Sie wohnt in Hagenburg.“

„Oder Wolfs Auto steht vor ihrer Tür“, entfuhr es Moni. Sie biss sich auf die Lippe.

Peter schwieg. Er wusste nicht, was er sagen sollte.

„Das denkst du doch auch, oder?“, fragte Moni resigniert. Dass er über einem Techtelmechtel alles andere aus den Augen verloren hat ...“

„Möglicherweise“, gestand Peter ein, „aber ich traue ihm nicht zu, dass er nicht wenigstens ein Lebenszeichen von sich gibt. Er ist schließlich keine zwanzig mehr. Selbst wenn ihm jemand den Kopf verdreht haben sollte, wird sich sein Gehirn nicht komplett abgeschaltet haben. Darum bin ich skeptisch. Diese Erklärung ist mir zu einfach.“

„Ja“, gab Moni trotz der Stiche in ihrem Herzen zu, „er würde sich wenigstens gemeldet haben. Unter einem Vorwand vielleicht, aber dennoch.“

„Es bleibt uns nichts anderes übrig als abzuwarten, ob Thorsten etwas herausfinden kann, wenn er zu dieser Sandra fährt. Bei den Krankenhäusern habe ich nichts erreicht.“

„Hältst du mich auf dem Laufenden?“, bat Moni.

„Ja, klar“, antwortete Peter.

Während Moni fortfuhr, ihre Fenster zu putzen und an eine Frau namens Sandra zu denken, wuschelte Nadja ihrem Peter durch die Haare und sah ihn schräg von der Seite an.

„Jetzt sag mal, was du wirklich denkst! Hat er was mit dieser Sandra?“

„Wahrscheinlich. Büthe erzählte mir, Wolf hätte wie eine Schmeißfliege an ihr geklebt und unaufhörlich gelabert. Das macht er doch sonst nicht. Er war gut drauf und gab lauter schlaue Lebensweisheiten von sich.“

„Bestimmt wollte er der Frau imponieren“, überlegte Nadja.

„Machen Hormone oder Gefühle denn manche Männer zu Affen?“, wollte Peter wissen. „Rein medizinisch, meine ich.“

„In gewisser Weise sind wir alle schon ziemlich hormongesteuert, auch wenn wir das oft nicht wahrhaben wollen. Es spielt sich viel zwischen den Geschlechtern ab, was sie selbst nicht bemerken. Duftstoffe, Gesten etc. Wir waren natürlich nicht selbst dabei und können Wolfs Balzverhalten daher schlecht beurteilen. Eine derartig intensive Wesensveränderung kommt mir allerdings auch merkwürdig vor. Die Droge Alkohol könnte selbstverständlich auch etwas dazu beigetragen haben, dass er sich wie ein durchgeknallter Gockel benommen hat, aber sagtest du nicht, er habe sich zurückhalten und noch selbst nach Hause fahren wollen?“

„Das hatte er zumindest vor“, bestätigte Peter. „Aber wer weiß, er könnte sich umentschieden haben, falls der Abend eine andere Wendung genommen hat als beabsichtigt.”

„Nehmen wir doch mal an, er hat sich verliebt“, begann Nadja und Peter rollte mit den Augen. „Diese Sandra hat ihm komplett den Kopf verdreht. Er trinkt ein Gläschen mehr als er ursprünglich vorhatte und kann nicht mehr heimfahren.“

„Stopp“, warf Peter ein. „Er muss aber noch mit draußen gestanden und überlegt haben, ob er mit in die Stadt fährt. Das wäre nur gegangen, wenn er noch fahrtauglich gewesen wäre. Seinen Lappen wird er bestimmt nicht aufs Spiel gesetzt haben.“

„Vielleicht wollte er ohnehin mit der Brünetten mitfahren“, schlug Nadja vor.

„Da Wolfs Auto aber nicht mehr vor Thorsten Büthes Tür steht, ist er noch selbst gefahren“, wandte Peter ein.

Nadja schüttelte den Kopf. „Diese Sandra könnte ohne Wagen dagewesen sein und Wolf gefahren haben.“

„So kommen wir nicht weiter“, stöhnte Peter genervt. „Wahrscheinlich liegt der jetzt irgendwo im warmen Bett mit der Hand auf einer noch heißeren Brust und hat uns alle vergessen. Und wir diskutieren uns hier die Seele aus dem Leib für nichts und wieder nichts.“

Nadja lachte. „Das klingt, so leid es mir für Moni auch tut, wirklich sehr wahrscheinlich. Das hättest du übrigens auch haben können, wenn du nicht heute Morgen in aller Herrgottsfrühe zum Sport aufgebrochen wärst.“

„Ich bin frisch geduscht!“, rief Peter, aber Nadja schüttelte den Kopf und warf ihm einen Luftkuss zu.

„Thorsten Büthe wird sich bestimmt bald melden, und da solltest du drangehen. So kriegst du doch eh keine Ruhe. Wird Zeit, dass wir zwei Wochenende haben. Und vor allem eins, an dem keiner von uns beiden raus muss.“ Sie klopfte auf Holz und zwinkerte ihm zu.

„Ja, stimmt“, gab Peter kleinlaut zu. Nadja hatte ihn schon beim Aufwachen vermisst. Die beiden genossen es immer, morgens noch möglichst lange im Bett zu kuscheln.

Monis Angst hatte unterdessen einen Namen bekommen. Sandra, braunhaarig. Das Fensterputzen hatte nichts genützt. In Gedanken sah sie Wolf in Sandras Bett. Beide kicherten.

Es war unglaublich, wie die Fantasie immer neue Situationen ersinnen konnte, die einem wehtaten. Moni wollte das nicht, aber sie konnte die Bilder nicht aus ihrem Kopf bekommen. Gegen Spätnachmittag hatte sie immer noch nichts Neues von Peter gehört. Dafür klingelte es an ihrer Haustür. Ein freudiger Schreck durchfuhr sie. Wolf war wieder da, denn die Lady sprang schwanzwedelnd zur Tür. Die Ernüchterung kam, als sie öffnete und sah, dass nur Wolfs Sohn Niklas davor stand.

„Grüß dich, Niklas“, sagte sie und versuchte, ihre Enttäuschung zu verbergen.

„Hallo Moni, hast du meinen Vater gesehen?“, fragte er.

„Komm erst mal rein“, bat Moni.

Niklas stutzte, kraulte den Hund am Kopf und folgte Moni ins Wohnzimmer. „Ist irgendwas passiert?“

„Das wissen wir nicht“, erklärte Moni, „wir können ihn nicht erreichen.“

„Komisch, ich war jetzt mit ihm verabredet“, sagte Niklas und sah auf die Uhr. Es war fast sechs.

Moni seufzte. „Eigentlich wollte er schon in der Nacht wieder zurückkommen. Er war auf der Geburtstagsfeier von seinem Freund Thorsten in Hannover. Du weißt schon, der Büthe vom LKA. Aber hier zu Hause kam er nie an. Wann er dort weggefahren ist oder wohin, weiß niemand. Mit Peter war er heute Morgen zum Sport verabredet. Aber Wolf erschien nicht. Er sagte auch nicht ab. Sein Smartphone ist ausgestellt. Wir wissen einfach nicht weiter. Thorsten Büthe ist jetzt zu seiner Kollegin nach Hagenburg gefahren. Mit ihr hatte dein Vater zuletzt Kontakt. Aber die konnte er auch telefonisch nicht erreichen. Jetzt versucht er es direkt.“

Niklas zog die Brauen hoch. „Habt ihr es schon mal mit Handyortung probiert?“

„Nein, wir wollten ihm doch nicht hinterherspionieren“, erklärte Moni, „wir wissen ja nicht, ob unsere Sorge begründet ist, aber dass er dich jetzt auch noch versetzt, ist kein gutes Zeichen.“

In diesem Moment rief Peter wieder an. Moni stellte den Lautsprecher an, damit Niklas gleich mithören konnte.

„Tut mir leid, Moni, wir kommen da nicht weiter“, sagte Peter missmutig. „Thorsten Büthe stand in Hagenburg vor verschlossenen Türen. Es war keiner da. Kein Klingeln, kein Klopfen hat was genützt. Er ist sogar noch in den Garten gegangen und hat durch die Terrassentür geschaut. Fehlanzeige. Die Nachbarin stand zufällig auf der Straße, als er wieder fahren wollte, sie wusste aber auch nichts. Diese Sandra ist übrigens eine neue Kollegin von Büthe im Team der Operativen Fallanalyse. Allzu viel weiß er nicht über sie. Ach, und Wolfs Wagen stand jedenfalls nicht da, falls es dich beruhigt“, fügte Peter noch an.

Moni überhörte den letzten Satz. „Und nun?“

„Ja, nichts und nun!“ Peter runzelte ärgerlich die Stirn. Wolfs Eskapaden machten sein freies Wochenende zunichte. „Was sollen wir denn tun?“

„Handyortung?“, griff Moni Niklas’ Vorschlag auf und nickte Wolfs Sohn zu.

„Bist du bescheuert?“, entfuhr es Peter. „’Tschuldigung, war nicht so gemeint, aber so etwas können wir doch nicht machen. Er könnte last minute mit dieser Sandra nach Paris geflogen sein. Ganz spontan, entgegen seiner sonstigen Art. Sein Auto steht vielleicht auf dem Flughafen in Langenhagen in irgendeinem Parkhaus. Wer weiß ...“

„Das glaubst du doch wohl selbst nicht“, sagte Moni unruhig. „Du solltest ihn besser kennen. Niemand von uns will Wolf kontrollieren, und wenn er eine andere hat, können wir es nicht ändern.“ Sie musste husten, weil sie sich an ihren eigenen Worten verschluckt hatte, und hoffte, dass Peter und Niklas entgangen war, wie sie da gerade gesagt hatte. „Aber jetzt erzähle ich dir noch was“, fuhr sie fort. „Das rückt hoffentlich deinen verqueren Schädel wieder gerade. Niklas steht hier neben mir und hört mit. Er war mit seinem Vater verabredet und stand vor verschlossener Tür. Keine Nachricht von Wolf.“

Peter schwieg am anderen Ende. Er dachte nach. Das ungute Bauchgefühl, das er immer wieder versucht hatte zu verdrängen und sich selbst auszureden, war stärker geworden. Wenn Wolf sogar seinen Sohn ohne ein erklärendes Wort sitzen ließ, dann war etwas überhaupt nicht, ja da war etwas ganz und gar nicht in Ordnung. „Gib mir bitte Niklas!“, sagte er knapp.

Moni schüttelte fassungslos den Kopf und reichte den Hörer weiter.

„Ihr solltet sein Smartphone orten“, schlug Niklas vor, noch ehe Peter etwas sagen konnte.

„Du Klugscheißer!“, hätte der gerne in den Hörer gerufen, aber er riss sich zusammen und zischte nur sarkastisch: „Und, was schlägst du sonst noch Schlaues vor?“

„Ringfahndung nach dem Wagen, ist doch logisch. Wir müssen erst mal wissen, in welcher Gegend er sich überhaupt aufgehalten hat. Das Gebiet zwischen Hannover und Todenmann ist nicht gerade klein. Ob Wolf überhaupt in Hagenburg gewesen ist, wissen wir nicht. Wenn wir eine Ringalarmfahndung mit einem Radius von 50 Kilometern rund um Hagenburg veranlassen, haben wir das ganze Gebiet abgedeckt. Aber wie gesagt, die Ortung halte ich für viel entscheidender. Wissen wir, wo das Smartphone zuletzt eingeloggt war, können wir dort auch zuerst nach dem Wagen gucken. Ist denn die Frau auch verschwunden, oder hat sie jemand heute noch gesehen?“