Schattenglanz - Ina Maria Teutsch - E-Book

Schattenglanz E-Book

Ina Maria Teutsch

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Beschreibung

-Ich war zu wütend gewesen. Dass es auch immer so enden musste! Wir bekamen uns einfach ständig in die Haare und zurzeit war es besonders schlimm. Ich hatte ihr gesagt, dass sie sich besser von mir fernhalten sollte, aber ebenso dumm, wie die anderen davor, war sie geblieben. Und ich wusste, wie es enden würde. Kannte das Ende schon, bevor es überhaupt geschah.- Larissa wird von ihren Eltern in den Sommerferien zu sechs Wochen Sommercamp verdonnert. Sie ist am Boden zerstört und wünscht sich nur, dass die Ferien so schnell wie möglich vorbei gehen. Da ändert auch die Tatsache nichts daran, dass sie bald neue Leute kennenlernt, die ganz nett zu sein scheinen. Doch dann trifft sie auf Laurin. Der so geheimnisvoll und anders ist, als alle anderen, sie aber irgendwie zu hassen scheint. Und alles verändert sich...

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Seitenzahl: 481

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Ina Maria Teutsch

Schattenglanz

Jeder Anfang ist schwer

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Schattenglanz

PROLOG

KAPITEL 1 - Der Eingang zur Hölle

KAPITEL 2 - Die Ankunft

KAPITEL 3 - Die Versammlung

KAPITEL 4 - Die Angeberclique

KAPITEL 5 - Kein Ausweg

KAPITEL 6 - Dieser Moment

KAPITEL 7 - Das Blatt vor mir

KAPITEL 8 - Verwirrende Entdeckung

KAPITEL 9 - Nachts kommen die Träume

KAPITEL 10 - Das sehnsüchtig erwartete Treffen

KAPITEL 11 - Was soll ich tun?!

KAPITEL 12 – Erkenntnis

KAPITEL 13 - Nein! Neeeein!

KAPITEL 14 - Totale Einsamkeit

KAPITEL 15 - Das Erwachen

KAPITEL 16 – Besuch

KAPITEL 17 - Der Brief

KAPITEL 18 - Die Verzweiflung, die einen von innen auffrisst

KAPITEL 19 - Der erste Teil meiner Ankunft

KAPITEL 20 - Der Alltag versucht mich einzuholen

KAPITEL 21 - Die Tage, die nicht enden wollen

KAPITEL 22 - Ein kleiner Lichtblick

KAPITEL 23 - Endlich vereint und doch geweint

KAPITEL 24 - Schreckliche Offenbarung

KAPITEL 25 - Folgenschwere Entscheidung

KAPITEL 26 - Dieses Gefühl, als könne man fliegen

KAPITEL 27 - Das Schweigen in der Nacht

KAPITEL 28 - Sei verflucht so lange du lebst

KAPITEL 29 - Daheim und doch nicht mein Zuhause

KAPITEL 30 - Alte Bekannte

KAPITEL 31 - Im Reich der Gefallenen

KAPITEL 32 - Die Legende der Lichtkinder

KAPITEL 33 - Glaubst du an die wahre Liebe?

KAPITEL 34 - Ich werde alles für dich tun, mein kleiner Engel

KAPITEL 35 - Die Schlacht um Otanaan

KAPITEL 36 - Laufe, so schnell dich deine Beine tragen

KAPITEL 37 - Das werde ich mir niemals verzeihen

KAPITEL 38 - Diese Schwärze, die mich innerlich zerreißt

KAPITEL 39 - Rettung in letzter Sekunde und doch verloren

KAPITEL 40 - Selbst Gott kann nicht alles retten

KAPITEL 41 - Das Leben geht weiter, aber ohne mich

KAPITEL 42 - Man kämpft und kämpft und verliert doch

KAPITEL 43 - Das Ende kommt schneller, als man denkt

KAPITEL 44 - Die Leere offenbart alle Lügen

KAPITEL 45 - Auch das Nichts hat eine Gestalt

KAPITEL 46 - Zurück, aber trotzdem nicht angekommen

KAPITEL 47 - Jede Entscheidung kann dein Leben verändern

KAPITEL 48 - Du hast gesagt du würdest mich lieben...

KAPITEL 49 - Nur noch Verwirrung in mir

KAPITEL 50 - Hin und hergerissen

KAPITEL 51 - Glaubst du wirklich ich würde dir verzeihen!

KAPITEL 52 - Die Vergangenheit holt mich ein

KAPITEL 53 - In der Dunkelheit verbirgt sich mehr, als man denkt

KAPITEL 54 - Eine andere Sichtweise der Geschichte

KAPITEL 55 - Jeder Tag kann Neues offenbaren

KAPITEL 56 - Erklärungen von zwei verschiedenen Seiten

KAPITEL 57 - Schweigen ist Gold, doch mit dem Herzen sprechen unbezahlbar

KAPITEL 58 - Ich will nie wieder weg von dir

KAPITEL 59 - Gemischte Gefühle, das totale Chaos

KAPITEL 60 - Jeder helle Fleck hat auch seine Schattenseite

KAPITEL 61 - Das Ritual kann beginnen

KAPITEL 62 – Abgestürzt

KAPITEL 63 - Vorfreude und Abschied

Kapitel 64 - Alles hat zwei Seiten

KAPITEL 65 – Rückkehr

KAPITEL 66 - Schule, Gerüchte, Tratsch

Kapitel 67 - Endlich einmal zurückgeschlagen

KAPITEL 68 - Ich hätte es mir denken können...

KAPITEL 69 - Was soll man noch glauben?

KAPITEL 70 - Endlich Zuhause angekommen

EPILOG

DANKSAGUNG

Impressum

Schattenglanz

Schattenglanz

Jeder Anfang ist schwer

von Ina Maria Teutsch

- Dieses Buch ist für all diejenigen, die das Wichtige im Leben erkennen und nicht nur das Oberflächliche sehen. Denn jede Schattenseite hat eine gegenüberliegende Seite, die heller strahlen kann, als alles andere, was man je zuvor gesehen hat -

PROLOG

Herbst 1548

KAPITEL 1 - Der Eingang zur Hölle

Teil 1 Larissas Sicht

Der Wecker riss mich unsanft aus einem viel zu schönen Traum. Entnervt fuhr ich hoch und knallte mit meinem Kopf gegen die Dachschräge. Guten Morgen auch! Wütend drückte ich auf den Ausschalter und das nervtötende Piepen verstummte augenblicklich. Erleichtert ließ ich mich in die Kissen zurück sinken. Es war Montagmorgen sieben Uhr. Der erste Tag der Sommerferien und ich durfte trotzdem nicht ausschlafen. Super! Draußen vor dem Fenster strahlte die Sonne und ein paar Amseln zwitscherten munter eine lustige Melodie, doch meine Stimmung war auf dem Tiefpunkt angelangt. Mit einem lauten Krachen flog da die Tür zu meinem Zimmer auf und meine Mutter platzte ohne anzuklopfen herein: "Aufstehen Lissylein! Du weißt, dass wir früh fort müssen! Beeil dich also!" Wie ich diesen Namen hasste! So nannte sie mich immer dann, wenn ihr etwas ganz und gar nicht passte. Und das war in letzter Zeit sehr häufig der Fall. Aber ob mir etwas nicht passte, interessierte sie einen Dreck. Mürrisch erwiderte ich ein zickiges: "Lass mich in Frieden, ich komme ja gleich!" Daraufhin drehte sich meine Mutter ohne ein weiteres Wort auf dem Absatz um und verschwand nach unten. Von dort konnte ich das geschäftige Klappern von Geschirr hören. Mein Vater war wohl auch schon aufgestanden, um mich noch verabschieden zu können. Mein Blick fiel auf den Koffer in der Ecke, der traurig mit seiner neongrünen Farbe zu mir herüber leuchtete. Er würde das einzig Vertraute in den nächsten sechs Wochen sein. Denn meine Eltern hatten entschieden mich in ein Sommercamp zu stecken, irgendwo am letzten Arsch der Welt. Wo es keine Shoppingcenter, Schwimmbäder und Kinos in der unmittelbaren Nähe gab und was das aller Schlimmste war, nicht einmal Internet hatte. Wie sollte ich das nur überleben?! All meine Freundinnen flogen nach Mallorca oder in die Karibik, doch ich durfte in einem Sommercamp vor mich hin vegetieren. Das war tausendmal schlimmer, als im Gefängnis zu hocken! Meine Eltern hatten dazu nur achselzuckend gemeint, dass es mir ganz gut tun würde einmal aus der Stadt herauszukommen und Landluft zu schnuppern. Aber da war ich ganz anderer Meinung. Ich hatte sie angefleht mich nicht fortzuschicken, doch sie waren hart geblieben. Und seitdem hatte ich so gut wie kein Wort mehr mit ihnen gewechselt. Sie waren selbst schuld. Widerstrebend sprang ich auf, schnappte mir meine Klamotten und stapfte ins Bad davon. Mein Spiegelbild funkelte mir wütend entgegen. Meine blond-braunen, schulterlangen Haare standen mir dabei wirr in alle Richtungen vom Kopf ab, meine blau-grünen Augen wirkten müde und mein voller Mund war zu einem wütenden Strich verzogen. Na super! Wie sollte ich das nur einigermaßen hinbekommen? Wobei es die ganzen Langweiler im Camp wahrscheinlich eh nicht interessierte, wie ich aussah. Trotzdem stieg ich unter die Dusche und ließ das warme Wasser auf mich niederprasseln. Ich atmete dreimal tief durch und bemühte mich irgendetwas Positives an der ganzen Situation zu finden, was mir aber nicht so recht gelingen wollte. Was sollte man bitte schön sechs Wochen lang in einem Camp anfangen? Und auf die ganzen Gruppenspiele und Wanderungen hatte ich erst recht keine Lust. Was alles aber noch viel schlimmer machte, war, dass man von Montag bis Samstag morgens vier Stunden Unterricht hatte. Auch deshalb hatten meine Eltern beschlossen mich dorthin zu verfrachten. Meine letzten Noten waren nämlich leider nicht gerade sehr überragend ausgefallen, milde ausgedrückt. Aber das konnte doch jedem mal passieren! Das gab ihnen noch lange nicht das Recht mir meine Sommerferien zu stehlen. Resigniert stieg ich aus der dampfenden Dusche und seufzte. Ich gab einen erbärmlichen Anblick ab mit meinen triefend nassen Haaren und den hängenden Schultern. Schnell stellte ich mich aufrecht hin und schrie mich innerlich selbst an, jetzt nicht aufzugeben. Das würde ich meinen Eltern nicht gönnen. Ich würde ihnen nicht auch noch die Genugtuung geben mich am Boden zu sehen! So gut es ging machte ich mich also fertig und nachdem ich mich auch noch geschminkt hatte, sah ich zumindest wieder einigermaßen passabel aus. Langsam stapfte ich die Treppe hinunter in die Küche, wo meine Eltern bereits ungeduldig auf mich warteten. "Beeil dich jetzt! Wir müssen schon in zehn Minuten fort!", schnauzte mich meine Mutter an. "Ich muss gar nichts", entgegnete ich pampig, "und wenn wir später kommen ist es mir auch egal." Meine Mutter funkelte mich wütend an, doch mein Vater legte ihr beschwichtigend seine Hand auf die Schulter: "Lasst uns schnell etwas essen. Larissa was willst du? Pfannkuchen mit Nutella?" Ich verdrehte nur genervt die Augen und setzte mich an den Küchentisch. Sie hatten mir also mein Lieblingsessen als Bestechung gemacht. Super! Doch das änderte nichts an der Tatsache, dass sie mich für sechs Wochen abschoben. Nachdem ich fünf Pfannkuchen verdrückt hatte, verabschiedete ich mich kühl von meinem Vater und stieg hinten ins Auto ein, um nicht neben meiner Mutter sitzen zu müssen, die mich vollaberte, dass das Camp bestimmt super spaßig werden würde. Dass ich nicht lachte! Während der ganzen Fahrt starrte ich trübselig aus dem Fenster und beobachtete, wie die Besiedlung immer spärlicher wurde. Die vielen Hochhäuser und gut ausgebauten Straßen verschwanden und schon bald fuhren wir einen holprigen Feldweg entlang, der nicht mehr im geringsten an eine befahrbare Straße erinnerte. Ich drehte meine Musik auf volle Lautstärke, sodass meine Kopfhörer vibrierten und es mir in den Ohren schmerzte. Ich durfte einfach nicht an die nächste Zeit denken. Denn sonst hätte es durchaus passieren können, dass ich auf der Stelle die Beherrschung verlor. Langsam bog unser Wagen um eine Kurve und hielt vor einem schmiedeeisernen Tor, auf dem in rostroter Farbe, die mich an getrocknetes Blut erinnerte, "Camp Sonnenschein" geschrieben stand. Die Buchstaben schienen mich zu verhöhnen. Meine Mutter stieg aus und hiefte ächzend meinen Koffer aus dem Kofferraum. Ich war mittlerweile mit steifen Gliedern ausgestiegen und beäugte misstrauisch die Gegend. Weit und breit war nichts außer Wiesen und Bäume zu erkennen. Meine Mutter stieß einen missbilligenden Seufzer aus: "Du bist schon viel zu spät dran." Ich erwiderte nichts darauf, sondern riss ihr den Koffer aus den Händen. Dann stapfte ich ohne ein weiteres Wort an ihr vorbei, durch das Tor hindurch, das mir wie der Eingang zur Hölle erschien. Eine Hölle, die ich nun ganz allein sechs Wochen ertragen musste.

KAPITEL 2 - Die Ankunft

Das Erste, was ich in diesem stickigen Camp zu Gesicht bekam, war der Rücken eines Campleiters. Doch kurz darauf nahm ich meine erste Vermutung wieder zurück. Es war durchaus möglich, dass es sich hierbei um eine Leiterin handelte. Irgendwie schien das Wesen vor mir wohl eine Mischung aus beidem zu sein. Es hatte kurze, fettige Haare und einen Bierbauch. Gelbe Zähne blitzten mir gefährlich entgegen, als das Wesen sich zu mir umdrehte und mit maßlos übertrieben fröhlicher Stimme: "Willkommen im Camp Sonnenschein, hier werden wir alle gemeinsam fröhlich sein!" flötete. Seine viel zu engen Kleider spannten sich bei einem kratzenden Lachanfall so stark, dass ich schon Angst hatte, sie würden gleich platzen und mir mit einem lauten Knall um die Ohren fliegen. Angeekelt wich ich einen Schritt zurück und rümpfte unwillkürlich die Nase. Wenn das so weiter ging, würde ich nach schon einer Stunde schreiend das Weite suchen. "Ich bin Frau Barsch und die Leiterin des Camps seit fünfzehn Jahren", riss mich da die Stimme der seltsamen Erscheinung vor mir aus meinen verzweifelten Gedanken. Oh mein Gott! Das Rätsel war also gelöst! Es war eine Frau! Und wahrscheinlich schon seit fünfzehn Jahren nicht mehr hier herausgekommen, so wie sie aussah. "Ich zeige dir kurz dein Zimmer und in einer halben Stunde treffen wir uns zu einer Vollversammlung in der Aula, wo wir uns alle besser kennenlernen können", flötete diese gute Laune in Person nun weiter und reichte mir einen Zimmerschlüssel und einen Plan, auf dem fünf Gebäude zu erkennen waren. Achselzuckend folgte ich ihr zu dem ganz linken Gebäude. "Das hier ist das Sonnenblumenhaus für die Mädchen. Die Jungs sind dort drüben im Magnolienhaus untergebracht. Nach zehn Uhr dürft ihr nicht mehr bei den anderen im Haus sein. Verstoßt ihr dagegen, werdet ihr zu einem Tag Stallarbeit verdonnert. Die anderen Regeln stehen in der Hausordnung, die auf dem Tisch in deinem Zimmer liegt. Wenn du noch Fragen hast, wende dich bitte an Marie. Sie ist deine Gruppenleiterin", erklärte Frau Superfröhlich, wie ich sie insgeheim getauft hatte. Sie führte mich in das Gebäude für die Mädchen hinein, das noch aus dem vorletzten Jahrhundert zu stammen schien. Der Boden der großen Eingangshalle war aus dunklem Eichenholz, das bei jedem Schritt bedrohlich knarrte. Die Wand und die Decke bestanden dagegen aus weißem Gips, der aber schon etwas braun geworden war und bröckelte. Na toll! Was wenn hier gleich das ganze Haus in sich zusammenbrach? Von der Decke hingen nackte Glühbirnen und an den Wänden Bilder von irgendwelchen nichtssagenden Farbklecksen, wie ich sie schon immer gehasst hatte. Es wurde eindeutig immer besser! Wir stiegen eine schmale Treppe hinauf, was sich mit meinem Koffer in der Hand zu einem echten Problem entwickelte. Warum gab es hier auch keine Aufzüge? Oben angekommen gingen wir ganz ans andere Ende des Ganges. Die Ausstattung glich exakt die der Eingangshalle. Natürlich hatte ich ausgerechnet das letzte Zimmer am hintersten Ende des Hauses erhalten müssen. War ja mal wieder typisch. Ich öffnete mit meinem Schlüssel die Tür und Frau Superfröhlich wuselte zu meiner großen Freude sofort weiter zu irgendeinem anderen bemitleidenswerten Opfer, das sie zu begrüßen hatte. Erschöpft ließ ich mich auf mein Bett plumpsen und schaute mich in meinem Zimmer genauer um, das nun für sechs Wochen mein Zuhause sein sollte. Mein Zufluchtsort. Wenigstens hatte ich ein Einzelzimmer, was mich zumindest ein kleines bisschen beruhigte. Denn mit einem dieser Langweilermädchen in einem Zimmer zu schlafen, die freiwillig hier ihre Ferien verbrachten, wäre der sichere Untergang für mich gewesen. Das Zimmer erstrahlte in demselben braun-weiß, wie der Rest des Gebäudes und was mich an verfaulte Essensreste erinnerte. Es befanden sich ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen, die aber recht instabil wirkten, ein winziger Schrank, bei dem ich mir jedoch nicht einmal sicher war, ob all meine Klamotten da überhaupt hineinpassten und das Bett auf dem ich gerade saß in meinem winzigen Zimmer. Nicht einmal ein eigenes Bad gab es hier, wie ich stöhnend feststellen musste. Na prima! Jetzt durfte ich auch noch das mit den anderen Langweilermädchen teilen. Wut packte mich und ich sprang wieder vom Bett auf. Was fiel meinen Eltern eigentlich ein mich hier in diesem Loch versauern zu lassen?! Am liebsten hätte ich auf irgendetwas eingeschlagen, aber es gab nichts außer meinem Koffer, dem ich aber niemals wehgetan hätte. Er hatte mich ja schließlich nicht hierher geschleppt. Unschlüssig ging ich auf das einzige Fenster im Raum zu, durch das die warmen Strahlen der Mittagssonne fielen. Ich hatte einen guten Blick auf den Hof vor dem Gebäude. Eichen schmückten die Hügel, die sich rings um das Camp ausbreiteten. Ich hatte alte Eichen schon immer gemocht. Sie hatten für mich etwas Magisches an sich, das mir gefiel und bei dem ich immer an Feen und Engel denken musste. Ich ließ meinen Blick weiter über den Hof schweifen. Ein Traktor fuhr gerade mit lautem Getöse die Einfahrt hinauf und mich wunderte es, dass er nicht gleich mit einem lauten Knall in all seine Einzelteile zerfiel. Er sah nämlich eher aus wie ein Schrotthaufen auf vier Rädern. Da erregte auf einmal eine kleine Bewegung auf der anderen Seite des Hofes meine Aufmerksamkeit. Eine Gruppe von drei Jungen und zwei Mädchen schlenderte lachend den Weg entlang, auf das Gebäude mit den zwei Türmen zu, die seltsam schief wirkten. Ich konnte ihre Gesichter nicht richtig erkennen, doch sie schienen sich schon zu kennen und mächtig zu amüsieren. Noch besser! Sie kannten sich hier also auch schon alle! Meine Stimmung sank noch weiter unter den Gefrierpunkt, wenn das überhaupt möglich war. In diesem Moment drehte sich auf einmal der Größte der drei Jungen zu mir um und es war, als würde er direkt zu mir nach oben blicken. Er hatte schwarzes, seidig glattes Haar, das ihm wie ein Vorhang vor die Augen fiel, sodass ich diese nicht genau erkennen konnte. Sein braungebranntes Gesicht war makellos und seine Lippen voll und leicht geschwungen. Wie gebannt blieb ich stehen und beobachtete fasziniert, wie sich sein Mund zu einem kleinen Lächeln verzog, das mein Herz einen Schlag aussetzen ließ. Aber vielleicht war das auch nur eine Täuschung des Lichts gewesen. Denn im nächsten Augenblick wandte er sich auch schon wieder ab und ich erwachte aus meiner Starre. Schnell sprang ich vom Fenster zurück, als hätte ich mich gerade verbrannt. Was war nur in mich gefahren? Ein seltsames Kribbeln breitete sich in meinem Körper aus und verursachte mir Bauchschmerzen. Mir war leicht schwindelig und ich schwankte. Wurde ich krank? Bitte nicht auch noch das! Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich mich nun schnellstens auf den Weg in diese Aula machen sollte, wenn ich nicht schon bei unserem ersten Treffen zu spät kommen wollte. So packte ich den Plan, den ich auf den Tisch gelegt hatte, wie einen Rettungsanker und eilte immer noch leicht schwankend nach draußen.

KAPITEL 3 - Die Versammlung

Draußen auf dem Hof empfing mich die Schwüle der Mittagshitze. Die Sonne brannte vom Himmel herab und es hatte schon lange keinen Tropfen Wasser mehr geregnet. Die Erde zeigte an vielen Stellen bereits Risse und mir taten die Pflanzen leid, die neben unserem Haus in Blumenkästen standen. Traurig ließen sie ihre Köpfe hängen und sahen damit genau so aus, wie ich mich fühlte. Ich studierte den Plan in meiner Hand genauer und fand die Aula schließlich in dem Gebäude mit den zwei schiefen Türmen, in dem auch die Gruppe mit den zwei Mädchen und den drei Jungen verschwunden war. Das Haus machte auf mich von außen nicht gerade einen sehr vertrauenerweckenden Eindruck. Die Türme schienen jeden Moment unter ihrem Gewicht einknicken zu können und erinnerten mich an den schiefen Turm von Pisa, nur im Doppelpack. Es war das mit Abstand größte Gebäude von allen und als einziges nicht weiß, sondern in einem seltsamen rosa gestrichen, das mich an zu lange gekauten Kaugummi erinnerte. Die Fenster waren mit gelben Rollläden versehen, was so gar nicht zu dem Kaugummirosa passte. Wer auch immer diese Häuser entworfen hatte, musste entweder farbenblind oder völlig geschmacksverirrt gewesen sein. Plötzlich tippte mir von hinten jemand auf die Schulter und ließ mich erschrocken herumfahren. Ein großes Mädchen mit Wasserstoffblonden Haaren und einer Zahnspange grinste mir freundlich entgegen. Sie trug Hotpants und ein T-Shirt, das ihren Bauchnabelpiercing zeigte. Ihre braunen Augen strahlten mich dabei neugierig an. Sie hatte eine wirkliche Traumfigur und so wie sie aussah, bekam sie jeden Jungen, den sie nur haben wollte. Da änderte auch die Zahnspange nichts an dem fantastischen Gesamtbild. Es war eines dieser Mädchen, die ich in unserer Schule normalerweise nicht einmal angesprochen hätte. Sie war mindestens 1, 80 m groß und überragte mich um einen halben Kopf. "Hallo! Du musst neu hier sein. Ich habe dich noch nie bei uns gesehen. Ich bin Franziska. Wenn du willst zeige ich dir nachher alles, was du wissen musst. Es kommt nicht sehr oft vor, dass sich neue Leute in dieses Camp hier verirren. Die Meisten kennt man schon, alte Bekannte", lachte sie. Ja das hatte ich schon bemerkt. Misstrauisch musterte ich Franziska genauer. Auf den ersten Blick schien sie ja ganz nett zu sein, aber man wusste nie. Wer freiwillig in dieses Camp ging und das jedes Jahr aufs Neue, musste schon einen kleinen Schaden haben. Aber da ich hier noch niemand anderen kannte und damit die Außenseiterin zu sein schien, würde ich mich nun erst einmal an sie halten. "Hi! Ich bin Larissa. Schön dich kennenzulernen. Ja klar gerne. Würde mich freuen, wenn du mir alles zeigst, was ich hier zum Überleben brauche", stellte ich mich schnell vor. Franziska brach in schallendes Gelächter aus und strich ihre langen Haare zurück: "Da scheint mir aber jemand keine allzu große Lust auf das Camp Sonnenschein zu haben. Sieht so aus, als hätten dich deine Eltern wohl ohne Mitspracherecht hierher verfrachtet, was?" Ich nickte bestätigend, was Franziska mit einem bedauernden Gesichtsausdruck kommentierte: "Du wirst sehen, dass es hier nur halb so schlimm ist, wie du es dir vorstellst. Keine Angst wir beißen nicht. Die Meisten sind richtig nett und wenn du dich an die Regeln hältst, wird es dir auch bald gefallen.. Apropos Regeln. Wir sollten uns schnell in die Aula begeben, wenn du nicht gleich an deinem ersten Tag Stalldienst haben willst." Ich zweifelte ihre Worte, dass es mir hier irgendwann sogar gefallen würde, zwar an, folgte ihr aber kommentarlos in das Schiefe-Turm-von-Pisa-Haus hinein. Drinnen umfing uns eine dunkle Kälte, die mich frösteln ließ. Nach der Hitze von draußen, war es hier drinnen wie in einem Gefrierschrank. Skeptisch blickte ich mich in der Eingangshalle um, die im Vergleich zum Rest des Hauses noch ziemlich neu zu sein schien. Hier gab es sogar richtige Lampen und Landschaftsbilder, wie ich sie liebte. Wir bogen gleich rechts in eine Flügeltür ein, auf der in orangenen Buchstaben, mit der Schrift eines Drittklässlers, "Aula Anemonenhaus" geschrieben stand. Der Raum dahinter war bis an den Rand mit Stühlen vollgestopft und von Stimmengewirr erfüllt. Mindestens achtzig Jugendliche mussten sich hier drinnen befinden. Sie standen in Gruppen beisammen und unterhielten sich munter. Jetzt war ich doch ziemlich froh Franziska bei mir zu haben, weil ich ohne sie nicht gewusst hätte, wo ich mich überhaupt hinstellen sollte. So folgte ich ihr ans andere Ende der Aula, wo sich zwei Mädchen und zwei Jungen gerade über etwas sehr zu amüsieren schienen. Als Franziska bei ihnen angelangt war, entbrannte sofort ein großes Hallo und alle umarmten sie freudig. Ich blieb etwas abseits stehen, unschlüssig was ich jetzt tun sollte. Ich hatte es schon immer gehasst die Neue zu sein, was öfters vorgekommen war, da mein Vater wegen seiner Arbeit oft hatte umziehen müssen. Doch da packte mich Franziska plötzlich bei der Hand und zog mich zu den anderen hinüber: "Das ist Larissa. Sie ist neu hier und nicht gerade sehr begeistert im Camp Sonnenschein zu sein. Aber das werden wir ändern Leute, nicht wahr?" Ein zustimmendes Gemurmel war zu hören, "Larissa, das dort hinten ist Martin." Ein etwas molliger Junge mit braunen Locken und einem breiten Grinsen streckte mir seine Hand entgegen. Ich ergriff sie zögerlich und er zerdrückte mir beinahe meine Finger, sodass ich innerlich leise aufstöhnte. Ich war froh, als er sie wieder losließ. "Das hier ist Leonie." Ein zierliches Mädchen mit schwarzen, raspelkurzen Haaren und einer Brille winkte mir lächelnd zu, was ich schon etwas angenehmer fand. "Das hier ist Mona." Ein Mädchen mit feuerroten Haaren, die sie zu einem Zopf geflochten hatte, schenkte mir ein schneeweißes Zahnpastalächeln. "Und das hier ist Timo", stellte sie den Letzten vor. Es war ein großer, schlaksiger Typ, der wunderschöne grüne Augen hatte und eine Zahnlücke, die bei ihm einfach nur super süß wirkte. Sein T-Shirt spannte sich über einem muskulösen Oberkörper und seine Augen funkelten selbstsicher in die Runde. Er zwinkerte mir kurz zu, was mich leicht erröten ließ. Aber im großen und ganzen schienen sie wirklich alle sehr nett zu sein, soweit ich das bis jetzt beurteilen konnte. Ein Gong ertönte und ließ alle Gespräche verstummen. Wir suchten uns einen Platz am hinteren Ende der Aula und ließen uns auf knarrenden Stühlen nieder. Frau Superfröhlich erschien auf der Bühne und griff ächzend nach einem Mikrofon. Ihre Wurstfinger klammerten sich an das arme Gerät, als würde sie es zerquetschen wollen: "Hallo und herzlich Willkommen im Camp Sonnenschein, hier werden wir alle gemeinsam fröhlich sein! Heute ist euer erster Tag hier und ich werde euch einiges erklären müssen. Dann lese ich nacheinander eure Namen vor und in welchen Kursen ihr wann seid. Morgen früh findet ihr euch um sieben Uhr mit euren ersten Kursen zusammen. ..." Ich schaltete ab. Mir reichte es jetzt schon, was ich gehört hatte. Das sollte irgendwie Spaß machen?! Ich bezweifelte es gewaltig. Die hatten doch alle eine Vollmeise hier! Langsam ließ ich meinen Blick durch die Aula wandern. Timo lächelte mir kurz zu, was mich schnell in die andere Richtung blicken ließ. Er war schon richtig süß, das musste man zugeben. Für so etwas hätte meine beste Freundin Lara sogar getötet. Ich musste grinsen, als ich an ihr sehnsüchtiges Gesicht dachte, wenn ich ihr nach den Ferien alles haargenau berichten würde. Aber bis dahin war es zu meinem großen Bedauern noch eine lange Zeit. Ich ließ meinen Blick weiter über die anderen Schüler schweifen, die ebenso wie ich ziemlich gelangweilt schienen. Wahrscheinlich hörten sie jedes Jahr die gleiche Leier. Da blieb mein Blick ganz plötzlich an etwas hängen, das mir für einen Moment den Atem stocken ließ. Der Junge von eben, den ich auf dem Hof gesehen hatte, saß drei Reihen vor mir und hatte sich lässig zurück gelehnt. Seine Haltung strahlte dabei etwas Abschätziges, Abweisendes aus, das mir eiskalt entgegenschlug. Beinahe so, als würde eine Welle mit Meerwasser mir entgegen schwappen und mich voll und ganz einhüllen. Seine schwarzen Haare glänzten im fahlen Licht der Deckenbeleuchtung und seine Hand trommelte spielerisch einen Takt auf dem Stuhl. Er wirkte hier irgendwie fehl am Platz, als würde er nicht in unsere Zeit hineinpassen. Das Gefühl von eben schlich sich in meine Knochen zurück und mir wurde richtig schlecht. Was war nur mit mir los?! Ich wünschte mir, dass der Junge sich umdrehen würde und ich seine Augen erkennen konnte. Was er wohl für eine Augenfarbe hatte? Jemand stieß mich heftig in die Seite und deutete nach vorne. Verwirrt blickte ich auf und merkte, dass mich alle anderen anstarrten. "Du bist aufgerufen worden", zischte da Franziska und stieß mich nach vorne. Mit hochrotem Kopf eilte ich auf Frau Superfröhlich zu. Alle Augen folgten mir und schienen mich verschlingen zu wollen. "Schön dich hier begrüßen zu dürfen, Larissa. Du bist eine von den Wenigen, die das erste mal hier sind. Bitte melde dich nachher bei Marie, die dir alles weitere erklären wird", mit diesen Worten reichte sie mir einen Stundenplan und ein T-Shirt mit dem Spruch des Camps und einer großen, hässlichen Sonne darauf, die mich hämisch angrinste. Na super! Nach und nach wurden alle in die einzelnen Kurse verteilt und die Aula leerte sich. Wer bei mir im Kurs war, bekam ich gar nicht mehr mit. Ich war zu sehr damit beschäftigt meinen eigenen, trübseligen Gedanken nachzuhängen. Wie sollte das nur alles enden? Wie sollte ich diese Zeit nur jemals überstehen?

KAPITEL 4 - Die Angeberclique

Ich stolperte verwirrt nach draußen ins Sonnenlicht und blickte mich suchend um. Wo waren bloß Franziska und die anderen? Ich war noch eine ganze Weile stocksteif im trüben Licht der Aula gestanden, bis Frau Superfröhlich mich freundlich gefragt hatte, ob sie mir irgendwie helfen könnte. Da hatte ich schnellstens das Weite gesucht. Auf eine Führung mit dieser Frau hatte ich absolut keine Lust gehabt. Aber jetzt hatte ich keine Ahnung mehr, was ich tun oder wo ich hin sollte. Eigentlich musste ich ja zu Marie, meiner Gruppenleiterin, wer auch immer das sein mochte. Doch ich wusste nicht wo und wie sie zu finden war. So stand ich nun hilflos mitten auf dem Hof und schaute den anderen hinterher, die sich langsam verzogen. Ich kam mir richtig blöd vor. Warum musste gerade ich wieder diejenige sein, die neu und fremd hier war? Da entdeckte ich zu meiner großen Erleichterung Franziska, die mir wild zuwinkte. Ihre blonden Haare wippten dabei lustig vor und zurück und ihre Wangen waren leicht getötet. Schnell eilte ich auf sie zu und gesellte mich zu den anderen. "Und wie hat dir unsere kleine, alljährliche Willkommensrede so gefallen?", fragte Timo lachend. Sein Gesicht verzog sich dabei zu einem hinreißenden Lächeln. "War äußerst spannend und aufschlussreich", erwiderte ich sarkastisch und musste angesteckt durch sein Lächeln ebenfalls grinsen. Vielleicht würde es hier ja auch gar nicht so schlimm werden? Timo war schon richtig süß. Leonie kam zu mir herüber und legte mir freundschaftlich ihren Arm um die Schulter: "Heute Abend veranstalten wir Mädels wie jedes Jahr zu Beginn der Ferien eine kleine Willkommensparty. Und inoffiziell natürlich auch mit den Jungs zusammen. Du bist herzlich eingeladen, Larissa", meinte sie augenzwinkernd. Ich war richtig überrascht. Eigentlich hatte ich mir die ganzen Leute hier als absolute Langweiler und Spießer vorgestellt. Aber wie es aussah, musste ich diese Annahme noch einmal überdenken. "Klar komme ich gerne mit zu einer Party. Danke! Ich kann es kaum erwarten", entgegnete ich ehrlich erfreut, "wisst ihr eigentlich wo und wer diese berühmte Marie ist? Ich soll mich nämlich bei ihr melden." Die anderen wechselten einen vielsagenden Blick und verdrehten entnervt die Augen. "Na dann mal viel Spaß. Das ist die Anführerin der Angeberclique hier im Camp. Eine absolute Zimtzicke und einfach unausstehlich. Sie steht bestimmt hinter dem Stall dort drüben mit dem Rest ihrer Angeberfreunde. Ich hoffe mal für dich, dass du nicht zu lange etwas mit ihr zu tun haben wirst. Sonst bekommt man nämlich schnell das große Kotzen, glaub mir. Ich rede aus Erfahrung", meinte Franziska angeekelt. Das waren ja erbauliche Neuigkeiten. Jetzt freute ich mich noch mehr darauf diese Marie kennenzulernen. Seufzend verabschiedete ich mich von meinen neuen Freunden, nachdem sie mir das Versprechen abgerungen hatten, dass ich auf jeden Fall heute Abend zu der Party kommen würde. Ich wollte mich nicht gleich den Anweisungen von Frau Superfröhlich widersetzen und so schlenderte ich über den Hof auf den Stall zu, in dem ich das zufriedene Rascheln der Pferde und das Muhen der Kühe hören konnte. Mit jedem Schritt fühlte ich mich unwohler. Eine innere Anspannung, die ein mulmiges Gefühl zurückließ, ergriff von mir Besitz. Wie eine schlechte Vorahnung, die mich warnte weiter zu gehen. Ich schüttelte mich. Was war nur in mich gefahren? Das waren doch nur irgendwelche Typen, wie es sie haufenweise an unserer Schule gab und für die ich einfach nur Verachtung übrig hatte. Ich straffte meine Schultern und bog um die Scheune herum. Der Wind wehte plötzlich heftiger und zerzauste mir meine Haare. Ich seufzte erleichtert über die kleine Abkühlung auf. Doch als ich die Gruppe von fünf Jugendlichen sah, die da an der Wand lehnte, stockte ich mitten in der Bewegung. Es war die gleiche Gruppe, die ich heute Mittag schon auf dem Hof gesehen hatte, als sie fröhlich lachend in die Aula schlenderten. Zwei Jungen rauchten gerade versunken eine Zigarette. Sie sahen sich so erschreckend ähnlich, dass ich mir sicher war, sie niemals auseinanderhalten zu können. Beide trugen weite, blaue Kapuzenpullis und Hosen, die ihnen für meinen Geschmack viel zu tief hingen. Die zwei Mädchen standen etwas abseits und lachten gerade über irgendeinen Witz, den ich nicht verstehen konnte. Und dort direkt vor mir, keine fünf Meter von mir entfernt, stand der seltsame Junge mit den schwarzen Haaren. Er hatte sich lässig an die Scheunenwand gelehnt und seine Haltung strahlte die pure Überheblichkeit aus. Es war, als stände er über allem und nichts hätte ihn zu interessieren. Da wandte er urplötzlich seinen Kopf in meine Richtung, fast so, als hätte er meine Anwesenheit gespürt. Seine Augen bohrten sich direkt in meine, eisern und hart. Er blickte nicht an mir vorbei oder durch mich hindurch, sondern direkt in mich hinein, mitten in mein Herz und verwandelten es zu Eis. Nun war mir auf einmal kalt und ich stolperte erschrocken einen Schritt zurück. Seine Augen erstrahlten in einem hellen Grau, das mich an glänzendes Silber erinnerte. Sie waren von einer solchen Intensität und Stärke, dass ich am liebsten weg geschaut hätte. Doch ich konnte mich nicht von ihnen losreißen. Sie hielten mich voll und ganz in ihrem Bann gefangen. Und in diesem Moment wünschte ich mir nichts sehnlicher, als von diesem geheimnisvollen Jungen in den Arm genommen zu werden und seinen Blick für immer und ewig auf mir zu spüren, auch wenn mein Herz dadurch gefror. Ich spürte die körperliche Distanz zwischen uns so sehr, dass es beinahe schmerzte. Doch da schlich sich mit einem Mal ein Glimmen in die Augen des Jungen, das von abgrundtiefem Hass zeugte. Er funkelte mich wütend an und seine vollen Lippen waren zu einem schmalen Strich verzogen. Was hatte ich falsch gemacht? Was hatte ich ihm nur getan, dass er mich so sehr zu hassen schien? Ein betäubendes Gefühl breitete sich in mir aus. Entsetzt wandte ich meinen Blick ab und taumelte etwas. Mein Magen vollführte unkontrollierte Hüpfer und mir war speiübel. Verzweifelt versuchte ich die Pfannkuchen mit Nutella in meinem Magen zu behalten, doch es gelang mir nicht, so sehr ich mich auch bemühte. Mit einem erstickten Laut schüttelte mich ein Würgreiz und ich erbrach das schöne Essen von heute morgen vor mir ins Gras. Ich würgte immer und immer wieder, bis nichts mehr kam und ich nur noch bittere Galle spuckte. Keuchend richtete ich mich schließlich wieder auf und sah mich verängstigt um. Alle Fünf starrten ungläubig und angeekelt zugleich zu mir herüber, bloß dass der Junge mit den schwarzen Haaren die anderen darin bei weitem übertraf. Sein Gesicht und seine Haltung sprachen von einer solchen Abneigung und Verachtung, dass ich am liebsten einfach davongerannt wäre. Es war, als ob ich ein winziger, erbärmlicher Parasit sei, den es zu eliminieren galt, koste es was es wolle. Stockend brachte ich nur ein leises "Entschuldigung" hervor, zu mehr war ich nicht mehr in der Lage. Ein Mädchen mit braunen Haaren und blauen Augen trat aus der Gruppe hervor. Sie hatte eine Arroganz an sich, die sie mir vom ersten Moment an unsympathisch werden ließ. Ihre perfekt geformten Gesichtszüge und ihre Traumfigur ließen sie wie aus einem Modemagazin entstiegen wirken. "Du musst wohl Larissa sein, die Neue", presste sie zuckersüß und abfällig zugleich hervor, wobei sie das Wort "Neue" überdeutlich betonte. Mir wäre gleich noch einmal schlecht geworden, wenn ich nicht schon längst alles hervorgewürgt gehabt hätte. "Ich bin deine Leiterin hier und habe somit die Verantwortung für dich. Halte dich also besser an die Regeln, sonst bekommst du es mit mir zu tun. Und den Rest sollen dir deine Versagerfreunde selbst erklären, denen du dich angeschlossen hast. Ihr passt perfekt zusammen, das muss man schon sagen. Und jetzt verschwinde und lass uns in Frieden. Du bist weit unter unserem Niveau. Mit so jemandem wie dir wollen wir hier nichts zu tun haben", meinte sie spöttisch und schmiss mir eine Karte zu, mit der man sich wohl das Essen und Trinken in der Mensa holen konnte. Dankbar, dass sie mich wenigstens ebenso schnell loshaben wollte, wie ich sie, machte ich, dass ich davon kam. Dabei stolperte ich über einen Ast, der mir im Weg lag, was die anderen hämisch auflachen ließ. Ihr Lachen verfolgte mich noch lange und mein Gesicht brannte vor Scham. Was jedoch noch viel schlimmer war, war der bohrende Blick des seltsamen Jungen in meinem Rücken, der von abgrundtiefem Hass sprach und mein Herz weiter gefrieren ließ.

KAPITEL 5 - Kein Ausweg

Ich rannte blindlings über den Hof. Meine Augen begannen zu brennen und ich bemerkte, dass ich angefangen hatte zu weinen. Unaufhörlich flossen mir Tränen über meine Wangen und tropften auf den Boden hinunter. Mein Atem ging schwer und mein Herz schmerzte, als würde man es mit einem Messer bearbeiten. Warum musste mir das alles nur so nahe gehen? Was interessierte mich das schon, was diese dämlichen Idioten von mir dachten?! Ich sollte eher gesagt froh darüber sein, dass sie mich nicht als ihresgleichen betrachteten. Denn das wäre eine ziemliche Beleidigung gewesen. Beinahe wäre ich in ein Mädchen hinein gerannt, das mir aus dem Sonnenblumenhaus entgegen kam. Dieses warf mir einen verwirrten Seitenblick zu, doch ich blieb keine Sekunde lang stehen. Mir war es gerade völlig gleichgültig, was die anderen von mir denken mochten. Sollten sie sich doch ihre Mäuler über die Neue zerreißen, die gleich am ersten Tag heulend durch die Gegend rannte. Sollten sie doch ihren Spaß haben! Ich stolperte die Treppe hinauf und wäre beinahe gestürzt. Na super! Ich sollte wohl erst einmal richtig laufen lernen. Schnell beeilte ich mich den Gang entlang zu kommen, um endlich in mein rettendes Zimmer zu gelangen. Doch dort benötigte ich erst einmal geschlagene drei Minuten, um mit meinen zitternden Fingern den Schlüssel in das Schloss zu bekommen. Dann sprang zu meiner großen Erleichterung die Türe auf und ich schmiss mich mit einem erstickten Laut aufs Bett. Wie sollte das alles bloß enden? Schon wieder kamen mir neue Tränen, die ich nicht zurückhalten konnte. Ich schluchzte hemmungslos auf und vergrub mein Gesicht unter der Decke. Wie hatte ich mich vor diesen Idioten nur so blamieren können? Warum gerade jetzt? Denn wenn sie auch nur annähernd so schlimm waren, wie die Angebercliquen an unserer Schule, wusste spätestens morgen früh jeder über mein kleines Missgeschick Bescheid. Ich konnte ihre hämischen Gesichter schon deutlich vor mir sehen, wenn ich in die Mensa zum Essen ging oder durch die Gänge der Häuser eilte. Wie sollte ich das nur ertragen? Aber mir konnte es ja eigentlich auch vollkommen egal sein. Ich hatte hier nie beliebt sein oder Freunde finden wollen. In sechs Wochen würde ich verschwinden und keinen Gedanken mehr an dieses Camp verschwenden. Ich würde bis dahin einfach alles ignorieren und hoffen, dass wenigstens Franziska und die anderen noch zu mir hielten. Warum war ich dann jetzt eigentlich so fertig? Was bereitete mir solche Bauchschmerzen, dass ich am liebsten nie wieder aus diesem Zimmer herausgekommen wäre? Und da wusste ich es auf einmal klar und deutlich. Es war plötzlich so offensichtlich und doch gleichzeitig so verrückt, dass ich mich am liebsten selbst dafür gehasst hätte. Aber das konnte ich nicht. Denn auf eine seltsame Weise hatte ich nämlich das Gefühl einmal in meinem Leben die richtigen Dinge zu empfinden, die unausweichlich waren. Es war die Schuld dieses seltsamen, geheimnisvollen Jungen, der mich so vollkommen verwirrte. Mich schmerzte es ungemein, dass er mich vorhin so hatte sehen müssen und sein hasserfüllter Blick brannte mir noch immer im Nacken. Er verachtete mich so abgrundtief und war so voller Abneigung gegen mich, dass es unglaublich weh tat. Das Verrückteste daran war jedoch, dass ich ihn gerade deswegen noch mehr mochte. Ich wünschte mir nur ein einziges Mal ein kleines Lächeln in seinem Gesicht sehen zu dürfen, das seine Züge weich werden ließ und nur einmal seine Nähe zu spüren. Doch da würde wohl eher noch das achte Weltwunder geschehen, bevor das passierte. Ich musste wirklich total gestört sein. Oder vielleicht waren das auch die Nebenwirkungen des Camps. Wer wusste das schon so genau. Ein lauter, scheppernder Gong ertönte, der mich erschrocken auffahren ließ. Verwirrt blickte ich mich um und suchte die Quelle des Lärms. Ich entdeckte an der Decke in der hintersten Ecke des Zimmers eine Klingel, die ununterbrochen schrillte. Was hatte das nur zu bedeuten? War das ein Feueralarm? Verstört richtete ich mich auf. Doch dann erinnerte ich mich vage an die Ausführungen von Frau Superfröhlich, die erklärt hatte, dass uns eine Glocke zum Essen rufen würde. Genervt ließ ich mich zurück sinken und presste mir ein Kissen auf die Ohren. Ich stöhnte auf. Das war ja nicht auszuhalten! Ich hatte absolut keinen Hunger. Also beschloss ich in meinem Zimmer zu bleiben, bis die Party begann. Ich hatte auch nicht die geringste Lust nun auf Marie und den Rest ihrer Angeberclique zu treffen, was noch ein weiterer guter Grund war nicht zu gehen. Und vor allem wollte ich nicht einem viel zu gut aussehenden Jungen begegnen, der mir einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte, egal wie sehr ich mich auch bemühte. Es war zum verrückt werden! Irgendwann musste ich wohl eingeschlafen sein, denn als ich schweißgebadet wieder hochschreckte, war es bereits sieben Uhr und höchste Zeit sich für die Party fertig zu machen. Ich wühlte schnell mein Schminkzeug und neue Klamotten aus meinem Koffer hervor und machte mich auf den Weg ins Bad. Es befand sich am anderen Ende des Ganges hinter einer veilchenblauen Tür. Als ich sie öffnete, kam mir ein Schwall stickig heißer Luft entgegen. Wie es aussah hatten sich hier schon viele für die Party fertig gemacht. Der Boden war nass und die Spiegel schon fast erblindet. Der Raum selbst war mit blauen Fliesen gefliest, von denen einige schon tiefe Risse aufwiesen. Die Waschbecken waren winzig und aus einigen tropfte ununterbrochen Wasser. Seufzend stellte ich mich vor einen der Spiegel und versuchte irgendetwas zu erkennen. Na prima! Nicht einmal ein gescheites Bad hatten sie hier. Ich bemühte mich, mich einigermaßen zu richten, was ich den Umständen entsprechend relativ gut hinbekam. Gerade trug ich mir etwas Lidschatten auf, als plötzlich die Tür zum Bad aufging und zwei kleine Mädchen hereinkamen. Sie unterhielten sich tuschelnd hinter vorgehaltener Hand und kicherten. Als sie mich bemerkten, stoppten ihre Gespräche sofort und sie brachen in schallendes Gelächter aus. Na ganz toll! Ich konnte mir schon fast denken, über was sie sich unterhalten hatten. Sie warfen mir immer wieder flüchtige Seitenblicke zu und schienen sich prächtig zu amüsieren. Ich kam mir vor wie ein Affe im Zoo. Offensichtlicher ging es ja nicht mehr! Neuigkeiten schienen sich hier wohl noch schneller zu verbreiten, als an unserer Schule. Wahrscheinlich gab es aber auch einfach sonst nichts Interessantes, über das man sich den Mund hätte zerreißen können. So schnell ich konnte stürzte ich wieder aus dem Bad hinaus in mein rettendes Zimmer. Ich hatte überhaupt keine Lust mehr zu der Party zu gehen, aber leider hatte ich es Franziska und den anderen ja hoch und heilig versprochen. So schmiss ich mein Schminkzeug in eine Ecke, atmete noch einmal tief durch und machte mich auf den Weg. Auf den Weg zu einer Party, auf der alle bereits wussten, was ich getan hatte.

KAPITEL 6 - Dieser Moment

Unschlüssig stand ich vor der Tür, auf der in goldenen Buchstaben "Aufenthaltsraum" geschrieben stand und aus der laute, hämmernde Musik drang. Es wunderte mich, dass Frau Superfröhlich und die anderen Erwachsenen davon nichts mitbekommen sollten. Aber das war nicht mein Problem. Ich hatte beschlossen die anderen Partygäste einfach geflissentlich zu ignorieren. Eigentlich war ich ja nur hier, um meine Zeit im Camp abzusitzen. Und Freunde hatte ich auch nie finden wollen. Ich machte mir nicht im geringsten etwas daraus, was sie von mir denken mochten. Eben nur mit einer kleinen Ausnahme. Diesem seltsamen Jungen mit den faszinierend silbergrauen Augen. Ich hätte wirklich alles dafür gegeben, dass er mir wenigstens eine winzig kleine Chance gab. Aber wie es schien, hatte er mich ja bereits abgeschrieben, bevor er überhaupt ein Wort mit mir gewechselt hatte. Das musste ich wohl oder übel so hinnehmen. Ich straffte meine Schultern und öffnete schwungvoll die Tür vor mir. Die Musik war nun noch lauter, dröhnte mir in den Ohren und der Bass ließ den Boden vibrieren. Neugierig schaute ich mich genauer um. Ich befand mich in einem Raum, der von oben bis unten mit Girlanden und Lametta geschmückt worden war. Chips und Kuchen standen auf einem langen Tisch und eine behelfsmäßige Bar war hinter einer Abtrennwand eingerichtet worden. Überall standen mehrere kleine Grüppchen von Jugendlichen an Stehtischen herum, die hier und da im Raum verteilt worden waren. Eine kleine Fläche war jedoch frei geräumt worden, die als Tanzfläche diente. Zwei Jungen gaben gerade ihre Tanzkünste zum besten und eine kleine Schar Schaulustiger hatte sich johlend um sie versammelt. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung und ich fühlte mich sofort etwas besser. Bei Partys kannte ich mich aus. Ich liebte es einfach mich mit der Masse der tanzenden Körper um mich herum mitreißen zu lassen und alles andere zu vergessen. Da entdeckte ich zu meiner großen Erleichterung Timo, der mit einem anderen Jungen an einem Tisch stand, den ich noch nicht kennengelernt hatte. Er lachte ausgelassen und hielt einen Cocktail in der Hand. Schnellen Schrittes ging ich auf die beiden zu, ohne die Blicke der anderen weiter zu beachten, die mir folgten. Da erblickte ich auch Franziska, die sich gerade etwas zu essen holte. " Hey Larissa! Wo warst du denn beim Abendessen abgeblieben? Wir haben dich schon beinahe als vermisst melden wollen ", rief Timo mir laut über die Musik hinweg entgegen, als er mich erkannte. Sein Gesicht verzog sich dabei zu einem hinreißenden Lächeln, was mir einen warmen Schauer den Rücken hinunter jagen ließ. Doch sofort schob sich das Bild dieses seltsamen Jungen mit den silbergrauen Augen vor mein inneres Auge, dessen Gegenwart mich so aus der Bahn geworfen hatte. Jetzt war es wohl völlig um mich geschehen! Timo war so nett zu mir und ich dachte nur an diesen Idioten. Schnell schüttelte ich meinen Kopf: "Ich hatte einfach keinen Hunger. Aber die Party hier konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen." Timo nickte zustimmend und legte mir freundschaftlich seine Hand auf meinen Arm. Ein warmes Kribbeln breitete sich von der Stelle aus, wo er mich gerade berührte und ich musste unwillkürlich lächeln. "Ich habe von deiner Begegnung mit unserer Angeberclique gehört und muss sagen ich bin stolz auf dich. Du hast dich gut geschlagen. Das können nicht viele von sich behaupten. Ich fand dabei nur schade, dass du Marie nicht auf die Füße gekotzt hast. Das wäre nämlich die Krönung gewesen. Aber egal. Wie wäre es also mit einem Cocktail für unsere Heldin des Abends?", meinte Timo ernst. Sofort ging es mir um einiges besser. Er machte sich nicht über mich lustig, sondern schien mich tatsächlich aufmuntern zu wollen. "Sehr gerne", erwiderte ich dankbar und wurde leicht rot. Timo verschwand in Richtung Bar, um mir etwas zum trinken zu holen, wobei er mir noch einen letzten Blick zuwarf. Ich konnte es nicht fassen. Dieser richtig süße, hinreißende Typ schien tatsächlich etwas von mir zu wollen! Oder zumindest versuchte er super nett zu sein. Da kam Franziska zu mir herüber geschlendert und gesellte sich zu mir. Wir plauderten etwas über unsere Familien und unser Leben zu Hause. Sie berichtete von ihren drei jüngeren Geschwistern und ihren nörgelnden Eltern, vor denen sie wenigstens einmal im Jahr in den Ferien Ruhe brauchte und weswegen sie eigentlich hierher ins Camp kam. Ich konnte sie durchaus verstehen und fragte mich, wie ich sie noch vor ein paar Stunden alle als Langweiler verurteilt haben konnte. Timo war mittlerweile wieder mit einem Cocktail in der Hand zurückgekehrt, den er mir galant reichte. Ich nahm einen großen Schluck des leckeren Getränks, das mir kühl und süß den Hals hinunter floss. Herrlich! Timo stellte sich dicht neben mich und ich konnte seinen umwerfenden Geruch nach irgendetwas Exotischem wahrnehmen, der mich an Urlaub und Strand erinnerte. Oh mein Gott war der Typ hammer! Leonie und Martin gesellten sich mit der Zeit auch noch zu uns und es war, als hätte ich schon immer dazugehört. Wir scherzten und lachten und ich fand langsam aber sicher sogar ein bisschen Gefallen an dem Gedanken hier mit meinen neuen Freunden noch sechs Wochen verbringen zu können. Das würde sicherlich auch lustig werden. Auf einmal wurde ich von hinten heftig angerempelt und schüttete den Rest meines halb leeren Glases über mein T-Shirt. Eine Lache Pina Colada breitete sich dort aus und ich fuhr wutschnaubend herum. "Was fällt dir ein?! Hast du keine Augen im Kopf oder was? Du solltest dir wohl eine Brille besorgen!", schrie ich außer mir vor Wut. Der, der mich umgerannt hatte, gab keinen einzigen Ton von sich, als würde ihn die ganze Sache nichts angehen und ihn nicht im Geringsten interessieren. Hatte es ihm etwa jetzt auch noch die Sprache verschlagen oder was? Verächtlich schaute ich auf, direkt in das Gesicht dieses geheimnisvollen Jungen, der mir nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. Seine Augen funkelten belustigt und ein kleines Lächeln war darin zu erkennen. Mir verschlug es den Atem. Für einen winzigen Augenblick erstrahlte sein Gesicht in einem amüsierten Grinsen und entriss mich vollkommen dieser Welt. Kleine Grübchen bildeten sich um seinen vollen Mund und das Silbergrau seiner Augen schien auf einmal mit goldenen Flecken durchsetzt zu sein. Es hätte mich nicht gewundert, wenn ich gleich aus einem Traum erwacht wäre, denn so etwas Schönes hätte es eigentlich gar nicht geben dürfen. "Du musst Larissa sein. Ich hatte heute morgen leider noch keine Zeit mich vorzustellen, als du so schnell geflüchtet bist. Ich bin Laurin", grinste er da abfällig und ich bemerkte, dass er mich auf den Arm nehmen wollte. Dabei entblößte er eine Reihe schneeweißer Zähne, die aus seinem Gesicht hervorblitzten. LAURIN. Ich ließ mir das Wort auf der Zunge zergehen. Wie schön sich dieser Name anhörte! Er passte so perfekt zu ihm. Doch dann packte mich wieder die kalte Wut. Nicht einmal ein Wort der Entschuldigung hatte er hervorgebracht! Benahm sich, als sei er etwas besser, als alle anderen und ich unter seinem Niveau! Und trotzdem musste ich feststellen, dass ich nicht sauer auf ihn sein konnte. Ich brachte es einfach nicht über mich auch nur ein kleines bisschen böse auf ihn zu sein. Ohne einen Ton hervorzubringen starrte ich ihn nur ungläubig an und bewunderte seine umwerfende Erscheinung. Da trat plötzlich Timo neben mich und legte mir besitzergreifend seinen Arm auf die Schulter. "Entschuldige dich gefälligst bei ihr, wenn du nicht aufpassen kannst und über deine eigenen Füße stolperst!", drang seine Stimme von weitem zu mir durch. Laurin wandte sich nun langsam Timo zu, wobei er mich immer noch fixierte: "Du hast mir nichts zu sagen Kleiner!" Tatsächlich stellte ich verwundert fest, dass Laurin mindestens einen Kopf größer war, als Timo. "Aber weil sie es ist mache ich da mal eine Ausnahme. Es tut mir leid Larissa", meinte er spöttisch und abfällig zugleich. Timo unterdrückte ein wütendes Schnauben. Ich stand währenddessen einfach nur stocksteif da, spürte den sanften Druck von Timos Hand auf meiner Schulter und beobachtete fasziniert Laurin, der so vollkommen zu sein schien. Ich musste schon dämlich ausgesehen haben, wie ich da reglos stand, ohne ein Wort zu dem Gespräch beizusteuern. Da zwinkerte mir Laurin auf einmal zu und hauchte genau so laut, dass Timo ihn auch hören musste: "War wirklich nett dich kennengelernt zu haben Larissa." Mit diesen Worten drehte er sich um und verschwand in der Menge, ohne auf eine Antwort von mir zu warten, die höchst wahrscheinlich eh nicht gekommen wäre. Ich blieb noch eine ganze Weile etwas benommen stehen, bis Timo mich leicht schüttelte und ich zum Tisch zurückkehrte. Leonie reichte mir wortlos eine Serviette, die ich dankbar entgegen nahm. "Lass dir von ihm nicht den Abend verderben. Das ist der größte Arsch, den es hier gibt. Wenn er es das nächste mal wagt so mit dir zu reden, verpasse ich ihm eine. Das schwöre ich dir!", fauchte Timo wütend. Ich fühlte mich durch seinen Beistand geschmeichelt. Doch wenn er und die anderen gewusst hätten, was in mir vorging, wären sie sicherlich nicht so nett zu mir gewesen. Der Abend wurde den Verhältnissen entsprechend noch richtig lustig und schön. Doch das Bild von Laurins Lächeln ging mir keine Sekunde mehr aus dem Kopf. Selbst als mir fast die Augen zufielen und ich hundemüde ins Bett ging, sah ich noch sein Gesicht vor mir, das mich voll und ganz verzauberte.

KAPITEL 7 - Das Blatt vor mir