Schattenkristalle - Farfalla Gris - E-Book

Schattenkristalle E-Book

Farfalla Gris

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Beschreibung

In einer anderen Welt, in der Magie längst nicht mehr alltäglich und doch allgegenwärtig ist, lebt Aleríà. Zusammen mit ihrem Bruder erfährt sie die Wunder, die diese mit sich bringt, doch ihr Glück ist nicht von Dauer. Aleríà lernt auf schmerzhafte Weise, dass Magie nicht nur Glück und Freude bringt und ist gezwungen sich nicht nur ihrer Angst zu stellen, sondern auch einer Bedrohung, die die ganze Welt bedroht.

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Seitenzahl: 266

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Farfalla Gris

Schattenkristalle

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Eine Tochter

Unerwarteter Besucher

Geschenke

Traum oder Erinnerung?

Die Erinnerung kehrt zurück

Wünsche mit Nebenwirkungen

Vergraben in Trauer

Die Fremde

Reise mit Hindernissen

Willkommen im Sternentempel!

Ein unbequemer Start

Ungerechte Bestrafung

Eine neue Bedrohung

Aufbruch

Abschied

Ein neuer Unterschlupf

Magiekristalle

Unerwarteter Angriff

Des Reiters Tochter

Die Legende

Pest und Hunger

Vorsicht

Fieber

Krieg

Kinder der Reiter

Geliebter Feind

Entführung

Hallo, Vater …

Lebt wohl, meine Freunde!

Danksagung

Impressum

Prolog

Lange Zeit bevor die Welt Erandôla geboren wurde, herrschte das Chaos mit dunkler, feindseliger Macht über das Universum.

Doch bald darauf erschien, zuerst winzig klein und kaum wahrnehmbar, ein Funken in der Finsternis, der sich rasch ausbreitete und mit seinem Licht alles in seiner Umgebung erhellte. Die Dunkelheit, zuerst in ihren Ausläufern erschüttert, wurde schließlich gänzlich verdrängt.

Es waren die Götter der Alten Zeit, die das Universum betraten und mit großen Augen das Chaos um sich herum musterten. Sie verstanden nicht, was vor sich ging, denn in ihrer Welt herrschte seit jeher Ordnung und Harmonie, die überall Anklang fand und ein jeder schätzte.

So begannen schließlich die Alterwürdigen ihr Werk und schufen eine Welt ganz nach dem Vorbild ihrer eigenen.

Flüsse und Seen entsprangen in tiefen Tälern, während sich zugleich die Erde an vielen Stellen erhob und zu gigantischen Felsengebilden formte. Allerdings erschien ihnen ihre neu geschaffene Welt, bestehend lediglich aus Blau und Braun, zu eintönig. Sie wollten Farben in jeder erdenklichen Nuance verbreiten und entschieden sich, diese mithilfe der Pflanzen und Tiere zu verbreiten.

Unendlich weite Blütenfelder erstreckten sich über die Lande und verbreiteten mit ihrer Vielfalt an Formen und Farben nicht nur ein Gefühl des Friedens und der Ruhe, sondern lieferten mit ihren reichhaltigen Duftnoten die Saat, aus der Träume entstehen würden.

Auch die Tiere, einzigartig in ihrem Wesen und ihrem Aussehen, begannen, die Welt zu bevölkern und sich darin einzuleben, wie es für sie einen Sinn ergab.

Zufrieden betrachteten die Götter ihr Werk, mit dem sie allerdings noch immer nicht ganz fertig waren.

Etwas fehlte in dieser nahezu perfekt harmonisch ausgelegten Welt.

Sie wirkte, trotz der Vielfalt an lebenden Wesen, unbewohnt und leer …

Als den Göttern dies bewusst wurde, erschufen sie in ihrer unendlichen Weisheit und Macht Wesen, welche die Natur, die sie geschaffen hatten, würdigen und schätzen sollten.

Doch diese Wesen mussten zuerst lernen, wie sie das Geschenk, was ihnen zuteilwurde, pflegen und erhalten sollten, weshalb die Schöpfer ihnen Herz und Verstand einpflanzten, auf dass sie die Wunder um sich herum begreifen konnten.

Die Völker, bestehend aus Menschen und Elfen, entwickelten sich rasch und begannen alsbald, die ihnen gegebenen Gaben zu ihren Zwecken zu nutzen, sodass für niemanden ein Nachteil entstehen konnte.

Liebe und Geborgenheit waren Tugenden, die jedes Wesen fühlte und genauso gern weitergab – sei es Mensch, Tier oder eine andere Kreatur.

Die Götter betrachteten mit Stolz ihr Werk und begannen fortan, darüber zu wachen. Aber was keiner von ihnen erahnte, war die Finsternis, die sich in den Ausläufern des Universums fortwährend regte und auf Rache wegen des Verlusts ihrer Welt sann.

Langsam schleichend streckte sie ihre Fühler aus und begann, sich einen Weg in die Herzen der gütigen Wesen zu schleichen und diese mit Neid und Hass zu vergiften. So geschah es, dass aus den einst friedvollen Völkern mit der Zeit Wesen wurden, die von Habgier und Zorn zerfressen wurden anstatt von Achtung füreinander erfüllt.

Das Chaos erfreute sich ungemein an dem Leid, was es über die Welt brachte, und doch spürte es, dass, obwohl die Hilflosigkeit der Götter greifbar nah schien, es noch nicht weit genug gegangen war. Es wollte seinen ursprünglichen Platz wieder einnehmen und die Götter mithilfe seiner Diener endgültig vertreiben.

Indem es alle negative Macht, die ihm zur Verfügung stand, in einem unscheinbaren Augenblick bündelte, erschuf es vier Kreaturen, die augenscheinlich den Völkern bis aufs Haar glichen und doch gänzlich verschieden waren.

Mit der Geburtsstunde dieser vier Monster entfaltete das Chaos von Neuem seine unheilvolle Macht über die noch jung erschaffene Welt.

Krieg entbrannte, zog endlose Schneisen der Verwüstung durch das Land und löschte beinahe alles zuvor entstandene und kostbare Leben aus. Zurück blieben seine Brüder Pest, Hunger und Tod, die nicht zu kontrollieren waren und die Völker in ihren Grundfesten erschütterten.

Mit jedem Wesen, was die Götter an die Dunkelheit und das Chaos verloren, schwand ihre Macht, sodass schon bald nichts weiter als eine bloße Erinnerung von ihnen übrig bleiben würde. Die verzweifelten Schreie und Gebete ihrer Kinder, die unaufhörlich zu ihnen drangen, ließen sie ein letztes Mal ihre Kräfte zusammennehmen. Durch die Liebe, die sie mit ihren Schöpfungen verband, entstand eine neue konzentrierte Form ihrer Macht. In Form eines überwältigenden Flammensterns offenbarten sie sich vier Jungfrauen, die sie als würdig erachteten, um die Welt von ihrer Schmach zu befreien.

Sie überließen den zunächst ängstlichen Geschöpfen machtvolle Kristalle, mit deren Hilfe sie die Natur um sich herum zu ihren Gunsten beeinflussen konnten. Instinktiv lernten die vier Frauen, wie sie die Magie, die ihnen zuteilwurde, einsetzen konnten, um das Land von den Seuchen, die sich als Reiter manifestiert hatten, zu befreien.

Gemeinsam begannen sie, zu kämpfen und die Handlanger des Chaos zurück in die Finsternis zu drängen, aus der sie einst entsprangen. Doch eins hatten die Götter nicht bedacht, als sie den Frauen ihre Herzen überließen – Liebe.

Die vier Jungfrauen konnten sich noch gut an die Zeit des ewigen Glücks erinnern, in der diese Tugend in jedem Wesen steckte. Sie konnten und wollten nicht glauben, dass es Wesen geben sollte, die von Grund auf böse waren. Deshalb beschlossen sie, die Monster nicht zu verurteilen, sondern in den entlegensten Winkel des Universums zu verbannen, auf dass sie niemandem mehr ein Leid beibringen konnten.

Sie glaubten, dass der Bann die Monster bis in alle Ewigkeit aus ihren Landen fernhalten und das Leben wie früher werden würde – doch sie irrten.

Die Nachwirkungen, die die Kreaturen hinterließen, waren weiterhin im Land spürbar und plagten es weiterhin, wenn auch mit weitaus weniger Intensität.

Frustriert über ihren scheinbaren Misserfolg, nutzten sie ein letztes Mal die Kräfte der Magie und versiegelten das Böse in ihrem Inneren.

Doch was keine von ihnen wusste, war die Verbindung, die sie unwissentlich mit dem Bösen eingingen …

Eine Tochter

Zeit war ein Faktor, der fließend wie Wasser an den Wesen Erandôlas vorüberzog und sie langsam, aber sicher vergessen ließ. Alles, was sie erlebt hatten, was sie gepeinigt hatte, erschien ihnen wie ein schrecklicher Albtraum, aus dem man eines Nachts hochschreckt, um ihn in den nächsten Augenblicken wieder zu verdrängen und gänzlich zu vergessen – einzig das Gefühl, was ein solcher mit sich bringt, ließ die Herzen der Völker flattern wie die Flügel eines jungen Kolibris.

Niemand, außer den weisesten Magiekundigen unter ihnen, wusste genau, wer die Welt gerettet hatte, und so begannen sich Legenden und Mythen über tapfere Helden in glänzender Rüstung zu ranken, die sich mutig dem Bösen entgegenstellten und es schließlich besiegten.

Die vier Heldinnen störte dieser Umstand wenig, sie und ein paar wenige kannten schließlich die Wahrheit und würden sie an ihre Kinder weitergeben, damit diese nicht mit der Unwissenheit aufwachsen mussten, die andere fortwährend predigten.

In dem Glauben, dass ihre Aufgabe erfüllt sei und das Böse niemals wieder einen Weg zurück nach Erandôla finden würde, vertrauten sie ihre Kristalle dem Zirkel des Mondes an und nahmen Abschied voneinander, um fortan ein normales Leben zu führen.

Mit gemischten Gefühlen entließ der Großmeister die vier Frauen und blickte ihnen lange nach, als sich ihre Wege trennten und jede ein anderes Leben begann …

Schreie hallten durch das sonst so friedliche Herrenhaus, welches leicht versteckt zwischen den Bäumen eines mit Rosen bewachsenen Waldes lag und mit seinem imposanten Antlitz nahezu jeden Adligen, der es einmal besuchte, vor Neid erblassen ließ.

Von einem großen, mit allerlei seltenen und teilweise auch exotischen Blumen bestückten Garten führten mehrere verwinkelte und von Kieseln gesäumte Wege um das Anwesen herum. Sie offenbarten mit jeder neuen Verwinkelung wunderschöne Bereiche, wie zum Beispiel einen kleinen, im Mondlicht grünlich schimmernden Teich, auf dem Glühwürmchen ihre kleinen, leuchtenden Hinterteile im Rhythmus des Windes tanzen ließen. Es waren kleine, auf den ersten Blick unbedeutende Orte, die hinter dichtem Blattwerk verborgen waren und doch voller Schönheit zu strahlen schienen.

So konnte man sich, wenn man sich mit wachsamen Augen umsah, kaum an der Vielfalt, die sich einem bot, sattsehen. Besonders hiesige Künstler schätzten diesen atemberaubenden Anblick und baten häufig um Einlass, um das Gesamtbild als Inspiration und Muse auf sich wirken zu lassen. Viele Kunstwerke waren dort schon entstanden und wanderten von Hand zu Hand in der kunstliebenden Gesellschaft Erandôlas.

Doch an dem heutigen Abend, an dem der Himmel mit dunklen, Unheil verkündenden und schnell dahinsausenden Wolken verhangen war und kein einziger Stern es wagte, sein Erscheinungsbild zu präsentieren, herrschte rege Betriebsamkeit in den oberen Stockwerken. Nach einer gefühlten Ewigkeit war es nun endlich so weit; die Herrin des Hauses war bereit, das Leben, was ihrem Leib schon viel zu lange innewohnte, der Welt zu schenken.

Mit besorgten Mienen vernahmen die Dienerschaft und auch der Hausherr selbst, wie qualvoll die Geburt vonstattenging. Es war auch ein wirklich ungewöhnlicher Umstand, dass das Kind so lange auf sich warten ließ. Normalerweise glichen bereits neun Monate einer Tortur, aber mit dreizehn Monaten hatte wirklich niemand gerechnet.

Man hatte wirklich alles versucht, um dem Kind auf die Welt zu verhelfen, doch alle Kräutermischungen, Wehen stimulierenden Salben und Massagen hatten nicht geholfen. Nun lag es einzig und allein an der werdenden Mutter, ob sie die Kraft besaß, dieses kleine Wesen gesund und munter auf die Welt zu bringen.

Schreiend wälzte sich die Herrin mit schweißverklebtem Haar unruhig in einem riesigen, von einem dunklen Baldachin geschützten Bett umher und versuchte, die Schmerzen, die ihren Leib in Kaskaden überwältigten, zu ertragen.

„Ihr schafft das, Herrin“, rief eine ältere Frau mit lauter Stimme, die weder beruhigend noch ermutigend klang.

Elenór hätte ihr am liebsten den Kopf für ihre herzlosen Äußerungen abgerissen, doch leider war ausgerechnet diese Frau im Augenblick die einzige Hebamme, die ihr zur Verfügung stand.

Man hatte sogleich nach ihr geschickt, als Elenór sich vor Schmerzen kaum auf den Beinen halten konnte und die Anzeichen der Geburt sich überdeutlich auf dem Brokatteppich abzeichneten.

Die als Hexe verschriene Frau hatte auch nicht lange gezögert und war herbeigeeilt, um dem – hinter vorgehaltener Hand verfluchten – Dämonenbalg genannten Kind einen möglichst glimpflichen Start zu ermöglichen.

Und nun war sie hier und bereitete mit der werdenden Mutter seit Stunden alles vor. Selbst der gestandenen Frau merkte man die Strapazen an, unter denen sie beide zu leiden hatten.

„Herrin, hört mich an“, rief sie alsbald aus und blickte die bleiche Frau über ihren gewölbten Bauch hinweg an.

„Das Kind ist zu groß, um es natürlich auf die Welt zu bringen. Ich denke, wir sollten …“

„NEIN“, brüllte Elenór dazwischen, denn sie ahnte mit bangem Herzen, was die Hexe ihr vorschlagen wollte. „Ich werde mein Kind nicht gefährden, indem Ihr mir den Leib aufschneidet … Ich schaffe das auch so“, japste sie und krümmte sich zugleich vor Schmerz, als eine neue Wehe sie erschütterte.

Die Hexe schwieg und betrachtete mitleidig die Frau, ehe sie sich seufzend wieder ihrer Aufgabe zuwandte und dem Geheiß Folge leistete.

„Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als das Kind aus Eurem Leib zu pressen …“

Ohne Elenór zu erklären, was genau sie damit meinte, stemmte die Alte ihre langen, knochigen Finger auf den Bauch und begann mit aller Macht, das Kind aus dem Leib zu schieben.

Immer lauter und verzweifelter wurden die Schreie Elenórs, während sie die schlimmste Tortur ihres Lebens über sich ergehen ließ.

„Es kommt“, rief die Alte keuchend, während sie weiterhin den Bauch unbarmherzig knetete und bearbeitete.

Beinahe besinnungslos nahm Elenór wahr, wie ein zartes Stimmchen an ihr Ohr drang und die Alte ihr zögernd ein in Tücher gewickeltes Bündel in die Arme legte.

„Eure Tochter“, flüsterte sie ebenfalls mit Tränen in den Augen und wandte sich ab, als die Herrin das Kind freudestrahlend betrachtete und an sich drückte. Vergangen waren sogleich Kummer und Schmerz.

„Ich gehe und hole den Herrn“, sagte die Alte und lief bereits Richtung Tür davon.

„Wartet … Stimmt etwas nicht?“, fragte Elenór und richtete sich etwas weiter in den blutgetränkten Laken auf.

„Meine Herrin …“, begann sie, doch sie schüttelte sogleich den Kopf. „Es ist nichts. Ich beglückwünsche Euch zu Eurem Nachwuchs, auf dass sie gesund und kräftig werde …“

Geschwind huschte sie aus dem Zimmer und gab den Weg für Elenórs Ehemann und die Bediensteten frei, die bedächtig das Zimmer betraten, um Mutter und Kind nicht zu erschrecken.

Vorsichtig näherte sich ihr ihr Mann und ließ sich behutsam auf der Bettkante nieder.

„Seht, mein Geliebter“, flüsterte Elenór stolz. „Eure Tochter!“

Mit Tränen in den Augen bewunderte er seine kleine, nahezu perfekte Tochter, die friedlich schlafend in den Armen ihrer Mutter ruhte.

„Wie ist ihr Name?“

„Aleríà …“ wisperte Elenór und blickte in die aufgerissenen großen, runden Babyaugen, die für einen winzigen Augenblick rot zu glühen schienen, ehe sie ein sattes Grün annahmen.

Währenddessen eilte die Hexe die Stufen des Anwesens hinunter und riss sich enorm zusammen, um nicht in einen schnellen Sprint zu verfallen. Sie schwor sich, dass sie das Dorf so schnell wie möglich verlassen würde, denn in dem Kind, welches soeben die Welt erblickt hatte, wohnte ein Geist der Alten Zeit ...

Unerwarteter Besucher

Die Nachricht über Aleríàs Geburt verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Land Erandôla und lockte viele Würdenträger nach Thiônan. Alle wollten den Sprössling der Dulclarce-Familie willkommen heißen, denn es war schon viel zu lange her, dass man erfreuliche Kunde von ihr vernommen hatte. Und das lag nicht zuletzt an den Zwistigkeiten, die die beiden Brüder seit ihrer Kindheit verfolgte und entzweite. Der ältere der beiden und zudem frisch gebackener Vater war schon als Kind freundlich und herzensgut, wohingegen sein Bruder Lucius zu den größten Unruhestiftern der gesamten Umgebung zählte. Ihre Eltern hatten besonders mit ihm zu kämpfen, da er ein äußerst garstiges Kind war. Auf keinen Tadel hörte er, genauso wenig wie auf gute Ratschläge. Das Einzige, was er im Sinn hatte, war, anderen Leid zuzufügen und sich später darüber, zum Missfallen aller, zu amüsieren.

Doch egal, wie sehr Lucius seinen Bruder für seine Umgänglichkeit auch verachten mochte, genauso sehr liebte er ihn. Im Grunde genommen hatte er es nie leicht gehabt. Schon seit seiner Geburt war er anders behandelt worden als andere Kinder – was nicht zuletzt an seiner Herkunft lag. Er war ein Bastard. Außerdem trug sein äußeres Erscheinungsbild maßgeblich zu den Hänseleien bei.

Durch einen Unfall, der sich in Kindertagen ereignet hatte, war ein Teil seines Gesichts von Narben entstellt. Auch das linke Auge war stark in Mitleidenschaft gezogen worden und von einer langen Kerbe durchzogen. Die Kinder des Dorfes hatten ihm den Namen grässlicher Harlekin gegeben, was seinem Genie keineswegs gerecht wurde.

Armand jedoch, der das Leid, was seinem Bruder widerfuhr, zumeist nicht wahrhaben wollte, wies jegliche Hilfegesuche von sich ab. Sie seien Hirngespinste, die nur in seiner Fantasie existierten, denn niemand konnte in Armands Augen so grausam sein – er war damals auch ein wirklich gutgläubiges Kind, das jegliches Böse für eine Erfindung der Erwachsenen hielt.

Was allerdings keiner bemerkte, war die Veränderung, die sich allmählich in Lucius? Seele vollzog.

Je mehr man ihn verspottete und verhöhnte, umso aggressiver wurde er. Lucius zögerte niemals, wenn es darum ging, ihnen eine Lektion zu erteilen. Doch je heftiger er sich wehrte, umso schlimmer wurden die Angriffe auf ihn, bis sich eines Tages ein Wandel in seinem Verhalten bemerkbar machte.

Schlagartig wurde aus dem monströsen Jugendlichen, zu dem er herangewachsen war, ein beinahe liebenswürdiger junger Mann, der jeden höflich und zuvorkommend behandelte, ganz gleich, wie dieser ihn verlachte und verachtete.

Für seine Eltern war es ein regelrechter Segen, dass ihr jüngster Sohn endlich zur Vernunft gekommen war und gesellschaftsfähig wurde.

Auch Armand glaubte, dass von nun an alles gut werden würde, denn er hatte seinem kleinen Bruder lange genug vorgelebt, wie man sich zu benehmen hatte. Allerdings interessierte ihn auch, weshalb er sich so verändert hatte.

Dass Gerüchte jedoch ihre Runden durch das Land zogen, ignorierten sie.

Es war schließlich völlig undenkbar, dass ihr Sohn etwas mit Magie zu schaffen hatte, zumal er früher ein wirklicher Nichtsnutz gewesen war und der Familie mehr als einmal Schande bereitet hatte.

Trotzdem blieb er ihr Sohn und sie konnten stolzer nicht sein, zumindest im Moment, denn eines Tages führte er ganz unverhofft eine junge Frau zur Tür herein, die schöner nicht hätte sein können.

Smaragdgrüne Augen leuchteten aus einem blassen, makellosen Gesicht, welches von braunen, leicht gewellten Haaren umrahmt wurde.

Ein jeder fragte sich, wo er auf solch eine Schönheit getroffen war, und viel wichtiger noch, wie sie sich augenscheinlich in ihn verliebt haben konnte – in den grässlich entstellten Harlekin von Thiônan.

Was jedoch zunächst niemand bemerkte, war die magische Anziehungskraft, die sie auf Armand hatte. Allein ihr Anblick reichte aus, um etwas in ihm zu wecken, was er nie zuvor verspürt hatte – Habgier. Er wollte sie, begehrte sie wie noch nie etwas in seinem Leben, und er schwor, bei den Göttern, dass sie ihm gehören würde … Koste es, was es wolle!

Und wie es das Schicksal so wollte, geschah es, dass sich die beiden heimlich ineinander verliebten.

Lucius erfuhr davon zunächst nichts, bis er sie eines Tages zusammen sah.

Sein Zorn hätte nicht größer sein können. Es entbrannte ein langer und heftiger Schwertkampf zwischen den Brüdern, den Lucius mit Sicherheit gewonnen hätte, doch bevor er den finalen Schlag ausführen konnte, beherrschte er wie durch ein Wunder seine Gefühle und kehrte den beiden sowie seiner gesamten Familie den Rücken.

Seit diesem schicksalhaften Tag vor einigen Jahren hatte man nie wieder etwas von Lucius vernommen. Es war, als wäre er gänzlich aus der Welt verschwunden.

Bis zu jenem stürmischen Sommerabend, knapp ein Jahr nach Aleríàs Geburt, als der Wind heulend durch die tiefen Talschluchten heulte und das Kind, welches seins hätte sein sollen, das Licht der Welt erblickte.

Eingehüllt in einen langen dunklen Mantel, das Gesicht von einer schwarzen Kapuze verdeckt, wanderte Lucius gelassenen Schrittes den schmalen Pfad entlang, der zu seinem ehemaligen Elternhaus führte.

Ein leises Lächeln umspielte seine rauen Lippen und abgehärteten Züge, die in all den Jahren nur wenige glückliche Momente erlebt hatten. Aber heute würde sich dies ändern. Er wollte seinem Bruder zeigen, was es bedeutete, ihn, Lucius Dulclarce, zu verspotten und ihm das zu nehmen, was eigentlich sein war.

Mit kräftigen Schlägen pochte seine schwarz behandschuhte Hand an die schwere Eichenholztür. Die Zeit verrann zähflüssig wie Sirup, während er auf ein Lebenszeichen von innen wartete.

Es dauerte seine Zeit, bis er das leise Trampeln hinter der Tür vernahm und erahnte, wer ihm gleich öffnen würde.

Mit lautem Knarren schwang das Portal einen Spaltbreit auf und ein von flackerndem Kerzenlicht beschienenes Gesicht erschien in ebendiesem, um den Fremden misstrauisch zu betrachten.

„Wer seid Ihr?“, schnarrte ihre unfreundliche Stimme, die sich in all den Jahren nicht verändert hatte.

Lucius lächelte charmant unter der Kapuze hervor und spielte beleidigt, während er ihr mit leicht geschürzten Lippen antwortete.

„Ich bin enttäuscht, dass du mich nicht mehr erkennst, Mârry, wo wir doch schon so viel zusammen erlebt haben …“

Verwundert über die Nennung ihres Namens begann sie, den Fremden vor sich eingehender zu mustern, was sich in dem Dunkel der Nacht als äußerst schwierig erwies. Ein Blitz, der jedoch kurz darauf den Himmel erhellte, brachte schließlich das Licht der Erkenntnis mit sich.

„Herr Lucius“, keuchte sie erschrocken auf und ließ beinahe die mit Petroleum gefüllte Öllampe zu Boden fallen.

„Genau der bin ich“, lächelte er mit einem leicht diabolischen Zug um die Lippen und drängte Mârry mit Leichtigkeit zur Seite, um sich Einlass zu verschaffen.

„Es macht dir doch nichts aus, wenn ich eintrete. Draußen ist es nämlich ziemlich kühl …“

Völlig überrumpelt wagte es die kleine, leicht korpulente Frau nicht, ihm zu widersprechen, und blickte ihn lediglich mit großen Augen an, während er sich wie selbstverständlich seines Mantels entledigte und diesen achtlos auf das kleine, im Foyer platzierte Sofa fallen ließ.

Neugierig ließ er den Blick umherschweifen, konnte jedoch nicht verhindern, dass das, was sein Auge erfasste, mit Verachtung gestraft wurde.

Viel verändert hatte sich in seiner Abwesenheit nicht.

Die Eingangshalle war genauso dunkel mit Holz vertäfelt wie in seiner Kindheit. Nur hier und da waren einige Stellen ausgebessert worden – schlecht, wie er bemerkte. Die Farben stimmten bei genauerer Betrachtung nicht überein. Das ursprüngliche Holz war von einem satten, erdigen Braun gewesen, während die Ausbesserungen von einem eher sandigen Braun waren und einem sofort ins Auge sprangen.

Verächtlich schüttelte er den Kopf. Sein ach so perfekter großer Bruder schätzte zwar das Künstlerische, besaß aber dennoch kein Auge für die besonderen Details, die diese Welt ihm offenbarten.

„Würdest du meinem Bruder ausrichten, dass ich gekommen bin?“, fragte er übertrieben liebenswürdig an die noch immer erstarrte Mârry gerichtet, die ihn unentwegt anstarrte.

Mit einem flüchtigen Knicks verbeugte sie sich vor ihm, um sogleich in einem der vielen Nebenzimmer zu verschwinden, die vom Foyer aus erreichbar waren.

Gelangweilt begann Lucius einen kleinen Rundgang. Seine Schritte hallten laut auf den Steinfliesen wider, die genauso abwetzt waren, wie er sie in Erinnerung hatte.

Auch die zahlreichen Gemälde – der ganze Stolz seines Vaters – waren nicht ersetzt worden, sondern weilten wie stumme Zeugen der alten Zeit an ihrem angestammten Platz. Erinnerungen, die längst hätten vergessen werden sollen, anstatt die Atmosphäre mit ihrer Aura der Melancholie zu verpesten.

Doch eines war neu für ihn. Sattere Farben fielen ihm sogleich ins Auge und zeugten von Frische und unverbrauchter schöpferischer Kraft und Energie. Als er jedoch das Werk zur Gänze betrachtete, spürte er, wie unbändiger Hass in seiner Seele aufstieg und ihn zu überschwemmen drohte.

Das Bild zeigte eine glückliche Familie – seine Familie. Er sah Elenór, die schön und anmutig auf einer Blumenwiese kniete, während sein ‚geliebter‘ Bruder hinter ihr hockte und sie beide mit glanzvollen Augen einem kleinen Wesen nachblickten, was kaum über die hochgewachsenen Blüten ragte – ihre Tochter.

Heiß begann das Metall in seiner Tasche zu glühen. Das Medaillon reagierte auf seine abwesenden Gedanken und verriet ihm, dass sich jemand näherte. Durch einen tiefen Atemzug gelang es ihm, sein Temperament zu zügeln und seine Emotionen hinter einer neutralen Maske zu verstecken. Er war schon als Kind ein guter Schauspieler gewesen, wenn es darum ging, jemanden zu täuschen – vor allem seinen naiven Bruder.

„Lucius, was führt dich hierher?“, fragte Armand erfreut und vorsichtig zugleich, während er mit strammen Schritten auf seinen Bruder zuhielt.

„Muss der kleine Bruder denn einen Grund haben, wenn er mal nach dem Rechten sehen will bei seinem wertgeschätzten großen Bruder?“, antwortete Lucius spöttisch mit einer Gegenfrage.

„Eigentlich nicht, aber zwischen uns ist nie ein solch inniges Verhältnis entstanden, wie es für Brüder normal scheint“, seufzte Armand.

„Deshalb bin ich hier. Ich möchte Frieden mit dir und deiner Angetrauten schließen. Wir sind doch eine Familie und sollten uns auch so verhalten“, schmeichelte Lucius seinem Bruder, denn er wusste, wie sehr ihm die Familie etwas bedeutete.

„Das klingt vernünftig, aber woher der plötzliche Sinneswandel, Bruder?“, fragte Armand skeptisch und musterte Lucius von oben bis unten.

„Nun, mich erreichte die frohe Kunde, dass ich nun Onkel einer liebreizenden jungen Dame geworden bin. Und du willst mir doch wohl nicht verbieten, mich dieser vorzustellen, oder?“

Armand zögerte kurz, ehe er antwortete.

„Natürlich nicht … Folge mir!“

Gemeinsam stiegen sie die dunklen Stufen der Walnussholztreppe hinauf und erreichten eine von zahlreichen Kandelabern erleuchtete Galerie.

Schon von Weitem vernahm Lucius das leise Rasseln und Klimpern von Spielzeug sowie das aufgeweckte Lachen eines Kindes.

Sein Herz begann, merklich schneller zu schlagen, denn er hörte nicht nur das Kind, sondern auch eine Stimme, die er unter Tausenden erkennen würde – Elenór.

Begierig leckte er sich über die Lippen und konnte seine Erregung, die allein seine Erinnerung erzeugte, kaum verbergen.

Einzig das Medaillon, welches wie ein flammendes Herz zu pulsieren begann, schaffte es, seine Konzentration zurückzulenken auf das, was er zu tun beabsichtigte und wofür er einen klaren, scharfen Verstand brauchte. Er würde warten. Zeit spielte für ihn schließlich keine Rolle mehr …

Geschenke

Elenór blickte verwundert auf, als die Tür des Kinderzimmers sich langsam öffnete, und beendete mit einem winzigen Schnippen der Finger den Zauber, den sie für Aleríà erzeugt hatte.

„Ist etwas vorgefallen?“, fragte sie ihren Mann, der soeben eingetreten war und dessen Erscheinen ihr leichtes Unwohlsein bereitete.

„Nein, mein Herz. Wir haben bloß einen Besucher, der unsere Tochter kennenlernen möchte“, lächelte er beruhigend und bedeutete jemandem in seinem Rücken mit einer einladenden Handbewegung näherzutreten.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte Elenór den Mann an, den sie vor vielen Jahren schamlos hintergangen hatte. Sie konnte nicht glauben, dass Lucius zurückgekehrt war, es durfte nicht sein. Ihren Gefühlen widersprechend, besann sie sich sogleich und wahrte das Gesicht, indem sie ihn mit gespielt teilnahmslosem Blick musterte.

Er wirkte älter, als er eigentlich war. Seine Kleidung war durch eine anscheinend lange Reise stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Sogar winzige Löcher konnte sie am Saum seiner dunklen Hosen ausmachen. Ebenso zeichnete sich sein weiteres Erscheinungsbild durch ein wettergegerbtes Gesicht aus, in dem zu ihrem Erstaunen, was sie nicht verbergen konnte, keine Narben erkennbar waren.

„Dein Gesicht … Die Narben sind verschwunden …“, keuchte sie überrascht.

„Du täuschst dich, Liebling. Gerade eben hatte er noch die … Wo sind sie hin?“, fragte nun ebenfalls ein verdatterter Armand.

„Magie, Bruderherz. Magie … Ich will doch meine süße kleine Nichte nicht mit solch einer entstellten Fratze zum Weinen bringen.“

„Seit wann beherrschst du die Kunst der Magie?“

„Schon eine ganze Weile, aber es geht leider nie über winzige Illusionen hinaus“, erklärte Lucius beiläufig, doch in seiner Stimme schwang eindeutig eine andere Botschaft mit: Gefällt dir, was du siehst?

Derweil schritt er langsam und bedächtig auf Aleríà zu und hielt sie mit Argusaugen gefangen.

Gerade als er die Hand nach dem Kind ausstrecken wollte, um es zu berühren, schnellte Elenórs Hand vor und hielt ihn zurück.

„Was ist los, meine Liebe? Fürchtest du etwa, dass ich deinem kostbaren Schatz etwas antun könnte?“, lachte er leise, während Elenór zögernd die Hand von ihm nahm und ihn gewähren ließ.

„Hallo, Kleines“, säuselte er und streichelte dem Mädchen flüchtig über die Wange, wobei ihre kleinen runden Augen jede seiner Bewegungen scheinbar erwartungsvoll verfolgten.

„Ich sehe schon, du weißt, dass ich etwas für dich habe …“, lachte Lucius leise und zog ein kleines, an einer Kette baumelndes Medaillon in Form eines Herzens hervor. Es glänzte golden im flackernden Kerzenschein, bis plötzlich das Licht auf einen winzig kleinen Edelstein traf, der es in die Farben des Regenbogens spaltete und das Zimmer in eine wahre Traumwelt verwandelte.

Jauchzend vor Freude sprang Aleríà auf und drehte sich im Kreis. Sie ließ die Farben auf sich wirken, die wie gutmütige Schatten um sie herumtanzten.

Blitzschnell verschwand der Anhänger aus Aleríàs Blickfeld, als Elenór ihn an sich riss.

„Sie ist noch zu klein für solch ein Spielzeug“, erklärte sie. „Danke, dass du an sie gedacht hast, aber bis sie älter ist, werde ich es für sie aufbewahren. Einverstanden?“, fügte sie versöhnlich hinzu.

Mit einem wissenden Lächeln verneigte sich Lucius vor ihr.

„Ich hoffe, dass sie sich eines Tages genauso daran erfreuen wird, wie du es tust …“

Misstrauisch blickte sie ihm hinterher, während er würdevoll das Zimmer verließ.

Kaum hatte er die Eingangshalle betreten, ergriff Lucius sogleich seinen Mantel und wandte sich zur Tür.

„Du willst uns schon verlassen?“, fragte Armand, der ihm eilig gefolgt war.

„Ja, ich denke, es ist an der Zeit, wieder nach Hause zurückzukehren. Ich war schon viel zu lange fort und außerdem glaube ich, dass deine geliebte Frau nicht allzu begeistert von meiner Anwesenheit war.“

„Du irrst dich. Sie hat sich sehr gefreut, dich nach so langer Zeit wiederzusehen“, versuchte Armand, seinen Bruder zu überzeugen, was für Lucius wie blanker Hohn klang und sein hitziges Blut erneut in Wallung brachte.

„Nun, dann richte ihr doch noch etwas von mir aus … Ich freue mich auf das alles verzehrende Feuer der Leidenschaft …“, wisperte er Armand ins Ohr und wandte sich der Tür zu, die mit einem lauten Krachen hinter ihm ins Schloss fiel.

Gerade als er durch das Tor schritt und auf seinem wartenden Rappen aufsaß, ließ er den Blick ein letztes Mal über das Anwesen gleiten.

Alle Fenster waren hell erleuchtet und hinter jedem vermutete er ein Leben, welches sich auf eine ruhige, geruhsame Nacht einstellte. Bis sein Auge einen leicht wehenden Vorhang in Augenschein nahm, hatte er mit tiefster Verachtung zu dem Haus emporgeblickt, doch die Gestalt, die ihn mit Smaragden zu durchbohren schien, verdiente diesen Hass nicht. Nein, sie besaß weiterhin seine unerschöpfliche, grenzenlose Liebe.

Elegant zog er einen imaginären Hut vor ihr und gab seinem Pferd die Sporen, um kurz darauf mit der Nacht zu verschmelzen.

Es war nur ein kurzer Ritt, bis Lucius wieder bei ihm war. Seinem Meister, der ihn seit Jahren mit seiner Gunst speiste, allein ihm hatte er seine Macht zu verdanken.

Willkommen zurück, mein treuer Diener. Hast du deine Aufgabe erledigt, so wie ich es dir aufgetragen habe?

„Ja, mein Meister“, flüsterte Lucius und kniete ehrfürchtig vor seinem Herrn und Gebieter nieder. „Das Medaillon ist überbracht und an die Hexe gegangen, für die es gedacht war …“

Du musst mich nicht belügen … Ich weiß, wie es um deine Gefühle zu ihr steht …

„Vergebt mir, Meister …“, flüsterte Lucius demütig, während der Geist, zuerst wütend, nun wieder versöhnlich, seinen Körper und auch seinen Geist umschmeichelte.

Vertrau mir, sie wird bald dein sein … Der Vollmond ist nahe … Das Tor ist schwach und wird unserem nächsten Angriff nicht mehr standhalten … Dann, ja dann wird die Welt endlich wieder zu dem werden, was sie einst war … Ein Ort, der verschlungen wird von Hass, Tod und Verderben … Mein Chaos …

Traum oder Erinnerung?

Flackerndes Licht tanzte hinter ihren geschlossenen Lidern. Rötlich schimmerte es von überall her und versetzte Aleríà in Angst und Schrecken.

Schatten tanzten, dämonengleich, um sie herum und vollführten die kuriosesten Tänze und Verrenkungen, die Aleríà jemals gesehen hatte.

Sie wollte laufen, fliehen vor den schattenartigen Wesen, die sich ihr unaufhaltsam näherten, doch sie konnte nicht. Eine unsichtbare Macht schien sich ihrer bemächtigt zu haben und sie an jeglicher Bewegung hindern zu wollen.

Sie begann zu wimmern. Hoffte, dass ihr jemand antworten und zu Hilfe eilen würde, aber das seltsam vertraute und zugleich fremde Knistern um sie herum war zu laut und durchdringend, als dass man sie hätte hören können.

Gerade als sie den Blick noch einmal heben wollte, um sich Hilfe suchend umzusehen, prasselten sie wie ein Höllenfeuer auf sie ein – Schreie.

Von allen Seiten drangen sie zu Aleríà, die hilflos mit anhören musste, wie alles um sie herum zugrunde ging. Männer, Frauen, Alte, Junge; jeder Laut klang höllischer und gequälter als der vorherige.

Mit beiden Händen hielt sie sich die Ohren zu, doch jeglicher Versuch scheiterte. Es war, als kämen die Schreie nicht aus ihrer unmittelbaren Umgebung, sondern aus Aleríàs Innerem selbst. Als wären die Qualen Unzähliger in ihre Seele eingebrannt und hätten endlich ein Ventil gefunden, um sich bemerkbar zu machen.

Der Drang fortzulaufen keimte erneut in ihr auf, doch zweifelte ihr Verstand daran, dass es dieses Mal funktionieren würde. Trotzdem reagierte ihr Körper wie von selbst und zu ihrer Verwunderung konnte sie sich bewegen. Sie bewegte erst den einen, dann den anderen Fuß – es funktionierte.

Kaum dass sie sich aufgerichtet hatte, erblickte sie den Grund für ihre plötzliche Beweglichkeit. Sie war von einem matten Schimmer umgeben, der ihre Haut wie das Licht des Mondes flirren ließ.

Folge mir, Aleríà, flüsterte eine Stimme, während sich ein fast handtellergroßer Schmetterling, der vollständig aus Kristall zu bestehen schien, vor ihr materialisierte. Er flatterte aufgeregt vor ihr auf und nieder.

Beeil dich, sonst bekommt er dich …

Panik überfiel Aleríà, obwohl ihr nicht klar war, weshalb sie sich eigentlich fürchtete. Sie spürte instinktiv, dass der Schmetterling recht hatte. Sie musste hier weg!