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Als Priester eines unsterblichen Schattenvolkes ist es Levions Pflicht, zu Ehren seiner Göttin Frauen die Unschuld zu rauben. Als ihm dafür jedoch die schöne Mira zugeführt wird, die sich nicht in ihr Schicksal fügen will, kommt seine Ergebenheit gegenüber der Göttin ins Wanken. Die Leidenschaft, die zwischen ihm und Mira aufflammt, zeigt ihm, wonach er sich ein Leben lang gesehnt hat. Doch gerade jetzt ist sein unbeirrbarer Glaube nötig, denn es erheben sich dunkle Mächte und drohen, die Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern. Wird es ihm gelingen, die Frau, die er liebt, vor diesen zu beschützen? (ca. 450 Seiten)
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Seitenzahl: 563
Veröffentlichungsjahr: 2016
ANGELA AIDEN
Schattenpriester
Das Opfer der Göttin
Als Priester eines unsterblichen Schattenvolkes ist es Levions Pflicht, zu Ehren seiner Göttin Frauen die Unschuld zu rauben. Als ihm dafür jedoch die schöne Mira zugeführt wird, die sich nicht in ihr Schicksal fügen will, kommt seine Ergebenheit gegenüber der Göttin ins Wanken. Die Leidenschaft, die zwischen ihm und Mira aufflammt, zeigt ihm, wonach er sich ein Leben lang gesehnt hat. Doch gerade jetzt ist sein unbeirrbarer Glaube nötig, denn es erheben sich dunkle Mächte und drohen die Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern. Wird es ihm gelingen, die Frau, die er liebt, vor diesen zu beschützen?
Der Mann zog sein Schwert. Er wollte kämpfen? Nun gut. Mit einem lauten Schrei riss er es in die Höhe und ging auf Levion los. Doch dieser brachte sich mit spielerischer Leichtigkeit aus der Gefahrenzone. Der Hieb landete in der Leere und hätte den untersetzten Kerl beinahe umgeworfen, jedoch nur beinahe. Stattdessen fuhr er herum und schlug ein weiteres Mal in Richtung seines Gegners. Dieses Mal parierte Levion das Schwert und lenkte die Wucht des Aufpralls mit reiner Muskelkraft zurück auf seinen Urheber. Der Mann erschauerte, doch er gab nicht auf.
Bevor er einen neuen Angriff wagen konnte, hatte Levion ihn am Hals gepackt und ließ ihn zehn Zentimeter über dem Boden baumeln. »Du wagst es …«
Der Kerl gab nur ein schwaches Röcheln von sich, während er um Atem kämpfte und in seinen Augen Todesangst erkennbar wurde. Verzweifelt versuchte er sich zu befreien, doch die unnachgiebige Hand erlaubte kein Entkommen. Für einen winzigen Moment überlegte Levion, welche Maßnahmen wohl gerecht wären. Doch da hob der Kerl bereits sein Schwert. Die Klinge verfehlte Levions Oberkörper nur um Millimeter. Empört über diesen Vorstoß schleuderte er den dicklichen Trottel an die nächste Hauswand.
Mit einem jämmerlichen Schmerzensschrei sackte dieser dort zusammen und griff sich an den Hals. Er atmete zweimal tief durch, dann kam er schwankend wieder auf die Beine.
Sie kämpften einige Hiebfolgen, doch dieser Idiot hatte nicht die geringste Chance. Und das, obwohl Levion nur seine halbe Kraft einsetzte! Wie dumm war der Kerl eigentlich, dass er sich auf einen Kampf eingelassen hatte?
Wusste er nicht, dass sein Gegenüber ein Kriegerpriester war? Einer von jenen, die von der guten Göttin Andra dazu auserkoren waren, die elenden Sünder zu bestrafen, welche die heiligen Gesetze mit Füßen traten, und genau so einen Mann hatte Levion gerade vor sich. Da war es ihm auch vollkommen gleich, dass es tiefste Nacht war und dass es in Strömen regnete. Ihm konnte keiner entkommen und wenn ein Sünder sich, wie dieser hier, noch nicht einmal reumütig zeigte, kannte er auch keine Gnade.
Es war an der Zeit diesem Trauerspiel von einem Kampf, das sein Gegenüber ihm lieferte, ein Ende zu setzen. Levion holte aus und hieb einmal hart auf das Schwert des Mannes ein. Die Klinge begann in dessen Händen zu erzittern. Er konnte sie nicht mehr halten. Klirrend fiel sie zu Boden.
Dann hob Levion blitzschnell sein Katana und legte es dem Mann an den Hals. Der Sünder schrie, doch Levion drückte nur ein wenig fester zu. Es war offensichtlich, dass jener nicht damit gerechnet hatte, dass der Priester ihn so leicht besiegen würde. Wer war schon so dumm und wagte einen Kampf, den er nur verlieren konnte? Doch was war das, was da in des Mannes Augen erschien? Hatte er Angst? Oder war es am Ende …?
»Ich flehe Euch an, bitte, verschont mich!« Levion ließ das Schwert keinen Millimeter sinken. Gefühle wie Mitleid hatte er schon vor langen Jahren abzuschalten gelernt. »Ich tue alles, was Ihr verlangt! Nur bringt mich nicht um!« Dieser Haufen Elend vor ihm flehte um Gnade?
»Bereust du deine Tat?« Levion machte sich keine Mühe seine Stimme weniger kalt klingen zu lassen oder die Gefahr einzudämmen, die in Wellen von seinem Körper abstrahlte. Sein Wille war Gesetz.
Der Mann nickte leicht, darauf bedacht, den Druck des Schwertes an seiner Kehle dadurch nicht zu erhöhen, und begann zu weinen.
»Und du bist bereit Sühne für sie zu tun?« Wieder nickte der Mann, nur dieses Mal kam ein noch größerer Schwall Tränen aus seinen Augen und vermischte sich mit dem Regenwasser auf seiner faltigen Haut.
»Dann wirst du zu deiner Frau gehen und ihr alles gestehen, auf dass sie über dich richte. Außerdem wirst du eine Entscheidung treffen. Für oder gegen sie! Solltest du dich aber gegen sie entscheiden, dann sei gewarnt: Die Göttin wird eine gerechte Strafe für deinen Eidbruch finden! In diesem Fall kommst du zu mir, um dich dieser zu unterziehen.«
Der Mann schluckte, und er hatte auch allen Grund dazu. Levion war sich nicht sicher, ob der Kerl wirklich bereit war zu bereuen, doch die Angst zwang dessen Geist zu einem Einverständnis.
Auf das leise gehauchte »Ja« hin ließ Levion sein Katana sinken. Das war die letzte Chance, die er diesem Sünder ließ. Wenn er sein Versprechen aber nicht hielt, dann würde Levion dafür sorgen, dass die Strafe qualvoll ausfallen würde!
Der Mann sah ihn mit verzweifelten Augen an. »Deine Entscheidung!«, fügte Levion noch einmal warnend hinzu. »Aber ich rate dir, diese Entscheidung bald zu treffen!«
Goldene Strahlen der Abendsonne trafen auf die schlichte Holztür, als Mira sie absperrte. Das alte Rathaus am Abend zu verlassen war wirklich das Beste an ihrem Job. Dabei waren es weniger ihre Aufgaben dort als vielmehr, für wen sie diese erledigte. Doch wählerisch zu sein, konnte sie sich nicht leisten. Ganz im Gegenteil, sie musste dankbar dafür sein, überhaupt etwas Geld zu verdienen, was ihr Boss sie nur zu gerne spüren ließ.
Ihr war nie viel Glück beschieden gewesen, und sie hatte bereits früh lernen müssen, auf eigenen Beinen zu stehen. Seit sie zu ihrem Volk zurückgekehrt war, mochte ihr Leben einfacher geworden sein, doch das änderte nichts an der Grundsituation und vor allem auch nichts an jenem schicksalhaften Ereignis, das ihr gesamtes Leben geprägt hatte. Daher sollte sie wohl besser über die Schwierigkeiten hinwegsehen, die man ihr tagtäglich in den Weg stellte – sie hatte schon Schlimmeres durchgemacht –, und sich nicht darüber ärgern, dass, so wie jetzt gerade mal wieder, die Tür klemmte.
Sie stemmte sich mit ihrem ganzen Gewicht dagegen. Mit einem protestierenden Ächzen drehte sich der Schlüssel. Vielleicht wäre es an der Zeit, sich über die schlechten Bedingungen zu beschweren. Andererseits wusste sie auch gar nicht so genau, wie lange sie überhaupt hierbleiben wollte. So lange, bis sie etwas Besseres fand. Doch wie lange würde das sein? Sie schob den Gedanken beiseite. Träumereien und Fragen, wie ihr Leben wohl aussähe, wenn es einen anderen Weg genommen hätte, halfen ihr nicht weiter und ließen sie nur vergessen, dass sie ihre Gründe gehabt hatte, von den Menschen zurückzukehren, und ein jeder hing mit der Tatsache zusammen, dass sie eben kein Mensch war. Nicht, dass sich ihre Art optisch besonders von diesen unterschieden hätte. Sie waren diesen sogar in vielerlei Hinsicht ähnlich. Zumindest bis auf die Tatsache, dass sie unsterblich waren und übernatürliche Kräfte besaßen. Nicht, dass Mira unsterblich war, noch nicht …
Als sterbliches Wesen in einer unsterblichen Gesellschaft wurde sie nicht ausgegrenzt, aber viele Ämter konnte man erst nach dem Übergang besetzen. Zuvor wurde die vermeintliche Schwäche als Hinderungsgrund angesehen.
Sie seufzte und betrachtete die alte, ramponierte Tür. Sie würde einfach abwarten müssen. Dann wandte sie dem ungeliebten Gebäude den Rücken zu. Zeit für etwas Entspannung. Sie liebte die laue Abendluft, die ihr übers Gesicht strich, und sie musste ja nicht sofort in ihr einsames Zuhause zurückkehren. Ein Waldspaziergang war da genau das Richtige. Ja, das war ein guter Plan. Sie holte tief Luft und machte sich auf den Weg durchs Dorf.
Der Name der Ansiedlung war Dregen. Sie war nicht groß. Kleine steinerne Häuser mit weiß gestrichenen Fassaden reihten sich entlang der Straßen aneinander, umgeben von Gärten, in denen die schönsten Sommerblumen blühten oder Obst und Gemüse gedieh. Nur wenige Gebäude waren größer, so wie das Rathaus. Sie hatten die verschiedensten Baustile, doch auch sie gliederten sich gut in das ländliche Ambiente ein, das nur selten vom Lärm fahrender Autos gestört wurde, da nur wenige in ihrem Volk überhaupt welche besaßen. Es war einfach nicht erforderlich bei den Fähigkeiten, welche die unsterblichen Mitglieder ihrer Gesellschaft hatten.
Sie warf einen Blick auf ihr Handy, um die Uhrzeit zu prüfen. Da es Anfang Sommer war, hatte sie noch ein paar Stunden, bis die Sonne unterging. Ja, ihr Volk nutzte moderne Technik. Gerade die jüngeren Mitglieder, aber inzwischen auch viele der älteren, hatten den Nutzen von elektrischem Strom und diversen Geräten erkannt, die den Alltag erleichterten. Einige hatten inzwischen sogar einen Fernseher, und das, obwohl die Programme der Menschen keine Bedeutung für sie hatten. Fortschritt und ein gewisses Maß an Anpassung waren für ein unsterbliches Volk auf lange Sicht überlebensnotwendig.
Dem gegenüber stand jedoch bei Miras Volk eine Vielzahl alter Werte, die sich in den gesetzlichen Strukturen und religiösen Ansichten zeigte. Denn Unsterbliche gaben Altbewährtes nicht einfach auf, und nicht jedem jahrhundertealten Wesen fiel die Weiterentwicklung leicht.
Mira sah zu, wie ein Kind über die schmale ungeteerte Straße sprang, bei dem Versuch, einen Schmetterling einzufangen, den es aber einfach nicht zu fassen bekam. Stattdessen schallte die tadelnde Stimme seiner Mutter aus einem angrenzenden Haus. Der Anblick von Kindern war aufgrund der Unsterblichkeit ihres Volkes selten, und er ließ Mira schmunzeln. Das kleine Mädchen sah sie nur mit großen Augen an, bevor es zurück zum Haus seiner Eltern lief. Gerade diese friedliche Szenerie war es, die den Zauber von Dregen ausmachte. Das Dorf war viel ruhiger als die Siedlungen der Menschen. Eigentlich verrückt, dass die Menschheit nicht einmal die Existenz von Miras Volk erahnte … aber auch verdammt notwendig. Das hatte sie gelernt, als sie unter ihnen gelebt hatte.
Sie gehörte zu einem der verborgenen Völker, was konkret hieß, dass keiner riskieren durfte, dass ein Mensch ihre übernatürliche Art erkannte. Bei ihrer geringen Anzahl und ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten hätte das schnell zu einer Ausrottung führen können. Die Menschen fürchteten, was sie nicht verstanden. Das war der Grund, weshalb ihr Volk meist unter sich blieb und sich in diesen wenig besiedelten Teil von Osteuropa zurückgezogen hatte. In ein Gebiet, das unter dem Schutz ihrer Göttin stand und somit für die Menschen uninteressant war.
Sie selbst nannten sich die Tagwanderer, da sie im Gegensatz zu den meisten verborgenen Völkern am Tag wachten und nachts schliefen. Etwas, das sie den Menschen ähnlicher machte als manche anderen.
Vampiren fiel es beispielsweise wesentlich schwerer, ihre Natur zu verbergen. Was ausfahrbare Reißzähne und eine gewisse Abneigung gegen Sonnenlicht nicht alles bewirken konnten … und natürlich der ständige Hunger nach Blut, der sie dazu zwang, näher bei ihrer Beute zu leben. Auch Gestaltwandler hatten es nicht gerade einfach, solange sie ihre Verwandlungsfähigkeit noch nicht vollkommen im Griff hatten. Über andere Völker wollte Mira lieber gar nicht erst nachdenken.
Wirkliches Mitleid empfand sie für diese allerdings ohnehin nicht. Das hätte wohl kein Tagwanderer verspürt, nicht nach dem, was in der Vergangenheit zwischen den Rassen vorgefallen war.
Ein Windstoß blies Mira ihre lange goldene Mähne ins Gesicht. Sie steckte sich die Haare wieder hinter die Ohren und hob ihr Kinn ein wenig höher. Ein Sturm würde sie nicht von ihrem Vorhaben abbringen!
Das Waldgebiet, das Mira aufsuchen wollte, war nicht weit vom Dorf entfernt. Es grenzte direkt an die strengen Gärten. Das war das Schöne an der Gegend. Es gab Wälder, aber auch Wiesen und sanfte Hügel. In der Nähe der Dörfer wurden Felder bestellt, während weiter draußen die wilde Natur ihre gesamte Pracht zeigte. Mira liebte dieses Gebiet, nicht zuletzt, weil die ruhigen Bänke am Waldrand zum Verweilen einluden, aber an diesem Tag brauchte sie mehr Entspannung, um ihre Gedanken von der Arbeit zu lösen. Da benötigte sie den Frieden, den ihr nur der dunkle kühle Wald schenken konnte, so wie er es schon immer getan hatte.
Sie hatte dessen Rand schon fast erreicht und spürte, wie die Freude unter ihrer Haut zu prickeln begann, als plötzlich ein Windhauch an ihr vorbeizog. Im nächsten Moment stand eine Frau mit weißblondem Haar bis über die Hüften und Augen, so blau, dass man darin hätte versinken können, vor ihr.
»Stella!« Mira konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Ihre beste und zugleich einzige Freundin warf sich die Haare über die Schulter, eine Geste, die fröhlich, locker und vollkommen unbewusst war. Trotzdem hätte sie jeden Mann in einem weiten Umkreis, dazu gebracht, Stella sehnsüchtig anzustarren. Die unsterbliche Schönheit hatte eine Ausstrahlung, die einfach nur beneidenswert war, und mit der Mira nicht im Geringsten mithalten konnte.
»Machst du einen Waldspaziergang? Kann ich mitkommen?«
Stellas Blick war so hoffnungsvoll, dass Mira nur zu gerne annahm. Stella gelang es immer, Mira aufzuheitern. Trotzdem zog sie die Augenbrauen hoch, als Stella sich zu ihr gesellte. »Machst du deine Spaziergänge nicht lieber mit Rados?«
Sofort flog deren Kopf herum, und auf ihrem Gesicht stand eine gespielte Empörung, die das strahlende echte Leuchten aber nicht überdecken konnte. Allein schon die Erwähnung von Stellas Verlobten, zauberte dieser ein zutiefst glückliches Lächeln ins Gesicht. »Das ist überhaupt nicht wahr. Außerdem hat er etwas zu tun … für die Hochzeit.«
»Dann ist es bald so weit?«
»Ja«, Stella machte einen kleinen Luftsprung, »wir haben einen Termin!« So unbesorgt und lebensfroh war diese schon immer gewesen, und seit sie die Hochzeit plante, galt das noch umso mehr. Mira freute sich für die beiden, doch weckte es auch ein dunkles Ziehen tief in ihrem Inneren, das sie nicht so ganz begriff.
Doch ehe sie Stella weiter ausfragen konnte, hatte diese die Veränderung bereits gemerkt und die Augen verengt. »Moment mal, was hat dein Boss heute wieder angestellt?« Mira war froh, dass jene den Stimmungsumschwung nur auf Harold, den Dorfvorsteher, schob, obgleich sie nicht vorhatte herumzujammern. Der Kerl war ein Scheusal, und das galt noch mehr nach dem, was sie über ihn herausgefunden hatte. Doch Stellas fröhliches Lächeln zu zerstören, indem sie ihr das ganze Ausmaß von dessen Taten offenbarte, brächte Mira nicht übers Herz. Sie hatte immer das Gefühl gehabt, ihre Freundin beschützen zu müssen.
Selbst als Stella Rados vorgestellt hatte, war Mira zuallererst skeptisch gewesen, hatte Sorge gehabt, der attraktive wie dreißig aussehende Mann, der tatsächlich aber deutlich älter war, könne jener wehtun. Könnte die unschuldige Frau verletzen, indem er in ihr nur einen vorübergehenden Zeitvertreib sah. Doch diese Sorge war schnell verschwunden, als sie das Glück in Stellas Augen gesehen hatte, während diese von der bevorstehenden Hochzeit berichtet hatte.
Stella hatte ihn auf einem Dorffest zu Ehren der Göttin kennengelernt, an dem Mira nicht teilgenommen hatte. Noch in der Nacht hatte Stella angerufen, und sie wäre vor Freude beinahe geplatzt. Mira hatte nur einen skeptischen Blick auf den Wecker werfen und die Stirn runzeln können. Es war sechs Uhr morgens gewesen. Aber das war egal. Stella durfte sie zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen, was auf Gegenseitigkeit beruhte. Etwas, wovon Mira jedoch nur sehr selten, wenn überhaupt Gebrauch machte.
Stella hatte ihr den Mann in allen Einzelheiten beschrieben. Von den kurz geschnittenen dunklen Haaren über den muskulösen Körperbau bis hin zu der etwas bestimmenden, aber gleichzeitig auch stolzen Art, die dieser so gefiel. Natürlich war Stella niemand, der sich leicht unterordnete. Sie konnte durchaus einen Mann mit ihrem Charme rumkriegen, auch wenn sie sich dieser Manipulation nicht bewusst war. Nein, sie war vollkommen unschuldig.
»Du siehst aus, als hättest du dich schon wieder geärgert«, fragte Stella mit schräg gelegtem Kopf und ließ damit nicht locker, was Miras Boss anging.
Sie seufzte. »Nicht von Bedeutung.«
Jetzt starrten die ungewöhnlich saphirblauen Augen sie streng an. »Wenn du so dreinschaust, ist es durchaus von Bedeutung. Was war los?«
»Nur wieder das Übliche«, log sie. Doch auch das Übliche reichte bei diesem Mistkerl vollkommen. »Er hat mich heute gefühlte hundertmal in sein Büro bestellt, und seine Laune war miserabel.« Etwas, woran sie wohl nicht ganz unschuldig war. »Das erste Mal rief er mich, weil er einen Kaffee wollte. Das zweite Mal, weil ihm der Kaffee nicht warm genug war. Das dritte Mal, um mich anzufauchen, weil …« Mira schüttelte den Kopf. Nein, Stella sollte sich keine Sorgen um Mira machen müssen, nicht wegen solcher Lappalien. Harold hatte sie abgestellt, einen überfälligen Brief an ein anderes Mitglied des Dorfrates zu überbringen, und sich aufgeregt, dass sie dies noch nicht längst erledigt hatte. Dabei war sie sich sicher, dass er noch am Morgen an den Zeilen gearbeitet hatte.
Sie griff nach einem herabhängenden Ast. Das Moos darauf fühlte sich kühl und beruhigend an. Diese Waldspaziergänge hatten ihr schon immer die nötige Ruhe gegeben, um wieder klar denken zu können, wenn etwas sie geärgert hatte. Doch eigentlich war es viel mehr, was sie damit verband.
Bevor ihre Gedanken abdriften konnten, unterbrach Stella ihren Fluss: »Er scheucht dich nur herum.« Da hatte sie nur zu sehr recht, und die Unterstützung tat Mira gut. Sie ließ ihre Hand wieder herabgleiten und fiel in einen gemächlichen Schritt. Der Waldboden knirschte unter ihren Füßen.
»Und jedes Mal rief er mich für irgendwelche unbedeutenden Kleinigkeiten.« Wie beispielsweise, um ihr eine Standpauke zu halten, weil sie angeblich seine Unterlagen weggeräumt hätte, die er dringend auf seinem Schreibtisch bräuchte. Nur hatte sie diese nie in der Hand gehabt. Genauso wenig wie den Brieföffner, den er eine Stunde später gesucht hatte. »Und da war es noch nicht einmal Mittag«, fügte sie hinzu.
Das warme, verständnisvolle Lächeln der weißblonden Frau wurde nur noch intensiver. Stella mochte noch nie den Ernst des Lebens gesehen haben, der väterliche Reichtum und die Zuneigung, die ihr fast jeder augenblicklich entgegenbrachte, mochten ihr geholfen haben, eine unbeschwerte Kindheit und Jugend zu haben, doch fehlte ihr deshalb nicht das Mitgefühl. Stella hatte Mira immer zur Seite gestanden, seit sie zu ihrem Volk zurückgekehrt war. Stellas angesehener Vater hatte Mira sogar eine kleine Wohnung angeboten, die sie gerne genommen hatte, auch wenn sie darauf bestanden hatte, Miete zu bezahlen.
»Sag nicht, der ganze Nachmittag verlief ähnlich?« Damit hatte Stella so was von recht, und doch …
»Versteh mich nicht falsch, ich bin froh, dass ich einen Job habe, aber …« Sie hatte die halbe Dorfbibliothek durchgelesen bei dem Versuch, etwas zu finden, mit dem sie Harold unterstützen konnte. Zugegeben, das war nicht ganz uneigennützig gewesen, schließlich liebte sie es, mehr über alles Übernatürliche herauszufinden, und eine Bibliothek war die schönste Spielwiese für sie.
Aber sie wollte nützlich sein. Ihrem Boss hin und wieder einen Kaffee zu kochen war in Ordnung, oder wäre es gewesen, wenn er sie nicht jedes Mal angefaucht hätte, wo dieser bliebe. Aber das war doch nicht alles? Sie konnte damit leben, einfache Aufgaben zu übernehmen, wenn diese dazu beigetragen hätten, etwas zu bewegen. Wenn Harold nur ein bisschen Vertrauen in ihre Fähigkeiten aufgebracht hätte … Aber wer war sie schon, dass sie sich hätte beschweren können.
Stella verstand sie auch ohne Worte. »Harold weiß dich überhaupt nicht zu schätzen.« Das wusste er wirklich nicht. Aber wie konnte Mira ihm das verübeln. Ihr Blick wanderte in die Ferne. Sie war ein Niemand. Noch sterblich, ohne die Ausbildung ihres Volkes aufgewachsen und geplagt von einer Vergangenheit, die niemals wieder ganz ihre Klauen aus ihrer Haut ziehen würde.
Doch damit würde sie Stella nicht belasten, die so froh gewesen war, dass Mira überhaupt noch lebte. Die Details brauchte die Freundin nicht zu kennen. Mira würde nie durchblicken lassen, wie sehr die Zeit bei den Menschen sie verletzt hatte. Denn einen Teil von ihr hatte diese Zeit für immer zerstört.
Schnell beugte Mira sich hinab, um ihren Schuh neu zu binden. Das war zwar nicht nötig, aber sie wollte auf keinen Fall riskieren, dass Stella Miras momentane Stimmung erriet, wenn sie in plötzliche Stille verfiel. Die Beschäftigung gab ihr Zeit, ihre Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen.
Als sie wieder aufstand, waren alle aus ihrem Gesicht verbannt.
»Aber hey, eines Tages wirst du Harold begegnen, und er wird sich wünschen, er habe dich niemals schlecht behandelt! Dann wird er erkennen, was er an dir hatte, doch dann ist es längst zu spät, und du hast viel wichtigere Aufgaben.« Mira musste schmunzeln über Stellas Optimismus, denn auch wenn sie ihn nicht teilte, wärmte er doch ihr Herz von innen heraus. Auszudrücken, wie dankbar Mira ihrer Freundin war, war unmöglich, doch glücklicherweise auch nicht nötig. Sie legte Stella den Arm um die Schulter und drückte sie kurz, aber herzlich, was diese mit einem offenen Lächeln quittierte. Wenig später kehrten sie zum Dorf zurück.
Sie hatten den gepflasterten Marktplatz fast erreicht, das Zentrum von Dregen. Als sie darauf zugingen, schwoll ein Gewirr geschäftiger Stimmen an. Dort hatte sich eine große Menge versammelt. Um diese Uhrzeit? Weshalb sollte jetzt noch eine öffentliche Sitzung des Dorfrates sein?
Sie gesellten sich zu den Wartenden und betrachteten die Herren auf dem Podium. Schließlich trat Harold, der Dorfvorsteher, vor die Menge, der Mira als Dienstmädchen für alle möglichen niederen Tätigkeiten eingestellt hatte, anstatt ihr von den wichtigen Dingen, wie beispielsweise einer Sitzung, zu erzählen. Der Mann schob eine Wampe vor sich her, und man konnte ihm an seinem dünnen Haar und den Falten auf der Stirn deutlich ansehen, dass sein Übergang zur Unsterblichkeit erst in fortgeschrittenem Alter stattgefunden hatte. »Wir haben uns hier versammelt, um uns einer wichtigen, ehrenvollen Pflicht zu widmen.«
Großartig! Die Ironie in ihren Gedanken konnte sie kaum verbergen. Ein Grund, weshalb sie seine Reden stets verabscheute, war die Tatsache, dass er mit wild fuchtelnden Armen immer alles schönredete und so tat, als wären kleine Entscheidungen des Rates in Wahrheit gewaltige Errungenschaften. Der andere war, dass er ein Dreckskerl war!
»Der Hohepriester lässt verkünden, dass der Feiertag der göttlichen Fruchtbarkeit bevorsteht. Zu diesem Anlass ist es unsere Pflicht, Priester Levion eine Frau für die Riten zur Seite zu stellen.« Er machte eine ausladende Bewegung, um seine Worte zu unterstreichen.
Also keine öffentliche Sitzung zum Wohl des Volkes. Sie hätte es sich denken können. Stattdessen ging es um die alten Rituale zu Ehren ihrer Göttin … Miras Freude schwand dahin.
»Zu diesem höchsten Feiertag ist es uns eine Ehre, ihm eine Frau zu geben, die unserer Göttin würdig ist und die noch nie die Berührung eines Mannes genossen hat. Im Zuge des Rituals der göttlichen Fruchtbarkeit wird sie der Göttin ihre Unschuld als Geschenk darbieten, und dieses Opfer möge uns Nachwuchs bringen und das Land gedeihen lassen.«
Ja, und der Frau würde es Qualen bringen … Mira hielt nichts von all diesen Riten. Oh, sie wusste nicht einmal, ob sie überhaupt daran glauben wollte, dass die Göttin davon etwas mitbekam. Was bitteschön sollte so ein Ritual bringen? Das klang für sie viel zu sehr danach, dass irgendein Priester sich das ausgedacht hatte. War schließlich praktisch für ihn, oder etwa nicht?
Mochte schon sein, dass ihr Volk diese Gottheit, die eben auch die Göttin der Fruchtbarkeit war, für verehrenswert hielt. In jedem Fall war sie um Längen besser als die Alternative, der dunkle Gott Hadon, aber Mira selbst war nie übermäßig gläubig gewesen. Dafür gab es schließlich Priester!
Diese Rituale allerdings waren, egal wie angesehen sie bei ihrem Volk sein mochten, ihrer Meinung nach nichts anderes als eine von höchster Stelle gebilligte Vergewaltigung. Die Frau bewies ihre Ergebenheit gegenüber der Göttin, indem sie zuließ, dass deren Priester sein Vergnügen an ihr auslebte. Da fragte man sich doch, warum Andra, die als gute Göttin galt, es den Frauen nicht ersparte?
»Wir sind hier zusammengekommen«, dröhnte die Stimme weiter, »um die Frau zu wählen, der diese Ehre zuteilwird. Priester Levion wird sie bereits morgen zu sich nehmen.«
Unruhiges Getuschel wuchs in der Menge an. Mira konnte sehen, wie sich einige Frauen, die ganz vorne standen, mit skeptischen Blicken gegenseitig musterten. Die schönen, jungen Unsterblichen machten keinen Hehl daraus, dass sie fürchteten, eine von ihnen würde gewählt werden, und es war auch naheliegend. Diese Frauen sahen bildhübsch aus, und ihre bereits vollständig ausgeprägte Unsterblichkeit ließ sie erstrahlen. Davon war Mira weit entfernt. Ja, diese Frauen wären der Göttin würdig, und das hatten sie wohl auch selbst erkannt. Dennoch freuten sie sich nicht. Es war eher Panik, die aus ihren Blicken sprach.
Mira konnte es ihnen nicht verübeln. Was man sich über diese Rituale erzählte, war … schreckenerregend!
Seine Unschuld einfach so zu opfern, ohne sie jemandem zu schenken, den man liebte, war schon schlimm genug, aber sich auch noch einem Kriegerpriester wie Levion hingeben zu müssen … Allein der Gedanke ließ sie innerlich zusammenfahren!
Wenn es eine Priesterkaste gab, die das Volk fürchtete, dann war es diese, denn ihre Mitglieder verhängten harte und sehr schmerzhafte Strafen für »Vergehen gegen die Göttin«. Kriegerpriester konnten sogar eigenmächtig jeden Tagwanderer ermorden, ohne auch nur die geringsten Folgen fürchten zu müssen. Ein Recht, von dem sie oft genug Gebrauch machten. Heilpriester waren wesentlich lieber gesehen, aber wenn ein Kriegerpriester irgendwo auftauchte … Mira schüttelte einen Schauer ab. Da war immer eine Furcht mit im Spiel. Denn keiner konnte sicher sein, dass der Vollstrecker des Gesetzes der Göttin nicht seinetwegen erschien.
Ein Glück, dass sie für die Auswahl nicht infrage kam! Schließlich war sie sterblich und daher einfach nicht so perfekt. Mira war froh darum. Somit hatte sie noch etwas länger Zeit, sich in Ruhe einen netten Mann zu suchen und bei der nächsten Wahl, wenn sich das Fest in zehn Jahren jährte, nicht mehr jungfräulich zu sein.
Sie betrachtete mit schwindendem Interesse, wie die jungen Frauen in der ersten Reihe nun gegenseitig auf sich zeigten und die Köpfe schüttelten, wenn die anderen sie nominiert hatten. Es war ihnen anzusehen, dass sie am liebsten gegen dieses altertümliche Ritual rebelliert hätten, wenn es denn eine Aussicht auf Erfolg gegeben hätte. Doch keiner der Dorfältesten, die sich währenddessen auf ihrem Podest unterhielten, und am allerwenigsten Harold hätte seine Haut riskiert, um sich dem sakralen Sektor zu widersetzen. Zu groß war die Furcht vor den Kriegerpriestern, die ein Zuwiderhandeln grausam ahndeten.
Aber Mira bezweifelte ohnehin, dass die Dorfräte überhaupt darüber nachdachten, was sie jenen Frauen antaten. Es war schließlich eine Ehre, gewählt zu werden. Wie heuchlerisch! Manche Gesetze hatten in ihrem Volk schon immer existiert und wurden nicht infrage gestellt.
Und eines davon war, dass die Dorfältesten eine außerordentlich schöne Frau zu wählen hatten, die der Göttin würdig war. Was auch immer das heißen sollte …
Mira wollte sich schon abwenden. Zu sehen, wie eine der jungen Frauen ausgewählt würde und dann vor aller Augen vor Schock zusammenbräche, war nichts, woran sie besonders viel Spaß hatte. Wer auserkoren wurde, würde sie noch früh genug erfahren, auch wenn sie den Dorfältesten nicht bei ihren Diskussionen zusah.
Mira wollte gerade gehen, als diese bereits eine Entscheidung verkündeten. Sie zog die Augenbrauen hoch. So schnell? Das war ja mal was Neues! Harold trat nach vorne an das Rednerpult. »Verehrte Dorfmitglieder, die große Ehre, der Göttin zu dienen und unseren Priester Levion zu beglücken« – ließ er das bewusst so gehässig klingen? –, »wird einer ganz besonderen Frau unserer Gemeinschaft zuteil. Wir haben unsere Wahl getroffen und sind der Auffassung, dass keine besser für diese verantwortungsvolle Aufgabe geeignet ist als unsere hochgeschätzte Mira!«
Mira erstarrte. Hatte sie gerade tatsächlich ihren eigenen Namen gehört? Das war nicht möglich! Sie war nicht perfekt! Nicht einmal annähernd würdig für die Göttin. Sie war nicht einmal unsterblich … sie war …
Und dann sickerte die Wahrheit in sie wie Gift. Dieser Dreckskerl! Von wegen die Dorfältesten hatten sie gewählt, weil sie so gut geeignet war … Diese Auswahl war eine Strafe, und so, wie ihr Vorgesetzter sie jetzt anlächelte, war das nur allzu deutlich. Sie hatten sie gewählt, weil sie diesem Scheusal am vergangenen Tag Konter gegeben hatte, und das war nun seine Antwort darauf, sein Zeugnis, dass er nicht einfach aufgab. Wie konnte er nur so etwas tun!
Zugegeben, es war vielleicht nicht ganz richtig gewesen, Harold zu drohen, seine Affäre mit diesem jungen Ding öffentlich zu machen, wenn er es nicht selbst tat. Wahrscheinlich war es auch nicht klug, ihm anzukündigen, dass man es seiner Frau sagen würde, wenn er es nicht beendete. Zunächst hatte er bloß gelacht, dieser arrogante Mistkerl, als sie jedoch seine Frau erwähnt hatte, war er wütend geworden.
Aber sollte Mira einfach so zusehen, wie er diese arme, ältere Unsterbliche betrog? Nur weil er es konnte und diese es niemals selbst herausfände? Der Dorfvorsteher hatte versucht, Mira einzuschüchtern, doch sie hatte darauf bestanden, dass seine Handlungen unrecht waren und dass sie etwas unternehmen würde. Ihr Sinn für Gerechtigkeit hatte sie schon früher in Schwierigkeiten gebracht, aber dieses Mal war die Ironie wirklich großartig! Denn Andra war auch die Göttin der Gerechtigkeit, und jetzt sollte Mira dieser Göttin geopfert werden? Wie konnte das in ihrem Sinne sein?
Nein, das war wirklich nicht gerecht!
Mira spürte alle Blicke auf sich. Die jungen Frauen in der vordersten Reihe japsten erleichtert auf. Nur Stella schlug die Hände vor den Mund. Alle betrachteten Mira mit Überraschung und … Erleichterung. Ihr schnürte es fast den Atem ab. Sie zitterte innerlich vor Wut und Empörung und vielleicht auch ein bisschen vor … Nein, das durfte einfach nicht sein! Sie hatte keine Angst … oder?
»Mira, würdest du bitte zu uns nach vorne kommen?« Ihr Boss lud sie mit einer ausladenden Armbewegung auf das Podium ein.
Keiner sonst sagte etwas. Alle warteten ab, erwarteten von ihr, dass sie sich ihrem Los beugte. Doch das konnte sie nicht! Aber sie wusste auch so zu gut, dass die Entscheidung außer Zweifel stand. Sie konnte nichts sagen oder tun, um es abzuändern, und ganz gleich, ob es gerecht war oder aus rechten Gründen gefällt wurde, wenn es einmal ausgesprochen war … Sie schluckte. Wenn sie sich jetzt dagegen auflehnte, widersetzte sie sich dem Willen der Göttin, und ein Kriegerpriester würde sie dafür bestrafen. Es entbehrte nicht einer gewissen Ironie, dass genau der Priester, dem sie nun gegeben werden sollte, sie auch für ihr Vergehen maßregeln müsste. Entsetzliches Grauen regte sich in ihrem Innersten. Nein, sie wollte wirklich nicht alles noch schlimmer machen.
Also schluckte sie schwer und setzte sich, ganz ohne es zu fühlen, in Bewegung. Die Blicke der Leute lasteten auf ihr, während sie den ganzen Weg bis nach vorne ging. Sie stieg auf das Podest, hörte kaum das Knarzen der Planken unter ihren Füßen. Sie fühlte sich irgendwie betäubt. Der Schock saß zu tief.
Oben angekommen wandte sich der Dorfvorsitzende an die Gemeinschaft. »Seht hier die Wahl der Göttin.« Mira wusste nicht, wie sie es schaffte, aufrecht zu stehen und in die Menge zu blicken. Er deutete auf sie. »Liebreizend, hübsch und unserem Priester mehr als würdig!« Für diesen Dreckskerl hatte sie nur Verachtung übrig. Plötzlich wandte er sich an sie: »Sage der Gemeinschaft – und denk daran, auch die Göttin wird dich hören –, bist du noch unschuldig?«
Sie keuchte auf. Sie wusste, dass diese Frage hatte kommen müssen, aber das machte sie nicht weniger beschämend. Hier vor allen … Das ging schließlich niemanden etwas an! Vielleicht sollte sie besser lügen, das war ihr letzter Ausweg, ihre einzige Möglichkeit, dem noch zu entkommen. Doch sie konnte der Gemeinschaft etwas vormachen, ja, vielleicht sogar sich selbst, aber der Kriegerpriester fände es heraus, wie diese Diener der Göttin es auf seltsame Weise immer taten. Er würde ihr Wort prüfen. Schon der Gedanke schnürte ihr die Luft ab. Wenn sie die Wahrheit verbarg, träfe seine Strafe sie, und das Ritual würde nur umso schlimmer. Sie schluckte noch einmal. Es kam ihr vor, als verhinge sie ihr eigenes Todesurteil, aber … »Ja!«
»Wir überlassen es dem Priester, dies zu bestätigen« sprach der Dorfvorsteher mit seiner salbungsvollen Stimme, die doch nichts als falsch war. Damit löste er die Versammlung auf.
Mira stand noch immer wie vom Blitz getroffen da. Die meisten Dorfbewohner verschwanden nach und nach, aber sie konnte sich einfach nicht rühren. Die Sonne war schon tief in den Westen gesunken. Das war doch nicht möglich, dachte sie verzweifelt. Das konnte doch einfach nur ein böser Traum sein!
Immerhin hatte sie noch drei Tage bis zum Feiertag. Drei Tage für einen Plan, um aus der Sache rauszukommen. Nur wie?
Vor morgen mit einem Mann schlafen? Ja, das könnte funktionieren, aber da sie nun mal ausgewählt worden war, war das verboten und ein schweres Vergehen. Ganz davon abgesehen, dass sie niemanden kannte, mit dem sie freiwillig ins Bett gegangen wäre. Allein schon, dass sie das in Erwägung zog, schockierte sie zutiefst.
Flucht? Das klang schon besser. Doch erneut führte sie sich vor Augen, welch schrecklicher Frevel gegen die Göttin das wäre …
»Aber das darfst du ihr so nicht sagen!« Mira wirbelte herum. Sie musste wirklich in Gedanken gewesen sein. Nicht weit entfernt erkannte sie Stella, die mit Rados … stritt? Das hatte Mira bei den beiden noch nie gesehen.
Die klassische Schönheit mit den saphirblauen Augen fuhr ihren Verlobten an: »Willst du ihr noch mehr Angst machen?«
»Der Priester wird sie im Namen der Göttin durchficken, und das nicht nur einmal … Dieser Levion hat nicht gerade den Ruf, zimperlich zu sein!« Was? Miras Inneres verkrampfte sich.
»Was willst du damit sagen? Dass er auf Schmerzen steht?« Stellas Stimme war brüchig, genau wie Mira sich fühlte. Allein schon der Gedanke ließ ihre Eingeweide gefrieren und unerwünschte, sehr bildhafte Szenen vor ihren Augen entstehen.
Szenen von den groben Händen eines Kriegerpriesters, die sie gewaltsam festhielten, während er gnadenlos mit harten Stößen sein Verlangen befriedigte, Bilder von eisernen Fesseln und … das waren noch nicht einmal die schlimmsten Fantasien. Hatte sie wirklich geglaubt, es könnte nicht mehr schlimmer kommen?
Erst jetzt bemerkte Stella, dass Mira zu ihnen hinübersah, und verpasste ihrem Geliebten einen warnenden Blick und einen Stoß in die Seite. Dieser sah aus, als hätte er jedem anderen für diese Behandlung die Hand abgehackt, aber seine Verlobte hatte wohl einige Privilegien.
Mira zwang sich, die Bilder in ihrem Kopf beiseitezuschieben, damit Stella ihr den Schock nicht ansah, was überraschenderweise funktionierte.
Mit einem verlegenen »Hallo!«, das Stellas Unsicherheit, ob Mira den Streit mitbekommen hatte, nicht überdecken konnte, kam jene zu ihr herüber.
Das weißblonde Haar wehte der Freundin in einer sanften Brise um den Kopf. Sie war wirklich unbeschreiblich schön, erst recht seit sie die Unsterblichkeit erreicht hatte. Ihr blasser Teint und ihre großen blauen Augen rundeten den Eindruck ab, von ihrem Charme ganz zu schweigen. Doch darüber hinaus war es diese sehr liebenswerte Art, die Mira bewunderte.
Dieses Gesamtpaket machte ihre Freundin zur perfekten Frau. Vermutlich hatte Rados deshalb beschlossen, sie nie wieder herzugeben. Obwohl sie erst seit wenigen Monaten zusammen waren, planten die beiden schon die Ewigkeit gemeinsam. Was konnte Schöneres geschehen, als jemandem zu begegnen und sich sicher zu sein, dass er der Richtige für immer war?
Manchmal wünschte sich Mira dieses Glück auch. Sie war noch keinem begegnet, von dem sie sagen hätte können, er habe ihr Herz im Sturm erobert. Nein, alle, die sie bisher kennengelernt hatte, waren irgendwie … uninteressant gewesen. Keiner hatte sie tief berührt, nicht einmal annähernd! Wo war dieses Feuer, das in den Augen ihrer Freundin leuchtete, dieses Gefühl, gar nicht genug bekommen zu können von einem Geliebten? Diese leidenschaftlichen Wünsche, die verborgen in jedem Blick glänzten? Mira kannte nichts davon und sehnte sich doch danach.
Aber wahrscheinlich war es ihre Schuld. Wahrscheinlich hätte sie einfach mehr weggehen müssen, Leute treffen und feiern, so wie Stella. Doch so war Mira nicht. Ihr Leben bestand aus Arbeit, gelegentlichen Treffen mit ihrer Freundin und Spaziergängen durch die Natur. So offen und kontaktfreudig wie Stella konnte sie nicht sein. Nicht nach dem, was dem kleinen Mädchen geschehen war, das sie einst gewesen war und das gelernt hatte, dass man am sichersten fuhr, wenn man niemanden an sich heranließ.
»Oh, Mira, das ist alles so schrecklich!«
Sie zwang sich, ihre Gedanken wieder auf das Wesentliche zu lenken … das Unangenehme.
»Könntest du das Ritual nicht einfach verweigern? Das können die dir doch nicht vorschreiben! Du triffst deine eigenen Entscheidungen!« Doch noch bevor Rados empörter und verärgerter Blick Stella verstummen ließ, sah Mira bereits, dass es lediglich Verzweiflung war, die aus jener sprach. Stella wusste so gut wie sie, dass das unmöglich war.
»Dem sakralen Bereich ist uneingeschränkt Folge zu leisten!«, rief Rados streng. »Du kannst nicht allen Ernstes vorschlagen, die Obrigkeit zu missachten! Bist du lebensmüde?« Stella senkte die Augen und legte eine Hand an seine Brust. Nein, das schlug sie nicht vor. Mira hatte das unsinnige Gefühl, sie beschützen zu wollen, selbst vor Rados, doch dieser zügelte seinen Ärger bereits wieder.
»Nein«, seufzte Stella. Dann ließ sie ihre Hand sinken, und das Mitgefühl trat wieder in ihre Augen, das sie überhaupt erst zu diesen Worten gebracht hatte. »Aber warum du? Ich dachte, die würden keine Sterblichen nehmen.«
Rados, der seinen Arm besitzergreifend um Stellas Taille geschoben hatte, räusperte sich und legte seine Nase an ihren Kopf. »Sterblich oder nicht, das ist gleich, mein Häschen, solange die Frauen schön sind und ihre Körper jungfräulich.« Mira hätte ihn dafür hassen können, dass er das so emotionslos sagte. Der Mann mit den kurzen schwarzen Haaren hatte wirklich die Behutsamkeit eines Trampeltiers!
Offenbar sah man ihr diesen Gedanken an. »Kannst du nicht wenigstens versuchen, auf Miras Gefühle Rücksicht zu nehmen?«
»Und ihr Hoffnungen machen, dass es nicht so schlimm wird?«
Stellas Blick war vernichtend. Er sprach es doch an. Was Mira aber einen Eisschauer über den Rücken schickte, war, wie er es sagte. Jetzt, aus der Nähe, erkannte sie die Gewissheit in seinen Augen. Als könnte es gar nicht anders sein. Ihr Herz setzte mindestens einen Schlag aus.
»Du solltest ihr das Schlimmste besser sagen«, stieß Stellas Freund hervor.
Deren Kopf wurde hochrot, dann wechselte ihr Blick von wütend zu verlegen.
»Was?«, fragte Mira keuchend.
»Nun ja. Rados hat da etwas gehört … über Priester Levion.«
Als Stella sich offensichtlich immer noch zierte, ergriff ihr Verlobter selbst das Wort: »Ist dir das nicht aufgefallen? Der Priester holt dich morgen ab?«
Mira wusste nicht, was er ihr damit verdeutlichen wollte. »Ja, und?«
»Denk mal darüber nach. Wann ist der Feiertag?« Der Feiertag war in drei Tagen, also was … Sie runzelte die Stirn. Nein, er konnte unmöglich das damit andeuten, was sie dachte. Dieser Levion war ein Priester, ein Kriegerpriester noch dazu, er würde niemals gegen die Gesetze seiner Göttin verstoßen, oder?
»Naja, ich weiß ja auch nicht«, schaltete sich ihre Freundin ein, »aber ein bisschen komisch ist das schon, findest du nicht? Dass er dich schon zwei Tage vorher bei sich haben möchte … Zumal andere Priester das nicht machen.« Jetzt, wo ihre Freundin es sagte … Was für einen Grund konnte Levion dafür haben? Wenn nicht … Sie schluckte schwer. »Meint ihr wirklich, er würde mir das antun, mich schon vor dem Ritual zu vergewaltigen …« Sie wollte gar nicht daran denken!
Rados zuckte mit den Schultern. »Wer weiß!« Doch aus seinem Mund klang es wie eine Bestätigung. Miras Angst verwandelte sich in eiskalte Panik. Nicht genug, dass sie zu diesem Ritual gezwungen war, er würde sich womöglich auch noch vorher an ihr vergehen? Die Grausamkeit dieses Mannes kannte offenbar keine Grenzen. Wie sollte sie das überstehen? Schmerzen, drei Tage lang … Sie wischte sich mit beiden Händen übers Gesicht, verharrte einen Augenblick in dieser Position und versuchte sich zu sammeln, doch konnte sie keinen Gedanken finden, der das Potenzial gehabt hätte, sie zu beruhigen. Ihr Herz flatterte.
»Vielleicht …« Rados schien zu überlegen. »… vielleicht kann ich da was machen.«
Mira starrte ihn an.
»Levion muss dem Hohepriester gehorchen und muss sich in religiösen Fragen vor ihm rechtfertigen. Ich kenne da jemanden, der Kontakt zum Hohepriester hat.«
Ehrlich? Das war … Doch Miras Hoffnungen sanken. »Er wird dem Priester eher glauben als mir.«
Rados schüttelte den Kopf. »Mein Kontaktmann hat bereits von den Gerüchten gehört. Er stammt selbst aus dem sakralen Bereich, aber er ist auf deine Aussage angewiesen!« Sie nickte. »Wenn dieser Levion versucht, dich zu vergewaltigen – und erschiene es zunächst auch noch so harmlos –, musst du sofort anrufen! Nur so kann er dir helfen.«
Rados diktierte ihr die Telefonnummer, unter der sie diesen Kontaktmann erreichen konnte, und sie speicherte sie schnell in ihr Handy ein.
Vielleicht könnte ihr Martyrium so verhindert werden. Die Nummer des Kontaktmanns war in jedem Fall eine Notlösung, doch es war riskant, und ob es tatsächlich funktionierte, war mit vielen Fragezeichen behaftet. So nahe wollte sie diesem Levion lieber gar nicht erst kommen.
Rados hingegen wäre sie am liebsten um den Hals gefallen, aber sie hatte Sorge, dass Stella dann eifersüchtig wäre, so wie diese sich gerade an ihn schmiegte und ihm damit ein zufriedenes Grinsen entlockte.
Mira zwang sich zu einem Themenwechsel. »Und wann ist es bei euch beiden so weit?«, fragte sie die beiden Turteltäubchen. »Ich habe gehört, ihr habt einen Termin?«
»Ja«, nickte Stella mit vor Freude glänzenden Augen. »Nächste Woche!«
Mira freute sich für ihre Freundin, dass diese schon so bald das Ziel ihrer Träume erreichen würde. Ein Ziel, dessen Erfüllung sie selbst für sich noch lange nicht sah, wenn überhaupt.
Nachdem Stella sie über alle Details der Planung informiert hatte – ihre Freundin würde wirklich eine Traumhochzeit auf die Beine stellen, und da musste einfach alles passen –, verabschiedeten sich die beiden. Stella ging Arm in Arm mit Rados davon. Wenn es so weit wäre, stünde Mira ihr nur zu gerne zur Seite, doch zuvor …
Zeit für ihren ersten Plan: die Flucht!
Sie rannte nach Hause, so schnell sie konnte, riss die Tür zu ihrem bescheidenen Heim, einer kleinen Einzimmerwohnung, auf und stürzte zu dem einzigen Schrank. Das alte, abgeschlagene Monstrum, das noch vom Vormieter stammte, quietschte hässlich, als sie die Türen aufriss. Genauso wie der Rest der Einrichtung war es eher funktional als schön und ganz sicher nicht der elegante Stil, den Mira bevorzugt hätte. Doch ihr Geld hatte nicht für neue Möbel gereicht. Obwohl sowohl Stella als auch deren Vater sie jederzeit finanziell unterstützt hätten, wollte sie nicht von Almosen leben. Das einfache Ambiente störte Mira allerdings nicht. Schließlich besaß sie das Wichtigste, einen eigenen Rückzugsbereich, in den keiner so einfach eindringen konnte.
In Windeseile warf sie einige Kleidungsstücke aufs Bett. Wenn der Kriegerpriester selbst die Gesetze dehnte, dann war es doch kein Verbrechen gegen die Göttin, wenn sie versuchte, sich dem zu entziehen? Abgesehen davon … war die Strafe wirklich schlimmer, als was ihr bevorstand? Wenn sie an Rados Worte dachte …
Sie schüttelte den Kopf, suchte nach etwas Geld und warf es ebenfalls zu den Sachen. Die abendliche Stunde schickte nur wenig Licht in die nach Norden ausgerichtete kleine Wohnung.
Jeder Tag ohne diesen Levion wäre ein Gewinn. Genau genommen musste sie nur lange genug untergetaucht bleiben, bis der Tag des Rituals vorbei war. Wenn er sie danach fand, könnte er sie wenigstens nicht mehr zum Sex zwingen, oder? Und würde er es doch tun, so wäre es verbotenes Terrain für ihn. Das war ein Plan. Sie wäre weg, lange bevor der Priester sie abholen konnte. Dass ihr Boss über ihr Verschwinden nicht gerade begeistert wäre, war ein zusätzlicher Pluspunkt.
Ein Krachen an der Tür ließ sie herumfahren. Was? Sofort packte sie ihren Bogen. Wer immer dort draußen war, ging nicht zimperlich mit dem alten Holz um. Sie spannte einen Pfeil in die Sehne und legte auf den Eingang an. Im nächsten Moment barst die Tür in Trümmer. Ein Holzregen ergoss sich über sie, und Mira schloss reflexartig die Augen.
Dann stand ein Mann in der Öffnung. Als sie in das dickliche Gesicht von Harold blickte, stieg eiskalte Wut in ihr auf. Dieser Dreckskerl wagte es auch noch, ihr unter die Augen zu treten. Etwas skeptisch betrachtete er ihre Bewaffnung. Sie hätte ihn umbringen können, und der Gedanke reizte sie mehr, als gut war, doch stattdessen warf sie den Bogen auf ihr Bett. Im selben Augenblick spürte sie, wie jemand ihre Handgelenke grob nach hinten riss. Der Wachmann musste mit übernatürlicher Geschwindigkeit hereingekommen sein, als sie gezwungen gewesen war, den Blick zu senken. Dann legte sich ein raues Seil auf ihre empfindliche Haut.
Erschrocken trat sie einen Schritt nach vorne, kämpfte, um sich aus dem unnachgiebigen Griff zu befreien. Doch genauso gut hätte sie in einem Schraubstock festsitzen können. Der Kerl war einfach zu stark. Das süffisante Grinsen von Harold gab ihr den Rest.
»Wir wollen doch sichergehen, dass du morgen noch da bist«, sagte er mit diesem fiesen Unterton, den er immer zu benutzen schien, wenn er ihr das Leben schwer machen wollte. Seine ausgedünnten, fettigen Haarsträhnen klebten ihm auf der schweißnassen Stirn, als er seinen Blick über das Bett wandern ließ, wo ihre Utensilien unter zahlreichen Holzspänen begraben lagen. »Außerdem wäre es doch zu schade, wenn du heute Nacht noch auf dumme Gedanken kämest.« Damit bezog er sich vor allem auf ihre Drohung gegen ihn. Sein Lächeln war so falsch!
Mira hätte ihn am liebsten erwürgt in seinem förmlichen Auftreten, das doch nichts als eine Maske für sein hässliches Selbst war … wenn ihr das mit auf den Rücken gefesselten Händen möglich gewesen wäre. »Sie sollten sich schämen!« Damit spuckte sie ihm vor die Füße. »Sie sind ein Scheusal!«
Die Antwort kam prompt. Er schlug ihr so hart ins Gesicht, dass sie umgefallen wäre, hätte der Wachmann sie nicht aufrecht gehalten. Der Schmerz verdrängte jeden Gedanken. »Abführen!«
Miras Schädel dröhnte noch immer, als der Wachmann sie in die kalte Steinzelle stieß. Sie landete mit den Knien auf dem Boden und kippte vorneüber, unfähig, sich abzufangen, da die Fesseln ihre Hände immer noch auf dem Rücken hielten. Dabei spürte sie, wie ein neuerlicher Schwall Blut ihre Stirn hinunterrann. Der Schlag hatte sie völlig unvorbereitet erwischt. Sie hätte ihren Boss nicht provozieren sollen. Er hatte doch schon bewiesen, zu was er fähig war. Warum war sie nur so dumm gewesen und hatte ihm wieder die Stirn geboten? Hatte sie ihre Lektion noch nicht gelernt? Dieser Mann war wirklich ein Dreckskerl. In jeder Beziehung!
Jetzt lief ihr das Blut in den Mund. Doch es war nicht der metallische Geschmack, der sie störte, es war der Geschmack der Niederlage. Denn nun würde sie die Nacht in dieser kalten Zelle unter dem Rathaus verbringen müssen, auf einer Pritsche, die aussah, als wäre sie seit Jahren nicht gereinigt worden, und mit nichts als einem winzigen, vergitterten Fenster, durch das kaum Licht drang. Das weckte Erinnerungen. Sie hatte es wirklich vermasselt!
Doch das Schlimmste daran war, dass all ihre Fluchtpläne nun vergebens waren. Sie konnte die Hoffnungslosigkeit bereits auf der Zunge schmecken, die bittere Wahrheit, dass sie dem Priester nicht entkommen konnte. Sie schluckte und zwang sich, nicht zu weinen, aber einige Tränen bahnten sich dennoch den Weg ihr Gesicht hinunter.
Levion nahm sein fein säuberlich gereinigtes Katana von der kleinen, hüfthohen Kommode in der Eingangshalle seiner Kathedrale. Dieses Schwert hatte ihm seit jeher gute Dienste geleistet. Mit ihm hatte er den Kampf zur Perfektion getrieben. Es war eine jahrhundertealte, wertvolle Klinge, die sein Ausbilder ihm einst geschenkt hatte, und er besaß zwei Gürtungen für sie. Eine, mit der er sie auf den Rücken schnallen konnte, wo sie unauffälliger war und viele sie gar nicht bemerkten, und eine, mit der er sie an seiner Seite befestigte. Das war manches Mal ein gutes Werkzeug, um die Sünder einzuschüchtern.
Sie konnten nicht ahnen, dass es für ihn keinen Unterschied machte. Dass er genauso gefährlich war, wenn seine Waffen verborgen lagen. Dennoch, Abschreckung war ein wichtiger Teil seiner Arbeit, wenn auch ein harter, weil er Einsamkeit mit sich brachte. Die auffällige Gürtung wählte Levion jetzt. Dann trat er hinaus in die kühle Nachtluft.
Sie fühlte sich angenehm an auf seiner Haut, schärfte seine Aufmerksamkeit noch. Einen Moment ließ er seinen Sinnen freien Lauf. Dann bündelte er seine Gedanken auf eine Frau namens Horatia, konzentrierte sich auf die Schwingungen von deren Verbrechen. Ja, er fühlte es ganz deutlich. Mit seiner übernatürlichen Geschwindigkeit lief er los.
Das ihm unterstellte Gebiet war weitläufig, eines der größten Priestertümer. Trotzdem war es nur ein kleiner Bereich des mächtigsten zusammenhängenden Gebiets, das die Tagwanderer in Europa besaßen und das durch Andras Macht vor der Neugierde der Menschen beschützt wurde. Mit seinen weiten Wiesen, sanften Hügeln und kleinen Wäldchen war es ein ganz besonders schöner Teil Osteuropas. Es erstreckte sich vom Uralgebirge, das Menschenland war, bis weit nach Westen und stand unter der Leitung des Hohepriesters von Europa und Asien, der es von der Tagwandererstadt Tandarra aus regierte. Levions Priestertum grenzte an diese Stadt und zog sich von dort nach Norden.
An sich war die Weite seines Gebiets kein Problem, sondern eine Verantwortung, die er genoss, aber jetzt vor dem Ritual … Die Zeit drängte, und Horatia lebte am äußersten nördlichen Rand. Er fluchte leise. Das würde eine lange Nacht, doch er war mehr als bereit, seine Aufgabe zu erfüllen.
Die Bäume jagten an Levion vorbei wie schwarze Schatten, als er sich zwei Stunden später dem abgelegenen Gebiet näherte. Horatia verlangte mit schöner Regelmäßigkeit nach Levions Besuchen. Sie hielt sich für eine Wahrsagerin, doch im Gegensatz zu ihren meisten Kunden wusste er, dass sie in Wahrheit nicht dazu fähig war, die Zukunft zu sehen. Oh, sie traf es durchaus das eine oder andere Mal richtig. Ihre Menschenkenntnis half ihr weiter, wenn ihre »Gabe« sie verließ, doch wann immer sie eine falsche Vorhersage machte und somit ihre Kunden übers Ohr haute, rief es ihn auf den Plan.
Dabei war es schwieriger für ihn, eine Tat zu fühlen, wenn der Sünder selbst vollkommen davon überzeugt war, unschuldig zu sein. Doch wie alles war auch das eine Frage der Gewohnheit. Je öfter er sie jagte, desto leichter fiel es ihm.
Das Auftauchen des einsamen Gebäudes in der Nacht riss ihn aus seinen Gedanken. Er hatte Horatias Haus erreicht. Wie fahle Kristalle strahlte der weiße Putz im Licht des Mondes und gab der kleinen Waldlichtung, die es umgab, etwas Unwirkliches. Im Inneren brannte Licht. Nun langsamer, ging Levion auf die Eingangstür zu, wollte klopfen, doch … seine empfindlichen Ohren vernahmen keinen Herzschlag in der Nähe. Sie war nicht zu Hause? Er hätte seine Aufmerksamkeit besser den Schwingungen ihrer Tat gewidmet.
Er schloss die Augen und konzentrierte sich, prüfte, woher er diese Wellen empfing, doch da war nichts. Überrascht öffnete er jene wieder. Wie konnte sie es verbergen? Er hatte auch noch andere Methoden, mit denen er eine Person aufspüren konnte, aber diese dauerten länger, und seine Gabe hatte ihn noch nie im Stich gelassen. Enttäuscht seufzte er und nutzte seine intensivierten, unsterblichen Sinne. Ihr Duft hing noch schwach über dem Haus, außerdem waren kaum erkennbare Fußabdrücke im umliegenden Gras. Dann musste er eben diesen Anhaltspunkten folgen.
Sie führten ihn in den umliegenden Wald. Kaum hatte er diesen über den schmalen, unscheinbaren Pfad betreten, umgab ihn tiefe Dunkelheit. Ein Mensch hätte keine Chance gehabt, dem Weg weiter zu folgen, doch Levions Augen verstärkten wie bei allen Schattenwesen das geringe Restlicht und verhinderten, dass er mit den Ästen kollidierte, die lange, schaurige Bärte trugen und hier und da verworren in den Weg ragten. Als Teil seines Gebiets kannte er diese Gegend gut. Dennoch vermochte sie ihm regelmäßig einen Schauer über den Rücken zu jagen. Sie war ursprünglich, wild und nachts ausgesprochen unheimlich.
Das leise Heulen eines Wolfes in der Ferne ließ ihn aufhorchen, aber nicht stehen bleiben. Dieser war keine Gefahr, jedenfalls nicht, solange er allein war. Hier draußen war Levion das gefährlichere Raubtier. Einen Zusammenstoß würde er dennoch vermeiden, um des Wolfes willen. Plötzlich fügte sich eine zweite Stimme in das Heulen der ersten … Für einen winzigen Moment zögerte Levion, dann jedoch setzte er seinen Weg fort. Er sollte sich besser beeilen!
Die Spur verlief sich immer wieder im Unterholz und wurde hier und da überdeckt von den Gerüchen anderer Lebewesen. Von Zeit zu Zeit nahm er auch den Geruch eines Mannes wahr, den er zwar nicht zuordnen konnte, der ihm aber dennoch irgendwie bekannt vorkam. Horatia war nicht allein durch den Wald gerannt, und so deutlich, wie ihr Angstschweiß noch immer zu riechen war, musste ihr etwas schreckliche Furcht eingejagt haben. Womöglich hatte sie Levions Kommen erahnt. War er beim letzten Besuch so einschüchternd gewesen?
Als die Fährte ein weiteres Mal unklar wurde, sah Levion sich um. Hier waren so viele Spuren, dass es ihm schwerfiel, diejenigen von Horatia zu erkennen. Zwar stammten die meisten von Wölfen, aber auch einige von massiven Männerschuhen waren vorhanden. Sorgfältig prüfte er die Richtung und …
Er erstarrte. Einen Augenblick konnte er nur erschrocken auf die Stelle am Wegrand starren. Vor ihm lagen einige fahle weiße Objekte auf dem dunklen, von Nadeln übersäten Waldboden, und die Form zeigte auch ohne genauere Betrachtung eindeutig, dass es sich um die Knochen eines menschenähnlichen Wesens handelte … abgenagte Knochen! Dann war hier wieder jemand den Wölfen zum Opfer gefallen? Wie zur Bestätigung kam ein überraschend nahes Heulen.
Levion fluchte leise und machte sich wieder auf die Suche. Denn auch wenn die Fundstelle noch nicht alt war, so stammte sie doch nicht vom heutigen Tag. Wer immer hier gestorben war, konnte nicht Horatia sein.
Kurz darauf erkannte er die zierlichen Spuren der Frau wieder am Rande des Pfades. Levion folgte ihnen mehrere Stunden. Wenn er sich ausschließlich auf seine Sinne verlassen musste, konnte er seine übernatürliche Geschwindigkeit nicht nutzen. Sie führten fort von den Wölfen, nur um schließlich nach weitem Umweg wieder vor Horatias Haus anzukommen.
Großartig! Levion fuhr sich mit der Hand durchs Haar und hätte sich selbst dafür schlagen können, dass er nicht gleich geprüft hatte, ob es die einzige Spur war. Die Frau hatte also einen kleinen Ausflug gemacht und war wieder hierher zurückgekehrt.
Das Haus selbst war nach wie vor verlassen, er konnte immer noch keinen Herzschlag im Inneren ausmachen. Dennoch entschied er sich hineinzugehen, was er gleich hätte tun sollen. Vielleicht fand er dort etwas, das ihm einen Anhaltspunkt gab, wohin sie geflohen sein könnte.
Er warf sich mit der Schulter und seiner gesamten unsterblichen Kraft gegen die Haustür. Dem konnte kein Holz der Welt standhalten. Sie flog auf, wurde aus den Angeln gerissen und landete krachend auf dem Boden, doch er beachtete sie nicht weiter. Stattdessen glitt sein Blick in Horatias Wohnzimmer, das den gesamten vorderen Bereich des kleinen Hauses ausfüllte, mit offener Küchenzeile an der rechten Wand und Fernseher und Sofa auf der linken Seite. Routiniert prüfte er die Umgebung … und hier stimmte etwas nicht …
Er legte die Hand an den Griff seines Schwertes und betrat das Gebäude. Es war ruhig, zu ruhig, als dass sie hätte hier sein können, doch gleichzeitig lag ein beißender Geruch in der Luft. Der Geruch von Blut … viel Blut.
Warum hatte er draußen nichts davon bemerkt? Doch die Wahrheit war, weil sich draußen nichts davon befand. Er griff das Heft seines Schwertes etwas fester und ging schneller. Dass er niemanden hören konnte, hieß nicht, dass ein mächtiger Unsterblicher seine Präsenz nicht hätte verbergen können. Das ebenerdige Stockwerk war ordentlich, aufgeräumt, doch es waren die kleinen Details, die ungespülten Teller, die Zettel auf dem Holzschränkchen, die Fernbedienung auf dem Couchtisch gleich neben der angebrochenen Packung gesalzener Erdnüsse, die ihn stutzig machten. Es wirkte, als wäre Horatia bei ihrer Beschäftigung nur kurz unterbrochen worden. Ein Grund mehr, vorsichtig zu sein …
Der Geruch führte ihn hinunter in den Keller. Bevor Levion die Treppe ganz hinabstieg, hielt er inne, unterzog seine Umgebung einer sorgfältigen Beobachtung, untersuchte die Schatten. Dabei lieferte ihm seine Nachtsicht einen hervorragenden Überblick. Nichts war ungewöhnlich oder deutete auf einen Kampf hin. Doch er wusste nur zu genau, dass dieser Friede trügerisch sein konnte, hatte schon zu oft einen Angriff erlebt, der unerwartet war. So betrat er den Keller mit gespitzten Ohren und vollkommen lautlos.
Hier unten herrschte regelrecht ein Gestank für seinen empfindlichen Sinn. Beißend stieg er Levion in die Nase. Dabei glaubte er, den Geruch zuordnen zu können: Horatia. Verdammt! Sie musste viel Blut verloren haben, lebensgefährlich viel Blut!
Er beschleunigte seine Schritte ohne weniger aufmerksam zu werden, prüfte jedes Zimmer. Sie war vielleicht in großer Not. An die Alternative, die sich ihm aufzudrängen versuchte, wollte er lieber nicht denken. Er rannte in den hintersten Raum, eine Art Werkstatt … und da fand er sie. Die schöne junge Frau lag verdreht auf dem Boden. Sofort kniete er sich neben sie, versuchte sie auf den Rücken zu drehen …
Doch er konnte ihre reglosen, steifen Glieder fühlen, ihre kalte Haut. Konnte ihre starren Augen sehen. Sie war tot!
Deshalb hatte er ihre Tat nicht mehr gespürt. Levion fuhr sich mit der Hand durchs Haar und zwang sich, sachlich zu bleiben. Durch seine Pflicht war er den Anblick von Toten schließlich gewöhnt. Sachte legte er eine Hand auf ihre Stirn und murmelte ein Gebet zu Andra, verharrte danach eine Minute in Schweigen.
Dann sah er sich um. Er musste die Fakten aufnehmen. Als Kriegerpriester war es seine Pflicht, den Schuldigen für diese Tat zu finden. Das Blutbad war schockierend. Neben ihrer Hand lag eine große Glasscherbe. Sie stammte offenbar aus dem Eimer über ihrem Kopf, der die Überreste einer zersprungenen Lampe beherbergte. Mit einer gewissen Vorahnung betrachtete er ihre Arme. Ihre Pulsadern waren aufgeschnitten. Sie war verblutet.
Vorsichtig überprüfte er ihren restlichen Körper, in der Hoffnung, irgendwelche Hinweise auf ein Fremdeinwirken zu bekommen, doch da war nichts. Es gab rein gar nichts, was auf einen gut getarnten Mord hingewiesen hätte. Bis auf jene Verletzungen, die ihre schmalen Handgelenke verunzierten, war sie unversehrt, und der Blutgeruch überdeckte alle anderen Gerüche, die ihm vielleicht einen Hinweis hätten geben können. Es war also Selbstmord.
Warum sollte sie so etwas tun? Das war eine höchst seltene Angelegenheit für eine unsterbliche Rasse, wo es schon allein daran scheiterte, dass es meist schier unmöglich war. Nur schwache Unsterbliche konnten sich selbst tödliche Wunden zufügen – sich selbst zu köpfen war schließlich eine eher schwierige Sache – und eben welche, die noch sterblich waren … so wie diese Frau.
Ihm stockte der Atem, und ein Gewicht legte sich auf seine Brust. Sie konnte unmöglich solche Angst vor ihm gehabt haben, dass sie lieber diesen Ausweg gewählt hatte. Wäre sie so weit gegangen, nur um seiner Strafe zu entgehen? Erneut fragte er sich, wie sehr er sie beim letzten Besuch eingeschüchtert hatte.
Doch seine Gedanken wurden von einem plötzlichen Geräusch unterbrochen. Sofort packte er den Griff seines Schwertes und erhob sich lautlos. Oben waren Bewegungen, ein Herzschlag. Einen unausgesprochenen Fluch auf den Lippen bewegte Levion sich durch den Kellergang. Die Sekunden schienen sich in die Länge zu ziehen. Das Wesen oben atmete vernehmlich ein und wieder aus. Er hatte gerade schleichend die Treppe erreicht, als es plötzlich verschwand.
Doch Levion hatte zuvor noch einen winzigen Blick auf dessen Präsenz werfen können. Es war kein Wolf, sondern menschenähnlich, vermutlich ein Tagwanderer, wenn seine Aura auch nicht deutlich war. Womöglich hatte er versucht, seine Identität zu verschleiern.
Aber es war Levion auch egal. Horatias Tod war kein Mord, also lief auch kein Mörder frei herum. Er zog sein Handy heraus und meldete das verschenkte Leben im Dorf, zu dem ihr Haus gehörte. Außerdem leitete er die Bergung der Knochen im Wald in die Wege. Man schicke gleich jemanden, der sich um den Rest kümmere, war die Antwort des schockierten Mannes am anderen Ende.
Währenddessen ging Levion wieder in die hintere Kammer und hob die Frau sachte auf seine Arme. Auch wenn oder gerade weil sie tot war, wollte er sie nicht rau behandeln. Er trug sie hinauf und bettete sie auf das Sofa des Wohnzimmers, gleich neben der aus den Angeln gebrochenen Eingangstür. Dann hielt er Wache, bis die Leute aus der Ortschaft eintrafen.
Der tote Körper lag steif ihm gegenüber, während Levion sich an eine Wand lehnte, die Knöchel überkreuzte und die Arme verschränkte. Selbst jetzt, so blutverschmiert, war Horatia mit ihren zierlichen Gesichtszügen, den brustlangen, orangefarbenen Haaren und dem einfachen grünen Kleid, das perfekt ihre schlanke Figur umspielte, noch immer eine Schönheit. Dass sie nicht einmal das unsterbliche Alter erreicht hatte, wollte ihm einfach nicht aus dem Kopf gehen. Er ahnte, dass sie absichtlich abseits der Dörfer gelebt hatte, nur weshalb? Hatte sie Probleme gehabt?
Die Tatsache, dass sie sich nie über seine Strafe beschwert, aber auch nie Reue gezeigt hatte, war immer verwunderlich für ihn gewesen. Warum hatte sie das Hellsehen nicht aufgegeben und sich die Qual erspart?
