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Ein dunkler Lord in der Midlife-Crisis, ein finsterer Plan, und ein armer Lehrling, der die Suppe auslöffeln muss. So begibt sich der Zauberlehrling Armal auf eine abenteuerliche Reise, quer durch die fantastische Welt Mystar. Zusammen mit dem Glücksritter Herod, dem Pilzelfen Nuix und dem Barbaren Charles, stellen sie sich vielen Gefahren in einer Welt, in der nicht nur der Fortschritt chaotisch ist.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Schattenspiele Appendix
Impressum
Mystar ist eine Welt voller Fantasie. Voller Mythen, tapferer Helden und finsterer Wesen. Im Grunde unterscheidet sich Mystar nur geringfügig von anderen fantastischen Welten, wie man sie in jedem Fantasy-Roman findet. Dies erzürnte Haldar, den Gott der Künste, der Wissenschaften, und der ungedeckten Schuldverschreibungen, denn er war der Meinung, dass seine Welt ein wenig mehr Individualität verdiene.
So entschied er, als erster Gott, die Technologie in eine Fantasy Welt einzubringen. Da er jedoch sehr ungeduldig war und auch nicht der Klügste, beschloss er schlicht und einfach, die technologische Entwicklung sprunghaft einzuführen, und zwar nach dem Zufallsprinzip.
Die Folge war, dass nun hier und dort plötzlich Veränderungen auftraten. Immer in Maßen, nach einem zufälligen Muster, erhielt die Technologie Einzug in die Dörfer und Städte von Mystar. Buchstäblich über Nacht wurden selbst einfachste Alltagsgegenstände zu moderneren Varianten ihrer selbst, meistens sehr zur Verwirrung ihrer Besitzer, denn eine Gebrauchsanweisung gab es nicht mit dazu.
Ein solches Objekt wurde, nach dem Namen des Gottes selbst, als „Haldars Gabe“ bezeichnet, und dementsprechend bewundert, auch wenn ein solches Ereignis nicht immer zum Vorteil der Besitzer war. Manchmal wurde das Schicksal der Menschen dadurch verändert, beeinträchtigt, oder sogar komplett umgekrempelt. So musste zum Beispiel ein Bauer aus dem Süden Lyars seinen Beruf wechseln, da sich sein Bauernhof über Nacht in eine Tankstelle verwandelt hatte, es aber noch kaum Autos gab.
Obwohl solche großen Gaben eher die Ausnahme bildeten, so waren „Haldars Gaben“ an sich recht verbreitet. So ziemlich jeder hatte schon einmal ein solches Ding gesehen oder kannte sogar jemanden, der selbst eines besaß.
Astronomische Beobachtungen und irdische Verwicklungen
Armal, Student der finsteren Mächte im vierten Semester, schaute mit sorgenvollem Gesicht auf seinen Meister, Lord Kharatos, Virtuose der dunklen Magie, der Heimtücke und Philatelie. Dieser jedoch starrte unentwegt durch sein Teleskop, mit erstarrter Miene, und leise vor sich hin murmelnd. Vom Fenster seines Turmes aus blickte er hinaus in die Nacht, geduldig, wartend.
Armal räusperte sich: „Meister, seid ihr euch sicher, dass er kommt? Es könnte noch Monate dauern.“ „Schweig still, Armal!“, befahl Lord Kharatos. „Ich weiß, dass er kommt. Ich habe alle astrologischen Daten ausgewertet, die Tarot Karten befragt, und selbst die Innereien deines Hamsters deuteten mir, dass er kommen wird.“
Armal versuchte, etwas zu sagen, aber sein Mund stand weit offen, während er überlegte, was seinem Hamster Purzel zugestoßen war, oder eher, warum sein Meister ihn seziert hatte.
„Äh Meister... “, begann er zögerlich, doch Lord Kharatos unterbrach ihn jäh: „Da ist er, ich wusste es. Die Sterne und die Karten lügen niemals.“ Er justierte einige Rädchen an seinem Teleskop und starrte wieder hinaus in die Nacht. Beiläufig zischte er seinem Lehrling zu: „Rasch Armal, geh hinunter und öffne das Tor!“
Armal rannte die Stufen hinunter, denn er wusste, dass die Zeit knapp war. Würde er es nicht rechtzeitig schaffen, dann würde der von seinem Meister so lang erwartete Besucher vielleicht wieder gehen, und es würde Monate bis zu dessen Wiederkehr dauern. Mit einem Ruck zog Armal das schwere Tor auf und unter Knarren und Ächzen gab der eiserne Torflügel nach.
„Willkommen im Turm der Schatten, mein Meister erwartet sie im Turmzimmer“, ächzte er, während er den Besucher mit einer höflichen Geste einzutreten bedeutete. „Vielen Dank junger Freund“, antwortete dieser und ging schnellen Schrittes die steinernen Stufen des Turmes hinauf.
Oben angekommen, betrat er die Turmkammer, eine Mischung aus Studierzimmer, Sternwarte und Studentenwohnheim. Die Wände waren übersät mit Karten, welche die Bewegung der Sterne und der Planeten zeigten.
Ein Tisch in der Ecke war bis zum Bersten mit Gläsern voll gestellt, die eingelegte Tiere oder Früchte enthielten. Welch‘ dunklem Zweck sie wohl dienten? Aber deshalb war er nicht gekommen. Lord Kharatos begrüßte ihn mit ernster Miene:
„Ich habe lange auf diesen Moment gewartet, viel zu lange.“
Der Besucher hielt seinem ernsten Blick stand und antwortete bedächtig: „Meine Zeit ist knapp, wie ihr wisst, doch auch ich habe mich auf diesen Moment vorbereitet!“ Bei den letzten Worten verengten sich die Pupillen des Besuchers zu engen Schlitzen. „Dann sollten wir jetzt beginnen“, raunte der Lord, und festigte seinen Griff um seinen Zauberstab.
„Wann immer ihr soweit seid“, antwortete der Besucher und ließ seine Fingerknöchel knacken. Armal kam die Treppen hinauf gehastet, keuchend, nach Luft ringend. „Meister ...“, schnaufte er, „Der Besucher ist hier.“
Lord Kharatos und der Besucher warfen Armal einen verwirrten Blick von der Seite zu, doch dann ergriff der Lord wieder das Wort: „Aber dies ist nicht der richtige Ort. Armal, bereite das Sanktum vor, der Zeitpunkt ist gekommen.“
„Ja Meister“, bestätigte Armal immer noch keuchend, während er die Treppe wieder hinunter stolperte. „Ich sollte endlich das Rauchen aufgeben“, dachte er bei sich. Lord Kharatos und der mysteriöse Besucher folgten ihm gemächlichen Schrittes die Treppe hinunter, sichtlich angespannt, wie die Adern auf ihrer Stirn verrieten.
Nach vielen Stufen und einem halben Liter Adrenalin erreichten sie das Sanktum. Ein Gewölbe wie aus Stein gemeißelt. Die Inneneinrichtung zeugte von Geschmack und einem prallen Bankkonto. Eine gemütliche, knallgelbe Couch, synthetische Tigerfelle auf dem Boden, eine Dolby-Surround-Anlage mit Highend-Boxen, sowie ein Couchtisch mit eingebautem Kühlschrank und Minibar. Dominiert wurde der Raum jedoch von einer 100 Zoll großen, flachen Kristallkugel, die nur wenige Meter von dem Sofa entfernt auf einem steinernen Podest ruhte. „Also an die Arbeit“, befahl Lord Kharatos und deutete mit seinem Stab auf die Kristallkugel. Der Besucher ging zielstrebig auf die Kugel zu und zog eine lederne Tasche unter seinem Mantel hervor. Er öffnete sie und suchte einige seltsam anmutende Gegenstände heraus, dann machte er sich an die Arbeit. Zufrieden beobachtete Lord Kharatos die eigentümlichen Gesten des Besuchers und nach nur knapp zehn Minuten wandte sich dieser dem Lord zu: „Es ist vollbracht, Lord Kharatos. Vierzig Kanäle, sechzehn Themengebiete, Pay-TV und Werbeblocker.“
„Ausgezeichnet!“, frohlockte der Lord. „Die Zeit des Wartens hat sich gelohnt. Nun freue ich mich auf einen unterhaltsamen Abend. Armal, geleite unseren Besucher zur Tür, ich muss Vorbereitungen treffen.“
„Dann viel Spaß noch, Lord Kharatos, und vergessen sie nicht, ihre Garantiekarte auszufüllen“, verabschiedete sich der Besucher und ging hinaus, begleitet von Armal, der nun, sichtlich erleichtert, aber immer noch schwer atmend, hinterher stolperte.
Lord Kharatos machte es sich nun auf seiner Couch bequem. Er ergriff eines seiner edlen Kristallgläser aus der Elvis-Kollektion (limitierte Fassung) und füllte es bis zum Rand mit gut gekühltem Bier. Dann suchte er einige Süßspeisen und eine große Tüte geröstete Fußnägel aus seiner Minibar und stellte sie links und rechts auf den Couchtisch. Er lehnte sich zurück und legte die Füße auf den Tisch, wodurch seine Hausschuhe in Form von Bärentatzen sichtbar wurden, die sonst von seiner langen, wallenden Robe verdeckt wurden. Mit einer beiläufigen Geste verschmolz er die Fernbedienung mit seinem Zauberstab und schaltete auf den Fantasy-Kanal.
„Nun“, dachte er bei sich, „Wer jeden Tag hart arbeitet und böse Taten vollbringt, der darf es sich auch ruhig einmal so richtig gemütlich machen.“
Majestätisch und lautlos glitt der Adler durch die Lüfte. Die Landschaft unter ihm schien wie ein Bild von Monet, leicht unscharf aber voller leuchtender Farben. Der Wind streichelte seine Schwungfedern und brachte Töne von weither mit sich, fremde Melodien, wie aus einer anderen Zeit, oder vom Ende der Welt selbst. Seine scharfen Augen musterten die Gestalten, die unter ihm zurückblieben, wenn er vorüberflog, und die immer kleiner wurden, bis sie in der Ferne verschwanden. Frei und ohne Sorgen, ein Günstling des Herrn der Winde, immerwährend würde er seine Bahnen ziehen, als König der Lüfte.
„Zapp!“ Ein platschendes Geräusch durchbrach die Stille, als der Adler zu Boden fiel, getroffen, seiner Anmut beraubt. Herod wirbelte herum und fing den stürzenden Adler mit seiner Pfanne auf. „Guter Schuss, Nuix“, sagte er beiläufig, und Nuix antwortete lächelnd: „Gut aufgefangen, mein Freund."
Nuix und Herod waren alte Freunde, sie hatten sich vor zehn Jahren bei einem Treffen der „Anonymen Alkoholiker“ kennengelernt. Herod war ein Mensch: blond, blauäugig, groß gewachsen und kräftig, ein Held wie er im Buche steht. Er war ein Glücksritter, immer auf der Suche nach Gold und Ruhm.
Nuix dagegen war ein Elf aus den Pilzwäldern des Südens. Er war kleiner als Herod, nur etwa anderthalb Meter groß und sehr schlank. Seine Gesichtszüge waren ebenmäßig und filigran und seine Ohren waren gerade so spitz, wie es die Geschichte verlangt.
Er setzte sich an das Lagerfeuer und legte seinen Bogen beiseite. Herod nahm ebenfalls Platz und wendete den Adler in der Pfanne. Sie waren schon seit Tagen unterwegs und dieser andauernde Tankstellenfraß war ihnen zuwider. Da passte es gut, dass mal wieder etwas Frisches auf den Tisch kam, wenn sie denn einen gehabt hätten.
„In zwei Tagen sollten wir Andala erreichen“, nuschelte Nuix mit vollem Mund, während er mit einer knusprig gebratenen Adlerkeule gestikulierte. Herod nickte und warf einen abgenagten Knochen hinter sich. „Es wird mal wieder Zeit, etwas Geld zu verdienen“, sagte er. „Ich habe gehört, das Andala des Öfteren von Drachen heimgesucht wird“, warf Nuix ein. „Vielleicht können wir denen etwas aus dem Kreuz leiern.“
Herod warf ihm eine Dose aus der Kühlbox zu. „Warten wir erst mal ab“, sagte er. Sie packten ihre Sachen zusammen, löschten das Feuer, und machten sich wieder auf den Weg.
Das Gute, das Böse, und das hässliche dazwischen
Tarus, der Streiter des Lichtes, hob sein gleißendes Runenschwert in den Himmel und stieß einen gellenden Schrei aus. Seine Augen funkelten beinahe so sehr wie seine Rüstung aus purem Zwergengold. Rataxis, der Bote der Zerstörung, schickte immer neue Wellen seiner dunklen Diener gegen ihn aus. Verborgen in einer Wolke der Finsternis, harrte er darauf, dass Tarus irgendwann Schwäche zeigen würde.
Schon kam die nächste Angriffswelle. Etwa ein Dutzend schattenhafter Kreaturen, mit Reißzähnen und schweren Äxten bewaffnet. Geifernd und brüllend, stürmten sie auf Tarus zu. Er schnaufte schwer, lange würde er sie nicht mehr abwehren können. Er führte einige schnelle Schläge mit seinem Schwert und von seinen Angreifern blieben nur blutige Klumpen übrig. „Rataxis du Feigling!“, brüllte er, „Stell dich der Herausforderung und kämpfe gegen mich!“
Rataxis grinste in sich hinein. Seine dämonische Fratze war jedoch gut unter seinem pechschwarzen Kapuzenmantel versteckt, so das Tarus diese nicht sehen konnte. Die dunkle Wolke, die ihn umgab, tat ihr Übriges und mehrte seine Macht mit jeder Sekunde. Nur Tarus konnte ihn jetzt noch aufhalten, so mächtig war er geworden, doch das Licht fürchtete er noch immer.
„Sterblicher Mensch!“, zischte er. „Du bist mir nicht gewachsen. Fliehe, solange du noch kannst. Gegen meine Magie kannst du nicht kämpfen!“ Mit den letzten Worten schleuderte er Tarus eine Kugel aus schwarzem Feuer entgegen. Dieser hielt sein Schild schützend vor sich und die Flammen perlten davon ab, wie Wasser von einem Stein. Rataxis hielt erstaunt inne. „Asbestbeschichtung!“, höhnte Tarus. „Mit Feuer kommst du hier nicht weiter!“
Tarus umklammerte sein Schwert fester, nun musste er handeln. Er lief auf Rataxis zu, der ein Dutzend Schritte von ihm entfernt über dem Boden schwebte. „Für das Licht von Rhudar!“, schrie er und stürmte wild entschlossen auf Rataxis zu. Dieser hob sein schwarzes Schwert der Finsternis und ihre Klingen prallten klirrend zusammen. Mit einer schnellen Ausweichbewegung wich Tarus zur Seite aus und führte einen Hieb gegen Rataxis‘ Arm.
Die Klinge glitt durch die Knochen des Boten der Zerstörung, doch es schien diesen nicht zu beeindrucken. „Unwissender sterblicher!“, raunte Rataxis. „Was Tod ist, kann nicht getötet werden. Was unsterblich ist, kann niemals sterben!“
Ihre Klingen prallten abermals gegeneinander. Tarus spürte, wie die dunkle Magie des Boten seine Kräfte langsam verzehrte. Er würde sich beeilen müssen, wenn er diesen Kampf noch für sich entscheiden wollte. Rataxis‘ Klinge glühte blutrot, als sie sich in Tarus‘ Oberschenkel bohrte. Er zuckte zusammen. Der Schmerz ließ ihn für einen Augenblick unaufmerksam werden und Rataxis‘ Faust schmetterte gegen seinen Kiefer. Tarus taumelte und ging zu Boden. „Jämmerlich!“, höhnte Rataxis. „Sieh nur, wie schwach du bist. Und du wolltest mich herausfordern?“
Er lachte heiser und trat Tarus in die Nieren. Er spürte den Schmerz, den ihm die verfluchte Klinge zugefügt hatte, und sah nun, das Rataxis bereits über ihm stand. Schwarze Flammen züngelten aus Rataxis‘ knochigen Fingerspitzen und schlängelten sich um Tarus‘ Brust. Der Schmerz überwältigte ihn und das höhnische Lachen des Boten erschallte in seinen Ohren.
Sein Bewusstsein begann zu schwinden und seine Sicht vernebelte sich, aber noch war er nicht geschlagen. Mit einem Ruck setzte er sich auf und bohrte seine Klinge in Rataxis‘ Brust. „Für das Licht und die Ehre!“, keuchte Tarus unter Schmerzen. Der Bote der Zerstörung kreischte mit unmenschlicher Stimme und das schwarze Feuer, das ihn umgab, schwand dahin wie der Morgennebel. Er ließ sein Schwert fallen und eine Stichflamme aus grünlich-schwarze Flammen verzehrte seinen Torso.
Dann war es vorbei. Tarus stand langsam auf und stütze sich auf sein Schwert. „Ich habe es geschafft“, dachte er bei sich. Aber es war knapp gewesen. Die Kraft des Lichtes hatte gesiegt und das Böse war vernichtet worden. Langsam humpelnd, verschwand Tarus im Sonnenuntergang.
„Zapp!“ Wütend schaltete Lord Kharatos seine Kristallkugel aus. Warum musste jeder Film stets mit einem absoluten Klischee enden? Warum gewinnt der Gute immer, obwohl das Böse so viel mächtiger ist? Oder lag es an dem Kasten Bier, dessen leere Flaschen zu seinen Füßen verstreut lagen? Ja, wäre es ein Boxkampf gewesen, dann würden Untersuchungen und Dopingtests folgen, wenn der eindeutig unterlegene Boxer auf eine solche Art und Weise gewinnt. Durch einen Glückstreffer, anders konnte er es nicht erklären. Aber dies war nur Fernsehen. Das wirkliche Leben, so war er sich sicher, würde anders aussehen. Er lehnte sich zurück und ging im Geiste seine Schandtaten durch. Er hatte schon viel Böses vollbracht, aber war auch etwas wirklich Großes dabei gewesen? Er grübelte und grübelte, aber es wollte ihm nichts einfallen.
Er setzte sich ruckartig auf. Könnte es wahr sein? Die Erkenntnis traf ihn wie ein Blitz. Er war schon weit über vierzig, aber er hatte noch keine weltbewegende Böse Tat vollbracht. Zweifel überkamen ihn. Er sprang auf und dachte bei sich: „Ich werde mir etwas so Böses und unglaubliches finsteres ausdenken, dass mein Name die Menschen für alle Zeiten in Angst und Schrecken versetzen wird.“ Er wusste zwar noch nicht genau wie, aber ihm würde sicherlich etwas einfallen. Doch jetzt war es Zeit für ihn, schlafen zu gehen. Er ging zu Bett und schlief den Schlaf der Ungerechten.
Ein finsterer Plan und sonnige Gemüter
Am nächsten Morgen stand Lord Kharatos bereits bei Sonnenaufgang auf, obwohl er letzte Nacht viel Bier und Nachos verspeist hatte. Er zwängte sich in seinen Morgenmantel, schlüpfte in seine Bärenpantoffeln, und wankte zum Fenster. Die aufgehende Sonne stach ihm direkt ins Gesicht. Dann überkam es ihn. „Die Sonne!“, dachte er bei sich, „Das ist es!“
Er würde den Menschen die Sonne nehmen, das Tageslicht. Eine Welt voller Finsternis würde ihm als ewiges Denkmal gereichen. „Armal!“, rief er. „Armal, komm her!“
Schnellen Schrittes eilte Armal herbei. Auch er trug noch seinen Morgenmantel. „Hier bin ich, Meister“, sagte er gähnend und verbeugte sich demütig. „Ich habe die Eichhörnchen noch nicht vergiftet, aber ich werde es direkt nach dem Frühstück tun, Ehrenwort.“
„Das ist es nicht, Armal“, entgegnete der Lord. „Hier geht es um mehr als das. Sieh aus dem Fenster und sage mir, was du siehst.“ Armal schaute aus dem Fenster, blinzelnd, und blickte dann zu seinem Meister. „Ich verstehe nicht, Meister“, sagte er. „Ich werde das Licht von Mystar verbannen“, klärte ihn der Lord auf. „Auf Armal, das Frühstück muss warten, wir haben viel zu tun.“
Die Sonne schien auf Herod und Nuix, während sie auf der staubigen Straße nach Andala unterwegs waren. Sie gingen schon seit einigen Stunden, aber die Sonne machte sie fröhlich und sie flachsten über alte Abenteuer.
„Weißt du noch“, fragte Nuix kichernd, „Als wir die Jungfrau vor dem Drachen gerettet haben?“ „Oh ja!“, prustete Herod los. „Und anschließend haben wir sie auf dem Marktplatz an den Meistbietenden verkauft.“ „Die Stadtwachen haben uns durch die ganze Stadt gejagt, aber das war es Wert!“, grölte Nuix.
„Warst du schon mal in Andala?“, fragte Herod und wischte sich die Tränen aus den Augen. „Nur einmal", antwortete Nuix.
„Aber ich habe viel über Andala im Reiseführer gelesen.“ „Was ist das für eine Stadt? Was erwartet uns dort?“, fragte Herod neugierig. „Na ja, es ist eine Großstadt wie jede andere“, erklärte Nuix. „Aber die Kneipen dort sind über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Du weißt schon: Import-Bier, regelmäßige Prügeleien, Glücksspiel, und die schönsten Frauen weit und breit.“
Herod lächelte. Ein bisschen Abwechslung vom Trott des Alltags käme ihm gerade recht, wenn nur sein Geldbeutel nicht so gähnend leer wäre.
Sie erreichten eine Weggabelung mit einem klapprigen Wegweiser. „Nach Andala“ stand auf dem hölzernen Pfeil, der nach Norden zeigte. Der andere deutete nach Westen und führte direkt in einen Wald. „Zum lustigen Zecher“ stand dort geschrieben. Die beiden blieben stehen und betrachteten die Schilder aufmerksam.
„Wir könnten einen kleinen Umweg machen und im Wirtshaus einkehren“, schlug Herod vor. „Eine Spitzen-Idee“, entgegnete Nuix. „Ich könnte einen ordentlichen Schluck vertragen.“ „Außerdem springt vielleicht eine zünftige Rauferei dabei heraus“, fügte Herod hinzu und er grinste wie ein Franzose an einer „All-you-can-eat“ Bar. „Dann ist es beschlossen mein Freund. Auf zur feuchtfröhlichen Einkehr“, bekräftigte Nuix und versetzte Herod einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter. Sie beschleunigten ihre Schritte und schon eine halbe Stunde später saßen sie bereits im Wirtshaus „Zum lustigen Zecher“.
Nachdem sie sich einen Tisch ausgesucht und die dort sitzenden Gäste zur Tür hinaus „geleitet“ hatten, riefen sie den Wirt und ließen sich etwas Hochprozentiges kommen. „Heda, Herr Wirt!“, rief Herod quer durch die Taverne. „Schenke er nach, wenn’s beliebt!“ Der Wirt eilte herbei und nahm die Bestellung der beiden aufmerksam entgegen, so als würden sie nicht schon seit einer knappen Stunde alle fünf Minuten das Gleiche bestellen. „Und bringe er uns auch etwas Warmes für unsere Mägen, aber hurtig!“, fügte Nuix hinzu. Da ihre Becher leer waren und die beiden ziemlich gelangweilt, nutzten sie die Gelegenheit, sich ein wenig in der Taverne umzusehen.
Es war eine üble Spelunke, voller Halsabschneider, Halunken, und Strolche. Und die anderen Gäste waren auch nicht besser. Hier würden sie kaum etwas verdienen können, aber vielleicht könnten sie einem der anwesenden ein wenig Geld aus dem Kreuz leiern.
„Wir könnten mit einigen dieser Leute Lokcha spielen“, schlug Nuix vor. „Warum eigentlich nicht“, stimmte Herod ihm zu. Minuten später saßen sie mit einem halben Dutzend zwielichtiger Gestalten, denen man nicht im dunklen Begegnen möchte, um einen Lokcha-Tisch herum, und Herod teilte die Karten aus. Lokcha war ein Spiel, das dem irdischen Poker sehr ähnlich ist, auch was die Regeln betrifft. Meistens gewann jedoch derjenige, der die meisten schlagkräftigen Freunde in Rufweite hatte.
Aus Gründen des Verständnisses wird das nun folgende Spiel in zwei verschiedene Absätze unterteilt. Der erste Absatz, liebe Leser, ist denjenigen unter ihnen gewidmet, die sich ein wenig mit Lokcha oder Poker auskennen. Der zweite Absatz dagegen, ist für diejenigen unter ihnen, die keine Ahnung von derlei Spielen haben.
Absatz eins, Lokcha Spiel, dritte Setzrunde, Five Card Stud, Small Blind und Big Blind.
Herod musste passen, vier der Halunken ebenso. Nuix hat drei Damen, einen König und eine (schwarzherz-) sieben auf der Hand. Der Halunke rechts von Nuix beginnt mit einem Einsatz von 20 Kronen, Nuix hält und erhöht um 20. Der Schurke links von Herod passt. Nuix wirft seine Sieben ab: „Eine neue Karte bitte!“ Nuix erhält einen weiteren König und erhöht seinen Einsatz auf 80 Kronen. Der Halunke geht mit und will sehen. Nuix legt seine Karten auf den Tisch. „Full House!“, ruft Nuix triumphierend. Der Halunke legt seine Karten ebenfalls offen und zischt mit zusammengebissenen Zähnen: „Nur ein Drilling, verdammter Mist!“
„Kommt zu Papa!“, frohlockt Nuix und streicht seinen Gewinn ein. Dann zahlt er den Big Blind für die nächste Runde.
Absatz zwei, ein Lokcha-Spiel mit vielen bunten Karten, und einigen hölzernen Chips.
Nuix hat fünf Karten auf der Hand, eine zeigt eine dunkle Sieben, die anderen Bilder von Königen oder so. Nuix und einer der Schurken legen hölzerne Chips in die Mitte des Tisches, der andere wirft seine Karten fort und beißt in die Tischkante. Nuix wirft seine Sieben ab: „Eine neue Karte, bitte!“ Nuix bekommt eine Karte mit einem König darauf und schiebt weitere Chips in die Tischmitte. Der Halunke legt daraufhin ebenfalls eine Menge Chips in die Tischmitte und sagt: „Lass uns nun die Ergebnisse unserer Karten vergleichen, wer denn nun gewonnen hat.“
Beide legen ihre Karten offen auf den Tisch und Nuix gewinnt, weil seine Karten besser sind, als die des Halunken. Nuix nimmt alle Chips aus der Tischmitte an sich, legt aber einen wieder dorthin zurück. Vielleicht die großzügige Geste eines Siegers?
So in etwa vergingen die nächsten zwei Stunden und Herod und Nuix füllten ihre Taschen bis zum Bersten mit kleinen, unmarkierten Münzen. Zudem hatte Nuix einem der Halunken seine Rolex abgenommen und die beiden waren sichtlich zufrieden. Die Halunken trollten sich zähneknirschend, aber ohne Größeres aufheben von dannen. Sie wankten die Treppen hinauf zu ihrem Zimmer, das sie sich nun locker leisten konnten. Auch wenn die Beschreibung „Zimmer“ wohl etwas beschönigt war. Ein winziger Raum mit hölzernen Pritschen und Strohmatten, der aussah, wie eine entmilitarisierte Zone und zwei Dutzend Kakerlaken als Empfangskomitee.
Während Nuix sich um diese Plage kümmerte, hielt sich Herod die Wange. Möglicherweise hatte die Bedienung seinen Satz: „Heda, holde Maid, möchtest du dir etwas Trinkgeld dazu verdienen?“, falsch verstanden und jetzt zierte ein dunkelroter Handabdruck sein Gesicht. „Morgen werden wir nach Andala gehen", seufzte Herod. Nuix nickte ihm zu und löschte das Licht.
Lord Kharatos verbrachte den Tag mit dem Studium uralter Schriftrollen, arkaner Folianten und verbotener Bücher. Zwischendurch warf er einen Blick in die September-Ausgabe des „Penthouse“, nur um sich erneut seinen Studien zu widmen. Armal assistierte ihm, schleppte tonnenweise Bücher und Folianten hin und her, platzierte sie auf dem Studiertisch seines Meisters, oder sortierte sie wieder in die schrankgroßen Regale ein.
„Meister“, röchelte Armal, “Kann ich jetzt eine Raucherpause machen?“ „Geh nur“, raunte der Lord abfällig, “Aber denke immer daran: Die Dunkelheit sollte in deinem Geist und deinem Herzen sein, nicht in deiner Lunge.“
„Ich werde es mir merken, Meister“, antwortete Armal unterwürfig und torkelte die Treppen hinunter. Der Lord wanderte mit dem Zeigefinger seiner linken Hand über die vergilbten Schriften des Buches, das nun offen vor ihm lag, während er sich mit der anderen Hand durch seinen weißen Bart strich. „Das ist es“, murmelte er gedankenverloren vor sich hin. „So könnte es gehen.“ Er klemmte sich das Buch unter den Arm, ergriff mit der freien Hand seinen Zauberstab, und eilte in die Kammer der Beschwörung. Dort angekommen, legte er das Buch auf einen schweren, eisernen Buchständer, und stellte sich vor ein in den steinernen Boden eingelassenes Pentagramm. „Armal!“, rief er, als er seinen Lehrling die Treppe herauf trotten hörte. „Bringe mir mein Beschwörungsgewand und die Ingredienzien für eine dämonische Anrufung!“
Armal seufzte. Die andauernde Lauferei und das Schleppen schwerer Gegenstände, stand nicht in der Broschüre der schwarzen Zunft, aber so wie es aussah, hatte er nicht die Wahl.
„Ja Meister, sofort!“, bestätigte er, während er in die Turmspitze hinauf spurtete. Der Lord bereitete sich derweil auf die Anrufung vor. Er versprühte seltsame Düfte in der Kammer, zupfte seine Haare zurecht, und murmelte finstere Verse, die ich aus Gründen des Jugendschutzes hier nicht nennen kann. Als Armal die Kammer betrat, legte er seinem Meister die geforderten Ingredienzien buchstäblich zu Füßen.
Der Lord zog sein Beschwörungsgewand an und platzierte einige obskure Gegenstände in und um das Pentagramm herum.
„Sieh genau zu, Armal!“, befahl er. „Eine Beschwörung solchen Ausmaßes wirst du nicht mehr oft zu Gesicht bekommen.“
Armal nickte stumm und schaute gebannt auf seinen Meister. Der Lord riss die Hände ruckartig in die Höhe und grünliche Flammen loderten aus dem Pentagramm hervor. Sein Zauberstab glühte und dass Gewimmer gepeinigter Seelen war zu vernehmen. Manche der Stimmen schienen Armal seltsam vertraut, der mit offenem Mund auf die Flammen starrte. Vielleicht war es auch nur Einbildung, aber er schien nun zu ahnen, warum der Postbote nicht mehr kam. Groß war die Macht seines Meisters, dachte er bei sich. Die Stimme des Lords erschallte in der Kammer:
„Erscheine Rhakhorzim, Knechter der Seelen, Geißel der Sterblichen, Anwalt der finsteren Sphäre. Offenbare dich mir!“ Die Flammen zuckten, dann wurde es totenstill in der Kammer. Eine unnatürliche Kälte kroch Armal ins Gebein und sein Atem gefror. Starr und tiefgefroren erwartete er das Erscheinen des Dämons, das nun unmittelbar bevorstand. Eine rötliche Schwefelwolke innerhalb des Pentagrammes kündigte sein Erscheinen an.
Dann war es so weit. Eine rötliche Gestalt, knappe zwei Meter groß, mit Hörnern und Klauen bewehrt. Schwefelgestank füllte die Kammer und Armal wurde ganz anders zumute. Der Dämon trug einen Maßanzug und eine geschmacklose Seidenkrawatte, polierte Schuhe und eine versilberte Nickelbrille. „Wer wagt es, mich zu rufen?“, fragte er mit donnernder Stimme.
„Welch sterbliches Wesen riskiert seine Seele, mich zu bemühen?“ „Ich bin es, Rhakhorzim!“, erwiderte der Lord, „Ich, Lord Kharatos, Meister der dunklen Künste, benötige deine Dienste.“ „Nun, Lord Kharatos, meine Dienste sind nicht billig, und ich akzeptiere nur Seelen, Blut oder Kreditkarte als Bezahlung“, entgegnete ihm der Dämon. „Ich möchte, dass du mich als Anwalt vertrittst, in einem spektakulären Prozess, der deine ganze Aufmerksamkeit erfordert“, eröffnete ihm der Lord. „Nun denn, worum geht es?“, fragte der Dämon mit Grabesstimme. „Ich werde Ansul auf Unterlassung verklagen“, ereiferte sich der Lord. „Ansul, den Gott der Sonne, auf das kein Sonnenstrahl mehr auf Mystar fällt.“ „Klingt interessant“, entgegnete der Dämon, „Aber dies wird nicht einfach sein.“
„Sag mir, was du benötigst, Dämon, und ich werde es dir beschaffen!“, offerierte ihm der Lord. Armal unterdessen versuchte, sich möglichst unauffällig in Hintergrund zu halten, falls der Dämon ein Menschenopfer fordern sollte. Dies gestaltete sich umso schwieriger, da seine noch immer angefrorenen Gelenke knackende Geräusche von sich gaben. „Für einen solchen Fall benötige ich die Gesetzessammlung von Ulthar“, sagte der Dämon nachdenklich. „Mit diesem Wissen und den gesammelten Präzedenzfällen von Jahrhunderten, könnte es mir gelingen“ „So sei es, Dämon!“, rief der Lord aus. „Ich werde diese Schriften besorgen und der Preis wird der Eure sein.“
Der Dämon griff in seine Anzugtasche und überreichte Lord Kharatos eine kleine, glühende Karte. „Meine Visitenkarte“, erläuterte er. „Ruft mich, wenn ihr die Schriften habt.“ Dann verschwand er, wie er gekommen war, mit Feuer und Schwefel.
Zwei Reisen woanders hin
Herod und Nuix wanderten wieder auf der Straße nach Andala. Die letzte Nacht hatte sie ein wenig geschlaucht und der Alkohol und ihre vollen Taschen trugen dazu bei, dass sie sich mühsamer dahinschleppten, als am Tage zuvor.
Der Himmel war leicht bewölkt und die Landschaft um sie herum, obwohl ländlich und malerisch, vermochte ihre Laune nur bedingt zu steigern. Herod brach das Schweigen: „Sag mal Nuix, alter Freund, ist es noch weit?“ „Nicht so laut, mein Kopf dröhnt wie ein Bienenschwarm“, knurrte Nuix mit heiserer Stimme. „Es kann nicht mehr weit sein. Sieh doch, dort ist das südliche Stadttor von Andala!“ Und tatsächlich: Hinter der letzten Biegung des Flusses erhob sich die Stadt Andala, mit ihrem vorgelagerten, südlichen Stadttor. Sie musterten aufmerksam die Stadtwachen, die das Tor bewachten. Kerzengerade standen sie dort, ihre Waffen und Rüstungen poliert, ihre Fahnen flatterten im Wind. Ihre Wappenröcke trugen das Wappen der Stadt. Einen silbernen Flaschenöffner auf grünem Grund. „Haaaaaalt!“, riefen die Wachen unisono, als die beiden sich dem Tor näherten, und kreuzten ihre Hellebarden. „Wir haben Befehl, nur ehrbare Bürger und Sauftouristen einzulassen!“ „Nicht so laut“, brummte Herod. „Aber wir sind Sauftouristen und wir haben schon den Umsatz ganzer Königreiche angekurbelt“, ergänzte Nuix. „Nun denn Fremde, tretet ein!“, riefen die Wachen und gaben den Weg frei, beäugten die beiden jedoch misstrauisch.
Die Stadt war eine mittelalterlich anmutende Großstadt. Kauzige Häuser zierten die meisten Straßenverläufe und überall schoben sich Menschenmassen verschiedenster Sorten durch die stinkenden, überfüllten Straßen. Bauern, Handwerker, Gelehrte, Kleriker und Adel, alle Gesellschaftsschichten waren vertreten. Jedoch, auf den zweiten Blick fiel Herod etwas auf: Wo waren die Frauen? „Hör mal Nuix“, begann Herod, „Siehst du hier irgendwo Frauen?“ „Scharf beobachtet“, antwortete Nuix. „Ich hoffe doch, dies spiegelt nicht die Gesinnung der Stadtbevölkerung wider.“
„Heda, Bursche!“, rief er einen Jungen, der gerade im Begriff war, seinen Geldbeutel zu klauen. „Sag mal, wo sind denn die ganzen Frauen?“ Der Junge antwortete mit zitternder Stimme, während Herod den Klammergriff um dessen Arm löste: „Die sind verschwunden. Im Wald der großen Erwartungen.“
Herod ließ ihn los und warf einen kurzen Blick auf den Arm des Jungen, der nun dunkelrot angeschwollen war. „Interessant“, stellte Nuix fest. „Denkst du, was ich denke, Herod, alter Freund?“ „Möglicherweise“, grübelte Herod halblaut vor sich hin. „Ein Rippchen Wettessen und der Verlierer bezahlt?“
„Ja, dass auch“, antwortete Nuix leicht verunsichert. „Aber ich meinte die Frauen. Wenn wir sie finden, könnte ein stolzes Sümmchen Geld dabei herausspringen.“
„Ja, und wir könnten direkt einen guten Eindruck bei den Ladys hinterlassen“, ergänzte Herod. Sie ließen den Jungen laufen und eilten schnellen Fußes in Richtung Rathaus. Dort angekommen, mussten sie sich wieder mit einigen Wachen auseinandersetzen. Nach einigen kurzen Erläuterungen und vielen Treppen, wurden sie zum Bürgermeister vorgelassen. Da sie gebeten wurden, auf den Bürgermeister zu warten, nutzen sie die Zeit, um den Getränkeautomaten in dessen Büro zu plündern. Dann setzten sie sich auf zwei gepolsterte Ledersessel und warteten.
Nach einer knappen Viertelstunde erschien endlich der Bürgermeister, begrüßte die beiden und nahm hinter seinem Schreibtisch Platz. „Nun, Gentlemen“, begann er, „Sie sind also die beiden Helden, die unsere Frauen zu retten gedenken?“ „Ganz genau“, bestätigte Herod. „Wir sind reisende Helden aus den südlichen Ländern. Ich bin Herod und dies ist mein Gefährte Nuix. Wir werden ihre Frauen retten. Natürlich sind wir auf Ruhm und Ehre aus, jedoch würden wir eine kleine Belohnung nicht ausschlagen“, flötete Herod mit heroischer Stimme und stolzgeschwellter Brust.
„Nun denn“, begann der Bürgermeister, „Ich biete euch 1000 Kronen und zwei Jahreskarten für alle Heimspiele der Andala Hawks. Einverstanden?“ Nuix und Herod blickten sich kurz an, dann ergriff Herod das Wort: „Einverstanden, betrachten sie diese Angelegenheit als erledigt.“
Sie verabschiedeten sich und gingen schnurstracks zum nächsten Krämer. Dort kauften sie all jene Dinge, die Helden zur Ausübung ihres Handwerkes benötigen: Seile, Proviant, Wasserschläuche, Verbandszeug, und Ähnliches.
„Ich muss mein Schwert noch nachschleifen lassen“, stellte Herod nach einem prüfenden Blick auf seine Klinge fest.
„Dann gehe ich so lange Pfeile kaufen“, erwiderte Nuix. Während Herod sein Schwert schleifen ließ, betrat Nuix den Laden des örtlichen Pfeilmachers. „Guten Tag“, sagte er freundlich.
„Haben sie panzerbrechende, doppelt geschliffene, zwei Zoll breite Pfeilspitzen, mit stabilisierenden Federn und gezackter Spitze?“ „Äh, da müsste ich mal im Lager nachsehen“, erwiderte der Pfeilmacher stirnrunzelnd und verschwand im hinteren Teil des Gebäudes. Nuix prüfte die Spannung seines Bogens und war der Ansicht, dass er auch eine neue Sehne benötigte.
„Sie haben Glück“, rief ihm der Pfeilmacher freudig entgegen, als er aus dem Lager zurückkehrte. „Wie viele brauchen sie?“
„Ein Dutzend bitte und eine neue Bogensehne“, antwortete Nuix. Der Pfeilmacher übergab Nuix die Pfeile und warf einen fachmännischen Blick auf seinen Bogen: „Was für eine Art von Bogen ist das?“, fragte er. „Ein austarierter, 32er Pilzwood mit Klappmechanismus und Zielvisier“, klärte Nuix ihn auf.
„Ich schau mal, ob ich eine Sehne finde, die wenigstens einigermaßen ihrem Bogen entspricht“, flachste der Pfeilmacher und verschwand wieder in Lager.
Als er zurückkehrte, präsentierte er stolz eine Bogensehne, die in der Tat die richtigen Maße hatte. „30 Kronen bitte“, sagte der Verkäufer. „Hier sind 35 Kronen, kaufen sie sich was Schönes oder lassen sie sich die Haare schneiden“, witzelte Nuix. Zufrieden ging er zum Schmied, um nach Herod zu sehen.
Auch Herod war sichtlich froh. Sein Schwert war frisch geschliffen und poliert und am Knauf hing ein grünes Duftbäumchen. „Wehe denen, die sich uns in den Weg stellen!“, brüllte Herod und hielt sein Schwert gegen die Sonne, dass sich das Licht auf der Klinge spiegelte.
„Und Nuix, sind wir glücklich?“, fragte er mit einem breiten Grinsen. Nuix antwortete lächelnd, während er an seinen neuen Pfeilspitzen herumfingerte: „Oh ja. Wir sind glücklich.“
Sie fragten einige Wachen nach dem Weg und begaben sich dann zum westlichen Stadttor. „Dort hinten liegt der Wald der großen Erwartungen!“, sagte Herod und deutete auf den Horizont. „Dorthin führt uns das Schicksal. Dort werden wir dem Bösen das Fürchten lehren.“ Beschwingten Schrittes, machten sie sich auf den Weg.
„Die Gesetzessammlung von Ulthar“, sinnierte Lord Kharatos vor sich hin. „Gesammelt von Mönchen und Paladinen der alten Königreiche von Ulthar. Das geballte Wissen von Generationen von Anwälten, Richtern und Rechtsgelehrten. Ich muss sie besitzen, wenn mein Plan erfolgreich sein soll.“
„Wo befindet sich diese Sammlung, Meister?“, fragte Armal neugierig. „In den Ruinen der Abtei von Ulthar“, erklärte ihm der Lord. „Dreißig Meilen nordöstlich der heutigen Stadt Zartas.“ Armal schluckte: „Dreißig Meilen nordöstlich von Zartas? Das ist doch Sperrgebiet, oder?“ „Ganz recht“, bestätigte der Lord.
„Das gesamte Areal steht unter Natur- und Denkmalschutz. Eindringlinge werden strengstens bestraft.“
„Aber Meister“, fragte Armal besorgt, „Wer soll dort eindringen, um die Sammlung zu stehlen?“ Der Lord erhob die Stimme, während er wild mit den Händen und seinem Stab gestikulierte: „Meine Macht ist viel größer, als du dir auch nur im Entferntesten vorstellen kannst, Armal. Es wäre ein leichtes für mich, dort einzudringen und die Sammlung zu stehlen. Aber nach einem unangenehmen Vorfall vor vielen Jahren, in meiner ungestümen Jugend, habe ich dort leider Hausverbot. Deshalb wirst DU gehen!“ „Ich?“, entfuhr es Armal. „Aber Meister, meine Macht ist begrenzt und ich bin mitten im Semester.“
„Keine faulen Ausreden, Armal!“, polterte der Lord. „Ich habe dich vieles gelehrt, jetzt kannst du mir deinen Wert beweisen.
Du wirst noch heute aufbrechen.“ „Ja, Meister“, stöhnte Armal. Jetzt hatte er den Salat. Welche finsteren Schrecken würden ihn dort erwarten? Welche Geheimnisse würde er lösen müssen? Welche tödlichen Fallen würden dort auf ihn warten? Sein Gehirn schob Überstunden, während er seinen Koffer packte.
Der Meister hatte ihm neben den üblichen Reise-Utensilien einige spezielle Ausrüstungsgegenstände mitgegeben: ein Ladekabel für seinen Zauberstab, Kleingeld für die Mautstellen und Parkuhren, eine Karte von Zartas und den umliegenden Orten, sowie ein Buch voller Zaubersprüche. Zudem hatte der Lord, in einem Anfall von Gutmütigkeit, Armals Hamster Purzel wiederbelebt, damit Armal auf seiner Reise nicht so allein wäre. „Enttäusche mich nicht!“, befahl der Lord, als er Armal am Tor verabschiedete, und winkte ihm mit seinem schwarzen Taschentuch nach.
Armal trottete bedächtig fort, während die Skyline der dunklen Zitadelle langsam hinter ihm verschwand. Als er die Hauptstraße erreichte, bog er nach Süden, und sehnte sich bereits nach seinem gemütlichen Bett. Zumindest, so dachte er, könnte er nun in Ruhe rauchen, ohne dass sein Meister ihm irgendwelche Predigten über die Dunkelheit in seiner Lunge halten würde. Er streichelte Purzel, seinen Hamster, den er in einem Tragebeutel mit sich führte. „Wenigstens war er nicht allein unterwegs“, dachte er bei sich, obwohl sich Purzel ein wenig verändert hatte. Er war nun größer, roch ein wenig strenger als üblich, und hatte auf der kurzen Reise bereits zwei Wölfe gefressen. Aus dem fröhlichen fiepen war ein Grunzen und knurren geworden und seine Augen glitzerten grünlich und leer.
Große Erwartungen und allgemeine Planlosigkeit
Herod und Nuix standen vor dem Saum des Waldes der großen Erwartungen. Sie spähten in das dunkle Dickicht aus Bäumen, die so alt waren, wie die Welt selbst. Irgendwo in diesem finsteren Forst musste etwas Grässliches auf sie lauern. Viele Frauen von Andala waren in diesem Wald verschwunden, um nie wieder zu kehren. Vielleicht ein Drache, ein böser Zauberer, oder eine Bande von Sklavenfängern? Aber es gab nur einen Weg, um es herauszufinden. Herod ging voran, seinen Blick immer noch auf die Finsternis des Waldes gerichtet, sein Schwert fest umklammert. Nuix schlich hinter ihm her, seinen Bogen hielt er schussbereit in den Händen, und versuchte den Rückweg im Auge zu behalten.
Der Waldboden knirschte unter ihren Füßen, während sie langsam voranschritten, und um sie herum vernahmen sie Geräusche, wie das Flüstern des Windes, das Rascheln der Blätter, und das Raunen der Bäume. Der Waldweg, der diesen Namen kaum verdiente, führte sie an eine steinerne Bogenbrücke, unter dem ein kleiner Bach lieblich vor sich dahinplätscherte. Als sie gerade im Begriff waren, die Brücke zu betreten, schoss plötzlich eine dunkle Gestalt unter dieser hervor und postierte sich drohend vor den beiden. Es war ein Troll, eine Kreatur des Waldes, hässlich wie die Nacht und mit mordlüsternen Augen. Er überragte die beiden um mindestens zwei Köpfe und Schaum stand vor seinem Mund. Herod und Nuix machten einen Satz nach hinten und machten sich verteidigungsbereit.
„Fremdlinge!“, krächzte der Troll, „Niemand darf hier passieren, der nicht drei meiner Rätsel zu lösen vermag.“ „Und wenn wir deine Rätsel nicht lösen können?“, fragte Herod. „Und wenn wir einfach um die Brücke herum gehen?“, fragte Nuix. „Dann, ihr unwürdigen, werde ich euch das Fleisch von den Knochen nagen!“, höhnte der Troll und schwang seine stachelbewehrte Keule. „Nun gut, nenne uns dein erstes Rätsel!“, forderte Herod. „Also gut“, begann der Troll. „Was läuft zu Beginn seines Lebens auf vier Beinen, in der Mitte seines Lebens auf zwei Beinen, und gegen Ende seines Lebens auf drei Beinen?“
„Bei Haldar!“, rief Herod aus. „Das ist doch das älteste Rätsel der Welt. Das kommt in jedem billigen Roman vor. Es handelt sich natürlich um den Menschen!“
„Na ja, ich bin hier draußen ziemlich isoliert und höre nicht oft neue Rätsel“, antwortete der Troll beschämt. „Also gut, dann das nächste Rätsel“, fuhr der Troll fort. „Welches Team hält den Rekord für die meisten Touchdowns innerhalb einer Saison?“
„Tja, ich würde sagen, die Lhun Paladins“, sagte Nuix breit grinsend. „Richtig“, knirschte der Troll mit zusammengebissenen Zähnen. „Ich habe auf der Elfen Hochschule Football gespielt“, klärte Nuix den Troll auf. „Die letzte Frage!“, donnerte der Troll. „Wie hoch war das durchschnittliche Bruttoinlandsprodukt der östlichen Königreiche in den letzten sieben Jahren?“
Herod und Nuix blickten sich fragend an und Herod nickte kaum wahrnehmbar. Beide reagierten blitzschnell. Nuix schoss dem Troll zwei Pfeile in den Hals, während Herod ihm in den Unterleib trat, und ihm anschließend den Kopf vom Rumpf trennte. „Schwätzer!“, sagte Herod abwertend und spuckte auf den Kadaver des Trolls. „Welcher irre denkt sich solche Fragen aus?“, fragte Nuix, während er fragend in den Himmel hinauf blickte. Anschließend passierten sie die Brücke, während sie den Kopf des Trolls zum Zeitvertreib hin und her kickten.
Die Anspannung war von ihnen gewichen, obwohl sie noch immer aufmerksam die Umgebung beobachteten. „Der Wald der großen Erwartungen“, sinnierte Herod. „Irgendwie hatte ich mehr erwartet.“
Während der nächsten Stunde kamen sie gut voran, doch sie wurden zunehmend nervöser, da sie der Meinung waren, sie kämen zu gut voran. „Lass uns eine Pause einlegen“, schlug Nuix vor. „Einverstanden“, antwortete Herod, und ließ seinen Rucksack zu Boden fallen. Sie setzten sich auf den weichen Waldboden und genehmigten sich erst mal ein eiskaltes Bier aus der Kühlbox. „Nie ist ein Mülleimer in der Nähe, wenn man mal einen braucht“, murrte Herod keine Minute später und warf die leere Dose hinter sich. „Wir sollten sie mitnehmen und recyceln“, forderte Nuix. „Auf diese Weise halten wir den Wald sauber und sparen wertvolle Ressourcen.“
„Der Meinung bin ich auch!“, rief die vermummte Gestalt, die gerade aus dem Schatten der Bäume heraus trat. Eine menschenähnliche Gestalt, in grüne Gewänder gehüllt und mit einem Bogen bewaffnet. Ein Waldhüter, so schien es. Er blickte Herod zornig an und zückte seinen Notizblock. „Waldverschmutzung in einem minderschweren Fall!“, sagte er grummelnd und überreichte Herod den Zettel. „30 Kronen?“, fragte Herod empört. „Zahlbar innerhalb von 30 Tagen“, fügte der Waldhüter hinzu. Herod nahm seinen Geldbeutel und händigte ihm widerwillig das Geld aus, dann hob er die Dose auf und steckte sie in die Kühlbox.
„Was macht ein Waldhüter in einem solcherart verfluchten, monsterverseuchten Wald?“, fragte Nuix stirnrunzelnd.
„Auch ein verfluchter Wald voller Bestien verdient ein sauberes Umfeld“, antwortete der Waldhüter mit ruhiger Stimme. „Außerdem habe ich kein Privatleben“, fügte er hinzu. Brummelnd machte sich Herod wieder auf den Weg, während Nuix ihm folgte, und ihn mit vielen kleinen Sticheleien bedachte, was das Wegwerfen der Dose betraf.
„Wenn auch das Wandern des Müllers Lust ist, so ist es doch des Zauberlehrlings Frust", dachte Armal bei sich, und platschte durch den vom Regen aufgeweichten Pfad, der nach Süden führte. In spätestens zwei Tagen sollte er die nächste (von Menschen) bewohnte Stadt erreichen. Im Moment allerdings konnte er keine 10 Meter weit sehen, da der Regen so dicht war, und sauer war er zudem. Wenn seine Lehrlingsrobe nicht magisch imprägniert wäre, würde er bereits seit Stunden nackt herumlaufen. Er hatte sich schon überlegt, sich irgendwo unterzustellen, aber diese Umgebung hielt manche Schrecken bereit. Deswegen wollte er sie so schnell wie möglich verlassen. Purzel schien der Regen jedoch nichts auszumachen. Er grunzte vergnügt, wenn die Tropfen zischend von ihm abperlten.
Die Landschaft um ihn herum schien trostlos und geisterhaft. Abgestorbene, pechschwarze Bäume, verdorrtes Gras, und dornige, verdrehte Sträucher säumten seinen Weg. Wäre dies ein Film, so dachte er bei sich, hätte man die gleichen Kulissen immer und immer wieder verwenden können.
Seine Gedanken wurden jäh gestört, als er in eine Pfütze trat, die offenbar tiefer war, als sie aussah. Als er bis zum Hals im Wasser stand, hatte er den Kaffee auf. „So ein verdammter Mist!“, brüllte er.
„In was für eine [zensiert] bin ich hier bloß reingeraten? Ich hätte [zensiert] noch mal lieber Medizin studieren sollen, dann wäre so eine [zensiert] niemals passiert, und ich müsste nicht bei so einem [zensiert] Wetter in so einer [zensiert] Landschaft herumlaufen, um so eine [zensiert] Gesetzessammlung zu besorgen!“ Er kletterte mühsam aus der Pfütze heraus und schwang seinen Zauberstab. „Ignisphaeri clotharaes ex!“, rief er aus, und ein Schweif rötlicher Funken stieb aus der Spitze seines Zauberstabes hervor, welcher langsam auf ihn niedersank. Einen Augenblick später war seine Robe wieder knochentrocken. „Wenigstens etwas“, dachte er bei sich.
Der Regen ebbte ab und eine blasse Sonne tauchte die Umgebung in ein kränkliches, gelbes Licht. Er setze sich einen Moment, um auszuruhen. Er steckte sich eine Dark Lord an und schon nach wenigen Zügen war seine schlechte Laune verflogen. Fünf Minuten später machte er sich wieder auf den Weg und legte einen Hustenanfall hin, bei dem er kleine Schleimbröckchen hustete, welche farblich perfekt zur Landschaft passten. Er trottete vorwärts, aber seine Schritte waren tapsig und schwer. Wie sollte er die Gesetzessammlung von Ulthar an sich bringen? Er würde Verstärkung brauchen, vielleicht ein paar Söldner? Aber die würden ihn bei nächster Gelegenheit in den Rücken fallen. Vielleicht sollte er einige idealistische Helden unter falschem Vorwand für seine Arbeit einspannen. Das wäre eine Idee. Aber er müsste es klug anstellen, denn schließlich waren die meisten Helden nicht auf den Kopf gefallen. Aber erst einmal müsste er die nächste Siedlung erreichen, dann würde er weitersehen.
Herod und Nuix setzten ihren Marsch durch den Wald fort, die Anspannung war von ihnen gewichen. Der Sieg über den Troll und das plötzliche Auftauchen des Waldhüters hatte dem einst so finsteren Forst etwas Banales verliehen und die Schrecken waren verblasst. Als sie die nächste Biegung erreichten, hörten sie eine schwache, eindeutig weibliche Stimme um Hilfe rufen: „Helft mir!“
Herod spurtete los und Nuix blieb nur knapp hinter ihm. Er versprühte hastig eine Portion Deo über sich, denn schließlich ist der erste Eindruck auch der Wichtigste. Sie fanden eine junge Frau auf dem Weg liegend. Sie war hübsch anzusehen und ihre langen blonden Haare verdeckten teilweise ihr Gesicht. Ihr Kleid war schmutzig und an einigen Stellen zerrissen.
Genug, um ihre Attraktivität noch zu steigern, jedoch nicht so viel, um die Jugendfreigabe dieses Buches zu gefährden. Herod kniete sich neben sie und half ihr hoch. Nuix sicherte die Umgebung und versuchte, dabei besonders heldenhaft auszusehen.
„Was ist ihnen widerfahren?“, fragte Herod und wischte ihr mit seinem Taschentuch den Schmutz aus dem Gesicht.
„Das Licht!“, röchelte sie. „Das Licht!" Herod blickte sie ernst an: „Du musst uns sagen, was dir zugestoßen ist. Woher kommst du und wer hat dir das angetan?“ Mit sichtbarer Anstrengung hob sie ihren linken Arm und deutete nach Norden, tiefer in den Wald hinein. „Hier scheint es sicher zu sein“, stellte Nuix fest und packte seinen Verbandskasten aus. Sie versorgten die Frau und gaben ihr Nahrung und Wasser.
Nach einigen Minuten hatte sie sich einigermaßen gefangen und war schon wieder kräftig genug, ihre Lidschatten nachzuziehen, was sie auch ausgiebig tat. Anschließend erzählte sie den beiden, was ihr widerfahren war: „Ich bin nur in den Wald gegangen, um Pilze zu suchen. Aber plötzlich wurde ich von einer unwiderstehlichen Kraft tiefer in den Wald gezogen. Dann weiß ich nur noch, dass ich ein helles Licht gesehen habe.
Gestern konnte ich mich davon befreien und versuchte, den Wald zu verlassen.“
„Und was hat es mit diesem Licht auf sich, von dem du erzählt hast?“, fragte Herod. „Keine Ahnung“, antwortete sie.
„Dieser Gedanke war in meinem Kopf, wie ein fast vergessener Traum, eine unerfüllte Sehnsucht.“
„Könnte das etwas bedeuten?“, fragte Herod zu Nuix gewandt. „Na ja“, entgegnete Nuix. „Das muss nicht zwangsweise etwas bedeuten.“ „Wir sollten auf alle Fälle die Augen offen halten“, stellte Herod fest. Sie erklärten der jungen Maid den Weg aus dem Wald heraus und gaben ihr noch etwas Proviant für unterwegs mit. „Nach Norden also“, sagte Herod entschlossen.
„Vielleicht steckt schwarze Magie dahinter?“, mutmaßte Nuix.
Sie machten sich wieder auf den Weg und nach zwei Stunden hörten sie ein Gewirr klagender Stimmen aus der Ferne.
Es waren wimmernde, weibliche Stimmen. Sie klangen wie in Trance und weit konnten sie nicht mehr weg sein. So schlichen sie sich vorsichtig an die Quelle der Stimmen heran und behielten ihre Umgebung aufmerksam im Auge. Die Stimmen schienen von einer Lichtung zu kommen, die von großen dunklen Tannen umgeben war. In der Mitte war eine Art von Gebäude und eine Vielzahl von bunten, glitzernden Lichtern leuchtete aus dessen Vorderfront. Mehrere Dutzend Personen, dem Anschein nach handelte es sich um die vermissten Frauen, standen beinahe regungslos vor dem Gebäude, und murmelten vor sich hin. Einige von Ihnen lagen am Boden und versuchten, in diese Richtung zu kriechen, sofern sie es noch vermochten.
Welch dunkle Magie konnte den Verstand dieser Frauen getrübt haben? Langsam schlichen sie näher heran und das Unterholz knackte und raschelte unter ihnen. Noch immer konnten sie keine Bedrohung wahrnehmen, doch dies konnte ebenso gut eine Falle sein. Sie waren am Rande der Lichtung angekommen, doch zögerten sie noch, sie zu betreten.
Nuix gab Herod ein Zeichen: „Ich gebe dir Deckung“, flüsterte er. Herod nickte und betrat die Lichtung. Nervös wandte er den Kopf in alle Richtungen, doch konnte er keine Gefahr erspähen. Die Frauen schienen keinerlei Notiz von ihm zu nehmen. Fast so, als wäre er ein Geist. Wie in Zeitlupe wandelte er durch sie hindurch, bis er in der Mitte der Lichtung stand.
Nun konnte er die Front des Gebäudes sehen. Was er sah, verschlug ihm den Atem. Er winkte Nuix herbei, woraufhin dieser geduckt und schnellen Schrittes zu ihm aufschloß.
„Was ist das?“, fragte er Herod. „Sieh es dir an, das ist unglaublich“, antwortete Herod fassungslos. Nun konnte auch Nuix die Front des Gebäudes sehen. Beinahe dessen gesamte Vorderseite bestand aus einem riesigen Schaufenster. Dahinter war eine unglaubliche Auswahl an Damenschuhen. Große und kleine, für alle Gelegenheiten, und in allen Regenbogenfarben. Alle paar Sekunden veränderten sie ihre Form, Farbe oder Beschaffenheit. „Tja, damit wäre das Geheimnis gelöst“, schlussfolgerte Herod. „Nicht ganz“, warf Nuix ein. „Wer hat dieses Gebäude gebaut und für welchen Zweck?"
Sie fuhren herum, denn ein ungutes Gefühl überfiel sie wie ein kalter Schatten. „Ich spüre dunkle Magie“, flüsterte Nuix und erschauerte. Herod blickte hektisch in die Finsternis der Tannen, welche die Lichtung umgaben, und er spürte, wie sein Herz aufgrund der Anspannung schneller zu schlagen begann.
„Willkommen ihr Helden!“, vernahmen sie eine knarzende Stimme hinter sich. Sie fuhren abermals herum und ihr Blick fiel auf eine skelettähnliche Gestalt, die auf dem Dach des Gebäudes stand. Sie trug die verwitterte, modrige Uniform eines Schuhmachers, und schwang einen knorrigen Spazierstock in der rechten Hand. „Was bei Haldar ... “, begann Herod.
„Ihr seid hier in meinem Reich“, geiferte der Schuhmacher, und in seinen leeren Augenhöhlen flackerte die schwarze Flamme des Hasses. „Und ihr werdet es niemals wieder verlassen.“ „Warum tust du diesen Frauen etwas so Grausames an?“, fragte Herod verständnislos. „Was haben sie dir denn getan?“
„Was sie mir angetan haben, willst du wissen?“, donnerte der Schuhmacher los. „Meine Ex-Frau hat so lange Schuhe gekauft, bis ich vor dem Geschäft verhungert bin. Sie hat mich einfach vergessen. Und dafür will ich Rache an allen Frauen von Andala!“
„Dumm gelaufen“, stellte Nuix fest. „Aber so behandelt man keine Damen.“
„Ach ja?“, höhnte der Schuhmacher. „Meine Damen, das Schuhgeschäft hat bis auf Weiteres geschlossen!“, rief er.
Ein markerschütterndes Wimmern fuhr durch die Frauen um sie herum. „Und es wird erst wieder geöffnet, wenn diesen beiden Eindringlinge erledigt sind!“, fügte er sadistisch grinsend hinzu. Herod und Nuix hatten plötzlich einen dicken Kloß im Hals. Die Frauen würden doch nicht ... Oder würden sie doch?
Wie eine Armee von Zombies fielen die Damen über sie her.
Mit einigen gut gezielten, jedoch harmlosen Hieben versuchten die beiden, sich ein wenig Luft zu verschaffen, doch innerhalb weniger Sekunden waren sie umzingelt.
„Wie in einem beschissenen Zombie Film!“, keuchte Herod.
„Ich schlage keine Frauen!“, versuchte Nuix die aufgebrachten Damen zu beruhigen und gestikulierte beschwichtigend mit seinen Händen. Der Schuhmacher lachte mit heiserer Stimme: „Wer mir ihre Köpfe bringt, erhält ein nagelneues Paar Schuhe seiner Wahl!“
Ein gequälter Aufschrei fuhr durch die Damen und sie drängten immer dichter an die beiden heran. Sollte es so enden, dachten sie bei sich? Umringt von einer Horde wütender, geifernder Maiden, die nach ihnen grapschten und versuchten, sie in winzige Schnipsel zu reißen?
Herod teilte einige entschlossene Faustschläge aus, um die Damen von sich fernzuhalten. Doch für jede Maid, die er mit einem Kinnhaken niederstreckte, erschienen zwei neue, um ihren Platz einzunehmen. Auch Nuix erging es nicht besser. Da er von kleinerer Statur war als Herod und weniger Zeit im Fitnessstudio verbracht hatte als dieser, waren seine Schläge schwächer und weniger präzise.
Nach wenigen Minuten lag er unter einer Woge kreischender Ladys begraben, aber nicht so, wie er es schon oft in seinen Träumen erlebt hatte. Herod stütze sich mit seinem linken Knie am Boden ab, um nicht umgeworfen zu werden, und verteilte weiterhin wütende Fausthiebe in alle Richtungen. Ihre Waffen hätten ihnen hier einen Vorteil verschaffen können, aber ihrer beider Erziehung hielt sie davon ab.
„Nur weiter so, meine Damen, reißt sie in Stücke!“, grölte der Schuhmacher und weidete sich an der drohenden Niederlage der beiden. „Ich kann mich nicht mehr lange halten!“, brüllte Herod und Nuix antwortete umgehend: „Ich kann keinen Finger mehr rühren, und diese wütenden Weiber zerkratzen mich wie eine Horde Hyänen!“
Herod musste handeln, das war ihm klar, aber selbst wenn er wollte, so könnte er seine Waffe kaum noch effektiv einsetzen. Er musste ihre Aufmerksamkeit irgendwie von sich und Nuix ablenken. Seine linke Hand tastete auf dem Boden umher und ergriff einen etwa faustgroßen Stein. Mit einem Ruck richtete er sich auf und schüttelte die verdutzten Damen von sich ab. Ihm blieben nur wenige Sekunden, bevor die wütende Woge erneut über ihm zusammenbrechen würde.
Einen Moment lang überlegte er, den Stein nach dem Schuhmacher zu werfen, dann aber entschied er sich anders. Er nahm all seine Kraft zusammen und schleuderte den Stein mit voller Wucht gegen das Schaufenster.
Das Klirren der Schaufensterscheibe drang ihnen durch Mark und Bein, aber gleichzeitig klang es wie ein erlösendes Signal der Freiheit in ihren Ohren. Der wütende Mob hielt abrupt inne und die Damen blickten sich fragend und murmelnd um, so als wären sie aus einem tiefen Schlaf erwacht.
Der Schuhmacher war außer sich vor Zorn: „Neeeeeiiiiin! Meine Rache ist gescheitert. Fluch über euch!“
Während Nuix sich keuchend aufraffte, riskierte Herod einen kurzen Blick in das Innere des Schaufensters. Doch hinter der nun zerstörten Scheibe war kein Glanz weiblicher Schuhmode mehr zu sehen. Nur unförmige, unmodische, und farblich grauenerregende Schuhe lagen dort noch in wüstem Durcheinander verstreut. Herod richtete seinen Blick nun auf den Schuhmacher und keine Sekunde zu spät. Denn dieser warf mit einem halben Dutzend billiger Pumps nach ihnen. „Vorsicht!“, kreischte Nuix, „Diese Absätze sind scharf wie Rasiermesser!“
Herod versuchte auszuweichen, was ihm nur teilweise gelang. Zwei der Pumps trafen ihn jedoch und schlitzen ihm Oberschenkel und Handgelenk auf, wie ein heißes Messer, das durch Butter pflügt. Der Schmerz trübte seine Konzentration und so übersah er den schweren, Größe 52 Reiterstiefel mit der genagelten Sohle aus doppelt genähtem Leder, der nun auf ihn zu schoss.
„Runter!“, brüllte Nuix, doch seine Warnung kam zu spät. Der Stiefel donnerte Herod direkt vor die Brust und warf ihn röchelnd zu Boden. Nuix rollte sich zur Seite und ergriff dabei seinen Bogen. Dann griff er in seinen Köcher und zog einen Pfeil heraus. Die Maiden um sie herum, durch das Kampfgetümmel und das Blut nun endgültig aus ihrer Trance erwacht, liefen kreischend und wild durcheinander. Nuix spannte blitzschnell seinen Bogen, legte den Pfeil auf die Sehne, und schoss.
Sein Schuss durchbohrte den zweiten Stiefel, der auf Herod gezielt war, und nagelte ihn an eine nahe gelegene Tanne. „Schnapp ihn dir, Nuix!“, keuchte Herod.
„Tod allen blauäugigen, naiven Helden!“, zischte der Schuhmacher. „Ich bin weder blauäugig, noch naiv“, entgegnete Nuix schroff, während er nach einem weiteren Pfeil aus seinem Köcher Griff. „Außerdem bin ich kein Held, noch nicht“, fügte er kleinlaut hinzu.
„Einerlei!“, brüllte der Schuhmacher und deckte sie mit einer Salve angeschimmelter Einlegesohlen ein. Herod rappelte sich auf und entging den Sohlen nur knapp durch einen beherzten Hechtsprung. Während er sich wieder aufrappelte, feuerte Nuix seinen zweiten Schuss ab. Sein Pfeil verfehlte den Schuhmacher nur knapp, der jetzt wie wahnsinnig lachend auf dem Dach herumtanzte, während er immer weitere Wurfgeschosse nach ihnen warf. Die meisten der Ladys hatten die Lichtung bereits verlassen und so hatte Nuix wenigstens ein freies Schussfeld. Doch der Gestank der Sohlen und die blutenden Kratzer an seinem Körper trugen nicht gerade zu seiner Treffsicherheit bei. Herod hatte sich abermals aufgerappelt und zog sein Schwert.
Er pflügte sich gerade durch einen Schwung ausgelatschter Sandaletten, als er das Wort ergriff: „Nuix, wir müssen auf das Dach gelangen!“
„Einverstanden!“, bestätigte Nuix und näherte sich schnellen Fußes dem Gebäude, während er sich durch eine Wolke fliegender Schusternägel schlängelte. Herod rannte nun ebenfalls auf das Gemäuer zu und überlegte sich, wie sie das Dach erreichen könnten. Von außen war keine Leiter oder Treppe zu sehen, also musste es einen Aufgang im Inneren des Gebäudes geben. Nuix machte einen Satz durch die Tür und hielt den Bogen gespannt vor sich. Sein Blick schweifte hastig durch den Raum, eine wahre Bruchbude, in der sich Unmengen von Objekten stapelten, die entfernt an Schuhe erinnerten.
Herod war direkt hinter ihm und gemeinsam durchstöberten sie hektisch das Gebäude. Irgendwo hier musste es doch eine Treppe geben, die nach oben führte.
„Dort!“, flüsterte Nuix und zeigte auf ein klappriges Schuhregal. Herod trat vor und stieß es um, sein Schwert schützend vor sich haltend. Das Regal krachte zu Boden und zerfiel in seine billigen Einzelteile. Dahinter war eine hölzerne Treppe zu sehen, die nach oben führte. Herod rannte hinauf, vor Wut brüllend:
„Jetzt bist du fällig, du irrer Schuhklopfer!“
Herod setzte seinen Fuß auf das Dach und traute seinen Augen nicht. Der Schuhmacher stand am anderen Ende des Daches, auf einem Berg von Schuhen, und schien wohl zu wissen, dass sein Ende nahte. Denn warum sonst stand er bewegungslos da, ohne Anzeichen von Gegenwehr? Nuix schlüpfte wie ein Wiesel durch die Dachluke und legte auf den Schuhmacher an.
„Ergib dich, es ist aus!“, befahl Nuix mit ernster Stimme.
„Ganz im Gegenteil“, entgegnete dieser. „Das einzige, was ihr von mir bekommt, sind ein paar saftige Tritte in den Allerwertesten!“ Ein schriller Schrei entsprang seiner Kehle, als er seine Hände ruckartig auf die Helden richtete. Ein heftiger Windstoß kam wie aus dem nichts, der Schuhberg wirbelte herum wie eine Windhose und versetzte den beiden diverse Tritte.
„Das waren Golfschuhe!“, fluchte Herod, der wie ein Berserker auf die herumfliegenden Schuhe einhieb.
„Ich werde nie wieder Schuhe kaufen!“, jammerte Nuix.
Der Schuhmacher schien von den umherwirbelnden Schuhen keinerlei Schaden zu erleiden und seine Stimme kam aus immer wechselnden Richtungen. So, als würde er sich wie ein Fisch im Wasser bewegen. Herod hieb mit seinem Schwert nach ihm, wenn er dessen Umrisse zu sehen glaubte. Nuix konnte sich kaum auf den Beinen halten und die Tritte, die er erleiden musste, strapazierten seine Konstitution erheblich.
„Wenn wir ihn nicht erwischen können, dann müssen wir die Schuhe in Fetzen hauen!“, stellte Herod fest, und verteilte links und rechts weitere Hiebe. Jede Minute erschien ihnen wie eine Ewigkeit und die beiden hieben mit ihren Schwertern wie wild um sich. Als von den Schuhen nur noch Schnipsel übrig waren, ebbte auch der Wind ab. Schwer atmend, mit blauen Flecken und Prellungen übersät, und aus zahlreichen, wenn auch nur kleinen Wunden blutend, standen sie nun vor ihrem Feind.
„Wenn ich mit dir fertig bin, passt dir kein Schuh mehr“, keuchte Herod und ging auf den Schuhmacher los. Dieser zückte ein Paar aus Metallringen geflochtene Socken, welche an den Ballen zusammengenäht waren, und ging Herod entgegen.
„Dein Tod wird mein Triumph sein, Mensch!“, lachte er und schwang seine Socken wie ein Nunchaku um seinen skelettierten Körper herum. Dem ersten Schlag konnte Herod gerade noch entkommen, doch der zweite hinterließ einen wenig schmeichelhaften Abdruck auf seinem Gesicht. Er taumelte zurück und Nuix konnte den dritten Hieb mit seinem Schwert parieren. „Danke, Freund“, stammelte Herod benommen und versuchte sich wieder zu fangen. Nuix führte einige schnelle Schläge mit seiner Klinge, doch die wirbelnden Kettensocken waren schwer zu erfassen, selbst mit seinen elfischen Augen. Ein schneller Schlag traf seine Waffenhand und stieß sein Schwert beiseite. Nuix duckte sich mit unmenschlicher Geschwindigkeit unter den folgenden Schlägen hinweg, doch aus dem Augenwinkel sah er, dass Herod wieder neben ihm stand.
Herod bündelte seine ganze Kraft und stieß sein Schwert in die Mitte des wirbelnden Kettengeflechtes. Ein dumpfes Röcheln bestätigte ihm, das er sein Ziel getroffen hatte. Der Schuhmacher ließ die Socken fallen und ein schneller und kraftvoller Tritt Herods sorgte dafür, dass der Kiefer des Schuhmachers über die Dachkante flog, gefolgt von seinem Besitzer.
Mit einem knackenden Geräusch zerschellte dieser auf dem Boden der Tatsachen. Mit Mühe schleppten sich die beiden die Treppe runter und überzeugten sich davon, dass ihr Gegner auch wirklich tot war.
„Der kommt nicht wieder“, entfuhr es Herod erleichtert.
„Dieses Mal sicher nicht“, fügte Nuix erleichtert hinzu.
Nachdem sie die restlichen Knochen des Schuhmachers in handliche Krümel zerkleinert hatten, versorgten sie ihre Wunden. Sie beschlossen, erst einmal Atem zu schöpfen und einige Erfrischungen zu sich zu nehmen. Anschließend würden sie die versprengten und sicherlich völlig verzweifelten Maiden zusammentreiben und zurück in die Stadt führen.
Der Lohn des Ruhmes und der lange Weg dorthin
Armal hatte es geschafft, endlich stand er vor einer von Menschen bewohnten Siedlung. Vor dem Dorf Lhun, um genau zu sein. Lhun war im Grunde eine Ansammlung weltfremder Hinterwäldler, die sich fernab der Zivilisation eine Existenz aufgebaut hatten. Die Menschen dort waren zwar einfach und auch ein wenig einfältig, aber gastfreundlich, so hieß es zumindest. Armal klopfte sich noch einmal den Staub von seiner Robe und betrat dann erhobenen Hauptes das malerische kleine Dorf Lhun.
„Ich grüße euch, wehrte Dame“, sprach er eine Magd an, die ihm mit einem Huhn unter dem Arm auf der Straße entgegenkam. Die Magd schenkte ihm ein Lächeln und blieb vor ihm stehen: „Seid gegrüßt, höflicher Fremder, willkommen in Lhun.
Was führt euch hierher?“, fragte sie aufrichtig. In diesem Moment wurde Armal klar, wie lange er bereits keine Frau mehr gesehen hatte, es sei denn auf dem Labortisch seines Meisters. „Nun, ich bin nur auf der Durchreise nach Süden. Ich muss nach Zartas“, erwiderte Armal ein wenig schüchtern.
