Schattenwede –Rette mich nicht - Corinna Kalla - E-Book

Schattenwede –Rette mich nicht E-Book

Corinna Kalla

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Beschreibung

Bist du bereit für das ganz große Finale? Sei gewarnt, dass in dieser Lovestory die Kriegerin den Krieger retten muss. Dass es von Anfang an eskaliert. Dass es krass und verdammt emotional wird. Aber das bist du ja mittlerweile gewohnt, hm? . . . . . Was tust du, wenn dich jemand liebt, der nicht nur ein Geheimnis hat, sondern selbst eines ist? Mit Meruwin an meiner Seite liegen meine Träume und Albträume nah beieinander. Unser Leben ist eine Lüge, ständig droht unsere Fassade zu zerplatzen. Ich traue niemandem außer uns beiden. Wie sollte ich auch, wenn sogar meine Bodyguards ein doppeltes Spiel spielen? Oder tun sie das gar nicht und ich bin ein Opfer meiner Ängste? Zu spät, es ist einfach alles zu spät. Mafia, Geheimdienste, Finanzamt – wir stehen auf jeder einzelnen verdammten Liste. Meine Freundschaften zerbrechen, ich zerfalle in Scherben. Da kommen wir nie wieder raus, oder? . . . . . Der 3. und letzte Teil der Schattenwede-Trilogie.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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COPYRIGHT © 2025 bei Corinna KallaE-Book ASIN 9783759268099
LEKTORAT
Sophie Jenke
KORREKTORAT
Dominique Dohl
COVERGESTALTUNG
Corinna Niemeyer
BILDNACHWEISE
Adobe Stock, Creative Commons: Oxford-Skyline-Silhouette, Bob Comix
GESETZT AUS
Adobe Garamond Pro, Adobe Clean, Dulcinea
Außerdem enthalten: Amazon Ember, 18th Century Kurrent Text
HERAUSGEBER
CNpublishINK, Königsberger Str. 41, 48157 Münster
Für alle, die Klippen im Leben
als Absprungrampen nutzen.
Für dich.
| Zum Inhalt |
Was tust du, wenn dich jemand liebt, der nicht nur ein Geheimnis hat, sondern selbst eines ist?
Mit Meruwin an meiner Seite liegen meine Träume und Albträume nah beieinander. Unser Leben ist eine Lüge, ständig droht unsere Fassade zu zerplatzen. Ich traue niemandem außer uns beiden. Wie sollte ich auch, wenn sogar meine Bodyguards ein doppeltes Spiel spielen? Oder tun sie das gar nicht und ich bin ein Opfer meiner Ängste? Zu spät, es ist einfach alles zu spät. Mafia, Geheimdienste, Finanzamt – wir stehen auf jeder einzelnen verdammten Liste. Meine Freundschaften zerbrechen, ich zerfalle in Scherben. Da kommen wir nie wieder raus, oder?
Romance Suspense mit Spice und einem deutlichen Anteil Mystik
| Bevor du startest |
Du weißt, wie brutal es die letzten Male wurde.
Tut mir leid, das war der Einstieg.
Halt dich fest in 3, 2, 1 …
PS: Falls du Content Notes benötigst,schau ganz hinten!
| Kurzer Überblickaus Meruwins Sicht |
Es gibt eine Million Gründe, weshalb Nora und ich nicht zusammen sein sollten. Die Top Ten sind:
1. Ich bin ein Krieger einer anderen Dimension und somit illegaler als die Schwarzmarkt-Waffen in meinem Keller.
2. Besagte Waffen benötige ich, um auf dieser Seite des Universums gegen ein Heer an Kriminellen anzukommen, die das mit dem Weltenspringen heiß finden. Und die es heiß finden, mich auszuschalten, indem sie die Frau an meiner Seite ausschalten. Zuerst wollten sie Nora in einer Scheißlimousine erschießen, die ich im letzten Augenblick von der Straße gerammt habe. Und gestern. Da haben sie ihre Taktik – und anscheinend Ziele – geändert. Haben ihren Ex-Freund-Arsch aka Polizist engagiert. Der wollte ihr Straftaten unterschieben und hat einen Söldner in ihren Verhörraum gelassen, der sie mit einem Energiekern in meine Heimat entführen sollte. Den Ahnen sei Dank konnte sie sich beim zweiten Mal selbst retten – mit einem Motorrad durch die Glasscheibe von Duncan & Meyer Security. Was mich zu 3. bringt.
3. Ich ziehe mittlerweile nicht nur Gangster an, sondern auch Regierungsbeamte. Damit meine ich nicht die Polizisten, die nach diesen Vorfällen hinter der Mafia – und ganz sicher hinter meiner Fake-Firma – herrecherchieren, sondern Duncan & Meyer Security. Offiziell schützen sie uns nun. Aber niemals sind wir deren einziger Auftraggeber. Dafür sind die Typen mit den schwarzen Teslas zu geleckt und haben zu viele Ausreden parat, warum sie vorletzte Nacht vor unserer Haustür standen.
4. Es könnte sein, dass ich ein kleines Ewigkeitsproblem habe. Seitdem ich nämlich vor zwei Jahren versucht habe, mit meinen Freunden daheim das System zu sprengen, stecken die schwarzen Steinchen ebendieses in mir. Ich sage mal, ich leuchte nicht im Dunkeln, aber es gab eine Zeit, da schlugen Radioaktivitätsscanner neben mir aus. In jedem Fall kann ich mit den Dingern in mir sterben und schleudere – so das Universum will – eine Dimension weiter. Klingt lustig, ist aber dezent traumatisch, weshalb es definitiv auf der Negativliste landet. Zusammen damit, dass meine Krieger seitdem den Kriegsdienst verweigern.
5. Du hast den letzten Satz nicht verstanden? Ist mir egal. Wenn du den zweiten Teil gelesen hast, wird es dir schon wieder einfallen. Genauso, warum ich nicht neben anderen Menschen schlafe, erst recht nicht neben meiner Frau. Das muss ich nun wirklich nicht wiederholen.
6. …
Um ehrlich zu sein, habe ich keine Lust mehr auf diese Liste. Denn kommen wir zu dem Punkt, weshalb die uns scheißegal ist: Nora und ich gehören zusammen. Uns trennt niemand und wer das versucht, bekommt es mit mir zu tun. Ich habe keine Angst vor den Behörden, der Mafia, der Hölle. Ich habe jahrelang in ihr gelebt und werde es bald wieder. Aber diese paar Wimpernschläge mit der Liebe meines Lebens gönne ich mir – gönnen wir uns.
Fick dich, Universum!
Prolog
MERUWIN
➳  »Woran erkennt man einen faulen Zahn?« Die genervt klingende Frau in meinem Rücken kommt mir recht. Obwohl ich mir sicher bin, dass die Frage nicht an mich gerichtet ist, drehe ich mich zu ihr um, weg von Lynn. Noras Freundin flirtet seit dem Hochzeitsshooting mit mir, als wäre ich single und hätte ein paar Hunderter in der Arschritze stecken, von denen ihr Leben abhängt. Mit ihr im Nacken spanne ich instinktiv das Kreuz an und widme mich der nächsten Dame: Helena. Auch nett – nicht. Diese Zwillingsschwestern sind so sympathisch wie Herpes.
»Interessanter Gesprächseinstieg«, lobe ich in meinem besten Plauderton. Was Nora an den beiden findet, ist mir schleierhaft, dennoch gebe ich mir Mühe. Nichts anderes hat sie nach all dem Mist der vergangenen Wochen verdient. »Ich heiße übrigens Meruwin. Danke, dass ich heute hier sein darf.«
Hier. In diesem mit Brautpaarkonterfeis zugestopften Festsaal. Location-Hölle Nummer drei also, nach der Kirche und dem Autokorso. Immerhin ignoriert mich die Braut anscheinend nicht mehr, sie rückt sogar näher.
Artig strecke ich dieser Regentin in Weiß die Hand hin, atme meine Überraschung in die Marmorfliesen unter mir. Was haben eine Giftnatter und Helena gemeinsam? Den Augenausdruck. Da macht es nichts, dass ihre Iriden entgegen der der Schlange stechend blau sind: Es fließt so viel Schwarz heraus, dass ich merke, wie meine Handinnenflächen feucht werden. Die mag mich genauso wenig wie ich sie, hat aber keine Scham, dies zu zeigen.
Passend dazu ignoriert sie meine Geste und funkelt mich gefährlich an. »Es sind nicht nur die Unregelmäßigkeiten an der Zahnstruktur, wo der Karies bereits an die Substanz gegangen ist. Es ist auch seine Reaktion auf Kälte oder Hitze.«
Ah, Mist, der faule Zahn bin also ich? Das sagt mir was – und gleichzeitig wieder nicht. Denn welche der möglichen Punkte meint sie damit ganz konkret?
Ohne die Pupillen zu bewegen, mustere ich sie. Ein ganzheitlicher Blick, den ich jahrelang trainiert habe: schnelle Atmung, frischer Schweiß trotz Klimaanlage, verhärtete Wangenmuskeln, die über die Mundwinkel Furchen bis an die zusammengepressten Lippen ziehen. Davon abgesehen trug sie ihre platinblonden Haare den ganzen Tag voller Perlen, jetzt fehlen einige und einzelne Strähnen verfangen sich in ihren verklebten Riesen-Wimpern. Sie sieht so derangiert aus, als wäre sie zum Festsaal gejoggt. Oder käme vom Boxen. Wobei wir beim Thema wären …
»Interessant«, antworte ich so arglos freundlich, wie ein Kerl es tun würde, der keinen Dreck am Stecken hat. Einen echten Namen, einen echten Job, einen Pass zum Beispiel. Beiläufig ziehe ich die Hand zurück. »Da kommt die Zahnarztgattin durch. Wissen Sie zufällig, wo Nora ist? Ich bin übrigens ihre Begleitung.«
Natürlich weiß ich, dass sie das weiß, schließlich hat sie uns heute schon mindestens zwei Mal aus der Ferne beobachtet. Aber tatsächlich ist mir ihr Problem mit mir egal, meine Frau ist es hingegen nicht: Nora ist vor zwanzig Minuten mit dieser Schlange mitgegangen. Sie standen zuletzt eine Etage höher, direkt vor dem großen Panoramafenster über uns. Seitdem ist sie nicht zurückgekehrt. Nicht cool, wenn man ein Beschützersyndrom hat und die Fahrt hierhin wie ein Brandbeschleuniger war. Ich will sie sehen. Will mir von ihr versichern lassen, dass alles gut ist, dass ich mich benehmen soll. Denn verdammt: Helenas Feindschaft sollte mir nicht gleichgültig sein. Weil sie Nora nicht gleichgültig ist.
Auf sie hoffend, blicke ich mich um. Aber ich entdecke nichts als leere Stühle und kreisrunde Tafeln, über fünfzig davon. Außer uns, dem Fotografen und ein paar Helfern ist niemand hier – die Gäste sind noch im Foyer.
»Er hat Thomas und dir als Willkommensgeste sehr großzügige Geschenke bereitet«, meldet sich Lynn hinter mir mit verlegenem Lachen. Okay, ein halber Punkt für sie, immerhin möchte sie mich verteidigen.
Dennoch überkommen mich erste Magenschmerzen. Wo ist Nora? Weiß sie nichts von Helenas Feindseligkeit mir gegenüber, macht sie sich frisch?
Ich gestehe: Nach gestern – nach dem gesamten letzten Monat – bin ich süchtig danach, ihren Vitalstatus zu überprüfen. Was noch nie eine gute Idee war, da mein Handy bereits gehackt wurde. Jetzt aber ziehe ich meinen Suchtknochen hervor, tippe mich durch das Menü in unseren Chatverlauf. Weil ich diese elendige Schrift in dieser Dimension hasse, schreibe ich ein Fragezeichen. Mein »Wo bleibst du?«. Sie wird es verstehen.
Die Natter zischt. »Das ist mir allerlei, Tony M. Krats.« Bei meinem Fakenamen mit dem M. in der Mitte – wie im Handelsregister – zucken meine Ohren. »Verschaff dich nach draußen. Sieh zu, dass du hinter deiner Begleitung herkommst.« Sie speit das Wort aus wie Gift.
Ich stocke. Was? Den Hass gegen mich mag ich irgendwie nachvollziehen, aber ich hatte nicht mit Feindschaft zu einer ihrer besten Sklavinnen gerechnet. Anders kann man Noras Rolle – die Rolle all ihrer Freundinnen aka Brautjungfern – nicht definieren.
»Geht nach Hause«, blafft sie. »Ihr habt hier nichts mehr zu suchen!«
»Bitte wie meinen?« Meint sie ernsthaft Nora und mich? Sie spricht in der Mehrzahl, aber das ist so unlogisch wie Krieg ohne Leute.
Mit wachsender Perplexität starre ich von der Schlange auf mein Display: Die Nachricht ist zugestellt, bleibt aber unbeantwortet. Untypisch. Kurz hadere ich mit mir, tippe auf das Kartenicon, bündele meine Aufmerksamkeit auf Noras Stecknadel. Ein kleiner pulsierender blauer Punkt, den sie mir vor zwanzig Minuten geschickt hat, weil sie mich Verrückten beruhigen wollte. Das Zeichen springt hin und her – anscheinend ist das Signal unter diesem dicken Holzbalkendach suboptimal –, bewegt sich dann aus dem rückseitigen Teil des Gebäudes und durch den Hintereingang raus Richtung Gartenanlage. Unlogisch. Sie weiß, dass ich im Bankettbereich auf sie warte, sie hat mich gesehen. Egal worüber sich die beiden gestritten haben könnten, sie würde mich mitnehmen, sobald sie die Gesellschaft verlässt.
Einen Moment verharre ich mit dem Samsung in der Hand, versuche, wie ein normaler Mensch zu denken. Wie wahrscheinlich ist es, dass ihr in diesem gut bewachten Areal voller Trockenblumen etwas passiert? Unwahrscheinlich. Wie wahrscheinlich ist es, dass ich überreagiere? Sehr. Absolut sehr. Trotzdem komme ich nicht aus meiner Haut, meine Handinnenflächen schwitzen mittlerweile.
»Sie entschuldigen mich?«, murmele ich und mache Meter. Nicht in Richtung der ersten gut fünfzig einströmenden Gäste, die sich an die mit Plastikdeko überladenen Tische drängen, sondern zur anderen Seite des Saals. Vorbei an den Displaystelen mit den bunten Videos und Bildern, die Nora zusammengestellt hat, bis zum angrenzenden Flur Richtung Hotelbereich des Cottages.
Das Klingeln meines Anrufs, den ich an sie starte, tönt aus den kleinen Buchsen. Dann noch einmal, noch einmal.
Geh ran! Tadel mich, nenn mich bescheuert!
Das Biest folgt mir mit ausladenden Schritten. Den Saum ihres Hochzeitskleides dreht sie im Laufen wie eine Kettensäge. »Da geht es nicht lang! Der Ausgang liegt auf der anderen Seite!«
Genau. Und Nora würde zu mir und den Menschen laufen, nicht vor uns weg. Nach ihrem Beinahetod gestern will sie nicht allein sein.
Vielleicht spinnt das Signal. Bleib lässig!
Möglicherweise ist sie bei ihren anderen Freundinnen oder auf Toilette? Aber der Blick zurück verrät, dass Naomi und Kathy neben den weiteren Gästen von der Hauptseite aus eintreten. Ohne sie.
Ich überlege fieberhaft, wann ich sie das letzte Mal hinter dem Panoramafenster ausgemacht habe. Irgendwann sind sie und Helena von der Scheibe weggetreten, aber das automatische Licht leuchtete weiter. Das ist nur ein halbes Gespräch mit Lynn her. »Sie haben sich erst vor drei oder vier Minuten getrennt, richtig?«, frage ich Helena. Das monotone Tuten hallt mir bis ins Mark. »Und Sie kamen aus dem ersten Stock?«
Da von der Natter nur ein gezischtes »Ich rufe die Rausschmeißer!« kommt, jogge ich ohne ihre Hilfe los.
Mit der Schulter ramme ich durch die Tür gen Zwischenflurbereich. Hier gibt es Sanitärzimmer, die Küche ist nicht weit, ein Weinkeller liegt eine Etage tiefer und das Innenfenster befindet sich vierzig Schritte die Treppe hoch entfernt. Den Bauplan kenne ich auswendig, sogar der Lüftungsschacht neben mir hat sein Gitter an der Position, die dort eingezeichnet wurde.
»Nora?«, rufe ich möglichst cool.
Hart klopfe ich an die Tür der Damentoilette, erhalte aber kein Feedback, pflüge durch weitere Zwischentüren. Stapfe die Stufen hoch und runter. Gepflegte Flure mit hellen Fliesen scheinen mir entgegen, alle menschenleer. Fahrig sehe ich mich um. Niemals würde Nora in dieser Abgeschiedenheit eine Pause einlegen.
»Nora!«
Widerwillig drücke ich den Anruf weg und versuche es bei Baldwin.
Immerhin der geht beim zweiten Klingeln ran. »Ja?«
»Wo sind Sie?«, blaffe ich.
Mein Chef-Bodyguard brummt nach einer Sekunde offensichtlicher Pikiertheit. »Wie abgesprochen parke ich den Wagen. Gibt es Probleme?«
Er kutschiert eine Seifenkiste rum, statt seiner Aufsichtspflicht nachzukommen? Will der mich verarschen? Ich bin so entsetzt, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Davon abgesehen will ich auch nicht über eine ungesicherte Leitung zugeben, dass ich mir in die Hosen scheiße, nur weil ich auf einer Party kurz meine Frau aus den Augen verloren habe.
»Wo ist Ihr Kollege?«, knurre ich stattdessen, stiebe durch den gedrungenen Hinterausgang nach draußen. Sonnenschein knallt mir entgegen, sommerschwerer Blütenduft hängt in der stehenden Hitze. Noras Punkt springt derweil um gute zweihundert Fuß weiter, um das u-förmig angelegte Gebäude herum. Also doch nicht Richtung Gärten, sondern Richtung Haupteingang oder Parkplätze, klasse.
»Der ist bei Ihnen.« Anscheinend bemerkt Baldwin, dass er Mist redet, und räuspert sich. »Einen Moment, ich rufe ihn an. Ich bin ebenfalls sofort wieder da.« In seinem Hintergrund höre ich eine Autotür zuschlagen, er läuft über Kies. Mein Puls beschleunigt.
Ich vertraue ihm nicht, schießt als dunkle Vorahnung durch mich.
Mit ersten Magenschmerzen sprinte ich los, vorbei an den weiß getünchten Backsteinmauern des Cottages, und erreiche fast gleichzeitig mit Noras offiziellem Punkt den Haupteingang. Mist! Durch den bin ich vor zwanzig Minuten bereits das erste Mal getreten! Hochzeitsgäste tummeln sich an dieser Stelle – immer noch über zweihundert, die hinter den Vorläufern nach innen strömen. Hinein in den Festsaal, den ich vor sechzig Sekunden verlassen habe. Es ist wie in einer Endlosschleife.
Ruhig! Du hattest sie jetzt maximal fünf oder sechs Minuten nicht im Auge! Du bist einfach kaputt!
Ich lasse den Blick in die Ferne schweifen – bis zu den Parkplätzen, die gut vierhundert Fuß entfernt liegen. Dabei mustere ich die einzige Ein- und Ausfahrt: kein Staub auf der Piste, kein Fahrzeug auf der Landstraße. Niemand scheint in der letzten Minute davongefahren zu sein. Die Situation ist abgeschlossen, sie muss hier sein.
Einzig Baldwin nähert sich über die landebahnlange Zufahrt in einem leichten Trab. Bei seinem Schneckentempo bekomme ich Aggressionen. Wie kann man so langsam sein?
Im Suchlauf durch die Masse schaue ich umher, pralle dabei rücklings mit Tonio zusammen.
»Alles in Ordnung, Mr Krats?«
Mein zweiter Bodyguard ist Mitte dreißig, schlaksig und lächelt so tiefenentspannt, dass ich Lust bekomme, ihm eine reinzuhauen.
»Ihr Kollege hat Sie angerufen«, brumme ich und schaue mich weiter um. Keine Nora. Das ist nicht logisch! »Haben Sie meine Frau gesehen?«
Anscheinend hat der Alte den Jungen nicht antelefoniert, er wirkt nicht, als würde er Nora oder mich suchen. Was soll der Mist?
Tonio nickt. »Die ist reingegangen. Hat darum gebeten, ihr mehr Privatsphäre zu lassen. Deshalb bleibe ich draußen und fange meinen Kollegen ab. Wir werden Sie heute nicht stören. Möchten Sie eine Zigarette?«
Erst jetzt bemerke ich, wie er sich einen dieser stinkenden Rotzpimmel zwischen den Fingern dreht und sich mit einem dieser Ratschefeuerzeuge ansteckt. Sein erster Zug ist kurz und flach.
»Nein«, wiegele ich ab, überprüfe zum wiederholten Mal mein Display. Vielleicht hat sie meinen Anruf überhört? Das Gequatsche der Leute ist lauter als eine Horde Baustellenfahrzeuge, Blasmusik schallt über das gesamte Areal. Außerdem ist sie bereits den ganzen Tag im Stress, wahrscheinlich hat sie trotz der Auseinandersetzung mit dieser Giftnatter – sie müssen eine gehabt haben – schon drei neue Aufgaben erledigt und kein Mal auf ihr Handy geschaut.
Atme!
»Wann genau ist sie reingegangen?«
Tonio zuckt mit den Achseln. »Vor ein oder zwei Minuten, schätze ich. Schauen Sie auf die Länge meiner Zigarette.« Als der Pimmel zwischen seinen Lippen aufglimmt, schießt mir Helenas Zahnvergleich ins Mark. Lügt er? Irgendwas passt mir an ihm nicht – hat mir heute den ganzen Tag nicht gepasst.
Ich überlege fieberhaft. »Komisch«, ächze ich. »Ich bin grade erst durch den Eingang hier raus.« Ich deute fälschlicherweise auf den Haupteingang. »Sie müsste mir in der Doppeltür begegnet sein.« Gespielt ratlos reibe ich mir die Stirn.
Tonio blinzelt nicht einmal. »Sie wollte hinten rum.« Er zeigt in die Richtung, aus der ich gekommen bin. »Durch den Garten und über die Hotellobby.«
Lügner.
Der Gedanke frisst sich so tief in meinen Kopf, dass ich einen Moment den Tonus sämtlicher Muskeln kontrollieren muss, um mich nicht zu verraten.
Immer mehr Gäste verschwinden in das Innere des Heileweltfriedhofs. Niemand beachtet uns oder sieht aus, als würde er mehr als sich selbst im Sinn haben. Ich kann also nicht eine Seele nach ihr fragen.
Erneut checke ich mein Smartphone. Ihr Punkt pulsiert auf meinem wie ein Ausrufezeichen. Zum gefühlt hundertsten Mal starte ich den Anruf – lautlos und abgewandt von Tonios Blick –, starre auf ihr Bild in meinem Display. Eine Sekunde, zwei … Niemals. Niemals ist diese Ortung so ungenau. Und niemals würde sie mich warten lassen, nicht mal für einen Toilettengang. Also warum behauptet meine App, dass sie genau bei mir steht? Ich taste unnütz an meiner Jacketttasche.
»Hat sie Ihnen bereits ihr Handy gegeben?«, frage ich im besten Plauderton, den ich herauspressen kann. Ein Hinterhalt, bei dem mir die verrückte Gastgeberin zugutekommt, die beim Bankett keine Fotos will.»Wir sollten die Dinger eigentlich am Empfang abgeben, aber das ist uns zu unsicher.« Hoffentlich verleitet ihn meine Lüge dazu zuzugeben, dass er Noras Handy hat. Wobei das ebenso schrecklich wäre. Beim Heiligen, was geht hier vor sich?
Einen Moment ist mir, als versuchte Tonio, mich zu dechiffrieren. Die glatte Stirn kräuselt sich, der Fokus seiner dunklen Iriden umtanzt meinen, den ich absichtlich konstant halte. »Nein«, sagt er unter kurzem Schulterzucken. Der Stängel glimmt. »Tut mir leid.«
Scheiße, zu offensichtlich gelogen? Weiß er, dass die Handys nicht abgegeben werden, sondern in Plastikbeuteln mit Sichtschutzfolien landen?
Wie zu besten Friedenszeiten belaste ich ein Bein stärker als das andere. Baldwin hat uns entdeckt und Tempo vom Nicht-Tempo rausgenommen. Er ist fast bei uns.
»Haben Sie Hunger?«, bohre ich unbekümmert weiter. Ein Ansatz, Tonio mit mir zu bewegen. Ich werde ihn garantiert nicht draußen rauchen lassen, solange ich Nora nicht gefunden habe. Ich will ihn sehen. Beide will ich sehen.
»Nein, danke, ich bin auf Diät.« Er tippt sich auf den schlanken Magen. »Wir werden hier warten. Einer vor dem Gebäude, einer dahinter, wenn Sie möchten.«
Tiefenentspannung. Ja, das ist es. Genau das passt mir an ihm nicht. In der Kirche verhielt er sich anders. Schultern höher, Kinn unbeständig. Hat permanent von links nach rechts geschielt, mich an die zehn Mal gemustert, selbes Bild auf der Fahrt. Und dabei war die Christ Church genauso abgeschlossen und verwinkelt wie dieses Cottage. Was hat den Schalter in ihm umgelegt? Und seit wann raucht er überhaupt? Als ich in seinem Auto saß, konnte ich keinen Tabak an ihm ausmachen. In den Teslas gab es weder Duftspender noch Nuancen von Rauch. Gelegenheitsraucher? Dann sollte ihn eine einzige Kippe nicht entspannen.
Mein Anruf an Nora läuft immer noch, in mir rast es. Meine Magenschmerzen kommen inzwischen direkt aus der Hölle.
Während Baldwin die letzten Schritte zu uns zurücklegt, starte ich einen Anrufversuch bei ihrer besten Freundin.
Naomi geht sofort ran. »Hallo?« Sie klingt atemlos, aber so klingt sie schon den ganzen Tag.
»Hi, Meruwin hier.« Meine Stimme trieft vor vorgetäuschter Coolness. »Steht Nora zufällig neben dir?« Kurz bete ich, dass mein Wahn einfach nur peinlich ist und meine Frau ihr den Hörer abgreift, aber Naomi seufzt.
»Hi, nein, sorry. Ich suche sie selbst.«
»Okay«, raune ich. Scheiße. »Steht Kathy neben dir?«
»Ja. Soll ich sie dir geben?«
»Nein, schon gut.« Ich wollte nur wissen, ob sich ein Telefonat mit ihr lohnt. Ohne weiteren Kommentar lege ich auf, spüre, wie mir die Kontrolle über mein Pokerface entgleitet. Wenn ich die Mafia wäre, was würde ich tun? Sie isolieren und kidnappen. Genau hier, an einem Ort, an dem niemand damit rechnet.
Fragt sich nur, was mindestens einer meiner Bodyguards damit zu tun hat.
Wenn du nicht übertreibst und Nora einfach nur kurz mit sich allein sein wollte.
Vielleicht auf der Damentoilette, an der ich vor Minuten vorbeigelaufen bin? Ich habe keine Antwort abgewartet, weil ich dachte, Nora wäre fähig zu reden. Was, wenn ich falschlag?
Mit einer Handbewegung ziehe ich Tonio die Fluppe aus dem Mundwinkel. »Sorry«, lüge ich kein bisschen überzeugend. Ich zerdrücke den Stängel unter meiner Ledersohle. »Aber ich benötige Sie. Wir müssen meine Begleitung finden, ich mache mir Sorgen.« Eine vollkommene Untertreibung. Ich deute auf Baldwin, der mit zusammengedrückten Brauen zu uns aufschließt. »Und Sie kommen ebenfalls mit. Ich habe Nora vor etwa neun Minuten aus den Augen verloren und sie geht nicht ans Telefon.«
Mein älterer Bodyguard mustert mich. Einen Moment ist mir, als wollte er mich kritisieren, aber er presst die Lippen zusammen und nickt. »Gut. Ich hinten rum, Sie vorn?«
»Beide mitkommen.« Ich steche mit Zeige- und Mittelfinger in die Laufrichtung. »Jetzt.«
»Baldwin hat rech…«, beginnt Tonio, da fletsche ich ihn aufgesetzt freundlich über die Schulter an. Ein bisschen Ich-reiße-dir-gleich-den-Kopf-ab ist auch dabei, ich kann nicht anders.
»Ich bezahle, hm? Und ich will es so.«
Machen wir uns nichts vor: Die sind nicht ehrlich, und solang sie das nicht sind, sind sie verdächtig. Am liebsten würde ich ihnen Halsbänder anlegen.
»Moment.« Mein älterer Bodyguard zeichnet sich dadurch aus, dass er nicht nur in seinen Absichten undurchsichtig ist, seine Tonlage ist immer annähernd gleich. Ein stimmliches Maskengesicht. Aber dieses Mal brummt er tiefer als sonst. »Was ist das?«
Er hebt keine zehn Zentimeter hinter Tonios Gesäß einen Gegenstand aus einer der hüfthohen Bodenvasen. Dessen Anblick versetzt mir einen Schlag: Noras Handy! Man erkennt es an dem schwarzen iPhone-Case mit den hellen Punkten, nur ohne das Halte-Bändchen für das Handgelenk.
Tonio dreht sich mit großen Augen um – zu schnell. Er reißt sie auf, noch bevor er sieht, was Baldwin meint. »Oh?«, haucht er aus.
Ich implodiere. Innerlich, still und leise, denn wie sicher bin ich mir, dass ich das richtig gesehen habe?
»Das muss sie grade verloren haben?«, meint Tonio lahm. »Tut mir leid, das war mir nicht aufgefallen.«
Dabei ist er so cool, dass meine Selbstbeherrschung nicht nur an einem seidenen Faden hängt, der Faden brennt.
Oder hat Baldwin es aus seinem Jackettärmel rutschen lassen? Wollen die mich verarschen? Nein, dann wäre das Signal nicht die ganze Zeit über hier gewesen.
»Mitkommen«, knurre ich. »Jetzt.«
Bei meinen Ahnen, was muss ich an mich halten, Tonio und Baldwin nicht neben mir herzuschleifen! Für mich, der mit forschen, ausladenden Schritten die Location ein zweites Mal entert, sind das Schnecken in Hosen. Mit diesen beiden im Schlepptau drücke ich mich durch die einströmenden Menschen, mustere alles vom Boden bis zur Decke, rüttele an der Klinke einer geschlossenen Tür. Hauswirtschaftsraum? Egal, ich rufe ihren Namen hinein. Die ersten Gäste schauen blöd – egal. Egal. Egal was die über mich denken! Ich drifte immer mehr in einen Wahn, den ich nicht stoppen kann. Bin getrieben von blanker Panik und schmerzender Hoffnung, dass alles ein riesiges Missverständnis ist und ich der Depp des Tages bin.
Baldwin sucht zwar mit Blicken mit, schenkt mir sonst nur schmale Lippen und räuspert sich. »Ich weiß nicht genau, worum es geht, aber Sie wirken im Moment sehr aggressiv auf mich. Sind Sie sicher, dass Sie ihr keine Angst bereiten? Dass Sie sie überhaupt sehen will?«
Was?
»Sie wurde gestern beinahe entführt und Sie meinen, ich bin aggressiv?«, motze ich. Mittlerweile haben wir den halben Festsaal durchquert, wo sie nicht ist. Sie ist nicht hier! »Ich bin nicht aggressiv, ich rieche nur, wenn was nicht stimmt! Und Sie als ihr Personenschützer sind wahnsinnig entspannt dafür, dass Ihre Klientin fehlt!«
Von rechts erklingt Helenas Aufschrei, der mir gilt – Die auch noch! –, doch ich stiebe weiter durch die Menschen wie ein Panzer. Etliche sitzen bereits, Helenas Cousin muss die Beine wegziehen, weil ich sie ihm sonst wegpflüge.
Plötzlich wagt es Tonio, mir den Arm über die Schulter zu legen. Die Geste ist absurd und viel zu nah. Instinktiv greife ich nach seinem Handgelenk.
»Ruhig«, murmelt er. »Lassen Sie ihr ihren Freiraum! Und schauen Sie – wir sind hier nicht erwünscht. Sie sind nicht erwünscht.«
Er nickt zu Helena, die vor ihrem Brautthron steht und wild mit den Armen fuchtelt. Sie schreit etwas in meine Richtung, ich höre es nicht. Ich höre nur das, was wichtig ist, und das sind die fester werdenden Schritte meiner Bodyguards, die sich neben mich drücken. Einer links, einer rechts. Eine Formation, die ich auswendig kenne. Genau so nehmen wir in Herades Verbrecher fest. Eine Einkesselung der Bedrohungslage, sie halten mich für das Problem! Scheiße, bin ich das Problem?
NEIN. Eine dunkle Stimme flüstert es mir. Sie kommt aus den Tiefen meiner Intuition, die ich jahrzehntelang trainiert habe, um in einer Schlacht überleben zu können.
Als bekäme ich nicht ihre Absicht mit, lasse ich mich von ihnen zu der Zwischentür begleiten, durch die ich auf der Suche nach Nora zuerst getreten bin. Ein Schlund zur Hölle, denn ich weiß, dass ich sie dahinter nicht finden werde. Ich fühle es. Mein innerer Faden brennt, wedischer Zorn macht sich in mir breit. Heiß und fest und grell wie ein Pechball, der kurz vorm Platzen steht.
Als Baldwin vortritt und die Klinke drückt, kann ich nicht anders. »Warum haben Sie zwanzig Minuten gebraucht, um ein Auto zu parken?« Mein Blaffen steht im Kontrast zu dem Schweigen, das den Saal hinter uns erfasst. Wir sind der Mittelpunkt der Gesellschaft, egal. Denn so war es, richtig? Er hat irgendwas in seinem Fahrzeug getrieben, was nicht mit mir abgesprochen war. Er hat seine Aufsichtspflicht verletzt. Vielleicht hat er sogar eine Entführung geplant.
Bei meinen Ahnen.
Er stoppt mit einer Besonnenheit in den Knochen, die deeskalieren soll, mich aber zusätzlich aufheizt. »Mr Krats, bitte bleiben Sie ruhig.« Dabei senkt er das Kinn, passend zu seiner Tonlage, blickt mich selbstbewusst an. »Ich bin auch besorgt, dass sie nicht hier ist. Aber ich musste mich mit meinem Vermieter über die zerbrochene Scheibe unterhalten, wie Ihnen bekannt ist. Es ging darum, einen Termin zu finden.«
Lüge. Weil er den Termin bereits besprochen hatte, als wir zur Kirche gefahren sind.
Eine Ewigkeit verstreicht, in der ich in sein Maskengesicht starre, ihn dabei beobachte, wie er das Türblatt aufstößt, mir immer heißer wird. Meine Fingerknöchel knacksen, so fest balle ich die Fäuste in den Anzugtaschen.
Okay, Fokus. Wo könnte das Bändchen von Noras Handy sein? Warum war es ab?
Beim Seitenblick zu Tonio kocht mir das Blut hoch. Er mustert mich mit zuckendem Mundwinkel. Er findet meine Lage witzig. Diese Wichser!
Einer Eingebung nach wirbele ich mich aus seinem Schulterarrest, greife in seine Tasche.
Leer.
Baldwin springt mit einem dunklen »Stopp! Es reicht!« nach vorn, aber ich bin schneller. Stiebe erneut herum, von seinem Einflussbereich weg, versenke meine Faust in Tonios zweiter Tasche. Alles in mir erstarrt als meine Finger Metall berühren, nicht Stoff. Kein Handyband. Sondern feine Glieder mit harten Erhebungen wie Steinchen an einer Kette.
Beim Meliharge.
Tonio und ich starren uns an. Seine Pupillen sind riesig, sein Augenausdruck voller Panik. Entsetzen, Bestürzung.
Ich muss das Fundstück nicht herausziehen, ich weiß, was ich in der Hand halte. Aber ich muss es sehen. Das ist der Deal, zu dem mich das letzte bisschen Selbstbeherrschung anhält. Ich ziehe also an dem, was nicht in diesem Jackett stecken dürfte, verliere fast mein Gleichgewicht: Das ist ihr Armband. Ihr scheißverficktes Armband!
Mein Wahn explodiert zu Flammen, die so hoch in meinem Kopf und darüber hinaus schlagen, dass ich in den Automatikmodus übergehe. Mit einem Schulterruck katapultiere ich Tonio mit der Stirn voran gegen die Wand. Gewaltsam packe ich ihn am Nacken, donnere seinen Kopf ein zweites Mal dagegen. Baldwin schreit, die Menschen im Saal schreien – stimmt, wir stehen mitten im Durchtritt vom Dinnersaal zum Flur, in der halb offenen Tür. Aber was interessiert es mich? Und was interessiert mich Blut am Putz? Mehr, ich will mehr davon!
»Wo ist sie?«, brülle ich, will den erschlafften Tonio erneut in der Mauer versenken.
»Stopp!« Baldwin hechtet auf mich zu.
In der gleichen Nanosekunde boxe ich ihm gegen den Kehlkopf, wirbele mich mit vollem Kampfgewicht mit Tonio hinter das Blatt, weg von den ausrastenden Menschen. Baldwin wirft sich im Fallen auf uns und wir stürzen zu dritt und als Knäuel in den leeren Flur.
Die dicke Eisentür schlägt durch den Selbstschließmechanismus zu, erstickt die kreischende Masse auf der anderen Seite. Einer Seite des Lebens, das Lichtjahre von meinem entfernt liegt. Bedauern zerdrückt mich, ich habe versagt. Alles falsch gemacht und ich weiß nicht, wie ich es besser machen soll.
»Lassen Sie ihn los!«, brüllt Baldwin und rappelt sich hoch. Er zieht seine Waffe, zielt mit der Sig Sauer auf meinen Kopf.
Nichts ist mir egaler. Der Schmerz sitzt tief, ich weiß, dass ich nichts zurücknehmen kann. Deshalb mache ich mir nicht die Mühe, ihn anzusehen, reiße seinen Kumpel mit meiner Faust um dessen Hals hoch und präsentiere ihn wie ein Opferlamm. Wenn Baldwin ihn haben will, tot. Mein Faden ist abgefackelt.
»Wo haben Sie sie hingebracht?«, donnere ich, schüttele Tonio in der einen Hand genauso hart wie das Armband in der anderen.
Tonio kämpft würgend mit dem Bewusstsein. »Das … ist ein … Missverst–«
Ich will es nicht hören, meine Faust will es nicht hören. Ich quetsche ihm die Luft raus.
Baldwins Blick wechselt von Wut zu Entsetzen zu Verwirrung, sein Finger am Abzug zuckt. Aber natürlich schießt er nicht, ich stehe hinter Tonio.
»Was ist das?«, fragt er grenzdebil.
Ich schnaube. Jetzt auf einmal ist er schwer von Begriff? Das glaube ich ihm nicht mal mit Nadeln im Hirn.
»Das«, Tonio japst mit jedem Wort, weil ich locker lasse, zudrücke, locker lasse, »hatte … ich … gefunden!«
Mein Zorn dampft aus mir, speit Worte aus, die viel zu wenig sind für das, was ich fühle. Ich brenne. »Bullshit!«
50.000 Pfund findet man nicht wie einen Pence, Nora hätte es niemals verloren, ihr Handy auch nicht. Mit aller Macht presse ich meine Faust zusammen, bis sich Tonio im Todeskampf windet und Baldwin brüllend die Waffe höher zieht.
»Ihr lügt!«, tobe ich über ihr Getöse hinweg. »Ich schwöre bei meinen Ahnen. Ich töte euch, wenn ihr mir nicht sagt, wo ihr sie habt! – Tür auf, oder er stirbt!«
Ich nicke gen Damentoilette hinter Baldwin. Keine Zeit für Plaudereien, sie könnten Nora bereits überall versteckt halten. O Scheiße, hat er sie in sein Auto verschafft? Oder liegt sie irgendwo im Garten? Tausend mögliche Orte, an denen ich zugleich sein müsste! Und ich bin allein, habe nichts als zwei Augen, zwei Hände und meine illegale Winz-Glock im Knöchelsaum. Die ziehe ich heraus, ramme sie Tonio an die Schläfe. Einmal, zweimal. Mein Gott, was tut es gut, ihm wehzutun!
»Whooow!« Baldwin hebt mit seiner Waffe am Daumen die Hände, öffnet mit dem Ellenbogen die Tür, kickt sie mit einem Tritt nach hinten auf. Der Raum, der sich vor uns auftut, ist klein und hat nur drei Kabinen. »Sachte!«
»Präsentieren!«, dröhne ich, lasse mir von Baldwin jeden Winkel des Sanitärbereichs vorführen. Er innen, ich mit Tonio als Geisel im Türrahmen.
Leer. Sauber. Scheiße!
Auf der anderen Seite der Metalltür höre ich die Gäste panisch raunen. Egal. Mein Wort des Jahres. Ich werde es mir auf die Stirn meißeln, um damit klarzukommen, dass die Schmach mich in Wirklichkeit innerlich auffrisst.
Es tut mir leid, Kleine! Wo bist du?
»Wir sind auf Ihrer Seite, also runter mit der Waffe!«, bestimmt Baldwin dunkel.
Ja klar, und später zeichnen wir zusammen Einhörner!
»Nächste Tür!«, blaffe ich. Mit der Waffe deute ich gen Männerbereich. »Jetzt!« Zur Motivation entsichere ich meine Mini-Glock. Eine subkompakte Pistole im Kaliber .380 ACP, die kaum größer ist als meine Hand.
Tonio windet sich in meiner Faust. Als Antwort hebe ich sie höher, lasse ihn auf den Zehenspitzen um Sauerstoff tanzen. Kurz macht es den Anschein, dass Baldwin seine Kooperation einstellt – er zögert –, doch dann rammt er artig den Eingang zur Männertoilette auf.
Ich weiß nicht, ob es mein entsetztes Gesicht ist, in das er wie in ein Selbstbild starrt, aber zum ersten Mal lässt mich Baldwin aus den Augen und versenkt den Blick in den Raum, den er soeben geöffnet hat.
Ein Ort des Grauens.
Blut. Auf den Bodenfliesen, an der Wand. Ein Spiegel ist zerbrochen, ein Einschussloch prangt in seiner zersplitterten Mitte.
Ich schwanke. Panik durchflutet mich, nackter, bodenloser Horror. Ein Büschel blonder Haare schimmert im gelben Petroleumlicht wie eine Granate, die sich in meine Netzhäute frisst.
»ALLE SCHEISSTÜREN AUF!« Kein Brüllen, kein Donner, sondern ein Urknall aus der Hölle, der aus mir heraussprengt. »Nora!« Ich schreie ihren Namen, obwohl sich ein dumpfes entsetzliches Gefühl durch meine Gedärme wühlt:
Sie ist nicht hier.
Sie haben ihr einen Energiekern aufgedrückt und sie in diesem Bad hingerichtet. Sie hat die Dimension gewechselt.
Die letzte Synapse Verstand in mir kämpft darum, dass ich warte, bis Baldwin beherzt jedes Kabinenblatt aufgetreten hat, jedes Scheißklosett in seiner Unbesetztheit vor uns offenbart hat.
Leer.
Sie ist nicht mehr da!
In mir fährt eine Wand herunter.
Rot – blutrot – todeszornschwarz.
Sie knockt sämtliche Gehirnareale in meinem Kopf aus.
Blind schieße ich in Tonios Fuß. Links. Schrei. Rechts. Baldwins Schrei. Setze die Mündung an Tonios Schläfe. Soll er doch aus meinen Händen verschwinden und seine Leute auf der anderen Seite vorwarnen, dass ich komme!
Hart drücke ich ab, stanze den Abzug mit dem Finger in das Metall darunter. Doch anstatt sich in Luft aufzulösen, spritzt mir Gehirnmasse in die Augen. Tonios Körper erschlafft, ich stocke.
Er hatte keinen Energiekern?
Erneut ertönt ein Schuss, aber nicht von mir. Mein eigener Bodyguard feuert auf mich. Seine Kugel frisst sich in meine Schulter, jagt mir eine Schockwelle bis unter die Schädeldecke.
Tonios Leiche gleitet mir aus der Hand, schlagartig ist meine komplette rechte Seite taub.
»Stopp!«, brülle ich, hadere. Waren die beiden ein Team oder war das ein Missverständnis: Tonio, der Mafiascheißer, und Baldwin, der Was-auch-immer?
Doch als ich meine Waffe zu meiner Verteidigung auf ihn umschwenke, weiß ich, dass es für solche Überlegungen zu spät ist. Seine Handaußenfläche verhärtet sich, Adern treten heraus. Er wird erneut schießen.
Also drücke ich zuerst ab, ballere ihm – scheiße – nicht an die Stelle, die ich wollte, sondern mitten ins Herz. Einen letzten Augenblick starren wir uns an. Sein erschlaffender Körper sackt an der Tür hinunter, seine Pupillen sind riesig. Enttäuschung fließt aus ihnen, Verwirrung. Zwei Männer, die bis zuletzt nicht wissen, was sie vom anderen halten sollen, zwischen denen in der letzten halben Sekunde aber mehr Wahrheit gesprochen wurde als den ganzen Tag davor. Er war ein Guter, aber nicht für mich.
Noch bevor mich sein Schicksal zu lange aufhält, halte ich mir meine .380 an die Schläfe, atme die Gewissheit, dass sie gewonnen haben: Sie haben meine Frau. Seit mehr als zehn unverzeihlichen Minuten. Aber um sie zurückzubekommen, will ich die Welt in Schutt setzen. Ich will jede Dimension dieser scheißverfickten Schöpfung in meiner Faust zerquetschen. Will jede noch so entfernte Zeit, Nichtzeit, jedes Nichtwesen, jede Gottheit, jedes Quantenloch mit meinem übermächtigen Zornschlag pulverisieren, bis ich sie wiederhabe. Meine Frau ist unantastbar und wenn das das Letzte ist, wofür ich stehe. 
Das Feld meines wedischen Zorns brennt im Höllenfeuer, peitscht weit über die Dächer dieses Dreckslochs hinaus – so hoch, dass ich keine Hitze mehr spüre, sondern selbst die Hitze bin. Das ist das Letzte, was ich fühle, als ich den Abzug ziehe.
| Kapitel 1 |Tinkerbell erzählt Märchen
NORA, 2 Stunden zuvor
➳  Farben tanzen vor mir, vermischen sich mit Meruwins besorgtem Gesichtsausdruck. Zusätzlich stanzt mir die grelle Mittagssonne Löcher in die Pupillen und mein Magen rebelliert gegen die ausgetrocknete Grasnarbe unter meinem Rücken. Als läge ich unter einem Haufen aufgeheizter Sumoringer.
Mist.
»Geht schon«, presse ich hervor.
Ich will mich aufrichten, doch Meruwin lässt mich nicht. Sanft, aber bestimmt schiebt er meinen Ganzmuskelkater und mich zurück Richtung Boden. Matt lande ich auf seinem Jackett, das ich nicht fühle, dessen Ärmel ich aber zwischen meinen halbtauben Fingern vermute. In jedem Fall ist das kein Gras.
»Wir müssen da wieder rein«, beharre ich und hoffe, dass meine Stimme nur für mich belegt klingt. »Ich bin Helenas Brautjungfer.«
Statt zu antworten, zieht Meruwin etwas von außerhalb meines Gesichtsfelds hervor. Keine Sekunde später sticht eine feine Spitze in meinen Oberschenkel. Da ich ein bodenlanges Wasserfallkleid trage, heißt das, dass er den Beinschlitz nutzt.
»Autsch!«, maule ich, obwohl die Injektion streng genommen nicht wehtut. Ich winde mich total erfolglos unter seinem Gewicht. »Was …?«
»Stillhalten. Adrenalin«, raunt er im besten Beruhige-dich-Karamell. »Keine Sorge, nichts anderes.« Er versucht ein schelmisches Zwinkern, um auf seine hinterlistige Gute-Nacht-Spritze von vor über einem Monat zu verweisen. Mit der hat er mich für seine Flucht vor mir ausgeknockt. Aber der schlechte Witz misslingt ihm. Er sieht total blass aus, das sehe ich sogar mit Sonne im Gesicht.
»Das war nur ein Muffin«, beruhige ich ihn.
»Und vorher war es nur ein Kondom.«
Ich hebe den Finger, um etwas Cooles zu antworten, zucke aber, als es ein zweites Mal in mein Bein sticht.
»Antihistaminikum«, erklärt er murmelnd.
Um meiner Antwort Ausdruck zu verleihen, klopfe ich ihm – zugegeben nicht so stark, wie ich mich geben will – auf den muskulösen Oberschenkel und direkt auf den schönen Stoff seines pechschwarzen Anzugs. »Das hätte ich selbst gekonnt. Außerdem geht es mir super. Das ist kein Latex gewesen, nur irgendeine leichte Kreuzreaktion einer Frucht. Du reagierst über.«
»Dein Puls ist bei 50.« Er tätschelt mir ebenfalls auf den Schenkel. »Und jetzt darfst du mir beweisen, wie super es dir geht, und bringst ihn auf 70.«
Ich lache. »Du Witzbold, wie soll das denn gehen? Eher bricht der mir noch weiter ein, ich liege in der Hitze.«
»Schön, dass dir wieder warm ist. Ich dich auch.«
Mit einer fließenden Bewegung umfasst er meine Taille mitsamt seiner Anzugjacke und stemmt uns in den Stand. Gerade rechtzeitig schlinge ich die Arme um seinen Hals und strecke die Beine durch. Weil ich damit eine kleine Kräfteprüfung bestanden habe, küsst er mich zum Lob und dreht uns dabei so, dass er in der Sonne steht, nicht ich. Der feste Druck seiner Lippen auf meinen vertreibt den Schwindel etwas. Wow, noch nie so geiles Zeug injiziert bekommen! Na ja. An das erste Mal – vor ein paar Wochen, als ich beim Sex ohnmächtig geworden bin und er mit mir in die Notaufnahme gerast ist –, kann ich mich nicht erinnern.
»Ich liebe dich und bin beeindruckt davon, was du alles in deinen Hosen hast«, witzele ich, realisiere aber gleichzeitig, dass Meruwin im Gegensatz zu mir mein Allergienotfallkit dabeihatte.
Der zieht mich fester an seine Front und schwingt sich lässig das Jackett über die Schulter. Mal wieder ist alles an ihm schwarz – außer einem kleinen seidenen Einstecktuch in Hellblau und zwei Manschettenknöpfen mit Perlmutt-Intarsien, die perfekt zu meinem hellblauen Kleid passen. Das Highlight bleiben aber seine grüngrauen Augen, mit denen er wachsam von links nach rechts blickt. Gangster? Auch ich linse umher. Nein, nur wir. Gut. Und wie ich das ausmache, haben wir es nicht weit aus der Kirche geschafft. Beziehungsweise er, denn er hat mich die letzten Meter getragen.
Innerlich lache ich aufgekratzt. Wie knapp war ich davor, vor Helenas über dreihundertfünfzig Hochzeitsgästen plus Priester zu Boden zu gehen? Immerhin stand ich direkt neben dem Altar! Und wie mega ist das, dass Meruwin hier ist? Hier bei mir in der Öffentlichkeit und kurz davor, meine Freundinnen kennenzulernen! Das ist ein pink glitzernder Lamettamoment, der vor vierundzwanzig Stunden weiter weg schien als die Sonne über uns.
Ich blinzele nach oben. Wir stehen im Innenhof der gigantischen Christ Church Cathedral in Oxford. Die verzierten Kalksteinfassaden und die fünf Meter hohe Eingangsdoppeltür, hinter der meine Grazien und alle anderen sitzen, befinden sich keine vierzig Fuß von uns entfernt. Die Glocken des Jahrhunderte alten Tom Tower im gleichen Komplex läuten passend zu dem immer höher schlagenden Adrenalin in meinen Adern. In den starken Armen des besten Bodyguards der Welt fühle ich mich unbezwingbar. Sogar meine Muskelschmerzen verschwinden fast. Zugegebenermaßen hatte ich heute auch schon zwei Ibuprofen 500, die mit den neuen Injektionen Party feiern.
»So gut schaust du in deine Handtasche!«, tadelt er mich in seinem ironischen Tony-Krats-Tenor.
Ertappt grinse ich. »Es war in meiner Handtasche?« Wow!
»In fast jedem unserer Autos, in deinem Spind bei Marty, unter dem Bett …«, erklärt er und schaukelt meine Glückseligkeit und mich mitsamt meinem funkelnden Handkettchen und noch mehr funkelndem Verlobungsring. Mein ganzer Arm funkelt.
Okay, vielleicht bin ich noch nicht ganz fit, denn sogar Meruwin – mein Zukünftiger! Ah! – funkelt von seinem kantigen Kinn, der hübschen schiefen Nase bis zu den unordentlichen blonden Haaren, die einen perfekten Kontrast zu seinem Maßanzug bilden. Selbst ohne den Fakt, dass er ein streng geheimer Superman ist und die heißesten schwarzen Tattoos des Universums am Astralkörper trägt, ist mein Funkelmann eine 11 von 10.
Souverän zieht der mir den Riemen meines Handtäschchens über die Schulter. »Und den Ahnen sei Dank war das ein Doppelpack. Allerdings möchte ich für den Rest unserer Zeit gern auf ein zweites Mal verzichten.« Er ziept mir frech an den langen Haarspitzen. Dabei murmelt er halbernst: »Unfassbares Frauenzimmer. Bekommt nichts mit.«
Weil mich ein Unterton anweht, neige ich fragend den Kopf. »Planst du für eine Apokalypse?«
Klar ist der schnelle Zugriff auf mein Allergienotfallkit wichtig, mit der Heftigkeit meiner Latexallergie und deren »leichteren« Kreuzreaktionen ist nicht zu spaßen. Aber das letzte Tony-Krats-Hamsterverhalten äußerte sich durch eine 30 Millionen Pfund schwere Kreditkarte mit meinem Namen. Das war vor etwas über einer Woche, kurz bevor er mit mir Schluss gemacht hat. Solche Aktionen schaffe ich kein zweites Mal, ich bin froh, dass wir hier stehen.
Als er für eine Sekunde mit Worten ringt, stutze ich. »Was …?«
»Was hat sie?« Baldwins alarmierter Tenor überrumpelt mich von hinten.
Meruwins Kiefermuskeln verkrampfen sich, bevor er sich mit mir im Arm zu unserem Security-Chef umdreht. Baldwin und er sind in etwa gleichauf, also 1,84 Meter groß. Beide mit breiten Schultern, durchtrainierter Statur und einer alten Blessur im Gesicht. Bei Meruwin ist es die Nase, die ihm sein Vater als Kind gebrochen hat. Bei Baldwin der komplette Schädel, vielleicht ein verheilter Schädelbasisbruch. Vom Charisma her passen sie perfekt zusammen. Na ja. Wenn man davon absieht, dass die beiden dreißig Jahre Altersunterschied trennt und Baldwins Tommy-Lee-Jones-Denkerstirn mit den dicken grauen Augenbrauen nicht unbedingt Bad-Boy-Aura verströmt. Außerdem hat er ein bisschen mehr Masse als Meruwin. Keine Ahnung also, warum mir das so vorkommt, eventuell ist das die Expertise oder Lebenserfahrung, die aus beiden spricht. Oder mein Medikamentencocktail.
»Sie wissen bereits, was sie hat«, reißt mich Meruwin aus den Gedanken. Die vollkommene Coolness in seiner Stimme verrät mir, dass er auf der Hut ist. »Eine mehrtägige Krankschreibung bei der Zeitung, weil sie gestern vor der Mafia und verrückten Polizisten geflohen ist. Dazu ein Muskelkater, diverse kleine Hämatome und Kratzer.«
Weil meine Antennen ein Zähnefletschen hinter der Fassade ausmachen, liebkose ich ihm den Kragen. Betont freundlich lächele ich Baldwin an. »Mir geht es super«, lüge ich. Wie fantastisch man mich mit Latex abmurksen kann, muss tatsächlich nicht die ganze Welt wissen. Die Insider-Liste ist lang genug, beinhaltet das Personal des John Radcliffe Hospitals, meinen Hausarzt, meine beste Freundin. »Danke der Nachfrage«, beteuere ich mit Nachdruck. »Ich brauchte nur ein bisschen frische Luft.«
»Und eine Injektion?«, kontert Tonio, der aus Meruwins Rücken hervortritt und sich halb hinter mich stellt. Wie Baldwin sieht er aus wie ein laufender Man in Black: weißes Hemd, schwarze Krawatte, schwarzer Anzug, den er allerdings weitaus weniger ausfüllt als sein gut trainierter Kollege. Ich schätze ihn auf Mitte dreißig. Und verdammt aufmerksam.
Ich unterdrücke einen Schauder und tue das Erste, was mir einfällt: lächeln. Passend dazu bedeute ich unseren zwei Beobachtern ein Victoryzeichen. »Vielleicht bin ich ein Junkie.«
Weil der Witz nicht ankommt – von beiden ernte ich einen langen Blick –, kichere ich so ungerührt wie möglich und stöhne theatralisch, als gäbe ich ein Spielchen auf. »Oder ich habe Diabetes.« Wie eine lustige Tinkerbell werfe ich den Kopf in den Nacken, fühle mich selten dämlich. Diabetes! Davon weiß ich so viel wie über Rassehühner in Usbekistan. Und Meruwin geht es garantiert genauso, ihm sind die meisten Fachbegriffe unserer Dimension fremd.
Hatte ich erwähnt, wie fertig es mich macht, auf mehreren Ebenen zugleich Scharade zu spielen? Ich bin bodenlos erschöpft, denn das hier sollte ursprünglich ein lustiger Tag mit meinem Traummann und meinen Mädels werden. Aber nach dem Verschwinden von unserer IT-Spezialistin ist mir, als klebten Abhöreinrichtungen an meinen Sohlen. Außerdem bin ich bei unseren Leibwächtern total zwiegespalten. Einerseits mag ich sie. Weil sie seit meinem Horrortag gestern auf mich aufpassen – mit geladenen Glocks und laut Firmenauskunft Schusswaffenlizenzen und Auszeichnungen bis zum Mond. Außerdem haben sie sich bis jetzt tadellos benommen, sind dezent, aufmerksam, freundlich. Standen mit Meruwin in der letzten Reihe des Kirchenschiffs und werteten das Setting auf: Etliche Hochzeitsgäste halten sie für einen von Helena exklusiv gebuchten Ordnungsdienst.
Allerdings »parkte« besagter »Ordnungsdienst« bereits vor unserem Auftrag »rein zufällig« in Meruwins und meiner Einfahrt. Und hatte dabei eine riesige Ähnlichkeit mit den Anzugträgern, die Wochen zuvor Sybills Tatort mit Radioaktivitätsscannern abgesucht haben. MI5? MI6? Sollten sie was mit denen zu tun haben, ist unser Leben vorbei. Regierungsangestellte kann man viel schlechter abknallen als Gangster. Und man kann ihnen auch niemals erklären, dass sie in Wahrheit nicht nur hinter mysteriösen Leichen und radioaktivem Zeug für Atomwaffen herrecherchieren, sondern hinter einem Element, mit dem sogar Quantenbomben für Dimensionswechsel möglich wären. Verdammt, ich will mir nicht ausmalen, wie viel Geld Regierungen und sämtliche irren Despoten dieser Welt für diese kleinen beschissenen Zeta-Strahlen-Steinchen ausgeben würden – die nach einer Scheißexplosion leider zuhauf in meinem Lieblingsmenschen sitzen.
Ich schlucke. Ich darf jetzt nicht ausrasten. Ich muss lässig bleiben und es als Chance ansehen, dass Meruwin Duncan & Meyer Security eingestellt hat, um sie aus der Nähe zu beobachten. Aber hätte es wirklich keinen anderen Weg gegeben? Nicht dass mir einer einfällt. Aber es fühlt sich an, als hätten wir bei den beiden einfach nur zwischen Scheiße und Scheiße wählen können.
Scheiße und Scheiße schweigen. Und zwar so lang – eine Sekunde, zwei –, dass ich anhand Meruwins Muskeltonus an meinem Bauch spüre, wie er Lunte riecht. Mein Unschuldslächeln fühlt sich an wie in Gips gedrückt. Haben die in meiner getürkten medizinischen Akte gewühlt und wissen, dass etwas an meiner Aussage nicht passt? Ernsthaft, ich habe keine Lust, jemals als Druckmittel gegen ihn benutzt zu werden.
»Haben Sie sonst noch Fragen?«, surrt mein Mann. Für Außenstehende unbedarft und locker, aber das Testosteron, das ihm aus den heißen Poren quillt, prickelt auf meiner Haut.
»Nein«, brummt Baldwin genauso gelassen zurück.
Sobald wir genug Beweise für euer merkwürdiges Verhalten gesammelt haben, werdet ihr verhaftet.
Das pfeift durch meine Knochen und ich presse die Zunge gegen den Gaumen. Meruwin fasst mit der einen Hand in meinen unteren Rücken und massiert mit der anderen meinen Haaransatz. Die sanften Kreise seines Daumens und Zeigefingers sollen mich beruhigen, aber es fällt mir schwer, gegen den ansteigenden Druck in meiner Brust anzuatmen. Nach all dem Wahnwitz der letzten Wochen – nach dem Einbruch in meiner Wohnung, meiner Entführung, meinen Beinahetoden, dem Kopfschuss vor meinen Augen, dieser verdammten anderen Dimension und den ganzen Lügen – bin ich keine toughe Journalistin mehr, ich bin ein paranoides Wrack ohne Nerven.
Vielleicht sind das wirklich nur ganz normale Bodyguards? Bleib cool und sei nicht so auffällig!, schelte ich mich.
Meruwin klimpert mit den Fingern an meiner Taille. »Gut.«
»Müssen wir sonst noch etwas wissen, außer das mit dem Diabetes?«, fragt Baldwin. Bedeutungsschwanger sieht er mich an, als erwartete er, dass ich etwas ergänze.
Heißes Nervenflattern sammelt sich in mir. »Sie meinen, wie oft ich meinen Blutzuckerwert testen muss, damit ich nicht wieder eine Insulinspritze benötige?« Ich spreche es deshalb ausführlich aus, damit Meruwin über meine angebliche Krankheit Bescheid weiß. »Nein, alles cool.« Ich zucke mit einer Achsel und verkneife mir gerade rechtzeitig ein »Ich falle ja nicht gleich ins Koma, haha«. Mann, geht es noch? Diabetes! Was tue ich, wenn ich ein besonders großes Stück Kuchen essen will? Dürfen Diabetiker das? Immerhin: Falls mich bald jemand mit Zucker ermorden will, weiß ich wenigstens, ob ich abgehört werde.
Meruwins Finger musizieren weiter auf mir. Obwohl er mich so nah gezogen hat, dass ich statt seines Gesichts nur seine pechschwarzen Hemdknöpfe über der breiten Brust sehen kann, weiß ich, dass er Kraft seiner Präsenz Baldwin fixiert.
»Sie verstehen sicherlich, weshalb mein ITler sämtliche Aufzeichnungen über ihr Defizit aus den Akten gelöscht hat?«, fragt er streng, ohne sein Missfallen zu kaschieren. »Weshalb wir Etiketten vertauschen und nie darüber reden? Weshalb ich Sie eine Verschwiegenheitsklausel für jegliche Interna habe unterschreiben lassen?«
Baldwin räuspert sich. »Ja, natürlich. Danke, dass Sie diese vertrauliche Information mit uns geteilt haben. Dann können wir besser auf Ihre Verlobte achtgeben.«
Ich widerstehe dem Drang, beide zu mustern, und schaue nach links. Und spüre beim Anblick des punzierten Knaufs der Doppeleingangstür einen neuronalen Blitzeinschlag. Eine Blitzerinnerung, warum ich keine Zeit für Plaudereien habe.
| Kapitel 2 |Zu viele To-Dos
➳  »Wie viele Minuten haben wir verpasst?«, quietsche ich, zugegeben ein bisschen überdreht. »Der erste Teil der Zeremonie war fertig, haben sie schon Ja gesagt? Haben sie schon unterschrieben?« Können die nicht wissen, sie stehen ja bei mir. »Wir müssen wieder in die Kirche!« Als Ausrufezeichen rüttele ich an Meruwins Taille, die sich natürlich nicht bewegt. Mein Mann ist ein Kämpfer, der steht wie ein Fels.
Der weitaus größere Fels ist heute allerdings die Braut. Helena hat ihre alten Studienkontakte spielen lassen und heiratet nicht nur in der fettesten Kirche ganz Oxfords, sondern bekommt eine Doppelweihe: Eheschließung und Standesamt gleichzeitig, ihre Zwillingsschwester Lynn hat es als Standesbeamte möglich gemacht. Was meinem Abgang semizuträglich ist. Vor allem weil ich vor der Welt normal wirken will. Die ganz normale Brautjungfer mit dem vollnormalen CEO und Inhaber von Tony M. Krats Enterprises als Freund. Ich ächze. Und ächze lauter, als die Klangkörper über uns anschwellen, die rosettenverzierte Doppeltür der Kathedrale aufschwingt. Unheilvoll kippt der Schall der Orgel zu uns nach draußen.
Wie ein Reh starre ich dem Brautpaar entgegen, das sich mit meinen Brautjungfern-Mädels im Eingang positioniert und darauf wartet, dass die Gäste Spalier stehen. In ihrem Meerjungfrauen-Superkleid eines Designers, dessen Namen ich vergessen habe, sieht Helena fantastisch aus. Ihre lange blonde Wellenmähne wird von einem Diadem samt Satinschleier verziert, überall an ihr glitzern kleine eingestickte Perlen. Auch meine Freundinnen glitzern. Wir tragen heute alle das gleiche puderblaue Seidenkleid, dazu passende Pumps. Sogar unsere Supermum Kathy hat sich geschminkt – wir haben echt unser Bestes gegeben, damit Helenas Hochzeitsbilder perfekt werden. Nicht dass wir eine Wahl hatten, sie hat uns sogar die Farbe des Lidschattens vorgegeben.
Als mir Naomis alarmierte Augen ein »Was ist los bei dir? Bist du okay?« entgegenschreien, zwinkere ich wie zum Spaß. Mist, ich muss ihr unbedingt sagen, dass sie meine Latex-Allergie verheimlichen soll!
Mein Superheld seufzt. »Sie haben Ja gesagt, während du noch daneben standest.« Mit Zeigefinger und Daumen bedeutet er einen Abstand. »Also hätte ich dich doch eher rausholen müssen. Und fit bist du jetzt auch nicht, du schwankst.«
»Scheiße!«, fluche ich leise. Wie konnte das passieren? Ich war nicht mal ohnmächtig, mir ist nach Kathys Muffin nur schlecht und ein bisschen schwindelig geworden!
Elektrisiert setze ich mich in Bewegung und schenke meinen Leuten mein bestes Das-habe-ich-geplant-Lächeln. Da ich Nick, dem Fotografen, assistiere, husche ich hinter diesen und drücke einige Menschen in Position. Gott sei Dank scheint Helena gute Laune zu haben. Sie präsentiert ihr einstudiertes Brautlächeln, bei dem sie nicht zu viel Zähne zeigt und die Stirnpartie entspannt, und dreht sich hollywoodmäßig in Thomas’ Armen. Der verpasst als Bewegungslegastheniker fast seinen Einsatz, fängt sie aber haarscharf auf und küsst sie, während sie lachend zu Boden gleiten. Fünf Dip-Kiss-Aufnahmen im Kasten!
Kurz schaue ich auf die Uhr des Tom Towers: Exakt 14 Uhr. Nach Plan steigen in zwei Minuten Tauben in den Himmel – das organisiert trotz heftigsten Tierschutzvorbehalten Naomi. Danach schreiben wir Glückwünsche auf Herzchenpostkarten, die an weißen Heliumballonen mit dem Brautpaarkonterfei hängen – das verantwortet Kathy. Für die Aufnahmen mit allen Gästen, bei denen unter anderem die Ballone in den Himmel steigen, bin ich zuständig. Lynn ist nach ihrem Standesbeamten-Einsatz Helenas leibeigene Assistentin, die ihr Erfrischungen reicht, das Kleid sortiert, Luft zufächelt, das Make-up auffrischt, Gelder einsammelt und den Zeitplan im Griff behält. Da der vorgibt, dass die ersten Programmpunkte innerhalb einer Stunde erledigt sein müssen – immerhin wechseln wir bald die Location zum Essen und Helena will dort auch noch ein paar Bilder von sich in der Kutsche –, bleiben wir im Innenhof.
Der riesige Tom Squad ist der größte Innenhof Oxfords mit einem mittelalterlichen Brunnen in der Mitte und gigantischen englischen Rasenflächen. Weil das jahrhundertealte Areal an sich aber ein bisschen unaufgeregt ist, haben der Blumendienst, mein Superfreund, die Bodyguards und ich vor der Trauung riesige Blumenbouquets auf die Asphaltwege geschleppt. Tatsächlich ist es unglaublich praktisch, mit so vielen willigen Männern unterwegs zu sein. Ich befehlshabe quasi bewaffnete Butler.
Und die dirigiere ich durch meine To-dos: Der Fotograf benötigt mehr von den Blumengestecken neben der Treppe und mir muss jemand die dicken Wassereimer mit den vierhundert blauen Rosen hinterhertragen. Unterdessen ich die an die Gäste verteile, dem Kameramann den alten Akku abnehme, das Stativ schultere – das mir Merwin kurzerhand abnimmt – und gegen meine wiederkehrenden Magenschmerzen ankämpfe, schüttele ich über mein unbedarftes Ich von vor zwei Stunden den Kopf. Ich hatte mich unfassbar darauf gefreut, Meruwin meinen Freundinnen vorzustellen. Natürlich nicht als Verlobten, das wäre nach einem Monat Beziehung für normale Menschen zu krass, weshalb ich den Diamanten mittlerweile in der Handinnenfläche verstecke –, sondern ganz unaufgeregt als neuen Partner. Aber nun sind wir so sehr im Stress, dass ich Kathy nicht mal nach ihrer Zutatenliste fragen kann. Gleichzeitig presst sich die Hitze mit einer Vehemenz auf unsere Scheitel, dass sogar die Gäste im Schatten sämtliche Moleküle ausschwitzen.
Als ich an Helenas Gratulanten-Schlange vorbeirenne, klopft mein Herz ungemütlich stark gegen meinen Brustkorb. Ich hätte Meruwin in sie einreihen sollen, vollkommen egal, ob er mich nichts schleppen lassen will. Aber es stehen noch über sechzig Leute an und ganz ehrlich, ohne seine Hilfe schaffe ich es nicht. Helena hat geplant, als wären wir bei einem Staffellauf. Und wir sind selbst schuld, wir haben während der Planung nicht widersprochen. Gott, was hätte ich darum gegeben, dass sie sich schon kennen! Aber Meruwin war bis gestern Nacht scheuer als ein Okapi und meine Mädels und ich haben heute eine längere To-do-Liste als der Weihnachtsmann. Unpassenderweise kamen wir auch noch auf den letzten Drücker. Dass mein Traumtyp mir auf den Weg hierhin den grandiosesten Verlobungsring der Welt gekauft hat und ich mir sein Knutschfleckherzchen vom Rücken schminken musste, stand nicht auf meinem Zeitplan.
Ich bin schweißdurchtränkt und fast bei der letzten Rose, da werde ich von hinten gepackt. Einen Moment will ich demjenigen eine boxen, da merke ich, dass es einer meiner Lieblingsmenschen ist: Naomi. Sie zieht mich in eine feste Klitsch-Umarmung.
»Ich muss ganz schnell Pferdescheiße von der Straße fegen«, haucht sie atemlos. »Aber das hier ist jetzt wichtiger.« Sie drückt mich kräftiger. »Und ich muss dir über einhundert Dinge erzählen.«
Ich beiße mir auf die Lippen. Wie gern ich mit »Ich muss dir auch tausend Dinge erzählen!« antworten würde! Aber das geht nicht. Würde ich ihr das Ausmaß des mich umgebenden Wahnsinns anzeichnen, würde sie denken, ich sei verrückt – und wäre verrückt vor Sorge. Dabei habe ich mittlerweile genauso viele Fragen an sie wie sie an mich. Allen voran, wie ihr dieser Mafia-Sprössling Alessio meine Kreditkarte mitsamt der 30 Millionen Pfund abluchsen konnte. Was sie überhaupt mit ihm getrieben hat und wie ich ihn erreichen kann. Immerhin wollte er mit meinem Geld vor seinem Vater fliehen, den ich unbedingt schnappen muss. Wie wohl ihr Kenntnisstand zu meinen offiziellen Problemen ist? Ich verwette mein wunderschönes Handkettchen, dass die Polizei ein Pokerface gespielt hat! Leider ich konnte sie nichts per Telefon fragen.
Vorsichtig linse ich zur Seite: Baldwin und Tonio schütten das Wasser aus den leeren Blumeneimern und stapeln sie übereinander. Immerhin die hören schon mal nicht zu.
»Es tut mir leid«, murmele ich, um ebenfalls einen Anfang zu machen. »Ich war dir eine miserable Freundin.« Bin es. Und werde es für immer sein. Ja, verdammt: Nach außen hin wirke ich unbedarft, aber ich vermisse das vertraute, bedingungslos Ehrliche zwischen uns beiden mittlerweile so hart, dass mir mein Herz, mein Kopf und alle Knochen wehtun. Es ist, als würde ich ihr dieses Beste-Freundinnen-Ding vorgaukeln, nur weil ich sie nicht loslassen will.
»Mir tut es auch leid.« Sie schnieft leise. »Ich habe schon ein bisschen länger so viele Geheimnisse, Nora. Manchmal denke ich, ich zerspringe.«
Aus dem Konzept gebracht, erstarre ich in ihrer Umarmung. Was hat sie gesagt?
»Und als ich dachte, dass du Geheimnisse vor mir hast, habe ich mich selbst gehasst«, klagt sie. »Du hast mich an mich selbst erinnert. Deshalb war ich so drüber, als ich von deinem neuen, streng geheimen Freund erfahren habe.« Sie senkt die Stimme zu einem Raunen. »Als hättest du genauso belastende Abgründe wie ich.« Eindringlich mustert sie mich. »Ich beichte es dir jetzt: Ich bin total kaputt, Nora. Ernsthaft. Ich bin ein Haunting-Adeline-Typ und lebe in Büchern. Richtig harten, abgefuckten, dunklen Smut-Schinken. Ich lese mehr als einen am Tag, immer.« Sie macht eine theatralische Pause, vielleicht weil sie denkt, ich könnte darauf in irgendeiner Form entsetzt reagieren. Was ich nicht tue, woraufhin sie kurz den Kopf schüttelt und meine Oberarme umfasst. »Deshalb ging mir die Fantasie durch. Ich dachte, du bist in einem schwarzen Loch mit einem Psycho gefangen. Dabei wolltest du deinen neuen Freund einfach vor deinen Recherchen beschützen, richtig? Das wäre so typisch! Habt ihr deshalb Stress gehabt und euch getrennt?«
Als sie von mir ablässt und mich mit ihren mitfühlenden dunklen Augen ansieht, nicke ich benommen. »Ja«, antworte ich, schüttele fassungslos mit dem Kopf. Ernsthaft? Sie meint, Bücherlesen sei schlimm? »Er hatte Angst, dass meine Zielpersonen mitbekommen, dass wir zusammen sind. Dass sie seine Firma recherchieren – er verkauft übrigens keinen Schmuck, sondern streng vertrauliche Sicherheitstechnik – und mich dadurch auf dem Kieker haben. Ich meine, als Journalistin ist man für diese Menschen ein rotes Tuch, aber als Freundin eines reichen CEOs wird man wieder attraktiv, ob man ihn dann nicht besser mit ihr erpresst oder so. Deshalb hat er sich getrennt. Er dachte, er tut uns beiden damit einen Gefallen.«
Sie plustert ihre Pfannkuchen-Wangen auf. »Fuck«, pustet sie aus. »Er ist gar kein Schmuckverkäufer? Aber so einer hätte eh nicht zu dir gepasst.«
Leichtigkeit vorgaukelnd, spiele ich mit dem Bizeps, ignoriere dabei meinen Muskelkater, der sich bis in die Zehenspitzen zieht. »Jepp, ich habe einen Hang zu Sirenenhelden. Aber deshalb habe ich dir damals am Telefon gesagt, dass ich dir nichts über ihn sagen darf. Wegen seiner Firma. Er musste es selbst entscheiden.«
Naomi schaut sich um, ob wir unter uns sind. Auch ich nutze das für einen kurzen Blick zu Baldwin und Tonio. »Puh!«, stöhnt sie. »Und was ist gestern passiert? Weil ihm ja heute alles egal ist und ihr jetzt doch wieder zusammen seid? Warum musste ich zur Polizei?«
Ich widerstehe, mir auf die Lippen zu beißen. Ich will jetzt keinen Fehler begehen und etwas Voreiliges sagen, was ihr Weltbild ins Wanken bringt. Naomi ist anders als ich, sie hasst Gefahren. Na ja, ich mittlerweile auch.
»Warum war es so wichtig, denen zu erzählen, wie ich deine Karte verloren und wiedergefunden habe?«, stochert sie weiter.
»Sein Aufriss mit der Trennung und der Karte für mich hat sich nicht gelohnt«, beginne ich langsam. »Ein paar nervige Typen, gegen die ich recherchiert habe, haben hinter mir herrecherchiert und von dem Konto bei J. P. Morgan erfahren. Und dort gab es dann merkwürdige Kontobewegungen, die wohl von ihnen stammten.« Besser, ich untertreibe möglichst vage mit der Wahrheit. Sie muss nichts von den 30 Millionen Pfund wissen, die nur weg sind, weil sie anscheinend ausgetrickst wurde. Naomi würde sterben vor Gram und Meruwin hat noch genug auf der hohen Kante. Ihn juckt es nur wegen der Mafia.