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Eine kleine Reise zu einem Bekannten weckt neue Lebensgeister und Gedanken. Verschiedene Charaktere erleben intensive Tage auf einer traumhaften Insel.
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Seitenzahl: 104
Veröffentlichungsjahr: 2020
Sandro Lehmann
Schatzsuche nahe der Ziegeninsel
Tredition
© 2020 S.Lehmann/ S.Lehmann
1.Auflage
Herausgeber: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
Autor: S.Lehmann
Umschlaggestaltung, Illustration: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
Lektorat, Korrektorat: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN Taschenbuch: 978-3-347-16014-9
ISBN Hardcover: 978-3-16015-6
ISBN-e-Book: 978-3-16016-3
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
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Unaufhörlich vibriert das Smartphone in der Hosentasche einer teuren Seidenhose.
„Ist ja gut, ist ja gut!“ Schwankend nähert sich der großgewachsene sportliche Besitzer seinem störenden Wecker. Sicher wandern die kräftigen Finger über die Schutzfolie. Abrupt endet die immer lauter werdende Melodie.
Zufrieden sinkt er auf einen bequemen Schaukelstuhl. Sofort fallen seine Augenlider wieder zu. Gleich darauf unterbricht erneut etwas seinen wohlverdienten Schönheitsschlaf. Es ist die plötzlich zu spürende Kälte, die sich unaufhaltsam in seiner kleinen alten Finca ausbreitet.
Die ersten Frühlingstage sind angebrochen. Trotz wärmendender Sonnenstrahlen hält sich die kühle Luft in den dicken Gemäuern. Unterstützt wird die ungemütliche Raumtemperatur von einem stetigen Windzug.
Hastig schweifen seine dunklen Pupillen Richtung Decke. Ziel seines Blickes ist ein großer rustikaler Deckenventilator. Ein langer Seufzer schallt durch das Wohn- und Esszimmer. Gleichmäßig wie bei einem Propellerflugzeug bewegen sich die langen Flügel des altmodischen Belüftungsgerätes.
Langsam schleichen die Erinnerungen vom zurückliegenden Abend wieder in Richtung seiner grauen Zellen. Schnell ist die kühle Raumtemperatur vergessen und er genießt ein paar Bilder in Gedanken mit Mrs. Foster. Es war nicht das erste Mal mit dieser attraktiven Mitvierzigerin gewesen. Langsam verblassen seine Erinnerungen, eines kann er dennoch deutlich erkennen. Sie hatte den Ventilator eingeschaltet, bevor sie beide vollkommen verschwitzt auf der riesigen Matratze des Eisenbettes eingeschlafen waren.
Die Gegenwart hat ihn wieder. Wie gewohnt war sie schon wieder verschwunden, was beiden vollkommen recht war. Denn Verlieben, das kommt für ihn nicht mehr in Frage.
Plötzlich werden seine Bewegungen schneller, als sich schwere Reggae-Klänge aus Richtung seines umfunktionierten Weckgerätes ertönen. Zielsicher schießt seine gebräunte Hand in die Hosentasche. Der Name „Phil“ leuchtet auf dem Bildschirm.
Aufmerksam drückt er ohne zu zögern auf das Verbindungssymbol.
„Nun, wenn du anrufst besteht so etwas wie Lebensgefahr. Oder drückt dich das schlechte Gewissen?“
„Hallo, Leo. Entschuldige, dass ich schon wieder mal lange nichts von mir hab hören lassen.“
Leonardo vernimmt das gewohnte Ausatmen auf der anderen Seite der Leitung. Er weiß sofort, Phil steht mit einer Zigarette in der Hand auf dem Balkon seiner kleinen Wohnung.
Sie kennen sich schon seit Ewigkeiten. Leonardo weiß genau, wenn er sich meldet, braucht er eine Abwechslung.
„Na, was hast du denn auf dem Herzen?“, fragt Leo gespannt.
„Wann kann ich kommen?“, platzt es aus Phil heraus.
„Hoppla, nun lass mich erstmal überlegen.“ Trotz allen fehlenden Schlafes, ist Leo hellwach. Diese zielstrebige Reaktion von Phil ist er nicht gewöhnt.
„Ist morgen in Ordnung?“, dringt er weiter auf ihn ein.
„O…okay“, stottert Leo. Die Verbindung bricht ab. Es dauert nicht lange bis Leo zu schmunzeln beginnt.
„Na endlich, alter Freund. Zeigst du seit langem mal wieder Kampfgeist“. Er spricht zum Lieblingsspielzeug des Menschen im 21. Jahrhundert, wohlwissend, dass Phil ihn nicht mehr hören kann.
Angetrieben durch den bevorstehenden Besuch, krempelt er seinen eigentlichen Tagesablauf um. Gezielt nimmt er einen großen Schlüsselbund aus einem neumodischen Metallkasten. Er fragt sich jedes Mal, warum er ihn noch nicht durch einen antik aussehenden Schlüsselkasten ersetzt hat. Dabei kennt er die Antwort ganz genau.
„Ach, Monica. Hiermit machst du dich unvergesslich“, haucht er mit verführerisch verstellter Stimme in Richtung „Moderner Kunst“. Monica, eine seiner zahlreichen Liebschaften mit einem ständigen Hang zur Veränderung seiner Inneneinrichtung. In sie, auch wenn er es nie offen zu geben würde, war er verliebt. Deutlich brannten ihre letzten Worte noch lange Zeit in seinem Gedächtnis.
„Lass diesen Quatsch und genieße dein freies Leben“, flüsterte sie ihm zum Abschied ins Ohr.
Lange versucht Leo noch, ihre Aufmerksamkeit zurück zu gewinnen. Fast täglich führte ihn sein Weg vorbei an einem der prächtigsten Anwesen im Osten seiner Wahlheimatinsel. Doch der Besitzer dieses kleinen Schlosses, Monica´s dritter älterer Ehemann, kündigte Leo´s Vertrag zur Pflege der prächtigen Grünanlagen. Leo wusste, dass es ihre Entscheidung war.
In der Zwischenzeit vergnügt sie sich ziemlich offenherzig mit Roberto, dem angesagtesten Poolboy von Mallorca. Ein kerniger, gutaussehender Baske mit einem durchtrainierten Oberkörper, hinter dem selbst er sich noch verstecken könnte.
Übrigens Pool. Das morgendliche Bad nehme ich bei den Fosters ein. Endlich reißt ihn dieser Gedanke in die Realität zurück. Die Gelegenheit ist günstig, denn die Hausherren sind geschäftlich in London unterwegs. Seine Aufgabe besteht unter anderem darin, das riesige protzige Schwimmbecken täglich mit frischem Wasser aufzufüllen.
Wut kocht in ihm hoch. Seine starke Hand presst den Schlüsselbund, bis ein Knirschen zu hören ist. Bei all der Wasserverschwendung, auch hier auf dieser wunderschönen Baleareninsel. Es freut den Umweltschützer, es mit in der Hand zu haben, unserem Planeten etwas zu helfen.
Ganz klar, dass die heutige Nachfüllung entfällt und dafür nur ein Bruchteil des kostbaren Wassers für die nötige Hygiene seines Körpers benötigt wird.
Lässig verschwindet der Schlüsselbund in seinem Rucksack. Ein Handtuch findet seinen Platz auf der breiten Schulter. Sein allmorgendlicher Blick in den riesigen rustikalen Badspiegel fällt heute kurz aus. Schnell wandern seine Augen aus dem faltigen Gesicht in Richtung seiner unbedeckten Adonisbrust. Zumindest da stellt sich ein zufriedenes Lächeln ein.
Unmittelbar danach rollt langsam ein etwas in die Jahre gekommener Jeep über einen schmalen Schotterweg hinaus zur Schnellstraße.
*
„Alles in Ordnung bei Ihnen?“, erkundigt sich eine angenehme Stimme bei dem Passagier auf dem Sitzplatz B32.
„Oh es geht schon“, stammelt der ausgesprochen großgewachsene Mann zurück. Die freundliche Flugbegleiterin bemerkt sofort eine Mischung aus Verlegenheit vor Frauen und Angst vor dem Fliegen.
„Noch können Sie sich ein paar Schritte bewegen. Glauben Sie es mir, ein wenig Ablenkung bringt einem schnell auf andere Gedanken“.
Unbeholfen lächelt der nervöse Fluggast zurück, versucht dabei jeglichen Augenkontakt zu vermeiden.
„Hey! Werde ich hier auch mal bedient?“, schallt eine angetrunkene Männerstimme durch den Innenraum des Airbus.
„Ja, dich meine ich, Püppchen! Oder soll ich hier verdursten?“ Ein Rülpser folgt. Johlendes Gelächter von zwei Nachbarplätzen setzt ein, offenbar seine Anhänger. Passagier B32 gerät in Wut.
Erregt springt er von seinem Sitz. Instinktiv krempelt er die Ärmel seines Lacoste-Hemdes nach oben.
„Alles in Ordnung, mit diesem Herrn werde ich schon fertig! Aber sehen Sie, ein bisschen Ablenkung und schon ist die Angst verschwunden.“ Augenzwinkernd legt die Flugbegleiterin kurz und anmutig ihre Hand auf seine schmale Schulter.
„Vielen Dank“, fügt sie noch hinzu. Dann dreht sie sich weg, um das lautstarke Problem kurzerhand zu lösen. Bis zur ersehnten Landung ist Passagier B32 in einer Mischung aus Freude, Wut und Neugier gefesselt. Beim Verlassen des Flugzeuges schafft er es tatsächlich, der schönen Flugbegleiterin in ihre blauen Augen zu sehen.
Er spricht sie an. Doch es wird eher eine Art Stammelei.
„Passen Sie auf sich auf und naja, mit Ihnen.“ Kurze Pause. „Wie soll ich sagen, war alles halb so schlimm.“ Schnell kehrt diese blöde Unsicherheit in seine Stimme zurück. Sein Hals wird trocken, der Blick senkt sich schnell. Doch da war sie wieder, diese angenehme und aufbauende Stimme.
„Ich hoffe wir sehen uns mal wieder. Ach, hat mein Held auch einen Namen?“ Natürlich hat sie seinen Namen auf ihrer Liste. Dennoch ist es ihr ein Bedürfnis, ein paar Worte mit ihm zu wechseln.
„Entschuldigung, natürlich. Wie konnte ich nur vergessen, mich vorzustellen?“ Endlich schafft er es, wieder Blickkontakt aufzunehmen.
„ Phil… Phil heiße ich“.
„Geht’s hier noch mal weiter?“, unterbricht das gleiche lallende Organ von vorhin diese wunderbare Konservation. Phil muss weiter und verliert die Flugbegleiterin abrupt aus den Augen.
Nachdenklich und tief enttäuscht nimmt Phil die endlosen Rolltreppen dieses riesigen Terminals.
„Hola, Senor!“, raunt es ihm entgegen.
„Senor! Les va bien, Senor?“
„Natürlich geht es mir nicht gut.“ Diesen Kommentar richtet er jedoch eher an sich selbst. Zufällig bemerkt er aus den Augenwinkeln einen Beamten in Uniform, der ihn argwöhnisch mustert.
Prompt wird ihm bewusst, wie er auf den Polizisten wirken muss.
„Estoy bien gracias. No problema“, antwortet er nun freundlich. Er ist froh und stolz zugleich, auf die wenigen Vokabeln in einer fremden Sprache. Sich einfach nur trauen und es versuchen. Unheimlich, welche Gedanken man manchmal miteinander verknüpft. Hier in dieser gigantischen Flughafenhalle, im Gespräch mit einem Gesetzeshüter, kommen Erinnerungen an den Rat eines verstorbenen Kollegen hoch. Dabei schmunzelt Phil und schüttelt leicht seinen Kopf. Sein Gegenüber nimmt das jedoch zum Anlass, um noch einmal nachzuhaken.
„Tienes un problema, Senor?“
„No, no. Muyeres und amor“, stammelt er noch dazu, um ihn zu überzeugen.
Und, tatsächlich es funktioniert. Zufrieden lässt er nun ab von ihm, scheinbar hat er momentan solche Sorgen. Phil beschleunigt seinen Schritt, Richtung Ausgang. Angenehm milde Luft strömt ihm entgegen, als sich die Tür in Richtung Freiheit öffnet. Zahlreiche Taxifahrer gestikulieren ihm zu. Müde lächelnd lehnt er dankend ab und macht sich immer wieder größer, um hinter die parkendenden Chauffeurkutschen blicken zu können. Doch er entdeckt nicht, was er will. Entnervt schnappt er sich seinen großen Trolley und flüchtet zu einem kleinen Grünstreifen.
Plötzlich vernimmt er ein dumpfes Hupsignal. Sein Blick wandert rasch zur anderen Straßenseite.
„Da ist ja der Sonnyboy“, murmelt er leise und ruft dann herüber:
„Warte, ich bin gleich bei dir!“
„Ich habe nicht vor, wegzulaufen“, schallt es spontan von Leo zurück. Hastig überquert Phil die Straße.
„Mensch, Leo, ich muss doch öfter kommen!“
„Nicht so schnell mit solchen Behauptungen.“
„Ja, ja hast ja Recht. Aber eins muss ich gleich loswerden. Ist nicht bös gemeint, nur ein kleiner Tipp.“
„Na, dann lass schon hören.“
„Ha, da ist es schon wieder. Du alter Weltenbummler, dein Deutsch hat einen mächtigen Akzent bekommen. Nicht, dass du es noch ganz verlernst. Denk bitte daran meine Spanischkenntnisse sind sehr rudimentär. Es wäre furchtbar, wenn wir uns nicht mehr verständigen könnten.“
„Du bist immer noch der Gleiche. Aber es ist wirklich schön dich zu sehen.“ Wenn jemand Phils eigenartigen Sinn für Humor versteht, dann ist es Leo.
Dieser reicht ihm herzlich seine grobe Hand entgegen. Dabei bemerkt er ein kurzes, fast unsichtbares Zögern seines alten Weggefährten. Seine breite Stirn bekommt einen nachdenklichen Ausdruck.
„Also, Phil, alter Freund. Ich weiß, dir ist es lieber Abstand zu halten. Aber zwischen uns beiden? Oder wirken die Anzeichen einer deiner zahlreichen Phobien nun leider auch bei mir?“ Eine auffällige Schamesröte durchzieht die Stirn und Wangen von Phil.
„Wenigstens ist es dir ein wenig peinlich, komm her.“ Leo umarmte ihn und spürte dennoch eine distanzierte Haltung.
„Du musst dich nicht so steif machen, ich zerbrech dich schon nicht!“
„Ich weiß, ich bin nicht einfach. Aber nun starte schon deine alte Rostlaube und bringe uns an einen ruhigeren Ort. Hier auf diesem wunderschönen Fleckchen Erde.“
„Gut, dann ab in ein kleines Restaurant. Ich habe einen Bärenhunger.“
„Nein, nein. Mir ist heute nicht mehr nach so vielen Menschen. Lass uns doch was besorgen und ich koche uns etwas bei dir. Du glaubst gar nicht, wie ich mich freue deinen na, ich sage mal kleinen, aber feinen Landsitz zu betreten.“
„Das klingt ja fast wie Bewunderung! Und das aus deinem Mund?“ Leo lacht kurz auf und gibt seinem Beifahrer ein augenzwinkerndes Kopfschütteln.
„Nun komm schon, bitte.“ Die Aufforderung des Fahrers gilt dem scheinbar unverwüstlichen Dieselmotor. Sein Flehen wird erhört und von einer dicken Qualmwolke begleitet. Man spürt, dass ihn es als Umweltaktivisten mächtig stört. Doch manche Dinge kann man nicht von heute auf morgen ändern. Für ein sauberes Fahrzeug ist so schnell kein Geld übrig.
Kaum zwei Querstraßen weiter unterbricht Phil die kurze Zeit der Stille.
„Leo?“
„Ja.“
„Kannst du bitte deine Fensterscheibe ein Stück höher kurbeln?“ Laut schnaufend kommt er der Bitte nach.
„Ich danke dir. Ich bin so froh dass dein Fahrzeug keine Klimaanlage hat. Furchtbar. Mir wird gleich ganz kalt, wenn ich nur daran denke.“
„Wie machst du das bloß? Du findest immer was zu meckern.“
„Dass alle immer gleich denken, ich schimpfe. Es sind nur meine Empfindungen. So, wie ich mich wohlfühlen würde. Verstehst du?“
„Verstehe.“ Im selben Atemzug reißt Leo das Lenkrad abrupt nach rechts und stoppt den Wagen unsanft vor einem kleinen Geschäft.
„Wie sieht es aus, kommst du mit rein? Ich versichere dir, in Pedros Laden ist es sauber. Warte kurz, was ist dir noch wichtig? Ach ja, wenig Menschen das passt momentan. Ach so, die Klimaanlage.“
