Schaumherzen - Elisa Maisommer - E-Book

Schaumherzen E-Book

Elisa Maisommer

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Beschreibung

Yva Hellström, die gefürchtete Gastronomkritikerin, verschlägt es in ihrem ersten richtigen Urlaub ins zauberhafte, schwedische Sötland. Über die herzliche Ferienhausbesitzerin Solveig und deren zuckersüßen Tochter lernt Yva ihre ungeahnte Heimatstadt kennen - sowie ihre heimliche Jugendliebe Peer. Nicht nur bei dessen Schokotorte aus der Patisserie schlägt Yvas Herz höher. Auch bei seinem Anblick bekommt sie weiche Knie. Für den Patisserie-Wettbewerb, begibt sich Yva auf Glatteis, indem sie Peer vorbereitend unter die Arme greift, obwohl ihr Wort über die Teilnehmer entscheidet. Als dann Peer seine Zuneigung für Yva entdeckt, wo sie eben den festen Entschluss gefasst hat, ihr Verliebtsein zu verteufeln, und ihr Exfreund Mik auf der Matte steht, gerät Yvas Herzrhythmus außer Takt. Doch gerade, als ihre Gefühle geordnete Bahnen einschlagen, stellt ein tragischer Vorfall alles infrage...

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Seitenzahl: 443

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel

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Schaumherzen

1. Kapitel

„Bitte sei nicht verärgert, Liebes, aber deinen Kritiken fehlt es seit Neuestem an Feuer“, merkt Mona vorsichtig an und zieht leicht die Wange hoch, sodass ihr linkes Auge ganz klein wird.

„Irgendwie klingen sie alle gleich.“ Den Zettel, den Mona kurz vorher mit angestrengter Miene gelesen hat, legt sie neben sich auf den Beistelltisch.

Wäre Mona nicht ihre Chefin und gleichzeitig beste Freundin, hätte Yva eine Rechtfertigungshaltung eingenommen und sich bis aufs Blut verteidigt. Stattdessen sacken ihre Schultern ein.

Yva seufzt und lässt ihren Blick an die Decke schweifen.

„Du hast ja recht.“

Seit einiger Zeit fühlt sie sich leer. So unterschiedlich die Restaurants auch sind, umso schwieriger wird es, sie individuell und gleichzeitig sachlich nach vorgegebenen Kriterien zu bewerten.

Völlig entgeistert springt Mona von der braunen Ledercouch auf und schlägt ihre mit bunten Reifen und Bändern geschmückten nackten Arme über dem Kopf zusammen. Ihr Outfit ist wieder typisch sommerlich und wild, wie die derzeitige Jahreszeit es erwartet.

„Was ist nur aus meiner Starkritikerin geworden?“, fragt sie entsetzt.

Yva zuckt mit den Schultern. „Ein Häufchen zusammengematschter Kartoffelmus mit alten, verwirbelten Safranfäden würde ich sagen. So fühlt sich jedenfalls mein Kopf an.“

Schützend stellt sie die Füße vor sich auf und umschlingt beide Beine fest mit den Armen. Ihre Stirn legt sie auf den Knien ab.

Besorgt betrachtet Mona die junge, schlanke Frau mit den bis zum Dekolleté fallenden glatten, hellbraunen Haaren und faltet ihre Hände vor dem Gesicht. Was für Gedanken ihr wohl gerade durch den Kopf schießen, fragt sich Yva. Womöglich plant sie die Kritiken von anderen Menschen überarbeiten zu lassen. Von Menschen, die kreative Wörter einfügen, damit den Leuten schmeckt, was sie lesen. Oder noch schlimmer: Mona stellt jemand Neuen ein, der die Kritiken in Zukunft schreibt. Jemand, der an ihrer Stelle durch die Welt reist, ungewöhnliche und spannende Restaurants sowie Cafés entdeckt...Adieu Yva Hellström. Was würde sie dann wohl tun? Ihr Job ist doch ihr Leben. Verängstigt blickt Yva auf.

„Wir brauchen dringend eine Idee, wie wir deine Kreativität wieder hervorkitzeln können!“, stößt ihre Freundin hervor.

Aufgeregt schüttelt sie ihre Hände neben dem Kopf, dass die Reifen nur so klirren. Die langen Ketten um ihren Hals hüpfen fröhlich mit. „Ich hab`s!“

Mit einer einladenden Armbewegung demonstriert Yva ihre Bereitschaft, die Idee anzuhören.

„Zuerst setzt du dich ordentlich hin, Liebes, und schenkst mir ein Lächeln!“ Die Brünette tut, was ihre Chefin verlangt.

„Du brauchst – Urlaub.“ Völlig begeistert über ihren Einfall stößt Mona einen Freudenquietscher aus.

„Und?“

„Das war´s.“ Mona strahlt vor Freude über ihre Idee.

„Wie das war´s?“ Entgegen den Erwartungen ihrer Freundin neigt Yva nur skeptisch den Kopf. Resigniert lässt Mona die Arme sinken.

„Das machen Menschen ab und zu. Wieso du nicht? Seit du für mich schreibst, hast du keinen Urlaub gemacht.“ Irritiert schnüffelt sie in die Luft, flitzt dann wie ein aufgeschrecktes Rieseneichhörnchen in die Küche.

„Brauch ich nicht“, ruft Yva ihr nach. Das Geräusch von etwas zu-Bruch-Gegangenem ertönt.

„Außerdem klingt es wie eine Suspendierung.“ Das ist fast genauso schlimm wie eine mögliche Ersetzung. Da keine Antwort aus der Küche ertönt, geht sie nachschauen.

Mona kniet in dem schlauchartigen Raum auf dem Boden, die Hände vor Schreck auf den Mund gepresst, auf das Desaster vor ihr starrend: Über die Scherben des alten Milchtopfs ihrer Mutter fließt eine weiße, schaumartige Flüssigkeit und bahnt sich den Weg zu Yvas Füßen.

„Igitt!“, ruft Yva. Geschwind holt sie die Küchenrolle und hindert den Milchfluss mit einigen geknüllten Tüchern daran, sich in die Stube auszubreiten.

„Mist“, sagt Mona leise.

„Ist nicht so wild, Kirsche. Den Topf kann ich kleben. Als Schmuck kannst du ihn allemal verwenden.“

„Das ist es ja nicht.“ Zittrig zeigt sie an den Rand des Desasters. Etwas Kleines, Felliges lugt hervor.

„Sag bloß, das ist...“

„Friedrich.“

Kurze Stille.

„Der arme Hamster. Was machen wir denn jetzt?!“

„Gott, wenn das meine Kinder sehen! Wo kriege ich denn jetzt zum Freitagabend noch einen Hamster her?“

Yva, nimmt die Süßzeugverpackung vom Kühlschrank.

„Ich werde ihn erst mal aufheben. Und dann lege ich ihn hier in den Karton. Bevor der Kater das sieht und sein Glück wittert.“

Mit ausgestrecktem Pinzettengriff greift Yva nach Friedrich.

Der ist aber überhaupt nicht tot, sondern an der Stelle, wo er von heißer Milch getroffen wurde, schockiert sitzen geblieben.

Yva erschreckt so sehr, dass sie die Hand ruckartig wegzieht und am Ende der Bewegung Mona im Gesicht trifft.

„Oh je! Tut mir leid! Alles gut?“, fragt Yva hektisch nach.

„Ja. Wichtiger ist der Hamster!“, lacht Mona und hält sich das Auge zu.

Die Jagd nach dem Hamster hat begonnen. Yva sucht in dem grau-weiß-gold gestalteten Wohnzimmer schleichend alles ab.

Guckt unter die Ledercouch, hinter die Topfpflanzen auf dem Boden und vorsichtshalber hinein, dann unter den Tisch und in die Gießkanne an der Terrassentür. Bis es raschelt. Yva erstarrt. Das Geräusch kommt aus dem Zeitungskorb. Vorsichtig nimmt sie eine Zeitung nach der anderen heraus, bis sie den kleinen Friedrich in einer Urlaubszeitung sitzen sieht.

Behutsam nimmt sie ihn in die Hände. Über das milchverschmierte Fell streichelnd, geht sie zurück zur Küche.

„Du armer kleiner Mann“, flüstert sie. „Du brauchst wohl eine Dusche.“

Mona, die ihre braunen Haare zu einem Pferdeschwanz hochgebunden hat, hat bereits das Desaster bereinigt. Die großen Scherben liegen abgewaschen auf einem Wischtuch – bereit, um von Yva neu zusammengefügt zu werden.

Yva nimmt Friedrich mit der einen Hand am Schlafittchen.

Seine kleinen Pfötchen zieht er samt Popo nach oben, in der weisen Voraussicht was gleich passieren wird. Denn Yva macht den Wasserhahn an, fühlt nach guter Handtemperatur - Schwups ist der Hamster unter dem Wassertrahl.

„Ich hoffe dein Friedrich ist wasserfest“, lacht sie. Auch Mona findet es urkomisch und süß zugleich.

Den Glücksmoment, dass doch noch alles gut gegangen ist, genießen sie in vollen Zügen. Wovon der kleine Hamster Friedrich nicht sprechen kann, dafür hat es ihm die Sprache zu sehr verschlagen.

Ein paar Augenblicke später kommt Lena, die älteste Tochter von Mona, im Schlafanzug herein. Für ihre fünf Jahre ist sie erstaunlich taff.

„Suchst du etwas, mein Schatz?“, fragt Mona und grinst Yva zu. Lena senkt leicht den Kopf und flitzt dann zu Yva rüber, die in einer Fleecedecke auf dem Sessel, gleich gegenüber der Ledercouch, sitzt. Sie kommt ganz nah an Yvas Ohr. Vorsichtshalber nimmt sie noch eine Hand zum Abschirmen dazu, damit ihre Mutter auch ja nichts hört.

„Hast du Friedrich gesehen?“

„Ja, er kam wie ein Superheld auf der Milchstraße in den Raum geflogen und ist dann bei mir im Schoß gelandet“,

flüstert Yva dem kleinen Rotschopf zu. Sanft öffnet sie die Decke, unter der der Hamster sitzt. Während sich Lena das Tier schnappt und flink an ihrer Mutter vorbeigeht, muss sich Mona das Lachen verkneifen.

„Vergiss bitte nicht den Käfig zu verschließen! Schlaf gut, mein Schatz“, ruft Mona ihr nach.

Dann können beide das Lachen nicht mehr bändigen.

„Milchstraße?“, will Mona lachend wissen, nimmt ein Kissen vom Sofa und wirft es Yva ins Gesicht.

„Ey, wieso? Stimmt doch. Obwohl – es war sogar eine schaumige Milchstraße“, quiekt Yva auf.

„Apropos, falls der Hamster demnächst aus dem Fenster fliegt, nur weil Yva gesagt hat, dass Hamster wie Superhelden fliegen können...“ Mona hebt den pädagogischen Zeigefinger und versucht dabei, so ernst wie möglich zu schauen, was ihr sichtlich schwerfällt. „Dann solltest du längst weit weg im Urlaub sein!“ Ihre Miene verfinstert sich.

„Du meinst das wirklich ernst“, stellt Yva fest und umklammert das Kissen.

„Ich bin nicht nur deine Chefin, sondern auch deine Freundin.

Und als die muss ich dafür sorgen, dass es dir gut geht. Mal abgesehen von den Lesern, die eventuell abspringen, weil sie sich die Kritiken schon vorher zusammenbasteln können.“

Yva runzelt die Stirn. „Wie schrecklich.“

Noch bevor Mona fortfahren kann, vernehmen beide den impulsartig Ton aus dem gegenüberliegenden Bürozimmer.

„Entschuldige, die E-Mail könnte wichtig sein. Bin gleich wieder da.“ Yva nickt stumm.

Auf dem Beistelltisch, der zwischen Ledercouch und Sessel steht, liegt die Urlaubszeitung von vorhin. Yva beschließt, einen Blick zu riskieren und schnappt sich das Heft. Barcelona, der Harz oder die Karibik reizen sie nicht besonders.

Das hat sie durch die Arbeit alles mehrfach besucht. Dann, auf der sechsund-dreißigsten Seite, hat etwas ihr Interesse erweckt.

Schweden. Die roten Häuser haben ihr schon immer gefallen.

Die Natur mag ihrem Geschmack nach zu weitläufig sein, aber dafür hat man sicher seine Ruhe. Mal abgesehen davon, dass sie gebürtige Schwedin ist. Als solche fühlt sie sich allerdings nur hinsichtlich der Sprache mit Schweden verbunden. Nach dem Tod ihres Vaters zog ihre deutschstämmige Mutter mit ihr nach Dresden, in Deutschland. Den Vornamen Yva hat sie ihrem Vater zu verdanken, der darauf bestand, seiner Tochter einen schwedischen Namen zu geben. Da ihr Name in Deutschland eine Kuriosität darstellt, hat Yva in einem Nachmittagskurs in der Schule Schwedisch gelernt. Die häufig aufkommende Frage nach ihrer Herkunft ist Yva lästig geworden und der damit einhergehenden Erwartung, sie könne schwedisch sprechen. Seit sie der schwedischen Sprache mächtig ist, erzeugt es bei den Fragenden einen Aha-Effekt und vermittelt nicht den Eindruck, ihre Mutter habe nach ihrer Geburt im schwedischen Namensregister wahllos einen Namen gewählt. Bisher war Yva kein einziges Mal in ihrem Geburtsland gewesen, da ihre Mutter zu viele Erinnerungen davon abgehalten hatten. Nun könnte es sich endlich ändern.

„Gut, überzeugt. Ich mache für eine Woche Urlaub in Schweden.“

„Drei“, ruft Mona mit gedämpfter Stimme aus dem Arbeitszimmer, um die Kinder nicht aufzuwecken.

„Wie bitte?“

„Drei Wochen Urlaub. Sonst ist es keiner. Darauf bestehe ich.“ Ihrem Grinsen nach zu urteilen, hat der E-Mail-Inhalt erfreuliche Nachrichten für ihre Zeitschrift Gourmethimmel, für die Yva arbeitet, bereitgehalten.

„Dazu passt eine Anfrage, die eben reingekommen ist. Pass auf.“

Yva setzt sich aufrecht hin. „Schieß los.“

„In Schweden findet ein Wettbewerb der Patisserie statt. Die Initiatoren suchen nach einer Kritikerin, die die Veranstaltung begleitet. Dabei sei es ihre Aufgabe, jeden der Bewerber vorher zu begutachten und eine Vorstellung sowie eine Einschätzung abzugeben. Die Vorstellung wird in einem Extraheft veröffentlicht. Nach der schriftlichen Einschätzung werden die Bewerber auf fünfzehn reduziert.“

Yva versucht zu folgen. „Das bedeutet also, die Meinung der Kritikerin, bei der du eindeutig auf mich anspielst, entscheidet darüber, wer in die engere Auswahl kommt?“

„Richtig. Maximal fünfzig Patisserien können sich anmelden.

Wer zuerst kommt, backt zuerst. Deshalb fragen sie auch nach meinem besten Pferd im Stall. Nach dir.“ Mona lächelt Yva an.

„Die wissen aber schon, dass ich anonym bin. Außer meinem Namen weiß niemand etwas über mich. Ich möchte auch, dass es so bleibt.“

„Seit fünf Jahren hast du kein Gesicht. Die Leute wollen aber mit dem Namen und den Kritiken mehr verbinden als nur Buchstaben, Liebes“, ermutigt Mona sie.

„Und dann wissen sie gleich wer seinen kreativen Schwung in den Texten verloren hat.“

Erwartungsvoll kniet sich Mona vor Yva und nimmt ihre schmalen Finger in ihre Hände.

„Ach darauf achtet doch keiner. Im Gegenteil! Dein Aussehen und deine Persönlichkeit werden in den Vordergrund rücken.

Außerdem würdest du dich erst bei dem Wettbewerb an sich zeigen. Vorher beurteilst du noch anonym. Genau das macht dich für diesen Wettbewerb so attraktiv.“

„Ich bin sehr unsicher. Vielleicht will die Welt nicht wissen wie Yva Hellström aussieht. Oder ist enttäuscht.“

„Sieh dich doch an, Liebes!“ Sie zieht Yva an den Händen aus dem Sessel . „Du bist eine wunderschöne fünfundzwanzigjährige Frau. Nur einen neuen Haarschnitt und schon bist du fertig. Deine Kritiken werden noch mehr Charme bekommen, wenn sie wissen, wer du bist.“

Yva umarmt ihre Freundin kräftig und lacht ergeben.

„Du weißt wie man Menschen motiviert.“

„Deshalb bin ich Chefin geworden“, bringt diese grinsend hervor. Yva löst die Umarmung.

„Wann beginne ich mit arbeiten?“

„Genau nach den drei Wochen Urlaub. Übrigens in der schönsten Zeit. Den ganzen Tag Sonne und Licht. Danach wirst du wieder strahlen.“ Vorfreudig atmet Yva kräftig durch. Diesen großen Schritt, in die Öffentlichkeit zu gehen, wollte sie eigentlich so weit wie nur irgend möglich hinauszögern. Nun steht sie bereits mit einem Fuß drinnen… Mona schickt ihr die E-Mail der Initiatoren an das Handy weiter und sendet eine Bestätigung ihrer Teilnahme.

„Ich wünsche dir einen fantastischen Urlaub mit viel Zeit zum Kreativitätsschöpfen. Außerdem lernst du bei der Gelegenheit vielleicht einen Mann kennen“, meint Mona.

„War das jetzt eine Frage oder eine Aufforderung?“ Yva muss lachen. „Ich habe eine Männerpause eingelegt, wie du weißt.

Seit Mik bin ich geschädigt genug.“ Da es spät ist, beginnt Yva, sich den dunkelblau-weiß gestreiften Trenchcoat überzuziehen. Trotz beginnendem Sommer in Dresden sind die Abende allein im Sommerkleid fröstelig.

„Du bist noch jung. Alle Türen stehen dir offen. Hattest du bis jetzt kein einziges Mal das Alleinsein satt?“, fragt Mona und lehnt sich an den Türrahmen des Wohnzimmers.

„Keine Zeit, darüber nachzudenken“, erwidert Yva. Meist im Gehen beginnt Mona Themen, über die Yva ungern spricht.

Ausgerechnet heute hat sie Sandalen mit Riemchen an, bei denen sie endlos fummeln muss, um sie zu schließen.

„Die Zeit bekommst du im Urlaub, Liebes.“ In dem Moment erscheint Monas Ehemann aus dem Büro neben der Ankleide, verabschiedet sich von Yva und geht in Richtung Wohnzimmer. Als er an Mona vorbeikommt, kneift sie ihm liebevoll in den Po. Zwinkernd verschwindet er.

„Männer können helfen, die Sinne anzukurbeln. Männer können das Schönste an einer Frau zutage bringen.“ Mona strahlt ihm hinterher.

„Ihr habt euch gefunden“, lächelt Yva ihr zu. Die Sandalen hat sie endlich an. Fehlt nur noch ihre Handtasche.

„Übrigens finde ich, dass du doch mit Kindern kannst. Siehe vorhin mit Lena“, bemerkt Mona leise. Noch so ein unbeliebtes Thema.

„Du weißt, wie ich dazu stehe“, sagt Yva trocken und versucht sich das Kompliment nicht anzunehmen. Immerhin war es nur ein kurzer Satzaustausch gewesen. Mit der unter Kinderkleidung gefundenen Handtasche geht sie auf Mona zu.

„Ja, ich weiß“, seufzt Mona. „Ich weiß, Liebes.“

„Mach´s gut, Mona. Ich melde mich aus Schweden.“

Einer Umarmung folgte ein Küsschen auf die Wange.

„Liebes, ich werde dich schrecklich vermissen.“

„Soll ich doch bleiben?“

„Nein! Mach dich vom Acker und genieße deine Freizeit!“,

erwidert Mona lachend, öffnet die schwarze Haustür und schubst Yva raus.

2. Kapitel

Der kurze Spaßmoment wird schnell von den angesprochenen Themen, Männer und Kinder, eingeholt. Bereits an der Biomülltonne hat sie den gedanklichen Tiefpunkt der letzten zwei Wochen erreicht.

Nachdenklich geht Yva zu ihrem Auto. Wie nach jedem Intensivbesuch bei dieser Familie, vergleicht sie derweil, fast schematisch denselben Argumenten folgend, ihr eigenes Leben mit dem von Mona. Wie immer kommt sie zuerst zu dem Schluss, dass Monas Leben beneidenswert ist. Eine glückliche Familie, ein eigenes Haus, einen Kater, einen Hamster und einen Hund. Ganz zu schweigen von dem Mann an ihrer Seite. Monas Ehemann ist wirklich der beste Familienvater, den sie je kennenlernen durfte. Dann blitzt der zweite Gedanke auf, der das Wünschenswerte problematisch erscheinen lässt. Denn mit Kindern kann sich nicht viel anfangen. Mal auf ein Kind aufpassen - mit dem Wissen dieses wieder abgeben zu können, wenn es schwierig wird - ist kein Problem. Aufgrund dieser Einstellung kann sie sich nicht vorstellen, selbst einmal Mutter zu werden. Yva ist sogar davon überzeugt, dass es gar nicht zu ihrem Leben und ihrem Job passen würde. Familie an sich ist ihr wichtig! Nur eine eigene Familie zu gründen, behält sie lieber anderen vor. Die Entwicklung, die diese Familienmenschen durchmachen, findet sie interessant und schön zu beobachten. So auch bei Mona, die sie noch aus Schulzeiten kennt. Von der Unentschlossenen zur Mutter, denkt sie. Yva hat großen Respekt vor ihr.

Schmunzelnd setzt sie sich in ihr Auto. Jedes Mal dasselbe.

Gleich nach diesen Gedankengängen ist sie wieder an dem Punkt, an dem sie diesen Familientrubel beginnt zu genießen, ganz ohne Neid. Der Augenblick des neidlosen Wohlbehagens setzt bereits beim Fußabtreter ein, da sie stets die unwohlen Gedanken während der Autofahrt verarbeitet. Dieser Zustand hält so lange an, bis Mona auf die verrückte Idee kommt, Yva nach Männern zu befragen, beginnt, ihr welche auf Bildern zu zeigen oder versucht, sie bei einer Feier zu verkuppeln.

Während der Fahrt steht sie bereits in Dialog mit ihrer Lebensbegleiterin: Der To-do-Liste.

In ihrer Wohnung im Stadtteil Striesen knipst sie, außer in der Küche, alle Lampen an. Mit Kulturtasche, Schuhbeutel und Koffer macht sie sich an das Packen. Beinahe hätte sie eine Internetsuchmaschine befragt, was für einen Intensivurlaub benötigt wird. Den albernen Gedanken verwirft Yva schnell wieder, denn von allem etwas einzupacken, hat noch nie geschadet. Bei ihren kurzen Dienstreisen hat sie Kleidung für maximal drei Tage mit. Ab und zu kommt es vor, dass sie eine Woche bleibt und dabei in der Stadt mehrere Cafés oder Restaurants in Augenschein nimmt. Die Kritiken schreibt sie gleich nach dem Besuch, oder wenn die Möglichkeit besteht längerfristig ungestört zu sitzen, im Laden selbst, damit sie alle Eindrücke verarbeiten kann. Das Wetter liegt bei ihr demzufolge in einem vorhersehbaren Rahmen. Wie neulich in München. Der Wetterbericht kündigte Regen an und Yva stolzierte mit quietsche-gelben Gummistiefeln in die Nobelgaststätte. Der Hit waren die knallpinken Blumen, mit denen die Gummistiefel verziert waren. Auffallend unauffällig. Das ist das Wunderbare am verdeckten Arbeiten: Keiner kennt dich oder kann sich je an dich erinnern. Welche Schuhe du trägst, ist jedem ziemlich Wurst, denkt Yva und grinst vor sich hin. Leider wird sich das bald ändern. Also muss sie ihre bisherige Unbekanntheit in vollen Zügen genießen!

Am Tag danach ist Yva auf Monas Rat hin dabei, sich einen Friseurtermin zu erobern. Vorsorglich zieht sie die Gehgeschwindigkeit an. Bei der ihr auf der Straße entgegenkommenden Frau ist die längst überfällige Rettungsaktion der grünlich gefärbten Haare zwar ein wichtiger Grund, unverzüglich dran genommen zu werden. Jedoch stellt es kein Hindernis für Yva dar, sich mit schneller werdenden Schritten in Richtung Friseurladen fortzubewegen und als Erste an der Eingangstür die Klinke in der Hand zu halten.

Die Friseuse berät Yva sehr freundlich und kompetent. Nach zwei Stunden hat Yva einen gestylten Longbob. Ihre Haarfarbe hat einen Hauch von Mahagoni. Mit der veränderten Identität macht sie sich auf zum Bäcker um die Ecke.

„Zwei belegte Brötchen bitte.“ Die Verkäuferin nickt und packt die Salamibrötchen mit Remoulade und Salat in eine Papiertüte.

„Hey Yva! Fast hätte ich dich nicht erkannt. Deine schönen langen Haare einfach abgeschnitten.“ Yva dreht sich herum.

Mik, ihr Ex-Freund, lehnt über dem Stehtisch in der Fensterecke. Genüsslich schlürft er an seinem Kaffee. Wie sie das hasst. In ihren Ohren verursacht Schlürfen eine Reihe von ekligen Assoziationen, wie die, wo sie einen Hund dabei zugesehen hatte, wie er einen Regenwurm wie eine Nudel hineingezutscht hatte.

Nachdem sie bezahlt hat, geht sie zu ihm hinüber. Er deutet auf seinen Kaffee.

„Magst du auch einen? Ich lad dich ein.“

„Mach dir keine Mühe, Mik. Es wäre außerdem schön, wenn du mich nicht mehr ansprichst.“ Yva dreht sich von ihm weg, um zu gehen.

„Wieso? Eine alte Freundin ansprechen, daran ist doch nichts verwerflich?“

„Nicht bei uns!“, zischt sie. „Ich muss jetzt los. Ich mache Urlaub.“

Zügig verlässt sie die Bäckerei. Es hat angefangen zu regnen.

Urlaubsstimmung definiert sie anders.

Mik ist ihr unbemerkt gefolgt.

„Du und Urlaub? Ausgerechnet Yva Hellström macht Urlaub!

Was sagt man dazu!?“

„Was man dazu sagt, ist mir ziemlich egal. Auf Wiedersehen.“

„Wohin geht die Reise denn?“

„Weit weg von hier, weit weg von dir. So viel ist sicher.“

„Ach du weißt noch gar nicht wohin?“ Mik lacht beißend auf.

„Doch.“ Yva ärgert sich, ihr Auto an der nächsten Straßenecke stehen gelassen zu haben. Es wäre allerdings Benzin-verschwendung gewesen, vom Friseur zum Bäcker mit dem Auto zu fahren. Ganz abgesehen von der Schwierigkeit, einen neuen Parkplatz zu finden.

Kurz bevor sie am Auto ankommt, hat sich Mik durch einen Sprint bereits vor ihre Tür gestellt.

„Lass mich durch!“ Fordernd schaut Yva ihn an. Er lässt die Schultern kurz hängen. Nach einem tiefen Atemzug entspannen sich seine Gesichtszüge.

„Wie wäre es mit Frieden und einem Neuanfang? Ich mag dich immer noch sehr.“ Sein angeschlagener Tonfall ist ihr unbekannt. Yva setzt einen Schritt zurück.

„Du glaubst für uns als Paar gibt es noch eine Chance?“

Als ein Auto angefahren kommt, zieht Mik sie an sich.

„Das von damals tut mir unendlich leid.“

„Hast du ihr das auch gesagt?“ Sie drückt sich von ihm weg.

„Ach, das ist schon lange vorbei.“

„Schlimm, dass es überhaupt angefangen hatte.“

„Hm. Aber es ist vorbei.“

Yva geht um ihr Auto.

„Und ehe du dich nach etwas Neuem umguckst, glaubst du bei dem Altbekannten noch angekrochen kommen zu können?“

Aufgebracht legt sie auf der Beifahrerseite Brötchen und Tasche ins Auto. Wenn schon sie nicht im Trocknen sitzen kann, dann wenigstens ihr Proviant. Hauptsache, die Brötchen werden nicht nass.

„Ganz so ist es nicht.“ Beleidigt verschränkt Mik die Arme vor der Brust. Bevor er fremdging, hatte Yva sogar Zukunftspläne mit ihm geschmiedet.

„Aber vielleicht könnten wir mit unserem Umgang neu starten.“ Yva ist zugegebenermaßen geschmeichelt. Wie er sich bemüht, mit ihr zu kommunizieren als wären sie beim ersten Date. In Anbetracht ihrer gemeinsamen zwei Jahre, könnte sie sich vorstellen mit ihm wieder auf einer Ebene zu reden, die weniger stressig ist.

„Gut ... Gut. Meine Handynummer hast du ja. Was wird, weiß ich nicht.“ Erfreut nickt Mik. Yva nimmt es als Anlass, in ihr Auto zu steigen. Als ob sie es geahnt hätte, klopft er an ihre Scheibe. Wie ein begossener Pudel schaut er mit seinen dunkelbraunen Augen herein. Höflich lässt sie bei ihrem schwarzen Cabrio die Fensterscheibe herunter. Sonst hat er immer einen Aufstand gemacht, wenn sein Anzug nass geworden ist. Entweder nimmt er sich zusammen oder es stört ihn wirklich nicht mehr.

„Kann ich dir bei deinem Urlaub helfen?“

„Hast du vor, mich zu stalken? Dann nein.“

„Nein“, grinst er. „Makler haben so ihre Möglichkeiten.“

„Ich brauche ...“ Yva überlegt, was sie im Grunde will.

„Ich brauche ein Ferienhaus in Schweden. Abgelegen. An einem See.“ Ja, das brauche ich, denkt sie zustimmend.

„Ich kümmere mich. Wann fährst du los?“

„Morgen früh.“ Eiskalt angelogen! Sie fährt erst Montag los.

Für Yva ist es aber irgendwie die Rache an seiner Tat. Auch, wenn sie es nicht sonderlich mitgenommen hat. Im Moment geht es ihr ums Prinzip, betrogen worden zu sein. Einen bisschen Biest darf sein.

„Schon?!“

„Ich dachte, Makler haben da so ihre Möglichkeiten?“

„Vertraust du mir?“ Yva zieht die Augenbraue hoch. Er revidiert seine Aussage. „Okay. Nein, ich weiß.“

„Als Makler, ja“, entgegnet sie. Mik atmet auf.

„Ich schicke dir bis morgen früh acht Uhr die Koordinaten für dein tolles, neues Navi. Du tankst heute dein schickes Auto voll und morgen -“, beginnt er.

„-fahre ich schick an einen Ort in Schweden. Recht überlegt ist es eine ziemlich witzige Art in den Urlaub zu starten“, vervollständigt Yva den Satz. Von Miks Haare tropft es in ihr Auto. Yva reißt sich zusammen, nichts zu sagen. Wäre es kalt gewesen, hätte sie ihm selbstverständlich angeboten, sich ins Auto zu setzen. Doch bei diesem erfrischenden Sommerregen nicht. Außerdem ist sie gespannt, ob er noch irgendeine Form von Nervosität bezüglich seines Anzugs zeigt.

„Dann mache ich mich sofort an die Arbeit! Schönen Urlaub, Yva.“

„Danke, Mik.“ Seine Fürsorglichkeit ist ungewohnt. Mona würde sagen, dass es nachlässt, sobald sie sich wieder auf ihn einlässt. Wahrscheinlich hätte Mona sogar recht. Derartige Phasen sind dazu geschaffen, sich nach dem erreichten Ziel mit einem vorprogrammierten Selbstzerstörungseffekt zu beenden, ohne jede Hoffnung, je wieder in Erscheinung zu treten.

Vorfreudig fährt sie Wasserflaschen und sonstige Verpflegung einkaufen, da die spontane Idee der Selbstversorgung umgesetzt werden muss. Das zunächst unerfreuliche Wiedersehen mit Mik schließt sie aus ihrer Freude aus. Ebenso weiterführende Gedanken an einen möglichen Neuanfang mit ihm.

Eigentlich hat sie sich eine Männerpause vorgenommen. Ansonsten kommt alles wieder hoch – und das bitte nicht vor ihrem Urlaubsbeginn!

„Wo gibt es denn sowas?“, denkt Yva laut.

Die Kassiererin schaut sie verwirrt an. „Na bei uns!“

Unbeeindruckt packt Yva die Schokolade in ihren Korb. Weiter in Gedanken versunken, fährt sie nach Hause und genießt den Sonntag vor dem Beginn ihres ersten richtigen Urlaubs.

3. Kapitel

Nach der unruhigen Nacht auf Montag und einem beunruhigenden Traum, in dem Yva nackt vor der Jury des Wettbewerbs stand und das Gelächter der Teilnehmer hinter sich hörte, frühstückt sie ausgiebig bis acht Uhr und fünfundvierzig Minuten. Den schriftlichen To-do-Listen-Check übernimmt sie nebenbei beim Aufräumen. Gerade als sie Teller, Besteck und Tasse abwäscht, klingelt ihr Handy. Yva muss grinsen, als sie daran denkt, wie Mik sich gestern kleinlaut hat melden müssen, weil er am Sonntag kein passendes Objekt gefunden hat. Mit ihrer Güte, hat sie ihm noch bis Montag Früh Zeit gegeben. Die nun langersehnten Koordinaten schreibt sie flink auf einen Zettel, steckt ihn in die Bermuda-Jeans und trocknet ab. Dann räumt sie ihr Auto mit Gepäckstücken ein und versorgt das Navigationsgerät mit allen wichtigen Daten. Die eingegebenen Koordinaten führen sie nach Sötland, im Süden von Schweden.

Der Weg über die Autobahn vom Osten bis Norden Deutschlands zieht sich. Am frühen Nachmittag schaltet sie das Radio ein. Fast hätte sie die Nachrichten weggeschalten, wie sie es sonst tut. Aufgrund eines penetranten Autofahrers hinter ihr, kann sie den Radiosender nicht wechseln. Auf Biegen und Brechen will der Idiot hinter ihr überholen. Yva denkt nicht im Traume daran, diesem BMW-Fahrer einen Gefallen zu tun.

Erst drängeln und dann Ansprüche stellen. Wie unverschämt.

Der vor ihr kutschierende Lkw hat eben erst seine Überholung, die an dieser Stelle übrigens verboten ist, beendet.

Seinem Zorn nachgehend, rauscht der BMW-Fahrer an Yva vorbei, sobald sie die Spur wechselt. Plötzlich zieht der Sprecher des Radiosenders ihre Aufmerksamkeit auf sich.

„Und ich habe noch eine unglaubliche Neuigkeit für euch! Die Phantomlady Yva Hellström, die bekannteste und gefürchtetste Gastronomkritikerin, enthüllt wahrscheinlich ihr Gesicht.

Bei dem wohl wichtigsten Patisserie-Wettbewerb Schwedens wird sie vielleicht in leibhaftiger Form auftreten! Dies lässt sich aus einer Pressemeldung der Zeitung ableiten.“ Der Mann lacht höhnisch. „Am Ende ist sie sogar ein er! Wir sind gespannt!“

Zunächst ist sie schockiert über das hohe Interesse an ihrer Person. Dann kann sie nicht anders, als darüber herzlich zu lachen. Es schmeichelt ihr. Auch, wenn Yva es nicht mal sich selbst gegenüber zugeben kann. Ob sie nach dem Wettbewerb noch glücklich ist, sich der Idee angenommen zu haben, wird sich herausstellen.

Yva schiebt ihre dunkelbraune Brille mit dem Zeigefinger hoch. Beim Autofahren setzt sie sicherheitshalber ein paar Lupengläser auf, wie ihre Mutter sie zu nennen pflegt. Vor ein paar Monaten, an Weihnachten, hat sie sich eine zugelegt.

Am Nachmittag wird nämlich ihre Sehschärfe schlechter.

Anzeigen oder entfernte Dinge kann sie nicht hundertprozentig scharf erkennen, wodurch sie sich unsicher fühlt.

Im Straßenverkehr sollte sie diesen Risikofaktor ausschalten.

Yva ist froh, dass ihre Brille noch alle Schrauben am Glas hat.

Bis dato hatte sie eher Pech mit Weihnachtkäufen oder - geschenken. Letztes Weihnachtsfest hat sie einen Messerschleifer von ihren Großeltern mütterlicherseits geschenkt bekommen, welcher die Messer nicht geschärft, sondern ihnen Zacken verpasst hat. Messerschleifer und Zackenmesser hatte Yva entsorgen können. Die Lebenszeit der Eieruhr vom Jahr davor war ebenso überschaubar. Einmal aufgezogen, tickte sie wacker bis zur letzten Sekunde, gab daraufhin ein Kling und ein Bing von sich und das war es schon gewesen.

Die Eierlöffel von vor drei Jahren wiesen eine Bruchstelle auf und die Küchenuhr, die sie sich vor vier Jahren gewünscht hatte, fiel nach acht Wochen von der Wand. Hinter ihr liegt ein beachtlicher Schrotthaufen an Geschenken. Wieso schenkt ihre Familie ausschließlich Küchengegenstände? Nur wegen ihres Berufes hat sie noch lange keinen Narren an ihrer eigenen Küche gefressen.

Stunden später, hat sie gefühlt mehr Zeit auf einer Fähre auf dem Meer zwischen Dänemark und Schweden verbracht als auf dem Land. Dieses Gefühl liegt an der Angst vor einem Absinken der Fähre. Yva vermutet, dass sie als Kind zu viel Titanic oder Reportagen über Riesenwellen im Fernsehen geschaut hat. Dabei bleibt fraglich, ob angeblich harmlose Reportagen über Primaten, die ihrer Erinnerung nach ein ausgeprägteres Sexualleben führen als sie heute, tatsächlich eher für Kinder geeignet sind als Kriminalserien oder Animationsserien auf dem Kinderkanal. Sie kann sich sehr gut vorstellen, dass ihre Mutter sie vor dem sprechenden Brot bewahren wollte. Wer weiß wie viele Kinder laut Mörder geschrien haben, als der Vater das Frühstücksbrot mit der Brotmaschine in gleichmäßige Scheiben schnitt. In diesem Punkt stimmt Yva ihrer Mutter zu. Die Fantasie der Kinder ist nun mal sehr lebendig. Der Unterschied zwischen der realen und erfundenen Welt im Fernsehen wird erst viel später erkannt. Obwohl es tatsächlich Leute geben soll, die die primitiven Reality-Seifenopern selbst als Erwachsene als real anerkennen...

Endlich erreichen die Räder ihres Wagens festen Boden. Nun beginnt die spannende erste Begegnung mit ihrem Geburtsland. Yva hat sich vorgenommen, das Grab ihres Vaters zu besuchen. Dafür hat sie ihrer Mutter eine Nachricht auf den Anrufbeantworter hinterlassen. Da sie nicht erreichbar gewesen ist, weiß sie weder von Yvas erstem richtigen Urlaub, noch dass dieser ausgerechnet nach Schweden geht. Zehn Stunden ist sie bereits mit dem Auto ohne Stau unterwegs. Dafür hat sie sich das zweite nunmehr altbackene, belegte Brötchen verdient. Der Cappuccino der letzten Tankstelle ist mittlerweile ein Eiskaffee geworden, doch die Kombination kann sie sich bei kleiner Tempozahl nebenbei schmecken lassen. Aller Voraussicht nach, wird sie in einer Stunde ihr Auto vor dem Zielhaus parken, auf die Toilette gehen und dann ins Bett fallen können. Die Umgebung wird sie am nächsten Tag und den nächsten Wochen erkunden können.

„Ich habe Urlaub. Da macht man sowas.“ Ihrer Aussage zustimmend, erhöht sie die Drehzahl ihres Cabrios und düst ihrem Urlaub weiter entgegen.

Ihre Fahrt findet durch Wälder mit unendlich vielen Bäumen statt, durch kleine Dörfer und größere Städte, dann auf langen Straßen seitlich von Ackerflächen gelegen entlang und großen saftig grünen Wiesen.

Angesichts der überwältigenden Natur, hätte Yva fast den kleinen Weg verpasst, der sie nach Sötland bringt.

Nachdem sie eingebogen ist, muss sie derart schlucken, dass sie sich beinahe ver-schluckt hätte: ihr erster Eindruck sollte sich bewahrheiten. Ein kleines Städtchen. Auf den ersten Blick alles vanillegelbe und rote Holzhäuser. Ab und an ein Lädchen dazwischen sowie ein Hotel. Ein sehr sehr kleines Städtchen. Nach einer Minute ist sie bereits durchgefahren.

Dabei ist die Wartezeit wegen eines Fischers, der aufgrund seiner Kiste schwer zu schleppen hat, nicht abgerechnet. Durchaus kann es sich um einen Irrtum handeln, da es viele Seitenstraßen gibt und sich vielleicht ein Netz von Häusern neben der Hauptstraße erstreckt. Wahrscheinlich sind dahinter weitere Gebäude. Die Tatsache ihrer minimalistischen Fahrtzeit beschönigt es jedoch nicht. Nach zwei weiteren Minuten Fahrtzeit und drei Abbiegungen sieht sie aus einiger Entfernung eine rote Hauswand zwischen herrlich grün blühenden Bäumen und einem großen wuchernden Busch aufblitzen. Die letzten Meter wird Yva von einer Allee aus Birken und dicken Eichen begleitet. Links und rechts bilden die stramm gewachsenen Bäume eine Gasse, erstrecken sich darüber und greifen mit Ästen und Blättern ineinander. Die freundliche Dame des Navigationsgerätes kündigt das Ziel an.

„Das Ziel befindet sich in hundert Metern auf der rechten Seite.“ Hinter der Allee taucht noch eine S-Kurve an einem kleinen See auf. Langsam kutschiert Yva das Cabrio vor das Haus, doch die Dame bestätigt das Ziel nicht. Yva hält den Wagen an.

„Merkwürdig.“ Kurzerhand beschließt sie noch einmal zurückzufahren. Im Rückwärtsgang rast sie einige Meter zurück, fährt dann langsam bis zum Haus vor und sogar noch einen Meter weiter.

„Nichts. Hier ist doch das Haus, du blöde Kuh.“ Wie tief man sinken muss, um ein Gerät zu beleidigen, muss Yva niemanden erklären. Hilflos versucht sie, der Dame die Worte zurecht-zulegen.

„Sie-haben-Ihr-Ziel-er-reicht.“ Keine Antwort.

Im Schneckentempo rollt sie rückwärts. Dann in Regenwurmkriechtempo vorwärts. Angespannt starrt Yva auf den Bildschirm ihres Bordcomputers.

Yva zuckt zusammen als es an der Beifahrertür klopft.

„Kann ich dir weiterhelfen?“ Eine bildhübsche junge Frau mit einem Kleinkind auf dem Arm schaut herein. Yva ist peinlich berührt.

„Äh, ja, vermutlich. Laut Navi soll hier mein Ferienhaus sein.“

Inständig hofft Yva, dass ihre Fahraktion nicht bemerkt worden ist.

„Du bist Yva, hab ich recht?“ Fröhlich tritt die Frau um das Auto herum. Höflich steigt Yva aus. Sie bemerkt den Schweiß vom Sitzen, als der warme Sommerwind an ihr vorbeizieht.

„Woher wissen Sie…weißt du das?“

„Mik Paulsen hat bei mir das Haus angemietet. Möchtest du kurz reinkommen oder erst dein Haus beziehen?“

Das Lächeln, welches Yva entgegen springt, lässt sie kurzzeitig verstummen. Derartige Herzlichkeit und Offenheit hat sie selten erlebt. Baff reicht sie der Frau zur Begrüßung die Hand.

Neugierig wird sie von dem Kleinkind begutachtet. Es streckt müde den linken Arm nach ihr aus und greift mit den kleinen Fingerchen in die Luft. Doch allmählich wird sie wacher und wippt leicht hin und her.

„Ich denke, ich brauche erst einmal eine Pause. Die Fahrt war sehr anstrengend und-“, versucht sie sich zu rechtfertigen, um nicht unfreundlich zu wirken. Doch die junge Frau winkt ab.

„Gerne! Den Hausschlüssel habe ich bereits mitgenommen.“

Sie nickt auf das Cabrio. „Solche Autos fahren wir hier nicht.

Das kann nur mein Gast sein, habe ich mir gedacht.“

Yva nimmt den Schlüssel entgegen und steckt ihn in die Hosentasche. „Vielen Dank!“

„Ob ich an alles gedacht habe, kann ich nicht sagen. In einer Stunde gehe ich aber schlafen. Falls du bis dahin etwas brauchst, komm einfach rüber. Seit Ewigkeiten habe ich keine Gäste mehr gehabt.“

„Wie komme ich zu dem Haus?“

„Ach ja, natürlich! Noch ein Stück geradeaus, dann hinter den großen Bäumen auf der rechten Seite. Es gibt nur eine Adresse. Falls du Post erwartest, landet sie also in meinem Briefkasten. Aber keine Sorge, die bringe ich dir rüber.“

Yva spricht ihren Dank aus und dreht sich vom Haus weg zu ihrem Wagen. Inmitten des Grünen fällt die schwarze Karosse tatsächlich auf. Beim Einsteigen hält Yva inne.

„Wie heißt du eigentlich?“

Die junge Frau lacht auf und klopft sich einmal mit der flachen Hand an die Stirn.

„Solveig. Solveig heiß ich. Und das hier ist Anni.“ Das Kleinkind ist also ein Mädchen und heißt Anni, die nun fröhlich auf Solveigs Arm herum tanzt. Yva hätte eher auf einen Jungen getippt, da Anni kurze lockige Haare und eine gelbe Latzhose trägt. Gelb in der Kleidung ist neutral und kann daher für Junge und Mädchen gleichermaßen genutzt werden, entschuldigt Yva ihr Fehlurteil.

Gleich hinter den dicken Bäumen erstreckt sich eine riesige Wiese. Ungemäht und voller Wildblumen gleicht sie einem märchenhaften Teppich. Von dem Schotterweg bis vor das rote Holzhaus breiten sich Blumen und Gräser in gemischter Einheit aus. Wahrhaftig; ein kleiner Katzensprung hat ausgereicht, damit das Ferienhaus nach einer mickrigen Rechtskurve sichtbar wird.

„Sie haben Ihren Zielort erreicht. Das Ziel befindet sich auf der rechten Seite.“ Yva streckt dem Navigationsgerät die Zunge heraus. Dann lehnt sie sich zurück. Ihr Körper kribbelt von Kopf bis Fuß. Mit zittrigen Beinen steigt sie aus dem Wagen. Die Anspannung der letzten Stunden beginnt abzufallen.

Beeindruckt genießt sie über das Autodach gelehnt einen Moment lang die milde Sonne auf ihren roten Wangen. Es duftet nach Flieder. Dann öffnet sie die Augen. Allein der Anblick dieses Hauses und dessen Umgebung lässt Yvas Herz aus uner-klärlichen Gründen höher schlagen. Auch der Fliederduft ruft in ihr ein wohliges und vertrautes Gefühl hervor.

Anderthalbgeschossig, im typischen Farunrot und mit weiß umrandeten Fenstern und Türen wirkt ihre zukünftige Unterkunft charakteristisch schwedisch. Die blaue Tür ist ein sehr hervorstechendes Merkmal des Hauses. Nun geht sie gemächlich weiter, schaut sich um – bis sie mit ihrem Absatz einsackt und mit dem Knöchel leicht umknickt. Ein kleines Erdloch hat ihre innere Ausgeglichenheit kurzweilig unterbrochen. Yva reibt sich erschrocken den Knöchel. Als sie weitergeht und hinter dem Haus einen weitläufigen See entdeckt, verliert sie vor lauter Begeisterung das Gleichgewicht und fällt der Schwerkraft gemäß in die weiche Wiese. Zwischen den bunten Wildblumen bleibt sie liegen. Das größte Geschenk, was sie wohl von der Welt bekommen hat, ist die Gabe, über sich selbst lachen zu können. Also kichert sie über das, was seit ihrer Ankunft passiert ist. Hätte es der über ihr kreischende Adler nicht besser gewusst, hätte er mit Sicherheit eine Elfe vermutet, die in der wilden Wiese ihren Spaß treibt.

Bevor Yva den Gedanken über ihre Schusseligkeit vollenden kann, springt sie auf, da etwas an ihrem Nacken hinaufklettert. Wild mit den Händen fuchtelnd, wirft sie das Etwas von ihr ab. Das geschafft, geht sie zielstrebig zur weißen Holzveranda des Hauses. Vorsichtshalber zieht sie die dunkelblauen Pumps aus, um einem erneuten Sturz vorzubeugen. Auf dem hellen, feinkörnigen Sandweg läuft es sich mit nackten Füßen wie auf butterweichen Wolken.

Allerdings liegt das Gefühl daran, dass ihre Füße kribbeln und sich von den erhöhten Absatz an den flachen Untergrund gewöhnen muss.

Als dies geschehen ist, drücken sich die kleinen Steine in ihre zarten Fußsohlen.

„Jetzt weiß ich, wieso meine Oma nie Hornhaut entfernt hat“,

erkennt sie einsichtig. Einen Meter vor der weißen Veranda stoppt sie. Ein Lächeln huscht ihr über die rosa Lippen. Mik hat sich wirklich Mühe gegeben. Ein Haus am See, abgelegen von der Stadt. Wenn ihr Wohlwollen über diesen Ort nicht schon das erste Anzeichen einer Versöhnung ist ...

Neben der blauen Eingangstür befinden sich große Fenster.

Der Bereich wird durch die weiße Holzveranda, die auch bei Regen ein Draußensitzen ermöglicht oder etwas Schatten spendet, geschützt. Yva geht weiter zur Eingangstür. Links stehen zwei alte Stühle und ein schiefer Holztisch, dessen eines Bein einen tiefen Riss aufweist. Dahinter sieht Yva einen riesigen lila färbenden Fliederbusch wachsen. Leicht geduckt schaut sie über die Holzveranda zu dem Busch. Plötzlich hat sie ein Bild vor Augen, dass dem heutigen Erscheinungsbild des Flieders sehr ähnelt. Nur mit dem Unterschied, dass dieser viel kleiner ist und die Wiese um ihn herum gemäht ist.

Verwirrt schüttelt Yva den Kopf. Scheinbar kommt ihrem Gehirn dieser Anblick bekannt vor. Doch woher sollte das sein? Hatten eventuell ihre Großeltern damals im Garten solch einen Fliederbusch?

Neugierig und das Bild vor Augen verdrängend, versucht sie das Ferienhaus aufzuschließen. Der Schlüssel aus ihrer Tasche passt nicht. Sie erkennt das Lederriemchen, das die Schlüssel zusammenhält.

„Das ist ja auch mein Hausschlüssel. Oh nein, ich bin fix und fertig“, bringt Yva stöhnend hervor.

In ihrer Hosentasche findet sie den passenden Schlüssel von Solveig. Wäre sie blond, hätte sie den Spruch Typisch Blondine zu sich sagen können. Da dies nicht der Fall ist, schiebt sie es auf die lange Autofahrt, die ihre Nerven erfolgreich überdehnt hat. Leise schwingt die Tür auf.

Was sie dahinter sieht, lässt ihr den Atem stocken. Eine wundervolle weiße, Holzeinrichtung und bunte stilvolle Elemente begegnen ihr auf eine liebevoll eingerichtete Weise. Die Treppe, gleich links nach der Tür, stört nicht. Sonst mag sie es nicht, wenn sie in einem Haus gleich nach der Haustür auf die Treppe fällt. Yva lässt ihre Schuhe fallen. Nachdem sie die Kleiderhaken an einem Holzbrett an der rechten Wand und das riesige Schuhregal passiert hat, betritt sie die Wohnstube mit offener Küche.

Die Abendluft strömt sacht durch die angekippten Fenster.

„Wundervoll.“ Begeistert tritt sie durch die Terrassentür neben dem Esstisch.

Auf der Terrasse verweilt sie. Die frische, reine Luft, die Geräusche der Natur, der Wind, die sanfte Sonne und dieses, auf den ersten Blick, paradiesische Haus machen sie für diesen Moment zur glücklichsten Frau.

Nach fünf Minuten werden Yvas Augen schwer, ihre Lider öffnen und schließen sich träge. Ein eindeutiges Zeichen, ins Bett zu gehen. Yva geht ihren Körpersignalen nach, die sie schon fast komatös ins Schlafzimmer im ersten Stock führen.

Für mehr Dunkelheit lässt sie die Jalousien herunter, schlüpft dann aus ihrer Kleidung und wirft sich auf das große weiche Bett.

„Heute mache ich nichts mehr.“ Sie nimmt sich für morgen vor, das Haus in aller Ruhe zu erkunden.

Zufrieden huschelt sich Yva in die blumig duftende, dünne Decke ein. Erstaunlicherweise denkt sie an keinen Wecker, der sie am nächsten Morgen aufwecken soll.

Mit dem Vogelgezwitscher wird sie wach. Dann berichtigt sie sich. Nicht die romantischen Vögel haben sie geweckt, sondern eine Männerstimme weiter weg. Yva gähnt. Der Mann ist sicher Solveigs Mann.

Verschlafen steht Yva auf und schleicht runter in die Küche.

Vom Küchenfenster aus sieht sie den Mann aus Solveigs Haus in den Garten treten. Von der Straße aus, scheinen beide Häuser abgeschottet voneinander zu liegen. Aber mehr als die weitläufige Wiese trennt die Häuser nichts. Nicht mal die vereinzelten jungen Bäume.

„Gemütlich hier“, bemerkt Yva beiläufig, als sie in einem der hohen Schränke zwischen bunten Tassen und Blümchentellern nach einem Teebeutel sucht. Als sie keinen findet, runzelt sie die Stirn.

„Dass das mit dem Selbstversorgen wirklich so ernst gemeint ist.“ Yva setzt ihre Hoffnung auf Solveig, die sicher etwas Tee im Haus hat. Mona hat aufgrund ihrer Kinder immer Tee in Massen da. Wo Kinder sind, ist auch Tee. Gelassen nimmt sie ihr Handy vom Küchentisch, um Mik anzurufen. Er wartet sicher auf ihren Anruf und ihrer Meinung zum Ferienhaus.

„Mist. Akku leer.“ Das Ladekabel hat sie noch im Koffer im Auto. Zügig zieht sie die Jeans sowie das weiße T-Shirt von gestern an, damit sie die Vermieterin und ihren Mann nicht in Unterwäsche ärgert. Nachdem sie in die Pumps an der Tür geschlüpft ist, stakst Yva zum Auto. Ein frischer Wind verpasst ihr eine Gänsehaut. Wolken ziehen auf, die der Luftfeuchtigkeit nach Regen bringen. Am Auto hievt sie die drei Koffer heraus. In einem sind Arbeitsgeräte wie Kamera, Computer und Ladekabel. In einem anderen muss ihre Kosmetiktasche mit Zahnbürste und Co sein.

Wieder zurück im Haus, pflegt sie sich im Bad, schminkt sich, schlüpft in eine neue Röhrenjeans und zieht ein frisches, weißes T-Shirt an. Dann knurrt ihr Magen.

Yva verzieht das Gesicht. Auf dem Weg zu Solveig - wo sie im Übrigen vorbildlich auf der Straße läuft – sieht sie das Auto des Mannes wegfahren, das gestern noch nicht da gestanden hatte. Es ist ein hellblauer alter VW-Bus. Genauer gesagt ein VW T1 Samba-Bus. Die bis 1967 verkauften Busse sind heutzutage meist dem Rost verfallen und daher eine begehrte Rarität. Restaurationsbedürftig sieht der Wagen des Mannes von außen erstaunlicherweise nicht aus. Vermutlich gut lackiert. An der Schnauze ist das typisch zulaufende perlfarbene Dreieck erkennbar. Mitten darin befindet sich das wohl größte blankgeputzte VW-Logo, das Yva je zu Gesicht bekommen hat. Yva kennt diesen Wagen von einer Automesse, in der alte Modelle präsentiert wurden. Ihrer Mutter hat dieses Auto besonders gut gefallen. Nicht wegen der hellbraunen Ledersitze oder dem Retro-Lenkrad, sondern weil Yvas Vater angeblich solch einen besessen hat. Da Yva keine Erinnerung an ihren Vater hat, ist sie weniger sentimental beim Anblick dieses Wagens. Hinter den zwei Frontscheiben sieht sie den blonden Mann. Yvas Gesicht erstarrt plötzlich. Die Gesichtszüge des Mannes ähneln erschreckend ihrer Jugendliebe.

Yva schüttelt den Kopf und winkt in Gedanken ab.

Das kann er nicht sein. Wie soll er hier, ausgerechnet hier her kommen und ausgerechnet hier wohnen, wo ich Urlaub mache. Viel zu unwahrscheinlich.

Leider ist der VW bereits wendend davongefahren, als Yva trotz schneller Schritte am Haus von Solveig ankommt.

Nach dem niedrigen weißen Gartentor betrachtet Yva die angelegten Pflanzen vor dem Haus. Eine Menge üppiger Stauden wachsen vor unterschiedlichen Rosen, die mehr den blütenreichen Rahmen bilden. An dem lang gezogenen Bungalow rankt sich rechts neben den ersten beiden Fenstern an einer Holzleiter eine Rose hinauf, die dringend bezwungen werden sollte. Ihre Blüten sind außerordentlich in ihrer Summe und kräftig pink. Die dazwischen wachsende, rosa blühende Clematis wird von den Rosen zart umschmeichelt.

An ihrem rechten Bein streichelt eine buschige Katzenminze entlang, deren blaulila Kelchblüten von den sonstigen Gräsern hervorstechen und leicht im Wind wehen. Als sich Yva bückt, riecht sie die ätherischen Öle, die die Pflanze freisetzt. Durch die Pflanze strömt ein angenehm aromatischer Duft in die Luft. Der zwei Meter lange Weg bis zur Haustür wird ebenso von einem runden Büschel Schilfgras geschmückt, das neben den Rosen und Fetthennen eine bewundernswerte Stellung einnimmt. Die hohe Wiesenraute schimmert leicht auf der linken Wegseite hervor. Fasziniert studiert Yva dieses Staudengewächs. Rispenartige, lockere Blütenstände tragen viele kleine Blüten. Auf dem Fußabstreicher steht linkerhand ein Topf mit spanischen Gänseblümchen. Auch diese wuchern über den Rand hinaus und tun es den Stauden gleich.

Yva klingelt. Kurze Zeit später öffnet Solveig die Tür. Ihr dichtes, blond-meliertes Haar trägt sie zu einem locker hochgebundenen Dutt. Yva fühlt sich im Gegensatz zu Solveigs einfacher bequemer Kleidung etwas overdressed.

„Hej! Komm rein.“

Anni sitzt, dieses Mal noch munterer, auf Solveigs Arm und klatscht in die Hände als sie Yva sieht. Yva stellt ihre Pumps in das Schuhregal. Jetzt fühlt sie sich angemessen gekleidet.

„Wie gefällt es dir bis jetzt?“ Yva folgt Solveigs interessierter Stimme in die Wohnstube. Alles liegt durcheinander. Dagegen ist Yvas Haus ein klinisch reines Wohnobjekt. Der erste Eindruck zieht sich durch das gesamte Wohnambiente ihrer Vermieterin. Bunte Kinderspielsachen liegen hier und da, eine Menge Topfpflanzen stehen auf weißen Holzregalen und neben bodentiefen Fenstern befinden sich bunte Zeitschriften auf dem Sofatisch, in der Küche liegt Abwasch und irgendwie befindet sich überall Kleinkram. Ganz zu schweigen von dem Zettelchaos, das Yva bei einem flüchtigen Blick in das Arbeitszimmer sieht.

„Ich war noch nicht einkaufen. Hast du bitte einen Teebeutel für mich?“

„Der einzige Tee, den ich habe ist der da.“ Solveig zeigt auf die breite Terrasse. „Schneid dir einfach das ab, was du brauchst.“ Verwirrt tritt Yva durch die Terrassentür hinter dem Blumensofa. Auch in diesem Haus sind Küche und Wohnzimmer eins, nur, dass hier mehr Quadratmeterfläche vorhanden ist. Die Kombination bildet nach dem Eingangsflur mit Gäste-WC den Einstieg in die sonstigen Räume, von dem rechts nach der Stube das Arbeitszimmer sowie daneben ein Flur zu den übrigen Räumen abgeht. Vor dem Bürozimmer ist ein Wintergarten angebaut, wie eine Art Extraraum, durchweg mit Fensterscheiben und weißen Holzrahmen versehen.

Ein großer Esstisch für mindestens acht Personen und passende Stühle füllen ihn aus. Yva schaut sich auf der Terrasse um. Wie im Vorgarten gibt es auch hier eine Menge Pflanzen und Blumen. Rechts wird die Sicht mit circa eineinhalb Metern Luft dazwischen von dem Wintergarten abgegrenzt. In diesem Fall stellt die Terrasse aber eine gute Möglichkeit dar, eine Gesellschaft im Wintergarten unauffällig zu beobachten.

Der Bungalow steht auf einer Erhöhung, weshalb hinten raus drei Holzstufen am Ende der Terrasse in den weiteren Garten führen. Dort hat der Mann gestanden, der ihr bekannt vorkam. Sicherlich irrt sie sich.

Solveig kommt mit einer Schere hinter Yva her.

„Bittesehr.“ Yva nimmt das spitze Ding und schaut sie fragend an. Entweder spricht Solveig ein anderes Schwedisch oder Yva versteht ihre gelernte Sprache nicht mehr.

„Hier hast du Brennnessel, Basilikum, Pfefferminze und Melisse.“

„Aus den Blättern soll ich Tee machen!“, versteht Yva endlich.

Vor den vielen Staudengewächsen und großen Blumentöpfen hat sie die essbaren Pflanzen ganz übersehen. Gleich neben der Terrassentür hat Solveig die Kräuter und Pflanzen als Kästen auf einer Erhöhung aufgereiht. Der starke Minzgeruch verbindet sich mit einem an ihrer Nase vorbeiziehenden Windzug voll Flieder, dessen lilafarbener Blütenbusch sich auf der linken Seite von der Terrasse erhebt. Herrlich.

„Vielen Dank!“

Eine Handvoll Melisse schneidet Yva sich ab.

„Die Blumen hier unten passen nicht so ganz zu den übrigen Gewächsen“, bemerkt Yva und zeigt auf die kleinen bunten Blumentöpfe unter der Erhöhung.

„Das stimmt. Mit dem Hintergrund, dass es sich bei den Veilchen, Stiefmütterchen, Speisechrysanthemen, Vergissmeinnicht und Co um essbare Blumen handelt, passen sie.“

Überrascht werden Yvas Augen weit.

„Das ist ja cool! Wie kamst du auf die Idee?“

„Über Anni. Sie hat schon das eine oder andere Mal Blütenköpfe in den Mund gesteckt, die ich jedoch gedüngt oder mit Pflanzenschutzmittel bearbeitet hatte. Bei diesen Blumentöpfen kann sie bedenkenlos etwas essen. All die Töpfe auf der anderen Seite, die mit den Staudengewächsen, interessieren sie bis auf die spanischen Gänseblümchen zum Glück nicht.“

Beeindruckt nickt Yva mit dem Kopf. Was für Gedanken sich Solveig für ihre Tochter macht.

Das traumhafte Naturidyll setzt sich im hinteren Teil des Gartens fort. Gefesselt von der Schönheit schaut Yva sich um.

Die Sonne wandert von links nach rechts, wodurch sie ganztägig auf die Terrasse scheint. Auch wenn sie im Moment hinter einer dicken grauen Wolke verschwindet.

Von der Terrasse aus ist nach der Wiese ein Steg zu sehen, der ein paar Meter weit auf das Wasser führt. Soweit erkennbar ist, schwankt ein Holzboot an dessen Seite. Der See wirkt rein, das Grün der Bäume und Wiese so harmonisch und das Rauschen des Windes sagt alles, was es gerade zu sagen gibt.

Anni ist zu Yva gekrabbelt und drückt an ihrer Zehe herum.

„Die findest du wohl besonders interessant. Da hast du dir eine große Zehe herausgesucht.“ Schmunzelnd dreht sie sich weg und neigt sich nach links, um in die Küche gucken zu können. Ungeduldig wartet sie auf Solveig.

„Was soll ich nur mit dir machen? Nicht weg krabbeln, verstanden?“ Anni kichert. Yvas Zehe ist nebensächlich geworden, wohingegen etwas anderes ihr Interesse geweckt hat. Sie sitzt in ihrer gelben Latzhose, einem grünen Shirt untendrunter und nackten Füßen vor einem Keramiktopf, der genauso groß ist wie sie selbst. In ihrer Hand hält sie den Kopf eines spanischen Gänseblümchens und zieht.

„Solveig? Kann Anni draußen sitzen bleiben?“

„Nein, kannst du sie bitte reinbringen?“ Yva nimmt die kleine Maus unter den Achseln hoch. Fest umschlungen reißt Anni dadurch das Gänseblümchen ab. Damit hat sie ihr Ziel erreicht und freut sich sichtlich.

In der einen Hand hält über zusätzlich die Melissa und geht mit Anni wieder rein. Dann setzt sie das Mädchen auf die Arbeitsplatte in der Küche. Inzwischen hat Solveig die Küche aufgeräumt.

„Entschuldige die Unordnung. Ihr Deutschen seid immer sehr aufgeräumt, oder?“

„Vorwiegend. Es gibt einige Ausreißer.“

„Dabei zeugt Chaos davon, dass in diesem Haus gelebt wird.

Die unaufgeräumte Küche belegt, dass ich für mein Kind und mich koche oder die Wäsche im Bad, dass mein Kind frische Kleidung trägt.“

„Ich denke mal, wir gehen davon aus, dass gelebt wird und erwarten deshalb eine Wohnung, in der alles, was benutzt wurde, wieder aufgeräumt wird. Das ist jedenfalls die einzige Erklärung, die ich finde.“

Solveig grinst darüber. Die Deutschen haben eigenartige Ansichten. Bei angekündigtem Besuch wird zwar aufgeräumt, doch nur, damit niemand stürzt und auch, damit wieder neuer Abwasch entstehen kann.

„Und wie gefällt es dir bis jetzt hier?“

„Bisher sehr gut. Hatte kurz das Gefühl ich war schon einmal hier. Doch das ist sehr unwahrscheinlich.“ Solveig runzelt die Stirn, während sie Anni auf den Arm nimmt, deren Gänseblümchen die Hälfte der Blüten abgeben musste.

„Aber dein Name ist schwedisch“, wundert sie sich.

„Ich bin sogar in Schweden geboren. Nach dem Tod meines Vaters sind wir nach Deutschland, in die Heimat meiner Mutter ausgewandert.“ Mit einer fast Fremden über ihr Leben zu sprechen, macht sie eigentlich nie. Sie ist verwundert über sich.

„Wo bist du denn geboren?“, fragt Solveig, obwohl Wissbegierde sonst nicht ihrer schwedischen Art entspricht.

Bis auf den Namen und ihrem guten Schwedisch hat Yva bis momentan nichts von einer Schwedin. Umso spannender sind daher ihre Wurzeln.

„Stockholm“, antwortet Yva. Ihre rechte Hand steckt mittlerweile in der hinteren Hosentasche, während die andere die Melisse festhält. Solveig ist dabei weiter aufzuräumen. Nun ist das Wohnzimmer dran. Anni sitzt derweil mit dem Stängel des Gänseblümchens auf dem Blumensofa. Die verlorengegangenen Blütenblätter liegen vor Yvas Füßen.

„Ich werde mich jetzt frisch machen. Vielen Dank für den Tee.“ Zaghaft wedelt sie mit der Melisse und bewegt sich zum Ausgang.

„Wenn du magst, zeig ich dir die Umgebung. Nachher muss ich sowieso in die Stadt.“

„Dieses Angebot kann ich nicht ausschlagen! Bis dann“, erwidert Yva und verschwindet durch die Tür.

In dem Ferienhaus zurück, richtet Yva sich, so schnell es geht, ein. Trotzdem ist sie auf ihre Ordnung bedacht: Sämtliche Kleider werden sorgfältig aufgehangen. Einige Schuhe – drei Pumps und ein Paar Sandalen – stellt sie zügig in das Schuhregal, rennt dann nach oben und versorgt das Badezimmer mit ihren nützlichen Accessoires. Darunter zählen ihre Haarbürste, ihr Fön, Zahnbürste und -pasta, Haargummis und Klemmen sowie zwei Parfumflaschen. Im unteren Bad fehlt noch ein Stück Schafseife, die sie noch auf den Waschbeckenrand legt. So muss es sein.

Nur ihr Strohhut fehlt. Der liegt noch oben auf dem Bett. Als sie kurz zur Ruhe kommt, bemerkt sie einen seltsamen Geschmack im Mund. Mit der Zunge fährt sie sich über die Zähne. Sie rennt erneut nach oben und macht sich im Bad frisch. Anschließend schnappt sie sich den Hut und bereitet in der Küche den Melissentee zu.

Geschafft lehnt Yva an der Arbeitsplatte. Beim Herumdrehen verliert sie ein Lächeln darüber, dass sich die Küchenfenster von Solveig und ihrem Haus direkt gegenüber befinden. Nur die Wiese trennt sie.

Tief atmend schöpft sie mit einer Gabel die Melissenblätter aus ihrer Tasse. Da sie zurechtgemacht ist, kann sie sicher noch ihr Haus begutachten, bevor sie zu Solveig rüber geht.

Neben der offenen Küche stehen zwei kleine L-förmig aufgestellte, weiße - und vor allem weiche - Sofas, wie Yva feststellen darf, als sie sich darauf plumpsen lässt. Auf der rechten Seite ist eines der bodentiefen Fenster als direkter Ausgang zum Garten gedacht, der von blumigen Gardinenschals umrahmt wird. Links befindet sich ein älterer Flachbildfernseher, dessen Funktionstüchtigkeit sie noch bezweifelt. In der linken und rechten Ecke stehen weiße Sideboards, die den Vintage-Esstisch umrahmen. Niedergelassen hat sich darauf ein grauer Baumwollläufer.

Yva geht weiter. Im Flur hat sie bereits Bekanntschaft mit dem Gäste-WC gemacht. Es ist recht klein für ihren Geschmack.

Für das schnelle Geschäft reicht es aber aus, kichert sie in Gedanken.