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Für einige der vielleicht wichtigste Schein, wenn man dabei ist, dass 18. Lebensjahr zu vollenden. Viele bekommen ihn auf Anhieb, andere brauchen noch ein zwei Anläufe mehr und wieder bei anderen wird es eine Odyssee mit aufregenden Abenteuern auf vier Rädern im "Berliner Verkehrsdjungel". Die Autorin dieses Buches gehört unverkennbar zu dritten Kategorie. Für angeblich hoffnungslose Schüler in Fahrschulen ein "Must have", das Mut zum Weitermachen macht.
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Seitenzahl: 283
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Steffi Scheinemann
Schein der Scheine
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Inhaltsverzeichnis
Titel
EINLEITUNG
DIE IDEE OBER EIN ANFANG IST GEMACHT
DIE ALLERERSTE FAHRSTUNDE
DIE ERSTEN ERLEBNISSE, DIE MAN HERAUSHEBEN SOLLTE
DIE ERSTE THEORIE- PRÜFUNG
OPERATION PRAKTISCHE PRÜFUNG
DIE SONDERFAHRTEN
DER ERSTE VERSUCH
WAS DOCH SO EIN PAAR PS AUSMACHEN KÖNNEN
EIN GANZ BESONDERER FAHRLEHRER
DIE VERSAUTEN FERIEN UND DER ZWEITE VERSUCH
VIELLEICHT KLAPPT ES JA IM CHAOS BESSER
DER BERG, DIE PRÜFUNG UND DIE TALFAHRT
DIE FAHRSCHULE AM KREUZBERG
DIE ABKNICKENDE VORFAHRT
DAS, WAS MAN ZU BEACHTEN HAT
MEIN ABGELAUFENER ANTRAG
FORTSETZUNG FOLGT
DER NEUE ANFANG
EIN GANZ NEUER ANFANG
DEN FÜHRERSCHEIN VOR AUGEN
DER ENDSPURT
DIE PRÜFUNG UND IHR VORSPIEL
MEIN LEBEN DANACH
ERSTE AUSFLÜGE UND DAS PROJEKT „HAMBURG“
DAS GROSSE ABENTEUER- GANZ ALLEIN IM RIESIGEN AUTOMOBIL
MEIN PERSÖNLICHER ABSCHLUSS
DANKSAGUNG UND SO
Impressum neobooks
Normalerweise machte man im Jahre 1998 im Durchschnitt 12 theoretische und dreißig praktische Lern- und Übungsstunden. Hinzu kommen noch einige häusliche Stunden für die Vorbereitung der Theorie-Prüfung. Dann kann man das Ganze abhaken und weiter ganz normal sein Leben gehen. Die Mehrheit der FahrschülerInnen schafft die Prüfung auf Anhieb. Andere gönnen sich höchsten noch einen weiteren Versuch, bis sie ihn, den „Lappen“, entweder haben oder völlig aufgeben. Ich hingegen bin ein echter Härtefall:
Die zwölf Theoriestunden in fast drei Wochen haben mir zwar eine fehlerfreie Theorie eingebracht, aber für alles andere habe ich mir aus den unterschiedlichsten Stunden doppelt soviel und mehr Zeit gelassen.
Was für andere ganz locker und easy ist, sollte für mich zu einer Odyssee werden.
In meiner Zeit als Fahrschülerin habe ich viele Erfahrungen gemacht, die mir später als Autofahrer bestimmt nützlich sein werden. Im Gegensatz zu meinen Freunden bin ich bei fast jeder Witterung in Begleitung eines Profis Auto gefahren. Ich war auch bei Witterungen „on the road“, die man gern auch mal meidet und auf die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigt. Meine Fahrlehrer waren da sehr unbarmherzig mit mir.
In dieser Zeit ist mir außerdem aufgefallen, dass viele mein Problem mit dem vierrädrigem Gefährt gar nicht nachvollziehen können. Deshalb habe ich mir gedacht, ich schreibe mir das alles mal von der Seele.
Schließlich dauerte die beschwerliche Ausbildung fast zweieinhalb Jahre. Eine Freundin von mir hat exakt drei Monate gebraucht! Nur zum Vergleich! Für mich war es eine ziemlich harte Zeit. Meine Eltern haben aber; Gott sei Dank, immer hinter mir gestanden. Ich hätte sie, besonders meine Mutter, beinahe in die „Klatsche“ gebracht. Ohne sie hätte ich es bestimmt nie „gebacken bekommen“!
Nun zu meiner Geschichte. Zu einer Geschichte, die so nicht jeder erlebt haben kann.
Nachdem mein Bruder nun schon seine Probezeit als Führerschein-Besitzer mehr oder weniger hinter sich gebracht hatte, schaffte es mein Papa, auch mich zum Machen des Führerscheins zu überreden. Ich befand mich damals zum zweiten Mal in der elften Klasse. Also, genau der richtige Zeitpunkt, die wichtigste Prüfung nach Vollendung des 18. Lebensjahr zu machen. Ich war bereits 19.
Wenn es nach meinem Papa gegangen wäre, hätte ich es schon viel eher in Angriff genommen. Ich hatte jedoch nie das Bedürfnis gehabt, mich zu motorisieren. Schließlich bin ich sportlich und kann den „Drahtesel“ oder die U-Bahn nehmen. Es sei denn, es chauffiert mich jemand. Warum sollte ich mir die Mühe des Autofahrens-Lernen „aufhalsen“? Zumal ich kein eigenes Auto haben wollte.
Außerdem sieht die Stadt als Fußgänger gleich viel angenehmer aus. Vieles übersieht man als Autofahrer. Oft sind es die kleinen Geheimnisse und Schönheiten, die einem entgehen. Ich laufe ab und zu gerne einfach nur so durch die Stadt.
Jedoch irgendetwas hat mich im Januar 1998 dazu veranlasst die Herausforderung „Führerschein“ anzunehmen. Ich weiß nicht, ob es die Anzeigen in unserer Schülerzeitung, die Gespräche der „Klatschtanten“ meiner Mutter oder doch die überhöhten Preise der BVG (Berliner Verkehrsgetriebe, oder so) waren.
Jetzt war die Zeit reif! Ich wollte alle meine Power und Energie aufwenden, um ein Automobil von 50PS oder so in der Stadt zu bändigen. Selbst die Horroraufnahmen im Fernsehen und grausamen Stories meines Bruders konnten mich von meinem Vorhaben nun nicht mehr abhalten.
Voller Enthusiasmus rief ich zu Jahresbeginn bei der Fahrschule"xyz“ an. Diese Lehrstätte wurde von unserer Schülerzeitung empfohlen. Als ich hörte, ich könne noch am gleichen Abend starten, hatte sich die Flamme in mir schon entzündet.
So schnell ich konnte strampelte ich sofort auf dem Zweirad zur Fahrschule. Dort klärte man mich über die Voraussetzungen, die ich natürlich allesamt mitbrachte, und den Papierkram auf. Dann hatte ich meine erste Theoriestunde. Verkehrszeichen. Na ja, ein bisschen langweilig war das ja schon. Schließlich war ich stolze Besitzerin des Fahrradführerscheins. Ja, den haben wir damals alle in der vierten Klasse machen müssen. Mit allem „drum und dran“: Zuerst schrieben wir ordnungsgemäß einen schriftlichen Test. Und nur wer den bestanden hat, dürfte an der praktischen Überprüfung unserer Kenntnisse und Fähigkeiten teilnehmen. Drei von uns hatten den ersten Test „verhauen“ und mussten das Ganze wiederholen. Aber letztendlich bekamen wir alle den sogenannten Fahrradführerschein voller Stolz überreicht. Ich habe meinen noch in meinen Unterlagen aufgewahrt. Ich bin wirklich stolz darauf. Von daher waren mir bis auf ein, zwei Ausnahmen alle Verkehrsschilder bekannt. Bei den meisten kann man sich, meiner Ansicht nach, die Bedeutung aufgrund des abgebildeten Pictogrammes „zusammenreimen“.
Zurück zu meiner ersten Theoriestunde mit dem äußerst spannendem Thema „Verkehrsschilder“. Schnell stellte sich heraus, dass ich gegenüber meinen Mitschülern einen kleinen Wissens- Vorsprung hatte. Wobei die schleppende Kommunikation auch daher herrühren konnte, dass über der Hälfte der anwesenden Schüler anscheinend der deutschen Sprache nicht ganz mächtig waren. Nun ich nahm es gelassen hin. Allerdings regte es mich doch schon irgendwie auf, dass gerade die, um die man sich am meisten bemühte, einen gelangweilten Eindruck machten. Es hätte bei etwas mehr Engagement viel schneller gehen können.
Des Weiteren kamen auch ständig welche zu spät. Das war da so „gang und gebe“. Na ja, was soll es- Hauptsache ich lerne etwas. Nach diesen ersten Eindrücken und Dutzenden von Verkehrszeichen machte man mich darauf aufmerksam, dass es noch eine zweite Filiale gebe, die an zwei anderen Tagen Theoriestunden anbot. Erfreut über die Möglichkeit die lästigen Theoriestunden innerhalb von drei Wochen zu bewältigen, ließ ich mir die Adresse geben- ohne zu wissen, was mir blüht.
Gleich am nächsten Tag machte ich mich mit meinem Drahtesel auf den Weg zur anderen Geschäftsstelle. Bis zum Hermannplatz war noch alles im „grünen“ Bereich. Aber ich sollte noch Bekanntschaft mit der anschließenden Hermannstraße machen. Die ist so steil, dass es selbst als Autofahrer unangenehm ist sie zu benutzen. Glücklicherweise musste ich nur insgesamt sechs mal dort hinauf zur kreuzenden Flughafenstraße. Hier empfing man mich freundlich mit einer Tasse Kaffee, bevor man sich an den trockenen Stoff traute. Für mich als bekennender Kaffee-Junkie die besten Voraussetzungen.
Inhaltlich ist hiervon eigentlich nichts erwähnenswert. Höchstens, dass ich mir die Zeit mit eifriger Mitarbeit verkürzte. Dabei half der dortige Fahrlehrer fleißig mit, indem er häufig früher Schluß machte. Im Prinzip hätte ich mir die Hälfte der Zeit, die teilweise ich dort einfach nur absaß, sparen können. Aber bekanntlich muss man für die Theorieprüfung 12 „Trockenübungsstunden“ vorweisen. Auf jeden Fall war ich nach den drei folgenden Wochen fast fit für Olympia, so wie ich den „Mount Everest“ der Bezirksgrenzen zwischen Kreuzberg und Neukölln gemeistert habe. Die Steigung ist ja nicht das einzige Problem. Die Straße macht innerhalb der Steigung auch so eine eckelige Biegung. So weiß man unten noch nicht, was einem oben oder schon auf der Streckenhälfte erwartet. Das kann bei dunklen Tageszeiten zu überraschenden Begegnungen führen, weil nicht alle Verkehrsteilnehmer im Besitz eines Fahrradführerscheins oder eines Autoführerscheins sind. Daher war ich nicht nur körperlich, sondern auch physisch total gefordert. Im Ausgleich zum Hochquälen war die Rückfahrt nach getaner Arbeit umso schöner. Wenn dann die Ampel kurz vor dem Hermannplatz auch noch grün hatte und kein Idiot bei „Rot“ unten am Hermannplatz die Kreuzung überquerte, war das einfach herrlich.
Am letzten Schultag vor den Winterferien sollte es passieren. Ich war vor der ersten Begegnung mit dem schwarzen „Golf 4“, ein mittelklassiger Kleinwagen, mächtig aufgeregt. In der Fahrschule beruhigte man mich. Endlich –um zwölf Uhr trat ein etwas korpulenter Herr mit Halbglatze mittleren Alters herein und begrüßte mich als seinen Fahrlehrer. Das war der Beginn einer letztendlich unerfreulichen Bekanntschaft.
Bevor er mich ans Steuer ließ, fuhren wir in ein etwas verkehrssicheres Gebiet. Eigentlich fuhr mein Fahrlehrer diese erste kurze Strecke. Damit meine ich allerdings keinen Parkplatz oder so. Es ging tatsächlich sofort in echte 30er-Zone.
Schnell waren Sitz und Spiegel eingestellt, die fortan meine ganz speziellen Freunde werden sollten. Kurz testen, ob alles passte. Kupplung und Bremse treten, Zündschlüssel drehen und Handbremse lösen. Schon bei diesen Aktionen traten die ersten beiden Probleme auf. Aufgrund meiner fehlenden Zentimeter- wie ich immer zu sagen pflege- klappte das mit der Kupplung nicht optimal. Auch der Zündschlüssel wollte sich erst drehen, als ich ihm gut zusprach. Das wiederum hat nichts mit der Körpergrösse zu tun. Jedoch Probleme sind dazu da, gelöst zu werden. Irgendwie und mit Trick 17 war beides später überlistet und ich konnte die ersten Meter motorisiert zurücklegen.
Also, noch einmal: Kupplung treten, Handbremse lösen, Zündschlüssel drehen, ein wenig Gas Vorgas geben und vorsichtig die Kupplung kommen lassen. Mit viel Feingefühl rollte der Wagen los. Diesen Moment, als sich der Wagen unter mir mit 50PS bewegte, werde ich so schnell nicht vergessen. Jedoch noch ehe er so richtig ins Rollen kam, sollte ich schon wieder anhalten. Das Bremsen war nicht allzu spannend. Die ganze Prozedur wiederholte ich ein halbes Dutzend Mal. Bei allen meinen Versuchen büchste mir der Wagen nicht ein einziges Mal aus, wie man es in einigen Werbespots sieht. Mein Fahrlehrer bemerkte dies und hielt damals noch ganz große Stücke auf mich. Leider änderte sich seine Einstellung nach wenigen Monaten.
Nachdem das Anfahren wirklich bestens ging, gingen wir zu Lektion zwei über. Abbiegen. Man hätte es auch als Lenkübung deklarieren können. Ich sollte, während mein Fahrlehrer auf den Verkehr achtete, um die Ecke fahren. Das war schon ein wenig schwieriger. Obwohl wir uns im Scheckentempo bewegten, war damals an eine Blickabfolge meinerseits nicht zu denken.
80 Minuten später war der ganze Spuk vorbei. Ich hatte meine allererste Fahrstunde überstanden.
Obwohl die Stunde, wie bereits erwähnt nur 80 Minuten dauerte, nervte ich meine Mutter mindestens eine Woche lang mit meinen Erzählungen.
Immer noch vom anfänglichen Enthusiasmus begleitet, nahm ich Fahrstunde um Fahrstunde. Als mein Fahrlehrer irgendwann mal im Urlaub war, war das wie Entzug. Jede Stunde hatte ich eine neue Herausforderung zu bewältigen. Immer neue Eindrücke aus dem Leben eines Autofahrers stürzten auf mich ein und wurden anfänglich nur sehr schwer verdaut. Aber es machte riesigen Spaß, die Stadt bzw. Kreuzberg und Neukölln aus dieser ganz besonderen Perspektive kennen zu lernen. Es gibt halt einen Unterschied zwischen Beifahrer- und Fahrersitz. Dies erkannte ich schon zu dieser Zeit sehr deutlich. Die Aufregung vergaß ich ebenfalls ganz schnell. Voller Konzentration tauchte ich in die Welt der roten Ampeln, Sackgassen, verkehrsberuhigten Bereiche und „Verkehrsrowdies“ ein.
Das erste lutzige Erlebnis hatte ich bei meiner sechsten Fahrstunde: Mein Fahrlehrer und ich hielten uns gerade in der Straße auf, wo ich das Anfahren gelernt hatte. Wir beschäftigten uns mit den Eigenheiten des Abbiegens. Was ich damit meine? Na ja, kleine Kinder, die man erst kurz vor dem Zusammenprall erblickt oder Fußgänger, die sich nicht entscheiden können, ob sie Straße überqueren wollen oder nicht oder „Verkehrsrowdies“, die die gesamte Straße für sich beanspruchen oder Autos, die an der ungünstigsten Stelle der ganzen Umgebung in zweiter Spur stehen oder, oder, oder. Stundenlang könnte ich die Liste noch fortsetzen. Für den Anfang reicht das, oder? Ich komme später an passender Stelle darauf zurück. Nun, während mein Fahrlehrer mich in die Geheimnisse oder auch Tücken des Abbiegens einweihte, wobei wir in zweiter Spur standen, kam ein junger Mann auf uns zu fragte mich, ob ich gerade Prüfung hätte. Meiner Menschenkenntnis nach zu urteilen, schien es wirklich ernst gemeint zu sein und ohne jegliche Hintergedanken. Ich verneinte so freundlich wie er gefragt hatte. Daraufhin entschuldigte er sich für die Störung und wünschte mir mit einem angenehmen Lächeln viel Erfolg auf meinem Weg. Er war von meinem Können durchaus überzeugt. Trotzdem war er absolut nicht mein Typ. Hinterher wusste ich nicht, was ich davon halten sollte. Heute kann ich darüber herzhaft lachen. Wir beendeten die Fahrstunde ohne weitere eigenartige Vorkommnisse.
Nachdem ich nun nach etlichen Abbiege- Vorgängen weitere Lektionen des Autofahrens gemeistert hatte, wurde es meinem Fahrlehrer, allen Anschein nach, zu langweilig nur vorwärts zu fahren. Folglich quälte er mich dreimal je 40 Minuten in einer Sackgasse mit Rückwärtsfahren. Hätte uns jemand gesehen, hätte er wahrscheinlich die Polizei geholt oder eine Polizeistreife in der Nähe angehalten, um den betrunkenen Fahrer unseres Fahrzeugs aus den Verkehr ziehen zu lassen. Trotz größter Anstrengung ist es mir schlichtweg nicht gelungen, auch nur 20 Meter gerade rückwärts zu fahren. Außer, dass ich mir schrecklich den Hals verrenkte brachte ich nichts zustande. Mein Kopf flog regelrecht von links nach rechts, damit ich bloß nicht den Überblick verliere. Die Anweisungen und Tipps meines Fahrlehrers halfen mir entweder nur geringfügig oder gar nicht Das kam noch erschwerend für mich hinzu. Ständig waren meine Bemühungen von einem Zick- zack- Kurs gekennzeichnet. Ich halte sonst nicht viel von Pauschalisierung. Aber an das Gerücht, dass Männer besser rückwärts fahren können, schließe ich mich ohne „wenn und aber“ an. Diese Sackgasse existiert zu meinem eigenen Schutz heute nicht mehr im Stadtplan. Ansonsten hätte ich schon hier die Flinte ins Korn geworfen. Gott sei Dank ist niemand zu Schaden gekommen. Aber auch diese Fahrstunde ging irgendwann vorbei. Wir beließen es bei einem bescheidenem Erfolg. Rückwärtsfahren war einfach nicht mein Fall. Ich wollte geradeaus weiterkommen.
Die nächste Lektion war eine ganz besondere. Denn eines schönen Tages kündigte mir mein „Autofahr-Gelehrter“ an, dass wir erstmalig in fremdes Gebiet unterwegs sein werden. In dieser Fahrschule war es nämlich so üblich, die Schüler erst damit zu langweilen die Straßen, Häuser, Verkehrsschilder von Kreuzberg auswendig lernen zu lassen, bevor man sich mit ihnen in den Nachbarbezirk traute. Offensichtlich war man hier der Meinung die Straßen des Berliner Bezirkes „Kreuzberg“ seien schwierig genug, um vor Ort das Führen eines Automobils zu trainieren. Wie schon erwähnt, sollte ich nun von dieser Langeweile befreit werden. Vielleicht hatte ich genug überzeugt.
An dieser Stelle muss man sagen, dass mein Fahrlehrer den östlichen gelegenen Teil unserer wunderschönen Stadt dem Westlichen vorzog. Er kam aus Sachsen. Dazu später mehr. Nun gut, ich war für alles offen. Auf „Los“ ging es los. Es dauerte nicht lange, bis ich realisierte, warum ich dort einmal fahren sollte: Die Straßen waren nämlich zum Teil doppelt so breit, hatten unheimlich verwirrend viele Spuren und die Ampelschaltungen schienen ihren eigenen Gesetzen zu folgen. Diese Überbauungen, an denen gleich eine ganze Palette von „dreifarbigen Leuchtlampen“ montiert waren, waren für mich genauso neu wie der grüne Pfeil, der auf der rechten Seite befestigt war. Wir waren im wahrsten Sinne des Wortes im „Wilden Osten“ gelandet. Kurz zur Erläuterung: Wenn man ein Verkehrsschild mit einem grünen Pfeil vor sich hat, in dessen Richtung man abbiegen möchte, dann kann man unter Beachtung der Vorfahrt auch bei „Rot“ über die Ampel fahren. Also, ganz schön verwirrend und gefährlich, wenn man mich fragt. Ich dachte und denke mir, wer dieses Verkehrszeichen erfunden hat, muss entweder ein verkehrsteilnehmender Optimist, mitmenschlicher Idealist oder einfach nur ein Träumer in Eile gewesen sein. Aber was soll es, es ist einfach da und musste von mir als Fahrschülerin irgendwie beachtet und gemeistert werden. Ob ich nun wollte oder nicht, stand hier nicht zur Debatte.
Die breiten Straßen waren zum Üben des Fahrstreifenwechsels geradezu prädestiniert. Wenn da nur die anderen Fahrer abwesend gewesen wären. Bald hatte ich mich eingelebt und bin hinter das ein oder andere Geheimnis der sehr kreativ montierten Hinweisschilder gekommen. An der Stelle hatte sich die eine Aufmerksamkeit in meiner allerersten Theoriestunde ausgezahlt. Normalerweise stehen doch die Vorfahrtsgewährenschilder auf der rechten Seite? So war ich zumindest gewohnt. Im Gegensatz zu den 30er-Zonen-Schilder und ihren Pedanten. Bei aller Unübersichtlichkeit, die im „Wilden Osten“ zu Tage kam, klebten meine Blicke rechts bei jeder noch so kleinen Kreuzung oder Straßeneinmündung, um mir den Hauch einer Chance zu bewahren, die Vorfahrtsregelung zu klären. Das tat ich sowohl hochkonzentriert, als auch sehr gewissenhaft. Durch Blicke in Rück- und Seitenspiegel entging mir nichts. Bis mein Beifahrer bat, ich solle meinen Blick kurz nach links schwenken. Da überfiel es mich. Einfach so mitten auf dem Mittelstreifen stand es da. Es kam total unverofft: Ein Vorfahrtsgewährenschild. Dieses verdammte Ding hat mich damals ganz schön aus der Fassung gebracht. Warum nur?
Natürlich fragte ich sofort, wozu dieses Teil dort dienlich sei. Mein Fahrlehrer klärte mich darüber auf, dass sich auf dem Mittelstreifen Straßenbahngleise befänden und dieses Teil der Tram, auch passenderweise Straßenbahn genannt, den Vorrang einräumte. Würde das Ding dort nicht stehen, hätten die anderen Verkehrsteilnehmer, die aus unserer Richtung kämen Vorfahrt, weil die Straßenbahn an dieser Stelle einem dem Fahrstreifenwechsel ähnelndem Vorgang vollzog. Und bekanntermaßen besitzt der Verkehr, der die Spur bereits benutzt den Vorrang. Plötzlich entsinnte ich mich wieder daran, was ich gelernt hatte: Die Straßenbahn genießt nicht von vornherein überall die Vorfahrt. Diese Erkenntnis war mir jedoch ehrlich gesagt neu. So gesehen war die Existenz des dreieckigen Schildes an dieser Stelle gerechtfertigt. Trotzdem fiel es mir nicht leicht, mich mit diesem Faktum anzufreunden.
Als ob die Fußgänger, die mich mit ihrer Unentschlossenheit meinen Weg zu kreuzen im Ungewissen ließen; die Fahrradfahrer, die mir mit ihrem Fortbewegen auf der Straße das Leben nicht schon schwer genug machten; die dicken Brummis, die mir regelmäßíg die Sicht wegnahmen; und die Taxis, die immer hupten, weil ich nur mit 50 km\ h durch die Stadt raste, nicht genug schon Stress darstellten, musste ich nun zusätzlich auf Straßenbahnen achten. Diesen Umstand empfand ich als recht unfair. Also, eigentlich fahre ich ganz gerne mit der Straßenbahn, die mir eben nur aus dem Ostteil meiner Heimatstadt bekannt war. Ich finde diese Art der Fortbewegung gemütlich. Das rührt wahrscheinlich daher, weil ich selten die Gelegenheit habe, diese ganz spezielle Bahn zu benutzen. Es bereitete mir Freude, die Leute beim fahren anzuschauen, die sich total abgehetzt durch das Gewühl des Alltags schlängeln. Jedoch als Autofahrer sah die Welt schon etwas anders aus, weil diese recht nett aussehenden Dinger für mich einen weiteren Streßfaktor darstellten. Die Straßenbahn stellt für mich eine Mischung aus Bus und Bahn dar, wobei ich sie wie einen ganz normalen Verkehrsteilnehmer zu behandeln hatte, wie ich bei meiner ersten Begegnung als Fahrschülerin mit diesem öffentlichen Verkehrsmittel gelernt habe. Das Gefährliche bei ihr ist, dass sie bei Gefahr in keinster Weise ausweichen kann. Ihr bzw. ihrer Anwesenheit muss also höchste Aufmerksamkeit entgegengebracht werden, so wahr meine Sicht dieses Faktes. Wie ich bei der heutigen Fahrstunde feststellte, war sie ein vollwertiger Teilnehmer im Straßenverkehr. Dies war eine durchaus neue und faszinierende Erkenntnis.
Als wichtiges Fazit dieser Geschichte zog ich, dass Vorfahrtsgewährenschilder nicht nur auf der rechten Seite zu suchen sind, sondern im Prinzip überall. Dann kann man wenigstens nichts falsch machen. Eigenartiger Weise kam ich nie wieder in eine ähnliche Situation. Der Trick des Autofahrens liegt also darin, seine Augen überall dort zu haben, wo es gerade von Nöten ist. Gar nicht so einfach als Fahranfängerin. Es blieb kein einmaliger Ausflug. Ich gab mein Bestes, damit nichts und niemand zu Schaden kommt, mit Erfolg.
Einige Fahrstunden später war ich dann wieder in heimischen Gefilden, wo ich mich fühlbar wohler fühlte, was sich immer wieder auf meinen Fahrstil niederschlug. Dies entging auch meinem Fahrlehrer nicht.
Aber da war noch etwas, was mich nachdenklich stimmte: In unmittelbarer Umgebung der Fahrschule gibt es unheimlich viele 30er-Zonen mit Ampeln versehen. Ich näherte mich einmal einer roten Ampel im Schneckentempo. Bei der Geschwindigkeit, die ich „draufhatte“, war ein Umspringen der Ampelfarbe vorauszusehen. Gedacht und schon passiert. Aufgrund der km\ h- Anzahl, die mir auferlegt war, dauerte es noch ein wenig bis in den Genuß der störungsfreien Weiterfahrt kommen sollte. Just in diesem Moment rauschte ein schwarzer Porsche mit einer Geschwindigkeit von mindestens 60km\h von links nach rechts über die Kreuzung. Der hatte auf jeden Fall schon „dunkelrot“ gehabt. Ich darf gar nicht darüber nachdenken, was passiert wäre, wenn ich ein klitzekleines Bisschen mehr Gas gegeben hätte. Ein Zusammenprall wäre unvermeidbar gewesen. Darf ich vorstellen- das war „mein“ erster waschechter Verkehrsrowdy.
Das war der erste Streich und zweite folgt sogleich.
Für das Verständnis der nächsten heiklen Situation ist es erforderlich einige Worte über die unmittelbaren Umgebung der Fahrschule zu verlieren. Sie liegt nämlich in einem verkehrsberuhigten Bereich. Bekanntlich bedeutet das: In den ersten Gang zu gehen, den Fuß vom Gaspedal nehmen und mit Schritttempo Ausschau nach auf der Straße spielenden Kindern oder anderen Menschen halten, indem man den Kopf unentwegt in alle Richtungen bewegt. Da gab es nur einen Haken. Es hielt sich keiner, außer den Fahrschüler natürlich, an diese Vorschriften des „Dahintuckerns“.
Schon beim ersten Mal wurde ich mir meiner Position als „dahintropfendes Etwas“ am Ende einer jeden Fahrstunde bewusst. Trotzdem ließ ich mich von Anfang an nicht beeindrucken und behielt beharrlich mein atemberaubendes Tempo bei. Alles andere wäre auch falsch gewesen. Idioten gibt es schließlich überall.
Jedoch einmal übertrieb es einer mächtig, der es verdammt eilig hatte. Er setzte sich hinter uns, hupte unentwegt und versuchte uns zu überholen. Dabei hatte er übersehen, dass es wenige Meter vor uns zu einem städtebaulichen Engpass kam, worauf er mit einer weiteren Tempoerhöhung reagierte und uns dadurch bei einem Überholvorgang um Haaresbreite in den Kotflügel „gerauscht“ wäre. Durch eine Vollbremsung meinerseits konnte ich das Schlimmste verhindern.
Das war also ein Exemplar von Persönlichkeiten mit denen ich mich zukünftig herumschlagen musste. Wirklich prickelnd schöne Aussichten. Ich verstehe bis heute nicht, was sich für die Leute verändert, wenn sie ca. zwei bis fünf Minuten eher zu Hause sind, sofern sie überhaupt dort angekommen.
Wie oft fragte ich mich seit diesem Zeitpunkt, wie die wohl an ihre Fahrerlaubnis gekommen sind? Entweder war der Prüfer blind bzw. taub oder wir haben es hier mit an Schizophrenie erkrankten Leuten zu tun. Vielleicht haben sie sich nur einfach schrecklich zusammengerissen. Oder sie haben ihren „Lappen“ bei Neckermann gewonnen. Ich weiß es nicht.
Allerdings weiß ich aus meinem Bekanntenkreis, dass solche Leute in der Lage sind, sich sogar zweimal zusammenzureißen.
Ich musste aufpassen, dass ich den Stoff für die theoretische Prüfung nicht mit dem aus der Schule verwechsele. Oft habe ich, anstatt Hausaufgaben zu machen, für den Führerschein gelernt. Ich war total in diese „Sache“ involviert. Ich wollte den ganzen „Quark“ einfach schnell hinter mich bringen, bevor die ersten Klausuren geschrieben werden mussten. Es belastete mich irgendwie. Relativ früh hatte ich mir also einen bestimmten Termin gesetzt. Ich brauche immer ein wenig Streß, damit ich überhaupt etwas zu Wege bringe. Den gesetzten Termin hatte ich stetig vor Augen. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich mir ein bisschen zu viel Druck gemacht hatte. Aber der mehrfach angesprochene Enthusiasmus trieben mich schließlich zu einer fehlerfreien Vorprüfung, mit der ich für die theoretische Prüfung qualifizierte. Ich will gar nicht wissen, wie oft ich mich nach der praktischen Übungsstunde im Kabuff der Fahrschule mit den zum Teil idiotischen Fragen herumgeschlagen hatte. Mit „Kabuff“ meine ich einen speisekammergroßen Raum, der mit einem Computer ausgestattet war. Dieser Computer zeigte mir dann „echte“ Prüfungsfragen, mittels derer ich dann meinen Wissensstand prüfen und entscheiden konnte, ob ich schon fit für die theoretische Prüfung war. Besonders nervtötend fand ich die Fragen, in denen es um Alkohol ging. Die Fragen, die sich inhaltlich mit irgendwelchen Zahlen beschäftigten, machten mir das Leben dagegen sehr schwer. Ich will das gar nicht lange ausdehnen. Nur soviel: Ich gewöhnte mich mit der Zeit sogar daran, 30-60 sinnvolle und weniger sinnvolle Fragen nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten. Das kostete jedes Mal eine halbe Stunde. Der Mensch ist eben doch ein Gewöhnungstier. Das Gute an der Strategie des Übens war, dass ich meine Fragen, die beim Üben entstanden waren, sofort mit dem Fachpersonal der Fahrschule klären konnte. Manchmal wurden sie mir von anderen Schülern beantwortet, die mit ihrem Führerschein schon weiter waren. Diese wurden dann immer von den Fahrlehrern motiviert, mir Auskunft zu erteilen. Manchmal genoß ich sogar diesen „kollegialen“ Austausch.
Um mir einige Sachen, die ich ehrlich gesagt nie verstanden habe, zu merken baute ich Eselsbrücken noch und nöcher. Für ganz schwierige Fälle, die mir erst zu Hause bewusst wurden, musste mein Papa herhalten. Er erklärte mir dann mit Engelsgeduld den Zusammenhang verschiedenster Dinge. Ohne ihn wäre ich so manches Mal aufgeschmissen gewesen. Aber wozu sind denn Väter da?! Meine Mutter hingegen zog sich dabei immer schön aus der Affäre. Das war schließlich eine Aufgabe für meinen Vater.
Unaufhörlich rückte der mir selbst gewählte Termin näher. Es war der letzte Tag vor den Osterferien. Ich wählte gerade diesen Tag aus, weil er mir zum einen noch genügend zum Lernen bot und zum anderen mich unter Umständen davor bewahrte, mir die schönen Osterferien zu versauen. Je näher der Tag kam, desto mehr „büffelte“ ich. Je mehr stellte ich alles andere in Hintergrund. Zu stolz war ich, um auch nur einen Hauch von Blöße zu geben, wenn ich durchfalle. Alle Unsicherheiten merzte ich aus. Das war ein nicht ganz so leichtes Unterfangen. Unermüdlich arbeitete ich mich an eine gewisse Perfektion heran. Teilweise kam mir mein Eifer selbst unheimlich vor. Sonst bin ich eher ein „lernfaules“ Gemüt. Zumal das Abitur noch in weiter Ferne lag.
Aber für den „Schein der Scheine“ gab ich alles. Wenn es sein musste, auch mehr.
Am Tag vor Prüfung absolvierte ich den letzten Test ziemlich locker. Allerdings sollte ich dann noch einen Bogen ausfüllen. Davon hatte niemand vorher etwas erzählt. Die große Panik brach aus. Wie sich jedoch herausstellte, grundloser Weise. So einfach und einleuchtend waren die Fragen. Trotzdem fing ich in der Nacht an, mich auch darauf gezielt vorzubereiten. „Bloß kein Risiko eingehen!“, dachte ich bei mir.
Den Energie-Bogen hätte ich, wenn der erste Versuch nicht geklappt hätte sofort vor Ort noch einmal machen können- gegen Bezahlung.
Nun kam also der besagte Tag. Morgens fühlte ich mich fit und frisch. Um 10.40 Uhr hatte ich Ferienbeginn. Nichts schien mir im Wege zu stehen.
Gott sein Dank klärte mich eine Mitschülerin, die ebenfalls an ihrer Fahrerlaubnis bastelte, über die Öffnungszeiten der Prüfstelle, auf. Es würde verdammt knapp werden, wenn ich bis zum regulären Schulschluß gewartet hätte. Mit dem unbändigen Willen noch am gleichen Tag die Prüfung zu bestehen, fragte ich den Lehrer, ob ich nicht ausnahmsweise etwas früher gehen könne. Sonst wäre ich nämlich zu spät gekommen. Verständnisvoll, wie er war, ließ er mich nach einer fast endlosen Diskussion, es handele sich wirklich um eine einmalige Ausnahme, gehen.
Ich rannte nach Hause, holte Geld und die sonstigen Unterlagen. Völlig in Eile flitzte ich mit meinem Fahrrad zur nächsten U-Bahnhaltestelle. Diese für mich als Fahranfänger weniger störende Bahn brachte mich in die unmittelbare Nähe der Prüfstelle, die ich nun in Windeseile erreichte. Rechtzeitig. Gut, das hatte ich dann schon einmal geschafft. Ich war erleichtert, weiter an meinem Plan, an diesem Tag die theoretische Prüfung hinter mich zu bringen.
Bei der Anmeldung bemerkte ich, was ich vergessen hatte: Die Ausbildungsbescheinigung. Gott sei Dank, war das nach einem kurzem Anruf in der Fahrschule erledigt.
Nachdem alle Formalitäten geklärt und Bürokratien bedient waren, hieß es für mich, mein Wissen situationsgerecht anzuwenden.
Diese Prüfung war meine erste richtige Prüfung in meinem Leben. Mal abgesehen von den Klausuren und diversen Wissensabfragungen im Sportverein. Diese Sportprüfungen, bei denen es auch um das Bestehen ging, habe ich mit links oder, im übertragenen Sinn, gar freihändig bestanden. So leicht waren sie gewesen. Bei dieser Prüfung war das irgendwie anders: Zum einen hatte ich viel Geld dafür bezahlt, zum anderen war es eine Prestigesache. Mein halber Jahrgang, so kam es mir zumindest vor, hatte die Fahrerlaubnis schon längst in der Tasche. „Sollte ich etwa dümmer sein?“, schoß es mir plötzlich durch den Kopf. Nein, das war ich ja nicht.
Lange Rede, kurzer Sinn; ich war so aufgeregt, dass ich ganz krakelige Kreuze an die jeweiligen Stellen setzte. Dreimal kontrollierte ich meine Kreuze, ohne jedoch eine Veränderung vorzunehmen. Die riesige Glasscheibe für die unbarmherzigen Blicke des Kontrolleurs zwischen Prüfungsraum und Bearbeitungsbüro werde ich wohl mein Lebtag nicht mehr vergessen. Die Tische mit den Kugelschreibern und die Stühle hatten den Flair eines Klassenzimmers aus dem vorigen Jahrhundert. Mich überkam mit einem Mal ein unwohliges Gefühl. In diesem Raum hatte man das Gefühl schon von vornherein zum Scheitern verurteilt zu sein. Außerdem vergaß ich es meinen Namen aufzuschreiben. Der aufmerksame Prüfer machte mich bei der Abgabe darauf aufmerksam. „Peinlich, peinlich! Ob das jetzt ein schlechtes Omen gewesen ist?“, kam mir der Gedanke. Bei allem Mißgeschick gab ich das schicksalhafte Blatt dennoch erleichtert ab. Nur bei ein oder zwei Fragen waren Unsicherheiten. Der Energie-Bogen war wie erwartet einfach. Da hatte ich nichts zu befürchten.
Jetzt hieß es warten, warten, warten und warten. Ich nahm auf dem Flur neben anderen Prüflingen Platz.
Endlich rief mich der Prüfer auf. Genau genommen sah er nicht wie ein richtiger Prüfer aus. Seine freundlichen Gesichtszüge gaben mir Zuversicht. Der Energie-Bogen war bestanden. Ein Stück der Spannung fiel von mir ab. Mit einem „Affenzahn“ hatte er auch den anderen Bogen fertig kontrolliert und der ganze Spuck war vorbei. Null Fehler! Die Stunden im Kabuff der Fahrschule und das abendliche Lernen in meinem Bett hatten sich also ausgezahlt. Das machte mir große Hoffnung.
Mit zwei informierenden Broschüren, einem Stempel von der Polizei und den Worten: „Bitte kommen sie nicht wieder!“ Verabschiedete der „Mann mit dem Rotstift“ sich in einem trockenen Tonfall von mir. Ich, meinerseits, war so erleichtert, dass ich springender Weise den ganzen Gang durchquerte. Das Büro lag am Ende des Ganges. Folglich musste ich auch an den unerfreulichen Räumen, wie z.B. das TÜV-Büro, vorbei. Die Leute auf dem Gang reagierten ganz unterschiedlich auf meine raumgreifende Gestik. Die einen schienen zu wissen, was sich am Ende des Ganges befand und freuten sich mit mir. Die anderen hingegen gucken mich nur blöd an, was mir allerdings an diesem Tag gleichgültig war.
Lange Zeit zum freuen blieb mir nicht, da noch am gleichen Tag eine Fahrschulstunde auf mich wartete. Zwar hatte ich angerufen, dass es bei mir diesmal ausnahmsweise geringfügig später wird. Trotzdem wollte ich nicht die ganze Stunde in den Satz setzen. Voller Freude erzählte ich meinem Fahrgelehrten von dem Erfolg. Die Freude seinerseits fiel leider sehr bescheiden aus. Durch die geschaffte Prüfung habe ich einen Adrenalin-Schub bekommen, den ich jetzt ganz gut gebrauchen konnte.
Die Hälfte war absolviert. Nun konnte ich ganz und gar dem Autofahren hingeben. Allerdings fiel mir die Praxis erheblich schwerer als die Theorie. Aber das sollte ich erst jetzt so richtig bemerken.
Nach der ersten übersprungenen Hürde und der ersten Fahrstunde danach konnte ich fürs erste entspannt in die Osterferien gehen. Ein hartes Stück Arbeit lag hinter mir. Natürlich musste erst einmal meine beste Freundin angerufen werden, die ebenfalls am „Scheinchen“ tüftelte. Voller Stolz berichtete ich alle Details. Das Gespräch dauerte gute zwei Stunden.
Als wir es dann doch noch hinbekamen das Telefonat zu beenden, verriet sie mir, dass sie selbst gleich am Montag die Prüfung über sich ergehen lassen wollte. Ich hätte ihr irgendwie Mut gemacht. Ich hingegen hätte nicht mehr so lange warten können. Gerne wäre sie mit mir zusammen zur „Folter“ gegangen. Allerdings hatte sie die Herausforderung „Führerschein“ erst einen Monat nach mir in Angriff genommen. Sie hatte also noch härter, effizienter und schneller gearbeitet als ich. Ich wünschte ihr viel Erfolg.
Es dauerte sehr lange, fast Tage, bis ich diesen Streß endgültig verdaut hatte. Auf die folgenden Fahrstunden freute ich mich mehr als je zuvor. Zumal das Ziel greifbar nahe zu sein schien. Außerdem war die Zeit der Quälerei in dem kleinen Kabuff beendet. Die ganze Energie konnte jetzt einzig und allein in die Praxis gesteckt werden. Das tat auch bitter Not
Fortan ging es nämlich mit rasanten Übungsfahrten auf die Prüfung zu. Nichts blieb mir erspart. Wir „durchkämmten“ ganz Kreuzberg. Kreuzberg war damals mein Prüfungsgebiet. Wer schon einmal in „Kreuzberg 36“ gefahren ist, weiß das es gerade für den zurückhaltenden, ordnungsliebenden Deutschen kein „Zuckerschlecken“, erst recht nicht als Fahrschüler wie meiner einer. Da wird unerlaubter Weise an den unmöglichsten Flecken der ganzen Straße in zweiter Spur geparkt und direkt daneben ein Gläschen türkischer oder arabischer Tee eingenommen, vom Auto heraus die Verwandtschaft im fünften Stock hupenderweise gegrüßt und angebliche Verkehrssünder mit ausländisch klingenden Schimpfworten eingeschüchtert. Ganz zu schweigen von der etwas ruppigen Fahrweise „unserer“ Südländer.
Der absolute Horror. Aber bekanntlich ist der Mensch ein Gewöhnungstier, so dass ich mich den Verkehrsregeln gerecht der dort herrschenden Mentalität anpasste. Was blieb mir auch anderes übrig. Sehr zur Freude meines „Fahrprüfungstrainer“.
Jedoch eine Fahrstunde stellte für mich ein Härtetest dar, ob ich zu jeder Zeit mein Auto sowie die Umgebung im Blick habe: Wir stiegen ein und fuhren so wie immer los. Mein Begleiter befahl: “Links abbiegen!“. Ich bog ohne dabei die nötigen Blicke zu vergessen links ab. Kaum war ich damit fertig, hieß der nächste Auftrag: „Rechts abbiegen und gleich wieder links abbiegen!“. Ich tat wie mir befohlen. Ich meisterte alles gut. Dennoch kam in mir ein leichtes Schwindelgefühl in mir hoch. Das versuchte ich zu unterdrücken. Wir befanden uns in einer 30er-Zone, die „knüppeldicke“ voll war. Die Autos fuhren „kreuz und quer“. Einige schienen sämtliche Verkehrsregeln vergessen zu haben. Meine Aufgabe war es nun, mich durch dieses „Gewurschtel“ hindurch zu „beißen“. Immer wieder kurbelte ich wild bis hektisch am Lenkrad herum, damit auch ja keiner zu Schaden kommt. Manchmal verlor ich den Überblick und hielt zu meiner eigenen Sicherheit einfach blinkend rechts an, was allerdings ein Hupkonzert anderer Verkehrsteilnehmer noch sich zog. Schon hier lernte ich, egal wie die Situation aussieht, die Ruhe zu bewahren.
