Scheinwelt - Hans-Jürgen Bartel - E-Book

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Hans-Jürgen Bartel

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Beschreibung

Jan Reinhardt hat es geschafft. Sein Leben begann sehr turbulent, aber jetzt ist er Filialdirektor einer Großbank im wohlhabenden Westen Hamburgs. Sein Aufstieg in das obere Management steht kurz bevor, denn niemand ahnt etwas von seinen heimlichen Leidenschaften. Aber plötzlich holt ihn seine Vergangenheit ein, er gerät in einen Strudel, der sich immer schneller dreht. Gewissen und Moral geraten heftig ins Wanken, sein guter Ruf als rechtschaffener Banker dient ihm schon bald nur noch als rettende Fassade. Einstmals erfolgsverwöhnt und selbstbewusst, steht er plötzlich am Abgrund seiner Existenz und lernt auf einer verrückten Reise völlig andere Seiten von sich kennen. Doch ganz am Ende, kurz bevor alles wie ein Kartenhaus zusammenfällt, schließt sich der Kreis ... Bankraub ist eine Initiative von Dilettanten. Wahre Profis gründen eine Bank. (Bertolt Brecht) www.ScheinweltDasBuch.de

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Seitenzahl: 270

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Scheinwelt

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Scheinwelt

Jan Reinhardt hat es geschafft. Sein Leben begann sehr turbulent, aber jetzt ist er Filialdirektor einer Großbank im wohlhabenden Westen Hamburgs. Sein Aufstieg in das obere Management steht kurz bevor, denn niemand ahnt etwas von seinen heimlichen Leidenschaften.

Aber plötzlich holt ihn seine Vergangenheit ein, er gerät in einen Strudel, der sich immer schneller dreht. Gewissen und Moral geraten heftig ins Wanken, sein guter Ruf als rechtschaffener Banker dient ihm schon bald nur noch als rettende Fassade.

Einstmals erfolgsverwöhnt und selbstbewusst, steht er plötzlich am Abgrund seiner Existenz und lernt auf einer verrückten Reise völlig andere Seiten von sich kennen. Doch ganz am Ende, kurz bevor alles wie ein Kartenhaus zusammenfällt, schließt sich der Kreis …

Bankraub ist eine Initiative von Dilettanten. Wahre Profis gründen eine Bank. (Bertolt Brecht)

* * *

www.ScheinweltDasBuch.de

Für Papa und Joachim, unvergessen.Für Mama und Michael.Und für Birgit, natürlich.

Diese Geschichte wurde frei erfunden. Eventuell vorhandene Ähnlichkeiten mit realen Personen, Institutionen oder Begebenheiten wären rein zufällig.

Freitag, 1. August

Eine Bank ist ein Ort, an dem man Geld geliehen bekommt, wenn man nachweisen kann, dass man es nicht braucht. (Bob Hope)

Eins

Hamburg-Innenstadt, 11:00 Uhr

Endlich haben sie die Gerüste an der Zentrale abmontiert, man kann das Gebäude jetzt wieder in seiner schlichten Schönheit bewundern. Die sechs wuchtigen Säulen links und rechts des Eingangs wurden abgeschliffen und auf Hochglanz poliert. Vor den Pfeilern hängen meterlange Stoffbanner herab, flattern im Wind und spiegeln sich im Wasser. Im Zuge der Renovierung wurden auch die goldfarbenen Lettern »FINANZBANK« über dem Portal erneuert, die so groß sind, dass man sie selbst von der anderen Seite der Binnenalster aus noch lesen kann.

Früher gehörte das Gebäude einer Reederei. Die Bank hat es mehrfach umgebaut, aber mittlerweile ist das Haus zu klein für alle Abteilungen. Vieles wurde ausgelagert, nur die Einheiten mit Kundenkontakt haben ihren repräsentativen Dienstsitz in der Zentrale behalten.

Ganz oben, im sechsten Stock, angeblich mit bestem Blick auf Alster und Innenstadt, residieren unsere beiden Gebietsvorstände. In dieser Etage war ich noch nie, das soll sich heute ändern. Dr. Robert Averhoff, der bisher für uns zuständig war, ist in den Ruhestand gegangen, und der Neue will alle Filialleiter persönlich kennenlernen. Und ich will den Menschen kennenlernen, der hoffentlich bald meine Beförderung veranlasst. Es kann auch nicht schaden, sein Gesicht schon mal gesehen zu haben, denn die oberste Führungsebene der Bank macht von Zeit zu Zeit unangekündigte Filialbesuche. Falls er eines Tages vor mir steht, sollte ich ihn lieber nicht nach seiner Kontonummer fragen.

Bereits der Empfangsbereich der Leitungsetage wirkt nobel. An den hohen Wänden hängen beeindruckende Ölgemälde mit maritimen Motiven. In riesigen Vitrinen werden alte chinesische Vasen und moderne Schiffsmodelle ausgestellt. Auf dem dicken Teppichboden links und rechts des Foyers stehen flache Tische aus Kirschbaumholz sowie einige braune Clubsessel, in denen sich ein paar meiner Kollegen lümmeln.

»Und wer sind Sie, bitte?« Eine junge Dame kommt auf mich zu, zieht ein Klemmbrett hervor und knipst mit dem Kugelschreiber.

»Reinhardt, Jan Reinhardt«, sage ich freundlich.

»Filiale?«

»Ich leite die Filiale Othmarschen, Nummer zwo Strich zwölf.«

Ihr Stift kreist über einer Liste. Nach einer Weile hat sie mich gefunden, macht einen Haken und schreibt noch etwas dazu. »Bitte nehmen Sie Platz, bis Freiherr von Hegendorff Zeit für Sie hat«, sagt sie routiniert und dreht ab.

* * *

In der ersten Zehntelsekunde sehe ich schwarze Lederschuhe. Dann einen dunkelblauen Maßanzug. Schließlich goldene Manschettenknöpfe, die an den Ärmeln hervorblitzen. Ein großer Mann, drahtig, Mitte fünfzig, steht plötzlich vor mir. Man spürt förmlich das Charisma, das hochrangige Manager versprühen. Hastig springe ich auf.

»Herr Reinhardt«, sagt Cornelius Freiherr von Hegendorff und schüttelt mir kräftig die Hand, »es freut mich, Sie kennenzulernen. Hier entlang, bitte.«

Ich folge ihm in ein riesiges, sonnendurchflutetes Büro mit großen Panoramafenstern und schaue unauffällig nach links. Das ist wirklich ein toller Ausblick. Es ist auch eine ganz andere Perspektive: Alles, was da unten laut und geschäftig ist, sieht von hier oben still und geradezu majestätisch aus. Die Stadt scheint friedlich zu schlafen.

»Nehmen Sie Platz. Möchten Sie etwas trinken? Bitte bedienen Sie sich.« Er schließt die dicke, mit Leder ausgeschlagene Tür, zeigt auf einen Besucherstuhl und geht um seinen Schreibtisch herum. Ich mustere ihn unauffällig. Er ist etwa 1,90 Meter groß, genau wie ich, und hat auch blaue Augen. Vielleicht war sein Haar mal so blond wie meins, aber jetzt ist es grau. Möglicherweise sehe ich in fünf Jahren so ähnlich aus wie er heute. »Herr Reinhardt, normalerweise würde ich an dieser Stelle mit Ihnen über die Entwicklung Ihrer Filiale sprechen. Die Ergebnisse aus Othmarschen stellen mich allerdings zufrieden. Die geschäftlichen Themen können wir also überspringen. Stattdessen möchte ich Sie im Rahmen des heutigen Termins persönlich kennenlernen und mir außerdem einige Details über Sie notieren, für eventuelle Personalmaßnahmen, Sie verstehen.«

Ich nicke. Das wollte ich hören. Wahrscheinlich stehe ich schon auf einer internen Auswahlliste für die Neubesetzung von Regionalleitern. Solche Gesprächstermine sind immer eine Art Schaulaufen.

»Ich habe gehört, dass Sie eine recht wechselhafte Geschichte hinter sich haben«, sagt er.

»Ja, ich wurde in Prag geboren und bin dort rund vier Jahre zur Schule gegangen. Mein leiblicher Vater, Vladimír Šťastný, war Schriftsteller und hat gegen die Menschenrechtsverletzungen in der damaligen Tschechoslowakei gekämpft. Er war auch einer der ersten Unterzeichner der Charta 77. Kurz darauf wurde unsere Familie ausgewiesen. Meine Mutter stammte aus der DDR, deswegen haben meine Eltern in der Bundesrepublik politisches Asyl beantragt. Zwei Monate, nachdem uns eine Wohnung in West-Berlin zugewiesen wurde, starben sie bei einem Verkehrsunfall.«

Freiherr von Hegendorff wollte sich gerade eine Zigarette anzünden, legt sie nun aber wieder zur Seite und sieht mich fragend an.

»Es war wohl ein ziemlich mysteriöser Unfall. Man konnte nie vollständig aufklären, ob die Staatssicherheit der ČSSR den Tod meiner Eltern zu verantworten hat, aber man vermutet es. Nach kurzer Zeit hat Wolfgang Reinhardt, ein Cousin meiner Mutter, meinen Bruder David und mich aus dem Heim nach Hamburg geholt und adoptiert. Mein erstes Leben in der Tschechoslowakei passt in einen alten Schuhkarton.«

»Wie verlief Ihre Ausbildung?«

»Abitur 1986, anschließend Bundeswehr und Banklehre. Direkt im Anschluss wurde ich nach Dresden delegiert, um unsere dortige Filiale mit aufzubauen. Von 1992 bis 2002 habe ich studiert. Ich bin diplomierter Betriebswirt. Dann folgte eine Traineeausbildung für Führungskräfte, während dieser Zeit wurde ich auch ein Vierteljahr in Frankreich eingesetzt. Seit 2004 bin ich Filialleiter.«

»Sie haben zehn Jahre lang BWL studiert?«

»Nein, ich habe mit Mathematik und Physik begonnen. Das hat mich schon immer begeistert, erwies sich dann aber doch nicht ganz als das Richtige. Nach acht Semestern habe ich gewechselt.«

»Welche Filialen haben Sie seitdem geleitet?«

»Zuerst unsere Filialen Grindelberg und Eilbek –«

»– die wir mittlerweile geschlossen haben –«

»– das war für mich nachvollziehbar, denn am Grindelberg hatten wir kein Potenzial mehr, und in Eilbek war die Lage ungünstig. Ich habe versucht, das Beste daraus zu machen.«

»Doktor Averhoff muss ein geradezu unerschütterliches Vertrauen in Ihre Fähigkeiten gehabt haben, wenn er Ihnen dann auch noch Othmarschen anvertraut hat. Von fehlendem Potenzial oder schlechter Lage kann dort ja nun wirklich keine Rede sein. Falls wirjemals diese Filiale schließen müssen, bin ich schon jetzt auf Ihre Erklärung gespannt.«

Autsch. Der langsame Niedergang meiner ersten Filialen ist offenbar ein ziemlich wunder Punkt in meinem Lebenslauf.

»Fremdsprachen?«

»Englisch, Französisch und natürlich Tschechisch, das ist ja meine zweite Muttersprache. Ich bin auch immer an einer beruflichen Herausforderung in Tschechien interessiert, aber es hat sich bisher leider nichts ergeben.«

»Ich werde einen Vermerk in Ihrer Personalakte machen. Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?«

»Ich treibe regelmäßig Sport und gehe gern ins Kino. Wenn ich Zeit und Muße habe, nehme ich mir meine Ausrüstung, laufe in der Stadt umher und mache Bleistiftzeichnungen.«

»Und am Wochenende?«

Diese Frage war zu erwarten, denn freitags erhalten alle Filialleiter ihre Vertriebsziele für die folgende Woche. Viele nutzen den Samstag oder den Sonntag, um neue Unterlagen zu lesen oder um Marketingaktionen zu planen. »Mir ist bekannt, dass einige Kollegen auch am Wochenende ein paar Stunden arbeiten, aber ich habe mich dagegen entschieden«, sage ich. »Ich brauche diese Tage zur Entspannung, fahre häufiger übers Wochenende nach Prag. Das ist meine persönliche Work-Life-Balance. Innerhalb der Woche bin ich aber flexibel und hänge bei Bedarf jederzeit ein oder zwei Stunden dran. Unter dem Strich ist das für die Bank produktiver.«

»Aha, dagegen entschieden«, sagt der Freiherr und zündet sich die Zigarette doch noch an. Er mustert mich schweigend, nimmt paffend zwei Züge, steht auf, geht an die Fensterfront und guckt ein paar Sekunden auf die Alster. Gespenstische Atmosphäre. Ich fühle mich wie ein Lausejunge, der beim Rektor sitzt.

Ruckartig dreht er sich wieder zu mir um. »Gibt es denn sonst irgendetwas aus Ihrem Privatleben, von dem Sie mir jetzt erzählen sollten?«, fragt er mit lauter Stimme.

Ach du Scheiße, jetzt ist alles aus. Diese Frage kann doch kein Zufall sein! Aber wieso lädt er mich hier noch zum Kaffeekränzchen ein, wenn die Bank mich eh rausschmeißen will? Ich muss Ruhe bewahren, es ist ausgeschlossen, dass jemand mein kleines Geheimnis kennt. Oder hat man mich gesehen? Stefan hat mir mal gesagt: »Immer alles abstreiten, ein Verdacht ist noch kein Beweis.« Bisher hatte die Finanzbank jedenfalls keine Ahnung von meinen Aktivitäten, denn sonst hätte sie mich schon längst gefeuert. Wie auch immer, er wird es mir gleich sagen. Ich muss cool bleiben und darf mir nichts anmerken lassen.

»Also, äh, mein Privatleben ist … na ja, das ist privat. Wo-worauf wollen Sie hinaus?«, höre ich mich sagen. Oh je, »cool« ist anders. Ich habe gestottert, wahrscheinlich werde ich auch noch rot, meine Selbstsicherheit ist dahin.

»Beruf und Privatleben sind bei Repräsentanten der Bank untrennbar miteinander verzahnt«, doziert er. »Sie nehmen als Vertreter unseres Instituts am gesellschaftlichen Leben vor Ort teil, und besonders in den Elbvororten ist die Kundschaft sehr bürgerlich. Keinesfalls dürfen negative Einflüsse aus Ihrer Privatsphäre auf die berufliche Tätigkeit durchschlagen: Alkohol, Drogen, anderweitige Exzesse, Sie verstehen.«

»Oh, ach so«, sage ich erleichtert. »Nein, bei mir müssen Sie nichts dergleichen befürchten.« Immerhin war das nicht gelogen. »Natürlich trinke ich gelegentlich auch mal ein Glas Bier, aber nur in Verbindung mit einem guten Essen.«

»Das tschechische Bier und die böhmische Küche sind ja auch wirklich ausgezeichnet. Sie fahren häufiger nach Prag, sagten Sie?«

»Ja, an jedem zweiten Wochenende, meine Lebensgefährtin wohnt dort.« Ich kann unsere Fernbeziehung nicht verleugnen, deswegen benutze ich gern Ausdrücke, die bodenständig klingen. Und »meine Lebensgefährtin« klingt nun mal seriöser als »meine Freundin«. Ein solider Familienhintergrund ist wichtig, wenn man in der Finanzbank die Karriereleiter hinaufklettern will.

»Jedes zweite Wochenende?«, fragt er skeptisch. »Das klingt nicht nach der entspannten Freizeitgestaltung, von der Sie vorhin sprachen.«

»So eine Reise kann durchaus erholsam sein. Von meiner Wohnung aus kann ich zu Fuß zum Bahnhof Altona gehen. Dort startet alle zwei Stunden ein Eurocity, mit dem man ohne Umsteigen bis Prag fahren kann.« Das habe ich absichtlich so unpersönlich formuliert, denn diese Züge kenne ich nur aus dem Fahrplan. Stattdessen fahre ich immer mit meinem Dienstwagen, weil ich den auch privat einsetzen darf. Die exzessive Nutzung für eigene Zwecke ist aber nicht gern gesehen, deswegen lasse ich die Details lieber im Unklaren. Er wird jetzt denken, dass ich jedes zweite Wochenende hinfahre und Mara an den anderen Wochenenden nach Hamburg kommt. Ich lasse ihn in dem Glauben, mehr muss er nicht wissen.

»In welcher Position sehen Sie sich in drei Jahren?«

»Die Verantwortung für unseren Vertrieb und für die Mitarbeiter macht mir viel Spaß. Ich bin bereit, eine weiterführende Aufgabe zu übernehmen und in drei Jahren eine Vertriebsregion erfolgreich zu leiten.«

»Was würden Sie in der Bank verändern, wenn Sie es könnten?«, fragt er und drückt seine Zigarette aus.

»Ich finde, dass unsere Mitbewerber in der Digitalisierung und bei der technischen Ausstattung einen Vorsprung haben. Außerdem hat meine Filiale immer noch eine separate Kassenbox. Das verringert unsere Flexibilität beim Personaleinsatz.«

»Die große Herausforderung für eine Bank ist, gleichzeitig modernund bodenständig zu sein. Wir werben mit dem Schlagwort ›Stabilität‹, da können wir nicht jedem Zeitgeist hinterherlaufen. Die Konkurrenz schließt Filialen, wir bleiben vor Ort. Aber zu Ihrer Information: Wir werden bald ein wenig modernisieren, die Zentrale in Frankfurt arbeitet gerade an einigen Projekten. Näheres darüber in Kürze.« Er steht auf und geht zur Tür, die Audienz ist offensichtlich beendet. »Es hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen, Herr Reinhardt. Bitte treiben Sie zusammen mit Ihrer Mannschaft den Erfolg unserer Bank weiter voran, auf dem Erreichten darf man sich nie ausruhen. Sie sind erfolgreich und haben Visionen, das gefällt mir. Ich brauche in den Filialen nicht nur erstklassige Verkäufer. Unsere Führungskräfte vor Ort müssen klar Stellung beziehen können, ihre Prinzipien haben und diese auch konsequent vertreten.«

Er ahnt natürlich nicht, was für einen riesigen Schrecken er mir zwischendurch eingejagt hat. Seine Frage nach meinem Privatleben war möglicherweise ein inszenierter Test für angehende Regionalleiter: Wer an dieser Stelle etwas Unpassendes erzählt, wird gleich aussortiert. Ich hoffe, dass er bei mir nichts gemerkt hat. Und wahrscheinlich war das jetzt erst der Anfang, ich werde künftig noch stärker auf der Hut sein müssen.

Zwei

Hamburg-Othmarschen, 12:45 Uhr

Bahnfahrern ist Hamburg-Altona wahrscheinlich ein Begriff, weil hier viele Fernzüge enden. Altona steht allerdings für weit mehr als nur für einen unansehnlichen Kopfbahnhof aus den Siebzigern: Es war bis vor rund 200 Jahren die zweitgrößte Stadt Dänemarks, heute ist es der westlichste Bezirk Hamburgs und gleichzeitig ein bunter Querschnitt durch die Gesellschaft.

Zum Bezirk Altona gehören Stadtteile, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Das schicke Blankenese mit Elbchaussee und herrschaftlichen Villen, wo das alte Hamburger Geld zu Hause ist, gehört ebenso dazu wie die Sternschanze, ein buntes Ausgehviertel, in dem die alternative und kreative Szene wohnt und gelegentlich die Steine fliegen. (Dieses sogenannte Schanzenviertel war auch die Keimzelle des Protests gegen den G20-Gipfel in Hamburg, in dessen Verlauf von einigen erlebnisorientierten Krawallmachern aus dem In- und Ausland ganze Straßenzüge unseres Bezirks in Trümmer gelegt wurden, bevor sie wieder nach Hause fuhren.)

Auf halber Strecke zwischen diesen beiden Extremen liegt der Stadtteil Othmarschen. Aus der Luft betrachtet, gibt es fast nur Grün, darin verlaufen stille Straßen, gesäumt von knorrigen Bäumen und kleinen, würfelförmigen Häusern aus rotem Backstein mit weißen Sprossenfenstern. Man ist hier nicht so distanziert wie in Blankenese, es geht eher locker und herzlich zu, mir gefällt die Mentalität der Leute. Aber auch hier gibt es wohlhabendes Bürgertum: gut situierte Paare mittleren Alters mit einer Schar von Kindern, einem SUV als Familienkutsche und einem Mini als Zweitwagen.

Unsere Filiale liegt an der Waitzstraße, einer beschaulichen Einkaufsstraße in der Nähe der S-Bahn. Kurz vor Ende der Öffnungszeit treffe ich ein.

»Herr Reinhardt, schön, dass Sie noch rechtzeitig zurück sind!«, ruft mir Udo Westerfeld aus dem Besprechungszimmer zu, »ich möchte Ihnen das Ehepaar Breckwoldt vorstellen.«

Das machen wir bei Neukunden immer so, denn es vermittelt ihnen ein Gefühl von Exklusivität, wenn sie dem Filialleiter vorgestellt werden. Sie bewahren sich meine Visitenkarte in der Geldbörse auf und können all ihren Freunden und Bekannten erzählen, dass sie hier »vom Bankdirektor persönlich« betreut werden. Diese Kunden nehmen es auch klaglos hin, wenn unsere Konditionen mal etwas schlechter sind als bei der Konkurrenz. Dafür bekommen sie bei uns das, was sie eigentlich suchen: Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Ein Konto bei der Sparkasse kann ja schließlich jeder haben.

Das Gespräch war bereits zu Ende, wir begleiten die Breckwoldts noch zur Tür. »Ich bedanke mich für Ihr Vertrauen und wünsche Ihnen ein sonniges Wochenende«, flöte ich den Kunden zu und schließe hinter ihnen ab, denn es ist genau 13 Uhr. Übergangslos zische ich Westerfeld zu: »Na, wieder mal keinen Parkplatz gefunden?«

»Wie bitte?« Es klingt, als wüsste er nicht, was ich meine.

»Das ist dochIhr Auto da auf unserem Kundenparkplatz, oder etwa nicht?«, frage ich und zeige mit dem Kinn auf ein dunkelblaues Cabrio. Ich lächele und winke dabei, denn die Breckwoldts drehen sich nochmal um.

»Äh ja, das ist meiner. Tut mir leid, es war vorhin wirklich nichts anderes frei.«

»Nicht jeder, der bei uns ein Sparbuch mit fünf Euro hat, darf den ganzen Tag unseren Kundenparkplatz blockieren! Und das gilt natürlich erst recht für Mitarbeiter! Irgendwann lasse ich alle Schwarzparker kostenpflichtig abschleppen. Unser Vermieter kann Ihnen gern für 130 Euro im Monat einen Stellplatz besorgen. Freundschaftspreis.«

Udo Westerfeld könnte sich das leisten, denn er ist einer der erfolgreichsten A-Betreuer der Stadt. Wie andere Banken auch, haben wir unsere Kunden nach ihrem Ertrag eingeteilt: A, B und C. Die A-Kunden werden durch Westerfeld und mich umfassend und hoch qualifiziert beraten. Am anderen Ende der Skala liegen unsere C-Kunden, an denen wir fast nichts verdienen. Die haben keinen zugeordneten Betreuer und werden nur am Schalter versorgt. Das ist, neben weiteren organisatorischen Dingen, die Aufgabe der Filialassistenten. Davon habe ich momentan nur eine, die andere ist seit Monaten krank.

»Na, Frau Bauer, hier alles klar? War irgendwas Besonderes während meiner Abwesenheit?«

»Ihr Vater wollte Sie erreichen, aber Ihr Handy war wohl aus. Er war sehr aufgeregt und will unbedingt vorbeikommen.«

Das klingt nicht gut. Sein Geschäft ist von halb eins bis halb drei geschlossen. Diese Zeit braucht er für sich. Wenn er stattdessen quer durch Hamburg zu mir fahren will, muss etwas passiert sein. »Bitte bringen Sie ihn dann gleich hoch, wenn er kommt.«

»Und Herr Adam war da. Der ist ganz schön laut geworden. Er sagte, dass unser Online-Banking gestört war, deswegen ging seine Überweisung an das Finanzamt viel zu spät raus. Jetzt sollen wir ihm die Säumniszuschläge erstatten, sonst geht er zum Anwalt.«

»Oh Gott, unser Herr Adam«, stöhne ich, »der versucht wieder einmal, seine eigene Unfähigkeit zum Problem der Bank zu machen, aber nicht mit mir! Falls mal etwas nicht funktionierensollte, muss er sich sofort melden. Der hatte bestimmt wieder keine Deckung auf dem Konto. Soll er doch zum Anwalt gehen, das ist mir schnuppe. Sonst noch was?«

»Ja, für Sie kam so eine riesige Kiste –«

»Moment«, unterbreche ich barsch. »Ist das da etwa blauer Nagellack an Ihren Fingern?«

»Ich dachte, der passt gut zu –«

»Das ist mir piepegal! Frau Bauer, ich habe Ihnen schon mehrfach gesagt, dass die Hände unserer Mitarbeiter gepflegt undnatürlich aussehen müssen. Das ist der Stil unseres Hauses, halten Sie sich gefälligst daran.« Meine junge Filialassistentin verbirgt jetzt die Hände hinter ihrem Rücken. Die blaue Bluse ist ja in Ordnung. Passt zu den langen, blonden Haaren. Ihre Stoffhose reicht nur bis zu den Unterschenkeln, aber die Knie sind bedeckt, das ist die Hauptsache. Farbiger Nagellack ist in unserer Gegend allerdings ein absolutes Unding. »Und woher kam diese Kiste?«, frage ich knapp.

»Werbeabteilung. Ich hab sie in Ihr Separee geschleppt. Wahrscheinlich müssen wir wieder so ’ne Aktion machen.«

»Jetzt zeigen Sie bitte mal etwas mehr Ehrgeiz! Wenn wir durch Marketingmaßnahmen neue Kunden für die Bank gewinnen können, dann ist das doch gut für uns alle.«

Sabine Bauer tritt nervös von einem Bein auf das andere und vermeidet es, mich anzusehen.

»Stimmt was nicht?«

»Ja, die Kasse. Ausgerechnet heute.«

»Ach wirklich, Sie haben eine Differenz?«, frage ich mit gespielter Überraschung. »Das ist ja mal ganz was Neues!«

Sie dreht sich wortlos um und lässt ein Bündel Fünfziger durch die Zählmaschine rattern. Zugegeben, mein Spruch war nicht nett, aber sie hatte in letzter Zeit häufiger Minusdifferenzen in Höhe von mehreren hundert Euro. Einerseits nervt mich das, weil es den Ertrag meiner Filiale schmälert. Andererseits ist mir klar, dass sie momentan zwei Plätze schmeißt und deshalb natürlich im Stress ist. Ich bin froh, dass sie den Laden am Laufen hält.

* * *

Mein Vater, also eigentlich mein Adoptivvater, hat sich normalerweise immer unter Kontrolle. Ich habe ihn noch nie weinen sehen, doch jetzt scheint er gerade kurz davor zu sein. Er hat sich extra einen blauen Anzug angezogen, der ihm aber viel zu eng ist. Seine silbergrauen Haare sind akkurat gescheitelt, wie immer. Als Schlachtermeister wirkt er sonst groß und kräftig, doch heute sieht er aus wie ein Häufchen Elend.

»Wolfgang, komm rein, was ist denn passiert?« Ich dirigiere ihn zur Besprechungsecke, ziehe einen Stuhl zurück und schiebe mit dem Arm einen Stapel Unterschriftenmappen beiseite, der dort liegt.

»In der Finanzbank arbeiten nur Verbrecher«, murmelt er, setzt sich hin und starrt in die Luft.

Statt zu antworten, gehe ich zum Wandschrank und stelle eine Flasche Whisky und zwei Gläser auf den Tisch. Zum Anstoßen mit Kunden und Mitarbeitern habe ich immer etwas in petto.

Er gießt sich ein und trinkt einen großen Schluck. »Na, du natürlich nicht, aber die miesen Halunken in eurer Filiale Volksdorf. Die wollen Charlotte und mich ja schon seit Jahren fertigmachen. Jetzt haben sie es tatsächlich geschafft. Herzlichen Glückwunsch.« Er schenkt sich nach, obwohl er sich eigentlich nichts aus Alkohol macht.

Um ihn nicht allein trinken zu lassen, genehmige ich mir auch einen. »Jetzt erzähl, was ist los?«

»Die Sache mit den Wertpapieren habe ich dir ja schon mal gebeichtet.«

Ich nicke. Wolfgang und Charlotte haben vor vielen Jahren einen Kredit für die Renovierung des Ladens aufgenommen. Im Laufe der Zeit kam mehr Geld rein, als sie brauchten. Das haben sie angelegt, weil die vorzeitige Rückzahlung des Kredits nicht zugelassen war. Bei der Auswahl der Papiere hat Wolfgang stets auf die Vorschläge der Bank gehört, aber trotzdem viel Geld verloren. Er hat sich zu immer riskanteren Anlagen überreden lassen, um die Verluste wieder hereinzuholen, doch es ging weiter bergab. Er hat mich nie um Rat gefragt, erst vor einem Monat hat er mir alles erzählt. Damals, als die Sache anfing, wollte er mir beweisen, dass auch Laien an der Börse erfolgreich sein können. Als es dann die großen Verluste gab, hat er sich zu sehr geschämt, um mit mir darüber sprechen zu können.

Er kramt in seinem Sakko und zieht einen unsauber aufgerissenen Briefumschlag heraus. »Das kam heute mit der Post.«

Ein Blick reicht, um meine Befürchtung zu bestätigen. Es ist die Kündigung des Kredits sowie die Aufforderung, die fällige Restschuld in Höhe von 486.449,12 Euro bis zum 21. August zurückzuzahlen, sonst werden die gestellten Sicherheiten verwertet.

»Ach du Scheiße. Wie konntedas denn passieren?«

»Frag nicht mich, frag deine Bank«, sagt er müde.

»Das werde ich machen, aber wir kündigen einen Kredit nicht mal einfach so.«

»Dann liegt es vielleicht daran, dass ich schon länger die Raten nicht mehr bezahlt habe.«

»Aber warum denn nicht?«

»Warum? Warum?« Er fuchtelt verzweifelt mit den Händen. »Jan, du weißt doch, dass es in der Fußgängerzone einen neuen Supermarkt gibt. Der macht mir mit seinen ›Angeboten aus unserer Frischfleischtheke‹ schwer zu schaffen«, sagt er und malt während des Zitats mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft. »Dem seine Preisekönnen nicht kostendeckend sein. Unsere Umsätze sind seitdem eingebrochen. Das Geld, das noch in die Kasse kommt, brauchen wir, um die Lieferanten zu bezahlen, sonst kriegen wir keine neue Ware mehr.«

»Verstehe. Aber eine Kreditkündigung wird immer angedroht. Du müsstest mehrere Mahnungen bekommen haben. Hast du denn darauf gar nicht reagiert?«

»Doch, natürlich. Die Mahnungen kamen von so einer Abteilung ›Leistungsstörung‹. Ich hab denen zurückgeschrieben, dass sie die Schweinebande in der Filiale fragen sollen, wo unser Geld geblieben ist. Das können sie dann gern nehmen, um endlich diesen Kredit zu erledigen«, antwortet er patzig.

Ich verdrehe die Augen. »Das ist doch was ganz anderes. Die Kreditabteilung in der Zentrale weiß von der Sache mit den Wertpapieren wahrscheinlich nichts.«

Er guckt mich mit glasigem Blick an. »Jan, ich habe dich zu meinen privaten Finanzen nie um Rat gefragt. Das war ein Fehler. Du bist unsere letzte Hoffnung. Kannst du da noch was machen?«

Für einen kurzen Moment schweifen meine Gedanken zurück in die Vergangenheit. Ich bin zehn Jahre alt und gerade von den Reinhardts adoptiert worden. Zusammen mit einem Spielkameraden komme ich in die Schlachterei. Wolfgang steht hinter der Ladentheke und trägt eine gestärkte Schürze, die mit seinem Namen und dem Symbol der Fleischerinnung bestickt ist. Er nimmt ein Pergamentpapier, greift in die Auslage, holt zwei Wiener heraus und reicht sie uns über die Theke. Er war immer äußerst großherzig, besonders gegenüber Kindern. Jetzt sind meine Retter von damals selbst auf Hilfe angewiesen. Das kommt zwar sehr plötzlich, aber Wolfgang und Charlotte haben meinen Bruder und mich damals auch ohne Zögern und ohne Vorbereitung aus dem Heim geholt. Darum ist klar: Die Schulden der Reinhardts sind eigentlich unsere Schulden. Auf David werde ich allerdings nicht zählen können, dieses Problem wird allein an mir hängen bleiben.

Ich sehe ihn aufmunternd an. »Du kannst ganz beruhigt sein, immerhin arbeite ich für diese Bank. Ich lasse nicht zu, dass das Haus versteigert wird.«

Ihm stehen die Tränen in den Augen. »In unserem Laden hat mein Urgroßvater vor 109 Jahren die Schlachterei Reinhardt gegründet. Das Geschäft hat zwei Kriege überstanden, aber ich hab alles an die Wand gefahren.«

»So weit ist es ja noch nicht, wir werden das schon wieder hinbekommen«, sage ich beruhigend. Jetzt ist Diplomatie gefragt: Ich muss zwar mitfühlend sein, aber Selbstmitleid können wir momentan nicht gebrauchen. »Gib mir bitte etwas Zeit, ich muss mir erstmal alles ansehen und die verantwortlichen Leute anrufen. Am Sonntag komme ich zum Essen zu euch und berichte. Einverstanden?«

Er nickt.

»Gut. Aber selbst wenn die Kündigung zurückgenommen wird, habt ihr dadurch das Problem mit der Konkurrenz noch nicht gelöst. Ihr müsst euch kurzfristig überlegen, was ihr verändern wollt. Das wird die Bank ganz genau hinterfragen.«

»Ja, das machen Charlotte und ich dann gleich morgen. Danke, Jan. Jetzt muss ich aber zurück in den Laden.«

* * *

Die Kreditbetreuerin heißt Verena Schulze-Meininger. Nie gehört, den Namen. Vielleicht lässt sie mit sich reden, ich rufe sie einfach mal an. Aber in der Kreditabteilung gilt der Spruch: »Freitags ab eins macht jeder seins.« Außerdem sind in Hamburg seit gestern Sommerferi-

»Schulze-Meininger!« Sie stößt ihren langen Nachnamen in nur zwei Sprechsilben aus, mit hörbarem Ausrufezeichen. Wie ein Befehl, jetzt nichts Langwieriges, nichts Kompliziertes und schon gar nichts Unnötiges von ihr zu verlangen.

»Guten Tag, mein Name ist Reinhardt, ich rufe an wegen Ihres Schreibens von gestern.«

»Herr Reinhardt, das ist ja schön, dass Sie sich auch mal melden. Warum mussten wir erst –«

»Entschuldigung, wenn ich Sie unterbreche, aber ich bin der Sohn, Jan Reinhardt. Wir sind übrigens Kollegen, ich leite in der Finanzbank die Fili-«

»Ich kenne Sie nicht. Haben Sie denn eine Vollmacht?«

»Reiche ich nach. Könnten wir bitte kurzfristig zu dritt einen Besprechungstermin vereinbaren?«

»Ich wüsste nicht, was es da noch zu besprechen gibt.«

»Mein Vater will versuchen, das Geschäft mit neuen Ideen zu beleben. Und das ist doch auch im Interesse der Bank.«

»Na gut. Montag um 15:00 Uhr.«

»Das passt prima, vielen Dank.«

»Auf Wiederhören.«

»Ich wünsche Ih-« sage ich noch, aber da hat sie schon aufgelegt. Egal.

Es ist eine Menge Arbeit liegen geblieben. Eine Mail von meinem B-Betreuer Frank Mehrhof sticht mir ins Auge. Er will einem Nichtkunden einen Sonderzinssatz für eine Baufinanzierung geben, um ihn zu uns zu locken, immerhin 500.000 Euro. Okay, soll er machen, aber nur unter der Bedingung, dass der Kunde sein Gehaltskonto zu uns verlegt. Den Ertrag machen wir dann eben nicht mit dem Kredit, sondern mit dem Folgegeschäft. Manchmal muss man ein paar Zugeständnisse machen, um neue Kunden zu gewinnen, denn bei den aktuellen Konditionen der Konkurrenz können wir nicht mithalten.

* * *

Ich bin gerade mit den Mails fertig, da steht Frau Bauer in meinem Zimmer.

»Und?«

»300 Euro.«

»Plus?«, frage ich hoffnungsvoll.

»Minus.«

»Wie erklären Sie sich denn das?« Auch wenn ich insgeheim ein wenig Verständnis habe, muss ich ihr meinen Unmut zeigen.

»Es tut mir wirklich leid, aber ich mache nun schon seit Ewigkeiten zwei Jobs auf einmal. Da kann doch auch mal ein Fehler passieren.«

»Natürlich kann auchmal ein Fehler passieren, aber nicht jeden Monat, und nicht immer im Minus. Haben Sie wirklich alles geprüft?«

»Habe ich. Nichts zu finden. Wollen Sie den Bestand nochmal kontrollieren?«

Bei einer Differenz ab 100 Euro muss laut Richtlinie ein Kontrolleur alles nachzählen. Bisher habe ich das immer mit meiner Unterschrift bestätigt, aber nie durchgeführt. Wenn sogar eine Fachkraft den Fehler nicht findet, dann finde ich ihn erst recht nicht, diesen Aufwand kann man sich normalerweise sparen. Allerdings sollte ich bei ihr so langsam mal ein Zeichen setzen. Die macht ja sonst, was sie will.

Mein Handy piept, das Signal für eine eingegangene SMS.

»Ja, ich komme gleich runter und nehme die Kasse auf. Bitte schließen Sie noch kurz die Tür.«

Schatz, ich mache jetzt Feierabend. Endlich Wochenende! Morgen Abend bin ich bei der Gartenparty von Eliška und Tomáš. Viel Spaß an der See. Ich zähle die Tage, es sind noch acht. M.

Für eine Mittagspause bleibt mir heute keine Zeit, ich verschlinge schnell einen Müsliriegel. Ich muss jetzt erst einmal alle Gedanken sortieren, die mir seit einer Stunde im Kopf rumschwirren. Nachher, auf meinem kleinen Ausflug, muss ich trotz Routine hoch konzentriert sein, da darf ich mich nicht von privaten Problemen ablenken lassen. Das muss ich alles vorher durchdenken. Ich nehme mir einen Block und schreibe:

Plan A:1.) Kreditkündigung abwenden2.) das Angebot der Schlachterei verbessern

Das wird natürlich nicht leicht, aber Wolfgang und Charlotte sind engagiert und kreativ. Außerdem kenne ich einige wichtige Leute in der Kreditabteilung, allerdings darf ich meinen Einfluss in der Finanzbank auch nicht überschätzen.

Falls die Rettung scheitert, muss ich mit Geld bereitstehen. Laut Computersystem ist das Wertpapierdepot der beiden nur noch rund 36.000 Euro wert und enthält ziemlich viel Ramsch. Wenn man das abzieht, geht es also um etwa 450.000 Euro. Ich nehme das nächste Blatt Papier:

Plan B:bis zum 21. August 450.000 Euro auftreiben

Aber woher? Mein einziger Aktivposten ist das Ferienhaus in der Nähe von Prag. Ich war mit meinen leiblichen Eltern oft dort, und ich erinnere mich sehr gern an diese Zeit. Es würde mir wehtun, die Chalupa in Klínec verkaufen zu müssen, auch wenn ich das Bojovské údolí (Bojov-Tal) seit 1977 nicht mehr betreten habe. Der zu erwartende Erlös würde meinen Geldbedarf allerdings nicht ansatzweise decken, und es gibt ja noch nicht einmal einen Kaufinteressenten. Auch mithilfe eines Maklers wäre der Verkauf in drei Wochen unmöglich zu bewältigen, selbst wenn ich das Objekt verschleudern wollte.

Theoretisch könnte ich mir das Geld irgendwo leihen, aber einen unbesicherten Kredit in dieser Höhe wird mir niemand geben. Plan B hat sich damit erledigt. Neues Blatt:

Plan C:

* * *

Zerknüllt fliegt das Papier in die Ecke. Nein, es gibt keinen Plan C. Wenn der Kredit fällig wird, verlieren Wolfgang und Charlotte ihre Wohnung und ihren Laden. Sie verlieren alles, was sie sich im Leben aufgebaut haben, nur weil ich Blödmann jedes zweite Wochenende … stopp, jetzt bitte keine Emotionen. Ich muss es einfach schaffen. Das Objektdarf nicht versteigert werden.

Die Bank wird aber nicht schon in der nächsten Woche entscheiden, ob es bei der Kreditkündigung bleibt. Die Gespräche werden sich hinziehen, vielleicht sogar bis kurz vor Ende der Frist. Falls der Kredit dann nicht verlängert wird, muss ich Zugriff auf 450.000 Euro haben. Und das geht nicht über Nacht, darauf muss ich mich parallel vorbereiten. Ich nehme mir nochmal das Blatt mit Plan B. B wie Beschaffung.

Wenn ich mir das Geld nicht auf konventionellem Wege besorgen kann, muss ich mir eben etwas Ungewöhnlicheres ausdenken. Ich mache mir einige Notizen, denn da gibt es noch zwei Möglichkeiten.

Die erste werde ich heute Abend mal testen.

Drei

Hamburg-Othmarschen, 15:30 Uhr

An der Abrechnung ist nichts zu rütteln, 300 Euro fehlen.

Ich ziehe alle Schubladen des Schreibtischs in der gläsernen Kassenbox auf und überlege, wo das Geld sein könnte. Ich durchforste sogar den Papierkorb, während Sabine Bauer unruhig um mich herumschwirrt. Irgendwas stimmt hier nicht.

Die Suche im Kassenbestand kann ich jetzt einstellen, das Problem muss woanders liegen. »Nehmen Sie Ihre Sachen und kommen Sie mit. Wir gehen in mein Büro, Sie gehen voraus.«

Sie sieht mich fassungslos an und will etwas sagen, lässt es aber doch sein und greift nach ihrer Tasche.

* * *

Ich schließe die Tür hinter uns und sehe ihr direkt ins Gesicht. »Wo ist das Geld?«, frage ich und betone dabei jedes Wort.

Sie hält meinem Blick nicht stand und schlägt die Augen nieder. »Keine Ahnung. Vielleicht habe ich bei den Hartgeldrollen für die Einzelhändler ’nen Fehler gemacht. Heute Vormittag war wieder wahnsinnig viel los, da muss ich mich wohl vertan haben. Außerdem mache ich nun schon seit Monaten die ganze Arbeit von Anja Selbmann mit, das ist echt –«

»Ich kann es momentan nicht ändern. Frau Selbmann ist krank, einen Ersatz bekommen wir nicht, das wissen Sie. Noch einmal: Sie haben also wirklich keine Ahnung, warum sich der Kassenbestand regelmäßig in Luft auflöst?«

Sie senkt den Kopf und schüttelt ihn leicht.

Mein nächster Schritt ist hart an der Grenze dessen, was man sich als Führungskraft erlauben kann. Ich habe aber einen Verdacht, dem muss ich jetzt nachgehen. »Auspacken!«, sage ich und zeige auf ihre Handtasche.

»Aber Herr Reinhardt, das geht jetzt wirklich zu weit. Sie verletzen meine Privatsphäre!«, ereifert sie sich. Das ist fast wie heute Vormittag, nur in anderen Rollen. Fressen und gefressen werden.

»Wenn Sie nichts zu verbergen haben, sollte das doch kein Problem sein«, sage ich gelassen.

Sie fängt an, den Inhalt ihrer Tasche auf dem Tisch auszubreiten. Sogar Pfefferspray hat sie dabei. Sie öffnet ihre Geldbörse und legt zwei Zehner und etwas Kleingeld auf den Tisch. »Und? Glauben Sie mir jetzt?«, fragt sie und guckt mich triumphierend an.

»Nein«, erwidere ich unfreundlich. »Darf ich?« Ohne eine Antwort abzuwarten, greife ich nach Portemonnaie und Handtasche, beide sind wirklich leer. »Sie können das alles wieder einpacken. Jetzt noch der Inhalt Ihrer Hosentaschen.«

Sie zögert einen Moment, steht auf, holt Kassenschlüssel und Betriebsausweis heraus und stülpt sogar den Stoff um.

Ich schaue mir ihre Hose genauer an. »Links vorn ist eine kleine Seitentasche, bitte leeren Sie die auch noch aus.«

Dass ich einen Volltreffer gelandet habe, merkt man schon an ihrer Reaktion. Sie greift hinein und wirft mit einer gelangweilten Geste einige zusammengefaltete Scheine auf den Tisch. Ich nehme das Geld, glätte es sorgfältig und baue damit seelenruhig einen kleinen Stapel. Es sind genau 300 Euro.

»Das ist jetzt aber nicht so, wie Sie denken. Das Geld gehört auch mir«, sagt sie leise und setzt sich wieder hin.

»Und wieso bewahren Sie es getrennt auf?«

»Das, äh, ist für meinen Vater, ich will es ihm nachher geben. Mein Auto läuft noch auf seinen Namen«, sagt sie verkrampft und rutscht unruhig auf ihrem Stuhl hin und her.

Ich lehne mich zurück und glaube ihr kein Wort. »Wo haben Sie diese Scheine denn her?«

»Die habe ich vorhin am Automaten geholt«, stottert sie. Sofort zuckt sie leicht und scheint diese Aussage schon wieder zu bereuen.

»Na, das ist doch prima, dann können wir dieses kleine Missverständnis ja ganz schnell aufklären«, sage ich und achte darauf, nicht zu grinsen. »Zeigen Sie mir einfach Ihren aktuellen Kontoauszug.«

* * *

Wir haben die Filiale durchquert und stehen in der Selbstbedienungszone. Sie zieht sich einen Auszug und reicht ihn mir. Es ist keine Auszahlung von heute zu sehen.

»Wahrscheinlich gibt es mal wieder eine Verzögerung in der Verbuchung«, flüstert sie, als ob sie selbst nicht daran glaubt.

Schweigend fische ich meine Karte heraus, hebe 300 Euro am Automaten ab und stecke sie ein. Ich warte eine Minute, während der ich die Prospektständer mit unserem Werbematerial kontrolliere. Dann ziehe ich mir einen Auszug, die Abhebung ist schon drauf. Ich falte den Kontostand nach hinten und zeige ihr den Rest. »Und? Welches Märchen erzählen Sie mir jetzt? Vielleicht etwas über selektive Verzögerungen? Oder geben Sie endlich zu, dass Sie uns ständig beklauen?«

Sie weint nun hemmungslos. Ich hebe ihre Tasche auf, die sie fallen gelassen hat, und führe sie in mein Büro zurück.

* * *

Sabine Bauer schluchzt leise vor sich hin und nippt an dem Whisky, den ich ihr hingestellt habe. Umsatzstarker Tag heute, die Flasche ist schon fast leer.

»Bei Diebstahl kennt die Finanzbank keine Kompromisse. Ihr Arbeitsvertrag wird fristlos gekündigt. Ich werde jetzt die Polizei holen, denn ich muss auch noch im Namen der Bank Strafanzeige gegen Sie erstatten.«

»Oh nein, bitte nicht! Mit so etwas im Führungszeugnis bekomme ich doch nie wieder einen richtigen Job.«

»Das hätten Sie sich früher überlegen sollen, warum machen Sie denn so einen Mist?«