Scheitze Merrrdre - Cater Jarim - E-Book

Scheitze Merrrdre E-Book

Cater Jarim

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Beschreibung

Südfrankreich im Sommer 2000: Cater Jarim kämpft gegen Mücken, Hunde, Ameisen, Zikaden und die ganze wetterwendische Natur. Aber es ist nicht die Schöpfung, die ihn auf die Stechpalme treibt, sondern die Krone der Schöpfung, der Mensch. Jarim liest ihm urlaubsverstimmt die Leviten. Mehr noch, er entwickelt ein Menschheitskomplott, das sich gewaschen hat. "Scheitze - Merrrdre" ist eine Art Roadmovie, ein aufwühlender Seelenbericht vom Unterwegssein - halb dokumentarisch, halb fiktiv -, der zur Jahrtausendwende im gerade wirtschafts- und währungsgeeinigten Europa das offenbart, womit wir es heute zu tun haben: dem wesenhaften Nichts. Der Titel ist nicht etwa, wie man vermuten könnte, dem Kalkül einer zeitgeistigen Vulgarität oder Benimmstörung geschuldet. Er ist auch nicht zu lesen als Paraphrase von Theodor W. Adornos Diktum, wonach das Ganze das Unwahre, also, ganz unadornitisch gesprochen, "alles Scheiße" sei. Ganz im Gegenteil: Er macht, wie aus den einschlägigen Textpassagen hervorgeht, schlicht und einfach eine Anleihe bei Alfred Jarrys "König Ubu". "Scheitze - Merrrdre" enthält, darin der Mischgattung von Erzählung und Bericht verpflichtet, zahlreiche Reiseempfehlungen, landeskundliche Hinweise, Lektüretipps und Kochrezepte - allesamt nützliche Additive, die ausgerechnet dort Normalität suggerieren, wo bereits alles aus den Fugen geraten ist. Die Chronique scandaleuse des Protagonisten-Autors wurde im Juni und Juli des Jahres 2000 zu Papier gebracht. Abgesehen davon, dass einige der genannten Personen inzwischen das Zeitliche gesegnet haben, ist festzuhalten: Das Preisgefüge hat sich seitdem verändert, aber sonst nicht viel: Die imaginierte Katastrophe hat sich bloß zu jener Dauerkatastrophe entfaltet, in der wir heute - über 20 Jahre später - unser Dasein fristen.

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Seitenzahl: 500

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für Ute, Helen und Mara

Inhalt

Vorwort

Prolog

Scheitze

Merrrdre

Scheitze

Nachklapp 1 und 2

Personenregister

Ortsregister

Register der verbotenen Rezepte

Vorwort

„Habent sua fata libelli“ – Bücher haben ihr eigenes Schicksal. Das meint nicht nur, dass selektive Lektüre die Intentionen ihrer jeweiligen Autoren relativiert oder gar verfälscht, es betrifft vielmehr auch die Art und Weise, wie Bücher überhaupt den Weg zur Leserschaft finden.

Das vorliegende Buch wurde im Jahr 2000 geschrieben und sollte alsbald nach Fertigstellung des Manuskripts in einem namhaften Publikumsverlag erscheinen. Wirtschaftliche Schwierigkeiten jedoch zwangen das Verlagshaus zu einer empfindlichen Straffung des Programms, der auch das von einem unnamhaften Autor verfasste „Scheitze Merrrdre“ zum Opfer fiel. So blieb es bei einer Textdatei, die zunächst in den Tiefen der elektronischen Archiven ruhte, bevor sie viele Jahre später – auf Nachfrage „interessierter Kreise“, die irgendwann durch eine Indiskretion von dem gescheiterten Projekt erfahren hatten – als von mir gebilligten Samizdat die Runde machte. Immer häufiger wurde in der Folge von Seiten der zugegeben wenigen Rezipienten der Wunsch geäußert, der naturgemäß schmucklosen PDF-Datei eine neue „werthaltigere“, das heißt eine materielle Gestalt zu verleihen, und so kam es vor einigen Monaten zu zwei Kleinstprivatauflagen, bevor ich mich wegen des unkomfortablen Distributionsaufwandes entschloss, das Buch, diesmal in einer dritten Auflage, in den offiziellen Vertriebskanal von Books on Demand zu geben.

Meine anfänglichen Befürchtungen, dass der Inhalt eines semifiktionalen, das heißt im Umkehrschluss: semidokumentarischen Berichts, der immerhin vor fast einer Menschengeneration verfasst worden war, in der heutigen Gegenwart keinerlei Bestand mehr haben würde, stellten sich bei erneuter Durchsicht des damals Geschriebenen als unbegründet heraus. Im Gegenteil: Das „Komplott im Hexagon“, wie der Report im Untertitel genannt wird, war und ist ganz und gar kein Millennium-Bug, der seine Geltung im Laufe der vergangenen Jahre eingebüßt hätte. Zwar waren die Zeitumstände bei der Niederschrift etwas anders koloriert – die Digitalisierung steckte noch in den Kinderschuhen, die (Finanz-)Wirtschaft gab sich noch von Krisen unangefochten, die gepeinigte Natur hielt sich mit Verlautbarungen noch zurück; der Querulant war noch ein Fremdwort, der Querdenker noch ein Geistesmensch, der Euro noch eine Krypto-Währung, das unifizierte Freizeitverhalten noch in ziemlicher Ferne, das Ego noch nicht das Maß aller Dinge, die paradequatschende Influencer-Szene noch nicht in Sicht – doch waren alle Probleme und Schieflagen, die uns heute quälen oder bis aufs Blut reizen, zur Jahrtausendwende bereits in nuce vorhanden. So gesehen markiert das Jahr 2000 einen epochalen Kipppunkt, wie es seinesgleichen noch nie zuvor in der Zivilisationsgeschichte gab.

Das hatte für mich den überaus willkommenen Nebeneffekt, dass es keinerlei Revision des Textes bedurfte. Allerdings habe ich die Gelegenheit einer Neuauflage genutzt, um kleinere sachhaltige Fehler zu korrigieren und nach Möglichkeit die zahlreichen Fehler orthografischer und grammatikalischer Natur, die sich in der überlieferten Vorlage fanden, auszumerzen. Ich habe allerdings, das muss ich zugeben, vorsätzlich gegen die Gebote der publizistischen Klippschule verstoßen, die da lauten: Lies nie deinen eigenen Text Korrektur, und solltest du diese Regel missachten (oder sollte kein externer Korrektor zur Verfügung stehen), dann beschränke dich nicht auf eine, auch nicht auf eine zweite oder dritte Lektüre am Bildschirm, sondern nimm zur Grundlage deiner kritischen Revision gefälligst eine so genannte Hard Copy, einen papiernen Ausdruck, zur Hand. Ich bekenne, ich habe aus Bequemlichkeit schwer gefehlt, ja gesündigt, und daher werden sich noch eine Menge Fehler finden, von denen ich nur hoffen kann, dass sie den Lesegenuss nicht allzusehr schmälern. Der Text folgt häufig, und dies ist durchaus beabsichtigt (ich hoffe nicht auf inkohärente Weise) der alten Rechtschreibung. Nur dort, wo es mir in selbstherrlicher Genügsamkeit sinnvoll schien, wurden Anpassungen an heutige Standards vorgenommen. Dies betrifft vor allem das Doppel-“s“ – aber allein aus dem idiosynkratischen Grund, dass mir das „ß“ schon immer als eine ausgesprochen hässliche Eigenart der kerndeutschen Schreibweise vorkam. Ein neuerlicher Beleg dafür ist die Tatsache, dass das „ß“ seit 2017 auch als Versalie zugelassen ist und damit ein Schriftzeichen höhere Weihen erhält, das an Hässlichkeit nicht zu überbieten ist.

Selbstverständlich unverändert blieb der Titel, auch wenn er der unvoreingenommenen Leserschaft fehlerhaft zu sein dünkt: „Scheitze Merrrdre“ zeigt sich indes von Alfred Jarry und dessen Theaterstück „Ubu Roi / König Ubu“ inspiriert. König Ubu ist eine emblematische Figur, die heute, über 125 Jahre nach ihrer Erfindung, nicht das geringste an Aktualität eingebüßt hat. Näheres dazu ist auf Seite → zu finden. Diesbezüglich sei noch eine letzte Bemerkung erlaubt: Die jüngsten Ereignisse im Gefolge der großen Gesundheitskrise haben eine üble Verwirrung in den Köpfen und in den Herzen ausgelöst. Zu letzterer versage ich mir jegliche Stellungnahme; was aber das Tohuwabohu in den Köpfen betrifft, ist in Zusammenhang mit dem vorliegenden Buch eine Klarstellung erforderlich: In den Schlusskapiteln ist vielfach von einem Komplott die Rede. Natürlich hat ein solches Komplott nichts mit jener Verschwörung zu tun, die unsere Paranoiker der Wohlstandsgesellschaft in weltweitem Maßstab zu entdecken oder aufzudecken glauben. Bezeichnenderweise gehört zur aktuellen Sprachverwirrung, dass die Leugner, Gegner und Verweigerer, also all die infantdebilen Zeitgenossen, die sich als Opfer des von ihnen behaupteten Systemkomplotts ausgeben, neuerdings „Komplottisten“ genannt werden, wohingegen es sich bei „Komplottisten“ im bisherigen Sprachverständnis um die Täter handelt, um diejenigen also, die das Komplott anzetteln. Ich zähle mich, darin Pierre Klossowski folgend (der in den fraglichen Kapiteln zitiert wird) in aller Bescheidenheit zu diesen letzteren – wenn auch eher auf geduldigem Papier wütenden – Tätern. Desungeachtet schließe ich mich dem Verdikt Ciorans an, der zu Klossowskis einschlägigem Werk über Nietzsche bemerkte: „Man weiß nicht, worauf der Autor hinaus will. Das ist die schlimmste Sache, die man einem Schriftsteller vorwerfen kann.“ Ich hoffe, dass dies auf mich und das Buch, das Sie in den Händen halten, nicht zutrifft. Aber das mögen Sie, die geneigten beziehungsweise ungeneigten Leserinnen und Leser, für sich entscheiden.

Ich danke den auf dem Vorsatzblatt genannten drei Grazien, ich danke Gaby und Kurt Fitz für ihre Gastfreundschaft, und ich danke der Cave Coopérative de Péret/Hérault (heute nicht mehr existent), der Vignérons de Cabrières/Hérault, der S.C.E.A. Domaine du Temple, der Cave Coopérative de Cacanac (Name aus juristischen Gründen geändert), dem Haus Noilly Prat & Cie. sowie den verschiedenen Herstellerbetrieben des Picpoul de Pinet, die in unterschiedlicher Weise und Intensität zu des Autors Wohlbefinden und mitunter zu seinem Missvergnügen beigetragen haben.

Viele meiner Ge-Dank-en gelten denjenigen, die auf den folgenden Seiten noch überaus präsent sind, heute aber nicht mehr unter uns weilen.

Prolog

„Ich beginne ein Unternehmen, das ohne Beispiel ist und das kaum einer nachahmen wird. Ich will einen Menschen in der ganzen Naturwahrheit zeigen, und dieser Mensch werde ich sein. Ich allein, wenn auch zusammen mit meiner Familie und inmitten von seltsamen Gattungsangehörigen, die als meine Zeitgenossen zu bezeichnen mir einer Zumutung gleichkommt. Ich lese in meinem Herzen und kenne die Menschen. Mag die Posaune des Jüngsten Gerichts wann immer erschallen, ich werde mit diesem Text in der Hand vor den obersten Richter treten. Ich werde laut sagen: ‚Sieh, das habe ich erlebt. Ich habe das Gute und das Böse mit dem gleichen Freimut erzählt. Ich habe nichts Schlimmes verschwiegen, nichts Gutes hinzugefügt und weder Zote noch Schmäh ausgelassen. Und wenn es mir manchmal passierte, dass ich eine bedeutungslose Zutat verwandte, so geschah es nur, um eine Lücke zu füllen, die mir mangelnde Erinnerung oder unvollständige Wirklichkeit verursachte.‘“

Jean-Jacques Rousseau / Cater Jarim

1 Scheitze

Die ganze Welt ist von nun an eine Michelinkarte. Wir befinden uns auf der Autobahn in Richtung Nancy. Vergessen sind die Straßenbuckel in Lothringen, die wir bei den Landfahrten mit den Eltern zu durchqueren hatten. Damals in den 50ern. Was hatten wir als Kinder in der Simca Aronde gereiert, immer haargenau an der bereitgehaltenen Emailleschüssel vorbei, immerzu aufs gute Polster oder den gerade gereinigten Sonntagsstaat der Eltern und Großeltern. Aber nicht nur wir Kinder, auch Tante Ella aus München, die wir mit der Aussicht, dass diese Route, wenn man auf ihr bliebe, spornstreichs nach Lourdes führte, zur Tagesfahrt nach Metz und Nancy (das die Oma noch Nantzig nannte) überredeten… Tante Ella aus München also kübelte, als gelte es sämtliche Rekorde im Weit(aus)wurf zu brechen. Heute ist die verkehrstechnische Situation entschärft; nur noch Ludwig Harig erinnert in seinen Schriften an die längst vergangene Eigenart der ostfranzösischen Straßenführung.

Der Verkehr fließt gemächlich, und die Autobahn nimmt die lothringische Stufenlandschaft mit stetem Verlauf. Kein Brechreiz also im Anmarsch. Uns geht es, danke der Nachfrage, so weit so gut. Uns, damit meine ich: mich natürlich, Cater Jarim, der hier lenken, nachdenken und schreiben muss, Hagen Knotterbeck, meine Frau, die im Haushalt und gewöhnlich im Auto am Volant sitzt, Consuelo Vladimir, unsere elfjährige Tochter, und die Kleine, Kiki Estragon, acht Jahre alt. Falls sich jemand die Frage stellt, warum wir so seltsame Namen haben und warum die Familienmitglieder weiblichen Geschlechts ganz oder teilweise Männernamen in ihrer von mir verliehenen Identität führen, möchte ich die Antwort darauf durchaus schuldig bleiben, auf die Offenheit des Kunstwerks, äh, ich meine: der vorliegenden Aufzeichnungen verweisen und der androgynen Leserschaft psychoanalytische Spekulationen anheimstellen.

Wir sind heute morgen in Ensheim gestartet, einem Vorort von Saarbrücken, meinem Geburtsort, der aber zur Zeit der Caterschen Herabkunft auf Erden noch nicht Saarbrücken war, ja noch nicht einmal in Deutschland lag. Ensheim wurde wie der Rest des Saarlandes 1957 politisch und zwei Jahre später wirtschaftlich eingedeutscht. Die damals noch selbständige Gemeinde fiel Anfang der 70er den Saarbrückern zu; die vollständige Integration aber darf als gescheitert gelten; Ensheim hat seine eigene Telefonvorwahl, eine eigene Gemeindekultur und jede Menge Eigensinn, und all das hat wiederum seine historische Bewandtnis: Die bayerisch-preußische Grenze verlief nämlich bis 1919 genau auf der geographischen Mitte von Gemeinde und Stadt, ein Umstand, der sich bis vor wenigen Jahren in der hohen Zahl der Ensheimer Gasthäuser bemerkbar machte – die Preußen pflegten des billigeren bayerischen Bieres wegen bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Seiten zu wechseln. Davon abgesehen sprechen die Ensheimer (zwar keinen bayerischen, wohl aber) einen alemannischen Dialekt, der noch zu meiner Zeit die Verständigung mit Leuten aus dem Sprachkreis des Heinz-Becker-Deutschs hörbar erschwerte. Doch das ist Geschichte, heute sprechen die Ensheimer astreines Heinz-Becker-Deutsch, und ich wohne schon lange hinter Frankfurt am Main hart an der Grenze zu Bayern, dort, wo die Zugereisten aus allen deutschen Gauen den Hessen die Sprache des großen Hesselbach und des noch größeren Niebergall austreiben.

Es schüttet vom Himmel, was das Zeug hält. Hagen Knotterbeck sagt: „Das kann ja nur noch besser werden.“ Den Kindern ist es schon bei Kilometer 84 „soooo langweilig“, dass die Frage berechtigt scheint, warum man tausend Kilometer fährt, nur um Landschaften, Gebäude und Menschen im Original zu sehen, die man im Fernsehen viel plastischer, aufregender, detailgerechter, farbgetreuer und überhaupt viel authentischer erleben kann. Wir wissen noch nicht, dass wir innerhalb der von Gaby Fitz in Aussicht gestellten acht Stunden durchkommen werden (Pausen natürlich rausgerechnet).

Und es schüttet immer noch vom Himmel, was das Zeug hält, Gaby und Kurt versprachen uns bei unserer Abfahrt herrlichstes Wetter, und zwar am Zielort, dem südfranzösischen Péret. Gaby und Kurt Fitz, um auch dieses Personal der vorliegenden Aufzeichnungen einzuführen, sind die in Ensheim beheimateten Besitzer des Château Fitz, des Ferienhauses, das wir nunmehr ansteuern. Kurt hat ein Vermögen mit Spezialflanschen gemacht, die er, wenn ich das richtig verstanden habe, aus usbekischer oder slowakischer Produktion aufkauft und mit einer auskömmlichen Marge über seine beiderseits der deutsch-französischen Grenze domizilierende Firma an jene französisch-neufundländische Konsortien weiterveräußert, die sie für den Bau irgendwelcher Gaspipelines von Mers el Kebir via Marseille und Bratislawa nach Usbekistan verwenden, um die dortige Flanschenherstellung mit Energie aus Algerien zu versorgen. Gaby und Kurt verbringen, um die Verwirrung komplett zu machen, die Ferien nie in ihrem Haus nahe Montpellier, sondern in nordschwedischen Anglerhütten, ausgerechnet dort, wo wegen des Permafrosts keine Pipelines gebaut werden können.

Ich habe im Gepäck eine halbe Tonne Bücher, die ich im Urlaub griffbereit haben will. Ich möchte nur folgende nennen, um das ungewöhnliche Spektrum meiner Interessen zu verdeutlichen, die mich manchmal anfechten und gleich wieder loslassen:

Julio Cortázar / Carol Dunlop: Die Autonauten auf der Kosmobahn. Johann Fischart: Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtsklitterung. Isabelle Gazar: Haarausfall: Was tun? Die Bibel, nach der Übersetzung Martin Luthers. Die Bibel, in der Übersetzung Martin Luthers. Guy Debord: Panegyrikus. Slavoj Žižek: Die gnadenlose Liebe. Slavoj Žižek: Das fragile Absolute. Slavoj Žižek: Die Tücke des Subjekts (wie sich später herausstellt, drei Žižeks zu viel). Reinhard Messmer: Grenzerlebnisse beim Quartalstrinken. Wenedikt Jerofejew: Die Reise nach Petuschki (eine geniale Eloge des Trinkens – ein Muss für jeden Alkoholiker). Jean Paul: Werke in zwölf Bänden, Bd. 8: Kleinere erzählende Schriften. Lettre 47, Jahrgang 1999. Nis San: Die fünf Regeln des mechanistischen Zen oder Wie repariere ich einen japanischen Kombi. Johann Michael Moscherosch: Wunderliche und Wahrhafftige Gesichte Philanders von Sittewalt. Eva Hambach: Neue Ideen für Häkelblumen (versehentlich eingepackt, keine Idee, wem das gehört). Annie Dillard: Der freie Fall der Spottdrossel. J.-B. Reboul: La Cusinière Provençale. Pierre Klossowski: Nietzsche et le cercle vicieux. Hakim Bey: The Temporary Autonomous Zone. Harald Meindl: Schuhlederpflege leichtgemacht…

Es geht also, wie aus dem Auszug der Transportliste hervorgeht, um tiefe Menschheitsfragen, die ich in den Ferien, wenn schon nicht für die Menschheit, so doch für mich beantworten will.

Hagen Knotterbeck sagt: „Untersteh‘ dich, du beantwortest gar nichts, und schon gar nicht Fragen, die dir keiner gestellt hat, du gehst mit uns an den Strand. Außerdem musst du kochen und im Château Fitz die Gesindestube sauber halten.“ Die Kinder fragen: „Was meint der Papa mit Menschheitsfragen?“ und: „Was ist ein Château Fitz?“

Gott sei Dank hat mich Hagen Knotterbeck aus den sich mittlerweile aufstauenden Menschheitsfragen herausgerissen: Ein kleiner Stau hinter einer Kurve in Höhe Nancy hätte der Fragestellung beinahe ein Ende bereitet. Dann nach wenigen Kilometern nochmals eine Gedankenunterbrechung durch Hagen: „Achtung, die Bullen!“. Beinahe hätte ich die Geschwindigkeitsreduktion auf 80 übersehen, und das ausgerechnet, als sich gerade aus der Einfahrt Toul-Süd ein Polizeiauto in den Fließverkehr einfädelt. Die flics haben aber augenscheinlich ihre verkehrserzieherischen und devisengenerierenden Auftrag vergessen. Jedenfalls brettern sie an uns vorbei und überholen einige Autos vor mir, deren Fahrer gerade bei Tempo 150 in die Eisen gegangen sind, ohne diese erkennungsdienstlich zu behandeln. Es ist übrigens das einzige Polizeiaufgebot, das wir während der gesamten Fahrt erleben; an diesem letzten Wochenende vor dem großen Ferienstau haben die Staatsdiener noch einmal Privatausgang; an den nächsten weekends werden sie rund um die Uhr Dienst schieben müssen, zumal das diesjährige Kampagnenmotto zum Touristenauftrieb tolérance zéro lautet.

An der Rastanlage hinter Dijon übergebe ich Hagen Knotterbeck das Steuer. Ich habe genug von der Fahrerei im allgemeinen, sie hat genug von meiner Fahrkunst im besonderen. Nur weil ich mich hinterm Lenker mit Menschheitsfragen beschäftigen muss statt mit dem Verkehr, spricht sie mir die sittliche Reife zum Führen eines Fahrzeugs ab und unterbricht meine stets umsichtige Fahrweise mit ständig wechselnden Verhaltensempfehlungen oder soll ich sagen: -geboten?

Vor dem Tunnel in Lyon geraten wir in einen kleinen, in einen wirklich nur winzigen Stau. Hagen Knotterbeck sagt drehbuchgemäß: „Hätten wir doch lieber die Periphérique, die Umgehungs-Trasse, genommen“ (Gaby hatte uns davon abgeraten). Die Kinder sagen nichts, sie schlafen.

Der Blasendruck legt ein Atü zu, Pinkelpause tut not: Wir befinden uns jetzt zehn Kilometer vor Montélimar und steuern den Rastplatz mit dem pittoresken Namen „Aire de la Coucourde“ an. Der Rastplatz ist auf das Liebenswerteste beschrieben in einem Buch von Julio Cortázar, das eines der wenigen Bücher darstellt, die ich ohne Vorbehalte empfehlen kann. Cortázar und seine weitaus jüngere Frau mit dem beziehungsreichen Namen Carol Dunlop beschreiben darin eine Reise, die sie im Sommer 1982 unternommen hatten: eine Reise so ungewöhnlich wie die Umstände, die ihr vorausgingen und ihr nachfolgten. Es handelte sich nämlich um eine Fahrt von Paris nach Marseille, wobei die ungefähr 70 Rastplätze entlang der Autobahn die jeweiligen Reiseetappen markierten: ein Rastplatz zu je einem Pausenstopp während des Tages, der nächste zur Übernachtung. Für die Gesamtdistanz, die bei mittlerer Fahrgeschwindigkeit ohne Staus gut acht Stunden beansprucht hätte, benötigten Cortázar/Dunlop einen ganzen Monat. Oder anders gesagt: Die Zeit hat sich in dieser kleinen Versuchsanordnung um ein Vielfaches verlangsamt. Die Tragik – oder soll man angesichts dieser Verlangsamung sagen: das Glück – bestand darin, dass die künstliche Überdehnung der Reisedauer nicht nur eine Unmasse an Erkenntnissen über die menschliche Spezies einbrachte, sondern auch einen Aufschub an Lebenszeit bewirkte – Carol Dunlop starb ein halbes Jahr danach an Krebs, ihr Mann ein Jahr darauf kurz nach der Niederschrift des „Expeditionsberichtes“ (der übrigens 1996 unter dem gerade genannten Titel „Die Autonauten auf der Kosmobahn“ auf Deutsch erschienen ist). Tragisch auch: Beide wussten um ihre nur mehr kurz bemessene Lebensfrist. Ich werde, als ich mir dies vor Augen (das heißt vor das Innere Auge führe) ganz traurig und gedenke der beiden Autoren allertraurigsten Sinnes. Aber schon wird die Würde des Augenblicks von zwei Franzosen besudelt, die neben der Toilettenanlage stehen, lautstark über Fußball quatschen und wie beiläufig die Astern beharnen.

Der Himmel beginnt sich aufzuhellen, auf der Höhe von Montélimar zeigt sich der Midi in botmäßigem meteorologischen Zustand. Bei Avignon beginnt der mediterrane Sommer. Hinter Nîmes setzt das von mir längst schon erwartete allgemeine Genörgel ein. Die Kinder sind hitzebedingt aufgewacht und fragen: „Wann sind wir endlich da?“ Hagen Knotterbeck stellt mit drohendem Unterton fest, dass die in Ensheim verschiedentlich genannte Distanz von 800 Kilometern plus ein „paar Geblotzte“ schon längst genommen, aber Péret immer noch nicht in Sicht sei. Ich berufe mich auf die bekannten Tücken subjektiver Wahrnehmung und kann zu meiner und der Ensheimer Gewährsleute Entlastung auf eine mitgeführte Schrift des Frankfurter Maison de France verweisen, die eine Entfernung Frankfurt-Montpellier von exakt tausend Kilometern angibt. Die Kinder schrecken bei Sète, wo wir die Autobahn verlassen, aus einem neuerlichen, viel zu kurzen Koma auf und entdecken von mir animiert das Meer. Ich verschweige, dass es sich dabei gar nicht um das Meer, sondern bloß um den Bassin de Thau, einen völlig unspektakulären Brackwassersee, handelt. Ich greife, nebenbei bemerkt, oft und gern zu solchen kleinen Realitätskorrekturen, um die Wirklichkeit etwas stärker zu „akzentuieren“, wie das heutzutage heißt. Die Akzentuierung geht allerdings meistens daneben, Hagen Knotterbeck murmelt dann als Zeichen ihrer Missbilligung einige unverständliche Ordnungsrufe (sie murmelt nur, um die Kinder nicht zu desillusionieren, sonst stößt sie Ordnungsrufe naturgemäß laut aus), aber von den Kindern, die ohnehin dauerdesillusioniert sind, werde ich wie der leibhaftige Käptn Blaubär behandelt. Sei's drum.

Die Fischstände, Restaurants und Snacks in Mèze mit ihrem überquellenden Angebot an Muscheln und Austern, den Ejakulaten des Bassins, überzeugen auch den stärksten Zweifler davon, dass wir uns am Meer befinden. Die Kinder bemerken noch, dass sie keine Austern mögen, Hagen Knotterbeck kennt und schätzt sie von ihren Aufenthalten in – man lasse sich dies wie eine derselben auf der Zunge zergehen – Denver/Colorado, und die Kinder haben allenfalls mal welche im Cora (einer französischen Supermarktkette) gesehen. Ich selbst habe noch nie Austern gegessen, was mich aber nicht davon abhält, sie aufrichtig zu verabscheuen.

Endlich, um fünf Uhr nachmittags kommen wir in Péret an. Wir finden das Château nicht nur auf Anhieb, sondern sogar ganz toll. Den Konventionen gemäß ist auch ein Kronenbourg zur Begrüßung da (die Vorbesucher müssen immer ein Six-Pack sowie eine Flasche Rotwein zurücklassen). Die Kinder haben ebenfalls Durst, sie dürfen aber noch kein Bier trinken, den Rotspon erst recht nicht, deshalb machen wir uns sofort zum nächstgelegenen Supermarkt auf. Er befindet sich in Clermont l'Hérault und nennt sich HyperU – eine mir bislang unbekannte Kette, deren schwächstes Glied logischerweise ein SuperU darstellt (in Frankreich ist die Kaskade der Kaufhausgrößen normiert: Super-, Inter-, Hypermarché – legen Sie mich nicht fest, früher war es jedenfalls so). Obwohl der HyperU längst nicht die Dimensionen von den Coras in Saargemünd und Forbach hat und schon gar nicht vom Carrefour in Sarrebourg, ist er für uns Rewe-, Edeka- und Aldigänger eine Offenbarung. „Nein“, entfährt es uns, „dieses Angebot an Meeresgetier, an Käse, an französischem Wein undundund!“ Nur bei den Innereien, den so genannten abats, scheiden sich mal wieder die Geister. Als ich all die Pansen und Kaldaunen, Ziegenhirne, Kalbsköpfchen, -bäckchen und -briese bewundere, werde ich sofort zum Aufbruch ermahnt. Hagen Knotterbeck behauptet, wir seien alle müde.

Bei mir führt diese Mischung aus Hetze und Zurückweisung stets zu Panikattacken, und das heißt im Ergebnis: zu Fehlkäufen. Diesmal lange ich bei der Saucisson daneben. Da ich mich noch in einem gewissermaßen jungfräulichen Stadium des Frankreichaufenthaltes befinde, stelle ich den Erwerb einer Version aus Eselsfleisch zurück. Ich greife stattdessen zur Saucisson aux myrtilles. Das ist, geht es mir in Bruchteilen einer Sekunde, das heißt viel zu schnell für mich, durch den Kopf, hinreichend exotisch und womöglich noch für den Rest der Familie akzeptabel. Sowohl Hagen Knotterbeck als auch die Kinder mögen Salami; und sie mögen Heidelbeeren; und unversehens kommt mir die Kombination aus beiden reichlich provenzalisch, das heißt unserem Urlaub angemessen vor.

Im Château Fitz machen wir uns über unsere Erwerbungen her: Hagen Knotterbeck und die Kinder mögen keine Saucisson, und ich spucke sie nach dem ersten Bissen wieder aus. Natürlich ist eine Wurst aux myrtilles viel zu abartig, als dass sie der hohen Tradition französischer Wurstküchen entstammen könnte (es scheint mir bis zum Beweis des Gegenteils die Originalkreation eines menschen- und tierverachtenden meat engineerings zu sein). Hagen Knotterbeck meint: „Typisch!“ und diagnostiziert „Übersprungshandlung beim Kauf. Eine Art Besuchow-Syndrom. Du langst bei dem zu, was dich abstößt.“ Consuelo Vladimir sagt: „Tu das Ding weg, das ist ja widerlich, das hat eine ganz unappetitliche Farbe!“ Ich ertränke meinen Kummer im vorgefundenen Rotwein, der ungefähr so schmeckt wie die Saucisson aux myrtilles aussieht und entgifte mich mit dem im HyperU erworbenen erheblich magersüchtigen Pouilly-Fumé (die hiesigen Weine sind uns noch nicht vertraut, und was der Bauer nicht kennt…), bevor schließlich im milden Abendwind unter einem glasklaren Sternenhimmel die Welt trotz allem ihren Liebreiz entfaltet.

**

2 Merrrdre

Heute Nacht hatte ich einen dieser Klarträume, in denen ein Riesenproblem auftaucht und zu dessen Lösung sich verblüffend einfache Schrittfolgen anbieten. Dieses Mal war es die Frage, wie hoch die Transferleistungen reicher Industrienationen sein müssten, um in Papua-Neuguinea eine stabile Subsistenzwirtschaft zu etablieren. Die Lösung ergab sich aus der Anzahl der Treffer, die ich mit dem Pfeil- und Bogenspiel der Kinder erzielte, kombiniert mit dem Mindestbedarf an Mehl, Zucker und Fett, der hinsichtlich der Ureinwohner Papua-Neugineas uns Eurozentristen angemessen scheint, sowie der Analphabetenquote, die ich im Fischer-Weltalmanach ausfindig machte, wobei ich – was nichts zur Sache tat – zunächst „Anal-Phabetenquote“ las, also eine Art Glottisschlag gesetzt hatte, wo keiner hingehört. Auf welche Weise ich die Parameter in Beziehung setzte, habe ich sofort nach dem Aufwachen wieder vergessen, sodass die Welt noch weiter der Lösung ihrer dringendsten Probleme harren muss. Ich nenne diese Art von Träumen, die mich in jeder dritten Nacht heimsuchen, Träume der portionierten Weltformel, und der Witz dabei ist, dass ich während des Traumes immer das sichere Gefühl habe, es genügten meine Träume bzw. deren zusammenaddierte Ergebnisse, um die Welt tatsächlich für jedermann lebbar zu machen, ohne dass auch nur ein Rest an Unglück zurückbliebe. Im Grunde genommen ist das die simple, aber auch wünschenswerte Außer-Kraft-Setzung der Schopenhauerschen Weltformel, wonach die Summe allen Leides (auch aller Dummheit) immer konstant bleibt.

Das Château Fitz besteht an und für sich aus nur einem Raum. In Frankreich nennt man das großspurig salon – eine Mischung aus Wohn- und Esszimmer. Hier ist – à l'américaine – angeschlossen eine kleine Küche. Separiert sind: ein Schlafzimmer, ein Bad (mit Wanne und Bidet, also jenem Gerät, das wir Deutschen in früheren Zeiten als steinerne Aufforderung zur Fußreinigung ansahen) sowie – von zwei Holzstiegen und -loggien erschlossen – noch drei weitere Schlafräume, sozusagen im Obergeschoss des Salons. Die Kinder hatten sich bei unserer Ankunft begeistert gezeigt und sofort die oberen Zimmer in Beschlag genommen. Hagen Knotterbeck und mir war das vollseparierte untere Schlafgemach insofern zupass gekommen, als die Aussicht auf das benachbarte cabinet beruhigend wirkte – haben wir doch unter altersbedingten Schwächlichkeiten hinsichtlich der Harnresistenz zu leiden. Außerdem, muss ich gestehen, habe ich bereits in dieser ersten Nacht von pinkelnden Franzosen gealpträumt (und zwar vor dem erwähnten großen Menschheitsthementraum), und so was kann – falls das wiederkehren sollte – zu akutem mimetischen Verhalten führen – ein Verhalten, das ironischerweise keinerlei (Harn-)Verhalt kennt.

Péret ist ein 500-Seelen-Dorf, das haargenau auf jenem Saum liegt, den die Küstenebene des Languedoc mit dem Vorgebirge zu den Causses, den nördlich gelegenen Hochebenen, bildet. Die ersten Häuser stehen noch in der Ebene, der Chemin des Roques, wo sich das Château Fitz befindet, steigt bereits steil an. Um mit Salvador Dalí zu sprechen: Nördlich und nordwestlich von Péret gibt es echte Landschaft, südlich nicht einmal geographische Gegebenheiten. Péret selbst ist in jeder Hinsicht von extremer Schlichtheit. Die einzige Berühmtheit unter der Bewohnern ist Michel Siffre, ein spéléologue, ein Höhlenforscher. Siffre erlangte in seiner Zunft dadurch Ansehen, dass er spektakuläre Selbstexperimente mit extremem Zeitentzug bei vollständiger Isolation – vorzugsweise in der knapp 30 Kilometer entfernten Grotte de Clamouse – praktizierte. Der Populärwissenschaftsjournalismus, immer um die richtige Spektakularisierung bemüht, nennt ihn den „Kommandanten Cousteau der Höhlen“.

Ein erster Kontrollgang durch das Dorf ergibt:

1. Der Franzose und der französische Dorfbewohner zumal ist kein Frühaufsteher.

2. Eine Kneipe ist nicht vorhanden. Das bedeutet: Es handelt sich um kein richtiges Dorf, sondern lediglich um eine Ansammlung von Häusern mit dem Erscheinungsbild eines Dorfes.

3. Es gibt nur eine Bäckerei und die ist zu aller Überdruss sonntags geschlossen – es ist mithin keine richtige Bäckerei (ein Fakt der noch dramatisch an Wahrheitsgehalt gewinnen wird), sondern ein Versorgungsdepot mit einem Minimum der dafür erforderlichen Ausstattung (eine étagère für die Backwaren, dazu ein Tisch).

Alles in allem eine ernüchternde Eröffnungsbilanz. Was die Sache mit der Kneipe anbelangt, so ist Péret natürlich kein Ausnahmefall, sondern die Bestätigung einer Regel, die das Selbstverständnis des republikanischen Frankreich erschüttert. Die französischen Linksparteien, die in der Dorfkneipe – jedenfalls dort, wo sie die Mehrheit hatten – richtigerweise die säkulare Stellvertretung des Himmels auf Erden erblickten, die wiederum die Dorfkirche in der von Priestern befreiten Zukunft ersetzen würde, haben sich in den siebziger und achtziger Jahren verschiedentlich an Projekten kommunaler oder gar parteieigener Dorfkneipen versucht. Sie sind allesamt gescheitert: Eher geht das TV-verwöhnte Kamel durch das Nadelöhr der heiligen Sonntagsmesse als zum Himmelreich laizistischer Begegnungen am Tresen. Das nimmt sich aus wie die Bestätigung eines früher in der Umgebung des saarländischen Merzig gebräuchlichen Stoßgebetes, das der einzige saarländische Philosoph von Rang (ein Erzkatholik natürlich), Peter Wust, überliefert hat: „Vater unser, der Du bist – bleib' ein jeder, wo er ist.“

Dass nicht ein jeder bleiben kann, wo er ist, lehrt die reine Unmittelbarkeit. Nehmen wir den Kirchgänger. Auch er muss äußerste Mobilität walten lassen, wenn er dem Sonntagsgebot Folge leisten will. Tatsache ist, dass Péret eine Kirche hat, keine schöne, aber immerhin eine, die sich nicht nur in das Weichbild des Ortes einfügt, sondern – comme il faut – dem ganzen auch einen Mittelpunkt verleiht, der den Ort als Ort identifizierbar macht. Und mit seinem nach oben offenen, midigerechten clocher, der von einer so genannten barbarottes, dem Eisenkäfig für die Glocken, überwölbt ist, lässt es an Abertausende von Dörfern denken, die sich von Spanien bis hart an die dalmatinische Küste hinziehen. Nebenbei bemerkt: Es gibt nicht nur eine touristische Verballermannisierung der Méditerranée, sondern auch seit alters eine architektonische Vernatursteineri- und Vertrockenmauerisierung, die alle Menschen, die vor dieser Kulisse erscheinen, gleich aussehen lässt – schwarz die Frauen, grau die Männer – und die Jungen kommen in diesem jahrhundertealten Film immer nur in den Koloraturen kurzer und heftiger Leidenschaften vor, bevor sie blitzschnell altern und schwarz und grau werden.

Nur: Pérets Gotteshaus als gebieterisches Zentrum göttlichen Willens, wonach die Kirche im Dorf zu bleiben hat, bleibt für das Dorf verschlossen. Kirchgänger müssen in Ermangelung klerikaler Betreuungskapazitäten den Weg nach Clermont l'Hérault nehmen – einen Weg immerhin, der per pedes apostolorum zwei Stunden in Anspruch nimmt und von rachitischen Altersbeinen (die hier ab sechzig das Maß aller Dinge sind) vier Stunden abverlangt, weswegen eine Alte aus Péret, die 65 Lenze zählt, gerade erst ankommt, wenn das Sanctus an der Reihe ist und wenn sie, die Alte, jemals dort ankommt. Nicht nur die Kirche ist verschlossen, auch das Urinioir à la Clochemerle hat zu. An seiner Außenmauer die charakteristische dreieckige Nässespur, die auf hohe Bedürfnisbefriedigungsnachfrage (oder andersrum: auf ein Urinüberangebot) bei mangelnden Entsorgungsfazilitäten schließen lässt.

So ein Dorf wie Péret bietet zudem wenig, um eine typische Kleinfamilie des beginnenden 21. Jahrhunderts mehr als zwei Stunden bei der Stange – oder soll man sagen: im Schlagschatten des clocher – zu halten. Auch das Château Fitz mit seinen Darbietungen an Fernblick (Cap d'Agde und der Mont St Clair sind zu erkennen) zeigt sich nicht in der Lage, fesselnde Aufmerksamkeit seines stummen Daseins zu erzielen. Nur das Fernsehen vermag einen Teil der Familie, und zwar den altersmäßig geringfügigsten Teil, zu fesseln: Es können alle deutschen Programme, nicht nur die Sendeplätze solidester Halbbildung wie Arte und 3Sat, sondern auch sämtliche Abwässerkanäle des elektronischen Boulevards empfangen werden. Dass die Kinder dies erst heute, einen Tag nach unserer Ankunft, entdecken, ist Pech für sie – sofern man die Anwesenheit einer betriebsbereiten Glotze mit der Abwesenheit von Unglück oder umgekehrt die Abwesenheit der Röhre mit der Anwesenheit von Unglück gleichsetzen kann. Glück für sie jedenfalls, dass sie sogleich den choc der Fremde mit einer heimatsprachsynchronisierten daily soap dämpfen können.

Ich ziehe also meine kurzen Buxen an, halte der dräuenden Hitze meine gebleichten Beine entgehen und steige mangels anderer Schuhe in meine Wandergaloschen Marke Meindl, eine Vorgehensweise, mit der ich mir sofort einen Verweis von Hagen Knotterbeck einhandele. Das Schuhwerk sei zwar womöglich steigeisenfest, aber bei weitem nicht großstadtkonform. Mein Hinweis, dass Sète (denn das ist unser heutiges Programm) bei weitem keine Großstadt sei, da die Einwohnerzahl getreu dem Guide Michelin nur 63 833 betrage und damit delta 36 167 von der Großstadtdefinition entfernt sei, lässt Hagen nicht gelten. Sie hält mir eine eigene Lesefrucht aus dem Guide entgegen, wonach Sète in Sachen Handel und Warenumschlag der zweitgrößte französische Mittelmeerhafen ist, was – so Hagen Knotterbeck weiter – umso stärker ins Gewicht falle, als es ja auch noch Nizza und Cannes und St Tropez gebe, die auch an der Mittelmeerküste lägen und bis zum Beweis des Gegenteils noch französischer und vor allem viel bekannter seien, kurzum: Auch wenn Sète womöglich weniger mondän sei als die anderen aus Film, Funk und Fernsehen bekannten Hafenstädte, so verbiete es geradezu seine wirkliche Stellung, die wegen der objektiven Bedeutsamkeit viel mehr ins Gewicht falle als die vergleichsweise unwirkliche (weil nur in reiner Virtualität bestehende) Geltung von St Tropez und weiteren Orten küstenaufwärts, dass ich dort in Wanderschuhen flaniere, zumal überhaupt mit diesen knochenbleichen Gebilden zwischen Oberleder und Shortszwickel… „Schluss jetzt“, erwidere ich, „die Schuhe bleiben an und die Beine unverhüllt – oder soll ich mich etwa in langen Hosen und dafür barfuß in Sète bewegen, wo doch ein jeder weiß, welche Gefahren in französischen Städten dräuen, Gefahren in Form von Tretminen aus den Dickdärmen der beliebten endemisch auftretenden p'tits caniches (das sind die widerlichen weißen Zwergpudel, die es nur in Frankreich und Belgien gibt)?“ „Man darf nicht vergessen“, doziere ich weiter, „dass in der Grande Nation pro Jahr mehr als eine Million Welpen geboren werden, die später auf die Straßen scheißen dürfen, aber nur siebenhundertfünfzigtausend Babys, menschliche Kleinwesen mithin, denen es untersagt ist, irgendwo anders hin als in ihre eigene Windel zu kacken.“ Das finden auch die Kinder empörend und mehr als einen hinreichenden Gegengrund zum Barfußlaufen.

Wie das Leben so spielt, bestraft es die Bedenkenträger, gibt damit aber noch lange nicht den Unbedenklichen Recht. Kaum in Sète angekommen, trete ich mit meinem festen Mont-Ventoux-erprobten Schuhwerk in einen riesigen Haufen, ein wahres Gebirge von Scheiße, das aufgrund seiner Ausmaße unmöglich aus dem Innern eines p'tit caniche stammen kann. Diese Masse von schier alpenländischer Dimension muss der Vertreter einer Hunderasse des Gebirges und keineswegs einer der Küstenebene entbunden haben – ein Bernhardiner zum Beispiel. Die Frage ist nur: Wo kommen all die Bernhardiner her und was wollen sie hier? Denn Sète ist an diesem strahlend-wunderschönen Sonntagvormittag voller Bernhardinerausscheidungen, die nicht nur die ebenfalls vorhandenen, allerdings mageren Pudelexkremente beschämen, sondern auch, weil an strategisch wichtigen Orten plaziert, Ortsfremden zur Falle werden, ganz so, wie es in der Absicht der Eidgenossen lag, die im Zweiten Weltkrieg allüberall Brückenfallen gegen allfällige Invasoren platzierten.

Das zusätzliche Gefahrenpotenzial wird mir jäh gewahr, als wir, in einem Café an der Place Aristide Briand sitzend, Zeuge eines Vorgangs werden, dessen Abscheulichkeit auf dem Papier kaum nachgezeichnet werden kann, es sei denn es handelte sich um Toilettenpapier. Vorbeimarschieren im Gleichschritt einige Gruppen von Trommlern, Flötisten und Fanfarenspielern unterschiedlichsten Alters. Alle sind – Erwachsene wie Kinder – weiß gekleidet; dunkelblaue Bordüren schmücken ihre Hemden, auf den Mützen prangt jeweils ein stilisierter Anker. Der Aufzug verleiht dem defilé untrüglich maritime Bezüge. Ich habe gerade noch Zeit, die Bedienung nach dem Anlass der Darbietung zu fragen (ihrer Antwort in kaum verständlichen midi-patois entnehme ich, dass es sich um das Fischerfest zum Namenstag des hl. Peter, des Schutzpatrons der Fischer, handelt), bevor mein Blick von (was wohl?) gefangen wird: natürlich von einem braunen Monsterklacks, der sich bis in schwindelerregende… na, ich will nicht übertreiben: einen Fuß, und zwar Schuhgröße 48, über den Asphalt erhebt. Seltsam genug, tritt kein Teilnehmer der drei ersten Spielmannszüge in den Haufen, alle, die ihm zu nahe kommen, unterbrechen ihren Gleichschritt für einen Bruchteil von Sekunden und finden – das Hindernis kaum überwunden – innerhalb ebenso kurzer Zeit durch geschicktes Trippeln in den alten Rhythmus zurück. Dafür aber erwischt es die nachfolgenden Züge umso ärger. An die zehn Mann versenken ihre frisch gewichsten Eintänzerschuhe in den stinkenden Glibber, geraten aus dem Takt, machen unter dem Gelächter einiger plaisantins aus den benachbarten Cafés, die sich sichtlich schon einige ballons (so heißen paradoxerweise die kleinen Gläser Wein) reingepfiffen haben, Ausfallschritte und Verrenkungen, als seien die Hornissen hinter ihnen her. Die Kinder schreien: „Ihhh, sind das Ferkel, die Franzosen“; Hagen Knotterbeck, deren Selbstbräunerfassade ob der Zumutung dieser Szenen in skandinavische Blässe gewechselt hat, ächzt pflichtbewusst: „Nicht die Franzosen, die Köter…“ und ich, der ich meinerseits korrigierend eingreifen müsste (Hunde sind Hunde, aber definitionsgemäß keine Ferkel), ich zeige mich – bis auf ein paar klägliche Würggeräusche, die mir unversehens entfahren, sprachlos. Die Bedienung, fesches Weib, das den Plaisantins schon einige Entzückungsrufe entlockt hat, glaubt nun, eine Erklärung schuldig zu sein und sagt etwas, das so klingt – aber aus ihrem Munde durchaus glaubwürdig – wie: „Rata pong, rata peng – baise-moi au p`tit mateng“, und lacht anzüglich (baiser ist eine triebgesteuerte Handlung, die Erich Kästner folgendermaßen umschrieb: „Die Liebe ist ein Zeitvertreib, man nimmt dazu den Unterleib.“) Derweil verschwinden einige Pinkler, die den langen Weg durchs Lokal in dessen Abschlagkabinett scheuen, hinter die Platanen und nehmen die Stämme schamhaft a tergo.

Warum aber, das ist für mich schon eine Frage von geradezu metaphysischer Tragweite, sind nicht die Marschierer an der Spitze zum Opfer der stinkenden Bombe geworden, wohl aber alle in der Mitte gehenden Teilnehmer des vierten, fünften, sechsten Zuges? Die Antwort ist undenkbar einfach, offenbart sich aber erst, als das Defilé zum zweiten Mal an unserem Standort vorbeikommt – augenscheinlich gehört es zu den Umzugsbedingungen, mehrmals den Platz zu umkreisen: Am Herkunftsort der Züge, abzulesen an den Standarten, zeigt sich, wer in die Scheiße geraten war und wer nicht. Die Sétois haben sie traumwandlerisch umgangen, die Gastpfeifer und Gasttrommler aus Grau du Roi, Agde, Marseillan, Palavas oder Bouzigues sind mittenmang rein geraten. Zufall oder Notwendigkeit, das ist hier die Frage, die nur einer aus Sète, und dies sicherlich nicht wahrheitsgemäß beantworten kann.

Zu den harmloseren Vergnügungen gehören – verglichen mit den Vorgängen um die tierischen Ausscheidungen – die Rituale der Nahrungsaufnahme, die sich an den Quais abspielen. Dort sind Zelte im internationalen Partystil, bestückt mit den obligaten Partytischen, aufgebaut. Hineinströmt (in die Zelte) ein Publikum in redressierter Festbekleidung, angesiedelt irgendwo zwischen Pferderennen in Ascot und Feuerwehrball in Großwiemelshausen, ein Look, den man in Frankreich endimanché nennt. Da wir aber im Süden sind und am Meer, läuft die Mehrheit der Männer in weißer Hose und weißem Hemd herum (die Füße irgendwie wenig hundescheißeavers mit Flechtschuhen umhüllt) und die Damen in beigen Kostüm mit Hutgebilden in nicht ganz so exzentrischer Abmessung als jene auf der Insel gebräuchlichen. Dazu – zwingende Accessoires – bei den Damen Sonnenbrille und bei den Männern Goldkettchen mit Anker. Tout-Sète strömt also in die Zelte, versorgt sich mit Champagner, der in ultraschallartiger Geschwindigkeit hinter die goldkettchenbewehrte Binde gekippt wird, sowie mit Austern, die begleitet von kollektiven dezibelstarken Schlürfgeräuschen („hrrrschlfff“) ebenso rasant einverleibt werden. Was dazu führt, dass sich die Zelte ebenso rasch wieder entleeren, wie sie sich zuvor gefüllt hatten. Nach etwa einer halben Stunde bleibt der Partymüll, der es gut und gern mit einem 24stündigen Ausstoß eines Innenstadt-McDo aufnehmen könnte, verlassen zurück. Denn Tout-Sète ist nach der Magenstipulation mittlerweile in die zig Restaurants an der Rampe Paul Valéry zum Abschluss des sonntäglichen Menüs verschwunden.

Inzwischen hat sich ausgiebiger Hunger unser bemächtigt und wir beschließen, dem Beispiel von Tout-Sète zu folgen. Nur sind die rekommandierten Lokale und die Neppetablissements nicht klar voneinander zu unterscheiden. Fast auf jeder Boulevardterrasse stehen Aufreißer männlichen und weiblichen Geschlechts, die mit obszön anmutenden Gesten auf die jeweils identischen Vorzüge des eigenen Hauses aufmerksam machen. Wir schwenken also in die Promenade J.B. Marty ein, schlendern unentschlossen unter den Arkaden, wo sich Restaurant an Restaurant reiht und warten auf das Signal eines noch zum Schutze des Gastes zu befehlenden Heiligen, der uns behilflich sei, eine gute Kneipe zu finden, über die wir später als gastronomische Sensation zu berichten wüssten.

Tatsächlich aber gibt, wie Freund Albert Sellner in seinem „Immerwährenden Heiligenkalender“ aufgeführt hat (der ihn über 15 Lebensjahre ohne himmlichen Beistand kostete), Heilige gegen rektales Wundsein (Agathá, Martin, Wolfgang), Heilige der Pastetenbäcker (Jakobus der Jüngere, Erzengel Michael, Philippus), ja sogar einen Heiligen für Ministerialbeamte (Ivo Helory), und natürlich auch solche, die gegen ungesunde Säfte (Kosmas, Damian), Totgeburten (Ignatius von Loyola, ausgerechnet den Begründer des Jesuitenordens) oder Harn- und Blutfluss (Gervasius, Protasius) zuständig sind, aber keinen respektive keine, in dessen/deren Ressort das Wohl des schwelgenden Gastes fallen würde, wenn man einmal davon absieht, dass die Heilige Bibiana, wohl ihres Namens wegen zur Patronin der Trinker erklärt wurde, in Wirklichkeit eine standhafte Jungfrau war, die vom bösen Statthalter Apronian des noch böseren Heidenkaisers Julian Apostata ins Bordell gesteckt und dort aufgrund ihrer Standhaftigkeit mit bleibeschwerten Geißeln zu Tode gepeitscht wurde.

Vielleicht hat das Stoßgebet zum heiligen Arbogast geholfen, seines Amtes zuständig gegen Niedergeschlagenheit, oder auch zum heiligen Bruder Konrad von Parzham, dem ewigen Pförtner von Altötting, den wir versehentlich angerufen haben, da er doch für das Seraphische Liebeswerk zuständig ist, aber wie mir Albert später versichert, durchaus bei allen Nöten bemüht werden kann. Jedenfalls deutet Hagen Knotterbeck, während ich schon zur Selbstverdauung übergegangen bin, auf ein Lokal, in dem viele schwitzende, dicke, krachfröhliche, einfach gewandete Menschen beiderlei Geschlechts, aber nur einer Klassenzugehörigkeit (des im Verschwinden begriffenen gemeinen Volkes) sitzen, und bar jeder Tischsitten und ohne jeden Respekt vor komplexem Krustengetier vor sich hin schlemmen. Kein Angehöriger von Tout-Sète und kein Tourist weit und breit zu sehen. Das Lokal selbst (Le Marty, 17 Promenade J.B. Marty, Tel. 67.74.46.45) ist von bestechender Hässlichkeit: ein langer Schlauch mit dem zinc (dem schweren Tresen, der in Frankreich wie in allen romanischen Ländern immer um ein Vielfaches solider, authentischer und teurer aussieht als seine deutschen Artgenossen, die stets in Resopalbeschichtung oder in plastehaltigem Holzimitat daherkommen), ein Korridor also vom Eingang zum Unisex-Klo, der Durchgang ausgestattet mit Winz-Tischen (die nun wiederum in echtem Resopal), die Wände in einem Rosa gehalten, das jedes andere Rosa, auch das der früheren Hüfthalter für mollige Damen, um ein Vielfaches an Geschmacklosigkeit übertrifft. Vor diesem Schankraum: das Arkadentrottoir, auf dem sich einige fliegende Händler niedergelassen haben und ihre geschmacklosigkeitskompatiblen Kunstgewerbekollektionen (Armreifen, Skulpturen, Silberlöffelchen und sonstigen Ethnokitsch) anpreisen, und davor wiederum der Schnettwittchensarg einer zum Lokal gehörenden umglasten Boulevardterrasse, in dem sich die fröhlichen Gäste breitgemacht haben.

Wir finden noch einen Platz, Hagen Knotterbeck zeigt sich zufrieden, die Kinder sind wie immer misstrauisch, ein Misstrauen, das fehl am Platze ist und sich sofort legt, als ihr Hors d'oeuvre kommt – handgeschnitzte Pommes, die es beispielsweise im gesamten Rhein-Main-Gebiet nur noch in einer einzigen Kneipe, nämlich im Spanischen Demokratischen Arbeiterverein in Hanau gibt (Tel. 06181 – 21772, unbedingt Tisch reservieren), einer Kneipe, die so heißt, weil sie mal während des Francoregimes die Anlaufstation für unbotmäßige Spanier aus dem Dunlop und dem Heraeus war, inzwischen aber von Privathand als „Spanier“ für Spanier geführt wird. Immer noch stehen melancholische spanische Vereinsfrauen in der Küche, um die Kartoffeln ohne andere Hilfsmittel als „Kneipchen“ (hessisch für kleines Schälmesser) und Fettpfanne zu drechseln, zu sautieren und zu frittieren, auf dass ihre patates so werden und so munden wie heute im Marty. Wir nehmen als Vorspeise unsere erste Fischsuppe, eine Bourride sétoise, eine ihrer Art, die in Sète etwas anders als sonstwo hergestellt wird (warum, wird noch zu klären sein); Hagen Knotterbeck wählt als Hauptspeise Moules farcies und meine Wenigkeit Seiche sétoise, Sepien, die übrigens auch bereits in der Fischsuppe geschwommen sind, aber mir in dieser Darreichung erneut heftig konvenieren. Die Kinder vertilgen zum Hauptgang nochmals eine Riesenportion Pommes und zum Nachtisch eine kleiner dimensionierte Crème brulée. Beschwingt vom Picpoul-de-Pinet, dem regionalen Weißwein, keinem besonders hervorstechenden Tropfen, der aber frisch, fromm und frei daherkommt und selbstverständlich mit der Meeresfauna gut harmoniert, genießen wir den Ausblick, der tatsächlich das bietet, was die Visitenkarte des Marty verspricht: Terrasse panoramique sur le port. Heute ist wenig Betrieb im alten Hafen, aber wochentags geht hier die Post ab, vor allem, wenn am frühen Nachmittag die hochseetauglichen Fischkutter aus den weitentlegenen Fanggründen kommen, hier anlanden und die Beute ausspucken. Dann sitzen die Fresser des Marty und nicht die der nobleren Etablissements am Quai Général Durand in der ersten Reihe.

Fresser, wie beispielsweise am Nachbartisch der alte Hagestolz, von dem man sich gut vorstellen kann, dass er mit dem gleichaltrigen Georges Brassens zusammen die Unschuld in einem der Puffs zwischen Quai Louis Pasteur und Quai Vauban, dem Viertel hinter dem Meeresamt, vergeudet hat. Monsieur Vieux-Pote-de-Georges also entkrustet und entpanzert Unmassen Langusten, Austern und Muscheln und setzt diese in seinem mit mindestens drei Litern Picpoul gefüllten Wanst frei. Oder am anderen Tisch die Duponts, deren identische Nasenform und -farbe auf ihre ländliche, und zwar unverkennbar binnenländische Herkunft hindeuten. Wahrscheinlich stammen sie aus St Andéol-de-Clerguemort am Fuße des Mont Lozère und haben die gut 120 Kilometer hierher auf sich genommen, um den dort üblichen, mit einem p'etit rouge begossenen Hammel gegen Dorade royale au thym à la tomate acidulée (etwa: Goldbrasse der Extraklasse) und einem Clairette, dem Weißwein aus den auflandigen Lagen des Languedoc, auszutauschen. Die Nasenbären von Duponts wechseln kein Wort miteinander (die Leute am Mont Lozère sind in Worten so karg wie die Berge dort an Bäumen), sie geben sich stattdessen still der Ess- und Trinklust, das aber mit so ungebremstem Vergnügen hin, dass es einem für ihre Heimfahrt auf der stark frequentierten Nationale 110 angst und bange sein muss.

Bang werden muss es mir um meine Beine. Sie nehmen auf dem Rückweg zum Auto langsam die Nasenfarbe der Duponts vom Mont Lozère an, ein Umstand, der Hagen Knotterbecks nach einer Phase einer durch die Tischfreuden induzierten Mäßigung scharfe Missfallensbekundungen auslöst. Die Kinder feixen: „Der Papa hat sich nicht eingeschmiert, jetzt ist er angeschmiert.“ Kinderkram in Schüttel und Reim, tröste ich mich, während ich eines Klutzkopps (hessisch: Glotzkopps) ansichtig werde, der – die parkenden Autos als Schamblende missbrauchend – in den (schiffbaren) Canal de Sète schifft.

Wir kommen in des Quai de la Résistance an einigen Marktständen vorbei, wo Hagen Knotterbeck schnell noch ein Brot erwirbt, das zu den allgegenwärtigen, in ganz Frankreich geschmacklich immer fader werdenden Baguettes eine Alternative darstellen soll: Brot aus jener Gegend, aus denen die Duponts stammen dürften, dunkelbraungebranntes pain au seigle – so selten wie ein Bismarckhering im Étang de Thau, dafür aber so teuer wie ein selbiger im Jahr 2030 (verglichen mit dem Preis eines Exemplars aus dem Jahr 1880, als der damalige Reichskanzler seinen Namen dafür hergab). Für 250 Gramm zahle ich drei Euro – da kackt der seit der französischen Revolution bis 1978 subventionierte Baguettepreis von etwas rund einem Franc in der Preisgestaltung vollkommen ab. Aber Franc plus Subvention hin, Euro plus Wucher her: Das Brot schmeckt, wie der Beißtest zeigt, ohne Abstriche und das auch ohne irgendeinen Aufstrich. Am Quai steht ein Mittdreißiger und pinkelt in formvollendeten Bogen auf einen rostigen Kahn. Hat wohl aufs Meer gehalten, der Eichstrich, der bei ihm vier Promille anzeigt, verhinderte den Treffer. Allmählich gehen mir die pinkelnden Franzosen auf den, äh… Ist doch wirklich unheuerlich diese öffentliche Unbeherrschheit im Blickfeld einer deutschen Familie.

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Der Ferienalltag in Péret beginnt, das heißt, ich habe Croissants und Baguette(s) zu organisieren, bevor meine Damen mit getrübtem Blick den dann nicht mehr ganz so taufrischen Morgen begrüßen. An der Bushaltestelle Ecke Route de Cabrières/Avenue Marcellin Albert drei heftig pubertierende Teenies, richtige Lolitas, die mich gleichwohl artig grüßen und dabei das süßeste und unschuldigste Lächeln aufsetzen, das sie in ihrem Repertoire finden. Das ist aber schon alles, was mir Péret an Willkommensgrüßen bietet. Die etwa fünf Dorfbewohner, denen ich in den stillen Straßen begegne, schauen betreten unter sich und können sich erst zu einem mühsamen Bonjour aufraffen, als ich ihnen einen solchen entgegenbelle.

Der gestrige Erkundungsgang erspart mir Umwege und ich erreiche die vorgebliche Boulangerie pünktlich zur Öffnungszeit. Dort sind bereits einige Frauen und Mannsleute versammelt. Die Frauen sehen aus wie Klatschweiber, sind auch Klatschweiber, aber nicht hier und heute und nicht bei diesem Zusammentreffen – es herrscht tiefes Schweigen. Ob die sich wohl nicht grün sind, ob wohl Madame Sauvaire der Madame Jourdan beim Blumengießen die Wäsche bepinkelt hat? Oder die Schwiegertochter von Madame Pignol der Tochter von Madame Capely, dieser Schlampe, übel nachredet? Oder Madame Graillac der Madame Robert immer die letzten Croissants wegschnappt?

Letzteres scheint – wie sich alsbald zeigt – in dieser Bäckerei zur Regel zu gehören: Obwohl ich mich rechtzeitig eingefunden habe, bekomme statt der gewünschten vier Croissants gerade noch eins. Madame la boulangère, die im Kopfrechnen offensichtlich so unterbelichtet ist, dass sie die Preise des 1 Stück Croissant und des 1 Stück Baguette in einem zeitaufwendigen Additionsverfahren auf dem Schreibblock ermitteln muss, empfiehlt Vorbestellung. Madame la boulangère fehlt übrigens so ziemlich alles, was dem durch Film, Funk und Literatur gespeisten Stereotyp der typisch französischen Mischgattung von Bäckersfrau und confiseuse entspricht: jener dralle Urtyp mit den vollen Lippen, mit dem Kirschrot, das den Kunden aus dem milchhäutigen Gesichtchen anspringt, die allerallerreizendste Ehebrecherin, die im Verkaufsgespräch mit lasziven Gesten von den phallischen Backwaren auf die Naschwerke mit deren ohnehin allerzweideutigsten Benamungen überleitet: auf die Jésuites oder die Réligieuses (die „Nonnen“, das sind gefüllte Windbeutel, weswegen es in der Burleske recht anzüglich heißt: „Lasst uns ein paar Nonnen genehmigen…“). Also die französische Bäckerei als solche riecht und schmeckt nach erotischem Abenteuer, ganz im Unterschied zur französischen Metzgerei, die in der kollektiven Imagination eher zuständig ist für die gleichsam platonische Liebe durch den Magen. Die Bäckerei steht für die unabwendbar sich steigernde lustvolle Kundenorientierung, wohl auch deshalb, weil der müßiggängerische männliche Kunde alle Zeit der Welt für die finale Begegnung mitbringt, während der Bäcker selbst, der bereits gehörnte oder erst noch zu hörnende Ehemann, zu den unmöglichsten Zeiten schuften muss, seine Säfte vor dem heißen Backofen austranspiriert, während ihm die beginnende Mehlallergie ohnehin die Neigung zu Ausschweifungen raubt, vulgo: auf den (Mehl-)Sack schlägt. All das ist nachzulesen in den einschlägigen Werken vieler französischer Klassiker angefangen von Emile Zola über Jean Giono bis hin zu dem Krimischreiber Pierre Magnan.

Nichts davon in Péret. Die einheimische Vertreterin ist mürrisch. Bei mehr als drei Kunden im Laden, die wirklich nichts anderes im Sinn haben als den Erwerb einer harmlosen flûte oder einer noch harmloseren ficelle (der ganz dünne Schniedel) bereits in panischer Auflösung begriffen, offenbart sie eine Psychomotorik, als hätte es zwischen Ausgabetisch und Brotregal, aus der die Baguettes steif aufragen, schon einmal eine größere Übergriffigkeit gegeben. Nichts wie weg hier, die Befangenheit steht sogar, wie ich im Rausgehen bemerke, dem 80jährigen ins Gesicht geschrieben, der hinter mir wartet und wohl einen Imbiss für die Arbeit im Hausgarten erwerben möchte.

Locker dagegen die Atmosphäre im Zeitungsladen, wo ich mir den Midi Libre besorge. Hier ist alles zu finden, was das Herz begehrt: vom Insektenvernichter über Rasierapparate bis hin zu Kondomen (die in Frankreich alle Bezeichnungen tragen außer eben „Kondome“. Damit können die Franzosen nichts anfangen – mit den Gummis schon, aber nicht mit der Bezeichnung, weswegen eine Kleinstadt in der Gascogne mit dem Namen Condom erst kürzlich dahinterkam, warum ihr von englischen Touristen schon seit Jahrzehnten die Ortsschilder geklaut werden. Als die Stadtväter sich dessen endlich bewusst wurden, haben sie den schicksalhaften Namen ihres Heimatortes sofort touristisch ausgeschlachtet und Condom als „Hauptstadt der Pariser“ oder so ähnlich vermarktet).

Aufgeräumte Stimmung im Laden – um der Wahrheit die Ehre zu geben – eine Kombination aus Épicerie, Metzgerei und Tabac-Journaux: Die französische Fußball-Elf (nicht zu verwechseln mit Elf-Aquitaine) hat am Vortag die Spanier disqualifiziert und sich damit den Weg ins Halbfinale freigeschossen.

Sind – wie heute – mehr als zwei Kunden anwesend, herrscht Towobawohu; der etwa 70jährige Besitzer diskutiert lautstark mit seinen Stammkunden, seine Frau kreischt dazwischen, die zwei Tölen geifern (natürlich astreine p'etits caniches) und schicken sich an, die Füße der Kundschaft zu versabbern. Als sich der zweite Stammkunde zum Scherz darüber beschwert, dass er wegen des unbeschreiblichen Chaos nicht findet, was er sucht, wird er mit dem Hinweis zurechtgewiesen, dass Monsieur le touriste (damit bin ich gemeint) sich sehr wohl zu orientieren wisse, obwohl er doch das erste Mal im Laden sei (aha!).

Das Angebot beschränkt sich nicht auf Rattengift, Rasierapparate sowie sonstige elektrische Kleingeräte und (nichtelektrische) Kondome. Der Laden fungiert auch als örtliche Tankstelle: Vor dem Ladenlokal stehen zwei Tanksäulen – eine für das stark nachgefragte Mopedgemisch, auch in der üblichen Ausgabeform für Dieselfahrzeuge geeignet; die andere bedient sämtliche Oktanwerte von Normal bis Super und heißt auch gattungsübergreifend super. Ich selbst werde in den drei Wochen, in denen ich täglich den Midi Libre erwerbe, nur einen Kunden sehen, das heißt eine Kundin, die hier tankt: Es wird sich um die 75 Jahre alte Madame Rodriguez (oder doch Pérez?) handeln, die hier alle zwei Tage ihren circa 50 Jahre alten 2 CV abfüllt. Ich frage mich jedes Mal, wenn ich sie sehe: 1. Welche Stippvisiten unternimmt wohl die Alte, dass sie alle zwei Tage le pleng (also volle Tankdröhnung) benötigt? 2. Wieviel Kilometer hat der 2 CV auf dem Buckel, wenn die Alte ihrer Kiste alle zwei Tage 600 Kilometer abnötigt? Die Antwort auf Frage 2 ist natürlich auch für Kopfschwache mit dem Taschenrechner schnell zu ermitteln – trotzdem oder gerade deshalb verbleibt ein Restmysterium, das es in sich hat und in mir Beunruhigung bis zur Niederschrift dieser Zeilen auslösen wird.

Der heutige Midi Libre ist streng genommen unlesbar. Trotz des 2:1-Erfolgs der französischen Équipe lautet das Tagesthema Nummer eins: le tramway. Le-was-bitte-schön? Nun, die Straßenbahn in Montpellier – folgt man dem Midi Libre ein Thema, was den ganzen „Midi libre“, also das freie, von deutschen Schutzstaffeln unbesetzte Südfrankreich, bewegt. Um nicht länger herumzugeheimnissen: Die Stadt Montpellier wird heute ihre neue tramway in den Regelbetrieb stellen, und zwar – halten zur Gnade – mit einer einzigen Linie, die von Nordwest-Montpellier über das Zentrum bis zum südwestlichen Stadtrand führt. Das Ganze wird als verkehrspolitische Großtat gefeiert, so als würde Air France die Flugroute zum Mars eröffnen. Ganz besonders feiern lässt sich Georges Frêche, der Bürgermeister von Montpellier, eine Art linker Franz Josef Strauß des französischen Südens, der sich aber – um dies vorwegzunehmen – mit seinem dumpfbackigen Populismus in den nächsten Tagen einigen Ärger einhandeln wird.

Um dem Midi Libre Gerechtigkeit willfahren zu lassen, sei vermerkt: Ein weiteres Thema kündigt sich an, in dieser Montagsausgabe noch etwas verschämt als Eckenbrüller (das ist die Spalte rechts außen auf der Aufmacherseite) getarnt, und dieses Thema wird die République Française in den nächsten Monaten noch sehr viel stärker beschäftigen: l'affaire McDo, der Prozess gegen den Schafzüchter José Bové und neun weitere Bauern, die im Jahr zuvor im nahegelegenen Millau eine kurz vor der Fertigstellung stehende McDonald‘s-Filiale verwüsteten, und zwar nicht, indem sie randalierenderweise mit Pappbechern um sich geschmissen hätten, sondern unter Einsatz schwersten landwirtschaftlichen Geräts, mit dem sie den Bau buchstäblich schleiften. Die Kinder werden hellhörig: Mc-Donald‘s? Das bewegt auch sie. Obwohl sie trotz besserer Einsicht hin und wieder regredieren und unversehens ihren Appetit an Rindspappe und Press-Pommes einklagen, begrüßen sie den Hack des Hackers. „McDo“, sagen sie, „= McDoof.“ Hagen Knotterbeck billigt in der familiären Meinungsbefragung ebenfalls die Aktion, lehnt aber die Alternative, die Bové anbietet, rundweg ab: Roquefort statt Burger. Ich für meine Wenigkeit, der auch den Roquefort herzlich verachte, plädiere für Vin de pays statt Cola.

Badewetter: Wir entscheiden uns wegen der nordischen Bleichhäutigkeit, die uns noch eigen ist, gegen das UV-intensive Meer und für den Lac du Salagou, den größten Stausee im Département, wenige Kilometer hinter Clermont. Der Lac liegt in einer Mondlandschaft aus rotem Tuffstein, der allmählich zu Staub verwittert und bei den häufigen Scherwinden, die hier oben herrschen, zuweilen in unangenehmen Staubstürmen aufwirbelt. In der Tiefe des Sees sollen sich noch einige erloschene Krater befinden, in denen sich einst – als das Tal noch nicht überflutet war – eine Riesenherde von Dinosauriern im heißen Aschenregen suhlte. Einige Fußabdrücke sind im oberen, nicht überfluteten Tal zwischen dem Weiler Mérifons und dem serbokroatisch klingenden Dorf Salasc erhalten. Die Größenordnung der Spuren bewegt sich in der Dimension jenes sagenhaften Kohlekastens der historischen Saarbrücker Schuhhandlung Braun, in den Hutersch Wiss, ein wegen seiner Plattfüßigkeit bekannter Ensheimer, vor ungefähr siebzig Jahren gestiegen war, um dann den Kommentar abzugeben: „Passsst! Genn ma noch die Nischtele dazu und sie sinn gekaaf.“

Der Lac du Salagou indes ist jüngeren Datums als das Saarbrücker Schuhgeschäft, und er ist vor allem Äonen nach den prä- und postkarbonatischen Epochen entstanden. Das Wasser wurde nämlich erst Anfang der 70er Jahre aufgestaut, wobei den Vermessungstechnikern ein bezeichnendes Missgeschick unterlief. Dazu muss man wissen, dass die Franzosen ein typisches 2-D-Verhältnis zu ihrer Umwelt haben. In ihrer bekannt oberflächlichen Art sind sie Artisten der zweidimensionalen Wahrnehmung (weswegen sie mit der Carte Michelin schon kurz nach 1900 das weltbeste Straßenkartenwerk erfunden haben), aber sie sind gleichsam große Legastheniker der räumlichen Apperzeption, weswegen sie zu den Rekordhaltern bei Totalkollisionen im Straßenverkehr zählen. Mit anderen Worten: Sie wissen, wo's langgeht, nur nicht, wie. Jedenfalls haben die dem Nationalcharakter typischen Eigenschaften dazu geführt, dass im Falle des Lac du Salagou den Planern einige ausgesprochen peinliche Fehler unterliefen: Beispielsweise wurde ein Dorf namens Celles evakuiert, weil man glaubte, dass dieses beim Aufstauen des Wasser überflutet würde. Weil Celles, heute am Nordwestrand des Sees zu finden, aber höher liegt als die Krone der Staumauer im Osten, was auch einem Blinden mit Pupillenverengung ohne weiteres ersichtlich ist, blieb das Dorf von den Wassermassen verschont. Nur hatten sich die Bewohner mittlerweile in alle Ecken Frankreichs verzogen. Deshalb wurde – zweite Merkwürdigkeit – aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen des französischen Haftungsrechts ein Zaun um die mittlerweile weitgehend dachlosen Häuser gezogen. Auch wurde ein Monsieur Brière, genannt „Bichette“ („Schätzchen“), zum Wächter bestellt; Bichette ist inzwischen zu einer wichtigen Figur der ökologischen Szene rund um den See avanciert.

Die Umweltschützer haben übrigens gestern ihre Stärke eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Im Beisein von José Bové fand eine für hiesige Verhältnisse machtvolle Demo mit annähernd 1500 Teilnehmern vor dem Zaun von Celles statt. Unter dem Motto tous au Salagou ging es gegen die Pläne eines amerikanischen Milliardärs, der bei Lodève eine Autorennstrecke und zusätzlich in Seenähe eine Golf-Hotel-Anlage mit allen erdenklichen Angeboten der Lustbarkeit finanzieren will. Überhaupt haben die Amerikaner das Languedoc entdeckt – weniger als Touristen, da stehen Paris, Pisa, Athen und Heidelberg vor, als vielmehr mit ihrer Kapitalkraft.

McDoof ist in dieser Hinsicht noch ein harmloses Beispiel für einen neuerlichen Schub des Imperialismus, der sich nunmehr der gesamten Gegend zwischen dem Gard und dem Canal du Midi bemächtigt. Behauptet jedenfalls ein Monsieur Porte-Jarrytelles, mit dem ich auf jener Landungsbrücke ins Gespräch komme, die sich von der Straße sinnlos in den Saligou hinausschiebt. Ein merkwürdiger Zeitgenosse, der, wie er sagt, hier mindestens sechs Monate im Jahr verbringt, und der mir schon von weitem dadurch aufgefallen ist, dass er nicht nur von Karl Valentin Figur und Physiognomie entlehnt zu haben scheint, sondern auch – für die Geländebeschaffenheit ganz und gar ungewöhnlich – mit einem Hollandrad in hellblauer Metallic-Lackierung unterwegs ist.

M. Porte-Jarrytelles (zweifellos ein Künstlername, der sich im Deutschen etwa als „St(r)umpf- und Stielhalter“ ausnimmt) erklärt in reichlich seltsam anmutenden Worten warum: „Wir haben es zunächst mit dem Versuch zu tun, den man aus dem (fiktiven) Reich des Königs Ubu kennt: mit der Enthirnungsmaschine, die die kulturellen Eigenarten gleichrichtet.“

Cater Jarim: „Mit der Enthirnungsmaschine?“

M. Porte-Jarrytelles: „Ja natürlich, etwa vergleichbar mit der Deterritorialisierungs- und Reterritorialisierungsmaschine von Gilles Deleuze. Zuerst werden Verhaltensweisen entgrenzt, am zweckmäßigsten unter Zuhilfenahme von Muster und Orientierungen der notorischen Systemgegner – man denke an die sexuelle Revolution. Dann wird die Leerstelle, die sich auftut, der Nullpunkt der Möglichkeiten, mit neuen Kulten, beispielsweise den neuen Körperkulten aufgefüllt. Sexualität wird dann aus einem Tiefen- zu einem Oberflächenphänomen. Statt Penetration und Ejakulation – Pentitentation, was man etwa mit Selbstverklappung umschreiben könnte. Nicht mehr gilt: Nutze die Brunft der Stunde. Sondern: Ersetze den Schwund der Lunte. Durch was? Durch permanentes Posing, durch konsequenzlose Balz, die gewissermaßen die Fleischlichkeit der Sexualität entmaterialisiert.“

Cater Jarim: „Wenn ich die Sexualmetaphern übersetze, dann meinen Sie also, dass in sämtlichen Lebensvollzügen und -vorgängen, die unsere heutige Existenz bestimmen, eine Selbstaufwertung bei gleichzeitiger Selbstbeschneidung, äh, ich meine: Selbstbescheidung im Gange ist, ein Nullsummenspiel, eine Nullbilanz von Aufwand und Ertrag? Das soll doch wohl heißen, dass niemand von dem, was wir so treiben, profitiert und keiner geschädigt wird und man selbst nichts davon hat?“

M. Porte-Jarrytelles: „Nein, keineswegs. Genau das ist der Trugschluss. Ich habe nicht umsonst von einer Enthirnungsmaschine gesprochen. Das, was Sie selbst als das Phänomen McDoof bezeichnet haben, ist nur ein, übrigens vergleichsweise harmloses Beispiel für den Vorgang. Was hier im Gang ist, ist die Zerstreuung, die Zerstäubung von Intelligenz. Die ist es, die auf der Strecke bleibt, ein Vorgang, der ein gefährliches Spaltprodukt freisetzt, und ich meine damit nicht die Risiken der neuen Körperkultur, wie etwa entzündete Piercingnarben oder letaler Schädelbruch beim Bungeesprung oder Hinschied infolge eines Anabolikaschocks. Nein, was sich hier auftut, ist die Unmöglichkeit, Ideen zu finden, Konzepte zu ersinnen, Phantasie zu entwickeln. Eine Art Versehrtheit zweiten Grades also: Das Denken reduziert sich auf das Studium von Anwender-Manuals, Liebe auf den bedingten Reflex des Habenwollens, Gotteserfahrung auf die Praxis von Feng-Shui, Naturerleben auf die Eignungsprüfung von Stock und Stein für Extremsport.“

Cater Jarim: „Die alte kulturkritische Klage…“

M. Porte-Jarrytelles: „Vorsicht, denn das ist noch nicht alles: Jetzt kommt der zweite Grad der Analyse: Jetzt – nach dem Stadium der reinen Enthirnungsmaschine – kommt die Phynanzpumpe ins Spiel.“

Cater Jarim: „Die was?“

M. Porte-Jarrytelles: „Die Phynanzpumpe. Sie ist schon in ‚König Ubu‘ ansatzweise erklärt, und es ist das Verdienst des pataphysischen Wirtschaftswissenschaftlers Professor Daniel