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"Dieser Kristall muss zum Propheten der Elfen gebracht werden. Schick unseren schnellsten Boten! Wir Kaldaraner werden uns den Feinden entgegenstemmen, so lange wir können." Ein tiefes Grollen ließ den Boden erzittern und Staub von den Wänden rieseln. "Es hat begonnen!" Jahrhundertelang lebten die Völker Alandrias in Frieden. Doch ein alter Feind ist erwacht und stürzt die Welt in einen erbarmungslosen Krieg. Teldran und sein Bruder fliehen aus ihrer Heimat. Was sie nicht wissen: Sie führen ein Artefakt bei sich, das ihr Widersacher unbedingt in seinen Besitz bringen will. Städte gehen in Flammen auf, Bündnisse zerbrechen. Während die Helden von den unerbittlichen Kreaturen des dunklen Königs gejagt werden, entbrennt ein Kampf in ganz Alandria um das Überleben aller Völker. Ein spannendes und mitreißendes Fantasy-Epos mit unerwarteten Wendungen.
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Seitenzahl: 657
Veröffentlichungsjahr: 2020
Geboren im September 1985 wuchs Stephan Linnenbank im Münsterland auf.
Heute glücklich verheiratet und stolzer Papa. Begleitet wird die junge Familie von ihrem treuen Begleiter Thor (Alaskan Malamute).
Bereits sehr früh entdeckte er seine Affinität zu Fantasy in jeglicher Hinsicht. Jahrelang feilte er an diesem ersten Werk.
Wenn er seine Abende und Freizeit nicht seinem Buch und dem Schreiben widmet, genießt er die Natur, Sport, Reisen und auch gerne mit der Frau auf der Couch Binge Watching.
Wer mehr erfahren möchte, kann ihm gerne auf den Sozialen Netzwerken folgen.
Unglaublich, aber ich habe mein erstes Buch geschrieben und veröffentlicht. Doch der Weg dahin war alles andere als leicht. Und ohne einen kleinen Anstoß wäre es vielleicht auch niemals entstanden. Darum geht der wohl größte Dank an meine Frau! Unermüdlich hat sie mich unterstützt.
Ohne dich gäbe es dieses Buch definitiv nicht! Ich liebe Dich!
Ein riesiges Dankeschön geht an Stefan Pfürtner. Wenn ihr euch fragt, wer Cover, Karte und Bilder hinzugesteuert hat, ist dieser Künstler die Antwort. Ohne ihn sähe das Buch optisch heute völlig anders aus.
Ebenfalls geht ein Dankeschön an Sean Sams. Mit viel Zeit und Hingabe hat er die Teaser und das Interview zu meiner Geschichte ins Leben gerufen.
Auch ein herzliches Dankeschön geht an Markus Kremser und Timo Ludwig. Zwei Kameraden, die sich die Zeit genommen haben, das Werk zum Schluss nicht nur auf Rechtschreibfehler, sondern auch auf den Inhalt hin zu kontrollieren und mir mit konstruktiver Kritik zur Seite standen.
Und auch Familie und Freunde müssen hier erwähnt werden. Die Personen, die mich in meinem Leben begleiten und mir stets Mut zusprachen, an diesem Projekt festzuhalten. Für einen Autor, der sein erstes Werk veröffentlichen will, ist der Weg oft steinig. In meinem Fall musste ich kämpfen und viel einbringen. Ohne die stetige moralische Unterstützung und ein solch tolles Umfeld wäre der Weg sicherlich ein gutes Stück schwieriger gewesen.
Prolog
Kapitel 1 - Der Ansturm
Kapitel 2 – Der Widerstand
Kapitel 3 - Aussichtslosigkeit
Kapitel 4 – Die Flucht
Kapitel 5 - Überleben
Kapitel 6 – Dämmerung
Kapitel 7 – Die Städte brennen
Kapitel 8 – Erkenntnisse
Kapitel 9 – Ungeahnte Macht
Kapitel 10 – Neue Bekanntschaften
Kapitel 11 – Die Versammlung
Kapitel 12 – Die Ruhe vor dem Sturm
Kapitel 13 – Der Sturm
Kapitel 14 – Eine unerwartete Reise
Kapitel 15 – Begegnungen
Kapitel 16 – Gehütete Orte
Epilog
Charakterübersicht
Glossar
Die Sonne stand hoch und drückte kräftige Sonnenstrahlen auf den seichten Bodennebel. Alvarion ging gern durch diesen Wald. Die Spaziergänge erinnerten ihn an die Schönheit und Perfektion der Natur. Wenn man aufmerksam genug war, konnte man die unglaubliche Lebendigkeit des Waldes hören, riechen und spüren.
Er schlug die Kapuze seines grauen Wamses zurück und legte seinen Kopf nach hinten, um die frische Luft einzuatmen und sein Gesicht mit der warmen Sonne zu füllen.
Im letzten Moment drehte er sich blitzschnell seitlich weg und duckte sich. Die beiden ungewöhnlich schweren Pfeile krachten nur knapp hinter ihm ins Unterholz.
Knapp über ein Dutzend Krieger mochten es sein, die ihm aufgelauert hatten. Der nächste Pfeil schoss aus dem Wald auf ihn zu. Er hörte, wie sich drei weitere Bögen lösten. Den ersten parierte er mit einer schnellen Drehung des Stabes, dem zweiten entkam er durch eine leichte Kippbewegung zur Seite. Er konnte das Surren des Pfeiles hören, als dieser nur um Haaresbreite an seinem Ohr vorbeischoss. Die beiden weiteren Pfeile beachtete er gar nicht, da ihm klar war, dass diese ihn nicht treffen würden.
Sie stürmten heran. Schnell. Konsequent. Aggressiv. Sie waren nur noch wenige Schritte von ihm entfernt, doch er bewegte sich noch immer nicht. Der Vorderste hatte ihn fast erreicht und schob sein grobes Schwert vor sich her, um Alvarion aufzuspießen.
Er kam nicht dazu. Vier in Schwarz gehüllte Gestalten waren ebenfalls aus dem Nichts aufgetaucht und attackierten die völlig überraschten Angreifer. Die Klinge, die nach Alvarion lechzte, wurde von einer Sarazenenklinge in die Höhe geschlagen und der Angreifer tat nun sein Möglichstes, den nachsetzenden Angriffen zu entgehen.
Die vier schwarz gewandeten Gestalten hatten schon sechs der Angreifer mit blitzendem Stahl zu Boden gestreckt. Das Überraschungsmoment war jedoch vorüber. Die Situation entwickelte sich zu einem verbissenen Kampf.
Die vier schwarzen Gestalten waren zwar deutlich zierlicher als die gut einen Zentner wiegenden Gegner, jedoch standen sie ihnen in Kampfgeist und vor allem in ihren Fertigkeiten in nichts nach. Eine der Gestalten entging einer schweren und rostigen Klinge nur knapp. Sie duckte sich mit einer Drehung darunter her und musste gleich wieder einen Satz nach hinten machen, um von dem nachfolgenden Schlag der gleichen Klinge nicht aufgeschlitzt zu werden. Der Kampf der bulligen Angreifer wurde koordinierter.
Alvarion stand noch immer regungslos da und sah sich den Kampf konzentriert, aber ruhig an.
Zu seiner Rechten lag einer der Angreifer am Boden. Eine der Sarazenenklingen hatte sich tief in seine linke Schulter auf der Höhe seines Herzens gebohrt, was ihn unverzüglich hatte erschlaffen lassen. Er ging zu der Leiche hinüber und hockte sich vor ihr nieder. Argwohn überkam ihn, während er den Leichnam betrachtete.
Es war nur ein leichtes, kaum wahrnehmbares Geräusch, doch Alvarion reagierte sofort, schoss mit einer Drehung in die Höhe, drehte seinen Stab an beiden Hälften in die jeweils entgegengesetzte Richtung und betätigte damit einen Mechanismus.
Zwei lange Klingen waren nun dort, wo vorher noch die einfachen Enden des Stabes gewesen waren. Mit der einen Klinge parierte er ohne Mühe den Schwerthieb des, wie er jetzt erkannte, letzten verbliebenen Angreifers. Er führte seine Drehung zu Ende, sodass er dem Angreifer nun wieder den Rücken zeigte, und rammte ihm die andere Klinge in den Torso.
Im nächsten Moment waren die Klingen verschwunden und es war wieder ein normaler Stab. Der Krieger sackte noch zusammen, während Alvarion bereits wieder über der ersten Leiche kniete, die er sich angeschaut hatte.
„Es tut mir leid“, stammelte eine der in schwarz gekleideten Gestalten verzweifelt.
„Denke immer daran, dass du deinen Gegner niemals unterschätzen darfst, Synthia!“, sagte Alvarion ruhig. „Der Angriff war hart, schnell und die Krieger waren gut ausgebildet! Du hast dir also nichts vorzuwerfen.“
Synthia wirkte ein wenig erleichtert und nahm ihre Kapuze ab. Das Gesicht der schönen jungen Elfe, die er bereits seit einigen Jahren unterrichtete, wurde sichtbar. Sie hatte lange blonde Haare und blaue, zuweilen türkisfarbene Augen, sodass Alvarion manchmal dachte, das Meer selbst habe sich dazu entschieden, diese Elfe zur Welt zu bringen.
Auch die anderen setzten nun ihre Kapuzen ab. Eine von ihnen ging ebenfalls zu dem Leichnam, bei dem Alvarion noch kniete.
„Wie kann das sein?“ Sie war zwar sehr gefasst, doch Alvarion kannte sie gut genug, um zu wissen, dass Angst in ihr loderte. Zu langsam näherte sie sich dem Leichnam.
„Ich weiß es nicht, Levinja“, sagte Alvarion mit ruhiger Stimme. „Es ist gar nicht üblich für Urluka, mit Rüstung und nicht völlig verbeulten Waffen zu kämpfen. Und schon gar nicht so gezielt, gut ausgebildet und formiert.“
In Alvarions Kopf begannen sich die Gedanken zu überschlagen. Er wusste nur allzu gut, wie sehr Levinja damit Recht hatte.
Die Urluka waren unorganisiert und auf leichte Beute aus. Warum waren sie nicht geflohen als sie erkannt hatten, dass er nicht allein war?
Es gab viele von ihnen, ja. Wie viele genau, war zwar ungewiss, da diejenigen, die sich in Alandria selbst befanden, nur in kleinen Gruppen agierten. In Zhurgurad hingegen wusste man aus Erzählungen, dass sie sich zu großen Heeren zusammenschlossen, dann aber wegen irgendwelcher Rivalitäten gegenseitig bekämpften. Selbst wenn man alle Völker zusammennehmen würde, mochte die Zahl der Urluka sie noch übersteigen. Eine Zahl, die wohl nur von den alten und längst ausgestorbenen insektenartigen Völkern übertroffen worden sein mochte.
Alvarion bemerkte, dass seine Kriegerinnen immer nervöser wurden, da er schon seit längerer Zeit regungslos dahockte und in Gedanken versunken war. Wenn diese Kriegerinnen schon einen Hauch von Furcht durchschimmern ließen, wie würde es dann mit den restlichen Völkern aussehen?
Er musste unweigerlich schmunzeln. Die Zwerge würden sich allein zum Trotz in jedes Getümmel mit diesen Wesen stürzen. Wehe, ihnen würde jemand nachsagen, sie hätten Angst. Doch das Lächeln verschwand und wich einer ernsten Miene.
Was war das? Wurden sie beobachtet? Das Gefühl war so schnell wieder weg, wie es gekommen war. Ein Gefühl von Übelkeit verschleierte kurz seinen Blick. Er schüttelte sich ein wenig. Dann war es vorbei. Ein kurzer Griff in seine Gedanken, auch wenn dieser nicht gelungen war. So einfach war das bei ihm nicht. Er wusste, was passiert war: Ein Dämon, ein Wesen aus den alten Sagen, hatte versucht, sich in seinem Verstand einzunisten. Der Gedanke beunruhigte ihn bis ins Mark.
Dämonen oder niedere Wesen mit gleichen Absichten konnten dafür verantwortlich sein, dass die Urluka seit einigen Jahren ihr Unwesen in Landaria trieben, und wie es nun dazu kam, dass sie tatsächlich koordiniert angreifen konnten. Sie mussten aus dem Westen an der Grenze zu Zhurgurad eingedrungen sein. Aus dem Land, das kein Leben außer den Urluka hervorbringen konnte.
Die Erkenntnisse und Vermutungen ließen ihn nicht mehr los. Er brauchte Erklärungen. Und er hatte so eine Ahnung, wer ihm in seiner Ausbildung nicht unbedingt alles anvertraut hatte.
Aber noch viel wichtiger war: Die Völker dieser Welt mussten benachrichtig werden!
Synthia, die noch neben ihm hockte, schaute ihn durchdringend an. „Was ist los, mein Herr? Noch nie haben wir bei Euch auch nur eine Spur von Furcht gesehen. Was wisst Ihr, das wir nicht wissen?“
„Reitet! Ich will die Anführer aller Völker heute noch sehen. Aller Völker, hört ihr? Eine Audienz im verzauberten Wald. Dort sollten wir sicher sein“, befahl Alvarion.
„Sicher wovor?“, wollte Lyurana wissen.
„Genau das ist es, was ich herausfinden will.“
Drastika schaute besorgt zu Alvarion. „Mein Herr, was geht hier vor?“
„Alles zu seiner Zeit, Drastika. Sobald ihr die Völker einberufen habt, werde ich euch alles erklären. Jetzt jedoch muss ich einen alten Freund besuchen und darauf hoffen, dass er etwas mehr gesehen hat oder weiß als ich.“ Er sah, wie Lyurana gerade protestieren wollte, da hatte er seinen Teleportationszauber bereits gewirkt. Die Luft vor ihm fing an zu schimmern. Kurz bevor er verschwand, nahm er noch war, dass die Sonne nicht mehr schien. Es herrschte Zwielicht.
Er hatte sich direkt zu Gulrock teleportiert, in einen alten Turm, in dem sein Meister die meiste Zeit verbrachte. Er war auf einem der Balkone angekommen und sah vor sich die karge Steppe, in die dieser Turm gebaut worden war. Sein Blick ging nach Osten, dorthin, wo der Großteil der Völker beheimatet war, die es zu warnen galt. Er machte auf dem Absatz kehrt und ging in die große Halle des breiten Turms, wo er Gulrock erblickte.
Dieser stand vor einem massiven Tisch voller Bücher. Er drehte sich nicht um, als er leicht den Kopf hob und sagte: „Willkommen. Ich habe dich so früh nicht zurückerwartet.“
Jetzt drehte er sich um und schaute Alvarion mit einem Lächeln an. Seine tief in Falten gelegte Stirn, die direkt darauffolgte, zeigte Alvarion jedoch, dass auch Gulrock besorgt war. Hatte er bereits von dem Vorfall erfahren? So schnell? Wohl kaum.
„Ich habe eine besorgniserregende Entdeckung gemacht. Unsere Vermutung … unser Gefühl, dass vor vielen Monden eine Veränderung in der Magie stattgefunden hat, könnte sich als wahr erweisen.“
Alvarion erzählte Gulrock in kurzen und knappen Sätzen, was ihm und seinen Begleiterinnen widerfahren war.
Gulrock sah ihn nachdenklich an.
„Wir dürfen keine voreiligen Schlussfolgerungen ziehen. Wir suchen nun bereits seit einiger Zeit nach der Ursache. Und nicht nur du und ich. Aber bisher konnten wir nichts Außergewöhnliches finden. Und vergiss bitte nie, was ich dich gelehrt habe: Du kannst die Magie vielleicht beeinflussen, doch beherrschen kannst du sie nicht. Derjenige, der dies vergisst, ist verloren.“
„Und?“, fragte Alvarion, um einem weiteren, bereits Dutzende Male gehörten Vortrag zu entgehen. „Was konntest du herausfinden?“
„Nicht viel.“ Gulrock setzte sich auf einen massiven Stuhl, der einem Thron sehr nahekam.
„Sie haben überall in den Gebieten, in denen sie sind, so eine Art Lager, umgeben von einem Geruch von Schwefel und Fäulnis. Hinzu kommt dieser Nebel, dieses Zwielicht, in dem alle Pflanzen vergehen. Und es geht so schnell. Das bereitet mir wirklich Sorgen. Selbst die Paladine kommen kaum hinterher und haben ihre liebe Mühe, diesen Kreaturen den Garaus zu machen.“
Sorge bereiten. Wie lange hatte Alvarion dies nicht mehr von seinem Freund und Mentor gehört – wenn überhaupt jemals? Gulrock gehörte nicht zu den Wesen, die sich um irgendetwas Sorgen machten.
Er war ein uralter rubinroter Drache, der keine Angst im eigentlichen Sinne besaß. Wer ihn nicht kannte, der sah, wie Alvarion in diesem Moment, einen hochgewachsenen Elfen vor sich. Doch Alvarion hatte mehr als einmal die Verwandlung in eines dieser mächtigen Geschöpfe miterleben dürfen.
„Du redest mit mir und bist dennoch nicht da. Ganz vertieft versuchst du wieder, die Geheimnisse der Welt zu erdenken.“ Gulrock lächelte ihn an. „Und ich befürchte, du hast recht, und hinter all dem Übel steckt letztendlich etwas aus der Vergangenheit. Etwas, das wir Drachen mit ins Grab nehmen werden. Du bist gut ausgebildet und weitaus begabter als alle anderen. Du wirst es herausfinden. Es war Glück, dass wir dich damals fanden … In Zhurgurad.“
Alvarion stand da wie vom Donner gerührt. Hatte er das gerade richtig verstanden? War er nicht aus Lutenhain? Ein Waise aus einer kleinen Stadt?
Doch er kam nicht dazu weiter darüber nachzudenken. Mit einem Mal bemerkte er die Präsenz … eines Dämons.
Wie hatte er es nicht mitbekommen können? Als hätte er seine Gedanken gelesen, runzelte Gulrock die Stirn. „Du warst in Gedanken, da passiert das schon mal. Aber auch ich habe es erst jetzt bemerkt.“
Bevor er sich weiter wundern konnte, zerbarst die Tür durch eine magische Explosion in tausend Einzelteile und eine Masse von Urluka stürmte in den Raum. Die Tür war nicht nur äußerst massiv gewesen, sondern auch magisch geschützt. Sie wurde aber hinweggefegt, als hätte sie aus Streichhölzern bestanden. Dies konnte nur bedeuteten, dass wirklich ein Dämon vor Ort sein musste.
Alvarion machte sich bereit. Er rammte den Stab auf den Boden und spürte, wie sein Körper sich mit Magie vollsog. Er war bereit, diese widerwärtigen Kreaturen zu lehren, was es bedeutete, sie hier anzugreifen. Den Dämon, das schwor er sich, würde er danach zur Rechenschaft ziehen.
Noch bevor die ersten Urluka bei den beiden angekommen waren, raste eine Feuerwelle über die Gegner hinweg. Doch es war nicht Alvarion gewesen. Verwirrt schaute er zu seinem Meister. Gulrock legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Nein, hierum kümmere ich mich. Da kommen noch mehr, und es sind nicht nur Urluka. Ich kann noch einen Dämon spüren. Und etwas Anderes. Etwas Anderes …“
Hatte sein Mentor gerade einfach Dämon gesagt, als wäre es das Normalste der Welt? Und etwas Anderes? So wie er das sagte, gefiel es Alvarion gar nicht.
Neue Urluka flossen in den Saal. Gulrock drehte sich zu ihnen um. Sein Blick war eisern. Und ein wenig wütend? Es wirkte, als würde er auf einen alten Widersacher warten. Als wüsste er, was oder wer ihn erwartete, und als gäbe es noch eine alte Rechnung zu begleichen. Er streifte seinen roten Mantel ab.
„Ich werde also doch noch einmal gefordert, bevor ich sterbe.“ Ein zufriedenes Lächeln umspielte sein Gesicht. „Und ich hatte befürchtet, einfach und still einzuschlafen.“
„Ich werde dich nicht allein lassen“, protestierte Alvarion.
Gulrock hatte seinen Stab in der Hand, mit der anderen berührte er Alvarions Brust.
„Du bist mächtig. Noch viel mächtiger, als du dir selbst vorstellen kannst. Dein Leben ist zu wertvoll, um es hier leichtfertig zu riskieren. Lass das einen sturen alten Drachen machen, der sowieso für diese Welt und Zeit keinen Nutzen mehr hat. Suche die Antworten auf deine Fragen. Du bist nahe dran. Eines möchte ich dir aber noch mitgeben.“
Er drückte mit der Hand sanft zu, als wollte er ihm einen leichten Schubser geben, und Alvarion dachte, er würde ein glühendes Eisen durch die Brust bekommen. Dann verstand er, was passierte: Einer der erstgeborenen Drachen teilte sein Wissen mit ihm. Er versuchte dabei, alles so zu filtern, dass Alvarion nichts Privates oder Emotionales vom Leben des Drachen mitbekam. Das gelang ihm jedoch nicht zur Gänze, und der Schmerz und die Entbehrungen waren kaum auszuhalten.
Alvarion sah alles verzerrt und nur wenige klare Momente. Ein Land, so schön und erhaben, wie er es noch nie gesehen hatte, getaucht in sanftes Gelb und Rot. Hunderte, nein, Tausende von Drachen. Sie waren jung. Er spürte eine Jugend, die lang und nicht die seine war. Dann ein anderes Land. Traumhaft. In Grün und Blau getaucht voller saftiger Wälder. Eine Gefährtin. Sie lächelte. Viele Kinder. Doch mit einem Mal war alles in Flammen. Die Drachen kämpften. Nein, sie fielen. Er erkannte Dämonen. Und noch etwas. Doch er konnte es nicht greifen. Schrille Schreie hämmerten durch seinen Kopf. Dann ein karges Land. Grau und öde. Er konnte nicht erkennen, wer dort alles war. Die Drachen lagen in Ketten. Alles ausgelöscht. Auch die Hoffnung. Jahrhunderte voller Trauer. Dann wieder Krieg. Heftig und erbarmungslos. Brutal. Dann Ruhe. Voller Schmerz.
So plötzlich wie es anfing, endete es.
Noch völlig perplex stand Alvarion da, dann merkte er, wie Gulrock alles daransetzte, ihn weg zu teleportieren. Irgendwer blockierte es jedoch oder versuchte es zumindest. Das leichte Kribbeln, welches den gesamten Körper durchfloss und angenehm warm wirkte, wie Alvarion es von den Teleportationszaubern her kannte, wich einem unangenehmen Gefühl, wie er es von Brennnesseln gewohnt war. Gulrock hatte einen sich selbst verstärkenden Zauber verwendet.
Alvarion sah, wie die Luft vor ihm anfing zu schimmern, stark und intensiv. Dies bedeutete, dass sein Meister ihn deutlich weiter wegschicken wollte, als Alvarion zuvor selbst gereist war. Aber die kleinen, blitzartigen Strukturen, die ebenfalls vor ihm flimmerten, verrieten ihm neben dem leicht brennenden Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Gulrock schien das jedoch nicht zu bemerken. Er lächelte. Es war keine Angst oder Trauer in seinem Gesicht zu lesen.
„Es war mir eine Ehre, dich kennenlernen zu dürfen.“
Die nächsten Urluka sprengten in den Raum, da drehte sich Gulrock herum und machte eine herrische Geste. Eine gewaltige Feuerwand erschien aus dem Nichts, die alle Feinde bis hin zur Tür, oder dem, was davon übrig war, zu Asche zerfallen ließ. Als wäre nichts passiert, stürmten neue Gegner herein. Der Tod schien sie nicht zu ängstigen.
„Nein!“ Alvarion wollte seinem Freund helfen, doch er kam einfach nicht aus diesem Zauber.
Die nächsten Bestien waren heran und der rote Drache fegte auch sie hinweg, nicht mit einer Feuerwalze wie zuvor, sondern mit gezielten Feuerschlägen. Er schirmte Alvarion ab, damit der Zauber nicht unterbrochen werden konnte.
Alvarion spürte, dass ein Zauber unbekannter Herkunft den Drachen daran hinderte, sich zu verwandeln. Die Luft durchzog sich immer mehr mit dem stechenden Gestank von verbranntem Fleisch. Die ersten Urluka waren so nah an Gulrock gekommen, dass dieser bereits seinen Stab einsetzen musste, um sie auf Abstand zu halten.
Und dann nahm der stechende Gestank von Schwefel überhand. Im gleichen Moment erzitterten die Säulen des alten Gebäudes unter einem tiefen Lachen.
Ein Geschöpf, das jeder Schönheit zu entsagen schien, betrat den Raum. Zum ersten Mal in seinem Leben sah Alvarion einen Dämon.
Alvarion konzentrierte sich auf den neuen Feind. Er wollte eingreifen, doch er war komplett von der schimmernden Luft umgeben, von diesem Portal, das er nicht mehr verlassen konnte.
Vier Beine mit Klauen, die an Echsenfüße erinnerten, darauf einen von Muskeln und Adern überzogenen Torso, an dem sich Mundöffnungen und vier Arme befanden. Ein langer, aus verschiedenen Poren eiternder Hals endete in einem Kopf, der an den eines Drachen erinnerte. Aus dem Maul ragten lange, gebogene und messerscharfe Schneidezähne. Die ganze Kreatur war schwarzbraun mit einem hellgrünen Schimmer und deutlich größer als die meisten Geschöpfe, die Alvarion kannte. Zwei seiner Hände trugen ein riesiges, an einer Seite mit sägeartigen Zacken überzogenes Schwert, das wohl selbst Oger nicht tragen konnten.
Eine Schweißperle lief an Gulrocks Schläfe hinunter.
„Du bist immer noch sehr stark, Gulrock.“ Der Spott in der Stimme war nicht zu überhören.
„Und du bist immer noch so hässlich wie eh und je.“
Ein giftgrüner Strahl aus purer Energie fuhr aus dem Schwert des Dämons. Nur im letzten Moment konnte Gulrock einen magischen Schild hochreißen. Es verlangte ihm nahezu alles ab. Zudem attackierten ihn die Urluka wieder von allen Seiten. Alvarion merkte, dass der Teleport bereits hätte ausgeführt werden müssen, aber der Dämon setzte alles daran, dies zu unterbinden. Er hoffte, dass der Zauber fehlschlagen und er seinem Freund würde helfen können.
Doch in diesem Moment streifte Gulrock seinen Ring ab und warf ihn Alvarion zu. Der Ring durchbrach die schimmernde Luft ohne Probleme und gab dem Portal die letzte Energie, die fehlte.
Der Zauber packte Alvarion. Das pure Grauen überkam ihn, als er ein letztes Mal zu Gulrock sah. Ohne den magischen Ring fehlte diesem die Kraft, gegen alle seine Gegner zu bestehen und den Schild aufrecht zu halten. Der grüne Strahl durchbohrte ihn mit absoluter Brutalität. Die Qualen standen Gulrock ins Gesicht geschrieben. Er hob die Hand, als wolle er Alvarion um Hilfe bitten.
Ein letzter Gedanke erreichte Alvarion. „Suche die alten Pfade und die alten Weisheiten. Du kannst ihn besiegen. Du musst.“ Blut quoll aus Gulrocks Augenhöhlen und der Körper fing Feuer. Grünes Feuer. Alvarion konnte die entfesselte Hitze durch das Portal spüren. Sie nagte sogar an ihm. Grelles Gelächter des Dämons. Schwarze Stille.
Die vier Kriegerinnen hatten sich aufgeteilt, wie ihnen aufgetragen worden war. Sie hatten sich geschworen, schnell zu sein. Noch nie hatten sie ihren Meister so beunruhigt gesehen.
Eile war geboten. Lyurana war fast am Ziel. Sie konnte die Tore von Kongrahad schon vor sich sehen. Sie zermarterte sich den Kopf, wie sie den König rasch überzeugen konnte, sich schnellstmöglich mit Alvarion zu treffen. Immerhin gab es außer ein paar außergewöhnlichen Bestien, die schon seit Längerem ihr Unheil trieben, aber nie wirklich eine große Gefahr dargestellt hatten, keinen Grund, die Könige einzuberufen. Aber der König war dafür bekannt, sehr vorsichtig zu sein. Sicherlich würde er sie nicht gleich abweisen. Bei Gerfatje und Kaldaron weit im Westen dürfte das schon schwieriger werden. Ganz zu schweigen von den Elfen. Die Reiche, zu denen sie unterwegs war, waren äußerst stark. Allein schon aufgrund der Nähe zu Zhurgurad, dem unbekannten Gebiet, aus dem seit einigen Jahren immer wieder grausame Urluka strömten und keiner zurückkehrte, der sich zu tief darin verirrte. Sie hatte einmal gehört, Alvarion sei dort gewesen. Er hatte aber nie etwas darüber erzählt.
Es geschah so schnell, sie hatte nicht einmal Zeit, sich darüber zu ärgern, so unaufmerksam gewesen zu sein. Ihr Pferd wurde von den Beinen gerissen und sie flog mit Wucht vornüber. Im letzten Moment bekam sie ihre Hände nach vorn, konnte die gröbste Wucht des Aufpralls abfedern und sich abrollen. Sofort war sie wieder auf den Beinen und hielt ihren Streitkolben in der Hand. Sie stand einer Kreatur gegenüber, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Violett, aufrechtstehend, groß, ein langer Schweif und Tentakel im Gesicht. Die Urluka, die ihr Pferd noch kurz zuvor zu Fall gebracht hatten, hatten es plötzlich eilig, auf Abstand zu bleiben.
Sie wollte gerade ihre Chancen abschätzen, da schlug das Wesen die Handflächen zusammen und ein bläulicher Strahl aus Energie traf sie.
Teldran hatte beste Sicht und konnte nicht fassen, was er gerade gesehen hatte. Er stand auf der massiven Burgmauer von Kongrahad und schaute Richtung Osten, wo sich dieses komische Wesen hatte blicken lassen und eine Gestalt in Schwarz … ja, was hatte er mit ihr gemacht? Er hatte sie mit einem Zauber getroffen und sie hatte sich in Luft aufgelöst.
Es krachte. Gutturale Schreie waren zu hören. Er blickte nach Westen: Dunkelheit, Schwärze, tiefhängende Wolken, aus denen Blitze zuckten, und ein riesiges Heer von Urluka. Er schaffte es, den ersten Schrecken zu überwinden und riss an der Glocke.
Die Wachen waren nur wenig später auf den Burgmauern. Teldran griff nach Schwert und Schild und nahm seinen Posten auf der Mauer ein. Sie waren alle ausgebildet, die Mauern zu verteidigen. Aber gegen das, was da kam, dass wusste jeder, sobald er über die Mauer blickte, waren sie zu wenige. Nicht genug ausgerüstet.
Ein Flugtier mit zwei langen Hälsen und Schwänzen verdunkelte die Mauer noch weiter. Es spuckte ätzenden grünen Schleim in alle Richtungen und riss mehrere Verteidiger von der Mauer, darunter auch Teldran. Er krachte rücklings drei Meter in die Tiefe und konnte sich noch leicht abrollen. Ihm schmerzte alles. Mühselig kämpfte er gegen die Bewusstlosigkeit. Nur schwer atmend und träge kam er wieder auf die Beine, gestützt durch sein Schwert. Im nächsten Moment hörte Teldran den Ansturm tausender Urluka, unter dem der Boden anfing zu erzittern.
Kongrahad war verloren.
Teldran tat alles weh. Der Aufprall war sehr hart gewesen und hatte ihm alle Luft aus den Lungen gepresst. Er hatte sich aber bereits wieder aufgerappelt und schaute zur Mauer hoch.
Von hier unten konnte er kaum etwas erkennen. Dafür hörte er aber mehr, als ihm lieb war. Dort oben musste ein erbitterter Kampf toben. Das Klirren von Metall auf Metall war zu hören, welches nur noch von den wütenden, klagenden und verzweifelten Schreien übertönt wurde.
Er konnte nicht sagen, wie lang die Verteidiger noch standhalten mochten. Nicht von hier aus. Teldran setzte zum Sprint an, um schnellstmöglich zum Tor und damit wieder auf den Wehrgang zu gelangen. Doch nach nur drei Schritten übermannte ihn der Schmerz und er sackte fast zusammen. Nur mit aller Kraft konnte er sich abfangen. Neben ihm krachte ein Soldat zu Boden. Die goldene Rüstung war übersät mit Einstichen. Als er nach oben schaute, konnte er immer wieder die aufblitzenden Rüstungen der Kongrahadianer erkennen. Sie wurden zurückgedrängt. Er biss die Zähne zusammen und nahm den Weg wieder auf. Diesmal jedoch behutsamer, um nicht gleich wieder zu stürzen.
In diesem Moment flog das Ungetüm, welches ihn mit vielen anderen von der Mauer gefegt hatte, über ihn hinweg und machte sich daran, so vermutete er, die Katapulte zu zerstören. Das konnte für ihn nur eins bedeuten: Die Mauer war so gut wie verloren, sonst würde dieses Monster noch dort weiter wüten.
Teldran war noch nicht ganz am Tor angekommen, da konnte er bereits das Hämmern und das bedrohliche Ächzen hören. Sie versuchten, das Tor zu durchbrechen. Er hatte gesehen, wie viele Urluka sich näherten. Auch wenn sie die Mauer einnehmen konnten, um dieser Stadt ein schnelles Ende zu bereiten, mussten sie durch das Tor. Nur so konnten sie ihre Überzahl bestmöglich nutzen. Er wog ab. Auf die Mauer könnte er es noch schaffen.
Während er noch überlegte, kam die Chimäre erneut in sein Sichtfeld und startete einen weiteren Angriff. Dieses Mal war das Tor ihr Ziel. Sie spuckte ihren ätzenden Schleim auf das massive Holz, stieg hoch in die Luft auf und raste auf das Tor zu, die Barriere, die die Stadt noch am Leben hielt. Teldran brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde, um zu begreifen, dass das Tor diesen Angriff nicht überstehen konnte.
Fieberhaft überlegte er, was er tun könnte. Doch das Flugtier konnte nicht von Menschenhand aufgehalten werden.
Gerade als Teldran die Kollision erwartete, krachte ein ebenso wuchtiger und schuppiger Körper gegen das Untier und riss es mit sich vor die Mauern von Kongrahad. Er konnte zwar nicht sehen, was sich dort abspielte, aber dafür hören. Dabei malte er sich aus, wie viele Leiber diesem Aufprall wohl zum Opfer gefallen sein mochten. Er hoffte, es wären hunderte. Die gutturalen Schreie und das Beben des Bodens verrieten Teldran, dass ein monströser Kampf toben musste.
Ein Drache war ihnen zu Hilfe gekommen.
Teldran traute seinen Augen nicht. Die alten Geschöpfe waren kaum noch gesehen, galten aber als die Wächter der Urzeit. Er hörte den unbändigen Jubel der Verteidiger und wusste, dass damit Hoffnung und Kampfkraft zurückkehrten.
Es hatte zwar lange gedauert, aber endlich konnte Teldran auch die Katapulte hören. Zwar waren sie in der Verteidigung nicht besonders effektiv, jedoch dürften sie auf die Moral der Angreifer eine erhebliche Wirkung haben, da war er sich sicher.
Eine schwere Explosion erschütterte plötzlich das Tor. Die beiden Echsen konnten es nicht gewesen sein, dafür war deren Kampfgetöse zu weit weg. Teldran versuchte, die Schmerzen so gut es ging auszublenden und begann den Aufstieg der Treppe am Torbogen.
Oben angekommen, traute er seinen Augen kaum. Zwar war die Mauer wieder zurückgewonnen, doch etwas anderes faszinierte und erschütterte ihn zugleich: Es waren nicht nur ein Drache und eine Chimäre. Auf die Schnelle zählte er über ein Dutzend Chimären und demgegenüber nur vier Drachen. Immer wieder konnte er beobachten, wie die zweiköpfigen Gestalten die Drachen von allen Seiten attackierten. Sie flogen mit ihrer Spucke oder mit den messerscharfen Krallen ihrer Klauen immer wieder wütende Angriffe oder warfen einfach ihre massigen Körper gegen ihre Kontrahenten. Auch wenn es fast elegant aussah, wie die Drachen auswichen und ihrerseits die Reißzähne in die Hälse der Angreifer schlugen und sie schon fast beiläufig mit Feuerwalzen überhäuften, deren Wärme Teldran selbst auf der Mauer noch spürte, so gelang es den Chimären immer wieder, Treffer zu landen. Zwar hatte er noch nie zuvor eine der beiden Arten gesehen, doch es war offensichtlich, dass dieser Kampf nicht ewig so weitergehen konnte.
Ein erneuter massiver Schlag gegen das Tor riss ihn aus dem Schauspiel. Er suchte das Schlachtfeld vor dem Tor nach der Ursache ab. Während er erschrocken die schiere Masse an Urluka überflog, erspähte er einen Menschen unter den Angreifern.
Zwar hatten die Magier und Elfen stets von ihnen erzählt, aber es war ihm immer wie eine Geschichte vorgekommen, um kleinen Kindern Angst einzujagen. Und er musste sich eingestehen, er hatte Angst: Ein Hexenmeister, gekleidet in einen schwarzen Umhang, machte sich mit dunklen Zaubern am Tor zu schaffen.
Er wusste weder, wozu dieser Mensch in der Lage war, noch, wie er die Magie für sich nutzte. Nur eines wusste er genau: Sollte er diesem Hexenmeister nicht bald Einhalt gebieten, würde dieser das Tor einreißen. Wie zur Bestätigung entlud sich in diesem Moment vor dem dunklen Magier eine schwarze Wolke, die Teldran an Dampf erinnerte, und prallte gegen das Tor. Er konnte hören, wie das Holz des Tores, geschwächt von der Galle der Chimäre, anfing zu ächzen.
Er winkte einen Bogenschützen zu sich und zeigte auf den Hexenmeister.
„Der darf keinen Zauber mehr wirken!“, brüllte er über das Kampfgetöse hinweg.
Der Bogenschütze schoss einen Pfeil ab, der eigentlich für einen Urluka bestimmt gewesen war, verfehlte den Hexer um Haaresbreite und spannte den nächsten Pfeil ein. Doch er kam nicht mehr dazu, diesen abzuschießen. Ein lila wabernder Pfeil aus Energie durchstieß Rüstung und Oberkörper ohne Widerstand. Der Schütze erschlaffte mit weit aufgerissenen Augen. Teldran glaubte, ein finsteres Grinsen auf den Gesichtszügen des Hexenmeisters zu erkennen , während dieser seinen nächsten Zauber vorbereitete.
Teldran reagierte blitzschnell, machte einen großen Satz zu dem toten Bogenschützen und verstaute sein eigenes Schild und Schwert. Hastig nahm er Pfeil und Bogen auf. Kaum wieder auf den Beinen, drehte er sich zu dem Hexenmeister und schoss. Er hatte die Sehne dabei so weit gespannt, dass der Pfeil mit einem dumpfen Surren davonflog und er kurz das Gefühlt hatte, die Sehne des Bogens könnte reißen. Der Hexer wurde von der schieren Wucht des Pfeils nach hinten geschmettert und auf dem Boden festgenagelt. Schmerz und Wut waren ihm ins Gesicht geschrieben.
Doch es war zu spät. Er richtete die Hand Richtung Tor und der vorbereitete Zauber entlud sich. Teldran sah die Blase aus wirbelnder schwarzer Magie auf das Tor zurasen. Dort, wo Urluka das Pech hatten, im Weg zu stehen, blieb nur Asche übrig. Teldran sprang im letzten Moment hinüber zur Mauer, weg vom Torbogen, und kauerte sich auf das kalte Gestein. Das Tor zerbarst in einem wahren Inferno. Wer zu nah hinter dem Tor stand, wurde von den herumfliegenden Trümmerteilen erschlagen. Teldran sah, wie Feuer am Torbogen hochzüngelte, und schaute verbittert auf die dahinter gelegene Garnison, welche sich auf den Angriff vorbereitete.
Sie mussten nicht lange warten.
Ihr Kommandant stellte sich nach vorn. „Haltet sie zurück!“
Die Gegner waren fast heran, da brannte eine Feuerwalze alles nieder, bis zum klaffenden Eingang der Festungsanlage. Teldran schaute irritiert nach hinten und erkannte den Erzmagier Drurgon. Aber er war nicht der einzige.
Auf den Hausdächern waren vier Magier verteilt und begannen, den Tod über die Angreifer zu bringen. Teldran selbst hatte zwar nicht die Begabung der Magie erhalten, jedoch wusste er, dass, wenn diese über längere Zeit Zauber wirken mussten, auch eine längere Vorbereitung brauchten. Er konnte nur hoffen, dass diese Vorbereitung genügte. Viel später hätten sie auch nicht eingreifen dürfen.
Die kurze Verschnaufpause war aber so schnell vorüber, wie sie gekommen war. Die nächsten Urluka rannten schon wieder heran und prallten ungebremst auf die Verteidiger am Boden.
Kladion, der Heerführer der Zwerge des eisernen Schilds, sortierte seine Männer. Er stand auf einem großen Vorplatz, der rechts und links von Felsen begrenzt und vollständig von Felsen überdacht wurde. Er schaute in Richtung des Eingangs des großen Berges, den die Zwerge von Gerfatje als Heimat auserkoren hatten. An diesem Eingang gab es ein kleines, aber massives Eisentor. An beiden Seiten des Durchgangs waren Türme mit Schießscharten. Hinter Kladion ragte eine riesige Mauer empor. Sie besaß viele Aufgänge und ein runenverziertes Tor. Die Zwerge verspürten zwar eine Abneigung gegen Magie, aber Runen, die ihre Kraft daraus speisten, waren etwas anderes.
Diese Mauer war ausschließlich gebaut worden, um Feinde abzuhalten, denn einmal in den Berg eingedrungen, hatte man Zugang zu allen anderen Zwergenreichen und ganz Alandria. Zwar müsste man sich dann noch durch die engen Gassen von Gerfatje quälen und sähe sich danach einem Irrgarten aus Tunneln gegenüber. Aber ohne diesen Zugang musste man einen beschwerlichen und oft tödlichen Weg über steile Hänge und enge Gebirgspässe an Gerfatje vorbei nehmen.
„Kongrahad hat uns durch ihren Magier einen Hilferuf zukommen lassen.“ Die Stimme des stämmigen Zwergs war ruhig, fest und eindeutig das Kommandieren gewohnt. Sein volles braunes Haar und der Vollbart, den er am Kinn zu zwei kräftigen Zöpfen gebunden hatte, sowie seine schon fast grünen Augen verrieten, dass er noch seine besten Jahre vor sich hatte. Er schulterte einen mächtigen Hammer, der den Zwerg an Größe beinahe überragte. Das Gewicht der Waffe merkte man ihm nicht an. Auch die massive Rüstung aus Eisen und Ketten behinderte ihn nicht wesentlich.
„Wir werden diesem Ruf nachkommen. Wenn die Angreifer nur halb so zahlreich sind, wie die Nachricht es sagt, dann bleiben genug Köpfe für jeden von uns.“
Die Zwerge lachten und stimmten ihm bei. Kladion lächelte. Die Stimmung war angespannt, aber nicht ängstlich. Das war gut so. Denn das würde sich schnell ändern können, wenn sie erst einmal die wirkliche Übermacht sahen, die sich gegen Kongrahad warf.
„Die Magier bereiten Portale vor, damit wir schnell …“
Gewaltiger Flügelschlag unterbrach ihn jäh. Er schaute zur Mauer hoch. Dort sah er nur Wachposten, die ungläubig in den Himmel über den Berg starrten. Aufgrund des vorstehenden Felsens, der hervorragend Schutz vor Geschossen aus der Luft bot, konnte er nicht sehen, was dort war.
Im nächsten Moment landeten vier riesige, mit Schuppen besetzte Geschöpfe auf der Mauer. Die Wachen, die hier postiert waren, wichen zurück, unsicher, ob sie die Echsen als Bedrohung wahrnehmen sollten oder nicht. Es wurde dunkel auf dem Platz, da die Drachen das einzige Licht abschirmten, das zwischen Fels und Mauer auf den Platz dringen konnte. Ihr Anblick war majestätisch! Sie schauten alle in Richtung jenseits der Mauer. Die Zwerge, die oben Wache standen, folgten dem Blick und hatten es plötzlich sehr eilig, ihre Helme aufzusetzen und nach den Waffen zu greifen.
Eine der Echsen drehte den langen Hals und schaute Kladion direkt an.
„Kongrahad wird warten müssen. Bietet alles auf, was ihr habt. Mit etwas Glück wird es reichen. Wenn nicht, dann werden dieser Berg und all seine Lebewesen schon bald brennen. Wir werden so viele von ihnen vernichten, wie wir nur können. Mehr können wir nicht für euch tun. Es tut uns leid. Die Völker müssen sich nun beweisen, Kladion von den Zwergen des Eisenschilds, Beschützer von Gerfatje und deines Volkes.“
Kladion wusste nicht, wie ihm geschah, doch er nickte. Es war lange her, dass er einen Drachen gesehen hatte. Gesehen! Nicht mit ihm geredet oder gar mit einem getrunken. Unweigerlich fragte Kladion sich, ob Drachen eigentlich tranken und ob er gegen einen solchen Gegner bestehen könnte. Er schalt sich selbst einen Narren und schüttelte den Gedanken wieder ab.
Der Drache kannte ihn? Er hatte ihn direkt mit seinem Namen angesprochen. Wenn er von königlichem Blut abstammen würde, könnte er es ja vielleicht noch verstehen. Er hatte keine Zeit, sich weiter zu wundern. Die Wachen auf der Mauer bliesen die Hörner. Als sei es der Marschbefehl für die Drachen gewesen, erhoben sie sich mit schweren Flügelschlägen und flogen Richtung Westen, wo das Gebirge Zhurgurad und Landaria trennte und nur ein großer Pfad eine Verbindung zwischen den beiden Welten bot.
Kladion rannte die Treppe der Mauer hinauf. Sein Herz raste, als er oben ankam. Er trat an die Brüstung und sah hinunter auf das Gelände vor der Mauer. Eigentlich hätte er Angst verspüren müssen, aber in ihm kam nur Wut auf, die sich immer mehr steigerte. Es war die unbändige Kraft, die den meisten Zwergen vor und während einer Schlacht zur Verfügung stand. Was er dort sah, war wie ein Spiegelbild dessen, was ihm zuvor ein Magier in einer Kristallkugel gezeigt hatte. Genau dagegen musste sich Kongrahad gerade wehren. Aber anstatt ihnen helfen zu können, mussten sie nun selbst um ihr Reich bangen.
Zwei Drachen flogen über die aus der Ferne sich nähernden Feinde und pflügten Schneisen in deren Reihen. Die anderen beiden hielten ihnen die Chimären vom Leib, wobei Kladion selbst aus dieser großen Entfernung erkennen konnte, dass es nicht gut um die Verteidiger Landarias stand.
Ohne dass er einen Befehl dazu gegeben hätte, besetzten die Zwerge sämtliche Posten der Mauer. Eine starke, gepanzerte Hand legte sich auf seine Schulter.
„Nun wissen wir immerhin, wofür unsere Vorfahren diesen Wall erschaffen haben.“ Gwollnir lächelte. „Heute wird uns wohl nicht langweilig werden.“
Kladion schmunzelte seinem langjährigen Freund zu: „Nein, mein Freund. Nein, das wird es nicht.“
Sie sind bereit, sich für uns zu Opfern. Drachen! Und wir wissen noch nicht einmal, warum, dachte Kladion bei sich.
„Lasst sie nur herankommen. Und dann: Kämpft! Kämpft, wie ihr noch nie gekämpft habt! Wir zeigen diesen Kreaturen, was es heißt, sich mit Zwergen anzulegen. Wir werden nicht weichen!“
Diese Kreaturen. Ja, gegen wen oder was kämpften sie eigentlich? Die Schlacht würde bald beginnen.
Kaldaron lag weit im Süden an einer Bucht, die zum weiten Meer hinausführte. Palgarat konnte nicht fassen, was er gesehen hatte. Kongrahad und Gerfatje wurden von riesigen Streitmächten angegriffen. Er hatte die Bilder gesehen. Die Magier der Menschen hatten ihr Möglichstes getan, die Verbindung so lange wie möglich zu halten, damit die Kaldaraner vielleicht noch einen strategischen Nutzen daraus ziehen konnten. Doch jemand oder etwas hatte die Verbindung gestört. Alles, was er noch hatte sehen können, war, wie das Tor von Kongrahad zerschmettert wurde, obwohl ein tapferer Krieger kurz zuvor den Hexer niedergestreckt hatte. War es Teldran gewesen?
Von Gerfatje hatte er nur mitbekommen, dass die Zwerge, die Kongrahad gerade hatten zu Hilfe eilen wollen, sich nun selbst einem übermächtigen Gegner gegenübersahen. Und er hatte gesehen, wie ân beiden Orten Drachen zur Unterstützung kamen. Drachen! Er kannte nur wenige Auserwählte, die jemals einen Drachen gesehen hatten, geschweige denn, mit einem gesprochen.
Von seinem Vater wusste er, dass sie die alten Wächter der bekannten Welt waren. Sie waren es den Überlieferungen nach, die das Böse von der Welt getilgt hatten, um den Völkern, die das Leben und nicht den Tod ehrten, eine Zukunft zu ermöglichen.
Außer diesen prachtvollen und magischen Wesen waren wohl nur die Ahnen oder die Ältesten der Elfen daran beteiligt gewesen. Und das, obwohl die Kaldaraner ein fast genauso altes Volk waren wie die Elfen.
Sein Vater hatte ihm viele Geschichten erzählt, als er noch ein Kind gewesen war. Viele hielten es nur noch für Märchen, mit denen man die Kinder unterhielt oder in den Schlaf wiegte. Sie handelten von einem dunklen König, der vor langer Zeit die Völker Alandrias versklavte und eine Schreckensherrschaft ausübte, die beinahe alles Leben vernichtete.
Palgarat war sofort klar, dass diese Geschichten weitaus mehr Wahrheit beinhalteten, als sie geglaubt hatten.
Maneia schaute Palgarat prüfend an. „Euer Geist ist in Aufruhr“, sagte sie sanft.
Er war der Prinz der Kaldaraner und sein Vater, der König, seit Jahren tot. Auch wenn er selbst schon über 450 Jahre alt war, so musste er bis zur fünfzigsten Dekade warten, bis man ihm das Amt des Königs zugestehen würde. Solange dem nicht so war, hatte er zwar fast alle Befugnisse, konnte jedoch von dem ihm vorgesetzten Rat überstimmt werden.
Palgarat war groß. Selbst für einen Kaldaraner ein Hüne. Gut über zwei Meter gewachsen, mit einem breiten Kreuz und muskulöser Statur kam er ganz nach seinem Vater. Seine Haut war blau, wie für einen Kaldaraner üblich. Ein tiefes Blau. Seine Augen waren weiß. Kaldaraner besaßen keine sichtbare Iris, diese verbarg sich hinter einer Haut, die sie vor dem Salzwasser schützte.
Der Überlieferung nach kamen die Kaldaraner aus dem Meer. Dazu passten ihre Kiemen, die ihnen erlaubten, unter Wasser zu atmen. Waren sie außerhalb des Wassers, so waren diese kaum zu erkennen. Nicht dazu passen wollte die Tatsache, dass sie keine Schwimmflossen oder ähnliches besaßen.
So gut sie auch unter Wasser überleben konnten, so schlecht konnten sie sich in diesem Element fortbewegen. Sicher, die anderen Völker waren nicht annähernd so beweglich oder schnell unter Wasser, aber verglichen mit den restlichen Meeresbewohnern waren sie wie Schildkröten an Land. Das lag sicherlich auch daran, dass sie, um den weitreichenden Handel mit den Elfen, Menschen und Zwergen zu verstärken, das nasse Element verlassen hatten, um ihre Siedlungen auf dem Festland zu errichten. Es gab Geschichten von alten Städten unter Wasser und auf kleinen Inseln, aber gesehen hatte diese lang schon keiner mehr. Neben den Menschen und Elfen waren sie das Volk, das der Seefahrt natürlich am meisten zugetan war, daher lagen ihre Städte ausschließlich im Süden an der See.
„Palgarat?“ Die zarte Stimme von Maneia wurde fordernder, aber auch besorgter. Sie war deutlich kleiner als Palgarat, im Vergleich zu den anderen Völkern allerdings immer noch recht groß. Ihre Haut hatte die Farbe von Aquamarin und die Augen zeigten einen Hauch von Blau. Ihre spitzen Ohren, die zwar ähnlich denen der Elfen, jedoch nur halb so groß waren, zuckten leicht.
Er lächelte. Weiße scharfe Zahnreihen wurden sichtbar, die einem Hai Konkurrenz hätten machen können. Dennoch lag nichts Bedrohliches in diesem Lächeln.
„Versucht Ihr wieder, meinen Geist zu erforschen?“, fragte er ruhig. „Ich dachte, wir wären uns einig gewesen, dass man das bei seinem Prinzen unterlässt.“
Maneia zuckte zurück, doch ihre selbstsichere Haltung war schnell wieder da. „Nun, mein Prinz, erzählt uns doch einfach, warum Ihr geistesabwesend dasteht und den hier anwesenden Rat warten lasst, dann brauche ich das nicht zu übernehmen.“ Sie grinste neckisch.
Der Rat der Kaldaraner war vollständig versammelt. Erfahrene Handelsleute, Gelehrte, aber auch die Kommandanten gehörten diesem Rat an. Wie gewöhnlich befand sich ein Magier der Menschen ebenfalls unter ihnen, da die Kaldaraner zwar das Schamanentum beherrschten, die reine Magie jedoch nicht erlernen konnten. Jedoch schätzten sie deren Meinung sehr. Palgarat stand in der Mitte eines runden, mit Säulen aus Marmor versehenen großen Raumes. Er drehte sich langsam im Kreis und schaute dabei allen in die Augen.
„Wir können weder Kongrahad noch Gerfatje zur Hilfe kommen.“ Gemurmel machte sich breit.
„Dies ist nicht die Art der Kaldaraner“, warf ein Ratsmitglied ein und erhob sich.
„Wer wären wir, wenn wir in Anbetracht einer solchen Bedrohung tatenlos zusähen?“
„Wir wären niemals schnell genug vor Ort.“ Seine Kommandanten nickten, die strategische Lage war eindeutig.
„Maneia, wenn Ihr gen Westen nach Zhurgurad schaut, was seht Ihr dann? Konzentriert Euch auf den Pass.“
Es wurde still. Ein leichter Luftzug umspielte sie. Sie nutzte die Elemente, um zu erfahren, was in diesem Moment dort passierte. Sie zuckte zusammen.
„Ich sehe … nichts!“
„Das ist doch gut“, rief jemand aus der Menge.
Maneia wurde kreidebleich. „Nein!“, keuchte sie. „Wenn ich nichts sehe, dann nur, weil mir jemand die Sicht versperrt. Und dieser Jemand muss äußerst stark sein.“
„Ich verspüre eine Art Verwirbelung der Magie“, pflichtete ihr der menschliche Magier bei.
Palgarat ergriff das Wort und legte die notwendige Härte und Dringlichkeit in seine Stimme. „Meine Freunde! Evakuiert die Stadt, besetzt die Posten. Der Feind marschiert auch gegen uns und es ist davon auszugehen, dass er mit mindestens einer ebenso großen Streitmacht bei uns aufkreuzen wird wie bei unseren Freunden.“
Die Kommandanten ließen ein knappes Zischen ertönen, welches nur mit den Kiemen zustande kommen konnte, verbeugten sich dabei knapp und waren noch kaum aus dem Raum, als sie schon die ersten Befehle riefen. Der Rest schaute Palgarat irritiert an. Nur Maneia stand noch immer wie gelähmt da und Palgarat verstand genau, warum: Noch nie hatte jemand es geschafft, ihre Kraft zu unterdrücken oder zu verzerren.
„Drachen!“ Der Ruf kam vom Wachturm.
Palgarat sah zu dem unscheinbaren blauen Kristall, der in der Mitte des Raumes in den Boden eingelassen war.
„Der Schlüssel. So unscheinbar im Lichte er ist anzusehen. Mit so viel Anmut kaum zu verstehen. So viel Macht er kann dir geben. Entscheide, dienst du dem Tod oder dem Leben“, murmelte Palgarat.
„Was habt Ihr, mein Prinz?“, fragte Maneia.
„Seht selbst.“, antwortete Palgarat nur und forderte sie auf, seinem Blick zu folgen.
Der Kristall im Boden fing an zu glühen und glühte immer heftiger, bis der Raum in sachtes blaues Licht gehüllt war. Palgarat nahm seinen riesigen Zweihänder vom Rücken und rammte den Knauf des Schwertes gegen die Umrandung des Kristalls, der mit einem lauten Krachen herausbrach.
„Schickt den schnellsten Boten, den wir haben, mit diesem Kristall zum Propheten der Elfen. Er darf nicht in die Hände der Angreifer fallen. Danach trefft mich mit den anderen Schamanen am Tor.“
Ein tiefes Grollen ließ den Boden erzittern und Staub von den Wänden rieseln.
„Es hat begonnen.“
Lutariel stand einfach nur da. Er und die anderen Elfen standen auf einem offenen und überaus schön gepflasterten Platz. Um sie herum waren Säulen, die von Wurzelwerk umklammert waren, und eine blühende Flora. In der Mitte war ein aus dunklem und sehr altem Holz geformter Sockel, auf dem eine Kristallkugel lag. Der Blick aller war fest auf das Zentrum gerichtet. Verschwommen war dort zu erkennen, wie dunkle Heerscharen über eine Stadt herfielen.
„Wir müssen doch irgendetwas unternehmen! Wir können doch nicht zusehen, wie diese Kreaturen die anderen Völker überrennen!“ In seiner Stimme lag Fassungslosigkeit. Er war der Kommandant der Elfen im alten Wald. Er wollte ausreiten und zumindest einem Ort zu Hilfe eilen, aber er wusste, dass er es nicht rechtzeitig schaffen würde.
Seit er das Oberkommando übernommen hatte, drängte er darauf, Zhurgurad zu erkunden. Hätten sie doch nur auf ihn gehört! Man hätte die Bedrohung vielleicht kommen sehen. Er wusste zwar nicht, ob die anderen es bemerkten, jedoch musste er alles an Kraft aufbringen, nicht die Beherrschung zu verlieren, was für einen Elfen schon einiges bedeutete.
„Ich schlage vor, wir verhalten uns still. Vielleicht gehen sie an uns vorbei. Wenn nicht, dann stellen wir sie in den Wäldern zum Kampf. Dort können sie nicht ihre volle Stärke entfalten.“ Notadiel schaute sich um. Seine Worte wurden abgewogen.
„Ihr schlagt vor, unsere Freunde im Stich zu lassen?“ Lutariel konnte nicht fassen, was er da hörte, doch er sprach ruhig und sachlich. Er wusste, dass das Wort von Notadiel viel Gewicht besaß, und es lag nun an ihm, die anderen davon zu überzeugen, einzugreifen.
„Was sollen wir denn tun?“, fragte Notadiel. „Selb wenn wir in kürzester Zeit eine Streitmacht entsenden würden, so wäre sie nicht rechtzeitig da. Sie würde wahrscheinlich auf offenem Felde auf diesen Feind treffen. Auch wenn ich davon überzeugt bin, dass einer von uns es problemlos mit einem Dutzend von denen aufnehmen kann, so wäre es doch ein hohes Risiko, das wir eingehen würden.“ Zustimmung der anderen war zu hören.
Lutariels Gedanken rasten.
„Notadiel, Ihr müsstet doch derjenige sein, der auf lange Sicht sieht. Seit ich zurückdenken kann, habt Ihr davor gewarnt, dass wir uns zu sehr zurückziehen. Dass wir nach und nach die Fähigkeit verlieren, neue Magier auszubilden und in die Bedeutungslosigkeit sinken. Und jetzt wollt Ihr, dass wir uns verstecken? Der Angriff ist zu gewaltig! Ja, wir können uns gut verstecken, doch sie werden uns finden. Wir wären stets auf der Flucht! Hinzu kommt, dass dieser Wald verloren wäre. Genau das gleiche Schicksal würde auch die anderen Wälder erwarten. Wir haben zudem eine Verantwortung für die Welt, in der wir leben.“
„Und genau deshalb sage ich, konzentrieren wir uns hier auf diesen Wald. Beschützen wir ihn, und er wird uns beschützen“, konterte Notadiel. „Wenn Ihr nun mit den Kriegern auszieht, wer bleibt, um uns zu schützen? Lasst uns bleiben und überleben.“
Lutariel erkannte Notadiel kaum wieder. Sonst war er doch der Verfechter des Fortbestandes der Elfen. Erkannte er denn nicht, dass es nur viel schlimmer werden würde, wenn die Urluka wirklich bis zum alten Wald vorrücken würden?
„Wir müssen uns dem Feind nicht komplett entgegenwerfen, doch wir müssen alles versuchen, um sie so lange aufzuhalten, bis Verstärkung aus den Reichen im Osten kommt. Die Menschen, Zwerge, Kaldaraner und unsere elfischen Schwestern und Brüder werden so schnell wie möglich zu uns stoßen. Lasst uns morgen noch vor den ersten Sonnenstrahlen ausrücken. Wir reiten nach Landaria. Eine Garnison wird weiter im Norden die zwei Brücken halten. Der Rest wird unter meiner Führung die weiße Brücke in Landaria selbst halten, bis die Heere zum Gegenangriff eingetroffen sind. Wir müssen um jeden Preis verhindern, dass die Urluka den Amlug Duin erreichen. Von dort aus hätten sie freien Zugang zu unserem Wald!“
Zustimmendes Gemurmel machte sich breit. Sanktia nickte ihm kaum merklich zu. Er bewunderte die Priesterin und folgte oft ihrem Rat. Er konnte nur hoffen, dass sie nicht die einzige war, die seiner Argumentation folgte.
Lutariel schaute sich weiter um. Er hatte die meisten auf seiner Seite, das merkte er. Notadiel merkte es ebenfalls.
„Freunde! Lasst uns das Leben unserer tapferen Krieger nicht überstürzt aufs Spiel setzen. Wir wollen eine Nacht darüber meditieren und schlafen. Morgen dann können wir mit geklärtem Geist und frischer Vernunft Entscheidungen treffen.“
Lutariel glaubte seinen Ohren nicht. Warum aufschieben? Das ergab keinen Sinn. Doch die ersten nickten bereits und verließen den Kreis. Eine Abstimmung war hinfällig. Zumindest für den heutigen Tag. Ein Tag, der ihnen verloren ging. Ein Tag, der entscheidend sein konnte, um Landaria noch rechtzeitig zu erreichen.
Wie oft hatte Notadiel ihn schon überstimmt. Ja, er war einer der ältesten Magier. Aber warum hörten die anderen noch immer auf ihn? Seine Argumente waren schwach und kurzsichtig. Sahen die anderen das denn nicht? Dennoch musste er wieder einmal feststellen, dass die anderen, sobald der Magier das Wort an sie richtete, ihm mehr Vertrauen entgegenbrachten. Lutariel musste sich bemühen, um nicht die Fassung zu verlieren. Wäre doch der Prophet oder der König hier gewesen. Sie schenkten seinen Argumenten deutlich mehr Beachtung und konnten Entscheidungen auch ohne die Zustimmung der anderen treffen.
Sanktia ließ sich nichts anmerken, doch Lutariel kannte sie lange genug, um zu wissen, wie es in ihr brodelte. Sie machte auf dem Absatz kehrt und verließ die Versammlung. Nach kurzer Zeit standen nur noch Lutariel und Notadiel bei der Kristallkugel. Das Bild war erloschen.
Lutariel hatte das Gefühl, dass Notadiel ihm etwas mitteilen wollte. Doch er sagte nichts.
Stattdessen erhob Lutariel selbst das Wort: „Warum? Ihr riskiert unsere Existenz in diesem Teil der Welt. Ihr wisst selbst sehr wohl, dass die Urluka nicht an uns vorbeiziehen werden und der Wald uns auch nicht ewig schützen kann. Und gerade Ihr wart es doch immer, der um unsere Rolle in der Welt fürchtete! Dies ist der Zeitpunkt, um uns wieder einzumischen. Um unser selbst willen.“
Viel stand in Notadiels Blick. Es war, als wollte er wortlos etwas mitteilen. Seine Augenlider flatterten, sein Blick wurde glasig. Aber statt Lutariel eine vernünftige Erklärung für sein sonderbares Verhalten zu geben, drehte sich Notadiel um und ging.
„Ich mache das für uns, Lutariel. Es ist nur zu unserem Besten!“
Die Wucht, mit der die Angreifer auf die Verteidiger prallten, nahm Teldran fast den Atem. Auf dem Platz hinter dem, was kurz zuvor noch ein Tor gewesen war, war ein wilder Kampf entbrannt.
Ein Urluka rannte auf den Krieger zu. Teldran parierte den Schlag und rammte dem Angreifer dabei den Schild in die Seite. Während der Gegner noch unkontrolliert taumelte, schlitzte Teldran ihn von oben nach unten auf. Die Leiche war noch nicht ganz erschlafft, da blockte er bereits den nächsten Schlag. Vier Urluka droschen auf ihn ein, doch er konnte die mit roher Gewalt geführten Schläge ohne allzu großen Aufwand abwehren und schaffte es immer wieder, einen kurzen Stoß nach vorn zu machen. Damit verpasste er den Kreaturen allerdings nur leichte Wunden, die sie scheinbar noch wütender machten.
Teldran wurde langsam zurückgedrängt und merkte, dass er diesen Kampf nicht mehr lange überstehen würde. Er bekam mit solcher Heftigkeit einen Schlag gegen den Schild, dass er anfing, zu taumeln. Damit war seine Verteidigung offen. Mit einem Sprung nach hinten entkam er nur knapp den zwei rostigen Klingen, die dort die Luft teilten, wo er zuvor noch gestanden hatte. Eine weitere Klinge raste auf ihn zu. Die Hand, die diese führte, gehörte zu einem besonders großen Urluka. Er würde nicht mehr rechtzeitig ausweichen können.
In dem Moment surrte ein Pfeil an ihm vorbei und drang tief in den Schädel des Urluka ein. Weitere Pfeile bohrten sich in so kurzen Abständen in die anderen Angreifer, denen er gerade gegenübergestanden hatte, dass Teldran kaum wahrnahm, welcher zuerst abgefeuert wurde.
Er kannte nur einen, der Pfeile in dieser Geschwindigkeit und zudem mit einer solchen Präzision verschießen konnte. Er drehte sich um und sah Coron auf dem Hausdach direkt hinter sich.
Dieser lächelte und rief herüber: „Du fängst eine Schlacht an und sagst mir nicht Bescheid? Dann aber bitte nicht meckern, wenn du später tot bist, weil ich dich nicht beschützen konnte.“ Das Grinsen wurde noch breiter.
Teldran konnte nicht anders und musste auch grinsen. „Na, ist doch schön, wenn du mir ausnahmsweise auch mal das Leben rettest.“
Weiter kamen sie aber nicht. Coron sah sich plötzlich einem Pfeilhagel gegenüber und ließ sich auf den Bauch fallen. Er überbrückte einen Teil des schrägen Dachs im Rollen und kam kurz vor der Dachrinne wieder zum Halt, wo er noch vier weitere Pfeile ins Ziel brachte. Mit einem Satz nach vorn ließ Coron sich mit den Füßen voran vom Dach fallen und rollte sich dann geschickt ab, um den Fall zu bremsen.
Teldran musste unwillkürlich an Lutariel denken, den Elfen, dem sein Bruder und er so viel zu verdanken hatten, unter anderem auch die Kampfeskunst.
Er wusste, dass Lutariel schon lange Expeditionen nach Zhurgurad hatte unternehmen wollen, um mögliche Gefahren zu erkennen, doch nie hatte einer der Herrscher seine Männer, Frauen oder Ressourcen dafür opfern wollen. Ein tragischer Fehler, wie sich nun zeigte.
Teldran fragte sich, wo Lutariel wohl gerade war. Die Elfen wären jetzt eine willkommene Unterstützung. Mit der war allerdings nicht zu rechnen - die Elfen hielten sich bekanntermaßen immer zurück und waren nur unter äußersten Umständen bereit, ihre Wälder zu verlassen.
Er guckte sich um. Der Kampf tobte. Auch wenn deutlich mehr Urluka am Boden lagen, so waren es mittlerweile ebenfalls eindeutig zu viele Verteidiger. Kongrahad war eine Stadt mit vielen Völkern. So lagen Menschen, aber auch Zwerge und Kaldaraner am Boden. Sogar ein paar wenige Elfen. Die Zahl der Magier hatte stark abgenommen. Viele lagen dort, wo sie zuvor gestanden hatten, entweder von Pfeilen gespickt oder völlig verkohlt, weil sie dem unheiligen Zauber eines Hexenmeisters anheimgefallen waren.
Die Mauer war komplett verloren, so drängte sich der Kampf weiter in die Stadt hinein. Teldran überschlug die Möglichkeiten. Es war aussichtslos.
„Das wäre jetzt übrigens der richtige Zeitpunkt für eine fabelhafte Idee“, sagte Coron nur knapp.
Teldran sah in Richtung der Angreifer und der immer weiter zurückfallenden Verteidiger.
„Rückzug!“, war das einzige was er sagte.
Corons Miene wurde ernst. „Wie soll das noch gehen?“
„Ich weiß es nicht. Aber wir müssen zu Vater in den gesicherten Bereich. Vielleicht kann er noch etwas bewirken. Außerdem können wir noch so viele wie möglich in den inneren Kreis der Burg bringen. Dann kann uns nur noch ein Wunder helfen.“
Coron nickte kurz und rannte los.
Teldran folgte ihm. Er ahnte, dass die Stadt mittlerweile von allen Seiten eingekreist sein musste. Während er noch auf der Mauer war und den Hexenmeister niedergestreckt hatte, hatte er beiläufig vernommen, wie die Heerscharen von Urluka sich nicht damit begnügten, auf das Haupttor im Westen anzurennen. Aber was sollten sie dann noch im inneren Kreis der Burg?
Sollten sie diesen Ring halten, so hielten die Vorräte gerade mal für ein paar Tage, dachte Teldran konsterniert. Zu lange gab es schon Frieden und keinen wirklichen Grund, die Ressourcen für so etwas zu opfern. Dies würde nun den Untergang bedeuten. Aber was war die Alternative?
Coron bog nach zwei Häusern links ab, um die etwas abgeschlagenen Truppen zum Rückzug zu rufen. Teldran brüllte die Befehle zur inneren Mauer. Die Verteidigung brach ein und alle versuchten, zur vermeintlich letzten Bastion zu kommen. Soldaten bemühten sich, die Urluka auf Abstand zu halten. Magier taten es ihnen mit Zaubern gleich. Das gequälte Geschrei wurde immer lauter. Ohne eine wirkliche Verteidigung wurden sie nun völlig überrannt.
Auf dem Weg zur Burg kreuzte der ein oder andere Urluka seinen Weg. Er machte jeweils kurzen Prozess mit ihnen. Die Burgmauer war nicht mehr weit und bereits voll besetzt. Das Bild brannte sich Teldran ein. Man musste kein Prophet sein, um zu wissen, dass für diese Soldaten keine Hoffnung mehr bestand. Sie warteten tapfer auf das, was dort auf sie zukam. Er konnte einen seiner Hauptmänner sehen. Er brüllte etwas von Ehre, Tapferkeit und Mut. Davon, dass ihnen das Licht beistehen würde. Er schaffte es, ihnen Kampfgeist einzuhauchen. Das verschafft uns eine kurze Pause, mehr aber auch nicht, dachte Teldran bei sich. Mehr nicht!
Kladion hatte nicht glauben können, was er gesehen hatte. Die Drachen waren unterlegen. Zwar war es ihnen gelungen, alle Chimären mit in den Tod zu reißen und riesige Schneisen in die Reihen der Urluka zu schlagen, doch die hatten die Reihen wieder geschlossen, als wäre nichts passiert.
Genährt von der Wut hackten er und Gwollnir auf alles ein, was versuchte, sich über die Mauer zu schieben. Es war ein nicht enden wollender Strom hässlicher Kreaturen. Sie hatten Leitern angelegt.
Da die Mauer so hoch war wie zwanzig Zwerge übereinander, waren diese jedoch äußerst wacklig. Die Urluka hatten ihre lieben Mühen damit, die Leitern schnell zu erklimmen. Somit war ausreichend Zeit, diese wieder von der Mauer zu lösen und die Kletterer, die bereits zu hoch waren, in den Tod zu schicken.
Immer wieder, wenn ein Zwerg eine kurze Verschnaufpause hatte, wurden heißer Teer und Tonkrüge mit brennendem Öl nach unten gekippt. Die Wirkung war ungeheuerlich, aber dennoch wollten die Angreifer ihren Ansturm nicht abblasen.
„Nutzt den restlichen Teer, aber wartet mit dem Öl. Wir dürfen nicht alles sofort verbrauchen!“, rief Kladion seinen Mitstreitern auf der Mauer zu.
Ein Urluka schaffte es über die Mauer und sprang brüllend auf Kladion zu, der gerade noch einen anderen Gegner mit der Längsseite seines Hammers am Überqueren der Mauer hinderte. Der Zwerg zog seinen Hammer wieder zurück, holte erneut aus und die Stirnseite der Waffe traf den Urluka voll auf die Brust. Das blecherne Geräusch von Metall und Knacken von Knochen waren zu hören. Der getroffene Gegner schrie auf und taumelte durch die schiere Wucht des Schlages zur niedrigen Brüstung zurück und stolperte über diese in die Tiefe. Dabei nahm er noch drei weitere Kreaturen mit, die gerade die Brüstung erreicht hatten.
Er schaute sich um. Zu beiden Seiten wehrten sich die Zwerge auf der Mauer bis zum Äußersten. Immer wieder gelang es einem Angreifer, die Mauer zu überwinden, bereute das aber jedes Mal sehr schnell.
