Scherben der Unendlichkeit - Leo Ashford - E-Book

Scherben der Unendlichkeit E-Book

Leo Ashford

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Beschreibung

"Scherben der Unendlichkeit" ist ein ergreifender Roman, der von Leo Ashford verfasst wurde und eine fesselnde Geschichte über den Protagonisten Niklas erzählt. In diesem literarischen Werk taucht der Leser in eine Welt voller Tragik, Hoffnung und menschlicher Abgründe ein. Die Handlung des Romans folgt Niklas, einem Mann, der mit den Wirren des Lebens kämpft und auf der Suche nach seinem Platz in der Welt ist. Geplagt von persönlichen Niederlagen und unerwarteten Wendungen des Schicksals, findet Niklas sich in einem Strudel aus unerwarteten Ereignissen und inneren Konflikten wieder. Leo Ashford entführt die Leser mit seiner einfühlsamen Erzählweise in die Tiefen der menschlichen Seele und zeichnet ein facettenreiches Bild von Niklas' inneren Kämpfen und emotionalen Turbulenzen. Durch geschickt gewobene Charaktere und eine packende Handlung entfaltet sich eine Geschichte, die sowohl berührt als auch zum Nachdenken anregt. "Scherben der Unendlichkeit" ist mehr als nur ein Roman - es ist eine Reise durch die Abgründe der menschlichen Existenz, durch die Höhen und Tiefen des Lebens und durch die unendliche Suche nach Liebe, Glück und Sinnhaftigkeit. Leo Ashford beweist mit diesem Werk sein Talent als einfühlsamer Geschichten-erzähler, der es versteht, das Herz seiner Leser zu berühren und sie mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt zu nehmen.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Leo Ashford

Scherben der Unendlichkeit

Leo Ashford

Scherben

der

Unendlichkeit

Roman

Impressum

Texte: © 2024 Copyright by Leo Ashford

Umschlag:© 2024 Copyright by Leo Ashford

Verantwortlich

für den Inhalt:Leo Ashford

c/o COCENTER

Koppoldstr. 1

86551 Aichach

Druck:epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

1

Vor zwei Jahrzehnten entfaltete sich der Beginn einer Reise, die das Schicksal eines Einzelnen unwiderruflich lenken sollte. Die Berührung der Feder auf dem Papier entfesselte eine Flut von Worten, als ob sie den Lauf eines uralten Stroms folgten. Gedanken vermählten sich mit Emotionen, während jede geschriebene Zeile wie eine Pforte zu einer Wirklichkeit wirkte, die hinter den Schleiern des Sichtbaren lag. Die Erzählung 'Scherben der Unendlichkeit' führte jene, die sich hineinwagen, durch ein Labyrinth von Erinnerungen und Empfindungen, dessen Wege in unerwartete Richtungen führen.

Nie zuvor hatte Niklas einen derart atemberaubenden Ausblick erlebt. Die Morgenröte umgab ihn wie ein zarter Schleier, als er allein in seinem betagten Opel Kadett A die einsame Landstraße entlangfuhr. Vor ihm erhoben sich majestätische Berge, von den ersten Sonnenstrahlen in warme Schattierungen von Rot, Orange und Gelb getaucht. Niklas, ein junger Mann von etwa einundzwanzig Jahren, zeigte eine durchtrainierte Statur, mit dünnem, dunkelblondem Haar und lebhaften, neugierigen Augen. Seine Kleidung verriet seinen schlichten Lebensstil, doch seine Freude über diesen Ausflug war unübersehbar.

Sein Ziel war frische Brötchen, Butter und Marmelade für ein erstes gemeinsames Frühstück zu besorgen. Dies markierte den Anfang ihres ersten gemeinsamen Urlaubs, und für ihn persönlich war es sogar erst der zweite Urlaub in seinem noch so jungen Leben überhaupt. Er war begleitet von seiner zarten, so wie er lange glaubte sensiblen Freundin, einer jungen Frau mit langen, dunklen Locken und einem Lächeln, das die Sonne zu imitieren schien. Ihr Name spielt eigentlich keine Rolle, so dass wir sie nur noch „sie“ nennen wollen, und sie war in der Blüte ihrer Jugend.

Die Vorfreude auf dieses erste gemeinsame Frühstück war beinahe greifbar. Niklas hatte den Tisch sorgfältig gedeckt, nach seinen Maßstäben jedenfalls. Die Ferienwohnung, die sie bezogen hatten, überraschte ihn mit ihrer üppigen Ausstattung, besonders angesichts des erschwinglichen Preises. Sie waren in eine malerische Region im Allgäu gereist, wo saftige Wiesen und Berggipfel die Landschaft prägten.

Dann erklang ihre Frage: 'Gibt es keine Stöllchen?'

'Nein, das ist hier nicht üblich', antwortete er, während er den Raum betrachtete, der eine Mischung aus rustikalem Charme und modernem Komfort ausstrahlte.

Mit bedachter Geste strich er eine großzügige Schicht Butter auf eine der Brötchenhälften. 'Sie schmeckt wirklich köstlich. Man kann förmlich die Frische spüren, wenn man bedenkt, dass hier im Allgäu alles direkt vom Bauernhof kommt.' Die Tatsache, dass die Alufolie mit der Aufschrift 'Südmilch' bedruckt war, löste in ihm keinerlei Unbehagen aus. Erst viele Jahre später wurde Niklas bewusst, dass er im Alter von einundzwanzig Jahren zum ersten Mal in seinem Leben den köstlichen Geschmack von 'Süßrahmbutter' genossen hatte. Ein Luxus, der ihm bisher vorenthalten war. So verliefen die Wege jener, die in der Ära des Wirtschaftswunders in bescheidenen Verhältnissen aufwuchsen. Niklas' Eltern kannten die Fülle und den Glanz jener Zeit nicht; sie glaubten, warum auch immer, an den Wert harter Arbeit und die Bedeutung des Zusammenhalts in schwierigen Zeiten und sahen Armut als Tugend an.

Die vorangegangene Nacht hatte sie bereits in Erschöpfung versinken lassen, selbst wenn sie nicht selbst am Steuer gesessen hatte, zehrte die Reise doch an ihren Kräften. Sie waren auf dem Weg zu diesem abgelegenen Ort in den Bergen gewesen, um den Fängen ihrer Mutter zu entfliehen und ihre Liebe inmitten der Natur ausleben zu können.

'Ja, du bist sofort eingeschlafen', antwortete Niklas. 'Aber betrachte es aus dieser Perspektive: Jetzt können wir die Freiheit genießen, ohne die ständige Furcht vor unerwartetem Besuch. Wir können Dinge tun, die wir sonst vielleicht nicht gewagt hätten.'

Sie blickte ihn fragend an, ihre kristallklaren Augen funkelten. 'Du meinst, jetzt hier?'

'Warum nicht?', erwiderte er mit einem Lächeln, das ihre Unsicherheit noch mehr zu Tage brachte. 'Es ist niemand da, der uns stören könnte. Ehrlich gesagt, wollte ich dich gestern schon danach fragen.'

Ein Hauch von Entsetzen huschte über ihr Gesicht. aber es war von kurzer Dauer. Es war typisch für sie, zart besaitet und sensibel, doch sie hatte auch einen rebellischen Funken in sich, der von Zeit zu Zeit aufloderte.

Niklas konnte ihre Reaktion nachvollziehen, schließlich hatte er all die Jahre die Worte seiner Mutter im Hinterkopf. 'Das ist etwas ganz Besonderes. Das macht man nicht einfach so. Es ist ein Geschenk Gottes. Wenn du so etwas mit einem Mädchen tust, wird sie schwanger, und dann bist du verpflichtet, sie zu heiraten.'

Diese Begegnung und diese Reise würden in die Geschichte ihrer Beziehung eingehen, aber nicht als ein Wendepunkt, an dem sie sich ihrer Liebe und ihren Wünschen füreinander bewusst wurden.

Niklas war bereit zum Heiraten - immerhin hatten sie gerade ihre Verlobung mit einer bescheidenen Feier hinter sich. Dennoch haftete dieser eigentlich familiären Zeremonie eine gewisse Merkwürdigkeit an und das kam so.

Die Mutter von ihr, eine resolute Frau mit einer unübersehbaren Neigung zur Kontrolle, untersagte ihrer Tochter vehement die gemeinsame Reise. 'Nein, das ist absolut undenkbar. Ihr seid ja nicht einmal verlobt.' Sie war in einer Zeit aufgewachsen, in der Traditionen und gesellschaftliche Erwartungen über allem standen. Für sie war eine Verlobung ohne die Zustimmung der Eltern undenkbar.

Daraufhin besorgte Niklas zwei Ringe, wobei er den einen durch einen glücklichen Zufall bei einem Juwelier gewann - ein Werbegeschenk im Wert von 50 DM, das er sich als Lehrling gerade noch leisten konnte. Sie nahm den Ring still entgegen, und es schien, als würde dieser einfache, aber symbolische Akt die Bedeutung ihrer Verbindung unterstreichen. 'Nun sind wir verlobt', betonte er vorsichtshalber noch einmal, denn er traute der ganzen Sache immer noch nicht recht über den Weg.

Dennoch führte diese Kette von Ereignissen dazu, dass sie sich nun in dieser Ferienwohnung befanden. Die seltsamsten Umwege führen nicht immer zu den schönsten Zielen. Niklas meinte zu erkennen, dass ihre Liebe und ihre Entschlossenheit stärker waren als jede noch so ungewöhnliche Hürde, die sich ihnen in den Weg stellte.

Es war nicht ihre erste Begegnung von dieser Art, jedoch fehlte es ihnen an Erfahrung in solchen Momenten. Niklas versuchte, ihre Empfindungen zu erspüren, ohne dabei die eigene Beherrschung zu verlieren. Doch allzu oft schien ihm beides zu entgleiten, so auch in diesem Augenblick.

"Bitte versteh mich recht, ich möchte nicht, dass du denkst, unser gesamter Urlaub wird nur von solchen Momenten geprägt sein", hauchte sie leise.

Niklas erwiderte mit leichter Verwirrung in der Stimme: "Aber das hatte ich doch gar nicht vor. Was schwebt dir denn vor? Welche Abenteuer reizen dich?"

Sie antwortete zögerlich: "Ich weiß es nicht."

Während er das Frühstück einkaufte, war sein Blick auf ein Hinweisschild zum Forggensee gefallen. "Mir ist eingefallen, dass es in der Nähe einen See gibt. Er soll wunderbar zum Baden sein. Wäre das eine Idee für uns?"

Ihre Augen hellten sich auf, als sie zustimmte: "Ja, das klingt gut."

Er packte behutsam eine Decke, ein Bündel Handtücher und seine Badehose in einen Korb und fragte mit einem Hauch von Vorfreude: "Sollen wir vielleicht noch etwas für ein Picknick mitnehmen?"

"Du denkst immer nur an Essen", erwiderte sie schmunzelnd.

Gemeinsam machten sie sich auf den Weg. Das Gewässer lag in nicht allzu großer Entfernung. Erstaunlicherweise schien es, dass sich nur wenige Menschen hierher verirrten, obwohl dieser Ort offensichtlich zum Baden einlud. Als sie das eisig kalte Wasser erreichten, konnte Niklas sich kaum zurückhalten. Er tobte im kühlen Nass, tollte herum und schlüpfte in verschiedene Rollen, mal als Seeungeheuer, dann als Tarzan im Urwald. Sie hingegen trat zögerlich ins Wasser, wobei sie nur bis zu den Knien eintauchte. Doch ein unbedachter Spritzer von Niklas veranlasste sie, fluchtartig das Wasser zu verlassen und sich auf der Decke niederzulegen.

"Könntest du mich bitte mit Sonnencreme einreiben?", bat sie schließlich.

"Selbstverständlich", erwiderte er und griff nach der Flasche.

"Aber nicht dort", wies sie ihn an, "ich möchte nicht, dass die Lotion meinen Bikini verschmiert."

Ein Gefühl der Verlegenheit überkam Niklas. Offensichtlich hatte sie seine Absichten durchschaut. Sie lag nun in der warmen Sonne, während er auf der Decke saß und seinen Blick über den See und die majestätischen Berge gleiten ließ. Von diesem Ort aus konnte er die bezaubernden Königsschlösser in der Ferne erblicken, und die Vorfreude auf die Erkundung all dieser Wunder erwärmte sein Herz.

Die Einladung zum Wasser war verlockend: „Möchtest du ins Wasser?", fragte er und wartete auf ihre Antwort.

Ihre Antwort folgte rasch: "Nein, ich habe mich gerade eingecremt."

So verstrich für Niklas ein wahrhaft angenehmer Tag am See, während seine Gedanken in den Weiten seiner Träume schwelgten. Unterdessen lag sie in der warmen Umarmung der Sonne und pflegte ihre eigene Schönheit. Als die Abenddämmerung heranbrach und sie zur Ferienwohnung zurückkehrten, klagte sie über die schmerzhaften Folgen eines Sonnenbrands. Er setzte alles daran, die betroffenen Hautpartien mit der sanften Berührung von Sonnenmilch zu lindern, während er von einem tiefen Gefühl der Sicherheit erzählte. Dieses Gefühl war stark verankert in der Vorstellung eines eigenen Zuhauses, das er sich schon immer erträumt hatte. Seine Träume malten die Bilder einer geräumigen Stadtwohnung aus, mindestens fünf Zimmer und genauso viele Kinder. Die Sehnsucht, mit ihr eine solch umfangreiche Familie zu gründen, in der niemand jemals alleine sein würde, heilte die Narben seiner einsamen Vergangenheit.

Am nächsten Tag planten sie eine Reise zu den Königsschlössern. Der Anblick der Schlösser, wie sie sich harmonisch in die Naturlandschaft einfügten und gleichzeitig majestätisch hervorstachen, war einfach zauberhaft. Auf ihrem Weg dorthin bogen sie von der Hauptstraße ab und passierten eine kleine Kapelle. Niklas hielt das Auto an, und sie stiegen aus. Leider war die Kapelle verschlossen, doch vor der Tür entdeckten sie eine hölzerne Viehtränke, gefüllt mit eiskaltem Wasser. Niklas zögerte nicht, seine Schuhe auszuziehen und vorsichtig durch das erfrischende Wasser zu waten. Seine Unbeschwertheit kannte keine Grenzen, während sie einen respektvollen Abstand wahrte. Gemeinsam hielten sie diesen Augenblick auf Fotos fest, denn die Szenerie war schlichtweg malerisch. Als sie schließlich den Parkplatz von Hohenschwangau erreichten, bemerkte sie die Menschenmassen und den steilen Pfad hinauf zum Elternhaus von König Ludwig. Dies entsprach nicht ihrem Geschmack. Die Überfüllung und vermutlich anfallende Eintrittsgebühren schreckten sie ab. Niklas hatte stets ein offenes Ohr für die Wünsche und Bedenken seiner geliebten Begleitung, und daher schlug er vor, weiter zum Schloss Neuschwanstein zu fahren, wo es vermutlich weniger voll sein würde. Ihre Reise setzten sie fort und erreichten schließlich ihr Ziel.

Angekommen, bot sich ihnen erneut ein faszinierendes Bild. Pferdekutschen standen bereit, um Besucher den Berg hinaufzufahren. Eine Idee, die Niklas bereits aus seiner Kindheit kannte, als er mit seiner Großmutter auf einer von Ochsen gezogenen Kutsche ohne Verdeck ähnliche Wege zurückgelegt hatte. Doch sie lehnte das Angebot ab.

Entschlossen, das Beste aus dem Tag zu machen, fuhren sie weiter und hielten an weniger frequentierten Plätzen, um die majestätische Umgebung zu genießen. Während sie die Schönheit der Landschaft auf sich wirken ließen, blieb Niklas in seinen Gedanken und Träumen versunken. In dieser Woche teilten sie keinen weiteren intimen Moment, da ihre von der Sonne beanspruchte Haut zunehmend schmerzte. Doch Niklas widmete sich liebevoll der Pflege der betroffenen Stellen und war stolz darauf, seine Mutter nicht zu enttäuschen. Denn diese hatte ihm einst mitgegeben: "Frauen suchen keinen Klotz als Partner, sondern jemanden, der liebevoll und verständnisvoll ist. Es geht nicht nur um Intimität; Familie bedeutet Geborgenheit. Eine Frau wünscht sich einen Beschützer."

Die Rückreise auf den Landstraßen, die etwa zehn Stunden in Anspruch nahm, erwies sich für Niklas ebenso faszinierend wie die Hinfahrt. Nach ihrer Rückkehr in die heimische Umgebung, verweilten sie noch eine Weile in ihrem Zimmer. Gegen zehn Uhr klopfte ihre Mutter an die Tür, und es wurde Zeit für Niklas, nach Hause zu gehen.

Nach vierundvierzig Jahren ist es für Niklas schmerzlich, sich an all das zurückzuerinnern. Diese Schmerzen haben zwei Ursachen: Zum einen, weil er vor Kurzem genau in dieser zauberhaften Gegend unvergesslich schöne Tage verbracht hat, und zum anderen, weil ihm zunehmend bewusst wird, wie sehr er sich damals seinen illusionären Träumen hingegeben hat, ohne die Realität im Geringsten zu beachten.

Das Leben gleicht einem weitläufigen, vielschichtigen Haus, in dem jedes Stockwerk und jedes Zimmer mit seiner individuellen Einrichtung und Geschichte einen einzigartigen Lebensabschnitt oder ein bedeutendes Erlebnis repräsentiert. Auch wenn nicht jede Einrichtung kunstvoll ist und hier auch manches Unansehnliche zu finden ist, empfindet man dennoch eine gewisse Zögerlichkeit, dieses riesige Anwesen zu durchqueren.

Am liebsten würde man sich in diesem einen Raum einschließen, der vertraut und doch ein wenig bedrückend wirkt. Doch an diesem Punkt des Lebensweges bleibt einem wohl nichts anderes übrig. Die Vergangenheit holt einen immer wieder ein, und um manche Umstände in der Gegenwart wirklich zu verstehen, muss man diesen Raum verlassen. Man muss die knarrenden Stufen der Treppe hinuntergehen, die einen in die unteren Etagen dieses Lebensgebäudes führt. Und vielleicht, ja vielleicht, muss man sogar bis in den tiefsten Keller dieses Hauses vordringen, obwohl man vor diesem düsteren Ort schon als Kind eine tiefe Furcht hegte.

Dort unten im finsteren Keller verbergen sich die Geheimnisse, die man lange Zeit verdrängt hat. Die Schatten der Vergangenheit, die in den dunklen Ecken lauern und darauf warten, ans Tageslicht gezerrt zu werden. Es sind die Erinnerungen an die Momente des Zweifels, der Angst und der Unsicherheit. Doch man erkennt, dass es unumgänglich ist, diesen unheimlichen Ort zu betreten, um die Wahrheit über sich selbst und seinem Leben in seiner ganzen Tiefe zu begreifen. Das Durchschreiten dieses Kellers wird einen nicht nur mit seinen Dämonen konfrontieren, sondern auch das Licht auf all die kleinen und großen Siege werfen, die einem auf dem Weg begegnet sind.

So stellt man sich seiner Furcht, der tiefsten Dunkelheit einer Vergangenheit. Denn nur durch die Erkundung aller Räume dieses Lebenshauses kann man ein vollständiges Bild von sich selbst zeichnen und die Schlüssel finden, die einen in die Zukunft führt. Und wer weiß, vielleicht wird dieser Keller am Ende zu einem Ort der Heilung, an dem die Geister der Vergangenheit ihren Frieden finden und man endlich in der Lage ist, das Haus des Lebens mit einer neuen Perspektive zu betrachten.

2

Februar. Jeder Samstagabend brachte Niklas Clique zusammen, und gelegentlich begaben sie sich auf Tanzveranstaltungen. Die Gegend bot eine Auswahl an Bands, die genau die Musik spielten, die Niklas bevorzugte. Sie saßen, wie üblich, in einer ausgelassenen Runde von Freunden an einem ausladenden Tisch, tauschten Geschichten aus und schwangen sich zum Tanz. Doch dieser Abend unterschied sich von den anderen. Die meisten von Ihnen hatten inzwischen feste Partnerinnen, und diese Damen bestimmten das Geschehen auf der Tanzfläche. Niklas hingegen war allein und fand sich deshalb am Tisch neben Roland wieder, während die anderen ihre Kreise auf dem Parkett zogen.

Niklas' Aufmerksamkeit galt, wie so oft, dem Schlagzeuger der Band. Er konnte den Blick nicht von ihm abwenden, fasziniert von jeder seiner Bewegungen. Obwohl er selbst seit Jahren Schlagzeug spielte, wenn auch nicht in einer Band, übte er regelmäßig in seinem Keller. Im vergangenen Sommer bot sich ihm sogar die Möglichkeit, bei einer Band mitzuspielen, die auf halbprofessionellem Niveau agierte. Doch er hatte sich dagegen entschieden. Ein schlechtes Gewissen begleitete ihn. In der Schule hatte er versagt, und nun, mit neunzehn Jahren, befand er sich in der Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker. Diese Lehrstelle hatte sein Vater ihm als seine letzte Chance dargestellt, etwas Vernünftiges aus seinem Leben zu machen. Niklas war sich bewusst, dass er seine Eltern nicht enttäuschen durfte. Er wollte sich auf seine Ausbildung konzentrieren, und die Musik konnte darin keinen Platz mehr finden. Dazu kamen seine durchschnittlichen Leistungen in der Lehre, die an ihm nagten.

Dann geschah es. Ihr Blick traf ihn unerwartet. Sie hatte langes, dunkles, krauses Haar und trug eine rote Bluse mit einem schwarzen Rock. Niklas senkte kurz den Blick, aber als er wieder aufsah, bemerkte er, dass ihre Augen noch immer auf ihm ruhten. Sie saß zwei Tische entfernt, und er konnte seinen Blick nicht von ihr abwenden. Trotz ihrer markanten Züge, darunter eine Nase, die in der Gegend liebevoll als "Himmelfahrtsnase" bekannt war, faszinierten ihn besonders ihre Haarfarbe, ihre Statur und ihre gesamte Ausstrahlung.

Schließlich stand er auf, ging zu ihr und bat um einen Tanz. Sie schien ihn skeptisch zu betrachten, als er vor ihr stand - in seinem roten T-Shirt und den verwaschenen Jeans, dazu ein Hauch von Biergeruch. Aber sie stimmte zu, und gemeinsam tanzten sie einen Foxtrott.

"Ich finde diese Band wirklich klasse. Ich mag diese Art von Musik. Sie ist nicht so kommerziell. Mir gefallen auch die Rockklassiker. Das ist mal etwas anderes."

"Ich gehe normalerweise zu den Remakes, aber heute spielen sie nicht in unserer Gegend, deshalb bin ich hier", antwortete sie.

Nach einem Tanz führte er sie zurück zu ihrem Tisch und bedankte sich. In den nächsten Tanzrunden versuchte er immer wieder, sie zum Tanz aufzufordern. Doch gerade als er sich erneut erheben wollte, stand sie auf und ging in Richtung Toilette. Bei seinem nächsten Versuch war er einen Moment zu spät, und ein anderer junger Mann schnappte ihm den Tanz mit ihr vor der Nase weg. Gegen Ende des Abends hatte er jedoch nochmal Erfolg und führte sie auf die Tanzfläche. Ein ausführliches Gespräch kam jedoch nicht zustande.

Es war Silvester-Nachmittag in der Firma seines Onkels, Radio Röhrenzauber. Sie tranken Sekt zum Jahresabschluss. Niklas ging kurz hinaus, um Zigaretten zu besorgen, und sah sie vor dem Hintereingang. Eine junge Frau mit dunklen Augen, dunkelbraunem kurzen Haar, etwa eins fünfundsechzig groß und Mitte zwanzig. Auf den ersten Blick fand er sie attraktiv und sympathisch.

"Ist Heinrich noch hier?", fragte sie.

"Ja", antwortete er.

"Ich bin Heinrichs Schwester."

Niklas schaute verwundert, denn Heinrich war groß, sprach langsam, war umständlich und äußerst gewissenhaft.

"Ich komme, um ihn abzuholen."

"Warum kommen Sie nicht einfach mit nach oben? Wir trinken gerade ein Glas", schlug er vor.

Seine Tante und sein Onkel begrüßten die junge Dame herzlich. Ihr Vater betrieb selbst ein Fernsehgeschäft und war ebenfalls in der Handwerksinnung aktiv. Sie blieb nur kurz, und nachdem man sich noch einen "Guten Rutsch" gewünscht hatte, löste sich die Gesellschaft bald auf.

Etwa eine Woche später lud sein Onkel ihn ein, mit Christel, Marlene und Heinrichs Schwester zu einer Tanzveranstaltung im Café Fink zu gehen. Niklas' Onkel hatte noch vier Eintrittskarten übrig, und bei dieser Faschingsveranstaltung spielte eine international bekannte Band.

"Damit die Damen eine männliche Begleitung haben", scherzte sein Onkel.

Mit Christel und Marlene verstand sich Niklas gut. Sie waren in etwa im gleichen Alter und kannte sie schon seit seiner Zeit, als er bereits in den Ferien bei seinem Onkel arbeitete. Warum Heinrichs Schwester dabei war, konnte er sich nicht erklären. Sein Onkel sagte nur, dass sie wohl mit Christel bekannt sei.

Sie hatten sich einen ausgezeichneten Platz gesichert. Die Band spielte mitreißend, weit über die üblichen Foxtrott- und Rockstücke hinaus. Niklas saß nun mit den drei Damen am Tisch. Sie unterhielten sich angeregt. Doch Christel und Marlene waren schnell anderen Gästen gefolgt und hatten sich in die Bar verabschiedet. So blieb er allein mit Heinrichs Schwester zurück, und um die Stimmung aufzulockern, lud er sie zum Tanz ein. Schon bei ihrer ersten Begegnung war ihm aufgefallen, dass sie nicht groß war, aber besonders beim Slowfox wurde ihm das noch deutlicher bewusst. "Long as I can see the light" von CCR erklang. Er mochte dieses Lied, besonders den Schlagzeugpart, den sie in ihrer Gruppe scherzhaft als "Kniewalzer" bezeichneten. Er spürte den sanften Druck ihrer Hände auf seiner Schulter und bemerkte, wie ihr Kopf sich seiner Wange näherte. Es war angenehm, sich im Rhythmus der Musik zu bewegen. Seine Hände wurden feucht.

Der Abend verging im Tanz, und er sah Christel noch kurz, als er Heinrichs Schwester zwischen den Tanzrunden in die Bar begleitete.

"Wie kommst du nach Hause?", fragte er.

"Ich bin mit meinem Auto hier", antwortete sie. "Ich kann dich mitnehmen. Wo wohnst du?"

"In Steinheim."

Sie fuhr einen roten R4, und er saß schweigend neben ihr.

"Du kannst mich hier absetzen. Ich wohne gleich hier oben. Danke fürs Mitnehmen. Es war ein schöner Abend."

"Ja, es war schön."

Sie sahen sich noch einen Moment lang in die Augen. Dann öffnete er die Autotür und ging.

3

 

Es lag im Bereich des Möglichen, dass Niklas' Mutter den Verdacht hegte, ihr Sohn könnte homosexuell sein. Was jedoch in Niklas' Vaters Gedankenwelt vorging, blieb seinem Sohn ein Rätsel. Dennoch war ihm bewusst, dass sein zukünftiger Pfad im öffentlichen Dienst liegen sollte. Ob es nun bei der Bahn, der Post oder dem Finanzamt war, spielte dabei eine untergeordnete Rolle. Hauptsache, es handelte sich um den "mittleren nichttechnischen öffentlichen Dienst".

 

Es bedrückte Niklas, dass seine Mutter mit ihrer Ahnung über seine sexuelle Orientierung möglicherweise richtig lag. Im Alter von zwanzig Jahren hatte er noch nie eine Beziehung mit einer Frau gehabt.

 

In Bezug auf Niklas' Persönlichkeit tappten seine Eltern im Dunkeln. Nicht, weil er nicht kommunikativ war - ganz im Gegenteil, er konnte durchaus redefreudig sein. Allerdings war seine Kommunikation oft auf sich selbst beschränkt und erreichte nur wenige andere Menschen.

 

Daher hatten sie keine Ahnung von Niklas' unsterblicher Liebe zu einem Mädchen namens Charlotte, die bereits seit über vier Jahre andauerte. Sein erster Blick auf sie fiel, als er fünfzehn Jahre alt war. Charlotte war zwei Jahre jünger als er und die Schwester einer Klassenkameradin. Dieses einschneidende Ereignis ereignete sich auf einer Gartenparty, zu der Niklas mit seinem Freund Berti gegangen war. Berti war mit Carola befreundet, die wiederum die Freundin von Charlotte war. Charlotte war groß, hatte dunkelblondes langes Haar, und Niklas hatte sich buchstäblich auf den ersten Blick in sie verliebt. An diesem Abend hatten sie lediglich Blickkontakt. In der folgenden Woche bat Niklas Carola, Grüße von ihm auszurichten. Ihre Antwort versetzte ihn in ein Glücksgefühl. Während dieser Zeit entstand die Clique, aus dem Umfeld Sportverein, und Charlotte war von Anfang an durch Carola und Berti ein fester Bestandteil davon. Niklas konnte sich gut mit ihr unterhalten, und sie war auch schon zu Besuch in seinem Zimmer gewesen, als er sie zusammen mit Rosa einlud. Sie kannte seine Gefühle für sie. Dennoch wies sie ihn immer wieder ab. Obwohl er sich glücklich schätzte, wenn sie ihm ab und zu erlaubte, mit ihr zu tanzen, wenn die Clique unterwegs war, spielte sie oft mit ihm und lachte, wenn sie ihn abwies und sich mit einem anderen Jungen amüsierte.

 

Wenn sein Interesse an Charlotte zu schwinden schien, begann sie manchmal, Spielchen mit ihm zu treiben. Ein solches Ereignis spielte sich an einem sonntäglichen Ausflug zum Baggersee mit ihrer Clique ab. Niklas lag etwas abseits von ihr, anders als gewöhnlich. Die Jungs und er tobten sich beim Volleyballspielen im Sand aus, vollführten geschickte Hechtsprünge und schmetterten den Ball so kraftvoll wie möglich. In seinem Inneren brannte der Wunsch, zu Charlotte hinüberzublicken, aber er blieb standhaft. Die Mädchen langweilten sich schließlich und gingen weg. Als sie wiederkamen, fanden sie die erschöpften Jungs auf ihren Decken liegend.

 

Plötzlich näherte sich Carola Niklas und sagte: "Charlotte ist ziemlich traurig, weil du nicht bemerkt hast, dass sie sich eine neue Frisur gemacht hat. Sie hat das extra für dich getan."