Schicksalhafter Kompromiss - Christine Feichtinger - E-Book

Schicksalhafter Kompromiss E-Book

Christine Feichtinger

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Beschreibung

Als sich die junge Sabine Gaber, einzige Tochter eines reichen Unternehmers, unsterblich in den mittellosen, hübschen Charmeur und unwiderstehlichen Frauenschwarm Patrik Lerner verliebt, ahnt sie nicht, dass sie, genauso wie ihre Vorgängerinnen, absichtlich ausgewählt wurde, um von ihm umgarnt, unterworfen und ausgebeutet zu werden, damit er, wenn er sie wie ein Blutsauger abgesahnt hatte, mit einer Geliebten fliehen und ein luxuriöses Leben führen kann. Alle gut gemeinten Worte und Warnungen ihres Vaters, diesen Weiberheld und Heirats- schwindler abblitzen zu lassen, schlägt Sabine in den Wind und heiratet Patrik gegen den Willen ihres Vaters. Gutgläubig, blind vor Liebe, stürzt sich Sabine in ein gefährliches Abenteuer mit Patrik und ignoriert die verräterischen Signale seiner geheuchelten Liebe, um sein Ziel erreichen zu können. Mit Kalkül, Verstand und Erfolgssucht beginnt Patrik skrupellos ein Netz voller Lügen und Intrigen zu spannen und verschweigt ihr wohlweislich seine dunkle, kriminelle Vergangenheit und sein ausschweifendes Leben in der Unterwelt, wo er gelernt hat, Frauen wie sprudelnde Geldautomaten auszunützen, um sich zu bereichern. Patrik schreckt nicht einmal davor zurück, Anneliese, die Freundin seines Sohnes Ewald, zu erobern, ohne Rücksicht, wie sehr er seinen Sohn und seine Frau damit verletzen könnte. Erst als das Schicksal mit unverminderter Härte zuschlägt und Patriks Lügengespinst zerschellt, muss Sabine erkennen, dass alle seine Schmeicheleien und Heucheleien eigennützig, nur ihrem Geld geschuldet waren. Und als Sabine die niederschmetternde Wahrheit über Patriks Verruchtheit, Falschheit und Hinterhältigkeit erfährt, ist nicht nur sie am Boden zerstört über die Erkenntnis, wie sehr er ihr blindes Vertrauen und ihre grenzenlose Liebe missbraucht hat, und dass er ihr Verderben und ihren Untergang rücksichtslos von Anfang an geplant hatte. Vor dem Abgrund ihres Lebens stehend, ganz unten angekommen, tut sich dennoch ganz unerwartet nach langer Irrfahrt und vielen Enttäuschungen ein schwach glühendes Lämpchen der Hoffnung für Sabine auf.

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Seitenzahl: 529

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Christine Feichtinger

Schicksalhafter Kompromiss

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Biographie

Inhaltsangabe

Patriks wilde Lehrjahre

Patriks Affären als Lebenselixier

Das Leben auf dem Land

Tante Andrea

Patrik übernimmt die Firma seines verstorbenen Schwiegervaters

Patriks Heuchelei erlosch nach dem Tod seines Schwiegervaters

Anneliese überrascht Patrik

Annelieses Drohung

Der Tag der Wahrheit

Annelieses zerplatzte Träume

Der Tod verzeiht alles und deckt mit seinem Leichentuch alles zu

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Das Lämpchen der Hoffnung

Quellenverzeichnis

Bisherige Werke der Autorin:

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Impressum neobooks

Biographie

Christine Feichtinger, geb. 1951 wuchs im Uhudler – Weinbaugebiet in einer Landwirtschaft mit vielen Tieren im Südburgenland auf, wo sie noch heute lebt. Sie arbeitete 40 Jahre als Sekretärin in einer Anwaltskanzlei und war im Nebenerwerb als Biobäuerin tätig. Sie ist langjähriges Mitglied des dörflichen Singkreises und spielte 27 Jahre lang Theater in der dörflichen Laienspielgruppe. Ihre Hobbys sind Lesen, Schreiben, Singen, Tanzen, Theater und Reisen.

Dieses Buch ist ein Roman, Namen, Personen Ort und Geschehnisse sind entweder der Fantasie der Autorin entsprungen oder werden fiktional verwendet. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen, mit bestimmten Ereignissen oder Orten ist rein zufällig. Urheber und Rechteinhaber des Textes ist die Autorin. Die Autorin ist keinem anderen Verlag verpflichtet.

Eigenverlag

Dezember 2021

Inhaltsangabe

Als sich die junge Sabine Gaber, einzige Tochter eines reichen Unternehmers, unsterblich in den mittellosen, hübschen Charmeur und unwiderstehlichen Frauenschwarm Patrik Lerner verliebt, ahnt sie nicht, dass sie, genauso wie ihre Vorgängerinnen, absichtlich ausgewählt wurde, um von ihm umgarnt, unterworfen und ausgebeutet zu werden, damit er, wenn er sie wie ein Blutsauger abgesahnt hatte, mit einer Geliebten fliehen und ein luxuriöses Leben führen kann.

Alle gut gemeinten Worte und Warnungen ihres Vaters, diesen Weiberheld und Heiratsschwindler abblitzen zu lassen, schlägt Sabine in den Wind und heiratet Patrik gegen den Willen ihres Vaters.

Gutgläubig, blind vor Liebe, stürzt sich Sabine in ein gefährliches Abenteuer mit Patrik und ignoriert die verräterischen Signale seiner geheuchelten Liebe, um sein Ziel erreichen zu können. Mit Kalkül, Verstand und Erfolgssucht beginnt Patrik skrupellos ein Netz voller Lügen und Intrigen zu spannen und verschweigt ihr wohlweislich seine dunkle, kriminelle Vergangenheit und sein ausschweifendes Leben in der Unterwelt, wo er gelernt hat, Frauen wie sprudelnde Geldautomaten auszunützen, um sich zu bereichern.

Patrik schreckt nicht einmal davor zurück, Anneliese, die Freundin seines Sohnes Ewald, zu erobern, ohne Rücksicht, wie sehr er seinen Sohn und seine Frau damit verletzen könnte.

Erst als das Schicksal mit unverminderter Härte zuschlägt und Patriks Lügengespinst zerschellt, muss Sabine erkennen, dass alle seine Schmeicheleien und Heucheleien eigennützig, nur ihrem Geld geschuldet waren.

Und als Sabine die niederschmetternde Wahrheit über Patriks Verruchtheit, Falschheit und Hinterhältigkeit erfährt, ist nicht nur sie am Boden zerstört über die Erkenntnis, wie sehr er ihr blindes Vertrauen und ihre grenzenlose Liebe missbraucht hat, und dass er ihr Verderben und ihren Untergang rücksichtslos von Anfang an geplant hatte.

Vor dem Abgrund ihres Lebens stehend, ganz unten angekommen, tut sich dennoch ganz unerwartet nach langer Irrfahrt und vielen Enttäuschungen ein schwach glühendes Lämpchen der Hoffnung für Sabine auf.

Patriks wilde Lehrjahre

Wien, Sommer 1988

Man soll sich vor den Menschen nicht mehr schämen als vor sich selbst

Demokrit

Der farbenfrohe Sommer war auch in diesem Jahr wie durch ein Wunder in jedem Gewächs mit den verschiedensten duftenden Gerüchen und Schattierungen erblüht.

Vor dem Hintergrund einer gepflegten, alten Villa fand im Garten eine Party statt. Der Garten mit den duftenden Stauden, den in den Rabatten in Pastelltönen blühenden Rosen, lud jeden Betrachter zum Verweilen ein. Im nassen Tau glänzten Jasminsträucher im Vollmond und erfüllten die Luft mit einschmeichelndem Duft. Dieses zauberhafte Ambiente wirkte für jeden Besucher wie ein herzlicher Willkommensgruß.

Die gedämpften Laternen, die Skulpturen, die alten Steinfiguren und die einschmeichelnde Musik vermittelten Romantik und eine Atmosphäre der Erhabenheit. Die Tische waren mit bunten Satintüchern bedeckt. Darauf standen vergoldete Kerzenständer. Serviettenständer mit Stoffservietten, von Hand bemalte Gläser und Teller aus feinstem Porzellan, überzogene satinweiße Sesselüberwürfe zeugten vom Reichtum der Partygeber. So mancher Partygast war entzückt von den kunstvoll zubereiteten Brötchen mit rotem und schwarzem Kaviar, von den erlesenen Weinen, Champagner, Whisky, Martini und sonstigen extravaganten Köstlichkeiten. Die Party kam um Mitternacht, angeheizt durch die Musik und Alkohol im schummrigen Licht der flackernden Kerzen, in Schwung. Auf der Tanzfläche tanzten einige verliebte Paare innig umschlungen, entrückt in eine andere Welt.

Patrik Lerner war ein 40-jähriger, vitaler Mann, der dem ganzen Treiben gelangweilt zusah. Viel hatte ihm die Zeit an seiner Schönheit und seinem stürmischen Temperament nicht anhaben können. Jeden Tag beobachtete er sorgfältig sein Aussehen vor dem Spiegel und führte seine vermeintlich von ihm gepachtete ewige Jugend auf seine zahlreichen Jungbrunnen, wie er seineAffären nannte, zurück. Nur seine schütter gewordenen Haare an der Stirnseite und die grauen Schläfen störten ihn. Dies schien sein einziger sichtbarer Makel zu sein. Jeden Tag riss er sich die grauen Haare aus, als könne er dadurch sein Alter kaschieren. Als gäbe die Natur ihren Segen und wolle sein untreues Treiben forcieren, war er ohne Anstrengung schlank und dynamisch geblieben. Sein jugendliches Auftreten und sein stürmischer, unstillbarer Unternehmergeist auf allen Linien, sein immerwährender Appetit auf junge Mädchen und Frauen, hatte mit den Jahren eher noch zugenommen. Durch seine Heirat in eine gut situierte Unternehmerfamilie war er überall ein gern gesehener Gast und konnte sich ohne fixe Arbeitszeiten problemlos Freiräume und Extras leisten. Seine einzige Sportart war die Jagd nach Weibern.

Er kannte seinen Marktwert und seine unwiderstehliche Anziehungskraft auf junge Mädchen, Eigenschaften, die er immer neu erprobte. Wenn er den jungen, unerfahrenen Mädchen die Unschuld geraubt hatte und ihn diese anhimmelten als wäre er ihr Erlöser, strahlte er heimlich. Immer, wenn sie ihm nachliefen wie kleine Hündchen, ihre Liebesschwüre im höchsten Liebestaumel stöhnten, fühlte er sich jedes Mal als einzigartiger Herzensbrecher bestätigt, unübertrefflich und gottgleich.

Mit überschlagenen Beinen und seinem vierten Glas Martini saß Patrik lässig im Halbdunkel, umgeben von lauter langweiligem Grünzeug, wie er die jungen Mädchen nannte. Mal schauen ob mich eine von euch in Schwung bringt und die Nacht noch eine flüchtige Liebe für mich bereithält?

Wie bei einer öffentlichen Auktion in einem orientalischen Bazar beobachtete er die neu auf den Markt kommenden, blutjungen Mädchen. Irgendwie schien ihm, als wären alle Mädchen in ihren Miniröcken, Stöckelschuhen, mit den langen Haaren, in ihrer Schminke mit blutroten Lippen im Aussehen gleich, als wären sie alle Schwestern. Er beobachtete, wie einige mit ihrem Gekicher und durch das Bewegen ihrer blonden Mähne auf sich aufmerksam machten, während andere durch ihre aufreizenden, rhythmischen Bewegungen unter vollem Körpereinsatz dies versuchten. Wieder andere sandten durch Singen Signale an die Männerwelt wie Vögel in ihrem Balzgesang. Ihr auffallendes, schwärmerisches Getue entging ihm nicht. Jede gab sich Mühe, zu gefallen. Sodann sortierte er die Schar der Mädchen gedanklich wie in einem Ausleseverfahren in schöne und hässliche Mädchen. Dann reihte er sie gewohnheitsmäßig in Kategorien ein. Er überlegte, welches Mädchen als Geliebte leicht oder schwer zu erobern wäre und welches zärtlich, lüstern und leidenschaftlich wäre. Welche Liebestechniken würde das eine oder andere unschuldige Mädchen bevorzugen?

Seine Gedanken verfinsterten sich einen Moment. Welche würde in der Liebe unersättlich sein? Welche würde eifersüchtig wie eine Klette an ihrem Liebhaber hängen und ihm die Luft zum Atmen nehmen? Ironisch lächelte er, als er die mit Pickeln übersäten, milchgesichtigen Buben in ihrer Unerfahrenheit beobachtete. Wie tollpatschig sie versuchten, ein Mädchen zu erobern. Wie aufdringlich sie waren. Sie knutschten und begrapschten die Mädchen fordernd, ungeachtet der Abwehr der Mädchen. Amüsiert verfolgte er die Mädchen, wenn sie untereinander ihr Missfallen oder Gefallen an ihren Verehrern durch ihre Mimik, teils angewidert durch heruntergezogene Mundwinkel, teils erfreut durch leuchtende Augen, Zwinkern und hochgezogene Augenbrauen hinter dem Rücken derselben verrieten.

Gerade als Patrik Lerner bedauernd befand, für ihn gäbe es unter diesen Gören heute keine schnelle Liebe und sein Verweilen hier nur reine Zeitverschwendung wäre, sah er seinen schlaksigen Sohn Ewald mit dem schönsten Mädchen hier innig umschlungen tanzen. Sogleich bekam seine Neugier Schwung und Dynamik. Seit wann war sein Sohn erwachsen? Gestern noch hatte er Pickel und eine krächzende Stimme. Guten Geschmack hat er, diese Kleine wäre auch sein Typ und würde gut in sein Beuteschema passen, dachte er fast neidisch. Ein Funke Eifersucht trat unvermutet auf und ließ das Herz von Patrik Lerner höher schlagen. Im selben Moment erschrak er darüber, dass er nun schon seinem halberwachsenen Sohn als Liebhaber, quasi als seinen eigenen Kontrahenten in seinem Revier in Liebesdingen zusehen musste. Bin ich schon so alt? Waren seine besten Jahre vorbei und wurde er von seinem Sohn als Zaungast ins altersbedingte Abstellgleis verwiesen? Wenn ja, musste sich das sofort ändern.

Als sähe das schöne Mädchen an Ewalds Seite Patriks begehrliche Blicke auf sich gerichtet, sendete es ihm verführerische Signale. Es warf seine langen, blonden Haare bedächtig in den Nacken und lachte Patrik neckisch an.

Neugierig geworden, als wäre er auf der Pirsch, beobachtete Patrik gespannt das unbekannte Mädchen. Wie grazil ihre Bewegungen waren, wie geschmeidig sie sich nach allen Seiten drehte und wendete, sodass unter ihrem Minirock straffe, wohlgeformte Rundungen und Beine zum Vorschein kamen. Als würde sie ihren erotischen Liebestanz nur für Patrik tanzen, begannen seine Augen vor Entzücken zu leuchten und sein Herz schlug wie verrückt vor lauter Begierde. Geradeso, als hätte ihn dieses Mädchen uneigennützig soeben aus seiner Lethargie wachgeküsst und neue Lebensfreude eingehaucht.

Jetzt flüsterte sie Ewald etwas ins Ohr. Sie schien eng mit seinem Sohn vertraut zu sein. Sodann lächelten und flüsterten sie sich allerhand zu, wobei das Mädchen Patrik zwischen-durch neckisch anlächelte.

Als Ewald seinen Vater allein in der Ecke sitzend erblickte, nahm er wie selbstverständlich das ahnungslose Mädchen an der Hand und ging stolz und glückstrahlend zu seinem Vater. Soll er doch sehen, welch tolle Eroberung ich gemacht habe.

„Das ist Anneliese Kern“, erklärte Ewald kurz.

Gut, dass du mich nicht als deinen Vater vorgestellt hast. Ein besseres Geschenk hättest du deinem Vater nicht machen können, dachte Patrik. Wie auf einem Silberteller präsentierst du sie mir, als wäre es zwischen uns ein abgekartetes Spiel.

Vielleicht kann ich mit ihr ein paar glückliche Stunden verbringen und mich über mein soeben von meinem Sohn schmerzlich vorgeführtes Älterwerden hinwegtrösten, dachte Patrik.

„Cool, was für ein reizendes Girl“, rief Patrik, bemüht, lässig zu wirken. Die Kleine gefällt mir.

„Ich bin Patrik.“ Mit einem unwiderstehlichen Lächeln gab er Anneliese die Hand und streichelte sie an ihrer Handinnenfläche. Sie errötete, was seine Neugier anstachelte. Wie schade, dachte Patrik, dass ich hier vor meinem Sohn meine sonstige Eroberungsmasche nicht anbringen kann. Denn wenn er sonst auf Eroberungstour war, nannte er sich immer Charly, schilderte sein bisheriges Leben und erklärte bedauernd, bis jetzt immer an die falsche Frau geraten zu sein. Nun sei er, übersättigt von allen Frauen, endlich bei ihr, seiner ersehnten Traumfrau gelandet.

Die feinfühligen, empfangsbereiten Antennen Patriks lauerten auf Annelieses erste Signale der Liebe.

Vom bereits ausgeworfenen Netz der Liebe seines Vaters nichts ahnend, warf sich Ewald auf den nebenstehenden Sessel, wobei er Anneliese auf seinen Schoss riss. Ihre wunderschönen Beine berührten kurz Patriks Schenkel. Er jubelte innerlich.

Sogleich befreite sich Anneliese verlegen und setzte sich Patrik gegenüber. Mit einem scheuen Blick musterte sie ihr Gegenüber. Patrik gefiel ihr, sie hatte eine Vorliebe für ältere, erfahrene Herren in modischer Kleidung und eleganter Erscheinung. Nach seinem Äußeren zu beurteilen, hatte er Geld, wovon seine teure Uhr und sein Siegelring Zeugnis gaben. Die Art, wie er genussvoll an seiner Zigarette zog, wertete sie als sinnlich. Das modische Hemd, die Jeans und die eleganten Schuhe passten ihm gut.

Wie eine stillschweigende Allianz kreuzten sich ihre Blicke. Patriks Augen fixierten jede ihrer Bewegungen und wie zufällig berührte er ihre Hand, als er sein Glas nahm. Diese Berührung löste in Anneliese Unsicherheit und Herzklopfen aus, als wäre es eine unstatthafte Liebkosung. Sie fühlte Patriks bewundernde Blicke auf sich gerichtet und sandte in kindlicher Unschuld auch ihrerseits Signale des Wohlgefallens.

Bei jedem ihrer schmachtenden, schüchternen Blicke, die er wohlig auf seinem liebeshungrigen Körper spürte, wurde er sicherer, dass sie ihn anbetete. Er sah das Glück und die Sehnsucht eines unbedarften Mädchenherzens in ihren Augen mit dem Wunsch, dass er ihre ungestillte Begierde stillte und sie zur Frau machte. Das schmeichelte seiner Eitelkeit. Er spürte seinen ureigensten Jagdinstinkt wie in seinen besten Zeiten aufkeimen.

Zwei feste kleine Brüste, wie kleine Knospen nur notdürftig bedeckt, soeben erst dem zarten Mädchenalter entsprungen, ließen seine Phantasie, gepaart mit seinen schmutzigen Gedanken, in ungeahnte Höhen springen. In Gedanken streichelte er sie bedächtig in langen, zärtlichen Strichen rund um ihre Quellen der Freude, während seine Augen gierig alles an ihrem Körper aufsogen. Im gleichen Moment verspürte er sein Verlangen. Er wünschte, sie könnte es stillen und wäre seine Muse, und sei es nur für eine Nacht.

Seinem inneren, stürmischen Verlangen folgend, drückte er seine Knie unterhalb des schmalen Tisches zwischen ihre Beine und zwinkerte ihr zu. Im ersten Moment zuckte sie erschrocken zusammen, schluckte und schaute ihn überrascht an. Es kam alles völlig unerwartet und viel zu schnell. Er spürte ein Zucken als wäre sie mit sich selbst uneins. Dann drückte sie instinktiv ihre Schenkel beschämt zusammen und wich seinem Blick demonstrativ aus, was ihn noch mehr anspornte. Einen Moment lang fühlte Patrik die knisternde Spannung. Er streichelte sie zärtlich unter dem Tisch. Sie errötete unbewusst wie ein kleines Kind, welches soeben bei einem verbotenen Spiel ertappt wurde. Ihr Atem und ihr Puls wurden heftiger und ihre Augen glänzten. Das verbotene, geheime Spiel entfaltete in ihm unbändige Lust.

Anneliese fühlte ein noch nie vorher gekanntes Begehren auftreten. Zaghaft und irritiert rutschte sie auf dem Sessel hin und her, als sich ihre Gewissensbisse wegen Ewald völlig unvorbereitet meldeten. Im Liebestaumel schaute sie Ewald an, als ob sie Hilfe suchen würde. Sollte sie jetzt mit Ewald verschwinden, bevor es zu spät war, und Patrik verraten? Ihr verunsicherter Blick glitt auf ihr Umfeld, um zu erkunden, ob ihr Verhalten schon entdeckt worden war und vielleicht schon über sie getuschelt wurde. Sollte sie schnell verschwinden? Die Magie der Liebe hielt sie gefangen und ließ sie nicht gehen.

Patrik Lerner spürte ihre Erregung, aber auch ihre Verunsicherung, und lauerte angespannt, zwischen Himmel und Hölle schwebend, auf ihre Entscheidung. Würde sie ihn an Ewald verraten oder waren sie bereits Verbündete und Feinde seines Sohnes? Als sein angespanntes Nervenkostüm zu zerplatzen drohte, formte er einen Kussmund, den sie wohlig betrachtete.

Ahnungslos von den Signalen der Liebe und der geheimnisvollen Symbiose unter dem Tisch der zwei neben ihm sitzenden Personen saß Ewald daneben und betrachtete das Geschehen auf dem Tanzplatz.

Plötzlich nahm Ewald Annelieses Hand und sagte: „Möchtest du tanzen?“ Sie erwachte wie aus einem himmlischen Traum, kam jählings in die Realität zurück und schaute ihn wütend an. Als wäre sie von Ewald um ihr Glück betrogen worden, hätte sie ihn am liebsten vor allen angeschrien, er solle verschwinden, er hätte ihr Himmelsglück, brutal wie von einer Schere durchtrennt, zerstört.

„Nein“, erwiderte sie zornig und erschrak über ihre ungebührliche Heftigkeit. Ewald zog erschrocken seine Hand zurück. Er konnte nicht wissen, dass er von einer Minute zur anderen auf verlorenem Posten stand. Beleidigt stand er auf und ging weg. Damit weckte er den Beschützerinstinkt seines Vaters und räumte unbewusst das Feld für seinen Vater.

Insgeheim jubelte Patrik Lerner über das ihm überlassene Revier. Ein siegessicheres Lächeln umspielte seine Lippen und seine Augen funkelten voller Vorfreude. Selbstsicher darüber, dass er nun ungehindert ihr Verbündeter und Tröster war, ließ er lüstern seine Zunge über seine Lippen gleiten. Vom Alkohol beflügelt, bestärkt durch seinen Teilerfolg, fragte er, was sie trinken wolle. Dann ließ er zwei Martini bringen. „Freunde“, lispelte er, während er das Glas erhob. Sogleich begann er sie zu umgarnen.

„Kennst du Ewald schon lange?“, begann er das Gespräch, während er tief in ihre Augen schaute, als wolle er sie trösten. Im Stillen betrachtete er sein zukünftiges Opfer und merkte, wie nervös sie wurde und wie unangenehm ihr dieses Thema war.

„Ja, schon einige Zeit“, erwiderte sie unwirsch.

Woher nahm er sich das Recht heraus, sich nach ihrer Beziehung zu Ewald zu erkundigen, fragte sich Anneliese. Er war ihr fremd. Weshalb sollte sie ihm ihr Vertrauen schenken und vor ihm ihr Privatleben offenlegen. Sie hatte auch nicht die Frechheit, ihn nach seiner Frau oder Geliebten zu fragen? Sie war ihm zu nichts verpflichtet, sie gehörte ihm nicht. Sie konnte tun und lassen, was sie wollte. Mit äußerster Zurückhaltung versuchte Anneliese, ihre Gefühlsaufwallung vor ihm und den anderen zu verbergen und Fassung zu bewahren. Einige Momente lang schwenkte Patrik sein Glas. Er versuchte Gleichgültigkeit vorzutäuschen, während er intensiv überlegte, wie er ihr herauskitzeln konnte, ob Ewald ihr aktueller Freund und sie mit ihm schon im Bett war. Dann verwarf er diese Gedanken siegessicher. Er würde es bald erfahren, wie weit sie zur Frau gereift und erprobt war.

Intuitiv fühlte Patrik, wie Ewald ihn eifersüchtig mit eiskalten Augen verfolgte. Nur schnell weg von hier. Nicht, dass Ewald seiner Mutter noch etwas von seiner anrüchigen Umtriebigkeit erzählte. Unter Ewalds Schatten erstarb sowieso jede erotische, gedeihliche Stimmung seinerseits. Dennoch fühlte er sich wie ein Dieb, soeben beim Diebstahl ertappt.

„Du bist das schönste Mädchen unter der Sonne. Du bist meine Traumfrau. Wie kann man ungestraft so schön und begehrenswert sein? Mir wird ganz heiß. Wir sollten uns abkühlen, es ist so heiß hier“, schwärmte er.

Als er ihre Hand wie zufällig auf seinem Schenkel spürte, glaubte er, auch ihre Bereitschaft zu erkennen und am Ziel zu sein. Es war Zeit, sich ein ruhiges, geschütztes Liebesnest zu suchen, alles Weitere hier war nur mehr quälender Zeitverlust.

Er sah Ewald eng umschlungen mit einem hübschen Mädchen tanzen. Wie flatterhaft die jungen Leute sind. Oder ist Ewald erblich belastet und genauso umtriebig in der Liebe wie ich, überlegte Patrik.

Patrik blickte sich um und als er sah, dass sie unbeobachtet waren, zog er Anneliese zielstrebig davon. Zaghaft, als wäre sie ein sittenstrenges, keusches Mädchen, dem alles zu schnell ging, leistete sie zuerst Widerstand. Und als er ihre Hand fester nahm, fand sie Gefallen an seiner Zielstrebigkeit und folgte ihm mit zittrigen Knien in freudiger Erwartung in dem Moment, als sie sich unbeobachtet fühlten. Ihre Spuren zeichneten im taufrischen Gras ein Muster, als wäre es eine geheime Liebesbotschaft. Unter dem Schutz eines duftenden Holunderstrauches breitete er wie ein Gentleman gekonnt sein Sakko auf. Die einschmeichelnde Musik, der Schein des Mondes, die taufrischen Blüten, welche ihr Nass wie glitzernde Perlen zum Mond schickten, gaben ihre stillschweigende Zustimmung. Die beiden neu Verliebten eröffneten den Tanz der Liebe so stürmisch wie eine Naturgewalt.

Dieses anschmiegsame Wesen mit ihrem festen Busen, der zarten Haut, den schlanken, langen Beinen war wie für ihn von Gott persönlich geschaffen. Seine Zunge glitt unter Küssen und Seufzen, stöhnenden Liebesschwüren bis in ihre geheimsten Winkel.

„Du bist für immer meine Liebesgöttin. Nie vorher habe ich ein Mädchen so sehr begehrt“, stöhnte er zwischen seinen Küssen. Diese Kleine kann ich formen wie ich sie haben will, sie ist lernfähig. Er setzte seine ganzen Verführungskünste ein. Genauso wie einst Clark Gable als Rhett Butler seine Scarlett O`Hara (Vivien Leigh) im Film Vom Winde verweht in die Arme nahm und sie stürmisch küsste, ahmte er Clark Gable nach.

Bald wiegten sie sich im selben Rhythmus wie zwei unschuldige Kinder unter lustvollem Stöhnen und die Welt rundherum versank. Sie vergaßen die irdische Welt und stiegen in überirdische Sphären auf. Anneliese spürte, wie sich seine Muskeln anspannten und ein Zucken seinen Körper durchfuhr, genauso wie ein wonnevoller Schauer sie beglückte. Er unterdrückte einen Seufzer und entspannte sich.

Reglos lagen sie danach mit rasenden Herzen bis sie sich langsam beruhigten. In seltsamer Stille lag sie in seinen Armen und ihr langes seidiges Haar umschmeichelte seinen Körper. „Mein Kleines, wie hat es dir gefallen? War es für dich genauso schön wie für mich? Hast du auch den Himmel erreicht?“, fragte er mit belegter Stimme, um Bestätigung und Beifall heischend.

„Ja“, antwortete sie verlegen.

„Warst du jemals so glücklich?“, flötete er, während er sie unentwegt küsste. Sie verschwieg, dass sie niemals zuvor so glücklich gewesen war. Es bleibt mein Geheimnis, wie schnell Ewald mit mir fertig ist, sobald er sein Vergnügen gehabt hat. Warum sollte sie Auskunft geben, Ewald beschämen und Patrik den Trumpf des Siegers verleihen. Dafür brauchte es noch Zeit und Vertrauen. Sie hatte kein Recht, öffentlich, wie bei einer Zeugnisverteilung, Vergleiche zu ziehen, Ewald niederzumachen und Patriks Ego zu stärken. Das war ihr zu schäbig, obwohl sie ahnte, wie gerne Patrik gelobt werden wollte. Sie wollte seine Eitelkeit nicht nähren und ihm sagen, dass sie nie zuvor so viel Gefühlserregung erfahren hatte und von einem Mann derart beglückt und in die höchsten Gefilde gehoben worden war. Der Himmel konnte nicht schöner sein.

Sie überlegte kurz, ob sie ihm sagen sollte, dass sie sich ihm nicht gleich beim ersten Mal hingeben wollte und alles zu schnell gegangen war, was sie nie wollte und bisher immer verurteilte. Aber angesichts dieser intensiven Liebeserfahrung schwieg sie. Wie hätte sie dann diese große Liebeserfahrung gemacht? Am liebsten hätte sie ihm gesagt, dass sie nie geahnt hatte, wie schön Liebe sein kann. Und dass sie von nun an nur mit ihm beisammen sein wolle, nur ihn lieben möchte bis zum Tod.

Als sich ihr Gemüt beruhigt hatte und sie gefühlsmäßig wieder auf der Erde gelandet war, rätselte sie darüber, wie alt Patrik war, beziehungsweise ob er verheiratet wäre. Nein, beschloss sie, ich werde ihn nicht fragen. Es wäre viel zu schade, diesen magischen Moment zu zerstören. In diesem überglücklichen Moment war es ihr egal, ob er verheiratet oder wie alt er war. Sie hatte seine Erfahrungen in der Liebe wahrscheinlich seiner Ehe und seinem Alter zu verdanken. Nichts war in diesem Moment wichtiger, als seine Zärtlichkeit, Rücksichtnahme und Einfühlsamkeit zu genießen, was sie auch in Zukunft nicht missen wollte. Dass sie ein Mann fragte, ob auch sie Gefallen und Erfüllung mit ihm fand, war ihr bislang fremd und imponierte ihr. Dennoch meldete sich ihr schlechtes Gewissen. Sie hatte sich vergessen und sich ihm zu schnell hingegeben.

Mit einem innerlichen Lächeln betrachtete Patrik Anneliese. Sie konnte ihn nicht täuschen. Er hatte sie als Lehrmeister in ein ihr unbekanntes Paradies, altbewährt, oft erprobt, eingeführt, wofür sie ihm dankbar sein musste. Somit hatte er die nächste Trophäe in seine Sammlung heimgeführt. Dumm nur, dass die Weiber ihn nicht untereinander weiterempfahlen. Denn dann hätte er sich allgemein viel Zeit für die Eroberung erspart. Dass sie nicht unerfahren war, hatte er soeben erfahren.

„Hast du einen festen Freund?“ Er fragte dies beiläufig in einem gleichgültigen Ton, als würde er über das Wetter reden, obwohl er lauernd und angespannt auf ihre negative Antwort wartete. Insgeheim hoffte er, dass sich ihr eventueller Freund in Liebesdingen nicht mit ihm messen könne.

Anneliese wurde rot und wandte beschämt ihren Kopf zur Seite. „Darüber möchte ich nicht sprechen“, erklärte sie verlegen. Sie verschwieg ihm, dass Ewald ihr Freund war.

„Erzähle mir von deinem ersten Lover“, bohrte er weiter. Allzu viele Liebhaber vor ihm waren ihm genauso ein Gräuel wie aufdringliche Weiber. Dieses junge Ding kann sich glücklich schätzen, von mir geliebt zu werden und von meinen Erfahrungen zu profitieren. „Das geht dich nichts an“, erwiderte sie erbost, während sie ihn wegstieß.

Wenigstens sagte die Kleine nicht, dass sie in festen Händen war. Versöhnlich begann er sie zu streicheln.

„Ich hätte mich nicht so schnell hingeben sollen“, flüsterte sie schuldbewusst unter Tränen, als könne sie dadurch ihre Untreue und Gewissenbisse Ewald gegenüber beschwichtigen. Patrik seufzte. Wie oft hatten ihm seine neuen Eroberungen, als wären sie unschuldig gefallene Engel, tränenreich erklärt, dass ihre Untreue bisher für sie unvorstellbar war und nur er als ihr neuer Liebhaber die Schuld an ihrem Dilemma sei. Wie unschuldige Nonnen durch seine einzigartigen Verführungskünste das erste Mal schwach geworden und tief gefallen, wollten sie von ihm bedauert und getröstet werden und von ihm als Entgelt lebenslang geliebt und angebetet werden.

Galant reichte Patrik Anneliese sein sauberes Taschentuch mit dem von Sabine, seiner Ehefrau, in mühevoller Handarbeit gestickten Monogramm.

Sie wischte ihre Tränen im liebevoll für Patrik bestickten Taschentuch ab und schändete Sabines platonisches Treuegelöbnis. Mein Treuebruch in Verbindung mit ihren ehebrecherischen Tränen auf unserem Monogramm ist wie ein Schlag in Sabines Gesicht, zuckte Patrik zusammen.

„Es ist nichts Schlimmes passiert. Wir müssen nichts übereilen“, erklärte Patrik ruhig. Nur nicht zu viele Hoffnungen in ihr aufleben lassen und bloß keine zu hohen Erwartungen wecken. Dieses kleine Girl sollte nur nicht glauben, dass er mit ihr länger zusammen sein würde als mit ihren Vorgängerinnen. Es würde wieder nur eine kleine Affäre sein, als Überbrückung, bis er alles voll ausgekostet hatte. Wenn er genug von ihr hatte, würde er nur mehr ab und zu auftauchen und sie trösten, bis er bei der nächsten Flamme am Ziel war. Zwischendurch konnte er sich sowohl von seiner Ehefrau als auch von Angelique, seiner Exfrau, welche ihm als Notnagel immer die Tür offen hielt, trösten lassen.

„Es braucht niemand von uns erfahren. Wir machen uns heimlich ein paar schöne Stunden“, erwiderte er als ihr Lehrmeister sachverständig, während er ironisch lächelte.

Anneliese bebte vor Zorn. Was bildete sich dieser aufgeblasene, selbstgefällige Kerl ein? Einerseits meldete sich ihr schlechtes Gewissen ob ihrer Untreue Ewald gegenüber zurück und andererseits hatte er nur von ein paar schönen Stunden mit ihr gesprochen. Er hatte keinerlei ernste Absichten auf eine dauerhafte Bindung. „Du bist der Teufel persönlich. Du meinst es nicht ernst. Wenn du eine Hure willst, dann geh ins Puff.“

Das tue ich sowieso, wollte er erwidern. Dann besann er sich in letzter Minute und schwieg. Um Versöhnlichkeit bemüht, begann er sie zu streicheln.

Zornig stieß sie ihn weg. „Für einen kurzen Flirt bin ich mir zu schade, du bist mich nicht wert“, schrie sie. Sofort kleidete sie sich rasch an und lief davon. Patrik versuchte sie zu halten, aber sie war schneller.

Im selben Moment bedauerte er seine unbedachten Äußerungen. Das war dumm von mir, warum die Dinge beim Namen nennen? Wie sensibel und unerfahren Annelieses Mädchenherz noch war. Sie muss noch lernen, mit der Wirklichkeit des Lebens umzugehen und erkennen, dass Schweigen Gold ist und man oft den höchsten Gipfel nur unter dem Schleier der Verschwiegenheit erreichen kann.

Sogleich nahm die Einsamkeit neben ihm Platz. Tiefe Traurigkeit kehrte in ihm ein, als wäre das vorherige Erlebnis nie passiert, nur ein schöner Traum, der wie eine Seifenblase zerplatzte.

Eine Weile blieb Patrik noch liegen, als wolle er sein Glück mit Anneliese hier an ihrer Liebestätte festhalten, während seine Gedanken rotierten.

Sogleich tröstete sich Patrik Lerner damit, dass ihre Liebe Zeit brauchte und noch erblühen würde. Es ist alles zu schnell gegangen. Vielleicht hing ihr Herz noch emotional an einem Grünschnabel. Während ihr Kopf ihre wechselnden Gefühle noch nicht wahrhaben wollte, hatte sich ihr Körper bereits für ihn entschieden. Das Samenkörnchen der Liebe ist wie eine unauslöschliche Urgewalt gesät, frohlockte er.

Zu müde, um aufzustehen, blieb Patrik noch liegen, um noch kurz die Nachwirkungen dieses berauschenden Liebesabenteuers genussvoll ausklingen zu lassen.

Selbst wenn sie einen Freund hat, kommt sie zu mir zurück. Diese Grünschnäbel können mir dank meiner langjährigen Erfahrung und meinem Sexappeal nicht das Wasser reichen und es mit mir aufnehmen. In diesem Kampf bin ich der Gewinner. Ich bin eben auf der Klaviatur der Liebe ein guter Liebhaber, habe zweimal „Hier“ geschrien, als der Herrgott das dazugehörige Werkzeug vergab. Wenn ich eine Frau haben wollte, habe ich noch jede bekommen. Und so ist es auch jetzt bei Anneliese, triumphierte er innerlich. Er war sich siegessicher. Die Kleine kommt zu mir zurück.

So wie viele Geliebte vor ihr nach einem Streit zu ihm zurückkamen. Seine Gedanken wanderten ungehindert in die Vergangenheit.

Mit Frauen kannte er sich eben aus. In Ewalds Alter lebte er schon mit seiner Exfrau Angelique, einer rumänischen Prostituierten, zusammen. Er war ihr Peitscherlbub, wie Großmutter die Zuhälter nannte.

So hatte er früh gelernt, wie eine Made im Speck zu leben, Frauen zu verführen und für seine Zwecke zu missbrauchen, um ein schönes, finanziell sorgenfreies Leben ohne Schweiß und Fleiß zu genießen.

Er war mit 15 Jahren nach einem heftigen Streit mit seiner Großmutter von zuhause ausgerissen, und war ohne Schulabschluss und ohne Job mittellos in Wien auf der Straße gelandet. Seine Großmutter war stets auf seine gute Erziehung bedacht. Er müsse immer anständig und ehrlich sein und dürfe ihr keine Schande machen. Sie bete jeden Tag darum. „Ich habe nur dich auf der Welt. Du bist alles für mich“, war ihr geflügeltes Wort. Patrik vermutete bald, dass er als nützlicher Zeitvertreib in ihrer Einsamkeit herhalten musste und die fehlende Zuneigung und Liebe seines Großvaters schon als Kleinkind ersetzen musste. Obwohl sich seine Großmutter stets bemühte, aus ihm einen netten, anständigen Jungen zu machen, auf den sie stolz sein konnte, was Patrik immer versprach, war er vom rechten Weg früh abgeglitten.

Großmutter ärgerte es maßlos, dass er seine Zeit sinnlos vergeudete und gerne mit Automaten spielte. Er hatte sich öfters von ihr Geld dafür geborgt und nicht zurückgezahlt. Und als er ihr Geld für das Spielen mit Automaten gestohlen hatte, kam es zum Streit.

„Warum stiehlst du mir Geld? Ich habe dich zu einem anständigen Jungen erzogen und nun bestiehlst du mich, damit du das Geld verspielen kannst. Du bist ein schlechter Junge, du hast mich stark enttäuscht.“

Seine Großmutter war eine sparsame, religiöse Dame, die alle Spiele als „Satansspiele“ abkanzelte. Er sei ein Fass ohne Boden, in ihn würde sie ihr Geld schlecht investieren, er zahle ihr nie etwas zurück. Ganz im Gegenteil, sie befürchte, dass sie ihn dadurch in seiner Spielleidenschaft noch unterstütze. Und Satans Spiele unterstütze sie nicht. Er sei nun alt genug, um sein Leben in den Griff zu bekommen, sie müsse sich ihr Geld genau einteilen und habe nichts zu verschenken und am wenigsten für die Automaten, hatte sie ihm vorgeworfen.

„Willst du so abgleiten wie deine Mutter? Frieda, deine Mutter, hat mir bis zum heutigen Tag genug Kummer gemacht. Sie hat sich durch ihre Hirngespinste verirrt, mit düsteren Gestalten abgegeben und hat sich nach deiner Geburt einfach davongemacht und dich zurückgelassen.“

Mit Schaudern erzählte ihm seine Großmutter oft, wie seine Mutter nach seiner Geburt abgehauen und monatelang nicht zuhause aufgetaucht war. Auf einmal hatte Großmutter festgestellt, wie sich Frieda verändert hatte. Sie wurde aufmüpfig und wusste plötzlich alles besser. Sie faselte von Esoterik, Wiedergeburt, betete und meditierte, sprach vom liebevollen Umgang mit der Schöpfung und den Naturelementen, schwärmte von ihren anders gearteten Lebenszielen, beschäftigte sich mit Ernährung, Homöopathie, Astrologie, Pendeln, Tarot, Reinkarnationstherapie und glaubte, ihr Leben und das Leben der anderen durch ihre persönliche Einstellung, Gebete, Rituale und Gedankenkraft beeinflussen zu können.

„Dann etwas später behauptete sie, sie könne von Wasser, Licht, Sonne, Luft und Liebe leben wie ihr großes Vorbild Waliluso, welcher mit seiner weißen Toga, seinem Stirnkranz aus Olivenzweigen, seinem Hirtenstab und einem Apfel- im Sommer nur mit einem Schurz bekleidet- auf dem Wiener Naschmarkt Ansprachen über Gott und die Natur hielt und von seinen Visionen sprach. Sie aß immer weniger und wurde magersüchtig.“

Anfangs glaubte Großmutter, es wäre nur eine Spinnerei, welche bald vorbeigehen würde. Frieda wurde ihrer Mutter fremd. Sie hatten sich nichts mehr zu sagen. Frieda lachte ihre Mutter ob ihrer Gläubigkeit, ihren alten Wertvorstellungen und Warnungen immer nur aus. Mit den Worten „Du bist altmodern und unbelehrbar. Ich kann so nicht leben“, verschwand Frieda eines Tages.

Zuerst blieb Frieda ein paar Tage weg, kam für ein paar Tage heim und blieb dann immer länger weg. Patriks Großmutter hatte sie unter den Obdachlosen gesucht und gefunden, wo sie sich kurze Zeit mit den sonderbarsten, ausgemergeltsten Typen mit Tätowierungen am ganzen Körper in einem Zeltlager aufgehalten hatte. Dort sah sie sie unter Drogeneinfluss vor einem Feuer fast unbedeckt tanzen. Hilflos musste sie zusehen, wie sie sich von der bürgerlichen Welt verabschiedete und in die Welt der Drogen eingetaucht war.

Gewissermaßen begann dort Friedas Abstieg, den Frieda selbst aber als Aus- und Aufstieg feierte. Mit traurigem Herzen musste Friedas Mutter zusehen, wie sich ihre Tochter von ihr und der vorherigen Welt verabschiedete und ihr den Einfluss und Zutritt in ihre Welt verwehrte.

Wie oft drohte ihm seine Großmutter: „Wenn du weiter spielst und so weitermachst, kommst du auf die schiefe Bahn, so wie deine Mutter. Werde anständig und vernünftig. Du hast die Pflicht, ein braver Junge zu sein und mich für die Sorgen und den Kummer um deine Mutter zu entschädigen“, predigte sie. Der Kummer wegen Patrik wurde immer größer, sodass sie viele schlaflose Nächte gehabt hatte.

„Du darfst mich nie wieder bestehlen und hör auf, mit den Automaten zu spielen“, schrie seine Großmutter gerade, als sie an jenem Tag sah, dass Patrik seine Sachen packte.

„Bleib doch da, geh nicht weg. Mache mir keinen Kummer. Deine Mutter hat mir schon genug Kummer gemacht“, weinte sie.

„Es ist mein Leben“, hatte Patrik trotzig geschrien, während er weiterpackte.

„Wo ist meine Mutter?“

Seine Fragen schmerzten sie wie Nadelstiche, denn auch sie vermisste Frieda schmerzlich jede Minute.

„Sie lebt in Spanien.“

Wie sollte sie Patrik erklären, dass seine Mutter so tief gesunken war und in einer Höhle lebte? Sie wollte ihm nicht sagen, dass sie einmal von einem Bekannten ihrer Tochter besucht wurde, der ihr schöne Grüße von Frieda ausrichtete und ihr sagte, Frieda wäre gesund, sie würde mit anderen Aussteigern, Künstlern, meist ohne Dokumente, in Andalusien am Sacramento vis-a-vis der berühmten Alhambra in der Nähe von Granada in einer der zahlreichen Höhlen mit ihren Tieren und Wildtieren, ohne Strom und Wasser, leben und unter den Gitarrenklängen der Gitanos von den Chipsys Flamenco tanzen lernen. Dass sie nicht in der besseren Schicht der gemeldeten Anwohner in den unteren Regionen, sondern hauptsächlich unter illegalen Siedlern in den oberen Bergregionen lebte, verschwieg er.

Und wieder einmal schluchzte und weinte seine Großmutter. Zum wiederholten Male wünschte sie, er hätte eine Mutter und einen Vater, welche sich um ihn gekümmert und ihr die schwere Last seiner Erziehung von ihren Schultern genommen hätten. Ich kann den Jungen nicht bändigen, ich bin zu alt und zu schwach dafür, befand sie.

„Wohin willst du gehen?“

„Ich gehe meinen Vater suchen“, hatte er trotzig erklärt.

Seinen Vater kannte er nicht. In der Schule wurde er oft deswegen gehänselt.

Solange er sich zurückerinnern konnte, versuchte er sich vorzustellen, wer sein Vater war und wie er aussah. War er verheiratet? Hatte er Kinder? Warum hatte er sich nie bei ihm gemeldet?

„Du wirst ihn nicht finden, bleib da. Du bist ein undankbarer Bengel. Wer wird sich um mich kümmern, wenn ich krank bin? Du bist es mir schuldig. Dein Großvater würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, was aus dir geworden ist. Er war ein angesehener Beamter und wollte nur das Beste für dich“, weinte sie hemmungslos. Das war das Letzte, was Patrik hörte, nachdem er die Tür, in der Hand den Koffer mit seinen Habseligkeiten, zugeknallt hatte und sein unbekanntes Ziel anstrebte.

Immer, wenn seine Großmutter nicht weiter wusste, redete sie ihm, so lange Großvater am Leben war, ins Gewissen, anständig zu sein und ebenso einen Beamtenberuf wie Großvater zu ergreifen oder drohte ihm mit Großvater. Ich werde ihm alles erzählen und dann wirst du schon sehen.

Ja, mein Großvater war ein Beamter, aber auch ein Tyrann. Er behandelte dich von oben herab, befahl und du hattest zu gehorchen, denn er war der Brotverdiener und Patriarch, sinnierte Patrik. Das wolltest du nie wahrhaben, hast immer den schönen Schein nach außen hin bewahrt und jetzt verdrängst du es noch immer.

Nach diesem Streit war Patrik lange Zeit verschwunden. Zurück ließ er seine besorgte Großmutter, die nun nicht nur wegen seiner Mutter, sondern auch seinetwegen einsam und verlassen oft weinte und betete.

Patriks bittere Lehrjahre auf der Straße, auf sich allein gestellt, im Kampf um jede Begehrlichkeit, hatten ihn hart und unnachgiebig in seinem Bestreben gemacht. Damals, als er zum Mann reifte, die grenzenlose Freiheit genoss, hatte er für leicht verdientes Geld die verschiedensten Gelegenheitsjobs angenommen, in welchen er meist mit einem Bein im Gefängnis stand.

Seine Devise war: Erlaubt ist alles, nur erwischen darf man sich nicht lassen. Dennoch hatte er sich bei einem Raubüberfall erwischen lassen und landete im Gefängnis. Er bezeichnete später diesen Raubüberfall, bei dem er Schmiere stand, immer als besoffene Geschichte und Jugendsünde. In einer Bar soff er mit einigen ihm unbekannten Kumpeln. Diese Kumpel luden ihn und Fredy, den er dort kennen lernte, ein, und zahlten ihre Zeche. Dann, zu später Nachtstunde, trat einer dieser Saufkumpel an Fredy und ihn heran und fragte, ob sie sich ohne Anstrengung schnell ein paar Kröten verdienen und vor einem Haus Schmiere stehen würden, um ihnen sofort zu melden, wenn die Polizei käme. Einer von ihnen hätte noch eine offene Rechnung mit dem Hausbewohner offen. Draufgängerisch und enthemmt durch den Alkohol, stimmten Fredy und Patrik zu. Geld brauchte Patrik immer. Und so standen Patrik und Fredy Schmiere, während diese Saufkumpel mit einem Koffer in der Dunkelheit der Nacht die fremde Tür aufbrachen und ins Haus schlichen. Tatsächlich kam die Polizei und nahm Patrik als Mitbeteiligter an diesem Einbruch fest.Erst später, als Patrik vor Gericht stand, erfuhr er, dass dieser ihm unbekannte Einbrecher, dessen Scheidungsverfahren lief, bei seinen dort wohnenden reichen Schwiegereltern einen Goldbarren und ihre Münzensammlung rauben wollte. Während Patrik gefasst wurde, konnte Fredy entkommen. Fredys Teilnahme am Raubüberfall verriet Patrik nie. Was hätte es ihm genützt, wenn auch Fredy ins Gefängnis hätte gehen müssen. Er war ihm in Freiheit, in seiner Schuld, besser dienlich. Sobald ich von ihm etwas brauche, werde ich ihn daran erinnern, dass er in meiner Schuld steht und mir noch einen Gefallen schuldig ist. Sollte er nicht spuren, werde ich ihn verpfeifen.

Als sich endlich die Gefängnistore für Patrik öffneten, überlegte er, wohin er gehen sollte. Zuerst war er versucht, seiner Großmutter einen Besuch abzustatten. Er liebte seine Großmutter über alles, genauso wie sie ihn abgöttisch liebte. „Du, mein Liebling, bist die Sonne meines Herzens und der Grund, warum ich morgens gerne aufstehe. Mache uns keine Schande“, hatte sie ihm immer seit Kindheitstagen gepredigt. Diese Predigten hatte er sich in seiner einsamen Zelle oft vergegenwärtigt. Und oft hatte er bereut, sie so enttäuscht zu haben. Auf einer Bank sitzend, überlegte Patrik, wie sehr er sie enttäuscht, verletzt und das von ihr erwünschte Idealbild zerstört hatte mit seinem Gefängnisaufenthalt. Wie sollte er ihr jemals wieder unter die Augen treten? Soll ich zu ihr gehen? Zuerst würde seine Großmutter ihm glücklich um den Hals fallen, froh, ihn wieder zu sehen. Sogleich würde sie ihm Vorwürfe machen, wie viel Sorgen sie sich um ihn gemacht hätte und dass er nie wieder spurlos verschwinden dürfe. Aber dann würde gleich das befürchtete Verhör beginnen. Wo warst du so lange? Ihr von seiner Beteiligung an einem Raubüberfall und seinem Gefängnisaufenthalt zu erzählen und ihr so viel Leid auferlegen, wollte er nicht. Gut, dass seine Tätowierung am Rücken, von einem Gefängnisinsassen angefertigt, unter seinem Hemd nicht sichtbar war. Er sah ihr enttäuschtes Gesicht förmlich vor sich, wenn er auf ihre Fragen, ob er einen Job habe und ein anständiges Mädchen kennen gelernt hätte, verneinen musste. Vielleicht sollte er sie anlügen und sagen, er hätte eine lange Reise gemacht. Aber dann hätte sie ihn gelöchert, wo er gewesen war, und Fotos verlangt. Er kannte ihre Unnachgiebigkeit und ihre Fähigkeit, ihn zu durchschauen. Sie hatte ihn noch bei jeder Lüge erwischt. Trotzdem hättest du mir eine Karte schicken können, hätte sie gesagt. Vielleicht wusste sie inzwischen, dass er im Gefängnis war und er konnte es nicht abstreiten?Wenn sie von seiner Straftat und seinem Gefängnisaufenthalt inzwischen erfahren hätte, hätte sie ihm vorgeweint, dass er ihr damit das Herz brechen würde. Wie schwer es für sie wäre, zuschauen zu müssen, wie sehr er ihre gute Erziehung und ihre Lehren verschmähte und wie undankbar er wäre. So wie sie öfters jammerte: „Du vergeudest dein Leben und wirfst deine Zukunft weg. Hör endlich mit dem Spielen auf und beginne ein neues, anständiges Leben.“ Dann würden unweigerlich Vorwürfe wie „Du machst mir so große Sorgen. Du hast mich so schwer enttäuscht wie deine Mutter, die auch abgehauen ist“, kommen. „Und gerade bei dir wollte ich mich bemühen, dass sich das nicht wiederholt. Und nun machst du mir die gleichen Sorgen.“ Und zum Schluss würde sie wie immer die Schuld bei sich selber suchen und in Selbstvorwürfe verfallen: „Meine Bemühungen, aus dir einen anständigen Jungen zu machen, sind gescheitert, du bist undankbar, du lohnst mir mein Bemühen nicht. Das habe ich nicht verdient. Ich habe versagt, du wirst noch in der Gosse landen“, was ihn am meisten gekränkt hätte.

Und so hatte er die Wahl gehabt, entweder heim zu Großmutter zu gehen, sich ihren moralischen Vorstellungen und Vorwürfen zu unterwerfen, oder die Laufbahn eines Kriminellen einzuschlagen oder sich andere lukrative Einkünfte zu suchen. Er entschied sich für das Abenteuer und die unbegrenzte Freiheit der Straße.

Patriks Affären als Lebenselixier

Einfache Genüsse sind die letzte Zuflucht komplizierter Menschen

Lord Kitchener

Diese lehrreiche Zeit, wo er zum Mann reifte und von erfahrenen Damen in die Liebe eingeführt wurde, bezeichnete er später immer als seine glücklichste Zeit, in der er äußerst amüsante Erfahrungen sammelte und das Leben aus einer leichtlebigen, anrüchigen Sicht kennen lernte.

Er musste insgeheim lächeln, als er an seine wilde Zeit im Jahre 1968 in der Flowerpower-Zeit im Jugendalter zurückdachte.

Sofort schwelgte er in Nostalgie. Er erinnerte sich gerne zurück an seine „Goldenen Zeiten“, wie er diese Zeit der erwachten Manneskraft und der entdeckten höchsten Lust- und Befriedigungsgefühle immer nannte, so wie man sich an einen schönen Film gerne zurückerinnert.

Als er nach seiner Entlassung seine erste Nacht im Park verbrachte, stieß er auf eine Gruppe von langhaarigen, selbstlosen Straßenmusikanten mit Handtrommeln und Flöten, Malern, selbsternannten Künstlern, Schauspielern, die von Luft, Liebe, Musik und Marihuana vorgaben zu leben. Alles mittellose Ausreißer, Extremisten, Phantasten, Weltverbesserer wie er. Jedem, auch ihm, überreichten die langhaarigen, feenhaften Mädchen eine Blume mit den Worten „Friede und Liebe, Bruder“. Er war fasziniert von diesen engelsgleichen Geschöpfen, welche ihm ein Leben ohne Schranken vorführten. Sofort himmelte er diese selbstlosen, hinreißenden Märchengestalten, angesiedelt zwischen Himmel und Paradies, an, deren Magie ihn verzauberte.

Halbnackte, elfenhafte Mädchen mit katzenhaften, geschmeidigen Bewegungen tanzten in Sandalen freizügig im Hippie-Look Hand in Hand nach der Musik der Bee Gees, Beatles, Rolling Stones, mit Blumenkränzen, in bodenlangen Röcken, Schals, Halsbändern und Spitzenblusen im indischen Look oder in Jeans, Glockenhosen und Hemden mit Blumenmustern und in flatternden Blumenkleidern, welche Sanftheit und Naturverbundenheit darstellen sollten. Eingehüllt in ihr Marihuanaparadies, sandten sie jedem Betrachter verführerische, liebeshungrige Signale.

Als Patrik diese anzüglichen Blicke auf seiner Haut spürte, war er sofort ihr Bewunderer. Er war begeistert von diesen anbetungswürdigen Gottheiten, welche so wie er die Tradition, die Lebensweisheiten, die Lehren, den gesicherten Wohlstand und die Bevormundung der Eltern ablehnten und gegen Autorität, materielle, konsumorientierte, ausbeuterische Verhaltens-muster rebellierten. Und bald tanzte er im Kreis mit.

So wie er hatten sie sich angewidert von zuhause abgewendet und waren in eine Welt des Verderbens und der Nutzlosigkeit abgetaucht, nur um frei zu sein und Spaß zu haben, wie es seine Großmutter nennen würde. Ein Leben, wovon Patrik immer träumte. Patrik gefiel ihr unbekümmertes Eintreten für das Leben und Lieben in zusammengewürfelten Gemeinschaften ohne Zukunftsängste. Er schloss sich dieser Clique an und lebte mit ihnen in einer Kommune in einem abbruchreifen Haus ohne Türen. Sie besuchten stundenlang Versammlungen, in denen für antiautoritäre Erziehung, gegen den Konsumrausch, gegen den Vietnamkrieg nach dem Motto Make love not war und für die Selbstbestimmung des Bauches, für freies Leben und freie Liebe, für Gruppensex, für Schwangerschaftsunterbrechungen innerhalb eines gewissen Zeitraumes und für Familienrechtsreformen plädiert wurde. Patrik lernte schnell, sich ihren Liebesspielen anzupassen und ihnen ebenbürtig zu sein. Sie verbanden sich gegenseitig ihre Augen, banden sich ein Barterl (Latz) um und füttertensich gegenseitig mit verbundenen Augen. In ihrem Liebestaumel strichen sie sich Schlagobers auf ihre erogenen Zonen und schleckten sich gegenseitig ab. Bei Kerzenscheinpartys schmückten sie ihre Bleibe, malten mit Lippenstift Herzen an Spiegel und das Los entschied, wer mit wem schlief. Meist trugen sich die hingebungsvollen Mädchen vorher in den Terminkalender der Männer, selbstlos wie flatternde Schmetterlinge von einer duftenden, aphrodisierenden Blüte zur nächsten Blüte schwebend, für eine Liebesnacht ein.

Wenn sich keine Dame in die aufgelegte Herrenliste zum Sex mit Patrik eingetragen hatte, badete er gemeinsam mit den zarten, willigen Mädchen, von welchen er nur die Kosenamen kannte. Liebevoll seiften sie sich gegenseitig ein, während sie untereinander ihre erogenen Zonen abtasteten. Alle Hände waren unter dem Wasser beschäftigt.

Nur das hemmungslose Stöhnen und Seufzen mit geschlossenen Augen, das Knutschen und Küssen, wenn sie die Marihuanapfeife weitergaben, war hörbar und sichtbar. Die gelösten, glücklichen Engelsgesichter spiegelten sich im matten Kerzenschein, entschwebt in himmlische Sphären, wider.

Diese ausschweifenden Spiele hatten ihm immer viel Freude und Vergnügen gemacht. Es war für ihn ein schöner, erfüllter Lebensabschnitt, der ihn strapazierte und oft bis an die Grenzen erschöpfte. Ihm gefiel es, wie unbekümmert und ohne Leistungsdruck sie ihren Lebensinhalt verdienten. Sie dealten, malten und verkauften ihre Bilder und ihre gehäkelten Kleider und Wohnungsdekorationen aus Stoffresten am Flohmarkt. Um sich ihren Lebensunterhalt aufzubessern, gründeten sie eine Theatergruppe und spielten Theater in schummrigen, rauchigen Kellern mit roten Lichtern, schweren dunklen Samtvorhängen und schwarzen Ledergarnituren, wo allerhand leicht bekleidete Mädchen und Frauen aller Nationen ihrem Geschäft nachgingen. Die Freier schienen alle Stammkundschaften zu sein, denn sie wurden alle von den Mädchen und Frauen namentlich freundlich begrüßt und geduzt wie ein Familienmitglied.

Nach einer Weile zog diese Gruppe der selbstlosen Halbengel nach Indien, um billiger Marihuana konsumieren zu können. Patrik Lerner blieb zurück und musste sich um eine neue Einkommensquelle bemühen.

Angelique, eine Rumänin, die älteste Prostituierte in dem Lokal, wo sie zuletzt Theater spielten, mit ihrer Vorliebe für blutjunge Lustknaben, tröstete ihn über den Trennungsschmerz hinweg, stillte wie eine unersättliche Raubkatze seine Begierde und gewann sein Herz, indem sie es sich täglich erkaufte. Sie nannte sich Angelique, denn ihren rumänischen Namen konnte niemand aussprechen. Ihr jugendlicher, naiver Liebhaber, den sie mit Sex und Geld an sich binden und hoffentlich wie ein Schoßhündchen gefügig machen und nach ihren Vorstellungen formen konnte, gefiel ihr. Sie bezahlte ihn auch dafür, um bei ihm Trost zu finden, wenn es ihr schlecht ging. Er sollte ihr Schutzschild sein, damit sie nie mehr von einem aggressiven Zuhälter, so wie von ihrem vorherigen Zuhälter, Schurli das Adlerauge genannt, geschlagen werden würde. Patrik sollte auch als Beschützer herhalten, da sie Angst hatte, Schurli würde zurückkommen.

Patrik zog bei Angelique ein. Pünktlich stand sie an ihrer Straßenecke, wo die Wagen anhielten und wo sie gespielt fröhlich schäkernd sich um die verschiedensten Männer bemühte, den Preis festlegte und in ihren Wagen stieg. Stets unter den wachsamen Augen von Patrik, der im naheliegenden Spielcasino spielte, währenddessen er im Geiste ihr verdientes Geld vor sich sah. Und so hatte Patrik plötzlich ohne eigenes Dazutun Geld wie Heu und warf es mit beiden Händen beim Fenster hinaus. Mittags trafen sie sich in ihrer Wohnung, wobei er ihr genau vorrechnete, wie viel Geld sie heute zu erbringen gehabt hätte und ihm geben müsse.

„Wieso hast du so wenig Geld gemacht“, nörgelte er öfters.

Manches Mal jammerte sie, das Geschäft gehe schlecht, die Kunden blieben aus, sie stehe sich die Beine in den Bauch für wenig Geld. Oder der Freier wäre, ohne zu zahlen, davongefahren.

Eines Tages traf er im Spielcasino Fredy wieder, welcher damals mit ihm beim Einbruch Schmiere stand und jetzt als Zuhälter gut lebte. Mit den Worten „Servus, du alter Sacklpicker. Wie viele Papierstanitzel hast du im Häfen geklebt?“, begrüßte er Patrik. Dann hatte Fredy gelacht und ihm freundschaftlich auf die Schulter geklopft. Damit erinnerte er ihn an seinen Gefängnisaufenthalt, was Patrik unangenehm war. „Du bist ein guter Haberer. Gut, dass du nicht gesungen und mich nicht verraten hast. Wie geht es dir, du alter Strizzi?“, lachte Fredy schadenfroh. Als Patrik sein schadenfrohes Lachen sah, hätte er ihm am liebsten eine geknallt. „Freue dich nicht zu früh. Du bist in meiner Hand. Eines Tages bekommst du die Rechnung für mein Schweigen. Du stehst lebenslänglich in meiner Schuld dafür, dass ich dich nicht verpfiffen habe und du nicht ins Häfen gehen musstest. Mein Schweigegeld ist noch zu bezahlen.“ Fredy nickte ergeben. Somit waren die Fronten zwischen ihnen geklärt und sie feierten fröhlich ihr Wiedersehen.

Fredy war bemüht, irgendwie seine Schuld gutzumachen und führte Patrik wie zum Dank für sein Stillschweigen, wichtigtuerisch wie ein Mafiapate, in seine anrüchige, glitzernde Welt ein. Und so ging Patrik abends in Clubs, spielte, besoff sich in dieser scheinbar leichtlebigen Welt und vergnügte sich mit wichtigtuerischen, prahlerischen Männern mit Decknamen und mehreren gefälschten Reisepässen und Führerscheinen in den schillernden Spielhöllen. Ihre richtigen Namen kannte keiner. Manche hatten muskelbepackte Bewacher in weißen Hemden, Krawatten und dunklen Anzügen, andere hatten Chauffeure, welche dunkle Limousinen mit dunklen Fensterscheiben lenkten. Bald rauchte Patrik dicke Havanna-Zigarren und kleidete sich genauso in elegante Anzüge, um dazuzugehören. Unter den tätowierten Zuhältern, Junkies und sonstigen Gangstern mit ihren dubiosen Geschäften fühlte er sich durch Angeliques Geldsegen bald angenommen und ihresgleichen. Diese Welt mit ihren schillernden Gottheiten in ihrem vorgegaukelten Kokon in einer für Außenstehende undurchsichtigen Scheinwelt wurde seine wirkliche Heimat. Als lebe er fortan auf einer Insel der Seligen, wo Anführer von Schlägertrupps beschützt, skrupellos ihre unantastbare Macht ausübten, um Schwächere zu unterwerfen, als Opfer in ihrem Netz gefangen zu halten, auszubeuten und lebenslang abzusahnen, trachtete Patrik, dieses anrüchige Handwerk ebenfalls zu erlernen.

Von Frauen sprachen sie wie für sie extra geschaffene, willenlose, sprudelnde Geldautomaten. Patrik Lerner vergötterte diese Herrscher, war ihr gelehriger Schüler, und lebte bald wie ihresgleichen in seiner eigenen Traumwelt. Morgens kam er von den Spielcasinos heim, schlief ein paar Stunden und ging bald wieder ins Spielcasino. Infolge des täglichen Geldflusses seiner Angelique war er praktisch in allen unanständigen Spelunken ein gern gesehener Stammgast, da er sehr spendabel war. In jeder zwielichtigen, dunklen Bar stand für ihn als Stammkunde eine Zigarrenschachtel mit seinen teuren Lieblingszigarren bereit. Sobald er eintrat, warf er, um Aufmerksamkeit bemüht, schwungvoll seinen Hut auf einen etwa zwei Meter weit entfernten Haken und alle klatschten Beifall, wenn er traf.

Patrik hätte nicht glücklicher sein können. Nur nichts versäumen im Leben und alle Annehmlichkeiten auskosten bis zum letzten Tropfen. Trinkfest wie er war, in eine Alkoholwolke gehüllt, gewann er durch den täglich wie von selbst wachsenden Geldsegen und seine Großzügigkeit viele neue dunkle Gestalten als Freunde, welche ihm schmeichelten. Dass keine wahren Freunde darunter waren, störte ihn nicht. Dazugehörig zu einer einflussreichen, frivolen Clique, gewann er immer mehr Selbstbewusstsein. Richtig nüchtern wurde er nie. Das Geld ging Patrik nie aus. Er brauchte nur ein trauriges Gesicht zu machen und mit den Fingern schnipsen, schon spuckte sein Goldesel Angelique Geld aus.

Und dennoch überkam ihn öfters das beklemmende Gefühl, der tägliche Geldsegen könnte versiegen. Um wie durch eine Lebensversicherung garantiert Sicherheit zu haben und versorgt zu sein, bat er deshalb Angelique, seine Frau zu werden.

Die Heirat als Deal für die beiderseitigen Interessen und Garant für eine gute Zukunft sollte beide begünstigen. Der Wink war von Angelique gekommen. Damals, als sie ihn mit einem treuherzigen Augenaufschlag anschaute und flötete: „Wärest du bereit, mit mir ein gemeinsames Leben zu beginnen? Ich könnte weiter für dich anschaffen gehen, nur ein paar seriöse Kunden behalten und du hättest ein sorgenfreies Leben neben mir. Du selber brauchtest dabei nichts zu unserem Lebensunterhalt beitragen“, war er angenehm überrascht. Ihr Angebot hatte ihn wie ein Ritterschlag geadelt und geehrt.

Dennoch hatte er sie unsicher und abschätzend angeschaut. Sie war älter, wie lange konnte ihn diese alte Nutte noch nützlich sein und ihn versorgen? Wie lange wird sie mir gefügig sein? Würde sie bald krank werden und ihn damit belästigen und auf der Tasche liegen? Aber es war im Moment besser die Katze im Sack zu haben als gar keine. Und so machte er ihr seine Sicht der Dinge klar.

„Wenn du willst, können wir heiraten. Du gehst anschaffen, bringst das Geld nach Hause, dafür bekommst du von mir meinen österreichischen Familiennamen und die österreichische Staatsbürgerschaft. Das ist es doch, was du willst. Außerdem wirst du durch mich beschützt. Somit bringe ich das größere Kapital in unsere Gemeinschaft ein“, erklärte Patrik, auf ein immerwährendes, luxuriöses Leben hoffend. Hauptsache, er hatte ausgesorgt.

„Die Regeln bestimme ich. Ich habe die Macht in Händen. Ich bin dein Hauptgewinn, dein Lustknabe, als hättest du mich wie einst Nero im Kegeln bei Alle Neune gewonnen. Allerdings hat Nero an einem Abend dreißig Knaben gewonnen“, zwinkerte er ihr verführerisch zu. „Wenn du nicht spurst, lasse ich mich scheiden und du kannst dir die österreichische Staatsbürgerschaft abschminken.“

Geblendet durch seine jugendliche Ausstrahlung, sein unwiderstehliches Charisma, sein beeindruckendes Selbstvertrauen, bejahte sie freudestrahlend. „Bald ist meine Lebensexistenz sicherer, du bist mein Beschützer und ich habe bald deinen Familiennamen und die österreichische Staatsbürgerschaft.“

Im selben Moment erinnerte sich Patrik mit Unbehagen daran, wie er nach so langer Zeit wieder bei seiner Großmutter auftauchte, um ihr Angelique als seine zukünftige Frau kurz vor der Hochzeit vorzustellen. Er wollte sie zur Hochzeit einladen.

Vor Schreck schlug seine Großmutter die Hände zusammen, als sie ihn nach so langer Zeit wieder sah.

Zuerst hatte sie geschimpft: „Du bist genauso gewissenlos und egoistisch wie deine Mutter. Du denkst nur an dich, nie an andere Menschen, die sich Sorgen um dich machen.“

Dann wurde sie weinerlich.

„Patrik, wo warst du so lange? Ich habe jeden Tag um dich gebangt und für dich gebetet. Das darfst du mir nie wieder antun. Es bricht mir das Herz“, während sie ihn aus schmerzverzerrtem Gesicht ansah und ihn in die Arme nahm.

Erst dann wurde sie der Frau hinter Patrik gewahr. „Wer ist diese Frau?“

„Das ist meine zukünftige Ehefrau, Angelique.“

Sofort fiel die Großmutter aus allen Wolken.

Währenddessen stand Angelique wortlos daneben. Sie ignorierte die alte Dame und erachtete es als nicht notwendig, dieser alten Dame zu gefallen oder sich mit ihr zu unterhalten. Gelangweilt stand sie da und entschuldigte sich damit, dass sie kein Deutsch spreche. Also dachte Großmutter, sie könne Patrik ungehindert Vorwürfe machen und Angelique beleidigen. Und so prasselten Großmutters Vorwürfe wie giftige Wurfgeschoße auf Angelique nieder.

„Mein Junge ist noch ein Kind. Sie könnten seine Mutter sein. Schämen Sie sich nicht? Was haben Sie sich dabei gedacht, meinen Jungen zu verführen? Was haben Sie mit ihm vor?“ Als keine Antwort kam, wandte sie sich Patrik zu, um ihm ins Gewissen zu reden.

„Du bist noch viel zu jung zum Heiraten. Das kann nur ein Scherz sein. Diese alte Frau könnte deine Mutter sein. Mit dieser alten Frau wirst du dein Glück nicht finden.“

Sie fixierte Angelique mit anklagenden Blicken. Sie hat ihn verführt. Sie ist schuld. Was will sie mit Patrik? Er ist doch nur ein Spielzeug für sie.

„Was hat die für einen teuren Fummel an? Und rauchen tut sie auch noch. Sie bläst das Geld unnötig beim Fenster hinaus, während unsereins nicht weiß, woher das Geld für das Nötigste nehmen. Und die da kleidet sich wie eine Prinzessin.“

Patrik wusste, wie wenig Geld seine Großmutter hatte und wie sparsam sie war. Jede Zahnpastatube, jedes Zuckersackerl wurde von ihr aufgeschnitten, damit ja kein Rest drinnen blieb.

Er wird hoffentlich bald erkennen, dass sie die falsche Frau ist, flüchtete sich Großmutter in tröstliche Gedanken.

Dass seine Großmutter so heftig reagieren würde, hatte Patrik nicht geahnt.

„Ist sie katholisch?“

„Ja, sie ist katholisch und sehr religiös. Sie liebt die Menschen und übt sich in Nächstenliebe“, log Patrik.

„Was arbeitet Angelique?“ Großmutter fragte dies, obwohl es ihr widerstrebte, eine berufstätige Frau vor sich zu haben. Ihrer Ansicht nach sollte eine Frau zuhause im Haushalt und bei den Kindern sein.

„Angelique arbeitet im sozialen Pflegebereich“, log er weiter während er Angelique heimlich amüsiert zuzwinkerte.

„Sie ist eine Schlampe“, jammerte Großmutter.

Als hätte der Papagei im Käfig auf sein Stichwort gewartet, schrie er „Schlampe“.

„Denk dran, dein Großvater war ein respektierter, angesehener Beamter. Er würde sich aus Scham im Grabe umdrehen, wenn er das wüsste“, redete sie Patrik ins Gewissen. „Sie ist nicht standesgemäß. Mit dieser Frau muss ich mich schämen. Und du kannst dich nirgends zeigen mit ihr. Hoffentlich haben euch die Nachbarn nicht gesehen. Nicht auszudenken, wenn sie mich fragen würden, mit wem du hier warst.“

Dann fuhr sie fort: „Was für eine Schande. Wir sind bessere Leute. Und was soll ich sagen, wenn unsere Verwandten am Land fragen, was du machst. Ich kann ihnen doch nicht sagen, dass du eine alte Frau geheiratet hast. Alle im Dorf werden lachen über dich.“

Bald verabschiedeten sich Patrik und Angelique, während Patriks Großmutter ein Stoßgebet zum Himmel schickte. Herrgott, hilf. Frieda, du hast es dir leicht gemacht, bist einfach abgehauen und hast mir das ganze Schlamassel hinterlassen. Er ist genauso liederlich und leicht verführbar für alle sündhaften Reize wie du.

Angelique gab Großmutter mit ihrem süßesten, hinterlistigsten Lächeln die Hand. Du siehst mich nicht wieder.

Auf dem Heimweg ärgerte sich Angelique und verhöhnte seine Großmutter.

„Denk doch daran, dein Großvater war Beamter, wir verkehrten nur in besseren Kreisen“, äffte Angelique seine Großmutter nach, während Patrik die Augen empört verdrehte.

Hunderte Male hatte Patrik das schon gehört.

„Die hat einen Vogel im Hirn. Nur weil ihr Mann ein Beamter war, bildet sie sich ein, etwas Besseres zu sein. Sie glaubt, alle seien unter ihrer Würde, und dass sie deshalb alle beleidigen kann“, lästerte Angelique.

„Sie ist alt, lass sie doch“, verteidigte Patrik seine Großmutter.

„Sie ist unter deiner Würde. Wirf dein Leben nicht weg. Ich bete immer für dich, Patrik, dass du ein anständiges Leben führen sollst. In welchem Jahrhundert lebt diese alte Dame eigentlich?“

„Sie, als gläubige Frau, hat eben ihre Moralvorstellungen.“

„Sie verachtet mich. Sie lebt in einer bereits untergegangenen Welt. Die sieht mich nie wieder. Sie kennt die harten Gesetze der Straße nicht. Lieber würde sie ehrenvoll verhungern, als mit einem Mann für Geld zu schlafen“, beklagte sich Angelique entrüstet.

„Sie kennt es nicht anders“, versuchte Patrik Angelique zu beruhigen.

„Die hat einen Knall, du brauchst sie nicht zu entschuldigen.“

Das brauchst du mir nicht zu sagen. Das weiß ich sowieso, dachte Patrik. Ja, seine Großmutter war komisch. Sie war stolz und abgehoben. Patrik kannte die Eigenheiten seiner Großmutter am besten und schämte sich oft ihretwegen.

Als eingebildete, ehemalige Beamtengattin gab sie sich nur mit besser gestellten Menschen ab, als wären alle anderen, egal wie fleißig sie waren und wie viel sie sich erwirtschaftet hatten, unter ihrem Stand. Es schien, als hätte sie sich dieses Trostpflaster als Ausgleich für ihre unglückliche Ehe zurechtgelegt. Niemand wusste besser als Patrik, wie oft er wegen seiner Großmutter ausgelacht wurde. Er hatte sich wegen seiner Großmutter schon viele Hänseleien während der Schulzeit anhören müssen. Denn sie hatte ihn so verwöhnt und bis zur Schulzeit so kindisch mit ihm gesprochen, dass er vieles in der Schule nicht verstand und deswegen verhöhnt wurde. Zufolge ihrer Sparsamkeit kaufte sie ihm selten neue Hosen, so dass er mit viel zu kurzen Hosen und Hemden herumlief und auch deshalb ausgelacht wurde. Als Gattin eines Beamten glaubte seine Großmutter ob ihrer vermeintlichen Besserstellung alle Rechte zu haben. Am liebsten ließ sie sich vom Chef persönlich bedienen in den Geschäften, Lehrlinge waren unter ihrer Würde. Wenn sie Schuhe kaufen wollte, trug sie die Schuhe heim zum Probieren und als sie einmal die Schuhe nicht zeitgerecht zurückbrachte, griff der Schuster zu einem Trick und gab ihr nur immer einen Schuh zum Probieren mit nach Hause. Niemals hätte sie ein Brot oder sonstige Lebensmittel angefasst, die vorher von einem Mann angegriffen worden waren, da Männer mit denselben Händen ihre unreinen Körperstellen anfassten. Jedes Holzstück für das Heizen im Ofen, das ihr Mann aus dem Keller holte, musste er vorher im Keller mit einer Bürste abbürsten.

Jedes Mal, wenn sie von der heiligen Messe heimkam, bürstete sie ihren Faltenrock aus und gab ihn in Truhe. Dann bürstete sie den alten Anzug, insbesondere die Nähte, ihres Gatten aus und hängte diesen in den Kasten. Sie verurteilte Frauen ohne Manieren, weiters Frauen, die Tischwäsche oder Geschirrtücher neben den Unterhosen an der Wäscheleine aufhängten. Dies war für sie obszön. Sie war eine hypochondrische Simulantin und eine eingebildete Kranke, die immer behauptete, Rheuma zu haben und deshalb immer mit eingebundenem Kopf und Händen herumging. Großmutter, hast du Kopfweh, hatte sie Patrik oft besorgt gefragt. „Nein, aber der Kopf könnte anfangen zum Wehtun“, hatte sie oft erwidert.

Nie hätte sie mit bloßer Hand ihre Kredenzgriffe oder Türklinken benützt, sondern hatte immer ein Geschirrtuch in der Hand, um sich ihre Hände nicht am kalten Griff zu verkühlen. Und abends nahm sie das Fernglas, besichtigte wichtigtuerisch die Himmelsgestirne, reimte sich allerlei Unheil bringende, künftige Vorkommnisse zusammen, um der Astrologie zu frönen.