Schicksalssterne - Sarah Lark - E-Book

Schicksalssterne E-Book

Sarah Lark

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Beschreibung

Hannover, 1910: Es ist Liebe auf den ersten Blick zwischen der jüdischen Bankierstochter Mia und dem jungen adligen Offizier Julius. Für eine gemeinsame Zukunft wandern sie nach Neuseeland aus, wo sie eine Pferdezucht aufbauen wollen. Doch bei Kriegsausbruch werden sie der Spionage für die Deutschen verdächtigt und getrennt voneinander interniert. Nur der Einsatz der jungen Wilhelmina rettet das Gestüt. Aber der Preis dafür ist hoch und nach dem Krieg ist nichts mehr so, wie es war ... Eine mitreißende Geschichte um Liebe und Verrat, Verzweiflung und Mut vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges

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INHALT

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumKarte NeuseelandMedeaKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10EponaKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5GipsyKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7WillieKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9MiaKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9JuliusKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Epona StationKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Nachwort

ÜBER DAS BUCH

Hannover, 1910: Es ist Liebe auf den ersten Blick zwischen der jüdischen Bankierstochter Mia und dem jungen adligen Offizier Julius. Für eine gemeinsame Zukunft wandern sie nach Neuseeland aus, wo sie eine Pferdezucht aufbauen wollen. Doch bei Kriegsausbruch werden sie der Spionage für die Deutschen verdächtigt und getrennt voneinander interniert. Nur der Einsatz der jungen Wilhelmina rettet das Gestüt. Aber der Preis dafür ist hoch und nach dem Krieg ist nichts mehr so, wie es war …

Eine mitreißende Geschichte um Liebe und Verrat, Verzweiflung und Mut vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges

ÜBER DIE AUTORIN

Sarah Lark, geboren 1958, wurde mit ihren fesselnden Neuseeland- und Karibikromanen zur Bestsellerautorin, die auch ein großes internationales Lesepublikum erreicht. Nach ihren fulminanten Auswanderersagas überzeugt sie inzwischen auch mit mitreißenden Romanen über Liebe, Lebensträume und Familiengeheimnisse im Neuseeland der Gegenwart. Sarah Lark ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Schriftstellerin, die in Spanien lebt.

SARAH LARK

SCHICKSALSSTERNE

Roman

Lübbe

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Dieser Titel ist auch als Hörbuch erschienen.

Originalausgabe

Dieses Werk wurde vermittelt durch

die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Copyright © 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: Melanie Blank-Schröder

Landkarte: Kirstin Osenau

Umschlaggestaltung: Kirstin Osenau

Einband- / Umschlagmotiv: © Romanova Ekaterina; Sk_Advance studio; majeczka; Filip Fuxa; bdavid32; Nemeziya; Blue Planet Studio; Daniel Doorakkers; Cyrsiam; Idea Trader; SpicyTruffel/Shutterstock; © Richard Jenkins Photography

eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-7325-8646-2

www.luebbe.de

www.lesejury.de

MEDEA

Talent zum Glück

Gut Großgerstorf, Hannover

1910–1911

KAPITEL 1

»Nun schieß schon, Julius!«, rief Helena, als der gewaltige Keiler in Julius’ Schussfeld brach.

Die Treiber konzentrierten das Wild in einem Kessel, gebildet von den sechsundvierzig Jagdgästen des Gutes Großgerstorf. Julius von Gerstorf und seine Cousine Helena teilten sich einen Schießstand, doch Helena musste nachladen. Sie hatte sofort auf das Wildschwein angelegt, als es aufgetaucht war, es allerdings verfehlt.

Julius lief das Tier genau vor die Flinte. Es rannte in Panik direkt auf den Schießstand zu, gefolgt von einer Bache und einem Jungtier. Julius konnte es nicht verfehlen. Trotzdem zögerte er. Ein so prachtvolles Tier … so voller Leben … Es erschien ihm unfair, es aus dem Hinterhalt zu erlegen. Dennoch musste er schnell etwas tun. Wenn Wildschweine eines Menschen gewahr wurden, konnte es gefährlich werden. Julius zielte sorgfältig – und schoss über den Kopf des Keilers hinweg. Auch Helena war wieder schussbereit. Da sie wohl annahm, dass er das männliche Tier im Visier hatte, legte sie auf die Bache an. Diese brach getroffen zusammen, während der Keiler und das Jungtier nach rechts ausbrachen und an ihnen vorbei aus dem Kessel flohen.

»Julius, wie konntest du ihn verfehlen?«, schimpfte Helena. »Wie weit war der weg? Zwanzig Meter? Jedes Kind hätte ihn getroffen. Und so was ist beim Militär! Was willst du denn machen, wenn mal ein Krieg ausbricht?«

Das fragte sich Julius mitunter auch – obwohl er ganz passabel schoss, wenn er auf Scheiben anlegte. Tiere zu töten war ihm jedoch zuwider und Menschen erst recht. Allerdings hatte er andere Qualitäten, die ihn zumindest in Friedenszeiten für das Militär interessant machten. Julius von Gerstorf war ein hervorragender Reiter. Er diente beim 1. Königlich Sächsischen Ulanen-Regiment und sollte in Kürze zur Militärreitakademie Hannover abkommandiert werden. Letzteres war eine große Ehre, denn er war mit seinen zwanzig Jahren erst Fähnrich. Gewöhnlich musste man Leutnant sein oder einen noch höheren Dienstrang innehaben, um von der Akademie akzeptiert zu werden.

»Ich glaube, ich bin gestolpert«, entschuldigte er sich jetzt. »So eine dumme Wurzel … Aber du warst ja immerhin erfolgreich.«

Die Bache, die Helena erlegt hatte, rührte sich nicht, auch nicht, als sie näher traten, um sich von ihrem Tod zu überzeugen.

»Blattschuss!«, sagte Helena stolz.

»Gratuliere«, bemerkte Julius trocken.

Inzwischen vermeldete ein Hornsignal das Ende der Jagd. Julius war das nur recht, schließlich harrten sie seit fünf Uhr morgens in diesem kalten, feuchten Oktoberwald aus, ohne sich groß zu bewegen. Er war nass und durchgefroren, und Helena musste es eigentlich genauso gehen.

Seine Cousine schien jedoch das Jagdfieber zu wärmen. Sie wirkte auch nicht derangiert. Ihr Lodenkostüm schmiegte sich elegant an ihren Körper, das blonde Haar unter ihrem Hut war akkurat aufgesteckt. Helena von Gadow war trotz ihrer erst neunzehn Jahre bereits eine imponierende Erscheinung. Ihr klares, aristokratisches Gesicht verzog sich jetzt zu einem Lächeln.

»Von mir aus können wir sagen, dass du sie erlegt hast«, schlug sie vor.

Julius schüttelte den Kopf. »Auf keinen Fall«, erklärte er. »Ehre, wem Ehre gebührt.«

Sie konnten nun ihren Schießstand verlassen und gefahrlos durch den Kessel zu den Wagen gehen, die inmitten einer Lichtung auf die Jagdgesellschaft warteten. Die Treiber begannen derweil, die abgeschossenen Tiere zu sammeln, um die Strecke zu legen, die Jagdbeute also auszustellen. Bei den Wagen hielt die Dienerschaft einen Imbiss für die Jäger bereit, und natürlich kreisten die Schnapsflaschen. Fast jeder der Männer führte einen Flachmann mit verschiedenen Spirituosen mit sich.

Albrecht von Gerstorf teilte Kräuterschnaps aus. Julius nahm einen, um sich wenigstens von innen zu wärmen. Helena ließ sich ebenfalls einschenken und ignorierte den missbilligenden Blick des Jagdherrn. Es war wenig damenhaft, scharfe Getränke zu sich zu nehmen, aber wenn sie bei der Jagd ihren Mann stand, so wollte er ihr wohl auch den Trunk nicht verwehren.

»Waidmannsheil!«, sagte Albrecht.

»Waidmannsdank!«, antwortete Helena.

»Und, wart ihr erfolgreich?« Magnus, Julius’ älterer Bruder schob sich vor.

Er hatte sich einen Schießstand mit Veronika geteilt, Helenas jüngerer Schwester. Julius fand, dass Veronika so verfroren und deplatziert aussah, wie er selbst sich fühlte.

Helena berichtete von der erlegten Bache, ohne seinen Misserfolg zu erwähnen. Was solche Dinge anging, war sie verschwiegen. Sie hätte niemanden bloßgestellt – erst recht nicht ihn, denn sie schien eine Schwäche für ihn zu hegen. Warum sonst hätte sie sich ihm an diesem Jagdtag zugesellt und nicht seinem weitaus unterhaltsameren und lebhafteren Bruder?

Magnus hatte ebenfalls ein Wildschwein erlegt, einen veritablen Keiler. Veronika, so nahm Julius an, hatte ihre Flinte gar nicht erst angerührt.

»Da drüben gibt es Glühwein«, sprach er sie an. »Vielleicht möchtest du dich etwas aufwärmen?«

Der Glühwein wurde über einem offenen Feuer erhitzt. Veronika folgte ihm dankbar zu der Feuerstelle und wärmte ihre Hände daran, während er ihr einen Becher holte.

»Ich hasse die Jagd«, sagte sie, als sie das Getränk zum Munde führte.

Julius hätte ihr am liebsten zugestimmt, aber das hätte nicht zu seiner Rolle als Gastgeber einer Treibjagd gepasst. Also lächelte er nur nachsichtig.

»Ich bin sicher, du wirst dich später beim Jägerball besser amüsieren.«

Veronika erwiderte das Lächeln. »Sofern euer Ballsaal geheizt ist«, sagte sie.

»Falls es nicht ausreicht, werde ich mein Bestes tun, dich beim Tanzen zu wärmen«, versprach Julius.

Er mochte Veronika. Sie war schüchtern und sanft, ganz anders als ihre attraktivere Schwester.

»Musst du nicht mit Helena tanzen?«, fragte Veronika.

Es war ein offenes Geheimnis, dass Helenas und sein Vater sie als künftige Heiratskandidatin für Julius ins Auge gefasst hatten, eine Überlegung, der natürlich Erbangelegenheiten zugrunde lagen. Karl von Gadow hatte keine Söhne, Helena als älteste Tochter war seine Erbin. Albrecht von Gerstorfs Erbe war Magnus, für Julius würde kein Land abfallen. Was läge also näher, als den jüngeren Sohn mit Helena zu vermählen und ihm damit die Herrschaft über das Gut der von Gadows zu sichern? Julius war sicher, dass Helena das Land ihrer Familie am liebsten selbst verwaltet hätte, doch das verbot die Konvention. Ob ihre Schwäche für ihn daher rührte, dass sie sich von ihm mehr Einfluss bei der Gutsverwaltung erhoffte als bei einer Heirat mit einem selbstbewussteren Mann wie Magnus?

Julius unterdrückte ein Seufzen.

»Als guter Gastgeber«, sagte er dann, »ist es meine Aufgabe, mich gleichermaßen um alle Damen in der Gesellschaft zu kümmern. Ein Tanz mit dir wäre mir zudem eine Freude«, fügte er schnell hinzu.

»Dann sehen wir uns später«, erwiderte Veronika freundlich.

Einer der Jagdhelfer war eben auf ihn zugetreten, wohl um eine organisatorische Frage zu klären, und höflich, wie sie war, mochte sie ihren Vetter nicht weiter mit Beschlag belegen.

Inzwischen war die Strecke gelegt, das Halali wurde geblasen. Die Bediensteten packten die Reste des Essens ein und machten Anstalten, das Feuer zu löschen. Alle Jäger verteilten sich auf die vier von schweren Pferden gezogenen Kastenwagen, die sie zurück zum Gutshof bringen würden. Die Fahrt zog sich lange hin. Der Waldbestand des Gutshofes war groß, außerdem wurden fünfzig Hektar Acker- und Grasland bewirtschaftet. Schließlich erreichte die Gesellschaft die von Kastanien gesäumte Allee, die zum Herrenhaus führte. Zuletzt musste eine Brücke überquert werden – das ehemalige Rittergut war von einem fünf Meter breiten Wassergraben umgeben.

Durch ein Torhaus gelangten sie in einen der Wirtschaftshöfe, wo Diener mit einem erneuten Jagdtrunk und Broten mit hausgemachter Wurst bereitstanden. Julius und Veronika hatten noch etliche Waidmannsheils und Waidmannsdanks zu überstehen, bevor die Gäste sich auf ihre Zimmer zurückzogen, um sich umzuziehen und auszuruhen. Julius folgte seinem Vater und seinem Bruder in die Privaträume der Familie. In der Eingangshalle erwartete sie die Hausdame, eine stattliche Matrone in den Fünfzigern.

»Ich soll Ihnen ausrichten, dass der Herr Kommerzienrat Gutermann und seine Tochter eingetroffen sind«, meldete sie geschäftsmäßig.

Albrecht von Gerstorf nickte zerstreut. »Jetzt schon?«, fragte er verwundert. »Ich dachte, er käme erst morgen … Und weshalb bringt er seine Tochter mit?«

»Ist das unser Bankier?«, fragte Magnus. »Hast du ihn eingeladen, Vater? Zum … Ball?«

Albrecht verzog das Gesicht. »Nein. Aber wir werden das nachholen müssen. Frau Greta, überbringen Sie dem Herrn doch bitte eine Einladung zum Jagdessen und zum anschließenden Tanz – wobei Letzterer wohl eher die Tochter interessieren dürfte. Von der weiß ich gar nichts …« Er wandte sich ab.

»Wieso bemüht sich Vaters Bankier hierher?«, fragte Julius seinen Bruder. »Geht es mal wieder um ein Darlehen?«

Jeder Gutsbesitzer lieh sich bisweilen Geld bei einer Bank, um moderne Landmaschinen anzuschaffen oder Renovierungsarbeiten zu finanzieren. Was seinen Vater anging, argwöhnte Julius allerdings andere Gründe für eine Verschuldung. Magnus’ Militärlaufbahn verschlang eine Menge Geld – nicht nur, was das standesgemäße Auftreten des jungen Leutnants anging, sondern ebenso seinen eher lockeren Lebenswandel. Magnus – auch er Eleve der Reitakademie Hannover – ging keinem Kartenspiel und keiner waghalsigen Wette aus dem Weg. Albrecht von Gerstorf erhoffte sich einen mäßigenden Einfluss durch Julius, wenn seine Söhne demnächst eine Unterkunft teilten. Julius selbst war da weniger optimistisch. Magnus hatte noch nie auf ihn gehört.

Magnus zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung«, behauptete er. »Und nun entschuldige mich bitte. Wir sehen uns heute Abend.« Der blonde junge Mann lief die Treppe hinauf in seine Räume.

Julius schwante Böses. Es ärgerte ihn, dass Magnus ihren Vater so schamlos ausnutzte – dennoch befürchtete er nicht wirklich, dass sich seine Familie damit ruinieren würde. Der Waldbesitz des Gutes war riesig, die Landwirtschaft warf ordentliche Gewinne ab, und ihre Pferdezucht genoss eine gewisse Berühmtheit. Das Militär bezog Remonten aus Großgerstorf, viele Jagdreiter erstanden dort ihre Pferde, und manche Hengste und Stuten wechselten für gutes Geld in andere Gestüte. Es gab allerdings auch keinen Grund, das Erbe zu verschleudern, wie Magnus es tat.

Julius interessierte das Glücksspiel nicht im Geringsten. Zwar gewann er genauso gern, aber er beschränkte sich auf den Reitsport. Das Militär veranstaltete Distanzritte, Querfeldeinrennen und Springen. Er hatte sich in jeder dieser Disziplinen bereits ausgezeichnet und seinen Bruder oft auf den zweiten Platz verwiesen. Magnus war ein ebenso begabter Reiter, nur waghalsiger und impulsiver. Wenn alles gut ging, war er unschlagbar – doch wann ging schon einmal alles gut? Meistens bewährten sich ein bisschen mehr Umsicht und eine sorgfältigere Ausbildung des Pferdes. Magnus verließ sich gern auf die hervorragenden Anlagen der Pferde seines Vaters. Julius bemühte sich darüber hinaus um ihre Gymnastizierung im Sinne der klassischen Lehre.

Er freute sich auf den Unterricht in der Reitakademie Hannover. In seinem bisherigen Regiment, dem 1. Königlich Sächsischen Ulanen-Regiment, legte man weniger Wert auf die klassische Reitkunst. Wachtmeister Friedrich Schmitz, der bis vor einiger Zeit in Amerika gelebt und die Ausbildung der US-Kavallerie absolviert hatte, lehrte dort. Er hatte es in den Staaten bis zum Lieutenant gebracht und unterrichtete nun auch in Sachsen nach den dort üblichen Methoden. Für den Kampf zu Pferde hatte das einige Vorteile. Schmitz legte Wert auf Bodenarbeit vor dem Anreiten der Remonten, und er lehrte das Neck Reining, bei dem Kommandos zum Richtungswechsel durch Anlegen des Zügels am Pferdehals gegeben wurden. Das vereinfachte das im Kampf obligatorische einhändige Reiten. Die sächsischen Ulanen ritten ihre Pferde zudem gebisslos und meist mit durchhängendem Zügel. Julius fand das faszinierend. Sein Dienstpferd ging hervorragend, und die Arbeit mit den Remonten machte ihm Freude. Trotzdem interessierte er sich auch für höhere Disziplinen der Dressur und wünschte sich sportliche Erfolge. Parcoursspringen und Rennen lockten ihn mehr als die spezielle Ausbildung der Pferde für den Kampfeinsatz. Obwohl sie täglich an der Waffe trainiert wurden, dachten weder er noch seine Kameraden jemals ernsthaft an einen Krieg.

Julius freute sich, dass in seinem Zimmer ein Feuer entzündet worden war, zudem hatte die Dienerschaft warmes Wasser bereitgestellt, damit die Familienmitglieder sich nach der Jagd reinigen konnten.

Julius nutzte das ausgiebig, ihm wurde endlich wieder warm. Es war noch Zeit, bevor er sich für den Ball umziehen musste, und er dachte kurz darüber nach, ob sein Vater sich bereits zu einer Unterredung mit dem Bankier getroffen hatte. Er hätte zu gern mehr darüber erfahren, um welche Kredite Albrecht von Gerstorf sich bewarb. Andererseits sagte er sich, dass ihn das nicht viel anging, und zudem hielt er es für eher unwahrscheinlich, dass sein Vater an diesem Nachmittag noch das Gespräch mit dem Bankier suchte. Albrecht von Gerstorf hatte Schnaps und Glühwein am Morgen gut zugesprochen. Wahrscheinlich nutzte er die Zeit vor dem Bankett eher für ein Schläfchen.

Julius ging trotzdem hinunter in die Halle. Er gedachte, im Stall vorbeizuschauen. Die Vollblutstute Medea, die er im letzten Jahr selbst ausgebildet hatte, war am Vortag in den Stall am Haus geholt worden. Albrecht von Gerstorf plante, sie zu verkaufen. Er selbst fand das schade und wollte sie gern noch einmal reiten, bevor sie den Hof verließ. Er beschloss, einen Seitenausgang zu den Ställen zu nehmen, kam dabei allerdings nur bis zum Arbeitszimmer seines Vaters, dessen Tür offen stand. An Albrecht von Gerstorfs voluminösem Schreibtisch saß ein etwas untersetzter Mann und studierte eines der schweren Hauptbücher des Gutes. An der Tür wartete einer der Hausdiener, er stand wohl bereit, dem Bankier zu Diensten zu sein, falls der etwas brauchte. Julius trat kurz entschlossen ein.

»Herr Kommerzienrat?«

Der Mann sah auf. Julius blickte in wache braune Augen hinter einer dicken Brille. Gutermann hatte volles Haar, eine kleine Nase und ein fliehendes Kinn. Julius fand, dass er ein bisschen wie ein freundlicher Bär wirkte.

»Der junge Herr von Gerstorf!« Gutermann wirkte erfreut, erhob sich und streckte Julius die Hand entgegen. »Wie schön, dass sich doch schon heute jemand von der Gutsverwaltung bereitfindet, sich ein wenig mit mir den Büchern zu widmen. Ich konnte ja nicht wissen, dass ich hier in eine Jagdveranstaltung hineinplatze …«

»Mein Vater hätte Ihnen das sagen müssen«, bemerkte Julius entschuldigend. »Der Termin stand lange fest. Da ist wohl etwas versäumt worden. Was die Buchhaltung angeht – also ich würde Ihnen ja gerne helfen, aber davon verstehe ich leider gar nichts. Ich bin Kavallerist.«

»Das ist schade, junger Mann«, sagte der Bankier. Es klang ein wenig wie eine Rüge. »Schließlich wollen Sie den Betrieb hier einmal übernehmen. Da sollten Sie sich schon etwas auskennen …«

Julius schüttelte den Kopf. »Sie verwechseln mich. Ich bin Julius von Gerstorf, der jüngere Sohn. Mein Bruder Magnus …« Er wollte eben anführen, dass der vermutlich noch weniger von Zahlen verstand als er selbst, hielt sich jedoch zurück. Stattdessen überlegte er, wie er die Scharte auswetzen konnte. »Ich könnte vielleicht … also wenn Sie das Gestütsbuch auch sehen möchten. Das könnte ich mit Ihnen durchgehen.« In Bezug auf den Pferdebestand des Gutes hatte er einen recht guten Überblick.

Gutermann lächelte. »Das ist doch schon mal etwas. Würden Sie es uns bitte holen, Franz?« Er wandte sich an den Hausdiener.

Gleich danach vertieften sich Julius und der Bankier in die Aufstellungen bezüglich der Fohlengeburten, Deckgelder, Pferdekäufe und -verkäufe.

»Da haben Sie einen stattlichen Betrag für drei Pferde aus England ausgegeben«, bemerkte Gutermann bei einer Eintragung. »Darf ich fragen, warum das Geld dahingehend investiert wurde?«

Julius runzelte die Stirn, bevor ihm die Antwort einfiel. »Zwei Pferde aus England«, korrigierte er. »Zwei Hengstfohlen. Die Stute kommt aus Hoppegarten. Alle drei sind Vollblüter.«

»Ihr Vater will also in die Rennpferdezucht? Ich … äh … hörte, dass Ihr Bruder sich dafür interessiert …«

Julius verzog das Gesicht zu einem freudlosen Lächeln. »Mein Bruder setzt auf Rennpferde. Und reitet auch schon mal ein Armeerennen. Mein Vater hat die Vollbluthengste als Veredler für unsere Warmblutzucht gekauft. Der hiesige Landschlag ist … na ja, ein bisschen schwer für die moderne Kavallerie und fürs Jagdreiten. Und wir konzentrieren uns ja auf die Zucht von eher eleganten Reitpferden. Halbblutpferde sind da in der letzten Zeit sehr gefragt.«

Er erwähnte nicht, dass der Kauf der Vollblüter weniger dem Geschäftssinn seines Vaters entsprungen war als seinen eigenen Überlegungen zur Zukunft der Reitpferdezucht. Magnus hatte ihn darin unterstützt – wahrscheinlich mit dem Hintergedanken, die Pferde tatsächlich auch mal im Rennen einzusetzen. Albrecht von Gerstorf hatte den Wünschen seines älteren Sohnes widerwillig nachgegeben.

Gutermann nickte. »Durchaus klug, vor allem die Überlegung, sich nicht ausschließlich auf die Zucht von Kavalleriepferden zu konzentrieren. Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, Herr …«

Er suchte nach einem militärischen Rang, aber Julius’ Kleidung gab ihm keine Hinweise. Zum Ball würde er zwar die Paradeuniform anlegen, auf dem Hof seines Vaters bevorzugte er dagegen ziviles Reitzeug.

»Fähnrich«, half Julius. »Ich hoffe, bald zum Leutnant befördert zu werden.«

Gutermann nickte erneut. »Sicher. Allerdings denke ich, dass die Kavallerie in kommenden Kriegen keine große Zukunft mehr hat. Ebenso wenig wie von Pferden gezogene Geschütze bei der Artillerie. Motorgetriebene Kraftwagen werden sich durchsetzen. Auch auf dem Schlachtfeld. Irgendwas werden sich unsere Ingenieure und Militärstrategen einfallen lassen.«

Julius zuckte mit den Schultern. Wachtmeister Schmitz hatte etwas Ähnliches gesagt, für ihn war der Amerikanische Bürgerkrieg der letzte große Einsatz der Kavallerie gewesen. Julius selbst konnte und wollte das nicht beurteilen. Immerhin freute er sich, dass Gutermann mit der Gestütsführung der von Gerstorfs ziemlich zufrieden zu sein schien.

»Darf ich … darf ich fragen, weshalb sich mein Vater um einen Kredit bei Ihrer Bank bemüht?«, fragte er noch, bevor er sich entschuldigte.

Ein Blick auf die große Standuhr im Büro seines Vaters hatte ihn wissen lassen, dass es bald Zeit war, sich für den Ball umzukleiden.

Gutermann nickte. »Es geht wohl um den Bau eines Getreidesilos«, gab er bereitwillig Auskunft. »Und ein paar Stallgebäude benötigen eine Renovierung. Die würde ich mir morgen gern ansehen. Immerhin dient das Gut als Sicherheit für das Darlehen, und da möchte ich gern wissen, wie groß die Schäden sind und wie sich das auf den Gesamtwert auswirkt.«

Julius waren bisher keine größeren Schäden an den Stallgebäuden aufgefallen, aber er hatte auch nicht sonderlich darauf geachtet. Jedenfalls war es gut, dass es um Investitionen in den Gutshof ging und nicht um die Begleichung der Schulden seines Bruders.

KAPITEL 2

Julius’ Uniform bestand aus einer marineblauen Hose mit roten Streifen, einem blauen Waffenrock mit rotem Kragen und Aufschlägen, gelben Knöpfen und weißem Vorstoß. Bei Paraden trug man dazu eine helmartige Lederkappe mit Schirm, die in den Regimentsfarben ausgekleidet war. An diesem Abend trug er die mit einem Adler geschmückte Tschapka allerdings nur unter dem Arm. Auf dem Weg in den Bankettsaal warf er einen Blick in einen der großen Spiegel, die an den Wänden der Korridore hingen. Er fand, dass er schneidig aussah. Der Schnauzbart, den er sich neuerdings stehen ließ, machte ihn etwas älter, er ließ sein schmales Gesicht voller wirken. Das dunkelblonde Haar und seine tiefblauen Augen ergänzten die Wirkung der Uniform.

Im Bankettsaal nahmen die Jagdgäste bereits ihre Plätze ein. Albrecht von Gerstorf saß der langen Tafel vor, rechts neben ihm Magnus in der Paradeuniform seiner Einheit, dem Altmärkischen Ulanen-Regiment. Seine Tischdame Veronika wirkte nicht sehr glücklich. Umso mehr strahlte Helena, als Julius ihr nun den Stuhl zurechtrückte.

»Ich dachte, du kämest gar nicht mehr«, rügte sie ihn, als er neben ihr Platz nahm. »Es ist nicht sehr charmant, seine Dame warten zu lassen.«

Eigentlich hatte sich Helena gerade noch in einem angeregten Gespräch mit Magnus und etlichen anderen Jägern befunden. Sie hatte sich keineswegs gelangweilt. Julius entschuldigte sich trotzdem und warf Veronika einen mitleidigen Blick zu. Helenas Schwester dürfte das Jägerlatein auf die Nerven gegangen sein. Sie nippte teilnahmslos an ihrem Weinglas.

»Tut mir leid. Du siehst hinreißend aus«, schmeichelte Julius seiner Cousine. Es war nicht übertrieben. Helena trug ein weinrotes Seidenkleid, das über ein weites blaues Unterkleid gerafft war, das Oberteil war geschmückt mit blauer Spitze, die über ihre Oberarme fiel. Dazu trug sie Rubinschmuck. Ihr schweres blondes Haar war kunstvoll aufgesteckt und mit einem Rubindiadem gekrönt.

Helena lächelte. »Man tut, was man kann«, erklärte sie. »Du siehst auch gut aus. Aber wo ist dein Säbel?«

Julius runzelte die Stirn. »Willst du mit mir tanzen oder kämpfen?«, fragte er.

Natürlich gehörte der Säbel zur Galauniform, aber Julius hatte darauf verzichtet. Er befürchtete stets, beim Tanzen über die sperrige Waffe zu stolpern.

Helena lachte. »Das weiß ich noch nicht«, behauptete sie. Ihre Stimme nahm dabei einen lasziven Tonfall an. Julius mochte das eigentlich nicht. Es erinnerte ihn an die Schenkmädchen in den Soldatenspelunken im sächsischen Oschatz, wo seine Garnison stationiert war. Sie pflegten ihr Glück regelmäßig bei ihm, dem gut aussehenden jungen Fähnrich, zu versuchen, konnten ihn jedoch nicht verführen. Er träumte von einer jungen Frau, die nur für ihn da war, die ihn liebte und die er lieben konnte. Sein bislang einziger Besuch eines Freudenhauses hatte ihn nicht befriedigt.

»Dann ist es ja gut, dass ich möglichen Ausschreitungen vorgebeugt habe«, gab er jetzt zurück und hoffte, dass die Angelegenheit damit erledigt war.

Ein Diener füllte gerade Wein nach. Helena hielt ihm ihr Glas hin.

»Ich habe einen Bärenhunger«, vertraute sie Julius an. »Hab mich extra nicht allzu fest schnüren lassen …«

Ihrer schlanken Taille sah man das nicht an. Helenas Figur war auch ohne Nachhilfe untadelig. Sie schien zu schnurren, als Julius das anmerkte. Er war erleichtert, als die Suppe serviert wurde.

Bei der mehrgängigen Schlemmerorgie wurden Geflügel und Wild serviert, Räucherfisch aus den Teichen des Gutes und Gemüse aus den Gärten, als Dessert gab es eine Welfenspeise, die der Köchin der von Gerstorfs stets besonders gut gelang. Julius bemühte sich, Helena zu unterhalten. Zwischendurch ließ er den Blick suchend über die Reihen der Tafelnden gleiten. Wo war der Kommerzienrat? Er würde die Einladung doch nicht ausgeschlagen haben? Schließlich entdeckte Julius ihn am unteren Ende des Tisches, er unterhielt sich mit dem Freiherrn von Medow, einem älteren Herrn, der vielleicht auch zu den Kunden seiner Bank gehörte. Julius hielt nach seiner Tochter Ausschau, konnte in seinem Umfeld jedoch keine junge Frau entdecken.

Nach dem Essen gab es Zigarren für die Herren und Likör für die Damen, die Diener richteten den Saal für den Ball her. Julius und Magnus gesellten sich zu den Damen und füllten Tanzkarten aus. Wie Julius Veronika schon versprochen hatte, versuchten die Gastgeber, mit möglichst jeder jüngeren Dame einmal zu tanzen. Er war ganz froh darüber. Mit Helena ging ihm langsam der Gesprächsstoff aus.

In der nächsten Stunde wirbelte er eine junge Frau nach der anderen im Walzertakt herum. Die meisten von ihnen kannte er, seit sie Kinder gewesen waren, was ihn nicht daran hinderte, sie jetzt freundlich zu hofieren, ihnen Fragen zu stellen, obwohl er die Antworten längst kannte, und ihnen Komplimente zu ihrem Aussehen und ihrem Tanz zuzuraunen. Die Tochter des Bankiers entdeckte er weiterhin nicht, Gutermann selbst hatte mit Albrecht und anderen Vertretern der älteren Generation im Herrenzimmer Platz genommen und sprach Zigarren und Cognac zu.

Als das Orchester pausierte, wurde Punsch serviert, Julius war sich sicher, dass Helena nach ihm Ausschau hielt. Ihm war allerdings ein bisschen schwindelig von zu vielen Walzern, Schmeicheleien und Champagner. Er fand, dass er frische Luft brauchte. Unauffällig stahl er sich aus dem Saal und wanderte ziellos über den Hof, bis er aus den Ställen ein helles Wiehern hörte.

Medea. Anscheinend hatte der Stallbursche vergessen, der Stute ein ihr bekanntes Pferd zuzugesellen. Nun stand sie allein in einer Box im sonst leeren Stall und rief nach ihren Gefährtinnen. Die anderen Stuten standen noch auf der Koppel, auf dem Gut Großgerstorf gab es ausreichend Weiden, um die Pferde bis weit in den Oktober hinein grasen zu lassen.

Julius wandte seine Schritte dem Stall zu. Vielleicht konnte er dem Tier ja etwas Zuspruch leisten. Dann sah er eine Stalllaterne vor Medeas Box. Offenbar war er nicht der Einzige, der den Ruf des Pferdes gehört hatte.

»Nun beruhig dich doch, meine Schöne! Ja, es ist traurig, allein zu sein, aber jetzt bin ich ja da. Ich könnte dir etwas vorsingen. Oder dir etwas erzählen. Schau, ich bin auch der einzige Mensch hier im Stall und schreie trotzdem nicht.«

Eine sehr helle und sehr sanfte Stimme. Einschmeichelnd. Und die Worte schienen zu wirken. Medea war verstummt. Als Julius näher herankam, sah er eine zierliche junge Frau in einem Reisemantel, die ihre Wange an die weichen Nüstern der Stute schmiegte. Medea schien die Zärtlichkeit zu erwidern. Sie legte mit leisem Seufzen den Kopf auf die Schulter der Frau, die jetzt begann, ein Lied zu summen. Julius erkannte Ännchen von Tharau.

Er hörte ein paar Sekunden lang genauso verzaubert zu wie die Stute. Dann trat er näher – festen Schrittes, um die Unbekannte nicht zu erschrecken. Sie fuhr trotzdem auf, und das Lied endete mit einem kurzen, erschreckten Schrei.

Julius hob beruhigend die Hand. »Sie sind doch nicht der einzige Mensch hier«, sagte er mit entschuldigendem Lächeln.

Die junge Frau wandte sich zu ihm um. Im Schein der Stalllaterne blickte er in ein kleines, herzförmiges Gesicht, runde, von langen Wimpern beschattete Augen, eine Nase, die ein wenig nach oben gebogen war und volle Lippen, die sich jetzt zu einem Lächeln verzogen. Sie schien sich nicht die Mühe gemacht zu haben, ihre ungebärdige Lockenpracht zu bändigen, bevor sie den Umhang über ihr Kleid geworfen hatte, um in den Stall zu gehen und Medea zu trösten.

»Warum ist sie ganz allein hier?«, fragte sie nun mit vorwurfsvollem Unterton und wies auf das Pferd. »Ich habe sie bis in mein Zimmer schreien hören.«

Julius fühlte sich sofort schuldig. »Ich hab es nicht gehört«, bekannte er. »Die Musik … der Ball … Wenn es mir früher aufgefallen wäre, hätte ich ein anderes Pferd zur Gesellschaft hereinholen lassen. Aber jetzt sind die Stallburschen schon weg. Sie wird sich bis morgen gedulden müssen.«

Die junge Frau seufzte. »Und ich werde schlecht schlafen«, behauptete sie.

»Ich auch«, bemerkte Julius. »Falls es Sie tröstet. Mein Fenster weist ebenfalls hinaus zu den Ställen. Mein Name ist übrigens Julius von Gerstorf.«

Die Unbekannte lächelte erneut. »Der Juli ist mein Lieblingsmonat«, erklärte sie.

Julius musste lachen. »Im Allgemeinen folgt auf die Nennung meines Namens die Bemerkung, ich sähe Julius Cäsar nicht ein bisschen ähnlich.«

»Tun Sie auch nicht«, stellte sie fest, nachdem sie ihn genauer gemustert hatte. »Ich bin Mia. Mia Gutermann.«

Julius nickte. »Das habe ich mir schon gedacht«, sagte er. »Warum sind Sie nicht beim Tanz?«

»Ich hab kein Ballkleid dabei«, erklärte Mia.

Julius ließ den Blick über ihre schlanke Gestalt wandern. Unter dem Umhang trug sie ein helles Nachmittagskleid.

»Sie wären auch in diesem Kleid eine Zierde unseres Festes«, schmeichelte Julius.

Sie lachte. »Ich wäre aber aufgefallen«, stellte sie richtig. »Und das mag mein Vater gar nicht.«

Julius zog die Augenbraue hoch. »Hier sind Sie ebenfalls aufgefallen. Wenn auch nur mir. Und ich sage es nicht weiter.«

»Das sollten Sie tatsächlich nicht«, gab sie zurück. »Sonst müssten Sie ja zugeben, dass Sie sich im Stall herumgetrieben haben, statt mit Ihrer Verlobten zu tanzen.« Sie schaute ihn spitzbübisch an.

»Ich habe keine Verlobte«, sagte Julius. »Aber es stimmt, ich bin vor zu vielen Tänzen und zu viel Champagner geflohen. Und dann habe ich Medea gehört.«

»So heißt sie also?« Mia wandte sich wieder dem Pferd zu. Sie hatte die ganze Zeit über geistesabwesend dessen Hals gekrault. »Ein schöner Name für ein schönes Pferd. Und warum steht sie hier nun allein? Ist sie krank?«

Julius schüttelte den Kopf. »Nein, sie soll verkauft werden. Mein Vater hofft, dass einer der Jagdgäste Interesse zeigt. Er wird sie den Herren morgen vorführen.«

»Den Damen nicht?«, fragte Mia. »Ist sie kein Damenpferd?«

Julius zuckte mit den Schultern. »Sie hat bislang keine dementsprechende Ausbildung. Aber grundsätzlich spricht nichts dagegen. Sie ist leichtrittig, nicht zu groß, sanft … Allerdings ein Vollblut. Die Dame, die sie erwirbt, sollte schon gut reiten können und furchtlos sein.«

Mia streichelte über Medeas breite Stirn und ordnete das schwarze Stirnhaar der braunen Stute. »Und warum will Ihr Vater sie verkaufen? Passt sie nicht in Ihre Zucht?«

Eine vernünftige Frage, die Julius der wissbegierigen jungen Frau gar nicht zugetraut hatte.

»Im Gegenteil«, gab er zu. »Sie würde hervorragend zu unserem Warmbluthengst passen. Dafür wurde sie ja gekauft. Es gibt da lediglich einige … äh … Verbindlichkeiten aufseiten meines Bruders …«

»Sie gehört Ihrem Bruder?«, fragte Mia.

»Nein. Sie wurde auf Wunsch meines Bruders angeschafft. Und auf meinen Wunsch, aber der zählt nicht so viel. Wenn mein Vater sie nun verkauft … Er hofft, dass es Magnus ein bisschen zu denken geben wird.« Julius strich über Medeas Nase.

»Sie glauben das nicht?«, erkundigte sich Mia.

Julius lächelte. Dieses Mädchen war ganz schön neugierig. Und hellsichtig. Ganz die Tochter ihres Vaters.

»Nein, ich glaube das nicht«, gestand er. »Mein Bruder wird das Geld weiter mit vollen Händen ausgeben. Und Vater wird weiterhin für ihn zahlen. Ich hoffe nur, er verkauft die Vollbluthengste nicht auch noch. Das wäre nämlich wirklich ein Verlust für die Zukunft des Gestüts. Die Stute können wir verschmerzen.«

»Die Bank meines Vaters wird Ihrem Vater doch jetzt Geld leihen«, meinte Mia.

Julius nickte. »Das hoffen wir zumindest. Aber dabei geht es um sinnvolle Investitionen in unsere Landwirtschaft. Nicht um die Finanzierung des Lebensstils meines Bruders.«

»Was ist denn mit Ihrem Lebensstil?«, fragte Mia vorwitzig. Julius ertappte sich dabei, darüber nachzudenken, welche Farbe Mias Haar und ihre Augen wohl hatten. Im Funzellicht der Stalllaterne war das nicht genau zu erkennen. »Sie gehen doch jetzt auch nach Hannover«, fügte die junge Frau hinzu.

»Ihr Vater ist zumindest gut informiert«, folgerte Julius. »Aber ich gehe nach Hannover, um reiten zu lernen. Nicht, um mich zu amüsieren. Bislang konnte ich von meinem Sold leben, und wenn ich demnächst Leutnant bin, kann ich das erst recht.«

»Die Reitschule muss großartig sein …« Mia wechselte das Thema. »Ich wünschte, ich könnte da auch hingehen. Aber sie nehmen keine Frauen.« Sie sagte das, als wäre es eine Überraschung.

Julius lachte. »Es ist eine Militärakademie«, erinnerte er sie. »Die Frauen müssten also erst mal eine Offizierskarriere anstreben. Wie sieht es denn mit Ihrer Treffsicherheit beim Schießen aus, Fräulein Gutermann?«

Mia seufzte. »Ich könnte das bestimmt lernen«, behauptete sie, jedoch halbherzig.

Julius musterte ihre zierliche Figur und ihre zarten Finger. Er bezweifelte nicht wirklich, dass Frauen genauso gut schießen konnten wie Männer – Helena von Gadow war da das beste Beispiel. Aber jemand wie Mia …

»Bestimmt«, bestätigte er trotzdem. Sie lächelten beide.

Julius erinnerte der Gedanke an Helena wieder an den Ball. Es waren noch etliche Tänze abzuleisten. Er konnte nicht länger bleiben. Und Mia sollte sich nicht allein im Stall herumtreiben. Wenn doch irgendjemand vom Stallpersonal auftauchte, konnte ihr Anblick ihn auf dumme Gedanken bringen.

»Ich muss zurück zum Ball«, sagte er bedauernd. »Und Sie sollten in Ihr Zimmer gehen. Wir … können etwas tun, damit Sie besser schlafen können.« Er nahm die Laterne und wandte sich dem hinteren Eingang des Stalles zu. Hier führte eine Tür vom Boxenstall der Reitpferde zu einem weiteren Stallgebäude, in dem die Ackerpferde in Ständern angebunden waren. Mia, die ihm gefolgt war, blickte interessiert auf ihre riesigen Hinterteile.

»Das sind ja Prachtexemplare!«, rief sie bewundernd aus.

Julius nickte. »Ja. Aber der Emil hier – er wies auf einen gewaltigen Fuchs – hat ein weiches Herz. Er flirtet mit jeder Stute. Wenn wir ihn also neben Medea stellen, werden Sie höchstens ab und zu ein Quietschen hören.«

Mia lächelte wieder. »Wenn sie flirten, stört mich das nicht. Ich möchte, dass alle Pferde glücklich sind.«

»Na dann …« Julius machte Anstalten, sich in den Ständer zu zwängen, um Emil loszubinden.

Mia trat ihm in den Weg. »Lassen Sie mich das machen. Am Ende wird noch Ihre Galauniform schmutzig. Und Sie sollten beim Ball auch nicht nach Pferd riechen.«

Bevor Julius noch etwas sagen konnte, schlüpfte sie neben das gewaltige Pferd, dessen Stockmaß höher war als ihr Scheitel. Sie gurrte ein paar schmeichelnde Worte, band den Wallach los und gab ihm geschickt die Anweisung, rückwärts aus dem Ständer zu treten. Emil folgte ihr artig. Sein Kopf war etwa so lang wie ihr Oberkörper. Aber Angst schien Mia nicht zu kennen.

Emil begann sofort zu blubbern und zu flehmen, als er die Box neben Medea betrat. Die Stute zeigte sich nicht minder interessiert.

»Dann können Sie jetzt beruhigt wieder turteln gehen«, sagte Mia verschwörerisch. »Und trinken Sie ein Glas Champagner für mich mit. Ich tanze nicht sooo gern, aber ich liebe Champagner!«

Damit verließ sie den Stall. Julius wartete, bis sie sicher den Hof überquert und das Haus erreicht hatte. Es wäre kompromittierend für sie gewesen, hätte man sie hier in der Nacht allein mit ihm gesehen.

Als sie fort war, fragte er sich, ob er diese Begegnung vielleicht nur geträumt hatte. Trotzdem hielt er auf dem Weg zum Ballsaal einen Diener an und bat ihn, ein Glas Champagner auf das Zimmer von Fräulein Gutermann zu bringen. Er dachte an Mia, als er gleich darauf mit Helena anstieß.

KAPITEL 3

Am nächsten Morgen war Julius recht früh wach. Er hatte sich bei Champagner und Punsch zurückgehalten und war insofern nicht verkatert. Von Magnus konnte man das weniger sagen. Julius war überrascht, seinen Bruder im Speisezimmer der Familie am Frühstückstisch anzutreffen. Lustlos kaute er an einer Scheibe Weißbrot, während der Kommerzienrat, der ihm gegenübersaß und völlig frisch wirkte, einem Käsebrot und Rührei zusprach. Mia biss geziert in ein Honigbrot. Sie saß neben ihrem Vater, trug ein zweckmäßiges Tweedkostüm und hatte das Haar aufgesteckt. Es war haselnussbraun, wie Julius feststellte. Als sie jetzt zu ihm aufsah, erkannte er ihre Augenfarbe. Sie glich dunklem Bernstein.

»Guten Morgen, Herr von Gerstorf«, grüßte der Kommerzienrat freundlich. »Auch schon auf? Möchten Sie sich der Führung Ihres Bruders vielleicht anschließen? Der Herr Leutnant wird so freundlich sein, uns das Gut zu zeigen.« Deshalb also Magnus’ frühes Erscheinen. Ihr Vater musste ihn dazu verdonnert haben, den Bankier herumzuführen. »Ach ja, darf ich Ihnen meine Tochter vorstellen?«, sprach Gutermann weiter, bevor Julius etwas erwidern konnte. »Das ist Mia.«

Julius lächelte. »Hocherfreut, gnädiges Fräulein«, grüßte er und deutete einen Handkuss an, als Mia ihm unbefangen die Hand entgegenstreckte. Sie war weniger zart, als er gedacht hatte. Mia Gutermann schien sich nicht nur mit Büchern und Handarbeiten zu beschäftigen. »Und ja, es würde mir eine Freude sein, Sie bei der Inspektion unseres Gutes zu begleiten.« Er wandte sich an den Kommerzienrat.

»Sollen wir uns alle in den Landauer quetschen?«, fragte Magnus unwillig.

Der Landauer war eine bequeme Kutsche für zwei Passagiere und einen Fahrer auf dem Bock.

Julius schüttelte den Kopf. »Ich kann nebenherreiten«, erwiderte er. »Das ist kein Problem.« Er belegte sich ein Schinkenbrot, ein Diener schenkte ihm Kaffee ein. Magnus ließ seine Tasse auch noch einmal füllen. Mia trank Tee.

»Meine Tochter würde sicher ebenso gern reiten«, bemerkte Gutermann. »Sie nimmt seit Jahren Unterricht im Tattersall im Zooviertel.«

»Das ist nicht die schlechteste Reitschule in Hannover«, bemerkte Magnus, machte jedoch keine Anstalten, den Wunsch der jungen Frau zu erfüllen.

»Wenn Sie möchten, lasse ich Ihnen ein Pferd satteln«, schlug Julius dagegen vor. »Sie sind eine versierte Reiterin?«

Mia zuckte mit den Schultern. »Ich reite schon lange. Ich hatte ein eigenes Pferd. Florina ist leider gestorben.« In ihren Augen schimmerten auf einmal Tränen.

»Das tut mir leid«, sagte Julius hilflos.

»Sie war schon sehr alt«, erklärte Mia. »Sehr, sehr lieb. Ich habe auf ihr reiten gelernt. Sie war ein wundervolles Pferd … Aber lassen Sie uns nicht davon reden, es macht mich immer noch traurig. Und ich muss jetzt auch nicht reiten. Ich kann doch meinen armen Papa nicht allein im Landauer sitzen lassen.« Sie lächelte ihren Vater an. Die beiden schienen sich gut zu verstehen. »Vielleicht lässt sich ja später noch mal was arrangieren, wenn du mit Herrn von Gerstorf über den Büchern sitzt, Papa.«

Julius verbeugte sich leicht. »Ihr Wunsch ist mir Befehl«, sagte er, das Verhandlungsgeschick der jungen Frau bewundernd. Ganz offensichtlich wollte sie lieber später allein mit ihm ausreiten, als jetzt im langsamen Trab der Kutsche zu folgen.

»Dann treffen wir uns draußen?« Julius warf einen Blick auf seine Taschenuhr. »In … zwanzig Minuten? Ich muss mir schnell ein Pferd holen.«

Magnus verzog das Gesicht. »Es wird immer später«, nörgelte er. »Da hätte ich nicht so früh aufstehen müssen … Hättest du Franz gleich den Auftrag gegeben, ein Pferd satteln zu lassen …« Der Hausdiener hatte am Tisch bedient und hätte Julius’ Wunsch sicher gern weitergegeben.

»Ich sattle nun einmal gern selbst«, beschied Julius ihn. »Also bis gleich, meine Herren, gnädiges Fräulein …«

Mia lächelte ihm zu.

Kurze Zeit später führte Julius Medea aus dem Stall. Er hatte sie sowieso reiten wollen, und nun meinte er, Mia zudem eine Freude zu machen, indem er ihr das Pferd unter dem Sattel zeigte.

Im Stall wieherte Emil der Stute hinterher. Mia und Julius tauschten ein verschwörerisches Lächeln. Magnus half Mia galant in die Kutsche, in der schon ihr Vater saß, und nahm selbst auf dem Bock Platz. Mia flüsterte ihrem Vater etwas zu, während Julius auf die Stute stieg.

»Dann fahren wir am besten erst mal die Stallgebäude ab, die mein Vater renovieren lassen will«, bemerkte Magnus. »Sie werden sehen, nichts hier ist marode. Aber das soll so bleiben, deshalb sind einige Nachbesserungen unumgänglich. Unser Gut ist ein Vorzeigebetrieb. Wir gedenken, die Pferdezucht in naher Zukunft zu erweitern. Weniger Remonten, mehr Sportpferde, Jagdpferde …« Magnus fuhr an.

Julius ließ Medea neben dem Wagen gehen. Sie tänzelte etwas, der Schritt der Kutschpferde war ihr zu langsam. Allerdings blieb sie brav in der Hand und machte den Hals rund. Mia schien sich kaum an ihr sattsehen zu können. Er konnte nur hoffen, dass ein bisschen von ihrer Bewunderung auch dem Reiter galt.

Als es schließlich im Trab weiterging, musste Julius die braune Stute versammeln, um nicht zu überholen, was Medea wenig passte. Ab und zu baute sie einen unwilligen Hopser in den Trab ein, was Mia zu amüsieren schien. Ihr Vater schaute grimmig drein, dabei ließ Magnus’ Hofführung nichts zu wünschen übrig. Er zeigte dem Bankier die Ställe und den Bauplatz für den Silo.

»Die Zäune hier haben wir erst im letzten Jahr erneuert«, erklärte Magnus den Gutermanns, als sie die Stutenkoppel passierten. Medea wieherte ihren Freundinnen zu, »aber da kamen wir ohne Kredit zurecht. In der letzten Zeit hatten wir allerdings recht hohe Ausgaben – auch durch den Kauf zweier potenzieller Deckhengste …«

Gutermann nickte. »Das hat mir Ihr Bruder schon erklärt. Es erscheint mir eine sinnvolle Investition. Und Ihre Sicherheiten sind ja über jeden Zweifel erhaben, der Hof ist in hervorragendem Zustand. Trotzdem würde ich mit Ihrem Vater gern noch einmal einen Blick in die Hauptbücher werfen. Oder mit Ihnen …«

Magnus wehrte ab. »Zahlen sind das Meine nicht«, erklärte er unbekümmert. »Und Buchführung ist mir ein Buch mit sieben Siegeln … Ich weiß, ich weiß«, schränkte er ein, als Gutermann etwas bemerken wollte. »Ich sollte es lernen, schließlich werde ich den Hof einmal übernehmen. Aber vorerst … vorerst kümmere ich mich um meine militärische Karriere.«

Es klang stolz. Gutermann erwiderte nichts.

Albrecht von Gerstorf gesellte sich erst zum Mittagsmahl wieder zu seinen Gästen und schien alles andere als begeistert davon, gleich noch Bücher wälzen zu müssen.

»Ich dachte, mein Sohn hätte Ihnen schon alles gezeigt«, sagte er schlecht gelaunt, während die Hausdame alle zu Tisch rief. Sie ersetzte hier die Hausherrin, Albrecht von Gerstorf hatte seine Frau schon früh verloren.

Gutermann hob die Schultern. »Ich sehe die Bilanzen gern schwarz auf weiß«, sagte er. »Bitte, Herr von Gerstorf, es dauert doch nicht lange …«

»Papa?« Mia legte ihrem Vater die Hand auf den Arm. Sie unterbrach ihn erkennbar ungern, aber etwas musste ihr auf dem Herzen liegen. »Wolltest du nicht …?«

Die junge Frau schien aufgeregt. Ihre Wangen waren gerötet, sie schob den Rinderbraten auf ihrem Teller hin und her, statt zu essen.

»Ach ja …« Gutermann nickte ihr zu. »Vorher sollten wir noch etwas anderes besprechen, Herr von Gerstorf. Meine Tochter hat mich gebeten, ihr eines Ihrer Pferde zu kaufen. Eine braune Stute. Ihr Sohn hat uns berichtet, sie stünde zum Verkauf.«

»Medea?«, fragte Magnus.

Mia nickte.

Über Albrecht von Gerstorfs Gesicht ging ein Leuchten.

»Aber sicher doch, Herr Kommerzienrat. Die Stute ist sehr elegant, sie wird hervorragend zu Ihrem Fräulein Tochter passen.«

Magnus lächelte nachsichtig. »Ich bitte dich, Vater! Medea ist ein Vollblut. Ich sehe sie eher auf der Rennbahn als unter dem Damensattel.«

»Du hättest ein halbes Jahr Zeit gehabt, sie mit nach Hannover zu nehmen und auf der Rennbahn vorzustellen«, gab sein Vater scharf zurück. »Stattdessen musstest du Gideon mitnehmen, um den jungen Damen in den Herrenhäuser Gärten zu imponieren …« Gideon war einer der Deckhengste des Gestüts, seit Magnus in Hannover war, hielt er ihn dort als privates Reitpferd. »Wenn sich Fräulein Gutermann also für die Stute interessiert … Vielleicht kannst du sie ihr nachher einmal vorreiten, Julius.«

Julius nickte. »Das habe ich schon«, erklärte er. »Ich habe die Fahrt über das Gut mit ihr begleitet. Aber ich kann sie natürlich gern noch einmal in der Bahn zeigen …«

»Zu der Rittigkeit der Stute hätte ich sowieso noch ein paar Fragen, junger Mann«, wandte Gutermann sich jetzt an Julius. »Das Pferd erschien mir recht unruhig unter dem Sattel. Können Sie es wirklich für eine junge Frau empfehlen?«

»Unbedingt!«, rief Albrecht.

Julius biss sich auf die Lippen. Wie er Mia in der Nacht schon gesagt hatte, hielt er es durchaus für möglich, Medea zum Damenpferd auszubilden. Allerdings hatte er Mia niemals reiten sehen. Und was sie von ihren Reiterfahrungen erzählte … Anscheinend beschränkten sie sich auf die Arbeit mit einem älteren, »ganz lieben« Pferd. Und womöglich war sie damit nie aus der Reitbahn herausgekommen. Mias Ablehnung am Morgen, mit ihm neben dem Landauer herzureiten, konnte auch darauf zurückzuführen sein, dass sie sich im Gelände nicht sicher fühlte.

»Ich denke, Sie sollten das Pferd einmal selbst erproben, gnädiges Fräulein«, sagte er schließlich. »Dann sehen wir ja, ob Sie sich ihm gewachsen fühlen. Wie wäre es gegen vier in der Reitbahn?«

Mia strahlte. »Sehr gern«, stimmte sie zu. »Bis dahin solltest du fertig sein mit den Büchern, Papa, oder?«

Gutermann nickte. »Das erscheint mir eine gute Lösung. Vorausgesetzt, Sie können mir garantieren, dass Mia sich nicht den Hals bricht.«

Mia kicherte. »Das kann man doch nie wissen, Papa«, erklärte sie. »Guck mal, der Kronprinz von Sachsen kam bei einem Kutschenunfall um …«

Julius nickte. »Und Rittmeister von Noack behauptet bis heute, das hätte sich durch eine bessere Ausbildung der Pferde verhindern lassen. Ich kann keine Garantien übernehmen, Herr Kommerzienrat.« Er sah Mias Vater offen an. »Wohl aber die Verantwortung. Ich habe Medea angeritten. Und nach meinem Dafürhalten ist Ihre Tochter auf ihrem Rücken nicht in Gefahr.«

»Dann hoffen wir mal das Beste«, meinte Gutermann trocken. »Um vier bei Ihren Ställen.«

Julius sattelte Medea schon um halb drei, vorerst mit einem Herrensattel, und ritt ausgiebig Dressur mit ihr, um sie für Mia rittig und zudem ein bisschen müde zu machen. Wenn Gutermann sie wirklich kaufte, würde er darauf bestehen, die Stute noch eine Zeit lang bereiten zu dürfen, bevor er die junge Frau mit ihr allein ließ. Er hatte zwar schon einiges an Scheutraining mit ihr absolviert – beim Anreiten von Jungpferden bediente er sich weitgehend der Methoden des unkonventionellen Wachtmeisters Schmitz –, doch die Stute war jung und impulsiv. Als künftiges Damenpferd musste sie noch gelassener werden.

Mia erschien um Viertel vor vier, als Julius Medea eben einen Damensattel auflegte. Die junge Frau blickte vielsagend auf die Schweißspuren im glatten rötlich braunen Fell der Stute.

»Geben Sie es zu, Sie haben sie müde gemacht«, sagte sie vorwurfsvoll.

Julius lächelte. »So schnell macht man ein Vollblut nicht müde, gnädiges Fräulein. Aber ja, ich hab sie ein wenig vorbereitet. Wie gesagt, ich möchte, dass Sie sicher sind.«

»Ach, das bin ich schon«, meinte Mia gelassen. Sie trug ein schlichtes grünes Reitkostüm, das bereits Gebrauchsspuren aufwies. Julius stimmte das optimistisch. Wenn Frauen nur gelegentlich ritten, waren ihre Reitkleider aufwendiger gestaltet und wirkten stets nagelneu. »Kann ich jetzt aufsitzen?« Sie machte Anstalten, Medeas Zügel zu nehmen und sie in die Reitbahn zu führen. Vorher steckte sie ihr allerdings noch eine Möhre ins Maul. »Ich war extra vorher in der Küche«, sagte sie vergnügt. »Schließlich soll die Stute einen guten Eindruck von mir bekommen.«

»Also setzen Sie auf Bestechung?«, neckte Julius sie.

Mia grinste. »Nur bei Pferden«, bemerkte sie. »Sonst setze ich eher auf Überzeugung.« Sie zwinkerte ihm zu, was lustig aussah.

Jetzt kamen auch sein Vater und sein Bruder gemeinsam mit dem Kommerzienrat vom Haus zum Reitplatz herübergeschlendert. Magnus blickte unwillig drein, Gutermann erwartungsvoll.

Julius half Mia galant in den Sattel und war gleich darauf verblüfft darüber, wie selbstverständlich sie die Zügel aufnahm, noch einmal den Hals des Pferdes klopfte und anritt. Medea zuckte ein wenig nervös mit den Ohren. Sie war bislang nie im Seitsitz geritten worden und musste die andersartigen Hilfen erst begreifen. Mia gab ihr Zeit dazu. Sie ritt zunächst Schritt, ließ die Stute auf der Vorhand wenden und rückwärtstreten. Dabei saß sie völlig im Gleichgewicht, aufrecht und gelassen. Sie führte die Zügel weich, hielt die Hände ruhig – sehr bald kaute die Stute zufrieden ab.

»Sieht doch sehr gut aus!«, freute sich Albrecht von Gerstorf. »Da sehen Sie! Pferde aus Großgerstorf sind von Natur aus rittig, sie …«

»Haben Sie das Pferd nicht erst vor einem halben Jahr gekauft?«, fragte Gutermann.

Julius hätte beinahe gegrinst.

Mia setzte Medea jetzt in Trab, wieder mit vorsichtigen Hilfen. Sie verstand es, das Pferd mit leichter Hand zu versammeln. Medea wölbte den Rücken auf und ging entsprechend weich. Mia konnte sie auch im Trab sehr gut sitzen. Sie strahlte, als sie an den Männern vorbeiritt.

»Ist sie nicht großartig, Papa?«, rief sie ihrem Vater zu.

Albrecht von Gerstorf beeilte sich, ihr zuzustimmen. »Ein schönes Paar, die beiden, Herr Kommerzienrat. Ein wirklich schönes Paar.«

Gutermann verzog das Gesicht, und Julius musste schon wieder lachen. Als gute Kauffrau erwies sich Mia nicht, sie hätte eher Fehler an Medea finden sollen, statt sie über den grünen Klee zu loben, um den Preis zu senken, wenn es denn zu einem Kauf kommen würde.

Mia führte die Stute nun ruhig in eine Volte und galoppierte daraus im Linksgalopp an. Auch das sah schön aus, Medea zeigte erhabene, ruhige Galoppsprünge.

Doch dann brach vor dem Stall, in dem die Arbeitspferde untergebracht waren, Tumult aus. Emil, das riesige Kaltblut, war eben herausgeführt worden und hatte Medea auf dem Reitplatz gesehen. Nun tänzelte er wie ein junger Hengst, wieherte der Stute zu und zerrte am Strick seines Führers. Der Mann war darauf nicht vorbereitet, gewöhnlich war Emil bierruhig. Überrumpelt stolperte der Knecht, und der gewaltige Wallach nutzte die Gelegenheit, ihn Richtung Reitplatz zu ziehen. Einer der Hofhunde versuchte ihm bellend den Weg abzuschneiden, ein anderer Knecht ließ eine schwere Kette fallen, um seinem Kollegen zu Hilfe zu eilen.

Mia blickte verwirrt auf, und auch Medea erschrak vor dem Lärm und dem herumwuselnden Hund. Aus dem Galopp heraus machte sie einen gewaltigen Sprung, hob mit allen vier Beinen gleichzeitig ab und erreichte dabei eine imponierende Höhe. Schließlich kam sie mit den Vorderhufen zuerst wieder auf, schien zu stolpern, fing sich dann über einige kleine Buckler. Wie erstarrt blickten die Männer auf das unter dem Damensattel bockende Pferd. Julius wollte Mia helfen, aber es gab nichts, was er tun konnte.

»Das … das macht sie sonst nie«, murmelte Albrecht von Gerstorf. Doch Mia sorgte erneut für eine Überraschung. Weder schrie sie auf noch machte sie Anstalten abzuspringen, wie es sicher viele Damen in dieser Situation getan hätten. Sie saß die Sprünge geschmeidig aus und lachte.

»Hups!«, rief sie lediglich, nachdem sie Medea mit leichten Hilfen wieder zur Ruhe gebracht hatte. »Was war das denn?«

Julius hatte das Gefühl, als hüpfte sein Herz so hoch in die Luft wie eben die Stute mit ihrer gelassenen Reiterin. Mia hatte ihm in der Nacht schon imponiert, als sie furchtlos das Kaltblut aus dem Stall geholt hatte. Doch das hier … Der junge Mann konnte es kaum fassen. Dieses Mädchen war … unglaublich! Julius meinte nie eine so süße Stimme gehört zu haben wie die Mias, und niemals ein beschwingteres Wort als ihr fröhliches Hups!

Mia ließ die Stute eine Vorhandwendung ausführen und machte dann Anstalten, wieder anzutraben.

Julius’ Vater versuchte, ihr Einhalt zu gebieten. »Jetzt kommen Sie aber besser herunter, Fräulein Gutermann«, riet er. »Ich denke, das … das reicht … Ich meine …« Er schien die Hoffnung, den Gutermanns dieses Pferd verkaufen zu können, aufgegeben zu haben.

Mia schüttelte den Kopf. »Nein«, erklärte sie entschieden. »Auf keinen Fall. Ich muss noch den Rechtsgalopp probieren. Das Kaltblut haben die Leute wieder unter Kontrolle? Und diesen todesmutigen Hund? Also ich hätte mich dem Riesenvieh nicht in den Weg gestellt.«

Emil wurde eben zurück in seinen Stall geführt und ließ sich jetzt artig einspannen. Der Hund folgte dem Knecht und behielt das Pferd im Auge.

»Ich weiß nicht, wie das passieren konnte …«, entschuldigte sich Albrecht. »Gewöhnlich sind unsere Kaltblüter völlig gelassen, gerade dieser …«

Mia lächelte zu ihm hinunter. »Es waren der Liebe Flügel, die ihn trugen«, bemerkte sie. »Kann man es ihm verdenken?«

Darauf lenkte sie Medea in eine Rechtsvolte. Die Stute sprang gehorsam im Rechtsgalopp an.

Der Kommerzienrat räusperte sich. »Was wollen Sie denn nun haben für die Stute?«, fragte er resigniert. »Ich finde sie ja noch etwas guckerig für ein Damenpferd, aber wie es aussieht, wird meine Tochter von den Flügeln der Liebe getragen. Machen Sie’s nicht zu teuer, von Gerstorf. Und lassen Sie uns ins Haus gehen. Hier wird es langsam kalt.«

Jetzt, am späten Nachmittag, senkte sich die Kälte über den Hof, nachdem es den ganzen Tag sonnig gewesen war.

Mia rutschte aus dem Sattel, und Julius und sie führten Medea gemeinsam zurück in den Stall. Mia beförderte eine weitere Möhre aus der Tasche ihres Reitrocks, und die Stute kaute zufrieden.

»Sie wird bestimmt glücklich bei mir sein«, meinte sie, als müsste sie Julius über den Verlust der Stute hinwegtrösten.

Julius, der bislang nie viel über das Glück der Pferde nachgedacht hatte, nickte. »Wer wäre nicht glücklich in Ihren Händen, Fräulein Gutermann«, sagte er.

Mia runzelte die Stirn. »Sie nehmen mich nicht ernst«, sagte sie streng. »Dabei ist mir das wichtig. Am liebsten würde ich alle Pferde der Welt glücklich machen.«

»Ich nehme Sie sehr ernst«, erwiderte Julius. »Wenngleich das natürlich nur ein schöner Traum ist. Wie viele Pferde auf dieser Welt sind wohl glücklich? Und können sie überhaupt glücklich sein?«

»Sagen Sie jetzt nicht: ›Es sind doch Tiere‹«, sagte Mia fast etwas ärgerlich.

Julius schüttelte den Kopf. »Ich würde sie niemals als solche bezeichnen«, bemerkte er mit einem Augenzwinkern.

Mia blitzte ihn an. »Sie nehmen mich nicht ernst!«, wiederholte sie. Den Rest des Weges zum Stall legten sie schweigend zurück. »Vielen Dank übrigens noch für den Champagner«, lenkte Mia jedoch ein, als sie Medea schließlich einem Reitknecht übergeben hatten. »Das war … sehr aufmerksam von Ihnen.«

Julius deutete eine Verbeugung an und lächelte ihr zu. »Stets zu Diensten, gnädiges Fräulein. Es ist mir außerordentlich daran gelegen, all unsere Gäste glücklich zu machen.«

KAPITEL 4

Julius’ Angebot, Medea noch weiter zu bereiten und sie erst nach Hannover zu überführen, wenn er seinen Dienst in der Militärakademie antrat, traf bei Kommerzienrat Gutermann auf höchste Zustimmung. Mia äußerte keine Einwände, was Julius einigermaßen verwunderte. Er hatte eigentlich Protest erwartet, schließlich ritt sie gut genug, um die weitere Ausbildung der Stute unter der Anleitung eines Reitlehrers selbst leisten zu können.

Mia nippte jedoch nur an dem Champagner, den Albrecht von Gerstorf hatte öffnen lassen, um auf den Pferdekauf anzustoßen, und lächelte zustimmend.

»Dann müssen Sie aber auch weiter mit Medea arbeiten, wenn sie in Hannover steht«, forderte sie. »Soweit Ihre Pflichten an der Akademie Ihnen das gestatten.« Sie sah ihn forschend an, obwohl sie sicherlich wusste, dass der Dienst die jungen Soldaten nicht ganztags forderte.

Der Kommerzienrat warf seiner Tochter einen strafenden Seitenblick zu. Er hatte ganz richtig interpretiert, dass sie Julius wiedersehen wollte.

Julius nickte ernst. »Selbstverständlich, gnädiges Fräulein. Es war mir immer eine Freude, mit Medea zu arbeiten, und ich werde mir die Zeit dafür gern nehmen. Ich werde sie selbst nach Hannover bringen. Machen Sie sich keine Sorgen um sie.«

Mia beglückte Medea noch einmal mit Möhren und Äpfeln, bevor sie sich am nächsten Morgen von ihr verabschiedete. Der Wagen, der für die Gutermanns vorgefahren wurde, sorgte bei Julius für eine weitere Überraschung. Der Bankier reiste in einer Art Doktorwagen, einem zweisitzigen Einspänner, den seine Tochter selbst kutschierte. Der lebhafte fuchsfarbene Traber davor mochte kaum stillstehen.

»Pelegrino ist schnell wie der Wind«, vertraute Mia Julius an, als sie sich von ihm verabschiedete. »Wir werden mittags zurück in der Stadt sein.«

Julius hatte noch zwei Wochen Urlaub, bevor er sich in Hannover zum Dienst zu melden hatte, und zu seiner Freude traf zwei Tage vor dem Abritt die Kabinettsorder mit seiner Beförderung zum Leutnant ein. An sich wäre ihm das nicht allzu wichtig gewesen, aber der höhere Rang befreite ihn von allzu strenger Dienstaufsicht. Er musste nicht in der Kaserne nächtigen, sondern konnte, wie sein Vater es von ihm erwartete, mit in Magnus’ Privatwohnung leben.

»Du wirst mir berichten, was er treibt«, bemerkte Albrecht von Gerstorf, als er Julius verabschiedete. Sein Bruder war schon zwei Tage zuvor nach Hannover geritten. »Und Magnus seinerseits wird dich im Auge behalten. Also übertreibt es beide nicht mit dem Spielen und den Weibern. Ich hab ja nichts dagegen, dass ihr euch austobt. Es sollte nur nicht unmäßig teuer werden. Haben wir uns verstanden?«

Julius nickte resigniert. Er hatte seinem Vater mehrmals gesagt, dass er als Aufpasser wenig taugte, aber der wollte nichts davon hören. Nun gab er es auf und freute sich lieber an Medeas vergnügtem Ohrenspiel und ihrer Freude am Laufen. In den letzten Tagen war er recht vertraut mit dem Pferd geworden, er fand es bedauerlich, sich jetzt von ihm trennen zu müssen. Andererseits brannte er darauf, Mia Gutermann wiederzusehen. Sie hatten sich seit ihrer Abreise mehrmals geschrieben, wobei Mia ihre Briefe stets an Medea Gutermann, bei Fähnrich Julius von Gerstorf adressierte. Sie schrieb sehr drollig an ihre »Liebe Medea!« und verpackte ihre Mitteilungen und Fragen an Julius in Formulierungen, die sich an das Pferd richteten. Julius nahm das Spiel auf, indem er in Medeas Namen an »Meine geschätzte Besitzerin!« schrieb. Er ließ die Stute darüber klagen, dass er zu viele Rechtsvolten mit ihr ritt, obwohl sie viel lieber auf der linken Hand ging, und fragen, wozu es denn für ein Pferd nützlich sein sollte, Schulterherein und Traversalen gehen zu lernen. Wenn sie beide auch sachlich blieben, war der Briefwechsel doch eine Art Flirt gewesen. Er freute sich darauf, Mias helle Stimme wieder zu hören und sich von ihren seltsamen Äußerungen überraschen zu lassen.

Alle Pferde der Welt glücklich machen … Was für ein verrückter Wunsch, solange nicht mal für alle Menschen daran zu denken war! Wenn sie die Idee noch einmal äußerte, würde er ihr das zu bedenken geben. Er fragte sich, was sie darauf antworten würde.

KAPITEL 5

Die Gedanken an Mia beschäftigten Julius während des mehrstündigen Rittes in die Stadt, und er war enttäuscht, dass er die junge Frau nicht antraf, als er am Nachmittag den Tattersall im Zooviertel erreichte, in dem er Medea abliefern sollte. Nun war es natürlich klar, dass Mia dort nicht den Tag verbringen konnte, um auf ihn zu warten. Statt ihrer nahm ihn der Stallbesitzer und Reitlehrer, Rittmeister a. D. Armin Jansen, erfreut in Empfang. Der Veteran musterte Medea fachkundig und konnte sich gar nicht darüber beruhigen, wie hervorragend die Stute gebaut war und wie gut sie zu Mia Gutermann passen würde. Julius machte ihm seinerseits Komplimente zu Mias Reiterei. Schließlich hatte Jansen die junge Frau bislang ausgebildet.

»Ich mache Ihnen hoffentlich keine Kompetenzen streitig, wenn ich die Stute weiterhin ein wenig bereite?«, fragte Julius vorsichtig.

Er vermutete, dass der alte Kavallerist in seinem Reitstall auch Beritt anbot.

Jansen schüttelte den Kopf und klopfte auf sein Holzbein. »Bei mir geht’s nicht mehr so gut mit dem Reiten«, bemerkte er bedauernd. »Sedan 1871.«

»Das ist lange her …«, sagte Julius.

»Kann man so sagen«, bestätigte der Alte. »Aber das Gefühl … das Gefühl vergisst man nicht … Und wenn man dann die jungen Leute reiten sieht … Ich geh manchmal rüber in die Akademie, und hier haben wir ebenfalls so manches Talent. Das Fräulein Gutermann zum Beispiel.« Er lächelte. »Die Mädels schau ich mir fast noch lieber an auf den Pferden …«

Julius lachte. »Ein alter Schwerenöter?«, neckte er den Veteranen.

Jansen blieb ernst. »Nee, nee, das hat nix Unschickliches. Mir geht’s da um den Sitz, nicht ums Gesäß. Es ist nur so, dass … Bei den Mädels weiß ich, dass keiner sie ins Feld schickt. Und dass ihre Pferde nicht als Kanonenfutter enden. Die jungen Leutnants dagegen … Die meisten von denen können den nächsten Krieg ja kaum erwarten. Aber ich hab’s mitgemacht … und da liegt kein Segen drin.« Julius schluckte und überlegte, was er darauf erwidern sollte, doch Jansen hatte das faltige Gesicht schon wieder zu einem sympathischen Grinsen verzogen und wechselte rasch das Thema. »Verzeihen Sie einem alten Mann … Ich will Ihnen wirklich keine schlechten Erinnerungen aufdrängen. Stellen wir lieber die hübsche Stute in eine Box und geben ihr ordentlich Futter. Und dann stoßen wir zusammen auf das neue Pferd von dem jungen Fräulein Gutermann an. Und auf Ihren Eintritt in die Militärakademie. Die beste Reitschule Europas … Ich hab ’nen ordentlichen Schluck bei mir oben. Ideal nach dem Reiten – oder vorher!«

Julius beugte sich der Weisheit des alten Herrn, folgte ihm in sein Büro mit Blick in die Reitbahn und kippte zwei Glas Korn mit ihm, bevor er seine Satteltaschen schulterte und sich zu Fuß auf den Weg zur Wohnung seines Bruders machte. Sie lag in einem gediegenen alten Kaufmannshaus in der Vahrenwalder Straße, nicht weit vom Reitinstitut. An der mit Messingbeschlägen versehenen Eingangstür begrüßte Julius ein livrierter Portier und wies ihm den Weg in den zweiten Stock, wo der »Herr Leutnant« residierte. Im Erdgeschoss wohnte laut seinen Angaben ein »Herr Oberleutnant« und im dritten Stock ein »Herr Rittmeister«. Vermutlich waren alle Wohnungen in diesem Haus von Leuten gemietet, die mit der Militärakademie zu tun hatten.

Während Julius die mit Teppichen versehene Treppe hinaufstieg, fragte er sich, was diese Residenz wohl monatlich kostete. Schließlich betätigte er einen Türklopfer in Form eines Pferdekopfes, und zu seiner Überraschung hörte er sofort Schritte hinter der Tür. So viel Eifer, seinen Bruder in Empfang zu nehmen, hatte er Magnus gar nicht zugetraut. Oder gab es vielleicht Hauspersonal?

Tatsächlich stand nicht Magnus in der sich lautlos öffnenden Tür, sondern ein drahtiger junger Mann in grauer Uniform. Bei Julius’ Anblick nahm er sofort beflissen Haltung an und salutierte. Julius schätzte ihn auf siebzehn oder achtzehn Jahre, er musste bei seiner Gesichtsform unwillkürlich an ein auf dem Kopf stehendes Ei denken, dem jemand einen Schnauzbart aufgemalt hatte.