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Möchtest Du in einer Welt leben, in der Krieg herrscht? In einer Welt, in der bereits kleine Kinder auf Stumpfheit gegen Gewalt trainiert werden und Menschen als Kriegsmaterial betrachtet werden? Nichts taugen, wenn sie dafür nicht taugen? Andersdenkende Menschen gehen unter, wenn um sie herum die Kriegshysterie überhandnimmt. Oder sie finden zusammen unter dem verbotenen Wort: Pazifist. Eine dystopische, hochemotionale Geschichte für junge Erwachsene, in der die Menschlichkeit siegt.
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Seitenzahl: 104
Veröffentlichungsjahr: 2024
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für F.
Teil 1
Kapitel Eins
Kapitel Zwei
Kapitel Drei
Kapitel Vier
Kapitel Fünf
Kapitel Sechs
Kapitel Sieben
Kapitel Acht
Kapitel Neun
Kapitel Zehn
Kapitel Elf
Teil 2
Kapitel Zwölf
Kapitel Dreizehn
Kapitel Vierzehn
Kapitel Fünfzehn
Kapitel Sechzehn
Kapitel Siebzehn
Kapitel Achtzehn
Kapitel Neunzehn
Kapitel Zwanzig
Kapitel Einundzwanzig
Kapitel Eins
Der Raum war überfüllt, und es stank nach Bier und Zigaretten. An den kleinen, runden Stehtischen hatten sich die Leute dicht an dicht zusammengedrängt und starrten wie gebannt auf den kleinen flimmernden Bildschirm über der Masse. Die Liveübertragung des Portugalkrieges lief. Jeden Mittwoch wurden die spannendsten Frontverläufe live ausgestrahlt, und es war immer ein großes Spektakel. Eine rundliche Frau mit rotem Gesicht bahnte sich ihren Weg durch die Menge und stellte zwei Gläser Bier auf einen Tisch. Daran standen zwei Männer. Der eine hielt bewundernd eine glänzend goldene Pistole in der Hand, der andere nickte selbstzufrieden.
„Ganze drei Monate habe ich für das Ding gespart, aber das ist es auch einfach wert. Hör wie schön sie beim Nachladen klackt”, sagte der Zweite und nahm dem anderen die Waffe aus der Hand. Er lud nach, hielt die Pistole an sein Bierglas und drückte ab. Bier floss über den durchlöcherten Tisch und auf den Boden. Alle im Umkreis der beiden lachten und klatschten anerkennend. Die Einzige, die durch den Knall zuckte, war Eva. Sie stand mit Peter zusammen am anderen Ende des Raumes, der ihr beschützend seine Hand auf die Schulter legte. Nur für einen kurzen Moment hatte Eva ihre Fassung verloren, doch das genügte, dass eine andere Frau auf sie aufmerksam wurde.
„Was zuckst du denn so? Findest du das nicht geil?”, fragte sie teils verwundert, teils sauer.
„Doch, doch”, versicherte ihr Eva, „der Knall erinnert mich nur so an die Waffe meines Bruders, ich musste an ihn denken.”
Bevor die Frau weiter nachhaken konnte, wurde ihre Aufmerksamkeit erneut auf den Fernseher an der Decke gelenkt. Alle Augen waren nun auf die Liveübertragung fixiert, da gerade ein feindlicher Panzer in Flammen aufging. Jubel brach aus und die Leute tanzten durch die Gegend, lachten und ein paar zogen schnell ihr Koks rein.
„Warum sind wir überhaupt hier hingegangen?” fragte Eva leidend.
„Wenn Lars uns einlädt, kann ich leider schlecht nein sagen, ohne dass er auf komische Ideen kommt. Wo ist er überhaupt? Ich habe ihn bestimmt seit einer Stunde nicht mehr gesehen”, antwortete Peter.
„Da hinten. Er wollte Keiblers neue Pistole anschauen, ich glaube, er war das, der eben geschossen hat. Du hast ihn nur im Gedränge nicht gesehen.”
Mittlerweile war es 01.00 Uhr nachts, und die Liveübertragung wurde beendet. Einige maulten enttäuscht, andere klatschten Beifall für ihre geliebten Soldaten. Dann sprang ein junger Mann auf und stellte sich auf den Tresen. Feierlich hielt er Keiblers Pistole in der Hand.
„So wie ein Soldat will ich sein, dieser süße Tod für den Ruhm meines Landes. Wie sehr ich ihn doch sterben möchte. Der Kampf, das Blut, der Schweiß. Das Metall der Kugel will ich in meinem Herzen spüren. Erst dann habe ich auch wirklich gelebt. Doch wenn ich schon nicht als ruhmreicher Soldat auf dem Feld sterben kann, so will ich es hier, zu Ehren aller noch sterbenden Soldaten tun.” Triumphierend hielt er die goldene Pistole an seinen Kopf.
„Schließlich muss Keiblers hübsches Teil hier auch mal eingeweiht werden.” Mit diesen Worten drückte er ab und sein Körper fiel schlapp in die Menge, wo er jubelnd und schreiend aufgefangen wurde. Ein paar klopften dem Toten anerkennend auf die Schulter, als dieser an ihnen vorbei hinausgetragen wurde.
Kapitel Zwei
Peter und Eva verließen um kurz nach 01:00 Uhr den Pub. Die kalte, frische Nachtluft schwappte ihnen entgegen, als sie die Türen des stickigen Pubs öffneten und nachdem sie den betrunkenen Lars zu seiner Haustür gebracht hatten, machten sich Eva und Peter auf den Heimweg. Selbst nachts schlief die Stadt nicht. Überall blinkten Lichter von Lokalen oder Läden, riesige, kalt-weiß leuchtende Litfaßsäulen waren mit Werbeplakaten für Kinofilme oder Schießereien beklebt.
„Montag, den zwanzigsten Mai. Schießerei am großen Torbogen, Waffen selber mitbringen” las Peter im Vorbeigehen. Heute war Mittwoch, der 22., das Ereignis war also schon vorbei. Peter hatte davon in den Nachrichten gehört. 5 Menschen starben, 30 wurden verwundet. Eine ziemlich niedrige Quote.
„Ich kannte den Mann, der sich erschossen hat,” sagte Eva plötzlich, „Nicht persönlich, aber er hat in einem Café gearbeitet, wo ich oft Kaffee gekauft habe. Manchmal habe ich mit ihm geredet. Er kam mir immer okay vor. Klar war er nicht so wie wir, Militarist war er schon, aber er hat nie etwas davon erzählt, dass er so gerne Soldat geworden wäre. Wenn er es so gewollt hat, warum ist er dann nicht einfach zum Militär gegangen? Abgelehnt wird da niemand, sie freuen sich doch über jedes Kanonenfutter, das sie kriegen können.”
„Ich denke, er hat was genommen. Etwas Koks reinziehen, und schon drehen sie alle durch”, erwiderte Peter. „Das werde ich unserem Sohn verbieten”, sagte er und legte seine Hand auf Evas schwangeren Bauch.
„Wenn du es ihm verbietest, macht er es heimlich mit seinen späteren Klassenkameraden” Peter schwieg.
„Ich will nur, dass unser Sohn ein normaler Mensch wird und sich nicht so von der Welt verbiegen lässt. Alle sind sie hässlich heutzutage, und schon die Kinder werden auf Aggression und Gewalt trainiert. Mit fünf spielen sie mit Luftgewehren und denken mit vierzehn, dass sie die Welt retten, wenn sie ins Militär gehen. Alles Lämmchen, die dumm hintereinander hertrotten, weil sie sonst verloren wären.” Eva versuchte ihn zu beschwichtigen.
„Ich weiß Peter, aber wir werden unseren Sohn schon richtig erziehen. Wenn in unserem Haus ein Militarist entsteht, dann ist die Welt verloren.”
„Das ist sie jetzt schon” antwortete er bitter, als er die Wohnungstür aufschloss.
Die Wohnung war klein und abgelebt. Peter war als Auszubildender eingezogen, und als er Eva kennenlernte, konnten sie sich beide keine andere Wohnung leisten. Das Licht der Lampen war warm und schwach, die Wände gelblich. Die Vormieter hatten wahrscheinlich geraucht.
„Lars meinte heute, dass wir spät dran wären mit unserem ersten Kind”, fing Peter an.
„Diese bescheuerte Zehn-Kind-Politik ist mir sowas von egal”, schoss Eva los, „so eine Schwangerschaft mache ich nicht noch einmal, geschweige denn noch neunmal.”
„Das würde ich auch nie von dir verlangen. Wir müssen uns nur bewusst darüber sein, dass wir dann Probleme mit den Behörden bekommen können.”
„Ist mir egal”, erwiderte Eva trocken und ohne noch ein Wort zu verlieren ging sie ins Badezimmer, um sich die Zähne zu putzen. Peter seufzte und schenkte sich ein Glas Wasser ein. Schlafen gehen wollte er noch nicht. In der Ferne hörte er Schüsse. Wie immer.
Kapitel Drei
Peter parkte auf dem letzten freien Parkplatz vor der gigantischen Fabrik. Aus den riesigen, weißen Türmen drang dicker, schwarzer Qualm. Mit seinem Mitarbeiterkärtchen verschaffte er sich Zutritt zum Gebäude und zog in der Umkleide seine blaue Arbeitsuniform an. Dann schaute er auf seinen Dienstplan, wo er heute mit Lars und drei weiteren Kollegen Patronenlager abfräsen sollte. Lars war noch nicht da und Peter vermutete, dass er wohl mit seinem Kater zu kämpfen hatte. Peter begann mit der Arbeit und versank währenddessen in eine Art automatisierte Trance. So lief die Arbeit immer bei ihm ab. Er hatte kein sonderlich großes Bedürfnis, sich mit seinen Kollegen zu unterhalten. Sie waren alle drei dumme, schweinsgesichtige Vollidioten. Sein Job langweilte ihn unfassbar, doch er brachte ihm nun mal Geld ein. Und solange er bei der Waffenproduktion arbeitete, war er außerdem nicht die erste Wahl, wenn es um die Wehrpflicht ging. Er leistete damit bereits seinen Teil für das Militär. Und er hasste es. Als Lars zwei Stunden zu spät zur Schicht erschien, war bereits die Hälfte der Arbeit getan.
„Entschuldigt die Verspätung, Männer, aber heute morgen war bei uns die Hölle los. Mein Ältester hat heute Prüfung im Schießen, und bei seiner Kalaschnikow hat der Abzug geklemmt. Wie sowas überhaupt sein kann, oder? Musste ihm heute morgen damit helfen.”
Die Vollidioten nickten nur träge und senkten die Köpfe erneut zu ihren Fräsern. Lars stellte sich zu Peter.
„Hatte einen massiven Kater heute morgen, das hat noch eine Stunde gekostet” lachte er und Peter zwang sich auch ein Grinsen ab. Peter war nur mit Lars befreundet, weil er sofort mit ihm geredet hatte, als Peter bei der Fabrik angefangen hatte. Alle anderen kamen schlecht gelaunt zur Arbeit und gingen auch schlecht gelaunt wieder heim. Lars war ein sehr enthusiastischer Mensch. Auch in Bezug auf seinem Job, denn er liebte Waffen und liebte es sie zu bauen. Wäre er nicht in der Produktion wäre er sicher Schießlehrer geworden. Auch wenn Peter Lars´ Militarismus nicht leiden konnte, war er doch erträglicher als die meisten anderen.
„Weißt du Peter, mein Jüngster, gerade mal 3 Jahre alt, kann endlich vernünftig die Pistole halten. Ein paar Probeschüsse hat er schon gemacht und die waren auch gar nicht so schlecht. Ein geborener Scharfschütze”, erzählte Lars stolz. Seine Augen leuchteten vor Glück.
„Wenn dein Sohn erst einmal auf der Welt ist, können die beiden bestimmt toll miteinander spielen”, strahlte er. Bei dem Gedanken daran, dass sein Sohn mit Lars´ Kindern in der Gegend rumschießen würde, drehte sich Peter der Magen um. Er nickte anerkennend, damit Lars nicht auf die Idee käme, nach seiner Meinung zu fragen. Er tat es auch nicht, und den Rest ihres Arbeitstages beschallte Lars Peter mit Schlagbolzenschlössern und Spannabzügen. Am frühen Abend war Peters Dienst zu Ende. Nachdem er sich umgezogen hatte, ging er gelangweilt zu seinem Auto. Da bemerkte er, dass einer seiner Reifen platt war. Hinten rechts klaffte ein großes Schussloch. Wütend trat Peter gegen den kaputten Reifen. Er wusste genau, woher das Loch kam. In der Nähe der Fabrik spielte regelmäßig eine Gruppe von Kindern Räuber und Gendarm, nur eben mit scharfen Pistolen. Es war schon das zweite Mal in diesem Monat, dass Peters Reifen zur versehentlichen Zielscheibe wurden. Auch die Autos seiner Kollegen hatten sie schon getroffen, aber denen war das ziemlich egal. Man solle den Kindern doch ihren Spaß lassen. Noch schlechter gelaunt als vorher holte Peter seinen Ersatzreifen aus dem Kofferraum, und so kam er eine Stunde später nach Hause als geplant.
Als Peter vor der Wohnungstür stand und seinen Schlüssel in der Jackentasche suchte, drangen Schreie aus der Wohnung heraus. Peters Herz stockte. Er schloss auf und stürzte ins Schlafzimmer. Dort lag Eva, mit schmerzverzerrtem Gesicht und tränenden Augen.
„Ich denke es sind die Wehen, es hat gerade angefangen. Vier Wochen zu früh! Ruf bitte einen Krankenwagen, ich halte es nicht mehr aus”, brachte Eva heraus. Peter wurde hektisch. Mit zitternden Händen griff er nach seinem Telefon und wählte den Notruf. Die Stimme am Telefon sagte ihm, dass sie etwas länger brauchen könnten, da alle ihre Fahrzeuge im Einsatz waren.
„Meine Frau gebärt ein Kind und sie haben keinen Krankenwagen zur Verfügung, um ihr zu helfen?”, schrie Peter ins Telefon, doch es half nichts. Bis der Krankenwagen kam, saß Peter an Evas Bett und hielt ihre Hand. Ihre Schmerzen wurden heftiger und Peter schien es so, als könne sie jeden Moment ohnmächtig werden. Hilflos saß er neben ihr, und es tat ihm so weh, ihr das Leid nicht abnehmen zu können. Nach zwanzig Minuten kam der Krankenwagen. Sie luden Eva ein, und Peter sollte mit seinem Auto hinterherfahren.
„Ich liebe dich Eva, es wird alles gut, ich bin immer bei dir. Und wenn unser Sohn erst geboren ist, werden wir die glücklichsten Menschen der Welt sein” sagte Peter zum Abschied, bevor sich die Türen des Wagens schlossen. Peter durfte nicht bei der Geburt dabei sein. Es war untypisch, dass ein Mann das überhaupt wollte. Es war ja schließlich absolut nichts Besonderes. Die Ärzte vertrösteten ihn darauf, dass er seinen Sohn ja sofort nach der Geburt sehen durfte. Peter saß in einem kalten, weißen Wartezimmer. Das einzige Geräusch im Raum war ein Surren von der Leuchtstoffröhre an der kahlen Decke. Das Geräusch störte Peter, aber trotzdem hatte er das Gefühl, in drückender Stille zu sitzen. Die Stunden verstrichen, doch die Zeit schien nicht zu vergehen. Endlich, Peter konnte nicht einschätzen nach wie langer Zeit, kam eine Ärztin in das Zimmer. Ihr Blick war emotionslos und kalt.
