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Als Thomas von Deutschland nach Zürich kommt, findet er Arbeit in einem Sicherheitsunternehmen. Bald beginnt er in einem Sonderbereich zu arbeiten, wo die Aufträge anders sind als sonst. Diese finden in einer anderen Welt statt, einer Parallelwelt namens Turicia. In Turicia funktioniert Strom nicht – dafür gibt es Magie. Als sich die Ereignisse in Turicia überstürzen, bleibt Thomas mit seiner Chefin Mirjam und einigen weiteren Kollegen, die nicht alle das sind, was sie zu sein scheinen, in Turicia. Sie alle versuchen zu verstehen, was überhaupt los ist. Wer greift wen an und weshalb? Wer ist Freund? Wer Feind? Bald wird klar, dass die Zukunft von ganz Turicia gefährdet ist. Eine unübliche Erzählung, die festgefahrene Rollenbilder, die gerade bei Fantasy häufig vorkommen, in Frage stellt und auflöst.
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Seitenzahl: 582
Veröffentlichungsjahr: 2015
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BUCH I – STURMWOLKEN ZIEHEN AUF
BUCH II – EIN FERNES GROLLEN
EPILOG
Als ich vor bald zehn Jahren in die Schweiz kam, war es nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Die Schweiz sei ein derart reiches Land, hatte man mir erzählt, dass jeder dort top bezahlte Arbeit bekommen würde. Man müsse praktisch nur vor dem Bahnhof stehenbleiben und schon könne man sich kaum vor Anstellungsangeboten retten. Und so packte ich meine Sachen und fuhr mit dem Nachtzug nach Zürich.
Natürlich kam es ganz anders. Natürlich entsprachen die Geschichten nicht ganz der Realität.
Ich kam kurz vor sechs Uhr morgens an. November. Es nieselte, und als ich auf der Bahnhofstraße stand, eilten alle an mir vorbei, eingemummt in nasse Regenmäntel und ihre Aktenkoffer fest unter den Arm geklemmt. Alle blickten grimmig geradeaus, also ob sie unsichtbare Scheuklappen trugen. Um neun Uhr begann der Menschenstrom langsam nachzulassen. Der Regen nahm hingegen zu, sodass ich bald bis auf die Haut durchnässt war.
Ich hatte zu Hause noch eine Adresse bekommen, bei der ich vorerst unterkommen konnte. Eine ferne Bekannte einer fernen Bekannten meiner Mutter, die früher in den Ferien anscheinend zu uns ins Dorf gekommen war. Ein oder zwei Mal. Meine Mutter hatte sogar bei ihr angerufen und sie freute sich unwahrscheinlich, mich zu sehen – obwohl ich noch nicht einmal geboren war, als diese Person das letzte Mal bei uns gewesen war. Ich studierte den Stadtplan, der in einem großen Schaukasten an der Straßenbahnhaltestelle angebracht war, und fand irgendwann die Einsiedlerstraße. Sie war nicht weit weg, knapp außerhalb des Stadtzentrums. Ich prägte mir die Strecke ein und spazierte los.
Das Haus stand an einer vielbefahrenen Straße und jedes Auto, das vorbeifuhr, zog einen breiten Gischtschleier hinter sich her. Ich war ohnehin durchnässt und mir war allmählich richtig kalt. Das dreckige Straßenwasser lief an mir herunter und bildete eine Pfütze auf dem nassen Gehsteig. Ich las die kleinen Namensschilder bei den Türklingeln. Viele fremdländische Namen. Viele Namen, die mehrfach handschriftlich korrigiert worden waren. Viele Papierfetzen, viele Klebestreifen. Ganz unten der Name, den ich suchte. Ich klingelte. Nichts. Ich klingelte nochmals.
Von drinnen hörte ich eine Stimme: „Ja ja, ich komme schon! Nicht so stürmisch!“
Kleine, zögerliche Schritte näherten sich der Tür.
Die Frau, die die Tür öffnete, war das kleinste Wesen, das ich je gesehen hatte. Ich bin nicht sonderlich groß, 1,80 Meter. Aber diese Frau war wahrscheinlich keinen ganzen Meter groß. Sie schien auch unendlich alt zu sein und stützte sich auf einen Gehstock.
„Nanu? Wer bist ’n du? Was willst ’n?“
Sie blickte mich scharf an. Ihre Augen waren himmelblau und überraschten mich mit ihrer Lebendigkeit. Diese Augen passten irgendwie nicht zu ihr.
„Ich bin der Thomas. Meine Mutter hat vor ein paar Tage mit Ihnen telefoniert…“
„Ach DER bist du? Ja ja. Also, was ist, gefällt’s dir im Regen oder kommste rein?“
Als ich im Korridor stand und eine Wasserpfütze sich um meine Füße ausbreitete, musterte sie mich von Kopf bis Fuß.
„Na, du bis’ aber ’n großer Lulatsch. Und nass wie ’n Fisch. Bist hergeschwommen, oder was?“
Sie drehte sich um und lief langsam zur Treppe.
„Na? Kommst? Es geht nach unten.“
Ich folgte ihr die Treppe hinunter in das Untergeschoss.
„So, da simmer. Aber so kommst mir nicht ins Haus. Zieh die nassen Klamotten aus und geh heiß duschen. Geradeaus, dann links. Ich hol mal ’n Handtuch.“
Ich zog mich bis auf die Unterhose aus und legte meine Kleider auf den Boden neben der Tür. Das Ganze kam mir seltsam vor. Ich war soeben erst angekommen, diese Frau war mir wildfremd. Und bereits jetzt huschte ich in Unterhosen durch ihre Wohnung.
Aber die Dusche war wohltuend. Ich stand lange unter dem heißen Wasser, bis sich das ganze Badezimmer mit Dampf gefüllt hatte. Ich stellte das Wasser ab und zog den Plastikduschvorhang zur Seite – und erschrak so sehr, dass ich fast in der nassen Wanne ausgerutscht wäre. Ich packte den Duschvorhang und riss ihn wieder zu. Dabei fiel die Duschvorhangstange hinunter und ich wickelte mir den nassen Vorhang um den Bauch.
„Na na. Wieso denn so ’ne Panik? Meinst, ich habe noch nie ’nen nackten Mann gesehen? Kind, Kind. Hier ist dein Handtuch. Deine Kleider liegen da aufm Stuhl.“
Sie ging hinaus und schloss die Tür hinter sich.
„Und reparier bitte die Duschvorhangstange!“, hörte ich sie vom Korridor aus rufen, „Lulatsch“.
Ich trocknete mich ab und griff zu den Kleidern, die ich zuvor ausgezogen hatte. Seltsam. Sie waren ganz trocken. Und rochen wie frisch gewaschen. Aber vor weniger als einer Viertelstunde waren sie noch klatschnass und dreckig gewesen. Das war außergewöhnlich.
Sie zeigte mir ein kleines Zimmer gegenüber dem Badezimmer. Ein Bett, ein Schrank, ein Holzstuhl, ein Fenster, das kaum Tageslicht hineinließ – klar, wir waren ja im Untergeschoss.
„Also“, begann sie. „Regeln. Man muss Regeln haben, nicht? Kein Rauchen. Kein Alkohol. Keine Waffen. Du kannst kommen und gehen, wie du willst. Besuch ist mir völlig egal. Kannst machen, was und wie du willst. Du kannst die Küche benutzen. Ich koche nicht.
Kannst selbst machen. Das oberste Regal im Kühlschrank kannst haben. Du kannst in der Wohnung überall hin, außer in mein Zimmer. Das ist privat. Im Wohnzimmer stehen meine Sammelobjekte. Fass nichts an. Verstanden? Deine großen Lulatschhände machen sonst dort alles kaputt. Und such dir ’ne Arbeit.“
Und dann war sie weg.
Die Küche fand ich schnell, das Wohnzimmer auch. Drinnen roch es nach Staub und alter Frau. Jede verfügbare Fläche war mit Objekten gefüllt. Nein, überfüllt. Keramikhunde, Tassen, Zierteller, Fantasiefiguren von Elfen, Keramikfrösche. Kitsch, Kitsch und noch mehr Kitsch. In einem – vermutlich verschlossenen – Glaskasten lagen einige andere Objekte: Eine flache, brüchige Ledertasche, wie eine Kartentasche; ein Holzrohr, mit Schnur zugebunden; ein langes Messer mit lederüberzogenem Griff; ein Holzstab, etwas länger als ein Bleistift; eine Kugel, aus Ästen und Blättern gefertigt; ein Kelch aus Holz. Alles sah antik aus, wirkte abgenutzt und müde. So, das war also ihre „Sammlung“? Na ja, Museen waren noch nie mein Ding gewesen.
Ich ging zurück in mein Zimmer. Ich hatte keinen Hunger, war aber todmüde und schlief bald ein.
Am nächsten Tag wollte ich eine Arbeit suchen. Ich spazierte zurück zum Hauptbahnhof und kaufte eine Zeitung mit Stelleninseraten. Im Bahnhofsrestaurant begann ich, darin zu blättern, während ich einen unbeschreiblich schlechten und unrealistisch teuren Kaffee trank. Wo anfangen? Ich wollte nicht mehr in meinem Beruf arbeiten. Automechaniker war einfach nicht der Beruf, den ich den Rest meines Lebens ausüben wollte.
Eine halbe Stunde später hatte ich die komplette Zeitung durchgeblättert. Ich erfüllte für keine einzige Stelle die Voraussetzungen. Außer die für Reinigungsinstitute und Telefonsexanbieter. Die suchten anscheinend auch Männer. Nicht so wirklich meine Welt. War das in der Tat so, dass man hier einen Doktortitel haben musste, nur um in einem Büro zu arbeiten?
Ich ging entmutigt zurück. Die Frau hatte mir einen Hausschlüssel gegeben. Sie schien nicht zu Hause zu sein. An meiner Zimmertür hing ein gelbes Zettelchen mit krakeliger Handschrift darauf: „Ruf an. Telefon im Wohnzimmer. Fass dort nichts an!“, und eine Telefonnummer. Was hatte ich zu verlieren? Es dauerte einen Moment, bis ich das Telefon im Wohnzimmer endlich fand. Es war ein altmodisches Gerät mit Wählscheibe und hatte einen Stoffüberzug. Dunkelgrün, mit Glasperlen daran. Ich wählte die Nummer, die auf dem Zettel stand, und war überrascht, mit einer Sicherheitsfirma verbunden zu sein.
„Ja bitte?“, fragte die Dame am Telefon.
„Ja, ähm… schönen guten Tag. Ich sollte diese Nummer anrufen.“ Ich nannte meinen Namen und den Namen meiner neuen Vermieterin.
„Ach so. Ja, einen Augenblick bitte. Ich verbinde Sie.“
Nervige Musik klimperte durch die Leitung. Plötzlich ein Klick, die Musik war weg und ich hörte eine tiefe Männerstimme.
„Ja?“ Ich stellte mich erneut vor. Der Mann seufzte. „Na gut. Wann können Sie hier sein? Mal sehen, was Sie können. Alles Weitere hier. Geht es bei Ihnen heute um zwei?“
Er sagte mir die Adresse und ich stimmte zu. Ich hatte noch Zeit.
Die Firma lag näher, als ich erwartet hatte, keine zweihundert Meter entfernt. Ein Bürohaus, ein Bau aus den Siebzigern, wahrscheinlich. Viel Glas, viel Braun und Orange. Die Dame am Empfang telefonierte gerade und winkte mich Richtung Sessel.
„Ja, ich verstehe Sie, Herr Mangold. Aber ich darf und werde Ihnen keine privaten Telefonnummern unserer Mitarbeiter geben. Das sind nun einmal unsere Richtlinien.“
Sie schwieg kurz.
„Selbstverständlich können Sie mit meinem Vorgesetzten reden. Ich verbinde.“
Sie tippte eine Nummer ein und legte auf.
„Guten Tag. Entschuldige, manche Kunden haben kein Verständnis dafür, dass wir auch außerhalb des Dienstes ein Leben haben.“
Sie war jung, hatte einen blonden Zopf und trug eine Uniform. Schwarz, ein Overall. Auf der Schulter ein Logo mit einem geflügelten roten Degen. Das gleiche Symbol hatte ich draußen auf der Gebäudefassade gesehen. Sie stand auf und stellte sich vor.
„Mirjam. Hi.“
„Ähm. Thomas. Grüß dich.“
Ja, sie trug einen Overall mit einem breiten, steifen Stoffgürtel. Am Gürtel verschiedene Taschen, eine kleine Stablampe und eine lange Kette.
„Ich mache dir die Tür auf. Geh voraus und nimm den Lift in den siebten Stock. Du wirst dort abgeholt. Ich melde dich an.“
Sie lief um den Tresen und öffnete mit einer Magnetkarte eine Tür. Kampfstiefel trug sie auch noch. Seit meinem Dienst bei der Bundeswehr stand ich nicht wirklich auf Uniformen, aber an ihr sah das richtig gut aus. Ich ging zum Aufzug.
Im siebten Stock war niemand. Ein Treppenhaus. Holztreppe. Links und rechts Sicherheitsschleusen. Klick. Eine Schleuse öffnete sich und ein Mann mit langem Bart und Brille streckte mir seine Hand entgegen. Er war einen Kopf größer als ich und kräftig gebaut. Wirklich kräftig. Nicht dick.
„Willkommen. Komm mit.“
Die Kraft seines Händedrucks brach mir fast das Handgelenk. Ich fühlte mich so, als ob er mich an der Hand hinter sich herschleppen wollte. Ich stolperte ihm einige Schritte hinterher. Endlich ließ er meine zerknitterte Hand los.
„So, da wären wir. Nimm Platz.“ Ich setzte mich und wartete ab. „Du willst also bei uns arbeiten, ja?“
„Ähm, ich weiß es nicht. Was tut ihr hier genau? Es geht mir alles etwas schnell.“
Er lachte.
„Gut, gut. Also schön der Reihe nach. Wir sind ein Sicherheitsunternehmen. Nicht das größte in der Schweiz, aber wir haben doch eine spürbare Präsenz. Was wir genau tun? Wir setzen uns für Sicherheit, Ruhe und Ordnung ein. Wir sind keine Polizei. Wir agieren aber häufig in Bereichen, wo die Polizei nie hingeht. Dort sind wir faktisch die einzige Ordnungskraft. Wir beschäftigen hier in Zürich etwa zweihundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Einige sind Spezialisten, die meisten aber Generalisten. Wir erfüllen sehr verschiedene Aufträge. Wenn du zu uns willst, gibt es eine kleine Aufnahmeprüfung. Nichts Dramatisches – eher eine Formalität. Die Hintergrundüberprüfung haben wir bereits eingeholt. Sie enthält bei dir nichts Schlimmes. Du wirst laufend aus- und weitergebildet. Und langweilig wird es bei uns garantiert – und ich betone das ‚garantiert’ – nicht. Ach ja, und wir bezahlen nicht schlecht.“
„Aber was für Aufgaben nehmt ihr konkret wahr? Worauf lasse ich mich da ein? Kannst du da nicht konkreter werden?“
„Wir sprechen uns prinzipiell mit Vornamen an. Ich bin Olav. Du willst es konkret? Sicherheitsrelevante Sachen: Wir transportieren Wertgegenstände, schützen Personen und Objekte, kontrollieren den Zutritt zu geschlossenen Veranstaltungen, verhindern Diebstähle, sorgen rundum für Sicherheit.“
Ich lehnte mich zurück. Als Wächter hätte ich auch zu Hause arbeiten können, dafür hätte ich nicht in die Schweiz kommen müssen. Olav streckte mir ein Formular entgegen. Darauf stand der Monatslohn – es war mehr als das Doppelte von dem, was ich als Automechaniker in der Heimat hätte verdienen können. Wachmann? Andererseits hätte ich auch in dem Beruf zu Hause sicher nicht annähernd so gut verdient wie hier.
„Also gut. Versuchen wir es. Ich bin vorerst dabei.“
„Gut, gut – wusste ich.“
Er holte mit einem riesigen Arm aus und schlug mir herzhaft zwischen die Schulterblätter. Ich konnte knapp verhindern, dass meine Stirn auf der Tischplatte aufschlug, so stark war die Wucht. „’tschuldigung. Geht’s?“
Ich hustete. „Danke. Ich lebe noch.“
„Gut. Also. Die Aufnahmeprüfung…“
Er stand auf, ging zu einem Schrank und holte ein mehrseitiges Formular hervor.
„Bitte Namen hier oben rechts. Dann hier das heutige Datum. Die meisten Fragen sind ‚Multiple Choice’. Kreuzchen setzen. Am Ende sind einige Fragen offen formuliert. Falls du mehr Platz brauchst, benutz die Rückseite des Blattes. Du hast eine halbe Stunde Zeit. Ich hole für uns inzwischen einen Kaffee. Hast du noch Fragen?“
Ich schüttelte den Kopf und beugte mich über das Formular. Olav verschwand, ließ die Tür aber offen. Ich hatte nicht allzu viele Prüfungen in meinem Leben abgelegt, aber genug, um zu merken, dass diese Prüfung etwas seltsam war. Ich wollte die Fragen zuerst alle durchlesen und sie erst anschließend beantworten. Aber als ich das Formular wieder umdrehte, waren andere Fragen darauf. Und jedes Mal, wenn ich eine frühere Frage wieder lesen wollte, hatte sich die Reihenfolge der Fragen geändert. Ich klappte das Formular zu und riss es wieder auf. Ich konnte einen Bruchteil einer Sekunde lang regelrecht sehen, wie die Fragen in eine neue Position eilten. Dann war Ruhe, als ob nichts Außergewöhnliches geschehen wäre. Da wollte mir wohl jemand einen Streich spielen, oder? Ich nahm den Kugelschreiber und begann, das Formular auszufüllen. Das Papier gab seltsam nach beim Schreiben, als ob es aus weichem Leder war. Der Kugelschreiber sank ein wenig ein und es war schwierig, leserlich zu schreiben. Als ich die Antwort zur ersten Frage ankreuzen wollte, zuckte das ganze Blatt, so wie die Haut bei einem Pferd zusammenzuckt, wenn es irritiert ist. Der Kugelschreiber flog davon und rollte unter den Heizkörper. Ich kramte ihn wieder hervor und wollte die erste Frage ankreuzen – dort stand aber nun eine ganz andere Frage. „Nee, oder?“, rief ich. „Sofort wieder zurück. Das ist nicht die erste Frage. Willst du mich für dumm verkaufen? Zurück!“
Das Blatt zitterte ein wenig. Dann begann die Druckschrift, langsam hin und her zu wogen. Plötzlich, wie eine lautlose Explosion, rannten die einzelnen Buchstaben auf der Seite umher und krochen blitzschnell über den Blattrand auf die nächste Seite. Andere Buchstaben krabbelten von hinten auf die vorderste Seite. Es war irgendwie faszinierend, vor allem aber zutiefst beunruhigend. Ich fühlte mich allmählich seekrank. Die Seite kam zur Ruhe. Aha. Da war wieder meine Frage eins. Ich kreuzte die Antwort an. Das Blatt erschauderte, es blieb aber ruhig liegen.
„Okay. Ich fülle jetzt das Ganze aus, ja? Mach keinen Blödsinn und ich schreibe schön vorsichtig. Machst du Quatsch wie vorhin, muss ich mit dem spitzen Bleistift weiterarbeiten, verstehen wir uns?“
Das Blatt wurde ganz ruhig.
„Na also. Es geht doch.“
Einige der Fragen waren inhaltlich seltsam. Ich erinnere mich nicht mehr an alle, aber eine war dabei, die verlangte, die Lieblingsgewürze zu nennen. Eine andere verlangte, dass ich die Gerüche verschiedener Farben beschreiben sollte. Die letzte Frage war, ob ich an Märchen glaube.
Schritte im Korridor. Olav kam wieder zurück und hielt zwei Kaffeebecher in der Hand.
„Wie kommst du voran?“
„Ganz gut. Ich bin fertig.“
Er blickte leicht überrascht auf das Formular, das ganz brav und ruhig auf dem Tisch lag.
„Sehr gut. Zeig mal her.“
Er durchblätterte das Formular schnell, ohne meine Antworten zu lesen, und lächelte breit.
„Na dann – Aufnahmeprüfung bestanden. Glückwunsch. Trink deinen Kaffee, bevor er kalt wird.“
„Aber – willst du meine Antworten nicht lesen?“
„Ach nö, die sind eher als Referenz für später gedacht. Werden irgendwo erfasst. Bist du nun soweit? Wollen wir weitermachen?“ „Klar.“
Ich nahm einen Schluck Kaffee. Musste innehalten. Roch am Becher. Unglaublich. Das war der beste Kaffee, den ich je probiert hatte. Ich war kein Kaffee-Experte, trank ihn meist, ohne nachzudenken. Diesen Kaffee aber, den musste man bewusst trinken. Genießen.
„Wow – das ist aber ein Kaffee.“
„Ja, nicht? Ist eine spezielle Bohnensorte. Wird von einer Mitarbeiterin importiert. Ist… sehr selten hier.“
„Woher kommt der Kaffee denn?“
Olav ignorierte die Frage. Er hatte seine Augen geschlossen und schnupperte an seinem Kaffee. Er nahm einen langen Schluck, schnupperte wieder am Becher und stellte ihn hin.
„So, nun machen wir eine Hausbesichtigung. Bist du fertig?“
Ich trank den Becher aus und fühlte die Wärme in meinem Bauch. Ich hatte keinen bitteren Nachgeschmack im Mund, nur ein warmes Glühen, wie ein Sonnenstrahl auf meinem Gesicht. Ich bemerkte, dass ich wie ein Idiot lächelte.
„Ja, ich weiß, das ist ein spezieller Kaffee“, lächelte auch Olav. „Nun komm mit.“
Die Führung durch die Firma ist mir nur vage in Erinnerung geblieben. Ein großer Raum, der Wachraum, war gefüllt mit Leuten, alle uniformiert, die intensiv miteinander ins Gespräch vertieft waren. Ein anderer Raum, die Zentrale, war von einem großen halbkreisförmigen Tisch dominiert, auf dem lauter Telefone und Computerbildschirme aufgereiht waren. Ein uniformierter Mann, der mich auf unerklärliche Weise an ein Eichhörnchen erinnerte, hüpfte von einem Gerät zum nächsten, nahm das Telefon ab, notierte etwas, bedankte sich und huschte bereits zum nächsten Telefon. Er lächelte mir kurz zu, winkte und war schon wieder in seine Arbeitsplatzwelt abgetaucht. Meine Füße taten weh. Es schien mir, dass wir Stunden unterwegs gewesen waren. Olav hatte mich etwas gefragt.
„Entschuldigung – war gerade mit den Gedanken anderswo. Wie bitte?“
„Ich fragte: Was denkst du? Bist du dabei? Wenn ja, müsstest du den Vertrag unterschreiben.“
Vor mir lag ein kleiner Stapel eng bedruckter Blätter. Ich betrachtete ihn misstrauisch und blätterte die Seiten vorsichtig um.
Olav lachte.
„Es ist ganz gewöhnliches Papier. Lies es ruhig durch.“
Ich seufzte und begann mit dem Lesen. Irgendwann verschwammen die Sätze ineinander. Nicht tatsächlich, sondern nur, weil ich müde war. Ich klappte die Blätter um und unterschrieb auf der letzten Seite. Als ich Olav den Papierstapel zurückgeben wollte, las ich noch den letzten Satz des Vertrages, den ich soeben unterschrieben hatte:
23.1. Der Unterzeichnende bzw. die Unterzeichnende verzichtet auf jedwelche Forderungen dem Arbeitgeber gegenüber für nicht medizinisch anerkannte Erkrankungen mit mythologischer bzw. okkulter Ursache. Die Folgen von Vampirismus, Lykanthropie und ähnlichen Wandlungserkrankungen werden hingegen, je nach Tätigkeitsgebiet, mit einem Spezialistenbonus (gemäß Tabelle 12.4.i.) entschädigt.
„Olav, was heißt das?“
Ich zeigte auf die Stelle. Er blickte mich hilflos an.
„Kannst du mir den Text vorlesen? Ich… ähm… Lesen ist nicht so mein Ding.“
Ich zögerte kurz und las ihm die Passage vor.
„Ach so. Ähm… na ja, man kann nicht vorsichtig genug sein. Ist eine Schutzklausel. Mach dir keine Gedanken darüber. Ist sowieso nur für spezielle Dienste relevant.“
Ich war zu müde, um lange darüber zu diskutieren.
Olav brachte mich in einen Raum, wo ich mit zwei Sätzen Uniform ausgestattet wurde. Zum schwarzen Overall kam noch eine flache, schwarze Fladenmütze, die Olav „Béret“ nannte, mit dem Symbol des rotgeflügelten Degens. Ich bekam alles in eine große Tasche gepackt, die aussah wie ein schwarzer Seesack, und schon stand ich vor dem Haus auf dem Gehsteig. Olav schien glücklich.
„Also dann. Morgen um neun. Dann beginnen wir mit der Einführung. In Uniform, ja?“
Ich nickte, bedankte mich und kurze Zeit später saß ich auf meinem Bett und fragte mich, worauf ich mich da eigentlich eingelassen hatte.
Seltsamerweise fühlte sich die neue Uniform am nächsten Tag nicht so fremd an, wie ich es erwartet hatte. Ich fand Uniformen irgendwie albern und hatte mich seit gestern nicht unbedingt auf den Moment gefreut, in dem ich das schwarze Teil überstreifen müsste. Mit Béret, Gürtel und schwarzem Overall sah ich zwar ein bisschen aus wie der Handlanger eines Bösewichts in einem zweitklassigen Science-Fiction-Film, aber sooo schlecht war das Teil gar nicht. Ich könnte mich vielleicht daran gewöhnen. Vielleicht. Es war Viertel vor neun. Ich musste los. Am ersten Tag zu spät zu kommen wäre nicht unbedingt ideal. Ich riss die Tür meines Zimmers auf und wollte hinausstürmen. Da fiel mir meine Vermieterin fast ins Zimmer hinein.
„Guten Morgen. Was soll das? Spionieren Sie durchs Schlüsselloch?“ Sie schien nicht im Geringsten verlegen.
„Hättest gern, gell, Großer? Schicke Uniform. Is schon Fasnacht?“ Dann war sie schon wieder weg. Ich schüttelte den Kopf und verließ das Haus. Sie schien harmlos zu sein. Exzentrisch wie ein Huhn in einer Klavierfabrik vielleicht, aber harmlos.
Am Empfang saß wieder Mirjam. Sie schien schlecht gelaunt, ihr blondes Haar war ungekämmt und stand zur Seite ab. Sie hatte dunkle Ringe um die Augen und sah aus, als hätte sie zwei Nächte lang nicht geschlafen. Sie war am Telefon.
„Hören Sie mal. Das interessiert mich einen feuchten Scheiß, was Ihre Bekannte Ihnen gesagt hat. Das ist Quatsch. So funktioniert es nicht bei uns. Lebendige Lieferungen müssen als solche deklariert werden, dann werden sie auch entsprechend behandelt.“
Sie sah mich in diesem Moment, rollte mit den Augen und legte den Kopf theatralisch auf die Tischplatte des Empfangs. Ich hörte schwach die Stimme aus dem Telefonhörer. Schrill und schnell schrie sie Mirjam an. Sie klang hysterisch. Ich verstand aber nicht, was sie sagte. Plötzlich schoss Mirjam auf. Ihre Haare standen fast gerade von ihrem Kopf ab. Ihre Stimme wurde tiefer.
Sie brüllte rau ins Telefon: „Wie haben Sie mich genannt, Sie dämliche Kuh? Eine was? Jetzt langt es aber. Sie können sich Ihren scheiß Dackel dorthin schieben, wo die Sonne nicht scheint… Wie kommen Sie auf so was, Sie Kängurufurz?… Was?… Falls Sie wieder unsere Unterstützung benötigen sollten, zögern Sie nicht, ZUR HÖLLE ZU FAHREN!“
Dann knallte sie den Hörer aufs Telefongerät, dass ich dachte, es würde zersplittern. Sie legte den Kopf in die Arme. Ich ging zu ihr und wollte sie fragen, was los war. Als ich näher kam, wäre ich nicht überrascht gewesen, sie schluchzen zu hören. Was ich aber hörte, ganz leise, war unerwartet. Ein Knurren, lang und tief, raubtierhaft. Das entsetzliche Geräusch dauerte immer länger. Mirjam zitterte, und das Geräusch wurde lauter und verstummte dann. Sie riss ihren Kopf hoch und starrte mich wutentbrannt an, als ob sie mich nicht erkennen würde.
„Bist du okay?“, fragte ich.
„Lass mich in Ruhe. Schau mich nicht an. Geh weg.“
Ihre Stimme enthielt noch Reste des Knurrens. Sie klang heiser und wütend. Hinter mir hörte ich eine Stimme. Olav.
„Mirjam. Körbchen. Jetzt.“
Mirjam zeigte ihm ihre Zähne, knurrte kurz und verschwand dann unter dem Tisch des Empfangs.
„Komm mit“, sagte Olav und führte mich ins Wachlokal.
„So so. Dein allererster Tag und schon erlebst du unsere liebe Mirjam in Topform.“
„Was hat sie denn?“, fragte ich.
Olav schwieg. Dann: „Das musst du sie schon selbst fragen. Aber lass sie jetzt in Ruhe. Sie muss abkühlen.“
„Ja, aber sie hat sich wie ein Hund benommen…“
Olav hielt mir einen riesigen Zeigefinger vors Gesicht.
„Kleiner – an Mirjam ist nichts Hündisches. Verstanden? Sie ist ein bisschen anders. Erwähne nie so was ihr gegenüber, verstanden?
Sonst kann ich deine Einzelteile einsammeln und in einem Plastiksack nach Hause schicken.“
Dann schwieg er wieder und schien in Gedanken versunken zu sein. „Sie ist speziell. Respektier sie. Sie ist anders.“
Der Rest des Tages verging wie im Flug. Ich bekam einen Ausbildungsordner mit Unterlagen, die ich nach dem Dienst studieren sollte, und ein kleines Notizbuch, das sehr teuer aussah. Es war in Leder gebunden und sah aus wie eine kleine Bibel. Mein Name stand in goldenen Buchstaben auf dem schmalen Buchrücken. Alle Seiten darin waren leer. Als es endlich Abend wurde, schwirrte mir der Kopf, und ich fand mich in meinem Zimmer wieder, ohne mich daran erinnern zu können, dorthin gelaufen zu sein. Ich zog die Uniform aus, legte sie über den Stuhl und legte mich nackt aufs Bett. Mir war heiß. Plötzlich setzte ich mich wieder auf, nahm eine Socke und stopfte sie in das Schlüsselloch. Als ich anschließend einschlief, hätte ich schwören können, dass ich leise, enttäuschte Fußtritte hören konnte, die auf kleinen Zehenspitzen den Korridor vor meiner Zimmertür entlang trippelten. Ich schüttelte den Kopf und schlief ein.
Die ersten Monate Arbeit bei der Firma waren eine lange Folge von Routineaufgaben. Viele Bewachungsaufgaben, Eintrittskontrollen bei privaten Festen, gelegentlich Lieferdienste – meist Gerichtsdokumente. Nichts enorm Spannendes. Es war gerade abwechslungsreich genug, um nicht langweilig zu sein, aber gleichzeitig nicht so abwechslungsreich, dass es eine Herausforderung gewesen wäre. Langsam gewöhnte ich mich an die Aufträge. Ich sah Mirjam selten. Sie hatte anscheinend keinen Dienst mehr am Empfang und ich erblickte sie nur selten im Gebäude. Zuerst dachte ich, sie wäre weg.
Als ich Olav fragte, sagte er lediglich: „Sie macht andere Dienste. Sie ist noch bei uns. Frag mich nicht mehr. Ich will nicht darüber Auskunft geben.“
Als ich sie doch gelegentlich sah, schien Mirjam jedenfalls immer in Eile zu sein und huschte an mir vorbei, ohne mich zu grüßen. Ich fragte mich, ob ich sie irgendwie beleidigt hatte. Ich beschloss, sie bei Gelegenheit darauf anzusprechen. Alle anderen in der Firma waren entweder nett oder zumindest neutral-höflich. Nur Mirjam schien mir aus dem Weg gehen zu wollen.
Dann kam der Abend, an dem einer meiner Dienste im letzten Moment abgesagt wurde und ich in das Wachlokal wollte, um mir einen Kaffee zu holen. Der Wachraum war leer, bis auf Mirjam, die auf einem Stuhl wippte und geistesabwesend in einem Heft blätterte. Sie blickte kurz auf, dann vertiefte sie sich in einen plötzlich sehr interessant erscheinenden Artikel. Ich holte meinen Kaffee und ging dann zu ihr.
„Mirjam, darf ich kurz mit dir reden?“
„Ist ein freies Land. Was willst du?“
Ich setzte mich und überlegte kurz.
„An meinem ersten Tag, als du am Empfang warst. Ich glaube, da hattest du einen schlechten Tag.“
Sie lachte kurz laut auf. Es klang wie ein Bellen.
„Kann man so sagen. Und?“
„Seit diesem Tag gehst du mir doch aus dem Weg, oder? Habe ich dich irgendwie beleidigt oder verletzt?“
Sie blickte mich erstaunt an. Ihr Stuhl kippte nach vorn, alle vier Beine wieder auf dem Boden. Das Heft lag, Titelblatt nach unten, auf dem Tisch vor ihr.
„Was? Ähm. Nein. Überhaupt nicht. Wie kommst du denn auf so was? Und ich gehe dir gar nicht aus dem Weg. Ich bin doch da, oder? Renne ich dir etwa davon?“
Ich versuchte es nochmals: „Mirjam. Falls ich etwas gesagt oder getan haben sollte, womit ich dich gekränkt habe, möchte ich mich entschuldigen. Das ist alles. Ich will es wiedergutmachen.“
Sie schwieg lange. Dann räusperte sie sich.
„Thomas – du heißt Thomas, oder?“
Ich nickte.
„Thomas. Ich kenne dich kaum. Falls ich dich irgendwann näher und besser kennenlernen sollte, dann reden wir vielleicht darüber. Jetzt ist mir das Thema zu persönlich. Es gibt Sachen, die man besser nicht wissen oder über die man nicht leichtsinnig reden sollte. Danke, dass du nett zu mir bist. Ich gehe dir nicht mehr aus dem Weg. Aber nun lass mich bitte weiterlesen. Wir reden ein anderes Mal, okay?“
Ich prostete ihr mit meinem Kaffeebecher zu. Sie lächelte schief und griff wieder zu ihrem Magazin. Nun konnte ich das Titelblatt lesen. In großen, blutroten Buchstaben stand ganz oben ‚Canis Lupus’. Es schien sich um eine Art Katalog für Hundebedarf zu handeln. Seltsam war aber das große Bild eines Vollmonds, der das Titelblatt dominierte.
Ich sah Mirjam wochenlang nicht mehr. Als ich Olav nach ihr fragte, sagte er mir, sie sei in einem längerfristigen Außeneinsatz. Er schaute mich dabei etwas komisch an, als ob meine Frage nicht ganz anständig gewesen sei. Dann, an einem Abend, saß sie wieder im Wachlokal. Dieses Mal war der Raum zum Bersten voll. Trotzdem saß sie ganz alleine an einem Tisch. Ich holte mir wieder eine Tasse Kaffee und wollte mich zu ihr setzen. Die anderen im Raum wurden still und schienen mich genau zu beobachten. Mirjam zuckte mit den Schultern und deutete mit dem Kopf Richtung Stuhl. Ich setzte mich. Die anderen fingen wieder an zu diskutieren, als ob nichts gewesen wäre. „Wie geht’s? Lang nicht mehr gesehen“, sagte ich etwas verlegen.
„Mmmh. Nicht gerade originell als Gesprächseröffnung, Kleiner.“ Sie lächelte. „Ja, war weg. Aber das ist uninteressant. Du?“
„Das Übliche. Inzwischen. Die Arbeit ist okay, wird nicht schlecht bezahlt und könnte schlimmer sein. Der Kaffee ist immer noch sehr gut und meine Vermieterin spioniert mir nach.“
„Wie das?“
„Na ja – sie klebt am Schlüsselloch meines Zimmers und hat sicher versteckte Überwachungskameras montiert. Sie ist ein bisschen exzentrisch, glaube ich. Aber harmlos. Hoffentlich.“
„Okay. Und was tust du dagegen?“
„Immer ’ne Socke ins Schlüsselloch stopfen und die Badezimmertür zweimal abschließen, bevor ich unter die Dusche gehe.“
Mirjam lachte.
„Eine Stalkerin als Vermieterin? Originell. Ich dachte, das Problem hätten eher wir Frauen. Nett.“
Plötzlich stand Olav hinter mir. Unglaublich, wie leise er sich bewegen konnte, vor allem bei dieser Körpergröße.
„Thomas, komm mit. Mirjam, du auch.“
Er führte uns in ein Sitzungszimmer und lehnte sich gegen den Fensterrahmen.
„Leute, wir haben ein Problem. Istvan hat gekündigt. Fristlos. Er ist bereits weg.“
Mirjam zog scharf die Luft ein und verzog das Gesicht.
Olav fuhr fort: „Und nun brauchen wir Unterstützung. Mirjam, was meinst du? Wäre Thomas geeignet? Aus meiner Sicht hat er bis jetzt gut gearbeitet. Wäre es Zeit für einen Wechsel in deinen Bereich?“ Mirjam schaute mich nachdenklich an, lehnte sich zu mir und beschnupperte meinen Nacken. Es kitzelte, war aber eigentlich gar nicht unangenehm. Etwas seltsam, ja. Unangenehm, nein.
Sie schloss die Augen kurz und antwortete: „Vielleicht, aber er ist ja ganz normal. Ich habe kein Problem damit, aber die anderen? Weiß er überhaupt, worum es geht?“
Olav räusperte sich. „Thomas, bisher hast du dich eher im, sagen wir, alltäglichen Bereich bewegt. Aufträge, die du in jeder Sicherheitsfirma so hättest bekommen können. Wir haben aber einen Spezialbereich, für den nur wir die notwendigen Kompetenzen und das Personal haben. Sonst hat das niemand. Mirjam arbeitet in diesem Bereich. Ich auch, wenn ich nicht im Büro bin. Es ist dir vielleicht aufgefallen, dass Mirjam manchmal etwas, ähm… außergewöhnlich sein kann. Das hat mit den Aufträgen zu tun. Und mit ihrem Hintergrund. Falls du bei uns voll einsteigen möchtest, bekämst du eine satte Lohnaufbesserung, müsstest aber absolutes Stillschweigen über deine Arbeit bewahren.“
Er schwieg. Es kam mir so vor, als würden Olav und Mirjam von mir erwarten, dass ich in Panik ausbrechen oder mich zumindest aufregen würde. Aber ich fühlte mich innerlich ganz ruhig. So musste man sich fühlen, wenn man bei einem Fallschirmsprung das Flugzeug hinter sich gelassen hatte und sich im freien Fall befand. Es war zu spät, jetzt noch aussteigen zu wollen, egal, worum es ging.
„Wieso nicht? Was macht ihr? Sind das risikoreiche Aufträge, oder was?“
Olav und Mirjam schauten sich kurz an, dann antwortete Mirjam: „Es sind auch Sicherheitsaufgaben. Risikoreich? Je nachdem. Manchmal. Aber wir gehen keine vermeidbaren Risiken bewusst ein. Was wirklich anders ist, ist der Ort, an dem wir unsere Aufträge ausführen.
Und unsere Kunden sind… anders.“
Olav nickte. „Manche Aufträge dauern länger, und du würdest viel reisen. Kannst du reiten?“
Ich war als Kind viel geritten. Unser Nachbar hatte einen Bauernhof, und wir Kinder durften dort auf seinen zwei Ponys ausreiten. Ich nickte. „Als Kind bin ich viel auf Ponys geritten. Aber schon lange nicht mehr.“
Mirjam verschluckte sich und hustete.
„Auf ’nem Pony? Okay. Hat vier Beine und ein vorderes und ein hinteres Ende. Ist ’n Anfang. Aber ob das dir weiterhilft…“
Olav schüttelte den Kopf.
„Miri, du musst es wissen. Aber gib ihm doch ’ne Chance. Ich hätte ihn nicht vorgeschlagen, wenn ich nicht das Gefühl hätte, er wäre geeignet.“
Mirjam lächelte. „Ist ja gut, ich wollte es ihm nur nicht allzu leicht machen. Er ist dabei. Aber zuerst soll er Bela kennenlernen und ein paar Aufträge mit ihm machen. Mal sehen, wie er sich schlägt.“
Und so einfach war ich dabei.
So einfach wurde mein Leben auf den Kopf gestellt.
Bela war ein älterer Herr, klein, mit einer riesigen Glatze. Er trug eine altmodische, halbmondförmige Brille und keine Uniform. Er hatte einen weichen Händedruck und außergewöhnlich lange und spitz zulaufende Fingernägel, die etwas Krallenartiges an sich hatten. Er betrachtete mich durch fast geschlossene Augenlider. Irgendwie erinnerte er mich an ein Reptil. Eine Schlange oder eine Echse. Ich erwartete jeden Moment, dass er eine zweizackige Zunge ausfahren würde. Er tat es aber nicht. Seine Stimme war leise und sanft.
„So, du kommst also zu Bela in die Lehre, ja?“
Sein Akzent war undefinierbar. Er hatte etwas Osteuropäisches an sich, aber er schien auch einen leichten Sprachfehler zu haben, sodass er lispelte.
„Was hältst du von Mirjam? Und Olav?“, fragte er mich direkt.
„Ich… ähm. Sie sind ganz nett. Aber ich kenne sie noch nicht gut. Wieso?“
„Es kommt selten vor, dass einer deiner Art mit ihnen gut umgeht.
Es schwingen da viele Vorurteile und… hmmm… Geschichten mit.“ Ich schwieg.
„Ja, Geschichten. Viele haben einen wahren Kern. Man sollte auf Geschichten hören, ja?“
„Ja. Ich mag Geschichten.“
„Aber nicht alle Geschichten sind zum mögen da, hörst du? Es gibt auch Geschichten, die Angst machen sollen, und solche, die die Zuhörer manipulieren. Nicht alle Geschichten sind gut. Merk dir das.“ „Das stimmt. Ich merke mir das.“
Bela schien zufrieden.
„Ein guter Junge. Ich denke, wir werden uns gut verstehen. Du hörst zu und widersprichst nicht ständig. Das ist gut.“
Er schwieg, dann streckte er sich.
„Na, wollen wir zu unserem ersten Auftrag? Eine einfache Sache. Die Kunden sind in den Ferien. Wir sollen die Pflanzen gießen, Tiere füttern. So was. Okay?“
Ich nickte, dachte mir aber schon, dass dieser Auftrag wesentlich langweiliger sein würde als diejenigen, die ich bisher gemacht hatte. Meine Einschätzung hätte aber falscher nicht sein können.
Wir fuhren in einem alten Mercedes los. Bela hatte einen kleinen Rucksack in den Kofferraum gelegt, und nun lenkte er das schwere Fahrzeug Richtung Stadtgrenze. Als sich die Straße durch einen Wald einen Steilhang hinaufwand, hielt er rechts an, mitten in einer Kurve. „Halt dich fest und mach am besten die Augen zu.“
Er schaute die Straße hinauf und hinunter, als ob er sichergehen wollte, dass kein anderes Auto in Sichtweite war. Dann legte er den Rückwärtsgang ein und gab Vollgas. Die Reifen quietschten und der Mercedes schoss nach hinten und von der Straße in den Wald. Ich machte die Augen zu, hielt mich fest und stemmte die Füße gegen den Boden. Es holperte, als das Auto in den Wald hineingeschleudert wurde. Ich schlug mir den Kopf seitlich an und biss mir in die Zunge. Ich schmeckte Blut im Mund. Plötzlich standen wir still.
„Junge, lebst du noch? Du kannst die Augen aufmachen. Nix schlafen. Wir haben Arbeit.“
Das Auto stand am Rande einer Wiese. Die Sonne schien und die Wiese war voller Blumen in allen erdenklichen Farben. Die Szene erinnerte mich irgendwie an die Eröffnungssequenz eines Disney- Films. Alles sah surreal und sehr kitschig aus. Mitten auf der Wiese stand ein kleines Häuschen mit Strohdach. Hinter dem Haus stand ein überdimensionierter Stall. Bela stieg aus dem Auto aus, ging zum Kofferraum und holte den kleinen Rucksack.
Er streckte ihn mir entgegen: „Trag das mal, bitte.“
Der Rucksack war erstaunlich schwer und hatte eine unangenehm weiche Konsistenz, als ob er mit weicher Erde oder Pudding gefüllt war.
„Zuerst die Pflanzen. Die sind im Haus. Hier ist der Schlüssel.“
Er reichte mir den Schlüssel und beobachtete mich genau aus den Augenwinkeln. Ich fragte mich, was das sollte, und nahm mir vor, mich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen.
„Also – zuerst eine Außenkontrolle? Dann rein, ja?“
Bela zuckte mit den Schultern.
„Wenn du willst, Junge. Ich warte hier auf dich.“
Er setzte sich auf eine Holzbank vor dem Haus und schien einzunicken. Das kleine Häuschen wirkte wie eine Filmkulisse, alles schien irgendwie übertrieben. Die Fensterrahmen waren geschwungen und außergewöhnlich breit. Die Fensterscheiben glänzten viel zu stark.
Am Strohdach war jeder Strohhalm an seinem Platz. Als ich das Dach genauer betrachtete, fiel mir auf, dass es irgendwie unecht wirkte. Wie eine Plastikfläche, die ein Strohmuster eingestanzt bekommen hatte, damit sie von weitem wie Stroh aussieht. Ich klopfte an die untere Kante des Dachs. Es hörte sich hohl an. So klang kein Stroh. Etwas war an diesem idyllischen Häuschen wirklich seltsam.
Als ich wieder zum Eingang kam, schien Bela zu schlafen.
„Bela?“
„Hmm?“
Er öffnete die Augen nicht, hob aber die Augenbrauen.
„Was ist eigentlich mit diesem Haus? Es wirkt wie aus einem Film. Das Dach ist kein Stroh, und alles glänzt, als ob es hier keinen Staub gäbe.“
Bela lächelte.
„Dir ist aufgefallen, dass hier nicht alles so ist, wie es scheint, ja? Guter Junge. Das ist wichtig. Gehen wir jetzt hinein.“
Ich schloss die Tür auf und ging in die kleine Eingangshalle hinein. „Geradeaus und dann nach rechts in den Wintergarten, Junge.“
Als ich vom Korridor nach rechts abbog, stockte mir der Atem.
Es war ein Wintergarten, ja. Aber was für ein Wintergarten! Obwohl das Häuschen von außen klein wirkte, war dieser Raum etwa zweihundert Meter lang. Und ganz abgesehen davon, dass so ein Raum unmöglich in ein solches Häuschen hineingepasst hätte, war die Höhe das, was wirklich unglaublich war. Zuerst dachte ich, der Raum sei nach oben offen – blauer Himmel, kleine Schäfchenwolken drifteten umher. Dann sah ich aber zwischen den Wölkchen das Glasdach. Vielleicht eintausend Meter weit oben, vielleicht mehr. Das war vollkommen unmöglich. Links und rechts, in Reih und Glied wuchsen auf enormen Blumenbeeten riesige gewundene Pflanzen. Ihr Umfang war in Bodennähe sicher zwei bis drei Meter. Bela beobachtete mich amüsiert.
„Na, Junge? Was ist? Noch nie ein Gewächshaus gesehen?“
„Was sind das für Pflanzen?“
„Junge, liest du nicht? Das sind Bohnenranken. Schau mal, dort oben siehst du die Hülsen.“
Ich ging zu einer Bohnenranke und legte die Hand auf den grünen Stamm. Er war warm und machte kleine, kaum spürbare rhythmische Bewegungen, fast als hätte er einen Puls.
„Bela, das ist unmöglich.“
Bela betrachtete mich einen Augenblick lang und antwortete kühl: „Kann schon sein, Junge, aber gießen müssen wir sie trotzdem.“
Er öffnete den Deckel einer verwitterten Gerätekiste rechts neben dem Eingang zum Gewächshaus und hielt mir eine Gießkanne entgegen. Eine Spielzeuggießkanne. Aus hellgrünem Plastik mit einem Blümchenaufkleber darauf, der sich zur Hälfte bereits abgelöst hatte. Sie bot höchstens Platz für etwa einen Liter Wasser. Wahrscheinlich sogar weniger.
„Bela, ich bin kein Gärtner, aber diese Ranken brauchen sicher viel Wasser. Mit diesem… Ding bin ich jahrelang am Gießen. Falls das so eine Art Prüfung sein soll: ha ha ha.“
Bela zeigte auf einen Brunnen mitten im Raum und antwortete schlicht: „Geh die Kanne füllen. Stell nicht immer alles infrage. Das ist ein Zeichen von Dummheit.“
Als ich am Brunnen ankam, sah ich, dass er zur Hälfte mit klarem Wasser gefüllt war. Aus einem kleinen Rohr rann frisches Wasser in das Becken hinein. Ich kam mir albern vor, als ich das Gießkännchen unter das Rinnsal hielt. Es füllte sich unendlich langsam. Ich blickte zu Bela hinüber. Der hatte sich wieder gesetzt und schien in der Sonne zu dösen. Als die Kanne nach gefühlten Stunden voll war, trug ich sie zur nächsten Bohnenranke und wollte die Erde benetzen. „Geh ein bisschen zurück, sonst bekommst du nasse Füße, Junge. Langsam gießen“, hörte ich Bela gelangweilt murmeln. Seltsam. Er saß fast einhundert Meter von mir entfernt. Ich hörte ihn aber so deutlich, als stünde er direkt neben mir. Wenn ich nun auch noch tröpfchenweise gießen sollte, wäre ich definitiv pensioniert, bis die erste Ranke genug Wasser hätte. Und die anderen wären längst verdorrt. Ich kippte das Gießkännchen komplett um – und das war definitiv ein Fehler.
Ich war als Kind nicht schlecht im Schwimmen. Ein richtig guter Schwimmer war ich aber nie gewesen. Einmal, in den Ferien, war ich in einem Bergflüsschen mit einem Ferienfreund schwimmen. Ich war vielleicht zwölf Jahre alt. Idyllisch war das Ganze gewesen. Wir haben uns im Wasser treiben lassen und die Wasseroberfläche war glasklar, ruhig und kühl. Wunderschön nach der heißen Sommersonne. Das Wasser beruhigte meinen gerade beginnenden Sonnenbrand. Wir ließen uns also treiben, auf dem Rücken, die kleinen Wolken am Himmel betrachtend. Zuerst spürte ich es nicht, und als ich es merkte, war es bereits zu spät. Ich trieb alleine im Wasser. Mein Ferienfreund (ich weiß gar nicht mehr, wie er hieß) stand am Ufer, weit hinter mir, und rief meinen Namen, so laut er nur konnte, und dabei wedelte er hektisch mit den Armen. Ich hatte ihn nicht gehört, weil meine Ohren unter Wasser gewesen waren. Ich versuchte, zu ihm zu schwimmen, kam aber nicht voran. Etwas zog mich immer wieder nach hinten weg. Ich war in eine Strömung geraten. Plötzlich spürte ich den Flussgrund, hatte einen Stein unter einem Fuß. Ich versuchte aufzustehen, aber die Strömung war inzwischen so stark geworden, dass sie mich von den Füßen riss und über den Rand eines kleinen Wasserfalls spülte. Überall Wasser um mich herum, ohrenbetäubendes Getöse. Ich wurde durchgeschüttelt und wusste nicht, wo oben und wo unten war. Ich konnte die Luft nicht mehr anhalten und sah bereits Punkte vor den Augen. Der Wasserdruck tat mir in den Ohren weh. Gerade als alles um mich herum schwarz zu werden drohte, fühlte ich Kies unter den Händen. Mit letzter Kraft zog ich mich auf einen kleinen Strand am Fuße des Wasserfalls und hustete mir die Seele aus dem Leib. Ich hörte Stimmen, weit weg – meine Eltern. Ich wurde geschüttelt, aufgerichtet, driftete davon und verlor das Bewusstsein.
Das Gefühl, das mich jetzt überkam, war dasselbe wie damals. Die Wassermassen hatten mich in ihrer Gewalt und ich konnte mich nicht wehren. Wieder das Getöse, wieder der Wasserdruck. Von allen Seiten packte mich die Strömung und riss meine Arme hoch, versuchte, mir die Beine zu verdrehen, versetzte mir Hiebe in den Bauch und in den Rücken. Wieder spürte ich, wie ich langsam das Bewusstsein verlor. Alles lief in Zeitlupe ab. Ich konnte vollkommen klar denken und war überzeugt, nun zu sterben. Scheiße.
Eigentlich fand ich es gar nicht so schlimm. Nicht, dass es mir wirklich egal gewesen wäre, aber eine gewisse Resignation war über mich gekommen. Wenn meine Zeit jetzt gekommen wäre, dann wäre das eben so. Es gab doch ohnehin keinen richtigen Zeitpunkt zum Sterben. Dieser war also genauso schlecht wie jeder andere.
Eine besonders starke Strömung hatte mich gepackt und riss mich nach hinten. Nein, nach oben. Die Wassermassen verschwanden auf einmal und Bela ließ meinen Gürtel los, sodass ich wie ein erschöpfter Fisch auf den nassen Steinboden plumpste. Ich hustete und erbrach Wasser, einmal, zweimal.
„Junge! Bist du taub? Was hatte ich dir denn gesagt? Langsam gießen, nicht? Bist selbst schuld. Nun reiß dich mal zusammen. Du bist nicht hier, um auf dem Boden herumzuliegen.“
Er hielt das Spielzeuggießkännchen zwischen Daumen und Zeigefinger und streckte es mir entgegen. Zitternd stützte ich mich auf einen Ellenbogen und nahm es ihm vorsichtig ab. Es war immer noch halbvoll.
„Was…?“, wollte ich fragen, aber Bela unterbrach mich. „Augen und Ohren offenhalten. Zuhören. Gut zuhören. Nicht immer so viele Fragen stellen. Lernen und das tun, was dir gesagt wird. Verstanden, Junge?“
Ich nickte, stand vorsichtig auf und stellte mich neben den Brunnen. Dann füllte ich das Kännchen erneut vorsichtig auf und ging zur nächsten Bohnenranke mit trockener Erde. Ich hatte es mit meiner Sintflut offensichtlich geschafft, mehrere Ranken auf einmal großzügig mit Wasser zu versorgen. Dieses Mal wollte ich einigermaßen trocken davonkommen, also goss ich ganz vorsichtig. Ein Tropfen bildete sich am Ausguss. Das Sonnenlicht wurde im Tropfen gebündelt, sodass der Tropfen wie ein Diamant wirkte. Er wurde immer länglicher und löste sich schließlich. Als er in Zeitlupe, so schien es mir jedenfalls, durch die Luft zu Boden fiel, vermehrfachte sich sein Volumen. Zuerst hatte er die Größe eines Apfels, dann eines Fußballs, dann eines Luftballons. Kurz, bevor er auf dem Boden aufschlug, hatte das ehemals winzige Tröpfchen einen Durchmesser von fast zwei Metern und ich musste einen großen Satz nach hinten machen, um nicht davon erfasst zu werden.
Platsch – und das Wasser sank fast augenblicklich in die trockene Erde ein. Jede Ranke brauchte drei, manche vier Tropfen. Eine halbe Stunde später war ich fertig und stand neben Bela. Er saß auf dem Boden, hatte die Arme hinter den Kopf gelegt und sich gegen die erste Bohnenranke gelehnt. Wieder schien er zu schlafen.
„Bela?“
Er hob die Augenbrauen, die Augen blieben jedoch geschlossen. „Danke, dass du mich gerettet hast. Kannst du mir etwas bitte erklären?“
Er seufzte. „Na dann los, Junge.“
Ich holte tief Luft.
„Wo sind wir hier? Was war das mit dem Wasser? Weshalb sind so viele Sachen, die unmöglich sein sollten, hier möglich?“
Bela öffnete seine Augen einen Schlitz.
„Glaubst du an Magie? An Zauber und so?“
Irgendwie überraschte mich seine Antwort nicht.
„Heute Morgen hätte ich klar ‚nein’ geantwortet. Jetzt bin ich nicht mehr so sicher.“
Bela nickte.
„Dachte ich mir. Du bist doch ein kluger Junge, auch wenn das nicht immer offensichtlich ist. Wir sind hier an einem Ort, wo alles anders ist. Einige von uns stammen von hier. Andere von drüben, wo das Büro ist.“
Ich schwieg.
Bela fuhr fort: „Hier gelten andere Gesetze. Das Wasser, die Bohnenranken, die sind natürlich magisch. Kennst du Märchen?“
Ich nickte.
„Das mit der Bohnenranke und dem Riesen, der in den Wolken lebt? Der goldenen Gans und der Harfe?“
„Ja, aber das sind doch alles nur Märchen, Geschichten!“
„Eben. Die Bohnenranken stammten von hier.“
„Aber das heißt, dass es auch Riesen gibt, die in den Wolken leben?“ Bela zischte. Es klang wie ein Lachen.
„Junge, Junge, Junge. Du musst nicht gleich alles glauben, was in Märchen erzählt wird. Ein Riese? In den Wolken? Weißt du, wie schwer die Kerle sind? Die würden glatt durch die Wolke durchfallen, und das gäbe ’n Riesenloch im Boden. Und ’ne Sauerei.“
Ich klammerte mich an dieser Logik fest und lachte.
„Märchen sind also doch frei erfunden. Ich dachte schon, du würdest mir weismachen wollen, alle Märchen basieren auf Tatsachen, oder so.“
Bela beobachtete mich einen Augenblick lang schweigend.
„Märchen sind wahr. Ihr Menschen verzerrt aber die Tatsachen. Es waren keine Riesen – aber das Wolkenreich gibt es. Dort leben Luftfeen, und mit denen ist nicht zu spaßen. Die Gans – und es ist keine goldene Gans, sondern eine magische Gans, die goldene Eier legt, Junge – und die verzauberte Harfe, die sich selbst spielt, die gibt es wirklich. Die Geschichte ist wahr. Die Luftfeen sind heute noch sauer deswegen, aber inzwischen haben sie die Gans und die Harfe zurückbekommen. Menschen sind bei ihnen allerdings nicht mehr willkommen.“
Ich blickte nachdenklich in die Blätterkrone einer Bohnenranke hinauf.
„Denk nicht daran, Junge. Du fällst verdammt weit von dort oben und ich kann deine Haut nicht jedes Mal retten.“
Das war unfair. Ich hatte nicht daran gedacht, hochzuklettern. Ich wollte nur schauen, ob man etwas von diesem Wolkenland sehen konnte. Konnte man vom Boden aus aber nicht.
„Bela, sind die Bohnen essbar?“
„Nicht empfehlenswert. Sie schmecken anscheinend ganz gut, aber sie haben sehr unangenehme Nachwirkungen. Wenn du sie isst, stell besser sicher, dass du im Freien bist und keine offene Flamme in deiner Nähe hast. Lockere Kleidung ist auch eine gute Idee.
Junge, es ist Zeit, das Tier zu füttern. Bring den Rucksack.“
Wir verließen das Häuschen und schlossen die Tür sorgfältig hinter uns ab.
„Das war… interessant, Bela. Was ist denn das für ein Haustier?“
Bela lächelte.
„Ein Haustier ist es nicht wirklich. Ein Mitbewohner eher. Wenn du die Bohnenranken interessant fandst, dann dürftest du das nun sogar sehr interessant finden. Gib mir den Schlüssel.“
Wir standen vor dem Schuppen. Bela sperrte das große Vorhängeschloss auf und hielt dann inne. „Hör zu, Junge. Sie kann schlechtgelaunt sein. Tu genau das, was ich dir sage. Stell keine Fragen, ja?“
„Ähm… ja.“
Er öffnete einen enormen Türflügel, dann den anderen.
„Morgen, meine Schöne, haben wir gut geschlafen?“, rief Bela in den riesigen Schuppen hinein.
Seine Stimme hallte in der Dunkelheit. Ein Windstoß kam von hinten auf und schien in den Schuppen hineinzublasen. Nein, es war vielmehr ein Sog, der vom Schuppen ausging. Irgendetwas sog gewaltige Luftmengen in den Schuppen hinein.
„Ach nicht doch… Junge, auf den Boden!“
Ich warf mich gerade noch rechtzeitig zu Boden, als eine Feuerwand wenige Zentimeter über mich hinweg fegte. Ich spürte die glühende Hitze und roch verbrannte Haare. Bela stand neben mir.
„He, Margarita. Hör auf. Ich bin’s. Bela.“
Etwas hustete in der Dunkelheit, dann ertönte eine Stimme: „Entschuldigung. Ich war noch am Schlafen. Bin ja auch nicht mehr die Jüngste. Wir beide nicht, nicht wahr? Du hast mich erschreckt. Was ist denn das schwarze Ding da auf dem Boden? Ist es essbar?“
Die Stimme klang weiblich, kam aber aus großer Höhe, wie von der Decke, und hatte ein enormes Stimmvolumen – definitiv keine menschliche Stimme. Im Schuppen raschelte und knackte es. So musste es klingen, wenn zwei Sattelschlepper im Stroh zu wenden versuchten. Dann streckte Margarita den Kopf blinzelnd in die Sonne hinaus und beschnupperte mich. Ich drehte mich auf den Rücken und sah nur ein riesiges Nasenloch, von silbernen Schuppen umringt. Der gigantische Kopf drehte sich und ein Auge, dem eines Alligatoren nicht unähnlich, betrachtete mich neugierig und – leider eindeutig hungrig. Als der Kopf sich zu Bela drehte, dämmerte es mir: Margarita war ein Drache.
„Bela, das Ding da riecht flambiert. Ist das mein Frühstück? Ich habe schon lange keinen frischen Menschen mehr gehabt.“
Mir gefiel die Richtung, in die das Gespräch ging, nicht sonderlich.
Ich stand auf und klopfte mir den Staub ab.
Bela zeigte auf mich. „Margarita, das ist Thomas. Ja, ein Mensch, aber nein, nicht dein Frühstück.“
Margarita schwang ihren gewaltigen Kopf zu mir herüber und betrachtete mich von Kopf bis Fuß. Dann flüsterte sie Bela zu:
„Hübsch ist er. Knackig.“ Leider flüsterte sie so laut, dass nicht nur ich, sondern vermutlich jeder im Umkreis von zweihundert Metern sie mühelos hätte verstehen können. Ich lächelte.
„Angenehm, Margarita. Ich habe noch nie einen Drachen kennengelernt. Es freut mich.“
Margarita blinzelte.
„Es spricht. Und hat Manieren. Na dann, Menschlein, du darfst mich Rita nennen. Und jetzt geh mal zur Seite, ich will in die Sonne. Was hast du mir mitgebracht?“
Bela zeigte auf den Rucksack. Ich schaute fasziniert zu, wie Rita sich ganz aus dem Schuppen in die Sonne herausarbeitete. Ihre Bewegungen waren lethargisch und langsam, fast ein wenig steif. Sie hatte einen langen Hals, der in einen reptilienartigen Körper überging. Der Schwanz war sehr lang und hatte am Ende einen langen Dorn. Rita richtete sich auf und entfaltete ihre Flügel. Auch die wirkten, als wären sie aus Silberfolie und glänzten in der Sonne, sodass ich kurz geblendet war.
„Huuunger! Menschlein, mach das Bündel auf, sonst nehme ich dich als Appetithäppchen.“
Ich riss die Riemen auf, die die Klappe des Rucksacks verschlossen hielten, und kippte einen großen, zugeknoteten Plastiksack ins Gras. Ich hatte Mühe, den Knoten zu lösen, vor allem, weil Rita hinter mir ungeduldig knurrte. Als der Knoten offen war, blickte ich vorsichtig in den Sack hinein und sah eine weiße, wabblige Masse.
„Rita?“, fragte ich, „Wie möchtest du das haben? Wie isst du das gewöhnlich?“
Rita lachte.
„Menschlein, du musst in meinen Mund hineinsteigen und mir mein Frühstück in den Rachen schieben. Wenn du es gut machst, bekomme ich keinen Schluckauf. Kitzelst du mich aber, na ja, dann bekomme ich wohl etwas mehr Frühstück.“
Das ging mir nun ein bisschen zu weit.
„Rita, bei allem Respekt, ich bin doch nicht blöd! Du bist wunderschön und ich bin begeistert, dich kennenzulernen. Aber ich kenne dich wirklich nicht gut genug, um dir in den Mund zu steigen. Nee, das mache ich nicht.“
„Och, Bela, der ist nicht lustig“, schmollte Rita. Dann, zu mir gewandt: „Kipp es einfach aufs Gras.“
Die wabbelige Masse rutschte aus dem Plastiksack und lag wie glitzernder Pudding auf dem Gras. Rita beugte sich darüber, zog mit den riesigen Lippen eine Schnute und schlürfte die Masse unter lautem Geschmatze.
Als sie fertig war, fragte ich: „Rita, vielleicht will ich es gar nicht wissen, aber was war denn das?“
Rita rekelte sich zufrieden in der Sonne.
„Tofu.“
Dann rülpste sie.
„Du bist Vegetarierin?“
Sie nickte.
„Dann hättest du mich gar nicht gefressen?“
„Nee. Aber Spaß muss sein, oder? Ich esse kein Fleisch. Nicht mehr. Ich bekomme Sodbrennen davon. Und Sodbrennen ist bei einem Drachen nicht witzig, das kannst du mir glauben.“
Rita schien nun ganz zufrieden. Sie hatte sich in der Sonne ausgestreckt und ihre Flügel ausgebreitet, als ob sie so viel Fläche wie möglich der Sonne aussetzen wollte. Ich glaube, sie schnurrte sogar leise. „Also dann, bis heute Abend?“
Bela nickte.
„Ich habe einen anderen Dienst, aber der Junge da wird kommen.“ Rita räusperte sich und reagierte dann nicht mehr. Ich hörte tiefe, ruhige Atemzüge.
Wir liefen zum Auto zurück. Bevor ich einstieg, blickte ich noch einmal zum Häuschen. Rita lag zufrieden auf dem Gras vor dem Schuppen. Der Boden vibrierte leicht, und Rita hatte leise zu schnarchen begonnen.
Auf der Rückfahrt nach Zürich schien mir alles grau und farblos zu sein, obwohl die Sonne schien und der Himmel durch einen dünnen Wolkenschleier blass-bläulich schimmerte. Bela schwieg, schien aber nicht unzufrieden. In der Firma angekommen hatte ich eine Stunde Zeit bis zum nächsten Dienst. Bela verschwand mit einem neuen Schlüsselbund und verneinte meine Frage, ob ich ihn begleiten solle. Dieser Dienst gehe länger. Morgen wieder. Ich hätte mich gut geschlagen, war sein Abschied.
Ich ging ins Wachlokal und fand Olav und Mirjam ins Gespräch vertieft. Mirjam schnupperte.
„Hast du Bratwürste gegrillt?“
Olav drehte sich um.
„Wie lief es mit Bela?“
„Gut, doch, ganz gut. Ich lebe noch. Zuerst bin ich zwar beinahe ertrunken und dann wurde ich fast geröstet, aber ich lebe noch. War interessant. Rita ist nett. Wenn sie mich nicht gerade braten will.“ Mirjam hob die Augenbrauen.
„Rita? Du darfst sie ‚Rita’ nennen? Dann hast du sie aber schwer beeindruckt. Sonst besteht sie auf ‚Margarita’. Bei… gewissen Leuten lässt sie es gar nicht erst zu, dass man sie mit Namen anspricht. Bei denen verlangt sie dann, ‚Hoheit’ genannt zu werden.“
Olav schaute Mirjam an und sagte dann zu mir: „Mirjam und Margarita… sie vertragen sich nicht gut. Es ist nichts Persönliches, aber Mirjam darf diesen Dienst nicht ausführen. Heute Abend wird sie dich begleiten, aber sie wird im Auto warten.“
Mirjam schnaubte.
„Nichts Persönliches? Ich würde sagen, dass es sogar höchst persönlich ist. Es kommt überhaupt nicht gut, wenn ich in die Nähe ‚Ihrer Hoheit’ komme.“
Sie betonte den Titel extra deutlich und verzog das Gesicht. Ich spürte, dass Olav offenbar nicht übertrieben hatte, als er die Unverträglichkeit zwischen Rita und Mirjam erwähnte. Na das konnte am Abend ja heiter werden.
Mirjam fuhr wie ein Berserker. Es kann vorkommen, dass ich beim Autofahren vergesse, mich anzuschnallen. Nach wenigen Hundert Metern Fahrt mit Mirjam, als der kleine Renault quietschend, mit Vollgas und – so schien es mir – mit zwei Rädern in der Luft um die erste Kurve raste, klammerte ich mich jedoch panisch an den noch losen Gurt und schnallte mich an, so schnell es nur ging. Mirjam schien wieder schlechter Laune zu sein und ließ ihre Wut an dem Auto aus. Sie warf es in die Kurven, beschleunigte stets mit Vollgas und bremste erst im letzten Moment. Sie fuhr eine andere Strecke als Bela am Morgen, aber auch hier fuhren wir durch einen Waldabschnitt, dieses Mal bergabwärts. Spitzkehren. Bei der letzten Kurve bremste Mirjam gar nicht erst ab, sondern gab Vollgas. Das kleine Auto raste direkt auf die Kurve zu, schoss von der Straße und flog in etwa vier bis fünf Metern Höhe zwischen die Bäume. Ich klammerte mich fest. Mirjam wollte offenbar sterben und nahm es in Kauf, mich mit in den Tod zu reißen. Super.
Als der Aufprall kam, war es kein Baum, sondern lediglich die harte Landung auf derselben Wiese wie am Morgen. Ich lebte noch. War sogar unverletzt. Mirjam schien das Lenkrad aus der Verankerung reißen zu wollen. Ihre Finger waren weiß.
Sie knurrte: „Haste dir in die Hose gemacht? Geh und sperr die Kuh in den Stall. Ich warte.“
„Muss ich wieder Pflanzen gießen?“
„Nö. Weniger schwatzen. Mehr aussteigen. Jetzt.“
Oha.
Ich stieg aus und spazierte über die Wiese. Rita war nirgends zu sehen. Die Stalltür war so, wie wir sie am Morgen zurückgelassen hatten. Ich lief um das Gebäude herum. Die Sonne war riesig, rot und die untere Kante hatte den flachen Horizont bereits berührt. Alles warf lange Schatten und die Wiese roch nach frischem Gras und Blumen. Weit über meinem Kopf vernahm ich ein klapperndes Geräusch. Ein Pfeifen. Ich blickte nach oben und sah Rita, die ihre Kreise drehte. Sie glitt graziös auf dem Wind dahin wie eine Möwe, nur ohne Flügelschläge. Sie zuckte gelegentlich mit einer Flügelspitze, um ihre Flugrichtung leicht zu korrigieren. Sie schien in ihre eigene Welt versunken zu sein und es gab kein Anzeichen dafür, dass sie uns gesehen hatte. Vom Waldrand hörte ich den Motor von Mirjams Renault. Wieso hatte sie den Motor angelassen? Wollte sie etwa ohne mich wegfahren?
Und dann bemerkte uns Rita. Sie schaute zu mir herunter, dann zum Auto. Eine seltsame Verwandlung überkam sie. Die Grazie war verschwunden und von ihrem Körper standen plötzlich Stacheln ab. Sie verkürzte ihre Flügel, streckte ihre Krallen nach vorn, stieß einen spitzen Schrei aus und stürzte wie ein Pfeil steil nach unten. Mirjam fuhr mit Vollgas los. Grasklumpen und Erdfontänen schossen nach hinten, als das kleine Auto mit aufheulendem Motor davonbrauste. Rita korrigierte ihren Sturzflug, landete aber knapp hinter dem Auto. Mirjam riss das Auto herum und es blieb leicht schaukelnd etwa einen Meter vor dem wütenden Drachen stehen.
Alles wurde still. Ohne zu merken, dass ich losgerannt war, sprintete ich mit gesenktem Kopf zu ihnen und kam zwischen den beiden schlitternd zum Stehen. Mirjam sah wie verwandelt aus. Ihr Gesicht war wutverzerrt und hatte wenig Menschliches an sich. Ihr Haar stand nach allen Seiten ab, ihre Fingernägel waren lang, schwarz und sahen wie Krallen aus. Sie fletschte ihre spitzen Zähne und ließ den Motor aufheulen wie ein Formel-1-Pilot vor dem Start. Ich drehte mich zu Rita und sah nur noch Zähne. Sie hatte ihren Mund aufgerissen und holte tief Luft. Das konnte nicht gut gehen. Ich warf mich zu Boden, gerade als Rita wenige Zentimeter über meinem Kopf eine Feuersbrunst entfachte. Der Lärm war ohrenbetäubend und die Erde bebte. Der kleine Renault schoss mit Vollgas auf mich los. Das Letzte, woran ich mich erinnerte, waren Mirjams glühende Augen.
Ein lauter Knall. Ich war in einem silbernen Käfig gefangen. Als ich mich aufrichtete, sah ich, dass es kein Käfig war, sondern eine krallenbewehrte Pranke von Rita. Ihre Krallen waren wie Käfigstangen, die sich um mich herum in den Boden gebohrt hatten. Der Renault von Mirjam stand mit eingedrückter Stoßstange und dampfendem Kühler gegen eine Kralle gequetscht. Rita hatte das Auto gestoppt und mich damit vermutlich gerettet. Aber ich hatte keine Zeit, dankbar zu sein. Aus dem Auto heulte es wütend, unmenschlich. Ich hörte Mirjam an der Fensterscheibe scharren, als ob sie sich durchs Glas buddeln wollte. Rita holte wieder tief Luft und ich hatte den Eindruck, sie wollte der ganzen Angelegenheit ein Ende setzen. Ich hatte allerdings nicht vor, mich nun rösten zu lassen, nachdem ich nur knapp davor bewahrt worden war, überfahren zu werden. Ich zwängte mich durch Ritas Krallen hindurch und schrie, so laut ich nur konnte: „HAAALT!“
Rita schien so überrascht, dass sie sofort aufhörte, einzuatmen, und sie drehte ihren Kopf zu mir. Mirjam hatte nun absolut gar nichts Menschliches mehr an sich. Ihr Gesicht war länglich und sie zeigte zwei Reihen messerscharfer Zähne, von denen sie die Lippen ganz zurückgezogen hatte. Ihre Schnauze – ja, es war eine Schnauze – war gegen die Scheibe gepresst, und sie bellte und heulte, wild vor Wut.
Sie schlug immer wieder mit der Schnauze und dem Kopf gegen die Scheibe. Sie schien eingeklemmt zu sein. Rita atmete ein wenig aus. Eine Flamme loderte in ihrem Rachen.
„Menschlein, was soll das?“
„Hör auf, Rita. Bitte. Ich weiß nicht, weshalb ihr so aufeinander losgeht, aber ich habe nichts damit zu tun. Bitte, hör auf. Ich möchte dir nur alles für die Nacht einrichten. Wir sind ganz friedlich.“
Rita schnaubte.
„DAS nennst du friedlich?“
Sie zeigte lässig mit einer Kralle auf die Windschutzscheibe des Autos. Mirjams Schnauze war inzwischen mit Schaum bedeckt und sie hatte sich die Nase an der Scheibe blutig geschlagen. Ihr Aufheulen wurde immer wütender und sie schien sich kaum Zeit zu nehmen, zwischen dem Aufheulen überhaupt Luft zu holen.
