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Eine junge Frau aus gutem Hause wird in eine albtraumhafte Spirale aus Manipulation, Gewalt und Schuld gezogen, als sie sich einem charismatischen, aber psychopathischen Söldner aus Rhodesien hingibt. Was als Romanze beginnt, endet in einem Doppelmord - und in einer lebensverändernden Haft. Doch ihr tiefster Fall wird der Anfang eines neuen Selbst: Ein Weg zurück ins Leben, ins Licht - durch den Schatten hindurch.
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Seitenzahl: 466
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Der Sadist glaubt, Herr zu sein - doch ist er nur der Sklave seines Abgrunds
(Martin Albrecht)
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Nachwort
In den späten Abendstunden des 17. Juni erhielten die Kriminalbeamten in Lyon ein erstes Fernschreiben des Bundeskriminalamtes Wiesbaden mit einigen Details zum Mord an den beiden Frauen Martina A. und Malika F. In Düsseldorf.
Divisionsinspektor Nazoyer der Kriminalpolizei Lyon war der Erste, der dieses in der Hand hielt. Die kriminalpolizeiliche Nachricht aus Deutschland mit der Bitte um Festnahme der beiden Tatverdächtigen Eliane H. sowie Patrick Roden war schon früher eingegangen, und die Bemühungen um die Festsetzung der beiden Angeschuldigten waren bereits erfolgreich abgeschlossen.
Die erste polizeiliche Vernehmung der Eliane H. erfolgte schon am Tage ihrer Festnahme. Auf Frage nach der Herkunft des Mercedes 500, in dem sie angetroffen worden war, erklärte sie, dass sie diesen Wagen etwa 3 Wochen zuvor von ihrem Freund Patrick Roden zum Geschenk erhalten habe. Der Freund habe diesen für 80.000 Euro von einer ihr unbekannten Besitzerin erstanden. Die Urlaubsreise, auf der sie sich derzeit mit Roden befinde, und die sie nach Frankreich und Italien geführt hätte, sei von ihr selbst finanziert worden. Sie habe zuvor 12.000 € von ihrem eigenen Konto abgehoben. Dieses Geld sei nunmehr aufgebraucht, weshalb man auch schon versucht habe, bei einem deutschen Konsulat finanzielle Hilfe zu erlangen.
Am nächsten Tag nach ihrer Festnahme erfolgte die Fortsetzung ihrer Vernehmung. Sie bestritt auf Frage, Personen mit dem Namen Martina A. und Marika F. zu kennen. Den Mercedes habe sie erstmals am 29. Mai gesehen, als Patrick ihr diesen vorgeführt habe. Auf Vorhalt der Aussagen des Patrick Roden, der mittlerweile angegeben hatte, das Fahrzeug von einer Frau in Gegenwart von Eliane H. gekauft zu haben, bestritt die Beschuldigte, an solchen Verkaufsverhandlungen beteiligt gewesen zu sein. Die Reise nach Frankreich und Italien beruhe auf ihrer eigenen Idee. Ihren Partner Patrick habe sie dazu eingeladen.
Am Abend des 18. Juni hatten die Kripobeamten Weininger und Weimar aus Deutschland kommend erstmals Gelegenheit, die Bekanntschaft der beiden Tatverdächtigen zu machen, und sich ein erstes Bild von Ihnen zu verschaffen. Nach einem kurzen Einführungsgespräch, in dem den beiden Angeschuldigten der gegen sie bestehende Tatverdacht erläutert wurde, revidierte Eliane H. ihre bis dahin erfolgten Aussagen, und verlegte sich auf folgende Sachverhaltsdarstellung:
Tatsächlich habe Patrick die Vorbesitzerin des Wagens gekannt. Er habe dieses Auto für sie kaufen wollen, und sie habe, da Patrick der deutschen Sprache nicht mächtig sei, Übersetzungsdienste geleistet in der Wohnung der Frau Martina A. Diese sei sehr interessiert gewesen an dem Verkauf ihres Fahrzeuges, da sie 50.000 € für eine Kaution zugunsten ihres Ehemanns benötigt hätte, der in einer Justizvollzugsanstalt einsaß.
Eine Reihe weiterer informativer Einzelheiten ließ den Tatverdacht gegen die beiden Angeschuldigten zur Sicherheit erhärten. Eliane machte glaubhafte Aussagen über die Herkunft des nach der Tat von ihr getragenen Schmuckes, den Patrick der Martina A. gestohlen habe. Ferner habe sie noch ein Collier, einen Brillanten sowie einen Armreif von Patrick erhalten. Diese Objekte habe man in Nizza für etwa 10.000 € verkauft.
Am Nachmittag des nächsten Tages wurde Eliane in Villefranche dem Untersuchungsrichter vorgeführt, wo sie äußerte, ihre Angaben noch erheblich erweitern zu müssen; denn sie habe von Roden erfahren, dass dieser die beiden Prostituierten ermordet habe. Anschließend wurde sie beim Procureur de la Republique in Villefranche vorgeführt, wo sie ihre bisherigen Aussagen bestätigte, und sodann in vorläufige Auslieferungshaft genommen wurde. Am 1. September wurde sie in Kehl der dortigen Grenzschutzstelle übergeben, und drei Tage später kam es zur Übernahme durch eine Beamtin der Düsseldorfer Kripo und Überstellung in das Gefängnis.
Dort wurde sie am nächsten Tage von Weininger aufgesucht. Sie teilte ohne Umschweife mit, dass sie bisher nicht in vollem Umfange die Wahrheit gesprochen habe. Tatsächlich sei sie weit mehr, als bisher eingestanden, in die Sache verwickelt. Die Tötung der beiden Frauen habe während ihrer eigenen Anwesenheit in der Wohnung der Martina A. stattgefunden.
In der nachfolgenden Woche begann KHK Weininger mit der systematischen Vernehmung der 24-jährigen Verdächtigen. Angesichts der Tatsache, dass es sich um einen Doppelmord handelte, der offensichtlich gemeinsam begangen worden war, zeichnete sich schon im Voraus ab, dass eine sehr aufwändige Ermittlungsarbeit bevorstand, und daher viel Zeit eingeplant werden musste. Das allgemeine Interesse an diesem Verbrechen war beträchtlich, und spiegelte sich in unzähligen Presseverlautbarungen wider. Weininger bemühte sich um eine zielstrebige Abwicklung der Ermittlungen, veranlasste durch seine zahlreichen Mitarbeiter auf dem Kommissariat eine rasche Einleitung aller in Betracht zu ziehenden kriminaltechnischen Untersuchungen und zeugenschaftlichen Vernehmungen in großem Umfange.
Von staatsanwaltschaftlicher Seite wurde schon sehr früh der renommierte forensisch-psychiatrische Sachverständige Dr. Thomae eingeschaltet, und mit einem schriftlichen Gutachten beauftragt. Dieser setzte seinerseits die erforderlichen Explorationen und Untersuchungen alsbald in Gang und befasste sich mit der jungen Beschuldigten mit nur kurzen Unterbrechungen über die Dauer von 24 Tagen, um sich ein umfassendes Bild über deren Persönlichkeit, ihre Lebensumstände, den Tathergang und ihre Tatzeitverfassung zu verschaffen. Die Komplexität der Beziehung der beiden Tatverdächtigen ließ alsbald einen erheblichen Zeitaufwand unverzichtbar erscheinen. Zahlreiche Details dieses Verbrechens waren auch für diesen überaus erfahrenen forensisch-psychiatrischen Gutachter erstaunlich, unerwartet sowie ungewöhnlich.
Allein das äußere Erscheinungsbild der Verdächtigen wie auch ihr distinguiertes Auftreten sorgte für reichlich Überraschung. Sie präsentierte sich als eine ausgesprochen gutaussehende, aparte Blondine von anziehender Weiblichkeit, mit makelloser Figur und hübschen differenzierten Gesichtszügen. Ihre Begrüßung fiel außerordentlich charmant und liebenswürdig aus, und sie entpuppte sich in kürzester Zeit als eine sehr sympathische wie auch zugleich im Umgang gewandte wie gewinnende Person.
Der Arzt war verblüfft und zugleich irritiert über diesen völlig unerwarteten Auftritt, da er nicht entfernt mit einer solch annehmlichen Begegnung gerechnet hatte. Er ging von der Annahme aus, auf eine heruntergekommene, einfach strukturierte sowie unter die Räder geratene Gestalt von asozialem Gepräge zu treffen. Sie wirkte zwar etwas übermüdet, aber keineswegs wie jemand, dem möglicherweise eine lebenslängliche Strafe bevorstand. Ob sie sich ihrer gegenwärtigen prekären Situation bewusst war? Man kann sich doch nicht so unberührt von einer solch düsteren Zukunft distanzieren – ohne den geringsten erlösenden Grund dafür am Horizont zu erblicken, dachte der Gutachter und verharrte noch eine ganze Weile in staunender Erwartung.
Alsbald übernahm die junge Person mit all ihrem Charme die Gesprächsinitiative. Sie sorgte rasch für eine aufgelockerte Gesprächsatmosphäre, sodass es dem Arzt leichtfiel, dem sich zunächst anbahnenden Smalltalk zu folgen. Den ersten Sätzen haftete eine furchtlose Leichtigkeit an, als gäbe es danach nichts Ernsthaftes mehr zu besprechen. Die Kunst des leichten Plauderns lag ihr unzweifelhaft, und ließ auf ein gewandtes Konversationsvermögen schließen.
„Einen schönen guten Tag, Herr Dr. Thomae, ich habe hier in der JVA schon sehr viel Gutes über Sie gehört, und freue mich, ihre Bekanntschaft zu machen, wenngleich unter sehr unerfreulichen Voraussetzungen“, eröffnete sie das Gespräch. „Ich verspreche Ihnen, alles zu sagen, was ich über diese schreckliche Geschichte und meine Verwicklung darin berichten kann. Sie werden sicherlich dabei feststellen, dass mich ganz fürchterliche Umstände in diese Misere gebracht haben. Ich hätte mir im Leben nie träumen lassen, einmal in einem Gefängnis zu landen, und erst recht nicht unter den gegen mich gerichteten Tatvorwürfen, zu denen ich Ihnen unendlich viel darzulegen habe. Ich bin dankbar, einmal in aller Ausführlichkeit über die verhängnisvollen Umstände reden zu können, die mich in so eine scheußliche Lage gebracht haben. Ich möchte es mir von der Seele reden, und ich habe gehört, dass ich hierfür bei Ihnen in den besten Händen bin. Aber nochmals, ich begrüße sie sehr herzlich,“
Die aufgeheiterte Miene des Arztes verriet ihr unmittelbar die unfehlbare Wirkung ihres gewinnenden Auftritts, wobei dieser dennoch prüfend in ihr Gesicht schaute. Er vermutete, dass diese charmante Person es darauf absehen werde, kritische Fragen mit Virtuosität zu umgehen. Dass sie die Wahrheit sagen werde, hielt er nach diesem ersten Eindruck für unwahrscheinlich.
Auch er begrüßte sie sehr freundlich. Sie setzten sich an den kleinen Tisch, auf welchem er seine Unterlagen ausbreitete, und vertieft in sie hineinschaute. Nach einer kurzen Weile gab er ihr zu verstehen, seine Tätigkeit aufnehmen zu wollen und schickte dem eine obligate Erklärung voraus, zu der er als Gutachter gesetzlich verpflichtet war. „Wenn Sie einverstanden sind, würde ich Sie gerne erst einmal zu Ihrem familiären Hintergrund befragen. Sie sind ja Studentin, und deshalb ganz ohne Zweifel in der Lage, mir spontan über ihre familiären Verhältnisse Auskunft zu erteilen – ich überlasse Ihnen vollständig Ihr eigenes Vorgehen,“ eröffnete der Arzt seine Exploration.
„Also, ich bin das zweite von zwei Kindern, und habe einen um vier Jahre älteren Bruder, an dem ich sehr hänge. Wir beide entstammen jeweils der zweiten Ehe unserer Eltern. Mein Vater ist jetzt 76 Jahre alt, ehemals Senatspräsident des Oberlandesgerichts Düsseldorf, und seit seinem 66. Lebensjahr pensioniert. Meine Mutter ist 66 Jahre alt und Hausfrau. Sie ist in gesundheitlicher Hinsicht ziemlich anfällig, zeigt häufig psychogene Beschwerden und leidet an einer Schilddrüsenstörung.
Mein Bruder ist 28-jährig und Heilpraktiker von Beruf, verheiratet, hat ein Kind und erfreut sich guter Gesundheit.“
„Woran würde ich Ihren Vater erkennen, wenn ich mit ihm im selben Zugabteil säße?“
„Er würde lesen oder aus dem Fenster blicken. Wenn Sie mit ihm sprechen würden, würde er einen Monolog halten, und wenn sie ihn dann unterbrächen, würde er sofort wieder auf sich selbst zurückkommen. Und wenn sie anderer Meinung wären als er, dann hörte er sich diese an, aber er hätte für sich schon seine eigene Meinung gebildet und ließe sich nicht vom Gegenteil überzeugen. Bei Diskussionen besitzt er „die einzige Wahrheit“. Er ist ein Mensch von festen Prinzipien: Wahrheitsliebe 5000-prozentig. Für ihn ist eine Lüge unvorstellbar. Er zeigt ein hohes Maß an Selbstdisziplin, also absolutes Einhalten von Verboten und Geboten, ist der Auffassung, mit Selbstdisziplin alles zu schaffen. Er hat z.B. von einem Tag zum anderen aufgehört zu rauchen. Er ist fähig zu Verzicht, und sehr leistungsorientiert, fleißig und von starker Perfektionsneigung. Überdies tendiert er dazu, alles schriftlich zu fixieren. Sauberkeit, Ordnung, Pünktlichkeit aber auch Hilfsbereitschaft zeichnen ihn aus. Er ist nie vorwurfsvoll, zunächst eher lehrerhaft, später erinnert er immer wieder daran. Mit Gefühlen geht er sehr gefasst um. Er zeigt selten oder gar keine Gefühle. Dies habe er während seiner Kriegsgefangenschaft verlernt. Auch meiner Mutter hat dies sehr gefehlt. Er ist auch nie richtig ausgelassen gewesen. In Bezug auf meine Eltern habe ich immer Dinge ferngehalten, die sie belasteten, ich fand das richtig und besser, nichts davon zu erzählen. Mein Vater bedeutet für mich unsagbar viel. Dabei denke ich an seine Korrektheit und völlige Unvoreingenommenheit mir gegenüber. Er kann verzeihen, verfügt über ein enormes Wissen, und ich würde ihn als eine außerordentlich starke Persönlichkeit bezeichnen. Durch all dies ist er für mich ein erstrebenswertes Idealbild, dem gerecht zu werden, ich nie schaffen würde. Von Leistung, Fleiß, Perfektion, davon habe ich nicht einen Bruchteil von dem, was er von mir erwartet hat. Seine Ziele habe ich schon akzeptiert, aber seine Prinzipien nicht umgesetzt. Ich habe immer so ein Wunschdenken gehabt: Du schaffst es schon, halt später.
Mein Bruder hat lange zu seiner Studienentscheidung gebraucht. Damit habe ich mich vor mir selbst entschuldigt. Die schlechten Noten auf dem Gymnasium haben mir durchaus ein schlechtes Gewissen bereitet und ich habe sie häufig zu Hause verheimlicht. Was Sexualität angeht, so kann ich sagen, dass dies kein Thema in der Familie war. Deshalb habe ich alles, was Sexualität betraf, zu Hause verschwiegen, weil ich auf völlige Verschlossenheit gestoßen wäre. Als mit 13 oder 14 Jahren mal ein Junge seinen Arm um mich legte, sagte mein Vater, das möchte er nicht. Ich müsse für die Schule arbeiten. Meine Mutter meinte: ‚Wirf Dich nicht weg, Kind‘. Ich musste deshalb alles, was Sex angeht, mit Freundinnen und Freunden besprechen, habe den Eltern gegenüber aber ein schlechtes Gewissen gehabt. Ich verschwieg Ihnen viel, z.B. auch die zweite Schwangerschaft, weil meine erste Schwangerschaft meine Mutter völlig fertig gemacht hatte. Sie erlebte einen Nervenzusammenbruch und der Notarzt musste erscheinen. Mein Vater meinte oft zu mir: ‚Willst du deine Eltern ins Grab bringen?‘. Diesen Ausspruch meines Vaters habe ich heute noch in den Ohren. Früher habe ich deswegen häufig geweint. Dies ist das entscheidende Motiv für meine Verschwiegenheit gegenüber den Eltern geblieben, aus Angst um sie habe ich diese stets geschont. Die Mutter erlitt immer wieder einmal einen Nervenzusammenbruch, wenn es zuhause Spannungen gab.“
„Versuchen Sie einmal ihre Mutter zu charakterisieren“.
„Die Liebe und Gutmütigkeit in Person. Sehr labil, völlig abhängig vom Vater, von ihm immer unterdrückt. Sie hat sich so gefühlt, weil Vater alles machte. Ihre Aufgabe hat sie nur in den Kindern erblickt. Ich selbst bin das Wunschkind meiner Mutter gewesen, und sie hat mir noch mehr Liebe gegeben als meinem Bruder. Sie war überfürsorglich. Uns wurde immer alles aus der Hand genommen. Bis ich etwa 16 1/2 Jahre alt war und den ersten Freund hatte, habe ich das alles als ganz normal empfunden. Aber danach erlebte ich sie als sehr einengend, weil ich sah, dass meine Freundinnen schon von zu Hause ausgezogen waren. Wäre nicht meine Sorge um meine Mutter gewesen, so wäre auch ich ausgezogen, um meine Selbstständigkeit zu fördern, aber so blieb ich eben da.
Auch der Vater nahm mir alles aus der Hand, später z.B. auch Bewerbungen, obwohl ich das nicht wollte. Ich habe aber gesehen, dass ich ihm damit eine Freude mache, wenn ich es ihm überlasse. Und zum anderen wurde ich es los.
Meine Mutter war nicht schwerwiegend krank, aber sie hatte eben diese Nervenzusammenbrüche bei Meinungsverschiedenheiten. Dann liegt sie da, weint, kann sich nicht mehr beruhigen und sich kaum bewegen, ihre Hände sind verkrampft und sie atmet schwer. Schon einige Male war der Notarzt deshalb erschienen. Die Auslöser waren häufig banal. Unter anderem aber auch, dass mein Bruder das Leben nicht meisterte, was Studium oder Beruf anging – und bei mir letztlich genau dasselbe. Sie sorgte sich sehr um meine Zukunft, weil ich in der Schule nicht so gelernt habe und meine Versetzungen gefährdet waren. Aber wie gesagt, es war bei mir ein massiver Mangel an Fleiß. Ich war von Kind an gewohnt, alles in Bahnen zu lenken, dass ich jedem gerecht wurde. Später wurde das immer weniger, z.B. was mein Vergnügen anbetraf, oder Urlaub mit Freunden. Ich konnte die Erwartungen der Eltern nicht alle erfüllen. Ich dachte, das würde sich alles geben, sich alles regeln, wenn ich mal ganz von zu Hause weg sei. Ich glaubte fest daran.
Den ersten Nervenzusammenbruch meiner Mutter erlebte ich etwa mit 13 Jahren. Danach kam es eben häufiger vor. Meine Mutter ist ein Mensch, den man stets beruhigen muss, vor allem, was uns Kinder angeht. Sie hatte ständig um uns Angst, dass uns was passieren könnte. Mir ist dies in der Kindheit einsuggeriert worden. Schon mit drei oder vier Jahren äußerte meine Mutter Angst, dass mir etwas auf der Straße geschehen könnte. Besonders schlimm war es, wenn ich mal zu spät nach Hause kam. Sie hatte mir gegenüber immer wieder Unheilserwartungen und versuchte mich von allem Schlechten und Bösen abzuschirmen. Sie sagte ständig, ich solle nicht in der Dunkelheit oder in einsamen Gegenden herumlaufen. Im Alter von 14 oder 15 Jahren meinte sie zu mir, ich solle mich „nicht weggeben“. Ich wusste da zunächst noch nicht, was sie damit gemeint hatte.
Als Kind litt ich häufig unter Albträumen, und mein Bruder musste mir abends zum Einschlafen vorlesen; das blieb so bis zu meinem 12. Lebensjahr. Nachts wachte ich oft aus Angst auf, lief dann ins Elternschlafzimmer und schlief bei denen. Als ich mit 13 Jahren den ersten Nervenzusammenbruch meiner Mutter erlebte, empfand ich um sie starke Angst. Deshalb blieb ich stets bemüht, meine Mutter ruhig zu halten und ich fing an, auf sie wesentlich früher Rücksicht zu nehmen als bei meinem Vater. Er war immer der stärkere Part. Der Vater verhielt sich gegenüber der Mutter immer schützend und überfürsorglich. Er war stets auf dem Sprung, alles Unangenehme, Beunruhigende von ihr fernzuhalten, sie eben zu beschützen; alles sollte eben fernab von Gut und Böse sein.“
„Das wirkt ja von außen betrachtet wie ein Sanatorium,“ warf der Arzt nicht ohne Erstaunen ein.
„Ja das stimmt, es war wie in einem Sanatorium. Die Tendenz meiner Mutter zu ihren nervlichen Reaktionen nahm im Laufe der Jahre zu, und zwar in dem Maße, wie mein Vater zu Hause alles dirigierte. In der Ehe war der Vater der Dominierende; selbst bei Tisch hat nur er geredet. Ich kann mich gar nicht erinnern, dass meine Mutter mal zu Wort gekommen ist. Die Mutter verkriecht sich eher, sie konnte sich schon in ihrer Herkunftsfamilie nicht durchsetzen. Kein Hauch von Aggressivität; einen handfesten Ehekrach hat es nie gegeben. Die einzige Form der Mutter, sich zu wehren, waren ihre Nervenzusammenbrüche – genau wie ich, ich kann mich nicht wehren.
Das Klima in der Familie war still, unlebendig. Ein Kriminalfilm wurde sofort abgeschaltet oder wenn eine nackte Frau im Fernsehen erschien. Meine Mutter war nur fröhlich und gelassen, wenn der Vater nicht anwesend oder nicht in der Nähe war. Vielleicht suchte ich Freude bei meinen Freunden, weil ich sonst depressiv geworden wäre. Meine Mutter ist in ihrer Grundstimmung depressiv. Sie lebte immer nur auf, wenn ich in Ihrer Nähe war. Als sich so etwa 21 Jahre war, erzählte mir meine Mutter einiges. Z.B., dass der Vater ihr nicht die ersehnten Zärtlichkeiten geben konnte, das habe ihr total gefehlt. Meine Mutter sagte oft ‚Mein Gott, mir fehlt Liebe‘. Sie erwartete von mir die von ihm vermisste Zärtlichkeit; deshalb behandelte sie mich auch so wie eine Prinzessin: Immer nur das Beste, das Schönste. Vielleicht wollte sie in mir ihre eigene Jugend nochmals erleben, was ihr durch den Krieg entgangen war. Schon als Kind sagte sie zu mir: ‚Die Menschen sind fasziniert von dir, was du für ein hübsches, süßes Kind bist. Und dies könntest du und das könntest du, du hast Talent zum Klavierspielen.
Sie redete es mir ein, es war mir im Grunde peinlich. Ich habe mich zwar darin gesonnt, habe aber nicht daran geglaubt, dass dies zutreffend sei. In der Bewunderung durch meine Mutter steckten aber auch Ansprüche und Forderungen, die ich als Kind erfüllen sollte. Auch hinsichtlich meiner Schulleistungen sind Vaters Wünsche auch die ihrigen gewesen, die ich aber nicht erfüllen konnte. Deshalb befiel mich ein schlechtes Gewissen, aber keine Minderwertigkeitsgefühle. Ich sagte mir immer: ‚Du kannst das, du schaffst das, ist nur eine Frage der Zeit‘.
Meine Eltern hatten im Grunde nur wenige Außenkontakte. Sie gingen auf Juristenbälle. Richtige Feste zuhause fanden aber nie statt. Die Eltern lebten ziemlich abgekapselt. Hier das Gute und draußen das Böse.“
„Wie war es um die Entwicklung ihrer Selbstständigkeit bestellt?“, warf der Arzt ein.
„Mit 14 oder15 Jahren hielt ich mich an die ‚Ermahnungen‘ der Mutter und war vorsichtig. Ich lernte dann Achim G. kennen mit etwa 16 Jahren, und verheimlichte dies meiner Mutter ein halbes Jahr lang. Als ich es ihr dann doch erzählte, akzeptierte sie dies, fand es jedoch nicht gut.
Der Vater war in dieser Hinsicht anders. Er förderte meine Bemühungen um Unabhängigkeit noch am meisten, während meine Mutter stets wiederholte: Zuhause hätte ich es am schönsten; und oft gab Vater in diesem Punkt der Mutter um ihrer Gesundheit willen nach.
Als ich mit 19 Jahren zu Achim. zog, war dies eine Provokation gegen meine Eltern, und sie waren ständig bemüht, diese Beziehung zu unterbinden, weil ich dadurch die Schule vernachlässigen würde. Mein Auszug von zu Hause war eine Art Trotzreaktion. Ich war aber fast jedes Wochenende zu Hause und kümmerte mich dabei um meine Mutter.
Meinen Bruder liebte ich bis zum 12. oder 13. Lebensjahr total, und machte alles für ihn. Danach führte er sein eigenes Leben, wobei ich immer noch mit ihm verbunden blieb. Für mich war er der Vorkämpfer in der Familie um unser beider Freiheiten. Zwar stellte sich der Vater dagegen, aber letztlich tolerierte er es doch. Mein Bruder wehrte sich gegen die elterlichen Einschränkungen stärker als ich selbst. Ich erinnere mich noch daran, dass mein Vater den Bruder in seinem 11. Lebensjahr mit dem Rohrstock verprügelte; und einmal, als mein Bruder circa 14-jährig war, wurde er regelrecht um das Bett herumgeprügelt. Er hatte davon Nasenbluten und schloss sich in die Toilette ein. Die Mutter stand hilflos daneben und bekam einen Nervenzusammenbruch. Das tat dem Vater dann leid und der Rohrstock tauchte nie mehr auf. Ich selbst wurde von meinem Vater niemals geschlagen, nicht mal eine Ohrfeige.
Wegen meines Bruders gab es viel familiäre Spannungen. Erst studierte er Englisch und Geografie, dann Theologie, brach aber das Examen ab und ging dann auf eine Heilpraktiker-Schule, wo er seine Prüfung ablegte. Jetzt ist er in einer Klinik im Sauerland Leiter eines wissenschaftlichen Labors, sowie Mitarbeiter in der Praxis. Seine Ehefrau ist als Kinderpsychotherapeutin tätig.
Ich wollte alle positiven Eigenschaften meines Vaters und meiner Mutter verbinden, wollte jedoch nie die negativen Eigenschaften meiner Mutter haben: Nicht diese Angst, nicht die Überfürsorglichkeit, nie so unterdrückt zu werden wie sie von meinem Vater, nicht in eine solche Abhängigkeit geraten; aber die positiven Eigenschaften meiner Mutter in Bezug auf Kinderliebe schätzte ich sehr. Mit meinem Vater bin ich indessen in der Weise identifiziert, dass alles, was er sagte, ich nachzuvollziehen versuchte. Aber es fiel mir schwer, dies zu realisieren,“ beschloss Eliane diese Thematik.
Anlässlich einer nachfolgenden Sitzung eröffnete Dr. Thomae das Gespräch:
„Ich will einmal versuchen, Ihnen mein Bild von ihrem Vater vorzuhalten, welches darauf beruht, dass ich Ihre Schilderungen einer Analyse zugrunde legte, mit der sich ein sogenanntes Fremdbild von Vater und Mutter erstellen lässt. Sie sollen dazu Stellung nehmen, inwieweit Sie es für zutreffend erachten:
Der Vater ist ein stark selbstkontrollierter Mann mit strengen Prinzipien von Ordentlichkeit, Pünktlichkeit, Wahrheitsliebe, er ist zwanghaft-rigide und eingeengt sowie impulskontrolliert. Er ist eher gefühlsverschlossen, ein Mensch, der nur schwer aus sich herauskommt, wenig von seinen Liebesbedürfnissen zu zeigen vermag, auch eher wenig liebesfähig ist. Er ist kaum ängstlich, selten zu Selbstvorwürfen neigend. Er ist dominant, andere stark lenkend, eher eigensinnig. Der Vater ist hochgeachtet von seiner Umwelt, vor allem in der Arbeit hochgeschätzt; in hohem Maße fähig, seine Interessen im Lebenskampf durchzusetzen, wird von seiner Umwelt als sehr stark beurteilt. Er ist eher wenig liebesfähig, aber fähig zu Dauerbindungen.
Was meinen sie zu diesem Bild?“
„Ich halte es für hundertprozentig zutreffend und wüsste nichts daran zu verbessern.“
„Dann komme ich zur Mutter:
Sie zeigt sich weniger gut kontrolliert als der Vater, und erscheint als eine agierende und zu extremen Reaktionen neigende Frau. Sie ist ein Mensch, der sich durch besondere Gefühlsbetontheit auszeichnet, leicht aus sich herauszugehen vermag, entwickelt viel Liebesbedürfnisse und zeigt sich emotional stark erlebnisfähig. Grundsätzlich ist sie ängstlich-depressiv, stark selbstreflektiert, Ärger in sich hineinfressend. Außerdem erscheint sie nachgiebigfügsam, sich unterordnend und außerordentlich geduldig. Hinsichtlich der sozialen Umweltresonanz ist der Vater hochgeachtet von seiner Umwelt, vor allem in der Arbeit hochgeschätzt. Die Mutter ist zwar sehr beliebt, aber nur in durchschnittlichem Maße soziale Resonanz findend. Im Übrigen zeigt sie sich unzureichend imstande, ihre eigenen Interessen im Leben durchzusetzen, wird daher von der Umwelt eher als schwach beurteilt. Hinsichtlich der Geschlechterrolle zeigt sich der Vater wenig liebesfähig, aber, wie erwähnt, zu Dauerbindungen imstande, während die Mutter als gesellig imponiert und im heterosexuellen Umgang unbefangen, hingabefähig sowie bindungsfähig erscheint. Sie scheint zu anderen Frauen kaum konkurrierend zu sein.
Wie würden Sie dieses Bild der Mutter einschätzen?“
„Ich akzeptiere das in vollem Umfang. Vielleicht wäre noch hinzuzufügen, dass in ihr sehr viel mehr schlummert, als sie nach außen vermitteln kann. Hervorzuheben wären noch ihr selbstloser und herausragender Familiensinn und ihre Fähigkeit, Liebe und Zuneigung zu zeigen. Sie ist selbstlos für andere da, und stellt sich hinter die Interessen ihrer Familienmitglieder“, ergänzte Eliane nachdenklich.
„Dann kann ich also mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Treffsicherheit meiner Erkenntnisse ausgehen und diese meinen Beurteilungen weitgehend eischränkungslos zugrunde legen.
Wenn Sie dazu bereit sind, könnten wir einmal zu ihrer sexuellen Erlebnissphäre kommen,“ fuhr der Arzt fort.
„Wie schon erwähnt, war die Sexualität in meiner Familie ein Tabuthema. Fernsehfilme mit Liebesszenen wurden abgeschaltet. Es gab auch zu Hause keine Sexualaufklärung durch die Eltern. Wir Kinder fragten nicht nach, es war einfach nicht die Atmosphäre dazu. Diese Tabuisierung ging aber mehr von der Mutter aus. Der Austausch von elterlichen Zärtlichkeiten zeigte sich nie in unserem häuslichen Dasein. Auch das war ein Tabuthema.
Mit 7 Jahren war ich zusammen mit einer kleinen Freundin am Spielen im Freien. Da kam ein Jugendlicher daher, der mich ins Gebüsch lockte und sexuell attackierte. Er griff mir plötzlich in die Hose. Die Folge war, dass ich panikartig wegrannte; es ergriff mich eine Art Schock. Den Eltern erzählte ich aus Angst nichts von diesem Vorfall. Aber von diesem Zeitpunkt an verfolgten mich nachts schlimme Albträume, wachte oft aus dem Schlaf auf, und lief zu meinen Eltern ins Schlafzimmer, wo ich mich zu ihnen ins Bett legte. Diese Störung suchte mich etwa bis zu meinem 12. Lebensjahr heim.
Meine erste bruchstückhafte Aufklärung erfolgte durch die Zeitschrift „Bravo“ sowie durch meine Freundinnen mit etwa 12 oder 13 Jahren. Etwa ein Jahr später begann bei mir das Interesse für Jungens, und ich flirtete viel herum. Meine Mutter ermahnte mich ständig mit dem Spruch, ich solle mich nicht wegwerfen. Den hatte ich immer im Kopf. Gleichwohl kam es gelegentlich zum Petting mit Jungens, und die Ermahnungen der Mutter hielten mich davon ab, weiterzugehen. Vielleicht mit 15 Jahren begann ich zu masturbieren, angeregt durch die Erfahrungen meiner Freundinnen.
Mit 16 Jahren kam es dann zum ersten Geschlechtsverkehr mit meinem Freund Achim., der in der Folgezeit mein fester Freund und Partner wurde. Nach einem Krach an Silvester schlief ich jedoch mit dessen Freund Olaf, wobei die Beziehung zu Achim weiterlief, da ich ihm von Olaf nichts erzählte. Erst nach eineinhalb Jahren wurde dieser Seitensprung mit Olaf dem Achim bekannt, worauf es Krach gab und er mich deswegen rausschmiss, nachdem wir drei Jahre zusammen waren.
Aber schon nach 3 Monaten nahmen er und ich wieder unsere Beziehung auf. Jedoch der Gedanke, meine große Liebe gefunden zu haben, die ich heiraten werde, war durch diesen Rausschmiss gestört. Er machte mir Vorwürfe, ihm anderthalb Jahre lang die Hörner aufgesetzt zu haben.
Wir arrangierten uns dahingehend, dem anderen mitzuteilen, wenn er eine neue Beziehung anfangen werde. Aus diesem Grunde war die Beziehung zu ihm In der Folgezeit wechselhaft und bis zuletzt auch nie beendet. Für die anderen gehörten wir zusammen, auch wenn wir beide zwischendurch andere Erfahrungen machten. Etwa ein Jahr vor meiner Verhaftung hatte er eine neue Freundin, über die er mich informierte. Daraufhin habe ich ihn „freigegeben“. Inzwischen habe ich zu ihm keine intime Beziehung mehr, jedoch noch persönliche Kontakte.
Nach der langen Beziehung zu Achim und der wechselhaften Beziehung zu Olaf hatte ich eine Reihe intimer Beziehungen zu Männern inne. Bis schließlich Patrick auftauchte, waren alle Männer etwa altersgleich mit mir, sie stammten aus meiner Sozialschicht, waren in erster Linie Studenten. Zuletzt war ich in einen Jurastudenten aus Frankfurt intensiv verliebt, und ich stehe auch jetzt während der Haft mit ihm in Verbindung.
Bis zur Beziehung mit Patrick gab es eine einzige Altersausnahme: Ein circa 37-jähriger indischer Werbefilmregisseur war mein Partner, mit dem ich einige Monate eine Episode hatte. Ausschlaggebend für diese Beziehung war nicht der Sex, sondern dass er sehr klug, kultiviert und gebildet war, und man mit ihm gute Gespräche führen konnte. Überdies bewunderte er mich, was mich natürlich mit Stolz erfüllte. Als er mir einen Heiratsantrag machte, vollzog ich die Trennung. Ich wollte nämlich meine Unabhängigkeit bewahren. Ich wollte nicht in dieselbe Abhängigkeit eines Mannes geraten wie meine Mutter.
Durch immer wieder neue Männerbekanntschaften erfuhr ich erneut Bestätigung, und zwar dafür, dass ich das Beste bin, was man vielleicht bekommen kann. Das blieb eine ständige Energiequelle für mich als Eliane H. Die Beziehung zu Männern war primär Selbstbestätigung für mich. Ich merkte, dass ich auf Männer eine attraktive Wirkung ausübte, und es fiel mir nicht schwer, damit virtuos umzugehen. Nach außen hin entstand dabei wohl der Eindruck, dass ich mit jedem ins Bett gehen wolle. Das deutete mir Olaf einmal an, aber das ist nicht richtig in mein Bewusstsein eingedrungen. Vielleicht habe ich das auch verdrängt.
Wichtig war für mich, dass die Männer ansprangen, und mich besonders attraktiv fanden. Ich konnte gegen meine Art nichts bewirken, dass ich eben diese Selbstbestätigung brauche. Ich hatte nicht den Charakter meines Vaters, also all seine Prinzipien. Ich versuchte aber auch immer, alle Männer umzukrempeln auf die Anforderungen und das Vorbild meines Vaters hin.
Ich erlebte bis zu einer gewissen Zeit der Beziehung mit Patrick Sexualität immer lustvoll und als etwas Schönes. Zärtlichkeit war für mich immer sehr wichtig. Mit Achim hatte ich auch mal Oralverkehr, aber das war ein großer Unterschied zu dem, was ich dann später mit Patrick erleben musste. Ich hatte in erster Linie zärtliche Fantasien. Was mir später mit Patrick in sexueller Hinsicht widerfuhr, bedarf einer eigenständigen Erwähnung zu einem anderen Zeitpunkt. Das war unterirdisch!“ beschloß Eliane diese Selbstschilderungen, und blickte dabei fragend auf den Arzt, so als wollte sie erfahren, ob sie es dabei bewenden lassen könne.
„Dann könnten wir ja an dieser Stelle auf ihre Beziehung zu Patrick zu sprechen kommen, falls Sie noch dazu willens sind.“
„Im Juni vor zwei Jahren befand ich mich mit ein paar Freunden in einer Diskothek auf der Königsallee und traf einen Engländer namens Jack, mit dem ich ins Gespräch kam. Die Unterhaltung gestaltete sich oberflächlich; ich verabschiedete mich später von ihm, ohne eine Verabredung getroffen zu haben. Gut zwei Monate später begegnete ich ihm und seinem Begleiter in Oberkassel auf der Luegallee, und die beiden begrüßten mich freundlich. Jack stellte mir seinen Begleiter vor als Patrick Roden, und schlug vor, gemeinsam eine Tasse Kaffee zu trinken. Ich musste jedoch in die Fachhochschule und wir verabredeten uns deshalb für den Nachmittag in einem Café. Später saßen wir dort zusammen und unterhielten uns. Die beiden waren auf der Suche nach einem gebrauchten Auto, und baten mich, Ihnen zu helfen. Ich offerierte ihnen meinen alten Wagen, bei dem der TÜV Mängel festgestellt hatte, und ich hatte ohnehin das Vorhaben, diesen zu verkaufen. Mein Vater wollte mir einen neuen schenken. Nach einer Probefahrt an einem anderen Tag wurde er von Patrick erstanden, und die beiden luden mich daraufhin zum Essen ein.
So kam es zu einem erneuten Treffen, um die Übergabe der Papiere vorzunehmen. Wir verabredeten uns für den Abend, wobei zu meiner Überraschung nur Patrick erschien. Es kam zu einer netten Unterhaltung und ich erfuhr, dass er Antiquitätenhändler sei und ein Geschäft in Australien betreibe. Er müsse öfters nach London fliegen, von wo aus dann die gekauften Möbel nach Übersee verschifft würden. Später fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, noch mit ihm zu mir zu gehen, da er zurzeit bei Freunden wohne. Ich lehnte das ab und daraufhin meinte er, er wolle mich für eine Nacht in ein Hotel einladen, das er kenne.
Zu dieser Zeit war ich schon sechs Jahre mit Achim eng befreundet. Mit ihm hatte ich vereinbart, in einer Woche mit dem Flugzeug nach Barcelona nachzufolgen, wo wir uns im Hause seiner Eltern treffen wollten.
Ich willigte jedoch ein, Patrick in das Hotel zu begleiten und wir hatten an diesem Abend auch Geschlechtsverkehr. Er wollte mich unbedingt wiedersehen und ich bedeutete ihm, dass ich die nächsten Wochen in Spanien zubringen würde. Bis zu meinem Abflug nach Spanien trafen wir uns nicht mehr wieder, und es kam auch zu keinem telefonischen Kontakt.
In Barcelona erzählte ich Achim von der Nacht mit Patrick, was ihn zunächst sehr aufbrachte, aber er ließ sich bald beruhigen. Wir hatten dort einen herrlichen Urlaub erlebt, wobei mich alsbald meine Eltern anriefen, dass ich mich in der Fachhochschule reimmatrikulieren müsse; deshalb flog ich bei nächster Gelegenheit nach Düsseldorf zurück und erledigte die Einschreibung. Meine Eltern begaben sich nach Norderney in ihren Urlaub, und ich musste das Haus hüten. Achim als guter Freund kehrte nach seiner alsbaldigen Rückreise bei mir ein, und wir verbrachten auch dort eine sehr angenehme Zeit. Ich erhielt von Patrick fast täglich einen Anruf, der sich inzwischen auch in Spanien aufhielt und dabei sehr anzüglich und bedrängend wirkte.
Anfang November wurde meine Wohnung im Hause meiner Eltern als Eigentumswohnung fertiggestellt und ich bekam eine eigene Telefonnummer, die Patrick von meinen Eltern erfuhr. Auf sein Drängen gingen wir gemeinsam ins Kino, verbrachten ein gemeinsames Wochenende und er verhielt sich überaus freundlich, zuvorkommend und unaufdringlich. Er war auch in der Folgezeit sehr höflich und unkompliziert im Umgang, was mich glücklich machte und meine Freiheit unbeschwert genießen ließ. Im Übrigen konnte ich mich auch meinem Studium widmen. Aber ich hatte nicht die Absicht, mich mit den Problemen einer Zweierbeziehung zu belasten; hatte ich doch schon einige Monate vorher mit meinem indischen Freund Schwierigkeiten gehabt, meine Unabhängigkeit zu bewahren. Meine nun sich anbahnende Zeit mit Patrick stellte einen angenehmen Ausgleich zum Studium dar. Eines Abends im November sagte mir Patrick, dass er seinen Wohnungsschlüssel verlorenen habe und seine Freunde erst am nächsten Tag zurückkämen. Aus diesem Grunde ließ ich ihn bei mir übernachten, was ich besser nicht getan hätte. Achim erzählte ich von diesem Begebnis
Dann übernachtete er häufiger bei mir; in dieser Zeit war ich bereits zielstrebig mit dem Studium befasst, und der Umgang mit ihm wurde mir zu viel. Er nahm mir zu viel Zeit weg und engte mich ein. Ich wollte für die Uni arbeiten. Seine häufigen Anrufe sowie Besuche nervten mich allmählich. Bis zu diesem Zeitpunkt glaubte ich ihm seine Story, dass er Antiquitätenhändler sei.
Für mich war diese Beziehung schon nach kurzer Zeit nicht geeignet für eine längere Zukunft, da fehlte mir der geistige Anteil. Von seiner Art her gefiel mir, dass er anders war als die anderen, die ich kannte. Kein Student, berufstätig, geschäftstüchtig. Er erzählte Geschichten, von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Ich fand das äußerst interessant und damit wurde auch er für mich ein interessanter Mensch. Allmählich kippten die Geschichten immer mehr ab und die Gespräche verloren an Reiz.
Er berichtete mir, dass er von Zigeunern abstamme, daher stammten seine Tätowierungen am Nacken und an beiden Armen; er erzählte, dass sein Vater Diplomat sei in China, er selbst sei deshalb in China in einem Kloster zur Schule gegangen, später habe er in Rhodesien als Söldner und Freiheitskämpfer eine spannende Aufgabe gefunden.
Ob diese Geschichten zu dem Zeitpunkt schon von diesen vielen Grausamkeiten und Tötungen erfüllt waren, kann ich im Moment nicht mehr erinnern. Diese ganzen ungewöhnlichen Einzelheiten zu seiner Vergangenheit fielen jedoch stark auf mein Interesse, und überdies fiel er zu der Zeit auf durch gute Manieren. Er war nett, wirkte gepflegt und sympathisch. Ähnlich spannende Geschichten habe ich in meinem Leben bis dahin von niemandem gehört. Ich dachte in Bezug auf Patrick, dass es mir schmeichelt, wenn sich so ein Mann um mich bemüht. Ich gehe schon davon aus, dass das so stimmte. Ich hatte mit einem gewissen Pathos meinen Freunden von ihm erzählt und Olaf und Achim kommentierten, dieser Patrick sei ein „bunter Paradiesvogel“. Ich dachte dabei, die sind ja bloß eifersüchtig. Sein äußeres Erscheinungsbild war indes nicht besonders anziehend; auch meine sexuellen Erfahrungen mit ihm unterschieden sich nicht von denen, die ich bisher mit anderen Männern erlebt hatte. Im Spätherbst des Jahres intensivierten sich dann dennoch die sexuellen Kontakte. Zu dieser Zeit hörten auch meine Intimitäten mit Achim auf.“
Eliane zeigte sich etwas ermüdet und Dr. Thomae beendete die Sitzung. Die Verabschiedung ließ schon erkennen, dass zwischen den Beiden eine spürbare Vertrautheit entstanden war.
Anlässlich der nächsten Gesprächsgelegenheit trug Eliane zum Auftakt vor, dass sie nach ziemlich kurzer Zeit von Patrick schwanger geworden sei. Durch heiße Bäder und Alkohol habe sie versucht abzutreiben. Sie hätte nun einmal die konventionelle Einstellung, dass sie gerne mit dem Mann verheiratet sein wolle, den sie liebe, bevor sie Kinder bekomme. Da sie Patrick nicht so geliebt habe, dass sie ihn auch geheiratet hätte, wäre es für sie einfach unverantwortlich gewesen, von ihm ein Kind zu bekommen. Sie wisse noch wie heute, dass sie in ihrem Auto gesessen und zu Gott gebetet habe, sie flehe darum, dass ihre Regel wieder eintrete. Einen Tag später habe sie ihre Tage bekommen. Sie sei so glücklich gewesen, dass sie am liebsten Purzelbäume geschlagen hätte, Patrick dagegen sei stinksauer gewesen und habe nicht zu Unrecht gemeint, es sei ihre Schuld, dass es zu diesem Abort gekommen sei. Sie habe diesen durch das heiße Baden herbeigeführt, was er ihr nicht verzeihen werde. Sie habe ihm jedoch geantwortet, dass sie das Kind auf keinen Fall bekommen wolle, in einer Beziehung zu ihm sehe sie keinerlei Zukunft. Das Ganze habe sich zeitlich nahe von Silvester ereignet. Noch vor dem Erfolg der Abtreibung habe sie Achim verzweifelt erzählt, dass sie von Patrick schwanger sei. Achim habe die Lage am Telefon mit seinen Eltern besprochen und sie zu überzeugen versucht, sie möge das Kind bekommen, seine Eltern seien einverstanden und er wolle sie heiraten. Für sie sei aber eine Heirat noch nicht infrage gekommen. Zuerst habe sie ihr Studium absolvieren wollen, um ihren Kindern eine gesicherte Existenz bieten zu können. So habe sie dieses Dilemma mit Patrick zunächst gut überstanden. Der Besuch bei einem Gynäkologen habe zur Feststellung einer leichten Dauerblutung geführt und die Abrasio sei danach in der Klinik durchgeführt worden.
Ihre Eltern wollte sie nicht belasten, habe denen davon überhaupt nichts erzählt, und um Ihnen auch weiterhin jegliche Sorgen zu ersparen, sei sie auf Patricks Vorschlag eingegangen, und habe sich ein paar Tage Ruhe bei einer Freundin gegönnt, um sich zu entspannen. Patrick habe sie, mit dem Hinweis, dass er sich ebenfalls um sie kümmern wolle, zu seiner Wohnung gefahren, wo er sie mit seiner Frau bekannt gemacht habe. Sie dachte, sie höre wohl nicht richtig, als er ihr erzählte, dass seine Frau Barbara von ihrem Verhältnis zu ihm wisse und nichts dagegen einzuwenden habe. Er wollte sich ohnehin seinen Andeutungen zufolge von seiner Ehefrau trennen. Von dieser Barbara erfuhr sie, dass diese von Patrick schon zahllose Male betrogen worden sei. Dennoch sei er immer wieder zu ihr zurückgekehrt.
Nachdem Eliane dort eine Nacht verbracht hatte, packte sie ihre Sachen zusammen und erklärte ihm sachlich, dass es besser sei, wenn sie nach Hause gehe. Sie wolle lieber auf die dortige Unterkunft verzichten und die Fachhochschule aufsuchen, als eine Dreierbeziehung aufzubauen. Mit diesen Erklärungen kam sie jedoch nicht sehr weit, denn Patrick erwiderte, sie wolle wohl die Beziehung lösen und schlug ihr augenblicklich heftig ins Gesicht, sodass sie Sternchen gesehen habe. Sie sei auch zu Boden gefallen und habe im ersten Moment gar nicht gewusst, wie ihr geschehen war. Sie habe für kurze Zeit ihr Bewusstsein verloren und als sie wieder zu sich gekommen und aufgestanden sei, habe sie wahrgenommen, wie Patrick alle ihre Sachen wieder auf das Schrankregal gelegt habe. Er habe ihr vermittelt, sie werde ihn niemals verlassen, er liebe sie viel zu sehr, als dass er dies zulassen würde.
Daraufhin habe sie zunächst abgewartet und sich gedacht, sie werde es ihm dann erklären, wenn er sich beruhigt habe. Sie habe versucht, ihn zu überzeugen, dass es keinen Sinn mache, wenn er versuchen wolle, in ihr ein Gefühl hervorzurufen, das sie ihm nicht entgegenbringen könne. Daraufhin wurde sie noch einmal im Wohnzimmer mit Schlägen traktiert. Sie glaube, sie sei auf dem Boden aufgewacht, habe jedenfalls im Schlafzimmer gelegen, als sie wach geworden sei; und Patrick habe ihr Kreislauftropfen eingeflößt. Sie habe begonnen zu weinen und sich nach ihrem Zuhause gesehnt. Daraufhin habe sich Patrick für sein Benehmen entschuldigt, er habe auch versichert, so etwas werde nie wieder vorkommen. Er habe darauf bestanden, dass sie wenigstens noch ein paar Tage bleibe. Die Wohnungstür sei von ihm verschlossen worden. Sie habe daraufhin ihre Eltern angerufen und diesen mitgeteilt, dass sie in ein paar Tagen nach Hause zurückkehren werde.
Nach zwei Tagen habe sie endlich nach Hause gewollt und erneut versucht, ihm zu verdeutlichen, dass sie ihn nicht liebe und die Situation für sie unerträglich geworden sei. Sie wolle ihr Studium fortsetzen. Schließlich stünden alsbald Prüfungen bevor. Diesmal habe sie ihre Utensilien vorsorglich zusammengepackt und im Auto verstaut, während er einkaufen gewesen sei. Sie war der Annahme, dass er sich inzwischen beruhigt habe und ein vernünftiges Gespräch möglich sei. Nach seiner Rückkehr vom Einkauf habe sie ihm definitiv erklärt, sich von ihm trennen zu wollen. Sie habe ihm auch erklärt, dass ihre Sachen schon gepackt in ihrem Auto lägen und es sinnlos sei, sie gegen ihren Willen festzuhalten. Er könne ihre Liebe nicht erzwingen.
Daraufhin sei Patrick kolossal „ausgerastet“, er habe sie aufs Sofa geschmissen und geäußert, dass es nur ein Ende für die Beziehung gäbe, und das sei unter der Erde. Er habe ihr seine Pistole an die Stirn gesetzt, welche er fast immer bei sich gehabt hatte. Er habe ihr erklärt, sie könne sich aussuchen, wie sie sterben wolle, mit einer Kugel im Kopf oder durch einen Sprung aus dem fünften Stock.
Infolge einer schockartigen Verfassung habe sie das alles nicht mehr verstanden, was auf sie eindrang. Ihr sei übel geworden, als er sich zum Fenster geschubst und es geöffnet habe. Als er versucht habe, sie aufs Fensterbrett zu heben, sei sie kollabiert und nach ihrem Wiedererwachen erneut mit Kreislauftropfen behandelt worden. Dieser Vorfall solle ihr eine Lehre sein, sie würden niemals auseinandergehen.
„Die Folge war, dass ich einen Nervenzusammenbruch erlitt, wie er bei meiner Mutter manchmal aufgetreten war. Die Hände waren völlig verkrampft, ich dachte, ich bekomme keine Luft mehr, ich weinte und weinte, ich weiß nicht mehr, wie viele Stunden lang.
Erst nach einigen Tagen sah ich mich imstande, ohne Weinen am Telefon meine Eltern zu benachrichtigen, dass es mir gut gehe. Er hat neben mir gesessen wie ein Schießhund und anschließend gemeint, ich könne öfter zu Hause anrufen. Ich sagte, dass ich nach Hause gehen müsse, weil sich meine Mutter immer viele Sorgen um mich macht, wenn ich lange Zeit außer Hause bin. Schließlich durfte ich in seiner Begleitung dann zu meinen Eltern fahren. Es tat mir weh, meine Eltern zu ihrem eigenen Wohle anlügen zu müssen. Mit meiner Erzählung, es gehe mir gut, wollte ich nur deren Bestes. Wenn ich berichtet hätte, was tatsächlich geschehen war, wäre es bei meiner Mutter zweifellos zu einem Nervenzusammenbruch gekommen. Mein preußisch korrekter Vater hätte hundertprozentig die Polizei eingeschaltet, wenn ich ihm alles richtig geschildert hätte. Die Folge wäre gewesen, dass der Patrick sie mit Sicherheit umgebracht hätte. Ich hatte immer noch die blauäugige Vorstellung, dass er sich schon irgendwann beruhigen würde, und ich sodann einen Schlussstrich unter unsere aussichtslose Beziehung setzen könnte. Auf Dauer, so glaubte ich, müsse er einsehen, dass unser Verhältnis keine Zukunft habe. Doch weit gefehlt!
Ich durfte nicht mehr zur Hochschule fahren. Nach einem Kaufhauseinkauf verlangte er von mir vor lauter Eifersucht, die von ihm erworbene Sonnenbrille stets aufzusetzen, damit mir nicht jeder in die Augen schauen könne. Danach nahm ich mir vor, mich ihm gegenüber so blöd zu benehmen, dass er mich von allein gehen lassen würde. Ich versalzte das Essen, sodass er sich danach selbst etwas kochen musste. Ich musste aber feststellen, dass ich diese Maßnahme lieber gelassen hätte. Er schrie in der Küche herum, ich solle gefälligst kommen, um sein Fleisch zu schneiden. ‚Nicht, wenn Du mich nicht darum bittest!‘. Darauf schrie er jedoch aus der Küche, dass er mir die Kehle durchschneiden werde, wenn ich nicht sofort erschiene. -Ich rannte noch nie in meinem Leben so schnell, riss die Wohnungstür auf, lief die fünf Stockwerke runter raus, und mit Strümpfen auf die Straße, entlang bis hinter den nächsten Häuserblock. Es war eiskalt, aber ich zitterte vor Angst und nicht vor Kälte. Ich blieb in einiger Entfernung einige Minuten stehen und sah Patrick aus der Haustüre herauskommen. Ich konnte zurück, schellte bei den Nachbarn, schlich leise die Treppen hoch, falls er in dem Moment etwa in die Haustür hereinkommen würde, und ich packte schnell meine Sachen, zog die Schuhe an, nahm Papiere und Autoschlüssel in die Hand, als genau in dem Augenblick Patrick die Tür aufschloss. In Panik lief ich zur Toilette und schloss mich ein. Er trommelte dagegen, rief, wenn ich nicht sofort öffne, werde er die Tür eintreten. Ich öffnete aus Angst und dann ging es auch schon los:
Er schlug mich dermaßen heftig, dass ich von der Diele bis ins Wohnzimmer flog. Er meinte, was ich mir wohl denke, einfach so auf die Straße zu rennen, ob ich die Nachbarn auf ihn aufmerksam machen wolle, ob ich ihm die Polizei auf den Hals hetzen wolle und dergleichen. Er schlug mich immer wieder. Barbara stand dabei total blass und ohne Reaktion.
Später erzählte mir Barbara, dass Patrick sie früher einmal so geschlagen habe, dass sie ins Krankenhaus musste. Sie befand sich auch danach noch in ärztlicher Behandlung deswegen, und musste Herzmedikamente einnehmen.
Zu dieser Zeit, so berichtete sie, habe sie die wahren „beruflichen“ Tätigkeiten des Patrick in Erfahrung gebracht. Er habe ihr erzählt, dass er als Söldner in Rhodesien gekämpft habe, bei einem Banküberfall in Australien habe er fünf Menschen mit der Pistole umgebracht, überdies sei er ein brillanter Kopfgeldjäger.
Sie berichtete weiter, dass er in den Staaten ein Angebot erhalten habe, einen Enthüllungsjournalisten in New York umzulegen. Er habe dies aber abgeschlagen. Sie habe tatsächlich danach im Fernsehen gesehen, dass ein Journalist in New York auf offener Straße getötet worden sei. Dies sei in den Nachrichten vermittelt worden. Patrick habe ihr gesagt, er hätte damals 200.000 $ dafür ergaunern können, jedoch darauf verzichtet, weil er sie liebe. Das alles habe er wohl als Druckmittel benutzen wollen, damit sie bei ihm bleibe. Durch seine ewigen Misshandlungen habe sie sich gesundheitlich sehr schwach gefühlt. Er habe ihr Kokain untergeschoben, damit ihre Kopfschmerzen davon verschwinden sollten. Auch habe er immer wieder mit Gräueltaten geprahlt und in der Wohnung Karateübungen veranstaltet, speziell mit Nunchaku-Kampfhölzern. Die Katze habe er mit einer Waffe erschreckt, die aussehe, wie ein Funkgerät mit zwei Metallspitzen am Ende, welche auf Knopfdruck 15.000 V erzeuge. Dieses Gerät habe er später auch Barbara in den Nacken gehalten. Weiter habe er auch erwähnt, in Polen seinen Cousin abgestochen zu haben. Es sei ihm ein Leichtes, selbst einem Freund das Gehirn aus dem Kopf zu blasen.
Ich selbst telefonierte in meiner bedrohlichen Situation während eines unbeobachteten Augenblicks mit Achim und weinte mich bei ihm aus. Dieser wollte gleich etwas unternehmen, aber ich habe zu sehr Angst gehabt, dass Patrick ihn zusammenschlagen würde. Ich versuchte ihn damit zu beruhigen, dass ich es schon schaffen würde, von Patrick freizukommen Achim konnte nicht begreifen, warum ich nicht nach Hause gegangen sei, aber er erfasste die Situation in ihrer ganzen Breite nicht. Patrick trug sehr oft seine Pistole bei sich, wenn wir so nach Hause fuhren. Im Auto habe ich ihn, so gut es ging, provoziert, um Streit mit ihm zu bekommen. Ich habe den Wagen in Schlangenlinien gefahren in der Hoffnung, die Polizei würde auf uns aufmerksam werden. Patrick drückte mir die Pistole in den Bauch und meinte, wenn ich anhalten würde, wäre ich die erste, die draufgeht.
Einmal rannte ich direkt aus dem Auto auf einen Herrn zu, und rief laut um Hilfe. Dieser Mann brachte mich in ein naheliegendes Geschäft, wo einige Mitarbeiter saßen, und sie fragten mich, ob die Polizei verständigt werden solle. Sie sahen, wie Patrick mit einer Drohgebärde aus dem Auto stieg und in Richtung seiner Wohnung lief. Ich war voller Angstgefühle, so dass ich der netten Belegschaft sagte, es sei schon wieder alles in Ordnung. Ich bedankte mich bei Ihnen, rannte in mein Auto und ergriff die Chance, zu Achim zu fahren. Zu der Zeit wohnte Achims Schwester bei ihm, da sie ein ärztliches Praktikum absolvierte und dies in der Nähe von Achims Wohnung stattfand. Ich erzählte den beiden alles, was mir widerfahren war und wie er mich misshandelt hatte. Sie waren bestürzt über meine Schilderung und beschworen mich, niemals mehr seine Nähe zu suchen. Achim meinte, wenn Patrick komme, würde er es mit ihm aufnehmen, egal, was ihm selbst passiere. Mir und Ulrike, seiner Schwester, war das allerdings alles andere als gleichgültig. Ich sah uns alle drei gefährdet.
Ich schlief die Nacht an Achims Seite in seinem Bett und ich hatte nach langer Zeit endlich einmal zärtlichen Sex, was mit Patrick infolge seiner zunehmenden Verrohrung nicht mehr möglich war. Am nächsten Tag entschlossen Ulrike und ich uns zum Einkauf und abendlichen Besuch in der Altstadt, um im „Schänzchen“, einem exzellenten Lokal, gemeinsam ein Abendessen einzunehmen. Ich schätzte dort insbesondere die feurigen Gambas und das Angusfilet, dass ich üblicherweise bestellte.“
Die beiden unterhielten sich über ihre Beziehungen, deren Charakter jeweils das krasse Gegenteil der anderen darstellte. Ulrike vermochte sich nicht zu beruhigen über jene grausamen Vorkommnisse, denen Eliane ausgesetzt war. Sie versuchte, die bedrängte Freundin zu überzeugen, bei der Polizei Anzeige zu erstatten, was diese jedoch entschieden ablehnte, denn sie befürchtete die schlimmsten Sanktionen ihres Partners, insbesondere auch gegenüber ihren eigenen Eltern. Den Gedanken an eine solche Maßnahme hatte sie schon häufig deshalb verworfen.
Nach einem harmonischen Abend in freundschaftlicher Atmosphäre brachte Eliane ihre Begleiterin zurück und fuhr sodann zu ihren Eltern, um sich die nächste Zeit dort zurückzuziehen und einzuschließen. Schon in der folgenden Nacht trommelten Steinchen an ihr Rollo über einen beträchtlichen Zeitraum hinweg. Sie hielt sich schlicht im Dunkeln auf, damit nicht der geringste Lichtschein nach draußen dringen konnte. Endlich ließ der Quälgeist von ihr ab, er versuchte sie aber noch auf dem Handy zu erreichen, welches sie rasch abschaltete.
Die folgenden Tage verbrachte sie einträchtig mit ihren Eltern, hielt sich aber mit den Schilderungen ihrer unguten Erlebnisse weitgehend zurück, um diese nicht zu beunruhigen und jegliche Belastungen von ihnen fernzuhalten. Dennoch fand sie keine Ruhe, sich dem Studium zu widmen, dafür war sie innerlich viel zu aufgewühlt von der zurückliegenden Zeit mit Patrick, der inzwischen sein wahres Gesicht an den Tag treten ließ. Sie verfiel in depressive Hoffnungslosigkeit und zog sich zunehmend ins Bett zurück, um die Decke über den Kopf zu ziehen. Der Versuch, zur Ruhe zu kommen, war nur leidlich erfolgreich.
Sie haben mir jetzt sehr lange aufmerksam zugehört, lieber Herr Dr. Thomae, und Ihr Blick dabei wirkt auf mich sehr gütig- und zugleich kommt es mir so vor, als ob er alle Geheimnisse durchdringen würde- Sie wirken sehr beruhigend auf mich und machen mir das Berichten leicht, obwohl ich doch so grausige Dinge erzähle. Dass Sie das alles so meistern, irritiert mich ein wenig,“, wandte sich Eliane mit gezieltem Blick an den Arzt.
Dieser lächelte milde, fühlte sich geschmeichelt, legte die Hände ineinander und überlegte lange: „Ich darf meinerseits anmerken, dass Sie mir die ganze Vorgeschichte mit besonderer Anschaulichkeit nachvollziehbar nahebringen- und es fällt mir besonders leicht, mich in ihre prekäre Lebenssituation hineinzuversetzen, die schließlich zu dem traurigen Ergebnis geführt hat.
Ich kann mir jetzt schon denken, welcher Weg schließlich zur Tat geführt hat. Aber für heute haben wir genug geredet und insbesondere: Sie bedürfen jetzt der Entspannung. Wir sehen uns in Bälde wieder.“ Man trennte sich nach herzlichem Abschied.
Schon anderntags folgte die Fortsetzung:
„Haben Sie jemals unter schweren Erkrankungen gelitten?“
„Nein, ich war niemals ernsthaft krank. Berichten kann ich lediglich von zwei Schwangerschaftsabbrüchen mit 20 und 23 Jahren.
Ich bin in Kleve geboren und habe ab meinem 2. Lebensjahr in Düsseldorf gelebt, nach der Grundschule das Gymnasium bis zum Abitur besucht, wobei ein 3-maliger Schulwechsel stattgefunden hat. Nach dem Abitur habe ich 3 Monate lang ein Grundpraktikum in einer Schreinerei absolviert, anschließend zwei Monate einfach Praktikum in einem Architektenbüro in Erwartung eines Studienplatzes für Architektur. Aufgrund meiner schwachen Schulleistungen – ganz sicherlich bedingt durch einen erheblichen Mangel an Fleiß – musste ich auf einen Studienplatz warten und habe zur Überbrückung Philosophie und Jura studiert, konnte aber nach einem Jahr das Architekturstudium aufnehmen.“
Der Arzt beendete das Gespräch mit einem leisen Hinweis auf eine alsbaldige Fortsetzung. Sie schauten sich beide an, als hätten sie eine bemerkenswerte Leistung erbracht und die Verabschiedung zog sich hin.
Er begab sich nachdenklich und über die Essenz des kommunikativen Gespräches reflektierend nach draußen, stieg sodann bedächtig in sein Fahrzeug. Auch während der Fahrt suchte er seine Eindrücke zu ordnen und zu Erkenntnissen zu bündeln.
Mit zunehmender Konkretheit formte sich in seinen Gedanken die Kontur ihres Wesens, wenngleich noch unter dem Vorbehalt des Vorläufigen.
Zur Erkenntnis verdichtete sich ihm der erkennbar gewordene mangelnde Sinn für den Ernst der Dinge und ihr wirkliches Dasein, was ihm bei ihr auffiel. Hierzu gehörte auch die offensichtlich völlige Unbeschwertheit der jungen Frau ihrem bevorstehenden Schicksal gegenüber, denn eine lange Haftstrafe stand ihr unausweichlich bevor. Sie fühlt sich offensichtlich nicht als ein Wesen mit einer realen und faktischen Geschichte. Diese steht ihr kaum zur Verfügung und wenn, dann nur in Form emotionaler Bilder und impressionistisch perzipierter Gestalten, die häufig einen idealisierten oder abgewerteten Akzent tragen.
Dem Arzt wurde klar, dass diese anziehende junge Frau der Unmittelbarkeit ihrer lebhaften Eindrücke, ihren vorübergehenden eigenen Stimmungen oder romantischen Herausforderungen ausgeliefert scheint; daneben finden sich bei ihr kaum fest gefügte Überzeugungen sowie ein Gefühl für die tatsächliche objektive Welt. Die Welt besteht für sie aus eher flüchtigen Impressionen von zumeist kurzer Lebensdauer und geringer Nachhaltigkeit, und durch die Leichtigkeit, mit der ihr ganzes Wahrnehmen und Erleben durch diese gefesselt wird. Für sie ist kennzeichnend das Impressionistische und nicht das Faktische. Deshalb kommt sie sehr viel später als andere hinter die Tatsachen- etwa auch die, daß ihr aktuelles Dasein durch eine lange Strafe bedroht ist.
„La belle indifference“, wie ich diese bei einem bestimmten Persönlichkeitstypus ständig antreffe, nämlich beim hysterischen Charakter. Diese finde ich auch bei ihr erkennbar, sagte der Arzt zu sich selbst. Ihre Selbst-und Außenwahrnehmung wird vom Grundgefühl der Unbestimmtheit und Unkonkretheit geprägt. Daher ihr ziemlich diffuses Gesamterleben mit dem generellen Ausbleiben des genauen Hinschauens und einem Mangel an Sinn für die harten Fakten. Diese werden nur unscharf und peripher wahrgenommen, wie auch deren Konsequenzen. Sie haben für diese junge Frau weder Kontur noch Substanz. Erst die Macht ihrer harten Folgen verschafft Ihnen den Eintritt in ihr Bewusstsein. Sie hegt das Gefühl, dass Dinge nicht zählen.
Während der Arzt sich in seinem Hause nunmehr der Familie zuwandte, versuchte Eliane in ihrer Zelle sich abzulenken, indem sie sich, wie so häufig, ihren Tagträumereien und romantischen Vorstellungen hingab. Diesmal wurde sie eingeholt von einem überwältigenden Erlebnis, das gerade mal eine Woche zurücklag und eine mächtige Resonanz in ihr erzeugt hatte. Es gehörte zum Wesentlichsten an Erfreulichem auf ihrer Fluchtroute, das sie vor ihrer Verhaftung erlebte:
Annecy, eine pittoreske und durch eine Vielzahl an mittelalterlichen Sehenswürdigkeiten reichhaltige Stadt in den französischen Alpen mit ihrer traumhaften Lage am glasklaren, überaus sauberen smaragdgrünen See, dem Lac d’Annecy, trat in ihr Bewusstsein.
Im Hintergrund eine faszinierende Bergkulisse, in die sich auch der Mont Blanc einreiht. Dieser malerische Ort blickt auf eine reiche Geschichte und Kultur, die bis in die Römerzeit zurückreicht und gut erhaltene historische Bauwerke birgt. Während der von ihr angestoßenen Fahrt zu diesem Ort las sie Vieles über die für ihre köstliche Küche bekannte gastronomisch hochstehende Stadt in dieser Region Rhone-Alpes.
Die Ankunft fiel in die späten Abendstunden längst nach Sonnenuntergang und Einkehr einer sanften Ruhe auf den gepflasterten Gassen. Sie fand mit ihrem Begleiter Patrick ein kleines ruhiges Hotel und verbrachte die Nacht.
Am nächsten Morgen, sehr früh, als Patrick noch in tiefem Schlaf schlummerte, trieb sie ihre Neugier aus dem Bett und sie begab sich ziellos auf die Suche nach dem Zauber der romantischen Bilder dieser erwachenden Stadt, die sich erst langsam bevölkerte.
Sie wandelte ohne ein bestimmtes Ziel, und doch zeigte der Weg eine Richtung- hin zu sich selbst und zur Befreiung aus der Gefangenschaft von ihrem Partner, von dem sie sich innerlich schon so weit entfernt hatte, daß der Entschluss zur Trennung längst gefallen war.
Sie vernahm das sanfte Plätschern des Thiou mit seinen zahlreichen Kanälen durch die Altstadt, die flüchtigen Schatten der Brücken, die ihre Schritte begleiteten wie auch den zarten Duft von Blüten der Blumen, die an den Fenstern hingen und die morgendliche Luft zu einer stummen Einladung füllten.
Ihre Schritte wurden langsamer und fast träumerisch, als sie den Palais de l’Isle erreichte. Diese aus dem 12. Jahrhundert stammende Residenz der Herren von Annecy liegt in der Thiou, einem kleinen Kanal, welcher durch die Altstadt fließt und mit seiner charakteristischen Form an die Spitze eines Schiffes erinnert. Seine dicken mittelalterlichen Mauern mit den besonders reizvollen markanten Türmchen verweist unwillkürlich auf dessen frühere Funktion als Anlage der Verteidigung. Der trapezförmige Grundriss, von Wasser umgeben, vermittelt einen geradezu burgähnlichen Eindruck. Das ehrwürdige Gebäude
