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Norma (24) ist fassungslos: Sie hat sich bis über beide Ohren in ihren Chef verliebt! Und das, obwohl sie nie an die großen Gefühle geglaubt hat. Wer braucht denn heutzutage noch den Mann fürs Leben? Welch verrückte Idee! Abgesehen davon ist es eine Sache, den vermeintlichen Mr. Right in seinem Vorgesetzten zu entdecken, aber was, wenn dieser auch noch verheiratet ist und eine Tochter hat? Wer will schon die heimliche Geliebte spielen oder gar eine Ehe zerstören? Von einem Tag auf den anderen werden Normas Moralvorstellungen über den Haufen geworfen, und sie findet sich in einem Strudel der Emotionen wieder, die sie bis dahin nicht kannte. Chaotisch und ideenreich versucht sie, dem Unvermeidlichen zu entfliehen, und begibt sich auf eine Reise, in der ihr ihre eigenen Vorurteile nur so um die Ohren fliegen.
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Seitenzahl: 644
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Norma Rank
Schlampe, Opfer, Schwein.
Eine Geschichte über die Liebe, ihre Klischees und andere Vorurteile.
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Inhaltsverzeichnis
Titel
WIDMUNG
RÜCKBLICK
DIE FIRMA
CHRISTOPH
MESSE
SANCHOS
BONGO BAR
MITTAGSPAUSE
EIN GLAS TEE
ADVENT
MUSIKSHOP
WEIHNACHTEN
DER KUSS
KÖLN
KINDHEIT
HOHE SCHUHE
CHAOS
LIEBE
OFFENBARUNGEN
WOHNUNG
RAMONA
SCHEIDUNG
LENA
FINALE
EPILOG
Danksagungen
Norma Rank
Kurzbeschreibung
Impressum neobooks
Es war ein stinknormaler Samstagvormittag Ende Juli, genau ein Monat nach meinem vierundzwanzigsten Geburtstag. Die Menschen um mich herum erledigten ihre Einkäufe für das Wochenende, führten den Hund Gassi oder schlenderten einfach so durch die Straßen der Münchener Innenstadt, ohne ein konkretes Ziel vor Augen. Gerne hätte ich mit einem von ihnen getauscht, bliebe mir dann doch der bevorstehende Vorstellungstermin erspart. Aber da musste ich jetzt wohl durch.
Der Himmel verdunkelte sich zusehends. Starker Wind kündigte ein Gewitter an und brachte unbarmherzig meine roten Locken durcheinander, wodurch sich auch der letzte Hauch einer Frisur in Luft auflöste. Von der seriösen Business-Frau im Zweiteiler, die herausgeputzt vor einer knappen halben Stunde ihre Wohnung verlassen hatte, war nicht mehr viel übrig. Vielmehr sah ich aus, als wäre ich eben erst nach einer durchzechten Nacht aus dem Bett gepurzelt. Scheiße! Dabei hatte ich mich gerade heute so ins Zeug gelegt, meine äußere Erscheinung auf Hochglanz zu polieren. Wer wollte schon den Eindruck erwecken, als könne er sich den Friseur nicht leisten? Was für ein Desaster! Stundenlanges Föhnen und tonnenweise Haarspray für die Katz! Und wofür das alles? Dass mein Erscheinungsbild dem einer wandelnden Vogelscheuche gleichkam. Na ja, Schwamm drüber! Das war nicht der Moment, sich darüber aufzuregen.
Gehetzt lief ich die Liebigstraße entlang, während ich angestrengt nach der richtigen Hausnummer suchte. Mist! Man erwartete mich um 11:00 Uhr, und ich war mal wieder spät dran. Wie schaffte ich es nur immer, mich zeitlich in die Bredouille zu bringen? Meine Haare waren die eine Sache, aber einen weiteren Patzer durfte ich mir einfach nicht erlauben, wenn ich die Stelle haben wollte. Und ich brauchte den Job mehr als dringend. Mein letzter Kontoauszug, ein Stapel voller Mahnungen und die wenig charmanten Worte meines Vermieters hatten mich unsanft darauf hingewiesen, dass bei Amazon zu bestellen nicht nur ein schönes, sondern auch teures Hobby war.
Darum bemüht, eine nahende Panikattacke zu unterdrücken, betete ich still darum, doch noch rechtzeitig da zu sein. Bitte, bitte, bitte! Als Beamten-Tochter von klein auf darauf getrimmt, dass Unpünktlichkeit ein Vergehen war, erinnerte ich mich noch gut daran, wie oft es wegen meines Zuspätkommens Ärger in der Familie gegeben hatte. Denn jemanden warten zu lassen, fiel für meinen Vater in die gleiche Kategorie wie Autodiebstahl, Urkundenfälschung oder die FDP zu wählen. Insofern beeilte ich mich, soweit mir das auf High Heels, mit Umhängetasche um die Schultern und einer DIN A1-großen Präsentationsmappe unterm Arm eben möglich war.
Hier war sie endlich: die Nummer 18! Da musste ich hin! Abrupt blieb ich stehen und starrte auf die Zahl. Meine Nerven flatterten wie ein eingesperrtes Vögelchen. Jetzt ganz ruhig, Norma!
Auf die Minute drückte ich mit zitternden Fingern die Klingel unterhalb des Plexiglas-Schilds mit der Aufschrift „K-Messe“ und hoffte angespannt, dass sich meine Atmung wieder normalisierte. Das Schild gehörte zu einem angesehenen, mittelständischen Unternehmen, einer Messebau-Firma, die sich auf Parfum- und Mode-Präsentationen spezialisiert hatte.
Der Summer öffnete mir automatisch. Mit der Hüfte drückte ich die massive Eichentür auf und fand mich in einem Treppenhaus mit rot ausgelegten Teppichen und Wänden aus weißem Marmor wieder. „Magnifique“, würde der Franzose sagen, im Lehel jedoch eher gehobener Standard und somit nicht außergewöhnlich.
Die kühle Temperatur des Altbaus kam meinen feuchten Achseln wie gerufen, und ich gönnte mir eine kurze Verschnaufpause. Dann postierte ich mich vor der richtigen Tür am Ende des Korridors und wartete. Schritte hallten zu mir heraus, und als man mir schließlich aufmachte, stand er vor mir: Eine Mischung aus Johnny Depp und Bruce Willis in jungen Jahren.
Mit einem derart gutaussehenden Mann hatte ich wahrhaftig nicht gerechnet. Mein Mund war mit einem Mal so trocken wie Schmirgelpapier. „Lass mich dich glücklich machen!“, lag mir auf der Zunge, und ich errötete unwillkürlich wie ein Teenager. Wir schauten uns an, und ich ging geistig bereits die Liste unserer Hochzeitsgäste durch, als seine Augen ausgerechnet an meinen Haaren hängen blieben. Oh nein!
Schnell strich ich mir eine Strähne aus dem Gesicht, und nach ein paar Schmatzgeräuschen lächelte ich gezwungen höflich: „Ja – ich will, äh..., grugh..., guten Tag, mein Name ist Norma Rank, wir haben einen Termin!“ Oh weh! Hatte ich das wirklich gesagt?
Musste er auch so außerirdisch umwerfend sein? Mein Scannerblick wertete schlagartig aus: markantes Kinn, dunkles Haar, Dreitagebart und vermutlich Mitte dreißig. Genau meine Kragenweite.
„Mark Engel, hallo, kommen Sie rein!“ Seine Stimme war freundlich und sanft, sie hatte einen rauchigen Unterton, der in mir eine Vielzahl biochemischer Mechanismen ankurbelte. Und hätte er mich genau auf diese Art gebeten, mich auszuziehen, stünde ich nun splitterfasernackt vor einem wildfremden Mann.
„Es tut mir leid, dass Sie sich am Wochenende hierher bemühen mussten, aber wir sind momentan sehr viel auf Montage und unter der Woche kaum im Büro“, klärte mich dieser atemberaubende Mann zuvorkommend und gleichermaßen ungefragt auf, während ich ihm nervös den Flur hinunter folgte wie ein tollpatschiger Welpe.
Wie sich herausstellte, besetzte er die Rolle des Abteilungsleiters für dreidimensionale Markeninszenierung im Haus, was bedeutet, dass sein Know-how über Entwurf, Planung und Realisation bis hin zum fertigen Messestand reichte. Kurz gesagt: Er war ein Genie (wenigstens in meinen verklärten Augen) und damit die rechte Hand der Firmenchefin.
Von seiner Größe überaus beeindruckt, ich schätzte ihn auf knapp zwei Meter, kam ich mir vor wie eine Ameise. Seinen wohlgeformten Hintern, der förmlich dazu einlud, eine Sünde zu begehen, im Fokus, fuhr ich mit meiner Musterung zwanghaft fort.
Dabei fielen mir unweigerlich seine extravaganten Schuhe aus Schlangenlederimitat auf, die mich beinahe ebenso begeisterten wie die etwas weiter oben sitzende Ray-Ban-Brille. (Ich dachte an die Lesebrille von Fielmann auf meinem Nachtkästchen und überschlug kurz die Kosten für ein Markengestell. Mit einem Rahmen dieser Güte würde ich meinem finanziellen Ruin ein gewaltiges Stück näherkommen.) Der Mann hatte definitiv Geschmack! War er etwa schwul? Oh nein, bitte nicht! Es wäre wirklich ein Verlust für die gesamte Frauenwelt!
Unter einer dunkelblauen Kapuzenjacke von Adidas blitzte ein schlichtes, graues T-Shirt hervor, dessen Aufdruck ich nicht erkennen konnte, und seine Jeans waren „used“. Gesamturteil: Lässig und doch perfekt aufeinander abgestimmt! Warum, um Himmelswillen, hatte ich anstelle des mausgrauen Kostüms nicht einen knappen Minirock mit Netzstrümpfen angezogen?
Was immer ich erwartet hatte, Mark Engel war nicht der typische Vorgesetzte, sondern vielmehr jemand, mit dem man sich gerne auf ein Glas Wein trifft, um anschließend seine Briefmarkensammlung gezeigt zu bekommen.
Wir gingen in sein Büro, in dem (oh Schreck!) ein kleines Mädchen saß und mich neugierig beäugte. Sie schien mit einem Modell gespielt zu haben, das auf dem Tisch stand und offenbar auf eine Präsentation wartete.
„Das ist Ramona, sie ist sieben Jahre alt und mein ganzer Stolz. Meine Frau liegt krank zu Hause, deshalb wird mir meine Tochter heute bei den Vorstellungsterminen helfen.“
So viel Information an dieser Stelle hätte es nicht gebraucht. Ein herber Schlag mitten ins Gesicht! Ein Klavier, das auf meinen Kopf knallte und in seine Einzelteile zersprang! Wenngleich ihn das als Hetero enttarnte, so hatte es sich dennoch ausgeträumt vom großen Glück und heißen Liebesnächten! Fuck! Da traf man einmal auf einen Kerl, der der Richtige hätte sein können, und dann so was! Wie naiv ich doch war! Klar, dass so ein Typ nicht frei herumrannte, da auch andere Frauen Augen im Kopf hatten und das Potenzial eines Mr. Right erkannten. Aber schön wäre es schon gewesen. So vergingen einige Sekunden, bis der Druck aus meinen Lungen entwich, ich die Kontrolle wiedererlangte und mich auf mein eigentliches Anliegen besinnen konnte: den Job!
Aufgeschlossen sorgte die Kleine mit ihrem Gequatsche zumindest für eine lockere Stimmung, und das konnte mir nur recht sein. Es half mir unter anderem, nicht ständig zu dem Foto auf dem Schreibtisch zu starren, das eine Frau zeigte, die locker ihr Geld als Fotomodell hätte verdienen können. Denn das Bild machte mir eines augenblicklich und unmissverständlich klar: Es gab sie tatsächlich, die berühmte Zwei-Klassen-Gesellschaft!
Ein Teil davon bestand aus eher gewöhnlichen Menschen wie mir, ganz süß, aber durchschnittlich, mit schnell fettender Haut, die ständig nachgepudert werden musste, dafür jedoch zu Pickeln neigte. Der andere Teil setzte sich aus Leuten zusammen, die ebenso elegant wie erhaben aus der faden Masse herausstachen und mit ihrem unvergleichlichen Lächeln den Tag erhellten, nach denen man sich umdrehte und die bisweilen sogar beim Zähneputzen graziös wirkten. Die Frau in dem silbernen Rahmen gehörte zweifelsohne zu der zweiten Gattung.
Na ja, sei's drum! Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass Herr Engel einen Ehering trug, machte ich einen Haken unter den letzten Hoffnungsschimmer und stellte mich der bitteren Wahrheit: Für uns würde es keine gemeinsame Zukunft geben, egal wie versaut meine Fantasien auch sein mochten! Also packte ich meine Zeichnungen und Fotos von Architekturmodellen aus (ich war gelernte Technische Zeichnerin), richtete meine Aufmerksamkeit auf die üblichen Einstellungsfragen, erzählte ein bisschen über meine bisherigen Tätigkeiten und versuchte dabei fachlich möglichst professionell zu sein.
Im Anschluss zeigte mir Herr Engel noch die großzügigen Räumlichkeiten: Im vorderen Bereich befand sich der Kundenempfang, etwas weiter hinten die bereits flüchtig besehenen Büro- und Präsentationsräume. Alles sehr geschmackvoll und stilsicher, in hellen Farben gehalten, nicht überladen, sondern mit Mut zur freien Fläche.
Über den Hof im Rückgebäude erstreckte sich die Werkstatt, die das umsetzte, was vorab am Zeichenbrett oder am Computer entwickelt und in der Controlling-Abteilung verfeinert wurde. Das konnte man durchaus als eine Besonderheit bezeichnen, da branchenüblich die Produktionsstätten außer Haus eingekauft wurden und sich Partnerfirmen nannten. Aber ich hatte mich im Vorfeld ausreichend informiert und war deshalb nicht weiter überrascht. Schließlich hatte ich Gründe, weshalb ich mich speziell für diese Stelle interessierte.
Als wir uns nach einer knappen Stunde voneinander verabschiedeten, versprach mir der Grund für eine nahende Kreislaufschwäche, sich in den nächsten Tagen bei mir zu melden – wie auch immer die Entscheidung ausfallen würde. Ich bedankte mich manierlich für seine Zeit und machte mich mit Knien aus Gummi auf den Weg zu meinem kleinen Fiat 500, der drei Straßen weiter parkte, weil sich das Navi mal wieder vertan hatte.
Draußen donnerte es mittlerweile laut, und die Sonne war hinter einer dicken Wolkendecke verschwunden. Das nahende Unwetter trieb mich zur Eile, und ich war froh, endlich im Auto zu sitzen.
Auf der Heimfahrt überlegte ich fieberhaft hin und her, wurde mir jedoch immer sicherer, dass ich in dieser Firma arbeiten wollte. Und das unabhängig davon, mit wem ich es dort zu tun hatte oder weil mir das Altbauviertel nahe des Englischen Gartens imponierte. Indem ich mir plausibel einredete, dass die Stelle für meinen Lebenslauf eine wichtige Station sei, ignorierte ich zugleich die ersten offenkundigen Anzeichen einer Katastrophe.
Wieder zuhause, ließ ich das Geschehene noch einmal Revue passieren. Wie meistens, wenn ich daheim war, lief der Fernseher. Irgendeine dieser belanglosen Gerichtssendungen wurde gerade zum ich weiß nicht wievielten Male wiederholt, sorgte aber nicht dafür, all die eben erlebten Eindrücke wieder zu vergessen. Die Begegnung mit diesem beeindruckenden Mann blieb gedanklich vordergründig. Nachdem mein Magen sich langsam bemerkbar machte und mich darauf hinwies, dass außer einem Kaffee noch ein Frühstück fällig gewesen wäre, ging ich in die Küche, um mir ein Brot zu schmieren. Ein kleiner Nachmittagssnack. Völlig in Gedanken vertieft, mischte ich mir eine Apfelschorle. Mit Essen und Getränk bewaffnet, setzte ich mich aufs Bett. Dort lümmelte ich immer dann herum, wenn ich mich zurückziehen wollte und mich selbst sortieren musste. Nach dem letzten Bissen zündete ich mir eine Zigarette an. Langsam inhalierte ich den Rauch, der meine Lungen füllte, aber nicht bis zu meinem Hirn vordrang. Ich stellte mir vor, Mark Engel würde hier neben mir sitzen, mich anlächeln, mir einen Brotkrümel vom rechten Mundwinkel wischen und sagen, dass er mich liebte. Wie cool wäre das denn? Aber was war nun richtig und was falsch? Denn obwohl ich mit reichlich Fantasie gesegnet war, schaffte ich es nicht auszuklammern, dass dieser Mann bereits vergeben war. Eine bittere Pille. Und dennoch wollte ich sie schlucken. Oder nein? Ich vermute, dass mir die Tragweite des Ganzen zu diesem Zeitpunkt in keiner Form bewusst war.
Ruhelos stand ich auf und ging ins Bad. Dort ließ ich mir eine heiße Wanne ein. Versunken im Schaum, kam ich langsam ein wenig runter. Der Duft von Lavendel und die Wärme taten mir gut. Entspannt lehnte ich mich zurück, ignorierte das Buch, das ich schon seit Langem zu Ende lesen wollte, und versuchte nicht weiter nachzudenken. Leider funktionierte das nicht im Entferntesten so wie geplant. Für und Wider abwägend, sinnierte ich darüber, ob dieser Job das Richtige für mich sein konnte. Der Job war einfach perfekt, eine wirkliche Chance, meinen Lebenslauf gehörig aufzupeppen und einen riesigen Schritt auf der Karriereleiter nach oben zu steigen. Doch ob ich mich in Mark Engels Gegenwart wohl jemals würde konzentrieren können? War es tatsächlich eine so gute Idee, mich dieser Herausforderung zu stellen? Meinem Herz das zuzumuten? All diese Fragen und die Erinnerungen an das heutige Gespräch versetzten mein Hirn in einen absoluten Ausnahmezustand. Ich musste es irgendwie schaffen, all diese Gedanken beiseite zu schieben.
Aber dennoch: Es gab einen Mark Engel. Und ich fühlte mich magisch von diesem Mann angezogen. Dass ich Gefahr lief, mich ernsthaft in ihn zu verlieben, verweigerte meine Denke. So nahm ich bewusst oder unbewusst den Kampf gegen meine eigenen Gefühle auf.
Drei Wochen später fing ich bei „K-Messe“ an. Ich hatte es also geschafft und mir eine Position gesichert, von der andere ein Leben lang träumten! Obwohl ich noch nicht über allzu viel Erfahrung verfügte und außerdem eine Frau war, was in dieser Branche eine Art Seltenheitswert hat, gab man mir eine Chance. Eine neue Ära begann, und ich freute mich voller Stolz darauf.
Nicht nur mein Gehalt stimmte, sondern auch die neuen Kollegen waren in Ordnung. Durch die Bank alle sehr sympathisch. Wenn ich eine Frage hatte, standen sie mir hilfsbereit zur Seite, packten mit an und nahmen mir so meine anfängliche Unsicherheit. Ehrgeizig bemühte ich mich, von ihnen zu lernen und meinen Aufgaben gerecht zu werden. Fleiß sollte mir dabei helfen, nicht ständig an den Mann zu denken, der mich so durcheinandergebracht hatte und mein Herz nach wie vor Cha-Cha-Cha tanzen ließ.
Es war bedauerlicherweise nicht nur der erste Eindruck gewesen und auch nicht der zweite oder der dritte, der mich expressiv in eine Schieflage geleitet hatte. Nein – es hatte mich erwischt! Wie stark vermochte ich noch nicht zu sagen, aber mein Vorgesetzter machte mich irre, so viel stand fest! Und mich mit Arbeit abzulenken, klappte leider nur bedingt. Einerseits wurde ich dadurch zwar schnell zu einer produktiven Mitarbeiterin, andererseits blieb der gewünschte Effekt aus. Denn es gestaltete sich problematischer als angenommen, jemanden aus seinem Hirn zu katapultieren, dem man täglich über den Weg läuft.
Quer schoss dabei auch die Firmenpolitik, die vertraglich vorschrieb, sich intern gegenseitig mit den Vornamen anzusprechen – ein Umstand, der wenig förderlich war, wenn man eigentlich einen Sicherheitsabstand für besser hielt, aber was sollte ich tun?
Obwohl ich mich nach außen um Distanz bemühte, war es nicht von der Hand zu weisen, dass Mark mich mental über Gebühr in Beschlag nahm. Und meine Telefonkritzeleien bedurften wahrlich keiner psychologischen Deutung. Verträumt malte ich seinen Namen in den verschiedensten Varianten auf kleine Zettelchen, die ich schnell wieder zerknüllte und in den Müll warf, sobald ich realisierte, was ich da tat.
Nichtsdestotrotz passten unsere Initialen meiner Meinung nach gut zusammen. Aber egal! Spielte eh keine Rolle, durfte es ja auch gar nicht! Wie kam ich nur auf solchen Blödsinn? Das war der völlig falsche Ansatz! Doch ungeachtet dessen, dass Mark eine Frau hatte, deren Name bestimmt noch viel besser zu ihm passte als mein eigener, fand ich ihn toll und erlag seiner Anziehungskraft.
Keinesfalls wollte ich mich vor ihm blamieren oder zeigen, wenn ich mir an einem Projekt die Zähne ausbiss. Er sollte mich schließlich ernst nehmen und sehen, dass er sich richtig entschieden hatte, als er mir die Stelle gab. Dass mein Brustbereich in seiner Nähe häufig auffällig spannte, stand auf einem anderen Blatt.
Zu dieser Zeit hatte ich noch ein oder zwei Beziehungen am Start. (Oder waren es mehr?) Altes klang aus, und etwas noch Älteres machte nach wie vor keinen Sinn. Auch neuen Bekanntschaften gegenüber zeigte ich mich als moderne junge Frau nicht automatisch abgeneigt.
Das bedeutete allerdings nicht, dass ich leicht zu haben, wohl aber auf der Suche war und meinen Marktwert testete. Doch auch wenn ich mich mit verschiedenen Männern traf, hielt sich meine Begeisterung dabei meist in Grenzen. Ich war es leid, Kompromisslösungen einzugehen, und hatte es satt, jemandem tiefe Gefühle vorzugaukeln, bloß weil man sich gerade mal nett unterhielt.
So konsumierte ich seelische Streicheleinheiten oder hatte einfach nur Sex, ohne emotional viel zu investieren. Dabei brauchte ich weder das Kuscheln davor noch die Zigarette danach, wichtig allein war nur der Akt an sich. Ein flüchtiges Empfinden von Geborgenheit, wie bei einer Momentaufnahme. Damit sprengte ich zwar ein Klischee, aber ich hatte noch nie irgendeinem Stereotyp entsprochen.
Tatsächlich glaubte ich an die große Liebe und daran, dass der Blitz einschlug, wenn man seinem Seelenpartner begegnete. Darauf würde ich warten, und bis dahin musste ich mich gedanklich irgendwie von Mark lösen. Denn: Wer keinen Notstand hat, muss nachts auch nicht regelmäßig von seinem Chef träumen – ein Konzept, das für eine Weile recht passabel funktionierte. Aber eben nur für eine Weile.
Wie es dann weiter ging? Nun ja, zwischen Mark und mir entwickelte sich keine greifbare Annäherung, aber durchaus eine wachsende Sympathie. In dem Bewusstsein, einen verheirateten Mann vor mir zu haben, der noch dazu ein Kind mit langen blonden Zöpfen hatte, hielt ich mich pflichtbewusst an die Regeln.
Darum bemüht, meine anstößigen Denkinhalte, die ich seit dem ersten Aufeinandertreffen hatte, zu unterdrücken, verdrängte ich die Bilder unserer kopulierenden Körper aus meinem Schädel, auch wenn ich rund um die Uhr grübelte, wie alt er tatsächlich sein mochte. Und ja, ich kochte ihm Kaffee, kaufte Mittagessen oder half mit Zigaretten aus, aber mehr war da nicht. Ich erledigte quasi den Job einer durchschnittlichen Sekretärin, obgleich das nicht Inhalt der Stellenbeschreibung gewesen war.
Ambivalent wog ich immer wieder ab, ob ich wirklich auf ihn abfuhr oder ihn vielleicht nur sehr gern hatte. Vermutlich ein bisschen von beidem. In jedem Fall wollte ich ihm etwas Gutes tun, und da mir unter den gegebenen Umständen ein Blow-Job verwehrt blieb, waren die Möglichkeiten eben begrenzt.
Irgendwie wünschte ich mir, Mark danken zu können, denn er leitete sein Team praktisch mustergültig und tat beinahe alles für seine Abteilung. Bei neuen Projekten hatte er stets die Muße, uns alles haarklein zu erklären, stärkte uns im Ablauf mit Rat und Tat, war nie genervt und nahm es mit Humor, wenn mal was daneben ging. Er sprang selbst dann schützend vor uns, wenn alle Fakten gegen uns sprachen, und riskierte lieber seinen eigenen Hals, als Andere hinzuhängen. Schoss einer einen Bock, setzte er sich stellvertretend mit unserer Chefin auseinander, die in der Tat nicht sehr umgänglich war.
Gerade wenn Gerlinde Sackser, die übertakelte Dekoschnecke und Inhaberin der Firma, ihn zur Rechenschaft zog, brüllte er ungehalten so lange zurück, bis sie sich wieder beruhigte und einlenkte. Allein dafür verdiente er einen Orden!
Und Gerlinde, die mit ihren Wechseljahren kämpfte, hatte sich bisweilen nicht besonders im Griff. Sie gehörte zu den Menschen, die ihre schlechte Laune – am schlimmsten war es montags – pauschal an ihren Angestellten ausließen.
In ihrer Gegenwart lief plötzlich jeder wie auf rohen Eiern. Betrat sie den Raum, wurde ich sofort flatterig und merkte, dass mir die Angst den Nacken hinaufkroch – und das völlig ohne Grund. (Wie in der U-Bahn: Selbst wenn ich wusste, dass ich gestempelt hatte, und die Fahrscheine kontrolliert wurden, bekam ich Panik.) Ich schaffte es manchmal kaum, sie anzusehen, und fragte mich oft, ob sie vor der Menopause genießbarer gewesen war.
Warum Mark so mit ihr umspringen durfte, wie er es tat, lag daran, dass die beiden eine gemeinsame Vergangenheit teilten: Sie hatten bereits früher zusammen bei einem Messebauer gearbeitet.
Der Geschäftsführer dort war ein Arschloch, wie es im Buche steht, denn er liebte es, das weibliche Personal zu schikanieren. Seine cholerische Art hatte ihm in seiner Jugend bereits einen Knast-Aufenthalt beschert, der seine schlagkräftige Natur erst richtig zum Vorschein brachte.
Eines schönen Tages – sein Kopf hochrot, die Backen gebläht, der Puls rasend – verlor er seine Selbstbeherrschung gänzlich. Und genau das bekam Frau Sackser hautnah mit, als ihr der Chef in der Tiefgarage eine gewaltige Ohrfeige verpasste, nur weil sie versehentlich sein Auto gerammt hatte. Keiner vermag zu sagen, was noch passiert wäre, wenn Mark nicht just in diesem Moment ebenfalls beschlossen hätte, Feierabend zu machen.
Mark sah die Rangelei, durchschaute den Sachverhalt in Sekunden, war sich dessen bewusst, dass die Gefahr noch nicht gebannt war, und positionierte sich ohne zu zögern schützend zwischen dem Angreifer und Gerlinde. Es kam zu einer Anzeige, einer Gerichtsverhandlung und infolgedessen zu einer Geschäftsaufgabe. Mark, der als Zeuge auftrat, trug seinen Teil dazu bei, dass die Richter nicht allzu milde urteilten.
Im direkten Anschluss an den unliebsamen Vorfall nahm er die heulende Kollegin jedoch erst mal mit zum Bowling, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Und wie es der Teufel will, verliebte sich diese noch am gleichen Abend in Marks besten Freund Karl. Um es kurz zu machen: Karl war von Frau Sackser hingerissen, sodass zwei Jahre später bereits eine Hochzeit folgte. Der Erstgeborene kam einen Monat darauf zur Welt, und man machte Mark postwendend zum Taufpaten.
Gerlinde hatte all das nie vergessen (was man ihr wiederum zugute halten musste), weshalb ihre Sympathie Mark gegenüber ungebrochen blieb, egal was geschah. Treu und loyal holte sie ihn vor einiger Zeit aus einer geschäftlichen Misere direkt in ihre Firma, obwohl dieser eigentlich Architektur studiert hatte und damit als Quereinsteiger galt. Seither wurde nachgemault, sich gestritten und kamerareif wieder versöhnt, aber beide wussten mit Gewissheit, dass sie sich im Ernstfall aufeinander verlassen konnten.
Natürlich waren nicht nur Obrigkeiten in der Liebigstraße zugange, sondern auch eine Reihe von Mitarbeitern, die auf meiner Ebene schwammen, und es wäre unfair, diese unerwähnt zu lassen: Zu viert teilten wir uns einen Raum, der sich „Planungsvorstufe“ nannte.
Da gab es Felix (32), der sieben Tage nach mir bei „K-Messe“ angefangen hatte und deswegen mit seiner eigenen Situation beschäftigt war, denn alles zu beschnuppern und sein Revier zu bepinkeln, erfordert höchste Konzentration. Er gliederte sich problemlos ein und zeigte sich offen für Gespräche, solange diese kritiklos mit seiner Person umgingen. Wir etikettierten ihn heimlich mit Sparfuchs, denn er liebte es, mit seinem Geld zu geizen. In der Kantine einen Block weiter, niemand sonst würde dort einen Bissen runterkriegen, handelte er mit Vorliebe an der Kasse, und wenn er einen extra Knödel gratis abstaubte, war er mit sich und der Welt zufrieden. Er lebte ganz nach dem Prinzip „Nehmen ist besser als geben“ und fühlte sich damit pudelwohl.
Dann war da noch Anton (28), der sich in seiner Freizeit als exhibitionistischer Performancekünstler behauptete. Aufführungen, bei denen man nackt durch winterliche Minusgrade im Schnee um die Bavaria auf der Theresienwiese herumhüpfte, gehörten zu seinem außergewöhnlichen Repertoire. Gleichermaßen philosophisch wie in sich gekehrt, konnte man seine Absichten meist nur erahnen, was die Kommunikation mit ihm manchmal etwas schwierig gestaltete und Missverständnisse nicht ausschloss. Dennoch kamen wir bestens miteinander aus.
Zu meiner Anfangszeit war jedoch hauptsächlich Reimund (30) mein Ansprechpartner. Er unterstützte mich nach Kräften und wurde damit praktisch zu meinem Mentor. Auch wenn Reimund launisch sein konnte, habe ich doch viel von ihm gelernt. Seine Kompetenz sicherte ihm einen Stellenwert in der Firma, dem selbst seine ungepflegte Erscheinung nichts anhaben konnte. Einen Haarschnitt benötigte er nicht, und seine Klamotten waren stets zerknittert. Die Löcher in seiner verlotterten Kleidung hatte ich irgendwann aufgehört zu zählen. Auch Körpergerüche kümmerten ihn wenig. Sein Geschmack beschränkte sich rein auf die Arbeit, sein Aussehen war ihm egal. Wen störten schon Oberflächlichkeiten wie zwei gleiche Socken? Und weshalb sollte man einen Pulli nicht auch mal verkehrt herum tragen?
Es handelte sich im Großen und Ganzen um einen recht lustigen Haufen mit den unterschiedlichsten Charakteren. Wir hatten Spaß, flachsten gelegentlich albern herum und nahmen uns gegenseitig gerne auf die Schippe. Langweilig wurde es nie, und ich freute mich darüber, dass man mich akzeptierte.
Unstimmigkeiten nahm ich mir sehr zu Herzen. Und meine genetisch bedingte Harmoniesucht, die ich von meiner Mom übernommen hatte, machte es auch den Anderen oft nicht leicht. Es war mir enorm wichtig, dass wir uns alle gut verstanden, und – aufgrund meiner weiblichen Veranlagung – wollte ich grundsätzlich alles bis ins kleinste Detail ausdiskutieren. Damit biss ich jedoch bei meinen „Jungs“ meist gehörig auf Granit. Wir sprechen hier schließlich über drei Männer. Aber das machte nichts, denn auch in dieser Hinsicht waren sie hervorragende Lehrmeister fürs Leben.
Mein tägliches Highlight hieß jedoch nach wie vor unumstritten Mark, und die Augenblicke, die ich an seinem Schreibtisch hockte, wurden länger.
Er begleitete mich neuerdings, wenn ich mittags zum Bäcker ging, und auch die Zigarettenpausen verbrachte ich nicht mehr alleine in der Küche, sondern immer öfter in seinem Büro.
Ich scheiterte zwar kläglich daran, mein verdorbenes Gedankengut einzubremsen, dennoch flirtete ich nicht und verhielt mich weitestgehend diskret, obwohl ich innerlich danach lechzte, mich unschicklich auf seinem Schoß zu räkeln. Aber einen Quickie in der Besenkammer à la Boris Becker würde es nicht geben.
Die Gespräche, die meist ganz gewöhnlich mit der Frage „Wie geht's?“ begannen, waren ein Mix aus Trivialität und Tiefgang. Wir unterhielten uns wie Freunde, ließen immer mehr Substanz zu, und ich erfuhr, dass er tatsächlich 35 Jahre alt war. Ich hatte also mit meiner Schätzung gar nicht so daneben gelegen und hielt den Altersunterschied zwischen uns durchaus für vertretbar.
Bedauerlicherweise kristallisierte sich jedoch schon bald heraus, dass ich Marks Gegenwart augenscheinlich nicht ganz so unbemerkt genoss, wie ich gedacht hatte. Zweifelsfrei erahnte der Rest der Abteilung, dass hier etwas im Gange war ohne genau zu wissen was. Aber wie auch? Ich kapierte ja selbst kaum, was genau geschah. Es schlichen sich unerwünschte Begleiterscheinungen ein, die in Form von Neid und Missgunst zutage traten. Unterschwellige Bemerkungen über mich oder meinen „Sonderstatus“ häuften sich, wodurch das bisher so angenehme Klima ein wenig in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Doch während ich mich bei meinen Kollegen rege ins Zeug legte, um die Wogen wieder zu glätten und Vorbehalte auszuräumen, veränderte sich mein Umgang mit der sprunghaft gelaunten Frau Sackser in eine ganz andere Richtung: Ich gewann ihr gegenüber an Selbstvertrauen und nahm nicht mehr jede ihrer Attacken persönlich.
Je mehr ich mich Mark verbunden fühlte, desto mehr vertraute ich ihm. Er würde mich beschützen, wenn es hart auf hart kam, und nicht zulassen, dass man mir ernstlich schadete. Neben ihm konnte mir niemand etwas anhaben – glaubte ich jedenfalls.
Wir suchten nach Gemeinsamkeiten, und wir fanden sie. So hatten wir gleichermaßen eine Schwäche für Schokolade, Horrorfilme, Musicals und geschichtliche Romane, konnten aber dafür Freibäder, Gesellschaftsspiele und griechisches Essen nicht ausstehen.
Ich erinnere mich an zwei Wochen, in denen wir partout das Rauchen aufhören wollten. Wir hatten – unabhängig voneinander – einen Bericht im Fernsehen gesehen, der darüber aufklärte, wie schädlich Nikotin und Teer waren. Als hätten wir vorher noch nie davon gehört, erkannten wir urplötzlich das Risiko, das von den verfluchten Glimmstängeln ausging, die uns abhängig machten.
Gesund zu leben wurde für uns ab sofort zur fixen Idee. Symbolisch bröselten wir Seite an Seite unsere letzte Zigarette in die Toilette und schmissen den Filter in den Abfall. Jeden Morgen empfingen wir uns gespannt mit der Frage: „Und, hast du durchgehalten?“, worauf beiderseits ein stolzes Nicken folgte.
Fünf Tage später wurde Mark jedoch rückfällig, was mich demzufolge anstachelte, ihm zu beweisen, wie konsequent ich sein konnte. Nun war „Konsequenz“ nicht das, was bisher irgendwer auch nur im Entferntesten mit mir in Verbindung gebracht hätte, doch ich wollte unbedingt Eindruck schinden!
In den nächsten zwei Wochen präsentierte ich mich ebenso anstrengend wie zickig – kein Vergleich zu den Tagen vor meiner Periode. Und das war natürlich nicht gerade meine Intention! Ich hatte den Entzug reichlich unterschätzt und registrierte selbst, wie ich jedem auf den Zeiger ging. Bevor meine Marotten überhandnahmen, streckte ich also die Waffen und kapitulierte ebenfalls.
Der gescheiterte Versuch schmerzte zwar, aber wir hatten immerhin etwas Bedeutsames zusammen erlebt. Beim nächsten Mal – so belogen wir uns – würde es bestimmt klappen.
Ich hätte derzeit, es war Anfang September, und die Tage wurden bereits kürzer, meinen Zustand selbst rein subjektiv nicht als verknallt deklariert. Verknallt – was für ein blöder Ausdruck, der einen in eine Schublade stopfte, ohne genauer hinzusehen.
Mark faszinierte mich zwar, und ich realisierte durchaus mein etwas übersteigertes Interesse an ihm, deshalb war ich aber noch lange nicht verknallt! Da gehörte schon ein bisschen mehr dazu! Oder? Schließlich wusste ich, dass Mark eine Frau hatte. Eine Frau mit einem Namen: Helga! Und wir reden dabei nicht von der durchschnittlichen Hausfrau, sondern dem Inbegriff der Weiblichkeit mit den Maßen 90-60-90, die – wenngleich auch keine 17 mehr – in herkömmlichen KFZ-Werkstätten üblicherweise in den Spinden hing.
Woher ich das wusste? Nun, ich hatte sie auf Facebook gefunden und darüber einen Verweis auf ihre eigene offizielle Homepage.
Sehr wohl ahnend, dass ich meine Neugierde schnell bereuen würde, machte ich einen folgenschweren Fehler: Ich klickte den angegebenen Link an. Hätte ich das mal besser gelassen! Aber Hochmut kommt ja bekanntlich vor dem Fall, und dementsprechend rächte sich meine virtuelle Schnüffelei. Warum musste ich auch meine Nase in Dinge stecken, die mich nichts angingen?
Zumindest war es damit offiziell! Helga Engel sah nicht nur so aus, als könne sie ihr Geld als Model verdienen, sie tat es tatsächlich. Eine Information, auf die ich gerne verzichtet hätte. Aber die Seite auf meinem Monitor war der Beweis und präsentierte ebenso erbarmungslos wie geschmackvoll ihre Setkarte zum Downloaden.
Eine Flut von Aufnahmen ihrer bisherigen, recht erfolgreichen Karriere priesen ihre Vorzüge an, ohne dass sie sich dafür hätte ausziehen müssen. Das Internet spuckte mir unnachsichtig ins Gesicht und fütterte meine Wissbegier mit qualvollen Einzelheiten. Helga war Skorpion, genauso alt wie ihr Gatte, und mit einer Schönheit gesegnet, die mich neben ihr durchsichtig erscheinen lassen würde. In Verona geboren, von einer italienischen Mutter, die aus gutem Hause kam und einen deutschen Piloten geheiratet hatte, studierte sie – nachdem die Familie Italien den Rücken gekehrt hatte – ursprünglich Germanistik. Um ihr Studium zu finanzieren, fing sie nebenher an zu modeln und blieb auch nach summa cum laude bei diesem Beruf. Sie war also nicht nur schön, sondern auch klug, zeigte sich gerne und schien damit nicht unerheblich zu verdienen. Metaphorisch könnte man sagen, dass ich als Kinderriegel durchging, während man sie als formvollendete Praline beschreiben könnte.
Niederschmetternd, einfach nur niederschmetternd! Manchmal hörte ich per Zufall (ehrlich!) Telefongespräche mit, wenn Mark daheim anrief. Er lauschte geduldig, wenn sie schilderte, wie sie ihren Tag verbracht hatte, teilte ihr mit, jetzt nach Hause zu kommen, oder informierte sie, wenn es später wurde in der Firma. Mein linkes Augenlid fing dann oftmals an zu zucken, und ich musste mir eingestehen, durchaus ein wenig neidisch zu sein.
Oder war ich doch verschossen in den Typ? Deckte sich die Reduktion auf die körperliche Anziehung vielleicht tatsächlich nicht ganz mit der Wahrheit? War das freundschaftliche Getue etwa nur Tarnung?
Ich flüchtete mich nicht in die Abstraktion, dass Mark als Partner für mich in Frage käme, das konnte ich zu diesen Zeitpunkt ohne Weiteres mit Gewissheit sagen. Er war verheiratet, Ramonas Vater und spielte außerdem in einer völlig anderen Liga! Weshalb sollte sich ein Mann wie er überhaupt näher mit mir befassen? Wenn auch um einiges jünger, verblasste ich in einer Nebeneinanderstellung mit Helga geradezu, da würden auch meine grünen Augen nicht weiterhelfen. Und einen wie Mark wickelte man nicht mal eben um den kleinen Finger, zumal die beiden ein Kind hatten und sich seit ihrer Jugend kannten.
Immerhin begriff ich, dass ich mich nach jemandem sehnte, der mich anrief, wenn es in der Arbeit mal länger dauerte. Das brauchte nicht Mark zu sein, sondern irgendwer, der wie er war und nach ähnlichen Werten lebte. Ein Kerl, der sich um mich kümmerte, der gefühlvoll war und trotzdem Stärke ausstrahlte.
Mark verkörperte all das, was ich mir immer von einem Mann gewünscht hatte. Die Typen, die ich bisher kennen gelernt hatte, waren dagegen eine eher mäßig überzeugende Ausbeute, zumal ich bis dato selbst nicht genau gewusst hatte, wonach ich eigentlich suchte. Aber würde sich ein Mann mit diesem Format je für mich interessieren und obendrein auch noch frei sein? Vielleicht gab es ja irgendwo seinesgleichen – einen Prinzen, der nur darauf wartete, sich in mich zu verlieben. Ich entschied mich, darauf zu warten, und hoffte das Beste.
Leider war es kein Prinz, der sich kurz darauf zu erkennen gab, sondern eine Kröte, die auch nach 1000 Küssen eine solche bleiben würde: ein Kollege aus dem Rückgebäude, ein Handwerker – Christoph Kresser (25). Durch ihn kam etwas in Gang, das ohne seine Initiative vermutlich niemals geschehen wäre. Mark wurde eifersüchtig, und ich vermute, dass dies der Moment war, in dem er begann, in mir eine Frau zu sehen.
Während ich also insgeheim auf eine selbstzerstörerische Art für Mark schwärmte, mit dem eine Beziehung so unmöglich schien, als würde er auf dem Mars wohnen, wurde innerhalb der Firma ein stiller Verehrer mir gegenüber immer lauter.
Bisher habe ich nur die Abteilung der Planungsvorstufe eingehender beschrieben, aber in Wirklichkeit beschäftigte „K-Messe“ als mittelständisches Unternehmen insgesamt 28 Mitarbeiter. Die Aufgaben verteilten sich über Messebau, Kundenkontakte und diverse Planungsstellen. Ging man durch den Innenhof zur Werkstatt, traf man die Produktioner an, die ihre Tage mit Sägen, Schweißen und Verleimen verbrachten.
Das war grundsätzlich keine schlechte Sache. Und welche Frau hat nicht schon mal insgeheim über ein Stelldichein mit einem Blaumann nachgedacht? Wenn auch nicht unbedingt originell, galt das immerhin als eine der erotischsten Fantasien überhaupt – rein hypothetisch.
Trotzdem kam es natürlich darauf an, wer und was in so einem Blaumann steckte, und Christoph, der sein Geld als Schreiner verdiente, ähnelte nun nicht gerade dem Archetyp. Stattdessen war er kleinwüchsig, von der Statur her eher untersetzt, trug einen Vollbart und hatte viel zu dichte Augenbrauen, die sich bis über die Nase kräuselten. Mit einem optischen Überflieger gab es demzufolge keinerlei Übereinstimmungen.
Dazu gesellten sich charakterliche Merkmale, die ihm hin und wieder erheblich im Wege standen. So nahm er sich nicht nur im Job ziemlich wichtig, sondern bei praktisch allen Dingen, auch wenn sie ihn nichts angingen. Außerdem petzte er leidenschaftlich gerne. Wenn etwas schief ging, galt es demnach tunlichst zu vermeiden, dass er davon Wind bekam, denn er nutzte jede Info sofort, um sie an Gerlinde weiterzuleiten, der er mit Vorliebe in den Allerwertesten kroch.
Somit gliederte er sich in die Kategorie der Schattenparker ein, und man betrachtete ihn als Mitläufer, der kontinuierlich nach Bestätigung suchte. Ständig verwendete er das Wort „knuffig“, und auch seinen Enthusiasmus für Mittelaltermärkte teilte in der Firma niemand.
Wertfrei betrachtet, tat er mir fast ein bisschen leid, weswegen ich ihm freundlich begegnete und großzügig darüber hinweg sah, was für ein Waschweib er war. Von seiner Geschwätzigkeit abgesehen, konnte ich ihn zunächst sogar ganz gut leiden. Als Kumpel!
Irrtümlich nahm ich an, dass Christoph ebenso wenig von mir wollte wie ich von ihm, und hatte keine Ahnung, dass hier etwas mehr Vorsicht von Nöten gewesen wäre.
Was ich ebenfalls nicht wusste: Er liebte die Frauen. Nicht etwa Blonde oder Brünette, sondern alle, die einen Puls hatten und nicht bei drei auf dem Baum waren. Aber ich war immer noch die Neue, und sein umstrittener Ruf hatte mich noch nicht ereilt, weswegen mein Unwissen zu einem fatalen Missverständnis führte.
Passiert ist Folgendes: Christoph, der zufällig mitbekam, dass ich zwischen Feierabend und einem Kinobesuch mit Freundinnen etwas Leerlauf hatte, lud mich auf einen Drink ins „Tattenbach“ (eine nahegelegene Kneipe) ein. Ich wertete das als nette Geste, ohne mir weiter etwas dabei zu denken, und da ich ihm das Gleiche unterstellte, sagte ich arglos zu.
Selbst als Mark mich an diesem Tag kopfschüttelnd verabschiedete und giftig meinte: „Was willst du denn mit dem kleinen Säufer? Der Wicht ist doch hinter jedem Rock her!“, war ich noch nicht gewarnt. In meinen Ohren klang es vielmehr wie ein Spaß, eine belanglose Stichelei, denn dass Christoph nicht zu seinen engsten Freunden zählte, war kein Geheimnis.
Was Mark jedoch konkret mit „Säufer“ meinte, brachte ich dann relativ schnell in Erfahrung – es war genau 18:00 Uhr, als Christoph sein erstes Weißbier orderte.
Bei milden Temperaturen saßen wir uns in der Abendsonne an einem kleinen runden Holztisch gegenüber, außerhalb des Lokals in einer unbefahrenen Seitenstraße, mehr oder minder auf dem Gehweg. Eigentlich sehr idyllisch. Die Vögel zwitscherten, und die Menschen um uns herum wechselten gerade vom Arbeits- in den Freizeitmodus.
Wir schauten der engagierten Bedienung dabei zu, wie sie erst die Tischplatte mit einem Lappen säuberte und im Anschluss eine winzige mir unbekannte Topfpflanze darauf stellte. Kaum einen Augenblick später eilte sie mit unseren Getränken herbei, dabei erwiderte sie mein Lächeln aufgeschlossen, während sie Christoph eher ignorierte. Dieser Umstand wunderte mich zwar ein bisschen, beschäftigte mich aber nicht weiter. Müde vom Tag freute ich mich stattdessen auf meinen Kaffee, der nach frisch gemahlenen Bohnen roch und den Koffeinschub versprach, den ich mir erhoffte. Entspannt lehnte ich mich zurück und harrte der Dinge, die da kommen würden, bis mir bewusst wurde, dass mein Begleiter sich benahm, als wäre er am Verdursten.
Staunend sah ich dem Zwerg dabei zu, wie er das Bier in seinen Rachen kippte, als hätte er ein Loch im Bauch. Der Zucker in meiner Tasse hatte sich noch nicht aufgelöst, als Christoph bereits lauthals Nachschub verlangte. Die enorme Geschwindigkeit, in der er sich betrank, war wirklich verblüffend, und ich überlegte, ob das für eine Anmeldung bei „Wetten dass ...?“ reichen würde. Schaumreste hingen in seinem Bart, was den Grad seiner Attraktivität nicht unbedingt steigerte, weswegen – ich um Ablenkung bemüht – versuchte, ein Gespräch in Gang zu bringen.
Jammerschade, auch hier: Fehlanzeige. Spannendes hatte er nicht zu berichten, nur eine zusammenhanglose Brühe, die meine Ohren strapazierte. Selbst der ausschweifende Monolog über seine Großmutter, die ihre Inkontinenz mit frischen Pfifferlingen behandelte, ödete mich bald an.
„Zu den Pilzen gibt es immer ganz leckeren Schweinebraten, und sie ist für ihr Alter ja noch sooo knuffig!“ Davon abgesehen, dass ich eine Kombination von Pilzen und Schweinebraten pervers fand, drängte sich mir die Frage auf, ob es einen Ödipus-Komplex zweiten Grades gab oder ob mein Kollege nur vollkommen durchgeknallt war.
Während ich einer vorbeilaufenden Frau mit ihrem Hund hinterher sah, der Ähnlichkeit mit einer überdimensionalen Heuschrecke hatte, kämpfte Christoph eisern mit dem Inhalt seines dritten Weißbieres. Wann hatte er sich das bestellt? Er musste es heimlich getan haben, um genau 18:47 Uhr, als ich mir mit Hilfe eines kleinen Taschenspiegels die Lippen nachgezogen hatte.
Nachdem dann auch noch seine Finger wiederholt nach meinen Händen grabschten und seine Geschichten anfingen, mich ernsthaft zu langweilen, entschloss ich mich, die Zelte schleunigst abzubrechen. Dabei fiel mir das Verhalten der Bedienung wieder ein, und ich begriff, dass Christoph nicht zum ersten Mal Gast im „Tattenbach“ war. Ich zahlte und gab ihr ein sattes Trinkgeld, während mich mein Gegenüber mit ebenso schlüpfrigen wie niveaulosen Komplimenten zum Bleiben bewegen wollte. Aber so nötig hatte ich es de facto nicht! Wo kämen wir denn da hin?
Frühmorgens zitierte Mark mich am nächsten Tag zu sich, und seine Frage nach dem gestrigen Abend – die sich etwas gepresst anhörte –traf mich unvorbereitet. Dabei wollte er ebenso wenig über den Film sprechen, den ich mir mit ein paar Mädels angesehen hatte, wie über das Foto, das via Radarfalle kurz vor Mitternacht von mir gemacht wurde.
„Wie hat sich Christoph verhalten?“, hakte er präzise nach und bohrte so lange weiter, bis ich ihm Rede und Antwort stand. Als hätte ich eine Beichte abzulegen, erstattete ich Bericht. Mark reagierte – zu meinem völligen Unverständnis – überraschend aufgebracht. Allerdings merkte ich schnell, wie sehr ihm mein Kontakt mit Christoph missfiel, wusste aber nicht weshalb, zumal das Szenario zwar unangenehm, aber ansonsten belanglos gewesen war. Und was ich in meiner Freizeit tat, war allein meine Entscheidung! Was kümmerte ihn also mein Privatleben? Und warum hörte er nicht auf, mich auszuhorchen?
Um das Thema abzuschließen, meinte ich irgendwann betont sachlich: „Sorry, Mark, aber das geht dich alles nun wirklich nichts an!“
Was wollte er? Und warum verhielt er sich plötzlich wie ein Rüde, der sein Revier markiert? Ich kam nicht dahinter. Ging es dabei vielleicht gar nicht um Christoph, sondern um mich?
Das entzog sich nun wirklich meinem Anschauungsvermögen! Selbst wenn ich mein Spiegelbild ganz genau betrachtete, fand sich darin nichts, was sich auch nur entfernt mit Helga hätte messen können. Zumindest dann nicht, wenn sich die Angaben auf ihrer Webseite mit der Realität deckten.
Unterschiedlicher hätten zwei Frauen kaum sein können! Sie: Groß, langbeinig und sicher versiert darin, mit High Heels durch einen Supermarkt zu flanieren, anstatt einfach nur einzukaufen. Ich hingegen, mit einer Körpergröße von gerade mal 1,60 Meter, vertrat mehr den sportlichen Typ, glich einem Wildfang, der gern Turnschuhe trug und sich eher kommod gab. An meinen Locken, die mir bis zu den Schultern reichten, verzweifelte jeder Friseur, und mein Gesicht mit den viel zu breiten Wangenknochen war übersät mit Sommersprossen, die ich seit meiner Kindheit verfluchte.
Wie also käme ein Mann, der mit einer so außergewöhnlichen Frau zusammenlebte, dazu, sich für mich zu interessieren? Welch naive Vorstellung!
Als ich nach dem Gespräch mit Mark zurück zu meinem Schreibtisch ging, lag dort ein Päckchen, liebevoll verpackt mit einer roten Schleife drum herum.
Perplex blickte ich in die Runde und überlegte, von wem das Geschenk sein konnte, aber niemand nahm Notiz von mir.
Ich hatte weder Geburtstag noch fiel mir sonst ein Grund ein, warum mir jemand etwas hätte schenken sollen. Weshalb aber lag dann dieses Paket da? Verwundert machte ich mich daran, selbiges umfassend zu begutachten, suchte nach Hinweisen, was es damit auf sich hatte, und rüttelte vorsichtig daran, um den Inhalt zu erraten. Keine Chance – ich tappte vollends im Dunkeln.
Doch da sich das Geschenk auf meinem Tisch befand, musste es ja für mich sein. Also nutzte ich den Bildschirm, um mich dahinter zu verstecken, und machte es auf. Zum Vorschein kam ein Malkasten, wie man ihn aus der Schulzeit kennt, mit 12 Farben darin. Als ich ihn öffnete, fiel ein kleiner Zettel heraus, auf dem in krakeliger Schrift folgende Nachricht geschrieben stand: „Du machst mein Leben wieder bunt! Vielen Dank für den gemeinsamen Abend! Dein Christoph!“
Sprachlos glotzte ich auf den Text. War der blöd? Außer, dass wir kurz was zusammen getrunken hatten, enthielt meine Erinnerung weder ein „gemeinsam“ noch den ganzen Abend!
Mein Ärger wuchs! Zum einen, weil ich das Verhalten von dem Wicht als übertrieben und völlig fehl am Platz einstufte, und zum anderen, weil ich für einen kurzen Moment geglaubt hatte, das Geschenk könne von Mark sein (wofür Christoph wiederum nichts konnte).
Peinlich berührt, musste ich zugeben, dass die Idee mit dem Malkasten an sich durchaus bestechend war, käme sie von der richtigen Adresse. Und hätte ein Mann wie Mark diesen Einfall gehabt, wäre ich vermutlich vor Freude tot umgefallen. So aber blieb ein Gefühl der Enttäuschung, gekoppelt an die Unannehmlichkeit, dass mich jemand bedrängte, von dem ich nichts wollte.
In was für eine Bredouille hatte ich mich da nur manövriert? Ich wollte Christoph nicht vor den Kopf stoßen, musste ihm aber verdeutlichen, dass er sich keine Hoffnungen zu machen brauchte. Und das ohne Marks Argwohn zu wecken, denn dann wäre Ärger vorprogrammiert – so viel hatte ich begriffen.
Doch das war leichter gesagt als getan. Natürlich bedankte ich mich anstandshalber für das Präsent, das gehörte sich ja so. Dabei betonte ich allerdings kühl, dass ich es nicht für nötig hielt, von ihm beschenkt zu werden, und lehnte seinen Vorschlag, sich erneut zu treffen, ohne Begründung ab. Daraufhin begann er, mich täglich mehrfach anzurufen, wollte wissen, was ich gerade machte und ob ein Wiedersehen nicht doch möglich sei. Er hatte aber auch eine wirklich lange Leitung.
Ich wurde zunehmend patzig, und meine Kollegen, die natürlich mitbekamen, wie ich die Stacheln ausfuhr, amüsierten sich königlich. Das verschaffte dem Miteinander in der Mannschaft ein paar Pluspunkte und nahm der Angelegenheit ein bisschen den Ernst. Wirklich von Nutzen war das zwar nicht, aber wir wurden zumindest wieder mehr zu einer Einheit.
Ich war gerührt, als Reimund von sich aus vorschlug, die Rufumleitung einzusetzen, um meine Gespräche stellvertretend entgegenzunehmen, und dankte auch Felix, der im Vorbeigehen vereinzelt das Klingeln unterbrach, indem er abhob und mich verleugnete.
Aber anstatt den Rückzug anzutreten, fing Christoph penetrant an, mir ständig über den Weg zu laufen, mich wie zufällig anzugrabschen und „knuffige“ Gummibärschlangen mitzubringen.
Damit sorgte er dafür, dass es bald in der ganzen Firma bekannt wurde, wie er mir nachstellte. Und hier hörte der Spaß auf, denn irgendwann würde es unweigerlich auch Mark erfahren. Also schnappte ich ihn mir eines Morgens im Treppenhaus und sagte: „Du, ich will da gerne etwas klarstellen.“
Er: „Ja – was denn?“ Sein Atem roch wie abgestandenes Blumenwasser.
„So geht das nicht weiter, Christoph. Ich finde dich echt nett, aber du hast da was absolut missverstanden.“
Er (dämlich): „Ich weiß nicht, was du meinst.“
Ich unterdrückte meine Wut, da ich ihn nicht verletzen wollte: „Sieh mal, ich bin neu hier in der Firma und in der Probezeit. Eine Beziehung interessiert mich im Moment herzlich wenig und am Arbeitsplatz schon gar nicht.“ Den Gedanken an Mark verdrängte ich lieber.
Hartnäckig überhörte der Frustsäufer die Botschaft: „Okay, ich verstehe, dann warten wir halt bis nach deiner Probezeit – kein Problem.“ Dabei näherte er sich mir Zentimeter für Zentimeter. Jetzt war ich diejenige, die ziemlich dämlich aus der Wäsche schaute. Welcher Film lief denn da ab? Wie bekloppt war der eigentlich?
Nun, er hatte mich herausgefordert, und ich war nicht gewillt, weiter Rücksicht zu nehmen. „Dann habe ich mich falsch ausgedrückt, sorry, mein Fehler! Was ich sagen wollte, ist, dass ich nicht auf dich stehe und sich daran auch nichts ändern wird – egal was du tust! Also lass mich künftig bitte einfach in Ruhe und hör vor allem auf, mich ständig anzufassen!“ In Wahrheit passte er doch genauso wenig zu mir wie eine Pizza zu einem Hustenbonbon.
Zuversichtlich, dass selbst jemand wie Christoph jetzt dahinter stieg, wie sinnlos sein Gebalze war, hielt ich jenes unerquickliche Kapitel für beendet. Doch damit saß ich einem gewaltigen Irrtum auf.
Er ließ einfach nicht locker. Zwei Wochen später zerrte er immer noch unbeirrt an meinen Nerven und ignorierte mein Abblocken konstant. Dadurch disqualifizierte er sich nicht nur endgültig, sondern zwang mich auch dazu, den nächsten Schritt zu tun, ob ich wollte oder nicht.
Ich fasste den Entschluss, Mark in seiner Funktion als Abteilungsleiter hinzuzuziehen, um der Belästigung ein Ende zu bereiten, obwohl mir nicht wohl dabei war – hatte ich doch bisher die ganze Sache erfolgreich vertuscht, um ihn nicht weiter zu provozieren.
Seine Haltung Christoph gegenüber und mein eigenes Versagen, diesem Grenzen zu setzen, machten mir zu schaffen. Ein viel größeres Problem jedoch war, dass Mark eben Mark war. Denn damit winselte ich ausgerechnet dem Mann etwas vor, der mir das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ, nur weil ein Blindgänger mir am Rockzipfel hing wie eine Klette. Das empfand ich als äußerst blamabel, zumal ich mich selbst – trotz eindringlicher Warnung – in die Sache reingeritten hatte.
Da Christoph aber jegliche ihm auferlegte Sanktion missachtete und ich mit meinem Latein schlichtweg am Ende war, erzählte ich Mark widerwillig von dem ganzen Schlamassel. Er hörte sich meine Geschichte an, war ungewöhnlich still für seine Verhältnisse, und ich argwöhnte, dass ihm mein hochroter Kopf nicht verborgen blieb. Lange sagte er nichts, sah mich nur an und blieb stumm wie ein Fisch. Meine Unsicherheit wuchs, und ich konnte mich nicht erinnern, je in einer vergleichbar peinlichen Situation gewesen zu sein.
Seine Sympathie Christoph gegenüber schien den absoluten Nullpunkt zu erreichen, er schwieg und ließ mich zappeln, als wolle er mich bestrafen. Angespannt wartete ich seine Reaktion ab. Sein Blick verhieß nichts Gutes, und ich hätte mich ohrfeigen können, hier wie ein Milchmädchen vor ihm zu stehen, nur weil ich geglaubt hatte, alleine mit allem fertig zu werden.
„Gratuliere! Das hast du ja super hingekriegt!“ Die Art und Weise, in der er das sagte, traf mich mitten ins Herz. So formell, so herablassend. er war stocksauer und das unwiderlegbar. Aber warum? Was machte ihn so zornig?
Äußerlich gelassen, rang er offenbar mit sich, bestrebt sich nicht in die Karten schauen zu lassen, um zu verbergen, was wirklich mit ihm los war. Aber weshalb?
Er musste das leuchtende Fragezeichen über meinem Kopf bemerkt haben und wollte mir anscheinend behilflich sein. Noch immer ziemlich steif fragte er: „Und warum kommst du erst jetzt damit zu mir?“ Ah, daher kam seine Verstimmung! Kern war die Vertrauensfrage!
Ich antwortete ehrlich: „Weil ich mich geschämt habe und mir sicher war, alleine damit klarzukommen.“ Was hätte ich auch sonst sagen sollen?
Sein Zorn verpuffte. Ich sah, wie Mark ausatmete und sich dabei merklich entspannte. Er beugte sich vor und bot mir nach einer weiteren Schweigeminute sogar eindringlich seine Hilfe an.
Ich war klug genug, ihn nicht gleich abzuwiegeln, denn deshalb führten wir ja dieses Gespräch überhaupt. Auch die endlose Litanei über Christoph, die mit Schimpfwörtern gespickt war, die ich noch nie zuvor gehört hatte, unterbrach ich nicht. Doch seine Wortwahl ließ keinen Zweifel mehr zu: Mark war eifersüchtig und mit ausgefahrenen Hörnern bereit zur Tat. Und bei aller Nerverei um mich herum schmeichelte mir sein Verhalten, obwohl es das vermutlich nicht hätte tun sollen.
Aber es tat gut, Klarheit darüber zu haben, ihm nicht egal zu sein. Es tat gut, mich nicht so alleine zu fühlen mit all meinen Empfindungen ihm gegenüber. Es tat gut, weil noch kein Mann sich wegen mir die Ärmel hochgekrempelt hatte. Es tat gut, da ich spürte, wie wichtig ich ihm war.
Am nächsten Tag – ich verbrachte die Mittagspause mit Mark in seinem Büro – steckte plötzlich die Nervensäge seine Nase ausgerechnet zu uns herein. Nicht zu fassen!
Der Erdbeerjoghurt blieb mir, obwohl linksgedreht, klebrig im Hals hängen, und meine Laune sank jäh in den Keller. „Geh weg!“, schrie es in mir, und ich bemühte mich, nicht auszurasten.
Christoph, den es überhaupt nicht störte, hier vor dem Mann meiner Träume zu stehen, reagierte auf die angespannte Stimmung und fragte besorgt: „Was ist denn los, Schatzi, fühlst du dich heute etwa nicht wohl?“ (Gebt mir ein Gewehr, ein Messer, irgendwas ...) Es kümmerte ihn nicht im Geringsten, dass er mich bis auf die Knochen blamierte.
Krampfhaft darum bemüht, Haltung zu bewahren, erwiderte ich kühl: „Erstens bin ich nicht dein „Schatzi“, und zweitens solltest du dringend einen Gang runterschalten, wenn du nicht willst, dass es hier gleich richtig knallt!“ Es mag böse klingen, aber ich war stolz auf mich – ich hatte viel zu lange gezögert, ihm genau das zu sagen.
Aus den Augenwinkeln sah ich Marks amüsierten Blick und bemerkte, dass ihm die Darbietung gefallen hatte. Bisher regungslos abwartend wie eine Raubkatze, brachte er nun ohne Umschweife zu Ende, was ich begonnen hatte, indem er zu Christoph sagte: „Jetzt mach dich mal nicht weiter lächerlich! Merkst du nicht, dass diese Frau 'ne Nummer zu groß für dich ist? Aber du hast selbstverständlich die Wahl: Entweder du lässt Norma ein für allemal in Ruhe, oder ich rede mit Gerlinde, und du kannst noch heute deine Papiere abholen!“
Das alles hat Christoph letztendlich dann doch überzeugt. Von da an sagten wir nicht mal mehr „Hallo“ zueinander, aber damit konnte ich leben. Ich brauchte ihn ungefähr so dringend wie einen Kropf.
Erleichterung darüber, dass es vorbei war, machte sich breit, und ich war geschmeichelt, dass Mark zu mir gestanden hatte. Obwohl ich seine Reaktion in puncto Eifersüchtelei nicht ganz verstand, freute sie mich. Aber des Rätsels Lösung blieb verborgen: Wieso mimte er mit einem Mal den Besitzergreifenden? Schließlich war er es, der einer Frau vor Jahren Liebe und Treue bis in den Tod versprochen hatte! Nichtsdestotrotz machte Mark mittlerweile unmissverständlich deutlich, dass ich ihm nicht gleichgültig war, und wäre Christoph nicht so ein Vollpfosten, hätte ich mich vielleicht sogar bei ihm dafür bedankt – denn er war eindeutig der Auslöser gewesen.
Während in Paris und New York halb verhungerte Models über den Laufsteg staksten, stand bei uns die „in fashion munich“ auf der Praterinsel vor der Tür – eine europäische Modemesse und Höhepunkt des Jahres für alle Modeinteressierten.
„K-Messe“ betreute dort nicht nur diverse Kunden, sondern war über eine gewonnene Ausschreibung auch bei der Vorbereitung am Gesamtkonzept intensiv beteiligt. Extravagante Labels und Designer aus den Bereichen Casual, Street Fashion und Dressed up beabsichtigten, dem Fachpublikum ihre neuesten Kollektionen zu präsentieren. Zu diesem Schauspiel gehörten natürlich ein in Szene gesetzter Catwalk und ein aufwändiges Drumherum.
Die Praterinsel, eine Insel in der Isar, wurde schon seit Langem den schönsten Veranstaltungsorten Münchens zugeordnet und gliederte sich zwischen dem Deutschen Museum und dem Maximilianeum ein. Das stilvolle Ambiente einer niveauvoll restaurierten alten Fabrikhalle mit einem prächtigen Innenhof und die zentrale Lage hatten bereits in der Vergangenheit die Lifestyle-Orientierten von nah und fern herbeigelockt.
Das prophezeite nicht nur, dass viel Arbeit auf Erledigung wartete – wir hatten Hochsaison von jetzt auf gleich. Nach meiner Einarbeitung und der bestandenen Probezeit wurde ich jetzt erstmalig richtig gefordert und ins kalte Wasser geworfen. Doch bei einem Großprojekt wie diesem mit dabei zu sein, war einfach gigantisch und machte wirklich Spaß. So brauchte es beispielsweise für den Accessoire-Bereich einige Stände, die ich eigenhändig mit entwarf. Und dass man mir als Frischling eine solche Chance bot, war keine Selbstverständlichkeit. Emsig machte ich mich ans Werk, und die Entwürfe bestachen bereits am Monitor in der zweidimensionalen Darstellung. Wie würden sie erst aussehen, wenn sie fertig gebaut waren?
Aber bis dahin war noch furchtbar viel zu tun. So galt es unter anderem dafür zu sorgen, dass sich eine Firma wie „Light & Sound“ an die Vorgaben hielt und einen guten Job ablieferte, denn die Ausleuchtung des ganzen Spektakels musste perfekt funktionieren. Für die Zeit vor und nach den Shows hatten wir eine Sängerin engagiert, die einen eigenen Raum für ihre Garderobe forderte, aber auch hier war eigentlich der Ton das A und O. Dann musste ich Lieferanten für die verschiedensten Materialien auftreiben, die für die Extras an den Ständen vorgesehen waren, und diese kurzfristig bestellen. Und, und, und.
Ein Rädchen griff ins andere, und alles passierte irgendwie gleichzeitig. Mir schwirrte der Kopf, während ich stundenlang mit einer Werbeagentur stritt, die es einfach nicht schaffte, den richtigen Farbton für die Plakatwände zu finden, oder mich mit den Sponsoren herumkabbelte, die trotz unterschriebener Verträge nach wie vor um jeden Cent feilschten.
Es gab also allerlei Nebenkriegsschauplätze, die dafür sorgten, dass es spannend blieb. Zwar wurden Überstunden geschoben und auch am Wochenende geschuftet, weswegen ich meine sozialen Kontakte auf ein Minimum reduzierte, aber die Vorfreude auf die bevorstehende Eröffnung tröstete mich schnell darüber hinweg.
Wie ich hörte, lief Helga für MARIMEKKO und seine finnischen Designer, die aufgrund ihrer Farbenpracht und ihrer stofflichen Vielfalt bereits im ganzen Land bekannt waren. Sie sollte dem Publikum die neueste Kollektion vorstellen und die Einzelanfertigungen progressiv-avantgardistischer Strömungen ankurbeln.
Es wäre gelogen, würde ich behaupten, dass mir das nichts ausmachte. Es machte mir nämlich etwas aus! Da nützte auch das Insiderwissen darüber nichts, dass ihr diese Ehre nur deshalb zuteilwurde, weil das vorgesehene Mannequin mit einem Magengeschwür in der Klinik lag und ihr Agent zu den Finnen einen guten Draht hatte. Natürlich wollte ich mir ihren Lauf nicht entgehen lassen, aber da war noch etwas anderes: Auch Mark würde da sein, sie sehen und ihre Schönheit kaum leugnen können.
Und nun war ich diejenige, die mit dem lähmenden Gefühl grenzenloser Eifersucht zu kämpfen hatte. Ein Gefühl, das unpassender nicht hätte sein können! Aber so sehr ich auch versuchte, dagegen anzukämpfen, es gelang mir nicht, meine Besorgnis unter den Teppich zu kehren. Doch Besorgnis weshalb? Weil ich neben Helga sichtbar schlechter abschnitt? Weil ich nicht halb so sexy war wie sie? Weil ich die Tricks nicht kannte, mit denen man die Leute verzauberte? Ganz genau – genau aus all diesen Gründen!
Die Tage vor Beginn der Messe arbeitete unsere Abteilung mit den Monteuren aus dem Rückgebäude vor Ort Hand in Hand auf Hochtouren, um die Umsetzung der Entwürfe in Echtgröße zu betreuen und da zu helfen, wo Not am Mann war. Das bedeutete: viel kalter Kaffee aus Pappbechern und haufenweise labbrige Wurst- oder Käsesemmeln. Selbst mein nicht besonders verwöhnter Magen, der sich hauptsächlich mit Fast Food auseinanderzusetzen pflegte, wehrte sich nach der dritten Semmel gegen diese Art von Nahrung.
Ansonsten gab es Arbeit, Arbeit, Arbeit, wir nahmen Maß, klebten Folien und kletterten auf Leitern herum. Obwohl man von uns erwartete, rund um die Uhr zu ackern, muss ich sagen, dass wir durchaus unseren Spaß hatten. Die Atmosphäre war weit gelassener als in den Büroräumen, und die Abwechslung tat uns allen gut – wenngleich ich Christoph nach wie vor aus dem Weg ging.
Die verschiedenen Aufgabengebiete und die große Fläche des Events veranlassten uns dazu, mehrere Teams zu bilden. Mark hingegen, der die „Oberaufsicht“ hatte, teilte sich auf und unterstützte in jedem Bereich. Lächerlicherweise vermisste ich ihn, sobald er aus meinem Sichtfeld verschwand. Deshalb freute es mich umso mehr, dass er regelmäßig vorbeischaute. Bevor er wieder abzog, tippte Mark sich mit einem vielsagenden Blick unauffällig an die Brusttasche, die eine Schachtel Zigaretten nur mühsam verbarg, um mir zu signalisieren, dass es Zeit für eine Zigarettenpause war.
Wenn wir dann so paffend beieinander standen, machte er Bemerkungen wie: „Blöd, dass ich nicht in deinem Team bin!“ Oder: „Jetzt haben wir uns schon eine halbe Stunde nicht gesehen!“ Das zeigte mir, dass er meine Nähe nicht zufällig suchte, was mich natürlich freute. Zwar war es mittlerweile keine große Überraschung mehr, dass Mark sich aus irgendeinem Grund zu mir hingezogen fühlte, aber die Selbstverständlichkeit, mit der er damit umging, gefiel mir trotzdem.
Es war großartig, dabei zu sein und zu erleben, wie aus den Miniaturmodellen reale Bauten wurden, deren Optik und Anmutung sich von allem unterschied, was ich je gesehen hatte.
Außerdem lernte ich Marion etwas besser kennen, einen weiteren Charakter in diesem Buch, den ich gerne näher beschreiben möchte, da sie auf ihre ganz eigene Art Teil meiner Geschichte wurde. Marion war eine Kollegin, die (nach ihrer Ausbildung zur Bürokauffrau plus einem Jahr Weltreise) überlegte umzuschulen, und darum bei „K-Messe“ ein achtmonatiges Praktikum absolvierte.
Bisher hatten wir nicht viel miteinander zu tun gehabt. Sie war um die 20 und verhielt sich meist sehr still, sodass man ihre Anwesenheit kaum bemerkte. Kam sie einem entgegen, machten ihre Schritte kaum ein Geräusch. Sie schwebte durchs Leben, war extrem schlank und lehnte kosmetische Hilfsmittel gänzlich ab. Ihre natürliche Ausstrahlung umhüllte sie, und ihre Wirkung auf Männer schien ihr völlig gleichgültig zu sein. Ein Kurzhaarschnitt umrandete ihr Gesicht, das eher kantig, aber dennoch sehr ausdrucksstark war. Sie gehörte zu den Menschen, die einem nicht schon in der ersten Minute ihr ganzes Leben aufs Auge drücken – im Gegenteil: Man konnte von Erfolg sprechen, wenn man überhaupt eine Antwort bekam.
Mit Marion ein Schwätzchen zu halten, war demnach anspruchsvoll, aber nicht unmöglich. Und nach ein paar Anlaufschwierigkeiten taute sie auf. Vorsichtig versuchte ich, sie aus der Reserve zu locken, und wurde bald mit zusammenhängenden Sätzen belohnt. Nach einiger Zeit schon unterhielten wir uns angetan, was von der teilweise körperlich schweren Arbeit ablenkte. Wir verstanden uns binnen kurzer Zeit sogar so gut, dass wir uns vornahmen, uns bald mal privat zu treffen.
