Schlangencurry - ce-eff Krueger - E-Book

Schlangencurry E-Book

ce-eff Krueger

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Beschreibung

Lukas ist in Thailand als Sohn einer Amerikanerin und eines Thai-Chinesen geboren Er landet in einem Waisenhaus und wird nach Deutschland adoptiert. Ungewöhnlich früh entdeckt er seine Sexualität, für deren Erfüllung er solange bezahlt, bis er herausfindet, dass es auch umgekehrt geht. Fortan lässt er sich von älteren Männern aushalten. Derweil hat sein leiblicher Vater – durch einen Autounfall zeugungsunfähig geworden - sich auf die Suche nach seinem einzigen Sohn gemacht, weil – nach seinem Glauben – das spirituelle Fortleben der Familie nur durch einen Sohn möglich ist. Einem Detektiv gelingt es, Lukas aufzuspüren und nach Thailand zurückzuholen, wo ein großes Erbe auf ihn wartet. Lukas aber will nichts anderes, als seiner sexuellen Obsession frönen, und dabei ist ihm jedes Mittel recht, sogar ein Mord. Die Story entwickelt sich zum Thriller, wobei hier nur soviel verraten werden soll: Ein köstlich zubereitetes Schlangencurry ist sehr bekömmlich, wenn es nicht mit Gift versetzt ist, und Krokodile haben Menschen zum Fressen gern. Spannung pur – bis zur letzten Seite.

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Seitenzahl: 310

Veröffentlichungsjahr: 2009

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Ce-eff Krueger

Schlangencurry

Roman

Himmelstürmer Verlag

 

eBookMedia.biz

Copyright © Himmelstürmer Verlag

eBook ISBN ePub: 978-3-942441-64-3

Hergestellt mit IGP:FLIP von Infogrid Pacific Pte. Ltd.

   

Originalausgabe, September 2009

Coverfoto: (c) http://www.bennothoma.nl/

Das Modell auf dem Coverfoto steht in keinen Zusammenhang mit dem Inhalt des Buches und der Inhalt des Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Modells aus.

Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik-Designer AGD, Hamburg. www.olafwelling.de

Inhalt

TitelseiteCopyrightDer AutorVorwortPrologKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22

Der Autor

   

   

Ce-eff (Carl-Friedrich) Krueger, in Bad Oldesloe (Schleswig-Holstein) geboren, hatte schon ein bewegtes Arbeits- und Berufsleben hinter sich, bevor er als Fernsehredakteur zum ZDF kam. Parallel dazu gründete er mit Freunden in Mainz das inzwischen bundesweit bekannte Kleinkunst-Theater „unterhaus". Seit 1985 bereiste er die Länder Südostasiens, bis er schließlich in Thailand seine zweite Heimat fand. Hier lebt und arbeitet er heute als freier Kolumnist und Autor.

    

   

    

Die Handlung dieses Romans entstammt ausschließlich meiner Fantasie.

Gleiches gilt für alle handelnden Personen - mit einer Ausnahme: Father Ray Brennan hat es wirklich gegeben. Ich hatte das Glück, ihm zu begegnen und als Sponsor seine Arbeit eine Zeit lang begleiten zu dürfen. Er starb im Jahr 2003 im Alter von 70 Jahren.

Aus Respekt vor seinem imposanten Lebenswerk, der Gründung des Waisenhauses in Pattaya mit allen nachfolgenden Einrichtungen, habe ich ihn und seine Institution ganz real in meinen Roman eingebaut. Mit der Handlung hat er jedoch nicht das Geringste zu tun.

   

Ce-eff Krueger

Pattaya, im Mai 2009

   

   

   

   

   

„Es gibt drei Arten,

die Kindespflicht zu vernachlässigen;

die schlimmste ist,

keinen Sohn für die Ahnenverehrung zu zeugen."

(nach Konfuzius)

Kapitel 1

Keiner der Mönche des kleinen abgelegenen Klosters konnte oder wollte sich später daran erinnern, wann er die „weiße Frau" das erste Mal auf dem Tempelgelände gesehen hatte. Einige behaupteten sogar, sie vorher noch nie bemerkt zu haben. Irgendwann war sie mit ihrer kleinen Staffelei aufgetaucht, hatte die Metallspitze ihres einbeinigen Hockers in die Erde gerammt und zu malen begonnen. Alle paar Tage wechselte sie den Platz und suchte sich ein neues Objekt oder eine neue Perspektive für ihre Motive. Trotz ihrer auffälligen Erscheinung passte sie sich in diese beschauliche Idylle ein, als gehörte sie schon immer dazu. Vielleicht lag das an der Ruhe, die sie selbst ausstrahlte. Oft saß sie stundenlang bewegungslos und fixierte mit zusammengekniffenen Augen ein bestimmtes Detail, einen Ausschnitt des Bildes, an dem sie gerade arbeitete, bevor sie zu einigen bedächtigen Strichen ansetzte, um gleich darauf wieder in meditativer Betrachtung ihres Objektes zu versinken. Dann wirkte sie wie eine der luftigen Frauengestalten in den sommerlichen Gartengemälden von Claude Monet. Ihr langes weißes Kleid umfloss wie ein weicher Schleier ihren schmächtigen Körper, und die bunten Bänder ihres breitkrempigen weißen Sommerhutes, unter dem lange blonde Haare hervorquollen, flatterten im kühlen Wind, der von Norden über die Berge strich und die Luft mit dem Aroma von Sandelholz und Jasmin erfüllte. Die Mönche hatten sie zweifellos zur Kenntnis genommen, schenkten ihr aber weiter keine Beachtung, zumal es zu dieser Zeit nicht den geringsten Hinweis auf das unglückselige Geschehen gab, das sie auslösen sollte. Touristen verirrten sich nur selten in diese abgeschiedene Gegend im Nordwesten Thailands, und die Dörfler der Umgebung, selbst ihre neugierigen Kinder, wahrten einen scheuen Abstand zu dieser seltsamen fremden Frau, weil sie spürten, dass sie nicht gestört werden wollte. So verharrte sie tagelang, schweigend in ihre Arbeit vertieft, und schien mit sich und der Welt im Einklang.

Zweimal täglich erfuhr der Ablauf ihres Tages eine kurze Unterbrechung, wenn der alte Lebensmittelhändler aus dem nahen Dorf mit seiner mobilen Garküche vorbei kam. Mit schnell zubereiteten Speisen und kalten Getränken versorgte er regelmäßig die Arbeiter im Wald und auf den Feldern, und auch die „weiße Frau", die er respektvoll mit Miss Anne anredete. Teilnahmsvoll erkundigte er sich stets nach ihrem Befinden und sprach mit ihr über seine Familie, über das Geschäft oder über den neuesten Klatsch im Dorf. Wenn er sich dann nach wenigen Minuten wieder auf den Weg machte, geschah dies nie, ohne dass er sich vorher kurz über die Staffelei beugte und ihre Kunst lobte:

„Miss Anne ist die größte Malerin, die ich kenne", sagte er jedes Mal mit großem Ernst. „Dieses Bild wird bestimmt ein Meisterwerk."

Anne antwortete dann lachend: „Und Khun1 Nop hat ganz bestimmt wieder zuviel Zuckerrohr genascht, denn es tropft ihm schon aus dem Mund."

Sie winkte dem Alten nach, der ihr aus frühen Kindertagen vertraut war, als sie mit ihren Eltern regelmäßig die Schulferien in deren Jagdhaus verbrachte, das auf einer Anhöhe in der Nähe dieses Dorfes lag. Ihr Vater hatte, als amerikanischer Diplomat, mit ihrer Mutter in Bangkok gelebt, während sie in den Staaten aufgewachsen war. Nachdem ihre Eltern vor einigen Monaten bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen waren, hatte sie sich hierher zurückgezogen, um mit Hilfe der Malerei den Schock zu verarbeiten, den das Unglück bei ihr ausgelöst hatte. In der Stille dieser friedvollen Tempeloase überwand sie langsam ihren Seelenschmerz und fand zurück zu ihrer natürlichen Ausgeglichenheit und inneren Zufriedenheit, die ihr bisheriges Leben bestimmt hatten. Inzwischen konnte sie wieder lachen, und die Farben ihrer Bilder wurden leuchtender. Als das Jahr voranschritt und die Tage heißer wurden, brachte sie zum Schutz gegen die Sonne einen großen Schirm mit, dessen Schattenkreis sie nicht verließ, bis die Dämmerung sich von den bewaldeten Höhen über den Tempel und die Kutis2 der Mönche senkte und sie den Heimweg antrat.

   

* * *

   

Als Anne an diesem Abend das Jagdhaus betrat, das ihre Eltern ihr hinterlassen hatten, traf sie, entgegen allen Gewohnheiten und Vereinbarungen, das Hausmädchen Toy an, das auf der Veranda hockte und auf sie wartete. Beim Anblick der Herrin des Hauses erhob sie ihre Hände zum Wai3 und bat um einen Vorschuss auf ihren Lohn. Anne runzelte ärgerlich die Stirn. Sie wusste, dass Toy mit Geld nicht umzugehen verstand. Entweder verspielte sie es oder, was noch schlimmer war, sie setzte es in billigen Khao-Lao um, in den von einigen Dörflern selbst gebrannten Reisschnaps, mit dem sie ihr Elend zu betäuben versuchte, das darin bestand, dass ihr Mann sie nach der Geburt des dritten Kindes einfach sitzen gelassen hatte.

„Wenn ich dir heute deinen Lohn bezahle, gibst du ihn in wenigen Tagen aus, und im nächsten Monat werden deine Kinder Hunger leiden." 

Toy widersprach mit einer Heftigkeit, die Anne verwunderte. Obwohl Toy mit ihren achtundzwanzig Jahren vier Jahre älter war als Anne, wirkte sie doch im Vergleich zu ihr fast kindlich. Zu ihrer unterwürfigen Art gesellte sich eine Schüchternheit, die sie nur durchbrach, wenn der Alkohol ihre Sinne berauschte. Jetzt aber war sie völlig nüchtern, und sie setzte allen Mut und alle Kraft ein, um Anne von der Notwendigkeit ihrer Bitte zu überzeugen.

„Damit meine Kinder keinen Hunger leiden, habe ich beschlossen, meinen Ältesten ins Kloster zu geben. Dort wird er gut ernährt und bekommt eine Ausbildung, die ich ihm niemals bieten kann. Übermorgen feiern wir das Fest Asanha-Bucha4. Denn soll er als Novize in die Gemeinschaft der Mönche aufgenommen werden, und dafür brauche ich das Geld." Ihre Stimme nahm einen flehenden Ton an: „Bitte, Miss Anne, helfen Sie mir. Sie tun damit ein gutes Werk. Mein kleiner Gai wird es Ihnen danken und im Tempel für Sie beten."

Anne ließ sich in einen Sessel fallen. Sie würde dem Drängen von Toy kaum widerstehen können. Zuvor aber wollte sie noch einiges geklärt wissen:

„Dein Sohn Gai ist doch noch viel zu jung, um Mönch zu werden. Soviel ich weiß, ..."

„Er wird im nächsten Monat zwölf Jahre alt", unterbrach Toy sie, „und es wird Zeit, dass er etwas lernt. Bisher ist er noch keinen Tag in die Schule gegangen."

„Ist er denn damit einverstanden? Ich meine, er ist doch noch ein Kind."

Toy strahlte über das ganze Gesicht, als sie antwortete: „O, Miss Anne, Sie glauben ja gar nicht, wie sehr er sich darauf freut, endlich etwas lernen zu dürfen. Bisher musste er jeden Tag auf den Feldern arbeiten, um sich sein Essen zu verdienen".

Anne war einen Moment lang versucht, darauf mit einer unfreundlichen Bemerkung zu antworten, denn sie bezahlte ihrer Hausangestellten weiß Gott genug, damit deren Kinder ausreichend versorgt werden konnten. Aber dann besann sie sich und fragte stattdessen:

„Wie viel Geld brauchst du?"

Toy nannte einen Betrag, der ihren Monatslohn bei weitem überstieg. Als sie merkte, dass Anne darüber verstimmt war, beeilte sie sich zu erklären:

„Der Tag der Ordination ist für einen Thai der bedeutsamste seines Lebens. Er muss würdevoll begangen werden. Zum Abschied aus dieser Alltagswelt müssen alle Familienangehörigen, Freunde und Nachbarn eingeladen und bewirtet werden. Außerdem ist es erforderlich, dass der Novize weiß eingekleidet wird, ganz abgesehen von den Opfergaben und..."

Ehe Toy mit ihrer Aufzählung fortfahren konnte, fiel Anne ihr ins Wort:

„Schon gut, Toy. Ich gebe dir das Geld. Nicht als Vorschuss auf deinen künftigen Lohn, sondern als Spende für deinen Sohn. Aber sollte ich dahinter kommen, dass du auch nur einen Baht5 davon für dich abzweigst, dann ..."

„O, Miss Anne, das werde ich Ihnen nie vergessen", jubelte Toy und sprang auf. „Ich wusste es: Sie haben ein gutes Herz."

Anne ging ins Haus und entnahm dem Safe einige Geldscheine, die sie in einen Umschlag steckte, den sie Toy überreichte, nicht ohne sie noch einmal zu ermahnen, das Geld nur für den vorgesehenen Zweck zu verwenden.

   

* * *

   

Milchweiß und rund leuchtete der Mond am sternenklaren Himmel, als die ersten Händler und Besucher sich auf den Weg zum Wat6 machten. Bei Sonnenaufgang hatten sich nicht nur die meisten Dorfbewohner auf dem Gelände versammelt, sondern auch einige aus Chiang Mai angereiste Gäste. Die Leute saßen in größeren Gruppen beieinander, aßen und tranken, und in ihrer Mitte hockte, stumm und ergeben wie ein Opferlamm, jeweils ein junger Mann in weißem Gewand, der heute, am Fest Asanha Bucha, um die Aufnahme in den Sangha, die Gemeinschaft der Mönche bitten wollte. Im ganzen Land, in fast allen Tempeln finden an diesem Tag die feierlichen Ordinationen der Novizen statt. Gleichzeitig markiert dieser Tag den Beginn der dreimonatigen Regen- und Fastenzeit, in der die Wandermönche sich zur Meditation in ihre Klöster zurückziehen.

Anne hatte sich abseits in den Schatten eines alten Feigenbaumes gesetzt und beobachtete interessiert das lebhafte Treiben. Acht weiß gekleidete Novizen zählte sie, darunter Gai, den Sohn ihres Hausmädchens. Er war bereits kahl geschoren und fühlte sich in seiner hervorgehobenen Rolle unsicher und verlegen. Scheu sah er sich immer wieder nach allen Seiten um und suchte Blickkontakt zu seiner Mutter, die ihm aufmunternd zunickte. Drei weitere junge Burschen aus dem Dorf konnte Anne ausmachen, die heute die vorläufige Mönchsweihe empfangen wollten. Die vier anderen Novizen waren Fremde, wahrscheinlich aus Chiang Mai. Einer fiel ihr besonders auf, der wie ein siamesischer Prinz gekleidet war. Seine Gefolgschaft bestand nur aus einer Handvoll Leuten, die offensichtlich der Oberschicht entstammten und sich deutlich aus der Menge abhoben. Die Männer trugen dunkle, europäisch geschnittene Anzüge, weiße Hemden und feine Krawatten, während die einzige Frau in dieser Gruppe, vermutlich die Mutter des Novizen, ein kostbares blaues Seidenkleid trug und mit reichlich Gold behangen war.

Khun Nop, der alte Lebensmittelhändler kam auf Anne zu und sagte, indem er auf die Gruppe zeigte, die sie gerade im Blick hatte: „Reiche Leute aus Chiang Mai, Thai-Chinesen. Einer von ihnen ist sogar ein Minister."

Anne war fasziniert von dem Anblick des jungen Mannes, der im Begriff war, seine Prinzenrolle gegen die eines Bettlers einzutauschen. Sie fühlte sich in ihren Gedanken von Khun Nop gestört, der sensibel genug war, das zu bemerken, und sich unauffällig zurückzog. Anne hatte kein Auge für die vornehmen Begleiter des jungen Mannes. Sie sah nur den Novizen in ihrer Mitte, der ernst und gefasst, als hätte er sich von seiner Umgebung schon verabschiedet, ins Leere blickte. In Anne entstand das Bild des Prinzen Siddharta Gautama, der einst seinen fürstlichen Hof verließ, um die Erlösung aus der Welt des Leidens zu erfahren und darüber zum Erleuchteten, zum Buddha wurde.

Ein Pickup, der neben ihr zum Stehen kam, unterbrach sie in ihrer Betrachtung. Musiker in traditioneller Kleidung sprangen von der Ladefläche und eilten mit ihren Instrumenten zur Sala7, wo sie von einem alten Mönch empfangen wurden. Anne wandte ihr Augenmerk wieder dem Novizen im Prinzenkostüm zu. Sie schätzte sein Alter auf höchstens fünfundzwanzig Jahre. Er hatte eine hohe Stirn, die seine Kopfform schlank, weniger rund als die seiner Begleiter erscheinen ließ, und große mandelförmige Augen. Kahlgeschoren und ohne Brauen wirkte er wie eine antike Statue, ernst und asketisch. Anne bildete sich ein, ihn ganz genau sehen zu können, was bei der Entfernung kaum möglich war. In ihrer Vorstellung begann sie ihn zu malen. Sie entdeckte oder erfand feinste Details: Ein winziges Loch in einem der eng anliegenden Ohren ließ darauf schließen, dass darin früher ein Anhänger befestigt war. Die Augen, das rechte schien ihr um eine Nuance kleiner als das linke, waren samtig braun. Je länger sie darauf starrte, umso mehr fühlte sie sich geradezu in sie hineingezogen. Aber da waren noch die vollen Lippen. Feucht und sinnlich wölbten sie sich um den fein geschnittenen Mund, unter dem ein markantes Kinn hervorstach.

Während Anne sich ganz auf den Anblick dieses jungen Mannes konzentrierte, traf sie plötzlich wie ein Schlag die Erkenntnis, dass er sie genau so anstarrte wie sie ihn. Und dieses Treffen ihrer Blicke empfand sie wie eine intime Begegnung, als öffneten sie sich gegenseitig in blindem Vertrauen, als gäben sie sich einander preis in ihren Hoffnungen und ihrem Verlangen.

Natürlich geschah das alles nur in ihrer Einbildung. Wahrscheinlich hatte der junge Mann sie gar nicht bemerkt. Sie hatte nur geträumt. Dennoch fühlte sie sich von diesem Vorgang in einem Maße aufgewühlt, dass sie beschloss, heimzugehen und auf die Teilnahme an der feierlichen Ordination zu verzichten.

   

* * *

   

Zu Hause setzte sie sich an ihre Staffelei und malte ihren Prinzen aus dem Gedächtnis. Wie unter Zwang malte sie den ganzen Tag und die ganze Nacht. Erst bei Sonnenaufgang legte sie den Pinsel aus der Hand und betrachtete müde aber beglückt ihr Werk. Was da aus ihrer Fantasie heraus entstanden war, glich ihrem Prinzen aufs Haar. Oder bildete sie sich das nur ein? War es ein Traumbild, aufgetaucht aus der Tiefe ihrer Sehnsucht nach einem Mann, der sie aus ihrer Einsamkeit erlösen, ihrem Leben wieder einen Sinn, eine Richtung geben würde? Ihr Herz schlug heftig beim Anblick ihres Bildes. Dieses Porträt entsprach so sehr ihren Wunschvorstellungen von dem Mann, nach dem sie sich sehnte, dass sie sich über die Staffelei beugte und einen Kuss auf die noch feuchte Farbe seiner Lippen hauchte. Beseligt und gleichzeitig angstvoll gestand sie sich ein verliebt zu sein.

   

* * *

   

Als sie einige Stunden später erwachte, erschrak sie heftig beim Anblick des Gemäldes. Die Augen des Mannes blickten sie kalt an, und ein zynisches Lächeln, das sich von den Mundwinkeln über sein Gesicht ausbreitete, ließ sie frösteln. Nein, das war nicht der Prinz, der wie ein Versprechen vor ihrem inneren Auge stand. Aber warum hatte sie dem Bildnis diese Züge verliehen? Was hatte sie dazu veranlasst, entgegen ihrem Wunschbild dieses Zerrbild zu schaffen? Und weshalb hatte sie während des Malens diese entstellenden Abweichungen nicht bemerkt? Oder hatte das Bild sich verwandelt während sie schlief? 

Plötzlich kam ihr der Gedanke, dass eine unsichtbare Hand den Pinsel geführt haben könnte, um sie zu warnen. Aber wovor? Sie schüttelte diese unsinnige Vorstellung wie ein lästiges Insekt ab und brühte sich einen Kaffee auf.

1 Anrede für Herr, Frau, Sie, du

2 Mönchsunterkunft

3 Traditionelle thailändische Begrüßung

4 Dieses Fest erinnert an die erste Predigt Buddhas bei Vollmond im Juli

5 Thailändische Währung

6 Tempel- oder Klosteranlage

7 Offene Halle auf dem Tempelgelände für Pilger etc.

Kapitel 2

Anne war längst in ihrem Haus angekommen, als Somchai, ihr Prinz, immer noch wie gebannt auf die Baumgruppe starrte, hinter der die „weiße Frau" seinen Blicken entschwunden war. Er richtete seine Gedanken solange auf ihre äußere Erscheinung, bis sie wie ein überirdisches Wesen in ihrem langen weißen Gewand vor seinem inneren Auge erschien, vertraut lächelnd, als sei sie nach einer Zeit der Trennung zu ihm zurückgekehrt.

Diese geistige Begegnung vollzog sich wie selbstverständlich und überzog sein Gesicht mit einem Ausdruck friedlicher Gelassenheit, den seine Eltern als meditative Einstimmung auf den Weg in die Gemeinschaft der Mönche deuteten. Stolz blickte der Vater auf seinen Sohn, während die Mutter sich mit einem kleinen Tuch heimlich ein paar Tränen der Rührung von den Augen tupfte. Die Brüder des Vaters nickten anerkennend. Somchai würde der Familie Ehre machen und für das zukünftige Karma8 ihrer Mitglieder Verdienste erwerben, die sie nach eigener Einschätzung dringend benötigten, denn auf ihrem Weg zu Macht und Einfluss waren die drei Brüder der chinesisch-stämmigen Familie Rasipornharn wenig rücksichtsvoll vorgegangen.

Somchais Vater hatte die Tochter eines wohlhabenden Halbchinesen geheiratet und damit den Grundstein gelegt für eine ungewöhnlich erfolgreiche Karriere. Seine kleine Baustoffhandlung hatte sich in wenigen Jahren zum bedeutendsten Bauunternehmen Nordthailands entwickelt, wobei ihm jedes Mittel recht gewesen war, um die Konkurrenz auszuschalten. Mit seinem Geld hatte er seinen beiden jüngeren Brüdern eine steile Laufbahn beim Militär und in der Politik ermöglicht, und nachdem diese ihr Ziel erreicht hatten - der eine General, der andere Minister - sorgten sie dafür, dass er seine Geschäfte unter ihrem Schutz unkontrolliert ausdehnen konnte. Sie schanzten ihm staatliche Aufträge zu und sicherten mit ihrer Stellung das Imperium Rasipornharn gegen jeden Widerstand und jede Kritik von außen ab.

Ihr Schicksal war ihre Kinderlosigkeit. Nach mehreren Ehen hatten die Ärzte ihre Zeugungsunfähigkeit festgestellt. Das war ein schweres Los. In den Augen ihrer Eltern kam es einer Katastrophe gleich, ohne Nachkommen sterben zu müssen. Seitdem richteten sich all ihre Hoffnungen auf Somchai, den einzigen Erben der Familie, der Zuhause nur „Thun" gerufen wurde, „Kapital", und als solches wurde er auch betrachtet. In ihm sollten sich einmal der Wohlstand und das damit verbundene Ansehen des Hauses Rasipornharn bündeln. Er war dazu ausersehen, ihrem Namen ein Denkmal zu errichten und eines Tages als bedeutender Politiker in die Geschichte des Landes einzugehen.

Der zukünftige Staatsmann saß indessen selig lächelnd auf einer ausgebreiteten Matte, tief versunken in Gedanken an eine „weiße Frau", deren Anblick ihn verzaubert hatte. So bemerkte er auch nicht den alten Abt, der, gestützt auf einen Stock und von zwei jungen Mönchen geführt, auf seine Familie zuging, die ihn ehrfurchtsvoll begrüßte. Sein Vater lächelte entschuldigend und stieß Somchai an, der erschrocken auffuhr und dem Klostervorsteher seinen Wai entbot.

Die Ehre der persönlichen Begrüßung durch den Abt rührte daher, dass die Familie Rasipornharn der wichtigste Sponsor dieses Tempels war. Jeder der drei Brüder hatte in seiner Jugend einige Zeit als Mönch hier verbracht. „Wat Phra Mug Sawan"9 war sozusagen zum Haustempel der Familie geworden, deren großzügige Spenden die alte Anlage vor dem Verfall bewahrten. Schon zu der Zeit, als die drei Brüder sich hier dem Studium der heiligen Pali10-Schriften widmeten, war der Abt ein betagter Mann gewesen. Wie alt mochte er jetzt sein? Im ganzen Land wurde sein Name mit Ehrfurcht genannt, und im hohen Rat des Sangha11 versicherte man sich vor wichtigen Entscheidungen stets seiner Zustimmung. Unter seiner Führung hatte das Wat Phra Mug Sawan den Ruf erworben, dass hier alle Regeln und religiösen Vorschriften streng befolgt und die kleinsten Abweichungen mit dem Ausschluss aus dem Mönchsstand geahndet wurden.

Das hielt den weisen Abt allerdings nicht davon ab, die üppig gewährten Zuwendungen der Familie Rasipornharn anzunehmen, obwohl ihm die Gerüchte über skrupellose Machenschaften, auf denen ihr Reichtum beruhen sollte, nicht verborgen geblieben sein konnten. Da diese Mittel jedoch gutes für den Tempel und für das Karma der Spender bewirkten, waren sie frei von allem Schmutz und aller Schuld. Außerdem hatte er diese Spenden weder erbeten noch sich dafür bedankt, sondern sich in seiner grenzenlosen Güte lediglich zur Entgegennahme bereit gefunden. Der Dank dafür lag ausschließlich bei den Gebern, die sich dadurch eine Verbesserung ihrer zukünftigen Daseinsform erhofften. So auch jetzt, als Somchais Vater einen Umschlag aus der Jackentasche zog und ihn mit einer ehrerbietigen Geste dem Abt reichte. Mit einer kaum sichtbaren Kopfbewegung wies dieser auf den Mönch zu seiner Linken, der den Umschlag mit regloser Miene entgegen nahm. Während die Familie noch in Dankesbezeugungen verharrte, machte sich der Abt mit seinen beiden Begleitern auf den Rückweg.

   

* * *

   

Vor dem Haupttempel hatte inzwischen die Kapelle Aufstellung genommen für die feierliche Prozession. Begleitet vom monotonen Gesang der Mönche setzte sich der farbenprächtige Zug langsam in Bewegung. Voran schritten festlich geschmückte Mädchen, denen die weißgekleideten Novizen folgten. Jeder von ihnen trug als Zeichen der Tiratta, der magischen Einheit von Buddha, Lehre und Jüngerschaft, drei Kerzen, drei Lotusblüten und drei Räucherkerzen in den Händen. Damit umrundeten sie dreimal den Tempel, gefolgt von den Eltern, Verwandten, Freunden und Mönchen, bevor im Both, dem heiligsten Teil der Tempelanlage, die eigentliche Ordination stattfand.

Somchai ließ das alles über sich ergehen, als sei er nur aus der Ferne daran beteiligt. Auf die Fragen des Abtes gab er die auswendig gelernten Antworten in der heiligen Pali-Sprache.

Er nahm die Requisiten entgegen, die für die nächste Zeit sein einziger Besitz sein sollten, und wechselte das Gewand. Erst als er, angetan mit der safrangelben Robe der Mönche, von seinen Eltern einen respektvollen Wai empfing, drang ihm ins Bewusstsein, dass er nun ein anderer geworden war, herausgehoben aus der profanen Alltagswelt, dass er nun, als Mitglied der Gemeinschaft der Mönche, einen Teil der Heiligkeit Buddhas auf Erden verkörperte.

Nachdem seine Familie sich vor der bescheiden eingerichteten Kuti, die ihm als Unterkunft zugewiesen worden war, von ihm verabschiedet hatte, horchte er in sich hinein: Nein, da war nichts, das seinen neuen Status rechtfertigte. Nichts hatte sich verändert. Auch durch die Robe war er kein anderer geworden. Stattdessen musste er sich eingestehen, dem Abt ein falsches Versprechen gegeben zu haben. Er hatte weder Zuflucht im Buddha, noch im religiösen Gesetz oder in der Gemeinschaft der Mönche gesucht. All seine Gedanken kreisten um die „weiße Frau", von der er weder die Herkunft noch den Namen kannte. Und doch schien sie ihm so vertraut und nah, als sei sie ein Teil von ihm. Wie sollte es ihm gelingen, sie aus seinem Kopf zu vertreiben? 

Somchai kniete vor der Buddhafigur des kleinen Hausaltars nieder. Er schloss die Augen und versuchte, sich auf den Erleuchteten zu konzentrieren. Aber schon nach wenigen Sekunden leuchtete ein anderes Bild vor seinem geistigen Auge auf. Somchai ahnte, dass diese Versuchung ihn vor eine ernsthafte Herausforderung stellte, wusste jedoch nicht, wie er damit umgehen sollte. Er wollte ein guter Mönch sein. Er wollte, dass seine Familie stolz auf ihn war. Er wollte Tham Buun12 erwerben für sie und für sich. Doch solange die Sehnsucht nach dieser Frau sein Fühlen und Denken bestimmte, war ihm der Weg zu innerer Einkehr, Ruhe und Weisheit versperrt.

Seine quälenden Gedanken wurden unterbrochen, als ein junger Novize den Raum betrat, der ebenfalls heute ordiniert worden war, aber etwas länger gebraucht hatte, um sich von seiner Familie und seinen Freunden aus dem Dorf zu verabschieden, die seinen Eintritt in das Kloster mit reichlich Alkohol gefeiert hatten. Er sollte die Kuti mit Somchai teilen, der sich schon Hoffnungen gemacht hatte, diese Unterkunft für sich allein zu haben. Sein Mitbewohner war ein sechzehnjähriger Bauernsohn aus dem nahe gelegenen Dorf, der auf Weisung seines Vaters die Zeit bis zur Reisernte hier verbringen sollte. Er war so schüchtern, dass er nicht wagte, das Wort an den älteren Somchai zu richten. Nach einem kurzen Gruß legte er sich auf der einfachen Pritsche nieder und schlief sofort ein, während Somchai sich die ganze Nacht über unruhig auf seinem harten Lager hin und her wälzte, bis der Gong, lange vor Sonnenaufgang, alle Mönche zum ersten Morgengebet rief.

Anschließend machten sie sich in einer langen Reihe auf zum Bettelgang ins Dorf. Die Bewohner erwarteten sie schon und verteilten die vorbereiteten Speisen in die Opferschalen der reglos ausharrenden Mönche. Nachdem Somchai gegessen hatte, begab er sich in die Bibliothek und vertiefte sich in die heiligen Schriften. Als er zwischendurch einen Blick aus dem Fenster warf, sah er in einiger Entfernung die „weiße Frau", die vor ihrer Staffelei saß und malte. Die Ruhe, die er mühsam zurückgewonnen hatte, war dahin. Unfähig, sich weiter auf den Text zu konzentrieren, schlug er das Buch zu und starrte hinüber zu diesem geheimnisvollen Wesen, das ihn auf unerklärliche Weise anzog. Er verstand sich selbst nicht mehr, begriff nur, dass etwas mit ihm passiert war, dem er sich schutzlos ausgeliefert fühlte. Ausgerechnet er, der sich bislang als Verstandesmensch definiert hatte, der während seines Studiums in Amerika mit den schönsten Mädchen Sex gehabt hatte, ohne sich dabei zu verlieben, ausgerechnet er verlor die Kontrolle über sich selbst. Zu diesem Zeitpunkt und in dieser Situation war das unentschuldbar. Somchai lachte grimmig auf. Immerhin, dazu war er in seinem Zustand noch fähig. Es muss mit der Unerreichbarkeit dieser Frau zu tun haben, sagte er sich. Die Tatsache, dass sie mir fremd bleiben wird, dass ich sie niemals berühren werde, macht sie so überaus begehrenswert. Vielleicht, versuchte er sich dann einzureden, ist sie dumm und hässlich. Vielleicht hat sie Pickel und riecht aus dem Mund. Oder sie ist verheiratet, hat Kinder und will überhaupt nichts von mir wissen. Seine Gefühle sabotierten diesen Appell an die Vernunft: Diese Frau könnte die Erfüllung meiner Träume sein. Das Schicksal hat sie vielleicht gerade jetzt hierher geführt, um mich zu prüfen, ob ich stark genug bin für diese Liebe, für diese einmalige Chance meines Lebens. Später werde ich noch genug Zeit haben zum Meditieren, später...

Somchai wurde sich plötzlich bewusst, dass sein ganzes Leben ein in die Zukunft projizierter Zustand war. Nie hatte er das gelebt, was er gerade tat. Immer hatte er nur die Anweisungen seiner Eltern befolgt, immer verbunden mit einem Ziel, das in weiter Ferne lag, ein Ziel, von dem er nicht einmal wusste, ob es sein eigenes war. Der Zwiespalt, der jetzt aus ihm herausbrach, war offenbar mehr als eine Gefühlsverwirrung. Es war ein Protest gegen die jahrelange Bevormundung durch seine Eltern.

Doch vorerst siegte die anerzogene Disziplin. Eine ganze Woche lang unterwarf Somchai sich nach außen hin dem strengen Reglement des Klosters. Er kam rechtzeitig zum Morgen- und Abendgebet, nahm an allen gemeinsamen Veranstaltungen teil, widmete sich dem Studium der Schriften und versuchte Pali zu lernen, die heilige Sprache der Buddhisten.

Aber dann kam der Morgen, an dem die „weiße Frau" sich unter den Dorfbewohnern befand, die ihre Gaben in die Bettelschalen der Mönche füllten. Als sie bei Somchai angelangt war, sah sie ihm direkt in die Augen, und er, statt ungerührt ihre Almosen entgegen zu nehmen, erwiderte ihren Blick und vergaß dabei jede Zurückhaltung. Sie war noch schöner, als er sie sich vorgestellt hatte, liebreizender, als er sie sich in seiner Fantasie ausgemalt hatte. Außerdem war er sich jetzt ganz sicher, dass sie ihn ebenso begehrte wie er sie. Mit dieser Erkenntnis gab er den Kampf gegen seine Gefühle auf.

Als er um die Mittagszeit bemerkte, wie sie in der Nähe des alten Bodhi-Baumes13 ihre Staffelei aufstellte, rief er einen Tempeljungen herbei und schickte ihn mit einem Gruß von ihm und der Bitte, sie möge ihm ihren Namen verraten, zu ihr. Doch der Junge kehrte zurück und sagte, die Frau habe nur gelacht, ohne ihm jedoch ihren Namen zu nennen. Das brachte Somchai schlagartig auf den Boden der Realität zurück. Er war von Mara, dem teuflischen Versucher getäuscht worden. Er war auf die Trugbilder seiner überhitzten Wunschvorstellungen hereingefallen. Ein Mönch auf Freiersfüßen! Das musste auf die Frau doch lächerlich wirken. Und den Tempeljungen hatte er in dieses ehrlose Spiel auch noch mit hineingezogen. Somchai schämte sich. Er hockte sich in eine Ecke der Gebetshalle und versuchte, mit sich und der Welt wieder ins Reine zu kommen.

Als er sich abends in seine Kuti zurückziehen wollte, fing der Tempeljunge ihn ab. Unauffällig steckte er ihm einen Umschlag zu und grinste ihn dabei verschwörerisch an, was augenblicklich ein Unrechtsempfinden in Somchai hervorrief. Sekunden lang schwankte er in seiner Entscheidung. Er könnte den Umschlag zurückgeben oder ihn zerreißen. Sollte er sich diesem Wechselbad der Gefühle erneut aussetzen? Während er noch glaubte, eine Wahl zu treffen, riss er den Umschlag bereits auf und las den Brief der „weißen Frau."

Sie schrieb: „Verehrter Bhikku14, ich bitte um Verzeihung, aber als Amerikanerin weiß ich nicht, ob dies die richtige Anrede für einen buddhistischen Mönch ist. Eigentlich meine ich auch nicht den Mönch, sondern den jungen Mann, den ich sah, bevor er ordiniert wurde. Gerne würde ich ihn näher kennen lernen. Ich warte. Anne"

Auf einmal waren alle Zweifel ausgelöscht. Er las die Zeilen immer wieder. Er meißelte sie sich ins Hirn. Und dann traf er eine folgenschwere Entscheidung.

Am anderen Morgen nahm Somchai nicht am Frühgebet teil. Er ging auch nicht mit hinaus, um die Almosen der Dorfbewohner entgegen zu nehmen. Er wartete, bis die „weiße Frau" auftauchte, oben, am Rande des Tempels, wo ein halb verfallener Chedi15 ihr ein willkommenes Motiv bot.

Was dann folgte, halten die Mönche des „Wat Phra Mug Sawan" bis heute für das beschämendste Ereignis in der langen Geschichte ihres Tempels. In seiner safrangelben Robe rannte Somchai auf die „weiße Frau" zu, und sie lief ihm mit weit ausgebreiteten Armen entgegen. Dann fielen sie sich um den Hals und küssten sich.

Die Nachricht von diesem unerhörten Vorgang verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Tempel und im Dorf. Die Mönche eilten herbei, zutiefst empört und verletzt. Sie zerrten Somchai vor den Abt, der ihm die Robe vom Körper riss und ihn aufforderte, das Wat unverzüglich zu verlassen. Einige Mönche begleiteten ihn stumm und voller Verachtung bis zum Rand des Tempelgeländes, wo Anne auf ihn wartete. Aufgebrachte Dorfbewohner hatten sich um sie versammelt und beschimpften sie. In ihren Augen war sie allein die Schuldige, die Versucherin, die Inkarnation des Bösen.

Als Somchai hinzutrat, wichen sie einige Schritte zurück, nahmen aber sogleich eine aggressive Haltung ein, weil er die Frau umarmte und ungeniert küsste. Die beiden schienen gar nicht zu bemerken, was um sie herum vor sich ging. Anne nahm einfach Somchais Hand und zog ihn mit sich fort. In einigem Abstand folgten ihnen die Dorfbewohner, denen sich unterwegs noch weitere anschlossen. Erst vor dem Haus von Anne bemerkten die beiden die Menge, die hinter ihnen zusammengeströmt war. Eilig gingen sie ins Haus und verriegelten die Tür. Draußen skandierten die Leute Schmähparolen, die immer bösartiger wurden, bis sie in massive Drohungen umschlugen.

Nachdem die Sonne untergegangen war, errichteten sie vor dem Haus einen mächtigen Holzstoß, den sie mit Benzin übergossen und unter lautem Gejohle entzündeten. Sie richteten sich offensichtlich auf eine regelrechte Belagerung ein. Somchai, der jedes Wort der Hasstiraden verstand, begriff allmählich den Ernst der Situation. Auch Anne wurde sich der Gefahr bewusst, in der sie sich befanden, als sie im Feuerschein ihr Hausmädchen erkannte. Toy, die ihr noch vor wenigen Tagen auf Knien für ihre Großzügigkeit gedankt hatte, schleuderte mit hasserfülltem Gesicht ein brennendes Holzscheit gegen ihr Haus. Überstürzt packte Anne die wichtigsten Sachen in einen Koffer und dirigierte Somchai im Dunkeln durch die Küche und den Werkraum in die Garage im rückwärtigen Teil des Hauses. Hier gab es eine zweite Ausfahrt, durch die sie mit ihrem Jeep zwar nicht unbemerkt, aber ungehindert das Haus verlassen konnten.

Als sie die Höhe eines Gebirgspasses erreicht hatten, stoppte Anne den Wagen. Sie stiegen aus und blickten hinunter auf das Dorf, das von einem hoch auflodernden Feuerschein erleuchtet wurde. Das Jagdhaus stand in hellen Flammen, und das Gejohle des Pöbels, der es angezündet hatte, drang bis zu ihnen herauf.

8 Das Schicksal des Menschen in diesem Leben und nach dem Tod, das durch sein Handeln bestimmt wird

9 „Tempel der heiligen Himmelsperle"

10 Heilige (indische) Sprache der Sutra, der Lehrreden Buddhas

11 Gemeinde der Mönche

12 Gute Taten, die ein besseres Karma bewirken

13 Ableger der Pappelfeige bzw. des Pipalbaums (ficus religiosa) unter dem Buddha einst in Indien die Erleuchtung gefunden hat

14 „Bettler" - Sammelbegriff für den buddhistischen Mönch

15 Thailändische Form des Stupa, ein spitzer Tempelturm

Kapitel 3

Anne und Somchai befanden sich in einem Zustand totaler Verliebtheit. Andere würden diese Verfassung vielleicht als Beschränktheit bezeichnen und damit ebenso richtig liegen, denn wenn die chemische Körperreaktion außer Kontrolle gerät, werden Alarmanlagen abgeschaltet und sämtliche Sicherungsventile geöffnet. Vor Gericht führen Konsequenzen aus dieser verminderten Zurechnungsfähigkeit oft zur Strafreduzierung, wenn nicht gar zu Straffreiheit. Im Leben führen sie meistens geradewegs ins Verderben.

Von theoretischen Überlegungen dieser Art waren Anne und Somchai allerdings weit entfernt. Sie hatten sich gesucht, und sie hatten sich gefunden. Nichts anderes auf der Welt war im Moment für sie wichtig. Das Jagdhaus war abgebrannt. Na und? Anne war bei Somchai. Dafür brauchte sie das Jagdhaus nicht. Sie brauchte nichts außer Somchai. Und der war bei ihr. Er saß am Steuer, hatte einen Arm um sie gelegt und fuhr mit ihr durch eine dunkle Wand aus dichten Bäumen, in die zwei Scheinwerfer einen Lichtkanal bohrten, der sie an das Ziel ihrer Sehnsucht führen würde. Anne erlebte das seltene Gefühl von Sicherheit und Erfüllung. Alles, was sie jemals gehofft und geträumt hatte, war auf einmal da: Somchai, die Liebe, das Glück.

Und Somchai? Zum ersten Mal in seinem Leben tat er etwas völlig Verrücktes, etwas, das seine Familie nie verstehen, nie akzeptieren würde, denn bei ihr zählte nur die Vernunft. Er aber war unvernünftig, hatte sich über alle Konventionen hinweggesetzt. Wie ein Blitz hatte ihn die Erleuchtung getroffen, dass sein bisheriges Dasein nur Lüge gewesen war, Ablenkung, Ersatz. Jetzt erst hatte er begriffen, was es bedeutete, er selbst zu sein, in einem eigenen Universum mit Anne im Mittelpunkt, mit Gefühlen, zu denen er nicht erzogen worden war. In seiner Familie hatte man Gefühle durch Höflichkeit und Geld ersetzt. Diese Welt lag hinter ihm. Keine Sekunde trauerte er ihr nach, und auch nicht all dem Luxus, der damit verbunden war. Der kam ihm nicht einmal in den Sinn. Für Somchai hatte sich ein Tor geöffnet. Und dahinter hatte er mehr gefunden, als er je zu träumen gewagt hätte: Anne, die Liebe, das Glück.

Welche Idylle! Sie dauerte exakt drei Wochen. Während dieser Zeit hatten sie sich in einem kleinen Bungalow-Hotel in Lampang eingemietet, inmitten eines paradiesischen Parks, dessen Schönheit ihnen jedoch verschlossen blieb, weil sie sich das Essen aufs Zimmer bestellten und das Bett nur gelegentlich verließen, um das Bad aufzusuchen.

Totales Glück. Totaler Sex. Totale Liebe. Die begrenzte Haltbarkeit solcher unnatürlichen Zustände ist bekannt.

Es begann damit, dass Anne nach der gemeinsamen Zukunft fragte. Damit hatte sie die Gegenwart infrage gestellt, ihre scheinbare Zeitlosigkeit entzaubert. Um mit Anne nach Amerika zu gehen, brauchte Somchai seinen Reisepass. Der befand sich bei seiner Familie in Chiang Mai. Allein der Gedanke, Kontakt mit seiner Familie aufnehmen zu müssen, führte bei ihm zu den schlimmsten Gewissensbissen. Wie sollte sie ihm je verzeihen, was er ihr angetan hatte? Die Vorstellung, in die Welt normaler Beziehungen zurückzukehren, bedeutete für ihn gleichzeitig, die Ausweglosigkeit all dessen zu erkennen, was er für sich und Anne erhofft hatte. Trotzdem ließ er sich von ihr überreden und schrieb seinen Eltern einen Brief, in dem er versuchte, seine Situation zu erklären, und darum bat, ihm seinen Reisepass postlagernd zum Hauptpostamt nach Bangkok zu schicken.

Somchai war eingesponnen in einen Kokon aus Träumen, die ihn hin- und herrissen. Eine Zeit lang glaubte er wirklich, seine Eltern würden sich damit abfinden, wenn er ihnen erklärte, dass er mit der Frau seines Lebens nach Amerika auswandern wollte. Er, der das Kapital seiner Familie darstellte, ihre Hoffnung und ihre Zukunft. Dann setzten wieder seine Zweifel ein, die er bekämpfte, indem er sich einredete, er sei stark und unabhängig. Er würde für seine Liebe kämpfen, für seinen eigenen Weg. Aber das waren Scheingefechte. Sein Unterbewusstsein war längst auf dem Weg, ihn in den sicheren Schoß der Familie zurückzuführen.

Nachdem der Abt die Familie über das skandalöse Geschehen im Wat Phra Mug Sawan informiert hatte, wurde sofort ein Krisenstab gebildet, der im Stillen, aber höchst wirkungsvoll, arbeitete. Während Somchais Vater den Abt mit einer außergewöhnlich hohen Spende ruhig stellte, erkaufte dessen Bruder, der Minister, mit der Ankündigung, ein Hospital in der Nähe des Tempels zu bauen, das Schweigen der Dorfbevölkerung. Die wichtigste Aufgabe war dem zweiten Bruder, dem General, vorbehalten. Der ließ das Hauptpostamt von zivil gekleideten Soldaten überwachen. Als Somchai auftauchte, um seine Post in Empfang zu nehmen, wurde er ebenso diskret wie unmissverständlich begrüßt und durch einen Nebenausgang abgeführt.

Im Kreis des Familienrats bedurfte es dann nur weniger Stunden, bis er davon überzeugt worden war, dass seine Zukunft nicht in Amerika, sondern in Thailand lag und darin bestand, dem Ansehen der Familie Rasipornharn Ehre und Würde zu verleihen.

Am nächsten Tag fügte Somchai sich der elterlichen Erwartung und schrieb Anne einen Abschiedsbrief: