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Kinder sind die Zukunft der Gesellschaft - deshalb geht ihre Bildung alle etwas an! Um Bildung von Kindern kümmern sich neben den Eltern viele Berufsgruppen. Häufig findet kein regelmäßiger Austausch untereinander statt, was bei Schwierigkeiten schnell zu Frust führt. Dieses Buch beruht auf der Idee, dass gezielte Kommunikation der wertvollste Weg ist, um Probleme im Bildungs- und Erziehungsalltag zu lösen. Es bündelt relevante Aspekte zur ganzheitlichen Versorgung von Kindern und zeigt Hilfestellungen für den Alltag auf. Leitfäden für Einrichtungen und verschiedene Berufsgruppen sollen die Zusammenarbeit erleichtern und transparent gestalten. Gleichzeitig bekommen Eltern und Lehrer praktische Hilfen, um das Schulleben erfolgreich und entspannt zu meistern. SchlauLernTipps bietet jedem Leser die Möglichkeit, je nach Bedarf bestimmte Themen oder Prozesse auszuwählen und für sich zu nutzen. Es ist Zeit zu handeln - fangen wir an!
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Seitenzahl: 260
Veröffentlichungsjahr: 2021
Schlau LernTipps
Alltagstricks für Kinder,
Eltern und Pädagogen.
© 2021 Maria Kruse
Umschlaggestaltung, Design: kraem GmbH
Lektorat, Korrektorat: Lektorat und
Textagentur Dr. Heiner Lohmann
weitere Mitwirkende: Anna Longwitz,
Anne Altenhoff, Maximilian Longwitz
Verlag und Druck: tredition GmbH,
Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN Taschenbuch: 978-3-347-32423-7
ISBN e-Book: 978-3-347-32424-4
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Wer bin ich?
Nach meiner Ausbildung und dem Studium zur Ergotherapeutin habe ich mich auf die Arbeit mit Kindern spezialisiert. Von Beginn an legte ich großen Wert auf die Zusammenarbeit mit Eltern, Schulen und Kindergärten.
2013 entwickelte ich das Konzept Hippe Kids und begann im selben Jahr mit der Durchführung an einer Grundschule in Ibbenbüren. Der Ansatz dieses Konzeptes beinhaltet präventive ergotherapeutische Maßnahmen zu den Schwerpunkten Grob- und Feinmotorik, Sozialverhalten, Konzentration und Handlungsplanung direkt im Schulkontext.
Um auch fachgerecht in den Bereichen Mathematik und Deutsch therapeutische Hilfestellung leisten zu können, absolvierte ich im Jahr 2014 eine Ausbildung zur Dyslexie- und Dyskalkulietherapeutin des Bundesverbandes für Legasthenie und Dyskalkulie (BVL). Hier erwarb ich die Kompetenzen, fachbezogene Diagnostik, in Verbindung mit medizinischen Gutachten, zu erstellen und ausgeprägte Lernstörungen zu behandeln.
Die Kombination der unterschiedlichen Ansätze ermöglicht es mir, die Kinder ganzheitlich wahrzunehmen und individuelle Förderpläne aus pädagogischer und medizinisch-entwicklungsbezogener Sicht zu erstellen.
Resultierend aus meiner Arbeit mit Hippe Kids entstand bis heute eine immer engere Zusammenarbeit mit den Institutionen in Ibbenbüren, Mettingen, Recke und Westerkappeln.
Seit 2016 bin ich zusätzlich Inhaberin der lernund ergotherapeutischen Praxis PLEmobil in Mettingen, um auch außerhalb der Institutionen Kindern und Eltern therapeutische Hilfe anzubieten. Wir haben uns auf die Grundlagen und Voraussetzungen für das schulische Lernen spezialisiert.
Warum dieses Buch?
In meinem Arbeitsalltag wird deutlich, dass Kommunikation und fachlicher Austausch an der richtigen Stelle zu kurz kommen. Genau auf dieser Erfahrung beruhen die Motivation zu diesem Buch und seine Entstehung.
Durch meine Arbeit an verschiedenen Schulen habe ich in den letzten Jahren viele Erfahrungen und Eindrücke von Lehrern, Kindern und Eltern gesammelt. Die Ratlosigkeit im Umgang mit den immer jünger werdenden Kindern, den zunehmenden zusätzlichen Bedürfnissen im Schulalltag und der nicht zufriedenstellenden Personalsituation ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. Es gibt Idealvorstellungen und gute Ideen, um die Situation zu verbessern. Die Umsetzung scheitert jedoch an den mangelnden personellen und finanziellen Ressourcen. Auch vonseiten der Medizin steigt die Unzufriedenheit, da die Ärzte indirekt von den auftretenden Problemen in den Schulen betroffen sind.
Die Zusammenarbeit mit Ärzten, Lehrern, Eltern und Kindern zeigt, dass der wertvollste und effektivste Weg die ganzheitliche und multidisziplinäre Kommunikation ist, um Wissen weiterzugeben und zu kombinieren.
Ein klares Konzept hierfür gibt es bisher nicht und deshalb gehen wichtige Informationen über die Kinder verloren, Frust entsteht und jeder versucht aus seiner Profession und Institution heraus, das Beste zu tun.
Mit der Zeit entstand die Idee, relevante Aspekte einer effizienten und ganzheitlichen Versorgung von Kindern in einem umfassenden Konzept zu bündeln und so eine einfache und praktische Hilfestellung zu bieten.
Vorwort.
Vorworte sind immer das, was ich am Anfang eines Buches überlese, weil es dann noch länger dauert. Nun habe ich plötzlich das dringende Bedürfnis, trotzdem eins zu verfassen.
Warum?
Ich will kurz erklären, was das Ziel dieses Buches ist. Das Buch soll, basierend auf unserer Erfahrung, unterschiedliche Blickwinkel aufzeigen und für gegenseitiges Verständnis sorgen. Gleichzeitig können gemeinsame Lösungen gefunden werden, wenn eine Perspektive aus der gleichen Richtung vorhanden ist.
Alle haben ihre Berechtigung für ihren Blick, ihre Einschätzung und ihr Verhalten.
Ein Wechsel der Perspektive bringt möglicherweise Verständnis für das Gegenüber. Und genau das will dieses Buch: Verständnis füreinander erzeugen, um Lösungen zu finden.
Es geht in diesem Buch nicht um bloße Daten- und Faktenvermittlung, sondern um die Idee, Dinge pragmatisch zu verändern und die Perspektive zu wechseln! Dieses Buch verfolgt das Ziel, dass am Ende bei allen Lesern ein größeres gegenseitiges Verständnis herrscht und sich jeder aussucht, was er nutzen kann und will.
Während des Schreibens ist mir deutlich geworden, dass in diesem Buch viele verschiedene Zielgruppen angesprochen werden. ELTERN, LEHRER, ERZIEHER UND THERAPEUTEN können von ihm profitieren. Aufgrund der Vielseitigkeit und der vielen unterschiedlichen Blickwinkel war es schwer, jedes Kapitel so zu schreiben, dass es gleichzeitig alle Zielgruppen anspricht. Deshalb ist es sinnvoll, dass Sie auswählen, was für Sie relevant ist.
Kapitel 1 bis 4 sprechen alle an, die inhaltliche Tipps und Erklärungen suchen. Kapitel 5 bis 7 beschreiben die strukturellen Herausforderungen, Möglichkeiten und Abläufe einer interdisziplinären Zusammenarbeit. Diese Aspekte sind in erster Linie für INSTITUTIONEN und THERAPEUTEN interessant. Dennoch kann es für jeden Leser von Nutzen sein, einen Blick in die unterschiedlichen Perspektiven zu werfen.
Entscheiden Sie sich für Ihre Sichtweise!
Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen.
Systemwandel und Perspektivwechsel.
1.1 | Ich denke, du denkst – einander wahrnehmen und verstehen lernen
1.2 | Unterschiedliche Perspektiven als Chance zur Entwicklung
1.3 | Wer denkt und kommuniziert wie? Ein Beispiel aus der Praxis.
Systemwandel und Perspektivwechsel.
1.1 | Ich denke, du denkst – einander wahrnehmen und verstehen lernen.
Was ist eigentlich Denken und Kommunizieren? Schließlich tun wir das jeden Tag – ob wir wollen oder nicht. Bei genauerem Nachdenken wird einem bewusst, dass jede Tat, jede Entscheidung, jedes Erlebnis, alle Gedanken aus der Vergangenheit eigentlich nur eine Rolle spielen, weil wir darüber nachdenken und mit unserer Umwelt kommunizieren.
Es lohnt sich also, einmal näher zu betrachten, was Denken eigentlich bedeutet. Das kann helfen, seine Mitmenschen besser zu verstehen. Außerdem brauchen wir dieses Wissen, um die Perspektive wechseln zu können.
„Denken als mentale Aktivität kann in Zusammenhang gebracht werden mit Informationsverarbeitung, Erkenntnisgewinnung und Problemlösung, wobei der Problemlösung große Bedeutung zukommt. Jeder Mensch kann denken, wobei die Fähigkeiten je nach Person unterschiedlich ausgeprägt sein können. Doch auch Denken kann durch den Einsatz von Denkwerkzeugen verbessert werden.“(HESSE, 2009, S. 11)
„Denken ist die seelisch-geistige Tätigkeit, Bedeutung und Sinnzusammenhänge zu erfassen und herzustellen.“(STANGL, 2020)
Was lernen wir daraus? Denken sieht man nicht – es geschieht in unseren Köpfen. Dieser Prozess ist immer absolut individuell und personenbezogen. Wir sehen nur das Handeln der Einzelnen. Wir ziehen wegen unterschiedlicher Verhaltensweisen und Äußerungen Rückschlüsse auf den Charakter und die Denkweise eines Menschen. Aber wir wissen nicht, was ihn tatsächlich zu seinem Tun bewegt hat. Um es ganz pragmatisch zu formulieren:
Jeder lebt und denkt in seiner Welt.
Jedes Individuum hat einen ganz eigenen Erfahrungsschatz, ganz eigene Erlebnisse, eigene Verknüpfungen – völlig subjektiv und basierend auf den ganz eigenständig gesammelten Informationen und Rückschlüssen. Wir sagen also, was wir denken, oder entscheiden Dinge, nachdem wir gedacht haben – möglicherweise hätte ein anderer Mensch in genau derselben Situation etwas ganz anderes entschieden.
Nur weil wir das Resultat einer Handlung sehen, wissen wir noch lange nicht, was derjenige gedacht hat. In den seltensten Fällen wissen wir von unserem Gegenüber so viel, dass wir wirklich einschätzen können, warum er so handelt, wie er handelt, und denkt, wie er denkt, warum er entscheidet, wie er entscheidet, und warum er fühlt, wie er fühlt. Klingt kompliziert, ist es aber nicht – man muss nur einmal darüber nachdenken und sich Zeit dafür nehmen, sich gegenseitig zu verstehen.
Wir lassen uns ALLE von Erfahrungen und von Aussagen durch die Außenwelt beeinflussen. Dadurch hat jeder eine vollkommen andere Sichtweise.
Die Theorie, die genau diese Zusammenhänge beschreibt, ist als Konstruktivismus bekannt. Schon JEAN PIAGET (1946 & 1975) beschrieb die Idee, dass Kenntnisse und Werte nicht von außen vermittelt werden können, sondern konstruiert werden müssen.
Mit anderen Worten, auch die Kinder nehmen auf ihre Weise wahr und entwickeln darauf aufbauend ihre Lernerfahrungen. Die inneren Zusammenhänge versteht man nur, wenn man genau hinsieht und hinterfragt.
Würden wir uns nun die Zeit nehmen, genauer nach den Hintergründen für eine Meinung zu fragen, so könnten wir sicher in vielen Situationen Verständnis aufbringen oder zumindest den Standpunkt des anderen verstehen. Doch leider kommt es dazu allzu oft nicht, weil uns die Zeit fehlt, darüber nachzudenken. Schon ALBERT EINSTEIN hatte diese Erkenntnis. Er sagte:
„Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom.“
Nicht selten passiert in der Folge etwas Typisches: Diejenigen, die eine ähnliche Meinung haben wie wir, sind uns sympathisch. Wir solidarisieren uns, weil wir als Menschen grundlegend harmoniebedürftig sind. Wir möchten Ähnlichkeit mit den Menschen um uns herum haben und fühlen uns stark als Mitglied einer Gruppe, wenn wir eine Meinung vertreten. Noch besser fühlen wir uns, wenn wir uns gemeinsam gegen jemanden stellen können, der anders vorgeht. Das solidarisiert uns noch mehr und wir fühlen uns noch stärker. In der Gruppe fangen wir jedoch schneller an zu urteilen und unser Denken und Handeln an dem der Gruppe auszurichten, ohne es zu hinterfragen.
An vielen Stellen ist es eben leichter, auf ein Vorurteil zurückzugreifen, anstatt selbst darüber nachzudenken, nachzufragen oder die Perspektive eines anderen einzunehmen.
Das ist menschlich und in der Gesellschaft üblich. Es steht mir auch überhaupt nicht zu, darüber zu urteilen. Mein Entschluss ist allerdings: Denken, ehrlich zu sich und anderen sein und fragen, anstatt urteilen (oder zumindest fragen, bevor ich urteile).
Mit diesem Bewusstsein lassen sich im Alltag viele Probleme durch Kommunikation lösen, weil gegenseitiges Verständnis erzeugt werden kann.
Dadurch, dass jeder in seiner eigenen Denkwelt lebt, kann keinem ein Vorwurf gemacht werden. Dies tun wir trotzdem ganz oft. Jedoch nur, weil wir selbst verstanden werden wollen und unsere eigene Welt natürlich als die richtige Welt erleben. Schließlich befinden wir uns mittendrin und gehen eigentlich davon aus, dass sich die Menschen um uns herum in der gleichen gedanklichen Welt befinden.
Jeder hat das gute Recht, seine Denkweise zu verteidigen – aus seiner Sicht hat er schließlich Recht. Es sollte einem nur bewusst sein, dass alle Denkweisen ihre Berechtigungen haben. Entweder hinterfragt man, um zu verstehen oder eine Einigung zu finden, oder lässt es stehen und spart sich mühevolle Diskussionen (je nach Situation und Laune).
FAZIT
FÜR DIE GRUNDHALTUNG IN DIESEM BUCH:
Betrachten Sie Ihre Gedanken in dem Bewusstsein, dass sie zu Ihrer Welt gehören. Sie haben eine Berechtigung, aber die Gedanken der anderen auch!
Akzeptieren Sie die Denkweisen anderer und fragen Sie nach, um sie zu verstehen. Wenn Sie gemeinsam eine Lösung für ein Problem suchen, diskutieren Sie es aus,stellen Ihre Denkweisen dar und reden Sie miteinander, um das Problem zu lösen. Nicht, um den anderen von Ihrer Meinung zu überzeugen, sondern um eine gemeinsame Ebene zu finden!
Nutzen Sie das miteinander Sprechen, um Konflikte zu lösen und Lösungen zu finden.
1.2 | Unterschiedliche Perspektiven als Chance zur Entwicklung
Es ist ja wie überall im Leben: Wenn wir gegenseitig ständig und immer andere Denkweisen und Meinungen akzeptieren könnten, dann gäbe es keine Kriege, keine zerstrittenen Familien, keine größeren sozialen Katastrophen.
So sind wir Menschen aber nicht. Wir wollen Recht haben, wir wollen gehört werden und wir sind natürlich der Überzeugung, dass unsere Denkweise richtig ist. Sie ist ja schließlich in unserem Kopf – also kann unsere Meinung nur richtig sein.
Möglicherweise gibt es irgendwann in der Zukunft ein Patentrezept für die perfekte Kompromisslösung. Die Frage ist, ob das gut oder schlecht ist. Denn:
Weiterentwicklung entsteht durch unterschiedliche Meinungen, durch Diskussion und durch Konflikt.
Diktaturen lösen sich auf, weil Menschen rebellieren, auf die Straße gehen und sich wehren. Konflikte bewirken, dass Wut sich auflöst und Veränderungen angestoßen werden. Wären wir alle einer Meinung, wir würden vermutlich heute noch glauben, die Erde sei eine Scheibe.
Das heißt, unterschiedliche Denkmuster, verschiedene Wahrnehmungen und Experimente mit neuen Verhaltensmustern sind am Ende eins unserer höchsten Güter. Niemand hat gesagt, dass positive Entwicklung leicht ist. Sie ist aber trotzdem positiv. Die Frage ist nur, wie anstrengend der Weg dorthin wird.
Alles in allem bedeutet dies wohl, dass die unterschiedlichen Perspektiven Fluch und Segen zugleich sind. Es nervt, dass jeder andere Dinge wichtig findet. Es ist zeitaufwendig, dass man sich immer wieder erklären und rechtfertigen muss.
1.3 | Wer denkt und kommuniziert wie?
„Nur wenn wir verstehen, können wir uns kümmern. Nur wenn wir uns kümmern, können wir helfen. Nur wenn wir helfen, können wir das Leben retten.“
(JANE GOODALL, VERHALTENSFORSCHERIN)
In diesen Worten steckt viel Wahrheit, wie ich finde. Mal angenommen, wir bleiben bei der Hypothese, dass es eigentlich nur einen gemeinsamen Weg und nicht unbedingt eine absolute Einheitlichkeit in allen anderen Faktoren braucht, dann macht es an dieser Stelle auch Sinn, sich noch einmal klar darüber zu werden, wer welche Schwerpunkte in seiner Denkweise und Meinungsbildung legt.
Vielleicht ist es am anschaulichsten, wenn wir uns ein Kind aus meinem Berufsalltag anschauen und die verschiedenen Einschätzungen der Professionen betrachten.
Anton (Name geändert) ist fünf Jahre alt und hat es im Kindergarten nicht immer leicht. Er hat leichtes Übergewicht, schnelle Bewegungen fallen ihm schwer, zum Malen hat er keine Lust und immer wieder passiert es, dass er sich in die Hose macht. Die anderen Kinder lachen ihn deshalb aus und wollen häufig nicht mit ihm spielen. Anton reagiert darauf wütend und in letzter Zeit passiert es immer wieder, dass er andere Kinder haut oder anspuckt. Die Erzieherin ist besorgt, empfiehlt den Eltern, sich Hilfe zu suchen und Anton in einem sozialpädiatrischen Zentrum untersuchen zu lassen. Die Eltern möchten nicht, dass Anton in eine Schublade gesteckt wird, und versuchen, mit verschiedenen Methoden Anton zu sozialerem Verhalten zu erziehen und ihn so gut es geht zu unterstützen. Irgendwann haben sie den Eindruck, Anton werde von den Erziehern nicht fair behandelt wie die anderen Kinder. Also fangen die Eltern an, Dinge nicht mehr offen anzusprechen. Die Wut wächst.
Im nächsten Elterngespräch eskaliert die Situation. Die Eltern fühlen sich angegriffen, nachdem die Erzieherin gesagt hat, dass Anton heute leider wiederholt ein Kind mit einer Schaufel im Sandkasten gehauen hat. Weiterhin zeige sich nur sehr wenig körperliche Entwicklung. Die Erzieher fordern noch einmal ein, dass Hilfe aufgesucht wird. Die Eltern weigern sich, weil sie sich nicht verstanden fühlen. Am Ende herrschen Wut und Enttäuschung auf beiden Seiten.
Wenig später gehen die Eltern zum Kinderarzt, um über die Entwicklung Antons zu sprechen. Er schätzt die Situation wiederum anders ein und empfiehlt den Eltern, bitte mehr auf die Ernährung
des Kindes zu achten. Weiterhin sei es wichtig, dass er sich deutlich mehr bewege und in einen Sportverein gehe. Durch mehr Bewegung würde er sich sicher bald flüssiger bewegen, Gewicht verlieren und sich wohler fühlen. Außerdem hätte er in einem Verein die Möglichkeit, seine sozialen Kompetenzen zu trainieren.
Die Eltern können die Ratschläge nicht annehmen und fühlen sich erneut angegriffen. Sie sind unzufrieden mit der Gesamtsituation und sehen die Verantwortung in ihrem Umfeld.
Schließlich fängt Anton zusätzlich an, sich regelmäßig einzunässen. Die Eltern suchen Hilfe bei einem Psychologen, weil sie die Ursache in den Verhaltensweisen des Kindergartens sehen. In ihrer Theorie fühlt Anton sich inzwischen so unwohl, dass er aus Angst einnässt.
Der Psychologe rät zu einem Verhaltenstraining und vermutet, dass Anton sich nicht als positiv wirksam erlebt und sich daher typisch negative Muster angeeignet hat. Mithilfe von Tokensystemen und klaren Verhaltensregeln sollen die Eltern nun gemeinsam mit ihm gewünschtes Verhalten trainieren.
Dies funktioniert gut, jedoch nur für ein paar Wochen. Anton schafft es im Kindergartenalltag zwar mehr, sich zusammenzureißen. Jedoch sind die Wutausbrüche zu Hause dafür umso häufiger und heftiger. Fast jede Nacht ist das Bett nass und auch das Durchschlafen und Einschlafen gelingen nur mit immer mehr Mühe.
ELTERN wollen das Beste für ihr Kind. Sie verteidigen es wie die Löwen, wenn es Kritik bekommt, sie stehen für die Wünsche ein und fordern gleichzeitig eine faire Behandlung. Eltern möchten die Geborgenheit und den Schutz so lange wie möglich aufrechterhalten. Deshalb ist es umso wichtiger, sie zu verstehen, wenn es Probleme gibt.
ERZIEHER haben viel Erfahrung mit Kindern, ihrem Verhalten, der Entwicklung und sozialen Verhaltensmustern. Ihnen gelingt es oft sehr schnell, einen zuverlässigen Eindruck zu haben und die Kinder auf ihrem Weg gut zu begleiten. Sie haben die Brille der objektiven Beobachter auf und sind es gewohnt, diese Beobachtungen einzuschätzen und danach zu handeln.
Auch ÄRZTE wollen das Beste für die Kinder. Sie haben die Brille der Medizin auf und müssen sich binnen kürzester Zeit einen Überblick verschaffen und dann das Richtige tun. Sie achten vor allem auf Gesundheit und die physiologische Entwicklung.
PSYCHOLOGEN versuchen zu ergründen, warum Verhaltensweisen, Ängste oder Probleme im Alltag entstehen. Sie entwickeln mit der Zeit eine Theorie, wie das jeweilige Verhaltensmuster entstanden sein könnte. Damit arbeiten sie und erarbeiten daraus mögliche Strategien, um das Verhaltensmuster zu ändern oder den Umgang mit Emotionen positiv zu beeinflussen.
Wie Sie merken, haben ALLE ein Interesse an dem Kind. Alle auf ihre Art und Weise, je nach Zusammenhang und Profession. Das ist gut so! Denn dadurch kann Kindern geholfen werden, die Hilfe benötigen, und so können kreative Lösungen entstehen, die eine echte Teilhabe am Leben ermöglichen.
ABER am Beispiel oben wird deutlich, dass genau dieser Vorteil zu einem echten Problem wird, wenn gegenseitiges Vertrauen fehlt. In dem Moment, wo jeder dem anderen beweisen möchte, dass er eigentlich die Lösung hat und alle anderen im Unrecht sind, hat eine gemeinsame Arbeit keine Chance. Weil die gemeinsame Ebene der Kommunikation fehlt.
Wir brauchen in unserer Gesellschaft nicht noch mehr Druck und Vorwurf, sondern Akzeptanz und Offenheit. Mit der Idee, dass es okay ist, anderer Meinung zu sein und andere Wege zu gehen. Mit dem Grundvertrauen, dass jede Profession besondere Blickwinkel und Fertigkeiten besitzt. Man kann nein zu einer Idee sagen und dabei dennoch wertschätzend zu seinen Mitmenschen sein und Meinungen mit einbeziehen.
Diese Grundhaltung verändert Leben, da plötzlich keine Verteidigung mehr nötig ist. Und ohne Rechtfertigung und Verteidigung bleibt Zeit für echte gemeinsame Lösungen.
WAS HÄTTE DAS FÜR ANTON GEÄNDERT?
Im Fall Antons war es so, dass in der ersten Klasse der Leidensdruck so hoch wurde, dass die Familie schließlich doch einer Diagnostik zustimmte.
Es zeigte sich, dass Anton an einer umschriebenen motorischen Entwicklungsverzögerung leidet. Diese Diagnose erklärt die Probleme in den Bewegungsabläufen und in der Handlungsplanung. Durch den ständigen eigenen Misserfolg entsteht bei den Kindern auf psychischer Ebene Frust und ein sehr negatives Eigenempfinden. Der Druck steigt und schließlich entwickeln die Kinder nicht selten ein aggressives Verhalten, um ihre Wut zu kompensieren. Mit der Problemstellung haben die Eltern und die Kinder ein Anrecht auf Hilfe und Unterstützung – sowohl durch Therapien als auch in der Schule.
FAZIT
Gäbe es die Möglichkeit, sachlich immer wieder Verhaltensweisen und Meinungen zu betrachten und dies nicht als Vorwurf aufzufassen, sondern als Hinweis auf benötigte Hilfe, wäre dies für alle Beteiligten von Anfang eine klare Grundhaltung. Dann müssten Lösungen nicht immer wieder verhandelt werden, sondern wären gemeinsam vorgezeichnet und Anton hätten vermutlich viele schlimme Erfahrungen und den Eltern viele Konflikte erspart werden können.
In diesem Sinne:
„Begrenze dich niemals wegen der begrenzten Vorstellungskraft anderer; begrenze niemals andere aufgrund deiner eigenen begrenzten Vorstellungskraft.“
(JANE GOODALL, VERHALTENSFORSCHERIN)
Lernen.
2.1 | Definition
2.2 | Lernen lernen
2.3 | Soziales Lernen ermöglichen
Zeit investieren – Lohnt sich die Mühe?
Wie man Lernen lernt
Die Bedeutung der Gesten am Rande
Warum Belohnungssysteme manchmal nicht funktionieren
Warum Anstrengung trotzdem gelernt werden muss
Lebenswei se
2.4 | Stolpersteine im (Schul-)Alltag
Medienkonsum
Dauerdruck und Freizeitstress
Organisatorische Gegebenheiten
Grundlagen der Entwicklung
Hochbegabung
2.5 | Was ist mit den Ausnahmen?
Lernen.
„Sage es mir – Ich werde es vergessen! Erkläre es mir – Ich werde mich erinnern! Lass es mich selber tun – Ich werde verstehen!“
(KONFUZIUS)
Für einen Perspektivwechsel ist es wichtig zu wissen, welche Perspektiven es gibt. Soll eine ganzheitliche Zusammenarbeit von Professionen entstehen und sollen Eltern die Möglichkeit bekommen, ihre Kinder mit zu unterstützen, so sind ein gleicher Wissensstand und eine einheitliche Definition absolut nötig. Hierfür brauchen wir die Akzeptanz unterschiedlicher Denkweisen und eine gute Kommunikation, um die Meinungen auf eine Ebene zu bringen und Lösungen zu finden.
Aus diesem Grund beschäftigen wir uns nun mit dem Thema Lernen, da es sowohl für die Kindergartenkinder als auch für die Schulkinder und die Erwachsenen eminent wichtig ist.
2.1 | Definition
„Lernen beschreibt den Prozess zum Erwerb von Erlebens- und Verhaltensweisen, welche durch eine Interaktion mit der Umwelt zustande kommen. Lernen kann auch zur Unterdrückung oder zu Veränderungen von Erlebens- und Verhaltensweisen führen, wenn diese keine Befriedigung (egal welcherArt) bringen.
Kurzum: Lernen bedeutet eine Veränderung des Erlebens und Verhaltens aufgrund von individuellen Erfahrungen in bzw. mit der Umwelt.“
(EDELMANN & WITTMANN)
Diese Definition zeigt deutlich, dass Lernen etwas Allumfassendes ist. Schon kleine Kinder lernen durch die Interaktion mit ihrer Umwelt. Sie schreien und lernen, dass jemand kommt, um sich zu kümmern und Bedürfnisse zu erfüllen. Die ersten Bewegungen sind zufällige Beobachtungen und werden durch ständiges Wiederholen und Testen präzisiert und schließlich gezielt eingesetzt.
Alle Bereiche unseres Lebens funktionieren so. Wie man sich bewegt, was man isst, wie man kommuniziert, welches Verhalten gegenüber anderen Menschen angebracht ist oder nicht …
2.2 | Lernen lernen
Am Anfang eines Kindergarten- oder Schulbesuchs müssen Kinder lernen, welche Regeln hier gelten. Sie lernen durch Beobachtung und experimentieren mit unterschiedlichen Verhaltensweisen. Sie passen sich im Optimalfall an ihre Umgebung an und sind in der Lage, sich im Laufe der Zeit in ihrer neuen Umwelt angemessen zu verhalten.
Dabei begegnen wir natürlich einem breiten Spektrum an möglichen Charakterzügen, genauso wie bei den Erwachsenen. Es gibt die Schüchternen, die zunächst Sicherheit benötigen, die Anführer, die sofort die Kommandos einer ganzen Gruppe übernehmen, und die Angepassten, die ihrer eigenen Motivation folgen und gleichzeitig versuchen, sich mit anderen zu arrangieren.
Ein Schulkind beispielsweise muss sich in der ersten Klasse an eine ganz neue Umgebung gewöhnen und sich an die Anforderungen anpassen. Es hat noch nie zielgerichtet gelernt und fest vorgegebene Aufgaben in einer bestimmten Zeit erledigt. Es weiß noch nicht, was erwartet wird. Gleichzeitig prasseln sofort neue Inhalte auf die Kinder ein. Es wird geschrieben, gelesen und gerechnet. Dass diese Doppelbelastung für manche Kinder (vor allem die jüngeren, die sich noch in einer anderen Entwicklungsphase befinden) eine Überforderung darstellt, ist eine logische Konsequenz.
Ein Erwachsener, der einen neuen Job anfängt, hat in der Regel eine Einarbeitungszeit. Der Start besteht in dieser Lebensphase im Optimalfall darin, einen Überblick zu bekommen, sich einzugewöhnen und festzustellen, welche Erwartungen bestehen – mit dem Vorteil, dass wir oft schon gelernt haben, wie das funktioniert. Wir brauchen diese Zeit, um das Gefühl zu haben, unsere Aufgaben gut und stabil bewältigen und uns auf Herausforderungen einlassen zu können. Warum? Weil wir uns damit sicher fühlen und die Kontrolle behalten. Starten wir ohne diese Zeit, um zum Beispiel schnell Aufgaben zu erledigen, benötigen wir oftmals deutlich länger, weil wir uns orientierungslos fühlen und immer wieder in Fragen und Zweifel stecken bleiben. Der Stresspegel steigt, die Effizienz sinkt.
Von den Kindern verlangen wir eigentlich diesen Kaltstart und sind verwundert, warum einige das nicht schaffen oder nicht gern in die Schule gehen. Warum gönnen wir unseren Kindern in der Schule nicht auch diese „Einarbeitungszeit“, damit sie ankommen und Sicherheit entwickeln können? Die Kinder lernen deswegen ganz sicher nicht weniger, sondern nur etwas zeitversetzt – dafür jedoch stressfreier und effizienter. Aber sie haben die Gelegenheit, von Anfang an selbstbestimmt und positiv zu lernen.
Zudem sollte nicht vergessen werden, dass in der Schule neben dem Lesen, Schreiben und Rechnen vor allem das sogenannte emotionale Lernen stattfindet. Kinder sitzen die erste Zeit ihres Schullebens in der Klasse und verbinden die dort erlebten Ereignisse und Gefühle mit ihrer restlichen Schulzeit. Sie merken sich, ob sie sich wohlfühlen und ob sie Erfolg oder Misserfolg haben. Die Bindung zu ihren Lehrern ist entscheidend über ihr Wohlgefühl und ihre Lerneinstellung. Und egal was später passiert, es wird danach sehr schwer, den „ersten Eindruck“ für die Kinder zu verändern. Natürlich können Lernverhalten und eine positive Einstellung auch nach einem weniger gelungenen Start verändert werden. Jeder Tag trägt zur Konditionierung des weiteren Schullebens bei.
Genau deshalb ist es so wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, welche Faktoren für positives Lernen verantwortlich sind. Nicht nur die reine Wissensvermittlung und die damit verbundenen Strategien spielen eine große Rolle, sondern vor allem auch die sozialen Aspekte haben großen Einfluss auf das Lernen.
2.3 | Soziales Lernen ermöglichen
Zeit investieren – Lohnt sich die Mühe?
Aber ja. Denn „steter Tropfen höhlt den Stein“. Ich weiß, dass sich manchmal im Alltag die Frage stellt: Warum eigentlich? Der Weg erscheint einem zu weit und wenn nicht sofort die Ergebnisse ersichtlich sind, liegt es nahe, aufzugeben.
In der heutigen Welt stellen wir alles infrage, probieren viele neue Dinge aus und wechseln schnell die Richtung, wenn wir das Gefühl haben, es läuft nicht nach Plan. Doch genau die Beständigkeit und das Durchhalten fehlen den Kindern heutzutage.
Kinder brauchen Vorgaben, die sich wiederholen, um sich danach richten zu können. Nicht jeden Tag ein anderes Mittel oder eine andere Strategie. Setzen Sie sich Ziele und überlegen Sie sich zunächst zwei Schritte, die Sie ändern wollen. Schritte, die Sie für beherrschbar halten. Erwarten Sie keine Wunder oder direkte Veränderungen. Sondern nehmen Sie sich die Zeit, an ihren Zielen festzuhalten und sie zu verfolgen.
Kinder, die Beständigkeit erleben und erfahren, dass ihre Eltern Ziele verfolgen und in kleinen Schritten vormarschieren, tun dies auch später selbst. Kinder, die ständig wechselnde Regeln und Abläufe erleben und vorgelebt bekommen, dass man jeden Tag seine Meinung ändert und sich immer wieder neue Ziele setzt, tun auch dies später selbst.
Damit ist nicht gemeint, dass man sich nicht mehr hinterfragen oder Dinge und Einstellungen nicht mehr ändern sollte. Die Kunst ist, sich klarzumachen, was man eigentlich selbst will. Was ist aktuell Ihr wichtigstes Ziel?
Wenn Sie das herausgefunden haben, legen Sie einen klaren Weg fest und machen sich einen klaren Plan. Dann verfolgen Sie Ihren Plan und schauen, ob er funktioniert. Wenn Sie nach zwei Monaten feststellen, dass etwas schiefläuft, dürfen Sie Ihren Plan ändern, jedoch nicht Ihr Ziel vergessen. Es kann helfen, das auch tatsächlich schriftlich festzulegen.
An den Schulen erleben wir immer wieder sehr unruhige Klassen. Die Lehrer sind verzweifelt, die Kinder sind kaum in der Lage, sich zu beruhigen oder Klassenregeln einzuhalten. Es gibt in vielen Fortbildungen und Konzepten unzählige Ideen, das Verhalten der Klassen zu trainieren, mit Belohnungssystemen zu unterstützen und so Ruhe in die Klassenzimmer zu bringen. Doch gibt es nur wenig Aufklärung über die Zusammenhänge und nur wenig zielgerichtete Methoden für die einzelnen Kinder. Das heißt, die Strategien vor dem Einsatz der Belohnung oder der Bestrafung wechseln bei den Lehrern oft von Tag zu Tag, je nach Tagesform und Geduld. Das ist normal und gleichzeitig ungünstig, denn die Kinder brauchen keine Belohnung, sondern eine beständige Strategie.
Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Kinder es mit der Zeit wirklich schaffen, sich in der Klasse deutlich ruhiger und kontrollierter zu verhalten, wenn nicht die Belohnung, sondern das immer gleiche Verhalten im Vordergrund steht. Es scheint so zu sein, dass durch diese Routinen ein Großteil der übrigen Schwierigkeiten gemildert werden kann. So wissen wir, dass unruhige Kinder zu Beginn viel Zeit benötigen, um eine ruhige Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Grundregeln hierfür sind das Abwarten, das Anschauen und das Nacheinander-Sprechen.
Natürlich sind das Verhaltensweisen, die in jeder Klasse besprochen werden. Doch die Erfahrung macht deutlich, dass diese eben oft nur oberflächlich benannt und nicht tatsächlich eingeübt werden. Das hat zur Folge, dass ihre Bedeutung vielen Kindern zwar klar ist, jedoch nicht mit einer eigenen Lerneinstellung verbunden wird. Gerade junge Kinder müssen lernen, was diese Rücksichtnahme und dieses Verhalten bedeuten, und verstehen, wie Abwarten und Anschauen gehen.
Aus Angst vor zu wenig Effizienz und manchmal auch aus Verzweiflung wird nicht selten aber einfach mit dem Lernstoff weitergemacht und einzelne Kinder werden immer wieder ermahnt. Das ist sinnvoll für die Kinder, die schon genug Reife mitbringen und dem Inhalt ohne Probleme folgen können. Die jüngeren Kinder, die noch psychische und mentale Unreife mitbringen, brauchen aber genau an dieser Stelle Hilfe.
In der Grundschulzeit sollte es darum gehen, das Lernen zu lernen. Danach wird der Lehrplan umso schneller durchgearbeitet werden können.
Aber die Zeit nicht zu investieren, aus Angst, mit dem Lernstoff nicht durchzukommen, halte ich für einen Trugschluss. Ich glaube sogar, dass beides geht und eine intensive Lernentwicklungszeit am Anfang sogar deutlich entspannter und erfolgreicher ist.
Man schafft damit Lernroutinen ohne Frust. Die Kinder lernen, sich auf Aufgaben einzulassen, ohne ständig ausbrechen zu müssen.
Und hiermit schafft eine Klasse letztendlich gemeinsames und erfolgreiches Lernen mit Freude.
Warum liebevolles Lernen ganz oben auf der To-do-Liste stehen sollte – oder: Wie man Lernen lernt.
Kinder benötigen positive Zuwendung für ihre Entwicklung.
Machen wir einen Ausflug in ihr Leben: Stellen Sie sich vor, Sie sitzen an Ihrem Arbeitsplatz und Ihr Chef kommt, um einen neuen Aufgabenbereich an Sie zu übergeben. Sie freuen sich über die Herausforderung und über die Verantwortung und sind natürlich stolz über das Vertrauen Ihres Chefs. Für Ihre neue Aufgabe müssen Sie sich in zwei große neue Themengebiete einarbeiten, mit denen Sie zuvor noch nie zu tun hatten. Sie sind aber motiviert und positiv gestimmt.
MÖGLICHKEIT 1
AUSGANGSSITUATION:
In den kommenden Wochen stellen Sie fest, dass das neue Projekt deutlich mehr Arbeit benötigt als erwartet. Sie verzweifeln fast an den Aufgaben und fragen sich, ob Sie es schaffen.
REAKTION:
Ihr Chef kommt und erzählt Ihnen, dass es wirklich wichtig ist, die Sachen richtig gut zu machen. Außerdem sollten Sie das Projekt zeitnah abschließen und Ihre anderen Aufgaben nicht vernachlässigen. Sie fühlen sich unter Druck gesetzt, geraten in Stress und haben eine Blockade.
In den folgenden Wochen entwickeln Sie eine regelrechte Angst, wenn Ihr Chef Ihnen begegnet und jedes Mal betont, welche großen Erwartungen er an Sie hat und dass es so langsam an der Zeit ist, Ergebnisse zu präsentieren.
Sie merken, wie Ihre Gedanken immer mehr um die Arbeit kreisen, können nicht mehr abschalten und bekommen zusehends schlechte Laune. Leider bringt Sie das in der eigentlichen Sache gar nicht weiter. Ganz im Gegenteil: Es fällt Ihnen schwer, sich überhaupt noch auf den Inhalt zu konzentrieren, und sie wünschen sich schließlich nichts mehr, als dass das Projekt vorbei ist und Sie wieder ein entspannteres Leben führen können. So schnell wie möglich entfliehen Sie der Verantwortung, geben alle zusätzlichen Aufgaben ab und lehnen weitere Projekte dankend ab.
Sie haben verinnerlicht: „Ich kann das nicht, also mache ich es nicht.“ Außerdem merken Sie sich, dass neue Aufgaben und zusätzliche Arbeit nur anstrengend und nicht positiv sind.
ÜBERTRAGEN AUF KINDER …
… bedeutet das nichts anderes: Kinder werden oftmals durch die Schule motiviert, ihre Sachen zu erledigen. Sie werden angefeuert und es wird ihnen ständig erzählt, wie wichtig das ist. Erwachsene bauen unterbewusst Druck auf, indem sie ihre Erwartungen festlegen und Leistung abverlangen. Dies ist aus Sicht der Erwachsenen völlig verständlich. Und schließlich funktioniert unsere Gesellschaft so. Man muss leisten, um weiterzukommen. Das mag nicht immer gut sein, stelle ich aber nicht infrage, denn diesen Ist-Zustand werden wir nicht verändern können.
Und dennoch sind wir verwundert, wenn die Kinder als Ergebnis ihrer Überforderung in die Verweigerung gehen, Blockaden entwickeln und neue Aufgaben nur schwer oder gar nicht umsetzen können. Wir fragen uns, wie es sein kann, dass sie den Spaß an der Schule verlieren. Schließlich haben wir sie doch begleitet, alles getan und die besten Inhalte ausgewählt.
Warum sollte ein Kind ein anderes Verhalten zeigen als der Erwachsene im obigen Beispiel?
Die Frage, die übrig bleibt: Was hätte wohl der Erwachsene benötigt, um nicht an einer neuen Aufgabe zu verzweifeln, sondern sie trotz Anstrengung und viel Arbeit erfolgreich zu beenden?
MÖGLICHKEIT 2
AUSGANGSSITUATION:
