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Was passiert in einem Land, wo Milch und Honig in Bächen fließen und einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen? Hans Sachs hatte schon 1530 in einem seiner Spruchgedichte genaue Vorstellungen diesbezüglich. Auch die Brüder Grimm griffen 1812 dasselbe Thema wieder auf, wobei der schale und pelzige Beigeschmack einer faulen und verfressenen Gesellschaft eher noch ironisch kultiviert wurde. Ganz anders in Schlauraffia. Hier herrscht das Lust und Laune-Prinzip. Dank einer existenzsichernden Grundversorgung muss hier keiner arbeiten oder sich anderweitig versklaven und entwürdigen lassen, um angemessen leben zu können. Dabei beschäftigt man sich nach Befähigung und Neigung nur wenn einem der Sinn nach etwas steht und man wohlwollenden Tatendrang verspürt. Leo Specht, Jahrgang 1955 und selbst gebürtiger Schlauraffe, beschreibt und visualisiert auf seine Art, alltägliche Gegebenheiten und Hintergründe in einer fiktiven Gesellschaftsform. Dort aber wird das Leben und Treiben der friedliebenden Bewohner plötzlich auf eine harte Probe gestellt: Ein hinterlistiger Piratenangriff moderner Art kündigt sich an ...
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Seitenzahl: 170
Veröffentlichungsjahr: 2017
Leo Specht
CasaLeon
© Casaleon 2017
Autor: Leo Specht
Umschlaggestaltung und Illustrationen: Leo Specht
Satz und Layout: Casaleon
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN: 978-3-7439-0646-4 (Paperback)
ISBN: 978-3-7439-3987-5 (Hardcover)
ISBN: 978-3-7439-0647-1 (e-Book)
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Du veränderst nie etwas,
indem du gegen das Bestehende ankämpfst.
Um etwas zu verändern,
baue ein Modell für das Neue
und mache das Alte überflüssig.
R. Buckminster Fuller
›Ach du lieber Specht, was für ein Lüftchen!‹ - Immer noch halb gemartert von den intensiven Erlebnissen in seinen Traumwelten, ereilt Leo schon beim Öffnen der Glastür zum Balkon seiner 2-Zimmer-Mansarde eine bestimmte Vorahnung. Ein leichter lauer Wind von Südost und eine überraschend angenehme Temperatur, die ihm erlauben, hemdsärmelig den Außenraum zu betreten, begrüßen seinen Tag. Mit jedem Atemzug riecht er schon die Düfte, die den ersehnten Wechsel der Jahreszeiten ankündigen. Sollte sich nun endlich die von ihm so ungeliebte Zeit der Kälte und unerträglich langen Dunkelheit mit einem Mal in Wohlgefallen auflösen? Es hat ganz den Anschein.
Aufgrund von Leos Nachtaktivitäten, deren Motive an dieser Stelle nicht weiter zur Diskussion stehen, ist jetzt bereits helllichter Mittag. Genau jene Zeit, wo er gewöhnlich sein Bewusstsein wechselt und seine Schlafstatt verläßt. Dieser Verän- derungsprozess dauert mindestens zwei Stunden, wobei ihn immer das gleiche Ritual begleitet: Wetter registrieren, Musik auflegen, Kaffee kochen, Bad benutzen, anziehen, Obst essen, eine rauchen. Normalerweise entscheidet dann sein Terminkalender, ob er sich der Öffentlichkeit präsentieren muss oder nicht. Unterhalb des heutigen Datums befindet sich jedoch kein Eintrag und die Wärmestrahlung der Sonne überredet Leo erfolgreich, sofort das Haus zu verlassen. Er rüstet sich also für einen Spaziergang, schnappt seine persönlichen Utensilien vom Ablagebrett nahe der Wohnungstür und betritt das Flurpodest.
Kessel, der junge Maler von nebenan, noch immer all zu oft auf der Suche nach der eierlegenden Wollmilchsau, kommt eben vom Einkaufen mit schweren Tüten die Treppen hoch, grüßt zerstreut und macht Leo leicht mürrisch auf den unten sitzenden Friedwart aufmerksam. Das gewundene Treppenhaus seines mit sieben Nachbarn gemeinsam bewohnten Domizils aus der zweiten Jahrtausendwende nachchristlicher Zeitrechnung entlässt Leo schließlich nach vierundfünfzig Stufen abwärts aus seinen heimatlichen Fängen.
Vor der weit geöffneten Haustür erkennt er schon die typische Silhouette seines Schattens auf dem Pflaster und schleicht sich leise an. »Ach, du schon wieder!«, neckt er ihn gut gelaunt. Der wilde Hundeblick und sein hektisches Schwanzwedeln lassen erkennen, dass tatsächlich Leo derjenige war, der erwartet wurde. Dabei taucht das Tier ständig irgendwo überraschend auf und verschwindet dann einfach wieder. Leo nennt ihn Friedwart, vermutlich weil er des Öfteren seinen Seelenfrieden behütet. Diese nicht sehr große Beaglemischung wirkt durch seine ausgeprägte Muskulatur und sein kurzes, schwarz-weiß-braun geschecktes Fell irgendwie kernig, gesund und allzeit bereit für die Jagd.
Direkt neben dem Hauseingang befindet sich ihre Lieblingsbank, bestehend aus einem schmiedeeisernen Gestell mit darauf verschraubten, grünlasierten Holzlatten. Hat man es nicht eilig, so setzt man sich dorthin, ruht sich aus und genießt den Blick auf einen der baumgesäumten Stadtkanäle, die fast jedes Grundstück Schlauraffias erschließen. Leo nimmt auf ihr kurzerhand und zufrieden Platz, da diese ansonsten bei Passanten beliebte Sitzgelegenheit gerade nicht belegt ist. Friedwart hockt sich zu seinen Füßen und lässt sich, fraglos erwünscht, von ihm am Hals kraulen.
Seine kleine, gemütliche Heimatstadt ist nun seit langer Zeit wieder in grelles Sonnenlicht getaucht. Jetzt gilt es aufzusaugen, Eindrücke zu sammeln, Ideen zu finden oder sich einfach nur treiben zu lassen.
»Na, mein Guter, wohin mit dem angebrochenen Tag?«, fragt Leo und schaut nun dem Vierbeiner direkt in die Augen. »Dieses Wetter lädt ja wahrlich zu einem Ausflug mit Picknick in netter Gesellschaft ein, was? – Erst mal sehen, was die anderen heute machen!« Und wie zur Bestätigung neigt Friedwart seinen Kopf kurz zur Seite.
Nach einer meditativen Frist raffen sich die beiden auf und promenieren den Weg am Ufer des Wasserlaufs entlang, den sie schon lange auswendig kennen. Anfangs folgt der Hund manierlich bei Fuß, dann aber eilt er voraus, als wisse er ganz genau, wo Leo hin will. Denn vermutlich würden um diese Zeit einige ihm bekannte Leute im sogenannten Fax’n, seinem Lieblingsbüro ein paar Ecken weiter, zum Fachsimpeln, Billardspielen oder Verabreden anderweitiger Aktivitäten anzutreffen sein. Doch während des gemächlichen Dahinschlenderns, umhüllt mit einer gewissen Vorfreude auf das kommende Unbekannte, bildet sich in Leo unverhofft ein Gewissenskonflikt. ›Eigentlich sollte ich lieber den Topf mit Gold am Ende des Regenbogens suchen und ausgraben‹, murmelt er vor sich hin.
›Ich bin so gut wie pleite!‹, ist wahrscheinlich der Hintergrund dieses Gedankens, denn sein Talerkonto pendelt seit einiger Zeit beharrlich zum Minuslimit. Überziehen kann jeder, aber die drückende Verpflichtung zum Kontenausgleich, zumal veröffentlicht, ist ihm doch auf die Dauer zu peinlich und unangenehm.
Die letzte Stippvisite in Übersee, vor allem der Besuch bei Jameika-Peter, den Leo noch vom Campus her kennt, hat ihn eben finanziell außergewöhnlich geschröpft. Da wird er wohl in der Tauschbörse unverzüglich nach einem passenden Auftrag für sich suchen müssen, um diesen unseligen Zustand schnellstmöglich beenden zu können.
Endlich sieht er in einiger Entfernung die herausgefahrene orangefarbene Markise, die eindeutig signalisiert, dass im Fax’n die gewohnte Betriebsamkeit herrscht. Und irgendwie beruhigt ihn dieser Zustand. Was Leo aber natürlich in diesem Moment noch nicht weiß, ist, dass sich ein gewisser Max gerade auf dem Weg nach Schlauraffia befindet und sie sich heute Abend bereits über den Weg laufen werden.
Max steht indessen lässig an der Reling des Promenadendecks seiner Fähre und blättert lustlos in einem Reiseführer über Schlauraffia. Etwa einhundert Kilometer landeinwärts und direkt am Fluss, der Tirene, die in das große Mediterranum mündet, liegt diese mit rund 60.000 Einwohnern relativ kleine Gemeinde, die das vorläufige Ziel seiner Reise darstellt. Die geografische Lage des Ortes begünstigt eine komplette Autonomie gegenüber seinen Nachbargemeinden ungemein, denn die fruchtbare Tallandschaft wird von den flankierenden Höhenzügen eines Mittelgebirges begrenzt und bleibt somit von den negativen Einflüssen des Eumelreiches größtenteils verschont.
›Dies muss vorerst mein letzter Trip gewesen sein‹, grübelt Max tief in Gedanken versunken. ›So kann es einfach nicht mehr weitergehen!‹. Hier in Schlauraffia wird sich für ihn noch einiges entscheiden müssen. Die Ankunftszeit ist für 19 Uhr angesetzt, bis dahin hat er noch genügend Zeit, um sich mit den örtlichen Gegebenheiten zumindest theoretisch zu beschäftigen.
Vorbei an Erwins Mofa, das Leo seinem Besitzer vor einiger Zeit in verschiedenen Grüntönen handbemalt und mit goldenen Ralleystreifen verziert hat, schlurft er die kleine Rollstuhlrampe hinauf, um neben der überdachten Straßenterrasse direkt in den Schankraum des Fax’n zu gelangen.
»Grüß dich, Siggi!«, ruft er überschwänglich im Vorübergehen.
»Das verstehe ich jetzt wieder nicht!«, gähnt dieser ewig müde aus seinem angestammten Schaukelstuhl.
»Na, das hab’ ich mir gedacht!«, erkennt Leo mitfühlend und passiert die gläsernen Falttüren der Straßenfront, die eine großzügige Transparenz dieser für sein Empfinden einmaligen Kultur- und Begegnungsstätte erlauben. Im Inneren des Lokals angelangt, kämpfen seine empfindlichen Augen mit dem kontrastreichen Lichtwechsel.
»Hallo, Günter!«, begrüßt Leo den mit Biergläsern hantierenden Wirt lautstark, ohne aufgrund der fehlenden Geräuschkulisse gewahr zu sein, dass nur wenig Gäste anwesend sind. »Das ist wohl immer die gleiche Parole von Siggi, was? aber heute mal nicht in seinem Schlafanzug!«, tönt er ihm scherzhaft zu, wobei er seinen Blick kurz durch den Laden schweifen lässt.
»Grüß dich!«, brummt Günter lächelnd zurück. »Nun ja, unser Nickmännchen ist eigentlich sehr treu in seinem kauzigen Verhalten, und zu dieser Zeit sitzt er doch oft da draußen und trinkt seinen Kakao! - Vielleicht eine Verabredung?«
Mit Leo Specht und Dr. Günter Katz, von den meisten einfach nur Fax’n-Günter genannt, besteht seit über zwanzig Jahren eine gute und offensichtlich auf Gegenseitigkeit beruhende Freundschaft.
Er war Jurist, als sie sich über eine gemeinsame Liebschaft kennen lernten, hat sich damals thematisch mit vielen Leuten angelegt und mit fast jedem gestritten. Aber seine Beweggründe, vermutet Leo, bestanden wohl eher in einer gewissen Begeisterung für rechtskundliche Finessen und dem Spaß an Diskussionen, sowie konstruktiven Auseinandersetzungen, die er immerhin ernsthaft genug vortrug, um eine Handvoll Skeptiker kräftig zu verwirren. Aber dessen ungeachtet war er maßgeblich an der Einführung einer bedingungslosen Grundversorgung für alle Bewohner Schlauraffias beteiligt und genießt fast ausnahmslosen Respekt.
Sogleich erklimmt Leo den erstbesten Barhocker am Tresen.
»Was macht die Kunst?« fragt er, ohne ernsthaft eine Antwort zu erwarten, aber doch in der Hoffnung, die letzten Neuigkeiten aus der Gemeinde relativ mühelos zu erfahren.
»Mal so, mal so! Ich kann nicht klagen!«, erwidert Günter.
Leo bestellt einen Pott Kaffee, worauf Günter mit fragender Miene auf die kleinen Körbe mit Würfelzucker, Portionsmilch und Glückskeksen deutet.
»Nein danke, schwarz, wie immer! Aber, wo sind denn alle?« forscht Leo, ehrlich erstaunt über die befremdende Leere.
Erwin, der bajuwarische Haus- und Kneipenfrisör, macht sich daraufhin mit seiner klappernden Schere bemerkbar, wedelt damit feixend einen Gruß herüber und antwortet knapp: »Die anderen sind hinten im Hof und bauen das Tischtennis auf!« - Er hat gerade Hermann, den Bodenseer, selbsternannten Installateur und leidenschaftlichen Filmfreak auf dem Stuhl vor seinem speziellen Schaufenster sitzen und schneidet ihm die Haare auf eine spärliche, aber für die wärmeren Tage sicherlich praktische Frisur zurück.
Leo winkt Erwin unmissverständlich zurück, dass somit seine Frage zur vollsten Zufriedenheit beantwortet ist. Zwei ihm nicht näher bekannte Jugendliche versuchen sich derweil als Diskjockeys an der Musikbox, die sie mit ihren neuesten MP3s füttern.
»Gibt’s eigentlich Neuigkeiten vom Einbruch ins Hanfsamenlager letztens?«, fragt er Günter wieder zugewandt.
»Nee, bisher nicht! Auch Lobo kann sich das immer noch nicht erklären!«
»Und die haben echt alles mitgenommen und dabei keine Spuren hinterlassen?«, will Leo noch mal wissen.
»Tja, das müssen Profis gewesen sein! - Seine Wachhunde mit Pfeilgift zu betäuben, wahrscheinlich mittels Blasrohr, war schon ausgeklügelt. Es hat ja auch niemand irgendetwas gesehen oder gehört!«
Nachdenklich und betroffen bemerkt Leo daraufhin: »Die ruinieren uns mit dem Samenklau! - Weißt du, was von der Hanferzeugung hierzulande alles abhängt?«
»Das kann ich mir gut vorstellen, so wie gegenwärtig konsumiert wird!«, scherzt Günter zweideutig. »Aber ich vermute, Lobo hat bereits neuen Samen aus Aurora bestellt, damit wieder rechtzeitig gesät werden kann!«
Leo nickt ihm beruhigt zu, nippt an seinem Kaffee und lauscht den aktuellen Hits aus der Tonkonserve.
»Und wie steht’s mit den Vorbereitungen für die ‚Wir um 50‘-Party nächste Woche?« versucht er Günter nach einer Weile zu foppen.
»Alles paletti! Die Band steht fest, die Werbung ist raus und die Kellerbühne ist auch schon geräumt!«, kontert dieser sofort.
Mit Günters Organisationstalent hätte Leo sich das auch gar nicht anders vorstellen können und legt sogleich mit einer Anfrage zur Umstrukturierung des neuen Kinoprogramms für die kommende Saison nach: »Auf jeden Fall sollte die Nachtvorstellung mehr künstlerisches Gewicht bekommen, wenn die Tage jetzt länger werden, oder was meinst du?« Günter nickt stumm. Leider hat sich Leo mit diesem Thema, obwohl versprochen, aus zeitlichen Gründen noch immer nicht befassen können. Das Kino im Fax’n mit seinen sechzig Plätzen, ebenfalls im Kellergeschoss untergebracht, gilt als ihr bislang kreativ erfolgreichstes, aber leider nicht sehr rentables Gemeinschaftsprojekt, das im letzten Jahr immerhin schon fünfzehnjähriges Jubiläum hatte.
»Ok! Ich arbeite dran, das wird schon!«, bekräftigt Leo und stellt für sich fest, dass der Kaffee auch schon mal heißer gewesen ist.
Sein Blickwinkel erfasst jetzt den Nebenraum, wo das mit einem neuen grünen Filz bespannte Billard steht und die zwei Terminals für das Internet installiert sind. Weil sich die anderen Gäste wohl draußen mit dem Tischtennis beschäftigen, es dringt plötzlich massenhaft Gelächter vom Gartenhof herüber, sind die beiden Bildschirmplätze gegenwärtig nicht mal von Onlinespielern besetzt.
›Was für ein Zufall!‹ - Da fällt Leo eben sein Gedankengang von vorhin wieder ein, in der Tauschbörse nach einem Angebot zu forschen, das ihm genügend Einnahmen garantiert, um sein Talerkonto wieder aufzufüllen. »Bin mal eben im Netz!«, gibt er Günter zu erkennen. Gemächlich schreitet er zum bequemen Drehstuhl vor dem großen Monitor mit Touchscreen und arbeitet sich in den Menüs bis in die Tauschangebote vor. Die Suchfunktion meldet letztendlich „keine Treffer!“ für Baumeister oder ähnliche Tätigkeiten aus diesem Sektor, welche Leos bisherige Hauptaktivitäten ausmachten. Reine Architekturaufträge gibt es nicht mehr oft, seit die Selbstbaukonzepte immer ausgefeilter und beliebter werden. Was ihm bleibt, sind Beratungen oder Gutachten, falls doch mal was schief laufen sollte und wieder ein Depp gebraucht wird.
›Also weitergesucht! Andere Branchen vielleicht?‹, versucht Leo das Gerät zu verhören. Ein Angebot vom Institut für Gastfreundschaft und Völkerverständigung in roter Fettschrift fesselt sogleich seine Aufmerksamkeit:
EILT!
Stadtführer mit umfangreichen Kenntnissen in
Landeskunde für einzelnen Touristen gesucht.
Zeitaufwand nach Bedarf, Honorar ist auszuhandeln.
Ankunft Frachtschiff Seemöve heute Abend 19 Uhr,
Kontakt am Infopilz, Pier 3, übliche Begrüßungszeremonie!
›Na, das wär’s doch! So etwas hat doch neulich mit den Hochländern auch gut geklappt, da springt bestimmt was bei raus. - Leo Specht, du übernimmst!‹
›Unterkunft vorhanden? - Ja! - Den bringe ich bei Anna unter, die freut sich doch immer auf neue Gesellschaft. Ich werde sie gleich anrufen und Bescheid geben‹, denkt er. ›Jetzt noch die Auftragsbestätigung gesendet. - Perfekt!‹
Leos Magen knurrt vernehmlich. ›Ab zum Hungerturm‹, erwägt er sofort, denn Maritas täglich frisch gebackene und belegte Croissants, mit selbstgemachten Salaten oder diversen Käsesorten gefüllt, sind im Fax’n der absolute Hit an Kurzmahlzeiten. Er fingert hinter der Glasklappe der Snackvitrine nach solch einem prächtigen Exemplar und erhebt ihn in Richtung Günter zum solidarischen Salut. »Schreib’s an!« ruft er ihm noch schmunzelnd zu und entschwindet in Richtung Gartenhof zu den anderen.
Das mechanische Läutewerk der großen Turmuhr am Binnenhafen ist in melodischen Glockenklängen ähnlich denen eines Windspiels klar und deutlich zu vernehmen. Sie ist ein eindrucksvolles Bauwerk, eine relativ neue Errungenschaft Schlauraffias und wurde von einem heimischen Bildhauer wie eine durchsichtige Wendeltreppe konstruiert, welche überwiegend aus Kombinationen von Bambusrohr und Glas besteht. Nach mehrheitlicher Entscheidung der Bewohner ist ihm die ökologische Synthese, bestehend aus einem solarbetriebenen Leuchtfeuer für die Flussschiffer, einer Aussichtsplattform mit Teleskopen, sowie den vier überdimensionalen Zeitmessern als Wahrzeichen, auf außergewöhnliche und einmalige Art und Weise gelungen.
›Bin spät dran, schon sieben Uhr! Die haben bestimmt schon angelegt!‹, stellt Leo gehetzt fest. ›Es gibt aber auch immer soviel zu bereden im Fax’n, da kommt man nie pünktlich weg!‹ So behände wie möglich springt er die langen Stufen zum Pier hinunter. ›Tatsächlich, es wird schon ausgeladen!‹ Dies bestätigen ihm die in üppige Zusatzbeleuchtung getauchten Kranaktivitäten, als auch die ungewöhnliche Betrieb- und Regsamkeit der Anwesenden drum herum. Und diese Raserei auf der Treppe bringt ihn doch tatsächlich zu befremdender Schnellatmung und Überhitzung.
›Wen suche ich überhaupt?‹, überlegt Leo und hastet weiter voran, den Anlegeplatz optisch flüchtig abtastend und den Infopilz erspähend. Auf diesen Frachtseglern fahren zum Glück nur wenige Passagiere mit. Einige fremdländisch wirkende Personen mit Handgepäck stehen scheinbar noch unschlüssig wartend vor der Gangway. Jedenfalls sieht er bisher nur einen, der unter dem ausladend geschwungenen Dach des verabredeten Treffpunktes in Frage käme. Dies wird wohl sein Kunde sein, der gerade Fotos vom imposanten Anblick des am Kai vertäuten Katamarans mit seiner Kamera einfängt. Sogleich macht sich Leo stürmisch winkend bemerkbar.
»Herzlich Willkommen in Schlauraffia! Ich habe dich schon erwartet!« verdreht er gekonnt und testet damit auf die Schnelle die Humorfähigkeit seines Gegenübers, der zweifelsohne begriffen haben muss, dass Leo erst einige Zeit nach ihm gekommen ist. Doch sein Kunde grinst nur verkniffen, was ihn schon mal leicht irritiert.
»Leo Specht! Vom Begrüßungskomitee! - Wir betreuen hier die neuen Besucher, hallo erst mal!«
»Na endlich!«, seufzt der Kerl nur und schüttelt Leo sogleich übertrieben kräftig die Hand. Von diskreter Zurückhaltung keine Spur. »Max von Tannenberg, gegenwärtig Forschungsreisender und Amateurmusikant, danke für den Empfang!«, fügt er noch provokant hinzu.
›Durchtrainierter Bursche, so um die 30‹, schätzt Leo. Dem äußeren Eindruck nach ist dieser Max bestimmt viel herumgekommen, denn sein dunkler Strickpullover unter einer winddichten Kapuzenjacke, Jeans und Dreitagebart lassen auf einige Erfahrung im Umgang mit frischer Außenluft schließen. Generell macht er eigentlich keinen unsympathischen Eindruck auf Leo.
»Wie war die Überfahrt, Max, alles gut überstanden?« fragt er ihn dann spürbar höflich, wie ihm das Institut in einem Schnellkurs vor seinem letzten Einsatz wärmstens empfohlen hatte.
»Nun ja, ziemlich turbulent und abenteuerlich!«, erwidert Max und rechtfertigt damit auch seine durch den Fahrtwind zerzauste Frisur.
»Klar! Der Fluss führt gerade Hochwasser. Da bilden sich überall Strudel, die so manches Boot zum Schlingern bringen!«, begründet Leo anteilnehmend.
»Obwohl die hier für mannigfachste Beladungen eingesetzten Katamarane mit ihrem geringen Tiefgang für Flüsse dieser Art durchaus geeignet sein sollen!«, kommentiert Max belesen. »Auf jeden Fall bis jetzt ein Erlebnis, hierher zu kommen!«
»Und das wird auch so bleiben, mein Lieber, dessen sei gewiss! - Hast du nur den Seesack und wo ist dein Instrument?«, fragt Leo ihn geistesgegenwärtig und deutet dabei auf eine am Boden liegende, dunkelblaue und abgewetzte Textilwurst mit breiten Tragschlaufen, wobei seine Augen noch weiter umhersuchen.
Aber Max grinst nur müde: »Ich spiele meistens nur Klavier vorort, weil man mit so einem Ding im Gepäck eben nicht gut reist!«
»Verstehe! Wohl als Barpianist zur Aufbesserung der Reisekasse, wie?«, vermutet Leo scherzhaft.
»Ja, so in etwa!«
»Na gut, Max, dann bringe ich dich zuerst zu deiner Unterkunft, vielleicht Sachen ablegen, frisch machen und so weiter. Danach zeige ich dir, wo man gut isst, einverstanden?«
Max stimmt ihm kurz zu, deutet beiläufig auf den vorherrschenden Trubel am Kai und bemerkt spöttelnd: »Bei uns werden nicht so viele Leute zum Entladen benötigt, da geht fast alles automatisch!«
›So ein Angeber!‹ »Nun, beim Löschen machen hier jedes Mal viele Leute mit. Zum einen wird die Auslieferung enorm beschleunigt, weil einige Händler ihre Bestellungen gleich selbst abholen, zum anderen werden die importierten Waren sofort einer lokalen Verträglichkeitsprüfung unterzogen, damit unser Ökosystem nicht durch fahrlässige Fremdeinwirkung belastet wird!«, hält ihm Leo intuitiv entgegen. »Aber wenn es dich interessiert, werde ich dir unsere Wirtschaftskonzepte zu gegebener Zeit ausführlich erläutern!«
»Auf jeden Fall, gerne!«, antwortet Max. »Denn auch deshalb bin ich ja schließlich hierher gekommen!«
Leo versucht seinen Kunden, obgleich größer gewachsen, mit einer behutsamen Handbewegung auf seiner Schulter in eine bestimmte Richtung zu drängen. »Es wird langsam dunkel und die Flussnebel ziehen bereits auf! - Gehen wir hier entlang! Zu deiner Unterkunft ist es nicht weit!«, begründet er diese Maßnahme. »Sie wird dir gefallen und die Wirtin auch!«
Wenn dieser Max allerdings wüsste, dass die ihm zugeteilte Zimmerwirtin Anna Kuchenbrod, die Großmutter von Leos Tochter ist, könnte er vermuten, dass hier eine Hand die andere wäscht, wie in so ’ner Art Vetternwirtschaft. Na, stimmt ja irgendwie auch, aber solange keiner Schaden daran nimmt, was soll’s. Seinen Seesack lässt Leo ihn übrigens selbst tragen, da sein Auftrag vorzugsweise keinen Gepäckträgerdienst vorsieht und sich diesbezüglich zum Glück auch kein Missverständnis gebildet hat.
Beim Erklimmen der steinernen Treppenanlage kommen ihnen zwei junge Frauen entgegen. »Hey Leo!«, sprudelt es aus dem hübschen Mund der einen hervor, während sich die andere ein Kichern verkneifen muss. Als sie leichtfüßig vorbeihuschen, grüßt Leo automatisch, jedoch auch leicht verwundert zurück. Denn er kann sich beim besten Willen nicht mehr an eine Bekanntschaft mit diesen beiden erinnern. Sie schauen den Mädels noch hinterher und Leo fragt sich, ob sich sein Alter, immerhin über fünfzig, nicht doch schon durch Vergesslichkeit ankündigt. Max dagegen scheint entzückt von dieser Episode.
»Wir bringen unsere Gäste möglichst zentral und privat unter, damit die Gewohnheiten unserer Kultur richtig verstanden werden, weißt du?«, erklärt Leo wieder seinem Gast zugewandt. »Das bedeutet aber auch, dass Touristen, die sich nicht vorher beim Institut angemeldet haben, ihre Unterkunft eben selbst suchen müssen und keine offizielle Begleitung erhalten. Viele haben jedoch diesen preisgünstigen Service bis jetzt weitherzig gerühmt und in diversen, öffentlich einsehbaren Gästebüchern entsprechend gewürdigt!«
Sie überqueren die Uferpromenade, die das Hafengelände vom Stadtkern trennt und schauen sich noch einmal wortlos um. Da die Flussniederung relativ eben ist, stehen die meisten Wohnhäuser aus Sicherheitsgründen höher im Gelände als die theoretische Hochwassergrenze, obwohl am gegenüberliegenden Ufer der Tirene großzügige, überschwemmungsfähige Auen mit Birkenbewuchs und Sumpfgräser vorhanden sind.
»So, hier noch die Gasse hoch, dann sind wir da«, dirigiert Leo. Etwas außer Puste erreichen sie die Eingangsveranda.
»Na, Leo, heute zwei Stufen auf einmal?« spöttelt Anna, ihn bereits erwartend, auf ihre übliche, manchmal etwas spitze Art.
»Hallo Anna! Wie geht’s, alles im Lot?« prustet Leo ihr entgegen.
»Sehr gut, danke der Nachfrage!«
Zuverlässig wie immer, hat sie garantiert schon alles für den Empfang vorbereitet. Anna ist nämlich Mitglied im Ältestenrat und sehr darauf bedacht, das Ansehen Schlauraffias bei den Besuchern positiv, aber dennoch wahrheitsgetreu erscheinen zu lassen.
