Schlichter Dichter - Helmut Böger - E-Book

Schlichter Dichter E-Book

Helmut Böger

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Beschreibung

Die Kollegen wundern sich: Heinrich Weinrich, geschätzter Chefreporter einer Regionalzeitung, spricht und schreibt eines Tages nur noch in simplen Versen. Er begründet dies so: "Die Lust am Reim sucht mich stets heim." Sein Chefredakteur lässt ihn von einem Psychiater untersuchen. Ohne Befund. Weinrich landet in der Schlussredaktion des Blattes. Dort entdeckt ihn ein TV-Produzent. Der Proll-Poet tritt in einer Talkshow auf. Schnell ist er bekannt im ganzen Land, findet Nachahmer, bekommt eine eigene Kolumne, löst einen gewaltigen Medienhype aus, wird reich und berühmt. Weshalb er ausschließlich reimend kommuniziert, bleibt bis zum Schluss sein Geheimnis. Es geht um Liebe und eine ehrgeizige Forscherin. Der Roman spielt im Medienmilieu. Er schildert anhand bekannter Personen der Zeitgeschichte und fiktiver Figuren, wie Trends zu einem Medienhype gepusht werden. Zahlreiche Reime des Protagonisten sind neu, andere dem Volksmund abgelauscht oder der Neuen Frankfurter Schule zu verdanken.

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Seitenzahl: 399

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Impressum

Copyright © 2016 bei Helmut Böger

Verlegt bei epubli

Umschlagillustration: © Seamartini Graphics / Fotolia.com

Gestaltung und Satz: me+Gestaltung

Endkorrektur: Dr. phil. Jens Szczepanski

Printed in Germany

ISBN 978-3-7375-8839-3

Strafversetzt

„Je preiser gekrönt, desto durcher gefallen.“ Buddha, wie wir den Chefredakteur wegen seiner Leibesfülle nannten, hatte gesprochen. Der Ressortleiter des Feuilletons, ein Opportunist, und zwar ein einfallsloser, pflichtete ihm wie üblich bei: „Ein Satz für den Zitatenschatz!“ Buddha, ansonsten jeder Schmeichelei zugeneigt, erwiderte: „Ja, leider nicht von mir, auch nicht – wie oft behauptet – von Alfred Kerr, sondern von Josef Hellmesberger. Das war ein österreichischer Musiker des 19. Jahrhunderts.“

„Und was passiert nun?“, fragte ich in die Runde der Ressortleiter, in die ich nur vertretungsweise geladen war, denn mein Boss, der Chef des Sportressorts, war wieder mal auf einer gesponserten, überflüssigen Dienstreise.

Buddha legte beide Daumen unter seine blauen Hosenträger, tat so, als denke er nach und kümmere sich nicht um die Versammlung der leitenden Redakteure. Dann spannte er die wegen seines Bauchumfangs notwendigen Beinkleidhalter, ließ sie zurückschnellen, strich sich wie häufig über seinen im Laufe von Jahrzehnten, die er bei seiner Zeitung verbracht hatte, ergrauten stattlichen Schnurrbart und sagte, ihm sei die Entscheidung im Falle Heinrich Weinrich alles andere als leichtgefallen, der sei ja nun genauso lange bei dem Blatt wie er selbst, und habe große Meriten. „Kein anderer Kollege einer vergleichbaren Regionalzeitung hat sowohl den Henri-Nannen- als auch den Theodor-Wolff-Preis bekommen, und zwar zu Recht. Ich weiß ja, dass derSpiegelund derSternund wohl auchDie Zeithinter ihm her waren und ihn abwerben wollten. Aber er ist geblieben. Das rechne ich ihm hoch an, auch die Verlegerin übrigens, mit der ich gestern lange über diese Personalie gesprochen habe. Sie sieht es genau so wie ich: Heini Weini“ – jetzt benutzte Buddha mit leicht verächtlichem Unterton den Spitznamen des Chefreporters – „ist nicht mehr zu halten, jedenfalls nicht in seiner jetzigen Funktion. Das können wir den Lesern nicht zumuten.“

„Also Entlassung?“, fragte die Betriebsratsvorsitzende mit hektischen roten Flecken im Gesicht. „Wie wollen Sie das denn gegenüber Kress und Co, also nach außen, begründen? Wir machen uns doch als Zeitung lächerlich, wenn wir jemanden rausschmeißen, weil er nur noch in Reimen redet …“

„… und schreibt! Das ist ja das Schlimme“, unterbrach Buddha die Arbeitnehmervertreterin, „aber beruhigen Sie sich. Von Entlassung ist überhaupt nicht die Rede. Sie alle wissen doch, dass ich ein großer Freund der Lyrik bin, also guter Gedichte. Schließlich habe ich über Else Lasker-Schüler promoviert …“

„Fakten und Fiktion über das Wupper-Tal im Werk von Else Lasker-Schüler“, nannte der Ober-Feuilletonist eilfertig den Titel von Buddhas Dissertation, als ob der irgendeinem im Raum unbekannt gewesen wäre.

„Schon gut, Herr Kollege“, wies der Chefredakteur den Redaktions-Schleimer zurecht, „es geht ja nicht nur um Heini Weini, sondern um die Reputation des Blattes. Deshalb wird er ab sofort die Schlussredaktion übernehmen. Er wird also nur versetzt …“

„Strafversetzt!“, kommentierte der Politik-Chef, der gerade von einer Wehrübung in Munster zurückgekehrt war.

Nun wurde Buddha böse. „Er wird versetzt. Und um gleich einen Einwurf der verehrten Arbeitnehmervertreterin zu entkräften: bei Fortzahlung seiner bisherigen Bezüge. Mir ist durchaus bewusst, dass wir wegen der schwierigen Lage im gesamten Printsektor kürzlich die gesamte Schlussredaktion entlas … äh freisetzen mussten. Aber wir alle haben ja bemerkt, dass kein Rechtschreibprogramm einen erfahrenen Schlussredakteur ersetzen kann. Und dass Kollege Weinrich den neuen Job kann, daran gibt es ja wohl keinen Zweifel in dieser Runde.“ Ein drohendes „Oder?“ folgte.

Der Ressortleiter Politik, der wegen seines Ranges als Major der Reserve gern militärische Begriffe verwendete, räusperte sich und fragte: „Weiß Kollege Weinrich von seiner Straf … also von seiner Anschlussverwendung?“ – „Ja, er ist einverstanden, habe heute mit ihm gesprochen“, antwortete der Chefredakteur. „Und wie hat er reagiert?“, fragte ich, obwohl mir durchaus bewusst war, dass ich, der nur als Vertretung an der Ressortleiter-Runde teilnehmen durfte, eigentlich nur zuhören sollte.

Doch Buddha reagierte gnädig. „Na, wie wohl? Mit schlechten Reimen. Er sagte, wenn ich mich richtig erinnere: ‚Der neue Job ist mir eine Ehre, gegen die ich mich nicht wehre. Denn einem Redakteur ist nichts zu schwör. Doch auch in Zukunft werde ich nur noch in Reimen schreiben und auch sprechen. Dies ist kein Verbrechen. Erstens kommt der Reim, dann kommt der Sinn. Sinnverlust ist Lustgewinn.‘ “

Während wir das Zimmer des Chefs verließen, raunte mir die Leiterin der Wirtschaftsredaktion, die während der gesamten Konferenz geschwiegen hatte, zu: „Der Zwang zum Reim sucht auch mich oft heim!“

Carbonara-Klatsch

Kurz vor Mittag nach dieser denkwürdigen Ressortleiter-Konfi rief mich Marlene an, die wir alle Lene nannten und wegen ihrer burschikosen Art mochten, aber auch, weil ihr dominanter Busen die Fantasie der männlichen Redakteure, zumindest die der Heteros, beflügelte. Seit vielen Jahren war Lene, die ihr eigentlich dunkles Haar seit geraumer Zeit grau färbte, was ihrem Sex-Appeal keineswegs abträglich war, Sekretärin im Lokalressort und half auch gelegentlich im Vorzimmer der Verlegerin aus.

Lene, so hieß es, wußte alles und plauderte nie, also so gut wie nie. Sie wusste genau, wem sie etwas anvertrauen konnte an kleinen und großen Geheimnissen. Und manchmal informierte die große Strategin die Klatschmäuler im Verlag in der sicheren Hoffnung, dass ihre Infos weitergetratscht würden. Doch wen sie ins Vertrauen zog, der hatte gewonnen. Ich gehörte zu dem elitären Marlene-Zirkel, obwohl ich erst seit wenigen Jahren bei dem Blatt war.

Warum ich ihr Vertrauen genoss, kann ich nur vermuten. Gesprochen haben wir nie darüber. Während einer Karnevalsfeier in der Redaktion vor drei Jahren hatte sich Lene ziemlich sinnvoll betrunken. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte sie Zoff mit ihrem geschiedenen Mann. Aber der Grund ist auch ziemlich egal. Ich hatte sie damals nach Hause gefahren und die Situation nicht ausgenutzt, sondern sie nur brav in ihr Bett gebracht und mich dann verabschiedet – was mir keineswegs leicht gefallen war. Jetzt fragte Lene, ob ich Lust habe, mit ihr eine Nudel zu essen in der Pizzeria „Roma“ gegenüber dem Verlagshaus. Da ich Kantinenessen möglichst meide, sagte ich gerne zu.

Ich kam ein paar Minuten zu spät, weil mich mein Sport-Chef anrief und mir unbedingt mitteilen musste, wie anstrengend doch seine Dienstreise sei. Ich hörte mir sein Gelaber an und wünschte ihm zum Abschied „ereignisreiche Tage“. Doch ein Ohr für Ironie hatte er nie. Ach, das reimt sich.

Beim Betreten der Pizzeria rief mir Lene grinsend zu: „Hallo, mit Oma ins Roma!“ Nach Reimscherzen war mir seit der Buddha-Konfi nun gar nicht. „Na, Oma bist du noch nicht“, antwortete ich einfallslos. „Aber meine Tochter arbeitet daran“, erwiderte Lene und reichte mir die Speisekarte. „Ach, die brauch’ ich nicht. Ich nehme das Carpaccio mit Champignons. Als Sportmensch muss ich auf meine Figur achten.“ Lene lächelte mich mit ihrem immer noch puppigen Gesicht an und stellte kokett fest: „Ich darf nicht abnehmen. Sonst passiert es noch an den falschen Stellen. Deshalb hätte ich gern eine ordentliche Portion Spaghetti carbonara.“

Kaum hatten wir bei Luigi, der aus Pakistan stammte, aber um der „Roma“-Reputation willen vom kalabrischen Patron einen italienischen Vornamen erhalten hatte, bestellt, wurde Lene ernst. „Sag mal, Sven, bist du sicher, dass Buddha die Wahrheit gesagt und er dem Heini den Arsch gerettet hat?“

„Hm“, zögerte ich mit der Antwort, „ich bin mir da nicht so sicher, aber vielleicht doch. Die beiden haben hier ja gleichzeitig angefangen, und von Buddha habe ich in all den Jahren kein böses Wort über Heini gehört.“

„Also, was ich dir jetzt sage, ist absolut entre nous“, – diese Formulierung liebte Lene – „nur Heini kannst du es sagen, solltest du sogar, damit er weiß, woran er ist. Ihr beiden seid doch befreundet. Oder irre ich mich da?“ – „Na, da bin ich mir nicht so sicher“, dachte ich laut nach, „so’n Zwischending zwischen guten Kollegen und Freunden. Wir sind ein paarmal zusammen beim Fußball gewesen; er hat gelegentlich, wenn er mal in der Redaktion war und nicht irgendwo in der weiten Welt, meine Texte verbessert, ohne dass er sich damit Kollegen gegenüber gebrüstet hätte. In seiner Stammkneipe, der ‚Adlerklause‘ am Alten Markt, haben wir auch schon mal zusammen ein Bier getrunken. Ich glaube übrigens, Heini und die Wirtin, also da ist mehr.“

„Weiß ich doch, ist ja auch ein attraktiver Kerl, der Heini, einer, bei dem sich Frauen wohlfühlen, nicht nur weil er so etwas Bäriges hat. Er kann Menschen und speziell Frauen gut unterhalten und zum Lachen bringen, jedenfalls langweilt man sich nicht bei ihm“, schwärmte Lene.

Ich guckte sie neugierig an. „Nein, nicht was du nun wieder denkst. Heini und ich, wir waren immer nur gute Kumpel. Ach du Scheiße“, unterbrach sie sich, „jetzt habe ich schon ‚waren‘ gesagt. Wir sind gute Kumpel und wollen es bleiben, auch wenn er nun nicht mehr Chefreporter ist, Heini, der Reimer. Ich fass’ es nicht.“

„Aber was wolltest du mir denn Geheimnisvolles anvertrauen, so ganz entre nous?“, lächelte ich sie verschwörerisch an.

Da der pakistanische Luigi gerade den Teller mit der üppigen Portion Spaghetti auf den Tisch gestellt hatte, wickelte Lene eine mundgerechte Portion um die Gabel. Ohne einen Löffel zu benutzen, stopfte sie sich die Teigwaren in den Mund, kaute genüsslich und schaute mich mit ihren grünen Augen an.

„Buddha wollte Heini loswerden, rausschmeißen. Ich weiß das deshalb, weil sie mir das selbst gesagt hat. Ganz konsterniert war die Verlegerin. Ich war nämlich gestern zur Vertretung im Chefsekretariat, weil Madame“ – so nannten wir wegen ihres vornehmen Getues die eigentliche Assistentin der Verlagsinhaberin – „ihre Tage hatte oder nicht kacken konnte oder warum auch immer. Und Buddha war beim Vieraugengespräch mit der Chefin. Und als der raus war, musste ich sie mit dem Justiziar verbinden. Und als das Gespräch beendet war, kam sie raus und war ganz bleich, wollte einen Cognac haben, obwohl sie doch sonst nie Alkohol trinkt. Und dann ist es ihr nur so rausgeplatzt. ‚Wie kann man sich in einem Menschen so täuschen‘, hat sie gesagt, ‚da denkt man, der Herr Chefredakteur und unser allseits hochgeschätzter Chefreporter seien ein kollegiales Team, dass sie einander sogar mögen, und dann so etwas. Da will er die Existenz eines Menschen vernichten, zumindest die berufliche, nur weil der so eine Art Reimzwang hat. Aber nicht mit mir. Ich rede ja grundsätzlich nicht in die Redaktion hinein, aber diesmal habe ich es getan. Heinrich Weinrich bleibt.‘ Ja, das hat sie gesagt, die Chefin, und dafür hätte ich sie am liebsten geküsst.“

Mir fiel nach dieser Offenbarung nichts anderes ein als zu fragen: „Warum hast du es nicht getan? Es heißt doch, sie stehe auf Frauen“ – „Ich aber nicht“, stellte Lene genussvoll kauend fest.

Verlegene Verlegerin

Was Lene mir zum Weitererzählen anvertraut hatte, das hatte mich ziemlich erstaunt. Es war tatsächlich höchst ungewöhnlich, dass die Verlegerin, die sich selbst niemals so nannte, sondern Mehrheitsgesellschafterin, eine Entscheidung des Chefredakteurs missbilligte und sogar widerrief. Zumal, wenn dies Geld kostete, ihr Geld.

Ich war ihr ein paar Mal begegnet, meist auf Reitturnieren. Früher, als junge Frau, war sie, wie ich in Archiven überregionaler Blätter recherchiert hatte, eine talentierte Amazone und wäre beinahe in die Nationalmannschaft der Dressurreiterinnen gekommen. Wenn wir uns trafen, war ich immer bemüht, meine mangelnden Reitsportkenntnisse zu kaschieren. Ich bin nun mal ein Fußballmensch. Obwohl sie merken musste, dass ich von ihrer Leidenschaft bestenfalls Wikipedia-Wissen hatte, war sie gleichbleibend freundlich, kühl-freundlich.

Einmal, als ich erst kurz bei ihrer Zeitung angestellt war, ihre Marotten noch nicht kannte und sie mit „Ah, meine Verlegerin“ linkisch begrüßt hatte, wies sie mich höflich zurecht: „Lassen Sie das. Verlegerin, das macht mich ganz verlegen. Ich verlege höchstens meine Brille.“

„Ja, aber …“, widersprach ich. „Kein aber. Mein Vater, der war Verleger mit Leib und Seele. Mein Bruder wäre es geworden, ganz sicher, wenn er …“ Der Satz verhungerte unvollendet. Sie fuhr fort: „Ich bin nur die Erbin, die Verwalterin eines gelegentlich bedrückenden Nachlasses. Aber lassen wir das. Schauen Sie sich lieber die elegante Gangart dieser Schimmelstute an.“ Ich gehorchte.

Nach diesem Gespräch mit der verlegenen Verlegerin fragte ich am nächsten Tag Heinrich Weinrich, der gerade von einer Reportage über das Albert-Schweitzer-Hospital in Gabun zurückgekehrt war, ob er mich über die Geschichte der Zeitung und der Verlegerfamilie aufklären könne. „Klar, mache ich gerne und sofort“, grinste der Chefreporter, der zu jener Zeit noch ganz normal und reimlos sprach, „ich suche nämlich gerade nach dem besten Einstieg in die Lambarene-Story, und weil mir bisher keiner eingefallen ist, bin ich für jede Ablenkung dankbar.“ Er fingerte aus einem auf dem Schreibtisch stehenden Humidor eine mittelgroße Zigarre, biss mit seinen gelblichen Zähnen ihren Kopf ab und entzündete sie mit höchster Konzentration. Eigentlich herrschte im gesamten Verlagsgebäude auf Anordnung der Verlegerin, die nicht so tituliert werden wollte, Rauchverbot seit den Tagen, als sie selbst mühsam dem Nikotin entsagt hatte. Aber Heinrich Weinrich als privilegierter Einzelzimmerbewohner ignorierte diesen Ukas wie viele der älteren Redakteure.

„Also, lieber Kollege, es folgt die Geschichte unserer kleinen, aber immer noch feinen Zeitung im Schweinsgalopp, und zwar so, wie sie nicht im Internet steht. Sie beginnt Ende der 30er Jahre, als der Gründer, ein knorriger Sozialdemokrat, vor den Nazis nach England ins Exil flüchtete. Die Braunen nahmen ihm weniger sein Sozi-Sein übel, sondern dass er sich nicht von seiner jüdischen Frau scheiden lassen wollte. Im Exil hat er sich mehr schlecht als recht durchgeschlagen mit Schreiben, obwohl das nie seine Stärke war. Immerhin hat er mit Thomas Mann korrespondiert, wird sogar mehrfach in dessen Tagebüchern erwähnt, wenn auch nicht immer schmeichelhaft. Nachdem der Nazi-Spuk vorbei war, bekam er von den Briten die Lizenz fürs Zeitungsmachen, das war kurz nach dem Krieg gleichbedeutend mit der Erlaubnis, Geld zu drucken.“

„Wie, musste man damals eine Lizenz haben, um eine Zeitung zu gründen?“, fragte ich; Geschichte hatte mich in der Schule nämlich immer gelangweilt. „Ja, musste man“, erklärte mir der Chefreporter nachsichtig, „nun hatte er also die Lizenz und suchte Redakteure, ein paar kannte er, oder sie wurden ihm von der SPD empfohlen. Dann stellte er den Walter Wiese ein. Sagt dir der Name was?“

„Nee“, zuckte ich mit den Schultern.

„Also, Wiese war ein glänzender Organisator und guter Schreiber. In seinem Lebenslauf hatte er auch nicht verschwiegen, dass er im Krieg Offizier war. Doch hatte er vergessen zu erwähnen, dass er dies nicht in der Wehrmacht, sondern in der Waffen-SS war. Unser Verleger hatte dem Wiese völlig vertraut. Als er die Wahrheit erfuhr, irgendwann in der späten 50ern, war er fix und fertig. Das hat er mir selbst mal so erzählt.“

„Du kanntest ihn also noch?“, fragte ich.

„Na klar, er hat mich und Buddha ja noch selbst eingestellt, am selben Tag. Deshalb genieße ich hier in der Redaktion nicht nur Presse-, sondern auch Narrenfreiheit.“

Weinrich lachte und musste husten. Er fuhr dann fort: „Doch die Folgen des Falls Wiese waren schlimm. Der Alte, eigentlich ein vertrauensvoller Kumpeltyp, wurde extrem misstrauisch. Und dann passierte die Sache mit seinem Sohn, ein Sonnyboy, der die Frauen liebte und den Whisky und seine heißen BMWs. Völlig blau lenkte er seine Maschine gegen den einzigen Baum auf der Landstraße nach Norden, da wo heute noch das Kreuz steht, nicht das Kreuz, sondern eines von vielen, denn die Kreuze werden oft geklaut. Nach dem Tod seines Sohnes war der Alte nicht mehr nur extrem misstrauisch, er war ein gebrochener Mann.“

„Selbstmord?“, fragte ich.

„Dafür gab es keinen Grund. Der Sohn war überhaupt nicht der Typ dafür, sich selbst umzubringen. Nee, Todesursachen waren eindeutig Whisky und BMW. Der Alte bestimmte nun, dass seine Tochter – die Mutter war schon länger tot – den Verlag erben sollte. Doch die zickte rum, wollte lieber ihr Studium der Kunstgeschichte in Florenz beenden. Naja, der Alte hat sie dann doch überredet oder überzeugt oder genötigt. Ich weiß es nicht, war ja nicht dabei, leider. Wäre sicher eine tiefgründende Geschichte gewesen.“

„Aber sie macht ihre Sache doch ganz gut, oder?“, warf ich ein.

„Naja, jetzt. Zu Anfang machte sie einige Fehler. Weißt du, was ihre erste Entscheidung war?“

„Nee, wie sollte ich?“

„Recherchieren, Herr Kollege!“, klang es jetzt etwas von oben herab, „ihr erster Ukas nach dem Tod des Alten aus physischem und psychischem Gram war, ein totales Alkoholverbot zu verhängen nicht nur in der Kantine sondern im ganzen Verlag. Darüber stand eine Personalie im Spiegel. Seitdem hält sich unsere First Lady völlig raus, bis auf das Rauchverbot, also nach außen jedenfalls. Nur in Personalfragen, da mischt sie intern kräftig mit, und durchaus mit Erfolg. Denn eines hat die Dame neben ihrem unbestrittenen Kunstverstand: eine fast schon bedrohliche Menschenkenntnis. Sie durchschaut jeden Blender spätestens nach fünf Minuten.“

Nun wurde mir mulmig wegen der Begegnung mit ihr beim Reitturnier. Ich dachte kurz nach und war sehr zufrieden, dass unser Gespräch nicht einmal zwei Minuten gedauert hatte.

Heinrich Weinrich blies einen Rauchkringel in sein Büro und fragte mich: „Kennst du eigentlich den Spruch, der hinter ihrem Schreibtisch hängt?“ – „Nein“, antwortete ich wahrheitsgemäß, „ich hatte noch nicht das Vergnügen, ihr im Chefbüro eine Visite abstatten zu dürfen.“

„Sei froh“, grinste Weinrich, „denn das ist meistens unangenehm. Also der Spruch lautet: ‚Die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet Vermögen, die dritte studiert Kunstgeschichte und die vierte verkommt vollends‘. Stammt von Bismarck. Und wenn jemand unsere Besitzerin darauf anspricht, dann sagt sie ‚Sie sprechen hier übrigens mit der zweiten Generation.‘ Das nennt man wohl Selbstironie oder wie. Au, das reimt sich.“

Ich bedankte mich bei meinem Mentor und machte mich auf den Weg zu meinem Schreibtisch. Unterwegs fiel mir ein, dass ich gar nicht danach gefragt hatte, warum die unzweifelhaft kluge und auch nun im fortgeschrittenen Alter nach wie vor attraktive Frau nicht verheiratet war, ob die Gerüchte, sie ziehe Frauen Männern vor, denn stimmten. Doch ich traute mich nicht umzukehren.

Semi-Journalismus

Der Tag, an dem Heinrich Weinrich zum ersten Mal nach seinem Zwangsurlaub wieder in der Redaktion auftauchte, war der wohl verrückteste in meinem Leben. Na ja, der zweitverrückteste.

Den bizarrsten erlebte ich als fünf Jahre alter Bub, wie meine Oma mich immer nannte, nachdem ich einer Nonne in meinem katholischen Kindergarten die Haube vom Kopf gerissen hatte, um zu erfahren, ob sie wirklich, wie mein Freund Marvin behauptete, kahl rasiert war. Ich bekam von Schwester Walburga eine schallende Ohrfeige und musste wegen „Insubordination“ – was das genau bedeutet, musste meine Mama im Duden nachschlagen – den frommen Kindergarten verlassen. Doch wusste ich nun, dass Schwester Walburga keineswegs eine Glatze trug, sondern ihre Haare raspelkurz. Und ich hatte erfahren, dass Wissenwollen schmerzhaft sein kann. Marvin hat mich sehr bewundert.

Obwohl ich brennend gern wissen wollte, wie Heinrich Weinrich seine Degradierung vom Chefreporter zum Schlussredakteur aufgenommen hatte, und ob er immer noch ständig in schlechten Reimen sprach und schrieb, zögerte ich, ihn in seinem Exil-Büro unterm Dach zu besuchen. Mir wollte einfach kein Vorwand einfallen.

Also las ich die neueste Ausgabe desKickernoch sorgfältiger als sonst, guckte im Internet, was die Kollegen vonbild.deproduziert hatten, trank einen Kaffee mehr als üblich und fragte den Büroboten, während dieser die Post verteilte, ob er schon bei Weinrich gewesen sei. „Jaaa“, sagte er sehr gedehnt und fiel ins Flüstern, „der hat es da ganz gemütlich unterm Dach, der ganze Dachboden für einen Mann, dat is doch Verschwendung. Da kann er tun und lassen, wat er will. Es stinkt auch schon wie in seinem alten Zimmer nach Zigarrenqualm. Aber, dat janz im Vertrauen, bei der Post für ihn war auch ein Brief von einer Klinik für Psiatrie.“

„Psychiatrie?“, fragte ich den unüberhörbar aus dem Rheinland stammenden Boten. Er nickte: „Sach‘ ich doch!“

Sollte, überlegte ich, Heinrich Weinrich gar nicht nur freigestellt oder beurlaubt gewesen sein in den vergangenen Wochen, sondern im Irrenhaus gesessen haben wegen seines Reimticks? Das Wort „Irrenhaus“ strich ich gleich aus meinen Gedanken. Unkorrekt.

Nun gönnte ich mir keinen Aufschub mehr, Weinrich unterm Dach aufzusuchen, auch wenn mir seit Kindergartentagen bewusst war, wie schmerzhaft Erkenntnis sein kann.

Die Redaktion und die Verlagsspitze arbeiteten in einem großzügigen Bürgerhaus in der Innenstadt. Der Verleger hatte das im Krieg durch Bomben weitgehend zerstörte Haus Anfang der 50er Jahre, als es mit seinem Blatt aufwärts ging und er ziemlich schnell ziemlich reich wurde, gekauft und für viel Geld restaurieren lassen. Nun stand es unter Denkmalschutz. Innen war das Gebäude gerade noch zeitgemäß. Wir normalen Redakteure saßen auf fünf Etagen verteilt in größeren Räumen zu dritt, viert oder fünft, je nach Größe des Ressorts, die Ressortleiter hatten kleine Einzelbüros, ebenso die zwei stellvertretenden Chefredakteure, Buddha und die Verlagschefin repräsentierten in repräsentativen Räumen, den ehemaligen Salons. Nur zwei Personen, die nicht über „Personalverantwortung“, wie das im Managerdeutsch heißt, verfügten, hatten Einzelzimmer. Chefreporter, nun also a. D., Heinrich Weinrich und die „Ratgeber-Tante“, wie wir Rosi Heckmann heimlich nannten. Sie gab Lesern gute oder zumindest gut gemeinte Ratschläge für alle Lebenslagen, wenn es mit dem Sex nicht mehr klappte, oder die Rente falsch berechnet worden war, wenn der Hund Durchfall oder ihre Rosen Läuse hatten. Einmal in der Woche, immer samstags, schilderte Rosi Leserfragen und gab Antworten, die sie für lebensklug hielt. Wir, die wir uns für richtige Journalisten hielten, nahmen sie nicht ernst. Doch bei jedem Copytest schnitten ihre Beiträge bei den Lesern besser ab als die politischen Kommentare oder die preisgekrönten Reportagen von Heinrich Weinrich. Ein Grund, weshalb die beiden sich nicht mochten, und er ihre Texte als „Semi-Journalismus“ oder als „Gesülze“ abtat.

Fünf Etagen waren durch zwei Fahrstühle und einen Paternoster erreichbar. Doch zum sechsten Geschoss, wo bis zu ihrer Entlassung drei Schlussredakteure unterm Dach Dach inmitten ausrangierter Möbel und Bänden mit vergilbten Zeitungen gearbeitet hatten, führte nur eine knarrende Holztreppe. Ich stieg hinauf, klopfte oben an der Tür und hörte Weinrichs Bass: „Komm herein, sei ein Schwein, bring Glück herein.“

Ich trat ein und musste mich zunächst an das Dämmerlicht gewöhnen. Der Raum erstreckte sich über das ganze Haus und bekam durch vier Fenster in den Dachgauben nur spärlich Tageslicht. Mitten in dem riesigen Raum, der auf mich wirkte wie ein gut aufgeräumtes Sperrmülllager oder eine vergessene Bibliothek, stand ein Schreibtisch, darauf ein Apple-Computer, eine Zigarren-Klimabox und das Bild einer attraktiven, jungen Frau. An der Wand hing ein gerahmtes Foto. Es zeigte eine Masse von Menschen, davon viele in Uniform, die die rechte Hand zum Hitlergruß erhoben hatten. Nur ein Mann stand da und hielt seine Arme verschränkt.

Heinrich Weinrich bemerkte, dass ich etwas ratlos auf das Foto schaute und begann, es zu erläutern: „Auf den Führer scheiß‘ ich, dachte der Arbeiter Landmesser im Jahre Neunzehnhundertneununddreißig. Er weigerte, sich den Führer zu grüßen, dafür musste er mit dem Leben büßen. Von ihm wäre nichts geblieben, hätte ich nicht über ihn geschrieben.“

Ganz kapiert hatte ich das nicht. Einige Tage später habe ich recherchiert, was es mit dem Foto auf sich hat. Im Frühjahr 1939 hielt Hitler in Hamburg bei der Werft Blohm + Voss die Taufrede beim Stapellauf des Schlachtschiffs „Bismarck“. Während alle Mitarbeiter den Führer mit dem deutschen Gruß ehrten, verschränkte der Arbeiter August Landmesser als Einziger auf dem Foto die Arme. Der Grund: Weil er ein jüdisches Mädchen liebte, war er wegen Rassenschande verurteilt worden.

„Wie geht es dir so?“, begann ich mit dieser unverbindlich-doofen Standardfrage das Gespräch, setzte dann hinzu: „Reimst du immer noch andauernd?“ Heinrich Weinrich lächelte mich undurchdringlich an, sodass mir nicht klar wurde, ob er mich auf den Arm nehmen wollte oder seinem Reimzwang folgte: „Ruhig Blut, mir geht es gut. Ich sitze über den Dächern der Stadt und fresse mich an miesen Texten satt. Korrigiere der Kollegen Orthografie und hüte die Worte wie der Bauer das Vieh. Nach wie vor ist mir das Reimen Lust, es erspart mir manchen Frust.“

„Mal ehrlich“, versuchte ich den kollegialen Frontalangriff, „kannst du nicht auch ganz normal wie wir alle reden und schreiben?“

Seine Antwort kam so schnell, wie andere ungereimt reden: „Normal, das ist mir zu pauschal. Klar kann ich reimlos reden und auch schreiben. Doch dann könnte ich mich selber nicht mehr leiden. Auch der Psychiater, bei dem ich auf Buddhas Wunsch zur Untersuchung war, schreibt in seinem Bericht ganz klar …“ Der schlichte Dichter fischte aus dem Sakko, das er über die Lehne seines Schreibtischsessels gehängt hatte, ein Stück Papier, auf dem ich als Briefkopf lesen konnte „Institut für Psychiatrie und Psychotherapie Charité Berlin“. Weinrich legte seine halb aufgerauchte Zigarre nahezu feierlich auf den Rand des Aschenbechers und zitierte betont langsam aus dem Brief des Arztes: „Herr Heinrich Weinrich hat kein gestörtes Ich. Auch das Über-Ich ist es nich. Weder sehe ich ein Krankheitsbild, noch führt der Patient Böses im Schild. Seine Lust an der Poesie benötigt keine Therapie. Er ist gesund wie ein junger Hund. Doch, dies sei eingeräumt, niemals zuvor hat ein Psychiater von Reimlust und Reimzwang auch nur geträumt. Ungelogen, dieser Fall ist eher ein Fall für Philologen.“

Triumphierend reichte mir der wohl doch nicht irre Reimer den Brief des Irrenarztes und lud mich am Abend zur Feier seines neuen Jobs auf ein „Bier wie ich dir“ in die Adlerklause ein.

Ich verabschiedete mich mit einem Reim: „Zwischen Leber und Pils passt immer noch ein Pils“, und fragte mich, während ich die steile Treppe herunterstieg, ob Reimzwang ansteckend sein könnte. Oder wollte der Psychiater seinen Patienten und den Auftrag gebenden Chefredakteur verarschen mit seiner gereimten Diagnose? Die ging wohl in die Hose.

Cafe Olé Olé

Als Sportredakteur fühlte ich mich dazu verpflichtet, Vorbild zu sein. Deshalb ignorierte ich wie üblich den Aufzug. Ich lief durchs Treppenhaus und stellte mir vor, wie Heinrich Weinrich, durchaus bekannt für seinen herben Charme, mit seinem Reimtick bei der Kanzlerin ankommen würde, wenn er sie jemals wieder interviewen dürfte. Was geschieht wohl, wenn er ein Gespräch eröffnet mit der Frage: „Frau Merkel, wer im Kabinett ist das größte Ferkel?“ Oder wenn er über den Papst schriebe: „Ob Benedikt noch richtig tickt?“

Zu Löw fiel mir kein Reim ein.

Lustlos setzte ich mich an meinen Schreibtisch. Die Pflicht rief und ich traute mich nicht, wegzuhören. Heute war der Vorbericht zum Spiel am Samstag fällig. Er musste wie üblich eine Gratwanderung werden. Zum einen wäre es wider die Ehre, wollte ich meinen Fußballverstand leugnen, zum anderen konnte ich mit Rücksicht auf unsere verbliebenen Fans nicht meine wahre Meinung veröffentlichen, dass wir nämlich gegen den FC Bayern keine Chance und in der Ersten Bundesliga nichts mehr zu suchen hatten. Vielleicht könnte ich mit dem Bonmot anfangen oder enden: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“. Während ich googelte, welcher kluge Mensch das mal gesagt hatte, meldete sich mein Handy mit der Titelmelodie aus „Titanic“, die mir meine liebe Freundin ausgesucht hatte.

Es war Thilo. Der hatte mir gerade noch gefehlt. Wir hatten uns auf der Journalistenakademie kennengelernt. Ich konnte ihn nie besonders leiden, doch hatte er mir durchaus imponiert. Ich nahm mein Studium ernst, schließlich mussten sich meine Eltern für die Studiengebühren krummlegen. Thilo hatte, obwohl ziemlich talentlos für alles, was mit Schreiben zu tun hatte, irgendwie ein Stipendium ergattert und lebte ziemlich sorglos in den Tag hinein. Nach einem Jahr schmiss er die Ausbildung, ging als Produktions- assistent zu einem obskuren Privatsender. Zwei Jahre später besaß er eine eigene TV-Produktionsfirma, einen nagelneuen Porsche sowie eine nicht mehr ganz frische Lebensgefährtin mit viel Silikon in den Brüsten und langer Fernsehpräsenz in unterschiedlichen Formaten.

Thilo war, wie er sich bei seinen gelegentlichen Besuchen bei mir gerne selber rühmte ein „master of connections“, das sei in seiner Branche der „Kopfnutten“ besser als zweimal summa cum laude promoviert zu haben. Was ich ihm gerne glaubte.

Seit gut einem Jahr produzierte Thilo eine Talkshow für einen Privatsender und war ständig auf der Suche nach Gästen, die ihn wenig kosteten. Unterhaltsam mussten sie sein, sich von der Silikon-Frau auch sehr privat befragen lassen und Quote machen. Ich habe ihm zwei- oder dreimal einen Tipp gegeben, wenn mir in unserer eher biederen Stadt mal jemand geeignet schien für seine Show.

Ob ich Zeit für einen Café olé olé habe, fragte mich Thilo. Da mein windelweicher Vorbericht mir schwer im Magen lag, sagte ich zu, aber nur auf die Schnelle in der zum „Bistro“ aufgehübschten Kantine.

Ich setzte mich ans Fenster. Bevor ich Thilo sah, hörte ich seinen Porsche röhren, den er im absoluten Halteverbot parkte. Von irgendeiner fernen Sonne gebräunt, betrat, ach was: stolzierte Thilo ins „Bistro“, knallte seinen Wagenschlüssel auf den Tisch, setzte sich mir gegenüber, das Fenster im Rücken, und röhrte, ohne mich begrüßt oder gefragt zu haben, durch den Raum „zwei Café olé olé.“

Ich beeilte mich, ihm mitzuteilen, dass hier Selbstbedienung angesagt sei, als die Kassiererin den lauten Gast anlächelte und sagte: „Kommt sofort.“ Mir war entfallen, dass Thilo bei unserem letzten Treffen seinen Kaffee mit einem Zwanzigeuroschein und einem „Stimmt so!“ bezahlt hatte. Er grinste mich an: „Für mich ist Selbstbedienung hier abgeschafft.“

Am liebsten hätte ich ihm die großspurige Fresse poliert. Stattdessen beobachtete ich voller geheimer Schadenfreude durchs Fenster, wie eine Mitarbeiterin des Ordnungsamtes das Kennzeichen von Thilos Porsche im Halteverbot notierte.

Er fragte mich nicht, wie es mir gehe, was der Job mache oder der Club, sondern schaltete sein Berufslächeln ab und jammerte: „Ich bin ruiniert. Ich war gerade bei dieser Ganzkörper-Tätowierten, über die euer Weltblatt kürzlich berichtet hat, wollte mal testen, ob die Tussi was taugt für Karolins Show.“

„Und“, fragte ich Thilo, „ist wohl zu seriös dafür?“

„Deine Ironie in Ehren. Verarschen kann ich mich selbst. Nee, aber die Lady ist einfach zu trashig, selbst für uns. Und leider dazu noch extrem blöd. Kriegt keinen richtigen Satz raus. Und wenn man sie fragt, warum sie ihren ganzen Körper tätowiert hat, also außer ihrer Muschi, wie sie sagt, was ich aber nicht verifiziert habe, also da antwortet sie nur: ‚Weil ich es schön finde.‘ Da kann man doch keine ordentliche Sendung draus machen. Außerdem wollte sie 1 000 Euro haben plus Spesen, die doofe Kuh. Nobelpreisträger krieg ich für lau. Ich muss für Sonntag auf die Schnelle jemanden ganz Spektakulären finden, sonst räumt die Will wieder alles ab und die Werbekunden wollen wieder Rabatte wegen der miesen Quote. Kennst du nicht irgend jemanden?“

Na also, jetzt kam er raus mit der Sprache. Dass einer wie Thilo nicht einfach nur mal auf einen Kaffee vorbeikommt, um mit einem alten Kumpel über alte Zeiten zu reden, hätte mir schon vorher klar sein können. Aber Leute wie er sind Meister darin, sich von anderen aushelfen zu lassen.

„In welche Richtung denkst du?“, fragte ich sehr gedehnt, denn nun sah ich, wie die Hüterin des ruhenden Verkehrs unter den Scheibenwischer des Luxuswagens von Großmaul Thilo einen Zettel klemmte, wahrscheinlich einen sehr teuren.

„Na, am liebsten wäre mir die Freundin des Papstes, oder wenigstens eines Kardinals, die der Karolin gesteht: ‚Ich habe abgetrieben.‘ Damit kämen wir nämlich in die Agenturen und in die „Tagesschau“ und Bild müsste nachziehen. Das wäre was. Man wird ja noch träumen dürfen.“

Jetzt ritt mich der Teufel. Ich erzählte dem Fernsehmann die Geschichte von Heinrich Weinrich, dem großen Reporter, der nun sein Dasein als Schlussredakteur fristen muss, weil er sich aus welchen Gründen auch immer nur noch reimend ausdrückt.

Zunächst zeigte sich Thilo mäßig interessiert, doch hörte er konzentriert zu, fragte dann misstrauisch: „Sag mal, du willst mich doch verarschen, das ist doch ein abgekartetes Spiel, so wie einst der Bleistiftlutscher bei ‚Wetten, dass‘. Oder?“

Ich versicherte Thilo beim Leben meiner Katze, dass der Fall Heinrich Weinrich, so skurril wie tragisch er sich anhöre, absolut authentisch sei. Ich habe übrigens keine Katze. Das sagte ich dem Ex-Kommilitonen jedoch nicht.

Auf einmal war er in hohem Maße interessiert und wollte wissen, wie er denn am besten mit dem Reimer in Kontakt kommen könnte. „Heute Abend in der Adlerklause“, schlug ich vor, „aber tu’ so, als ob du zufällig dort Gast bist und lass mich am besten außen vor. Ich weiß nämlich nicht, wie Heini Weini reagiert.“

Ich beschrieb Thilo den Weg, und er war auf einmal sehr neugierig.

Adlerklause

Verdammt, ich war spät dran heute Abend. Buddha hatte mich aufgehalten. Normalerweise ging ihm der gesamte Sportteil der Zeitung am Arsch vorbei, außer wenn sich Leser beschwerten, ihr Sport, sei es nun Tanzen oder Minigolf oder Tauziehen, finde zu wenig Erwähnung im Blatt.

Ausgerechnet heute, wo mich Heini Weini in seine Stammkneipe eingeladen hatte, was ich als Auszeichnung empfand, ausgerechnet heute wollte der Chefredakteur meinen Vorbericht für das Bundesligaspiel lesen. Er runzelte die Stirn und nörgelte: „Also, mein Lieber, nicht dass ich Ihre Fachkompetenz für Fußball anzweifle, doch was Sie schreiben, ist Defätismus pur. Denken Sie doch mal daran, was mit unserer Auflage passiert, wenn wir absteigen in die Zweitliga!“

Er sprach das Wort „Zweitliga“ mit einer Verachtung aus, als sei es grob unanständig. Pflichtschuldigst widersprach ich: „Aber wir können doch nicht so tun, als ob alles okay wäre mit dem Club. Der Trainer hat kein Konzept. Genug Geld für frische Spieler gibt es auch nicht, weil der Hauptsponsor auf seine alten Tage das Golfen entdeckt hat. Wir dürfen uns nicht lächerlich machen bei den eigenen Lesern, jedenfalls keinesfalls bei denen, die noch ein bisschen Fußballverstand haben, und nicht besoffen sind vor lauter Lokalpatriotismus.“

Buddha griff wie gewohnt hinter seine Hosenträger und ordnete an: „Nee, müssen Sie auch nicht. Recherchieren Sie doch einfach mal, welcher haushohe Favorit in der Bundesliga in den letzten fünf oder zehn Jahren von einem krassen Außenseiter geschlagen wurde. Machen Sie daraus eine Liste, aber nicht zu klein, und garnieren Sie die mit vielen hübschen Fotos.“ Eine verdammt gute Idee. Das musste ich zugeben. Leider war sie nicht von mir. Ich versprach: „Okay, so machen wir es“, und machte mich ans Werk, was nicht schwierig, aber aufwendig war.

Als ich nach einem kurzen, verregneten Spaziergang durch die Innenstadt die Tür zur Adlerklause öffnete, sah ich wegen dichter Rauchschwaden im schummrigen Licht zunächst nur wenig, hörte aber vielstimmiges Gemurmel und Lachen. Ich hatte ganz vergessen, dass man in Heinrichs Stammkneipe die Lizenz zum Rauchen hat.

Der Laden war voll. Obwohl einige der Tische nicht besetzt waren, drängten sich die Menschen, meist Männer mittleren Alters, um den Tresen, der sich über die gesamte Raumlänge hinzog. Hoch oben an der Wand hing ein ausgestopfter Adler, wohl der Namensgeber der Kneipe. Ich sah mich suchend um.

Eine gertenschlanke Frau mit kurzen, offensichtlich hennarot gefärbten Haaren und knallrot geschminkten Lippen, zwei Knöpfe ihrer arg eng gekauften Bluse geöffnet, sah mich aufmunternd an: „Du bist doch der Kollege vom Sport“, duzte sie gleich, obwohl sie mich bei den Besuchen zuvor kaum beachtet hatte. „Heini hat dich schon erwartet. Ich bin übrigens die Charlo, also eigentlich Charlotte, aber nur Lotte, das war mir zu blöd. Wieder mal: willkommen in meinem Reich“, lächelte sie ein Lächeln, das sie wohl für verführerisch hielt, und stellte mehr fest, als dass sie fragte: „Ein Pils!“ Jetzt erst sah ich Heini am anderen Ende der Theke. Er unterhielt sich intensiv mit Thilo, dem Fernseh-Großmaul. Wenn das mal gut gehen würde. Heini sah mich, rief mit seinem dominanten Bass quer durch den Raum: „Schön, dass du da bist, ich hätte dich sonst arg vermisst. Komm näher, denn der Adler ist kein Eichelhäher“, fügte er vollständig sinnfrei hinzu. Einige der Tresen-Umlagerer lächelten wohlgefällig.

Thilo lachte so laut, als habe er den tollsten Witz seines Lebens gehört. Mir fiel dazu die Weisheit ein: Jeden Tag wird die Zahl der Leute größer, die mich am Arsch lecken können. Ich schlängelte mich an den Tresen-Stehern vorbei, zwei kannte ich von irgendeinem Sportereignis, grüßte die beiden, wurde respektvoll zurückgegrüßt.

Als ich Heini zunickte, stellte er mir Thilo vor. „Das ist der Thilo vom Privatsender, ein charmanter Blender. Er sagt, er sei in der Stadt, weil er für seine Talkshow keine Gäste hat. Nun klopft er mich weich mit Korn und Bier, dass ich vor seine Kamera marschier’.“

Thilo schaute auf seine manikürten Fingernägel. Der Wagenschlüssel mit dem unübersehbaren Porsche-Wappen lag auf dem Tresen, daneben ein Bierdeckel mit vielen Strichen drauf.

Ich reichte Thilo förmlich die Hand, murmelte etwas, das wie der Mainzelmännchen-Gruß „Guddnabnd“ klang. Thilo nickte nur. Immerhin hielt er sich an unsere Verabredung, so zu tun, als würden wir uns nicht kennen. Ich bekam plötzlich ein schlechtes Gewissen dem großen Weinrich gegenüber.

Doch er schien nichts bemerkt zu haben, nahm einen großen Schluck Bier, wischte sich mit seiner dunkel behaarten Riesenhand kurz über den Mund, zupfte dann an seinem linken Ohrläppchen, eine für den Kraftkerl eher untypische Verlegenheitsgeste.

„Thilo“, sprach Heini weiter, „macht mich mit vielem Bier ganz froh. Und dich gleich ebenso. Ich bin ein wenig besoffen und lasse den Herrn Produzenten noch viele Biere lang hoffen. Was rätst du, Experte für das Spiel auf grünem Feld, soll ich in Talkshows gehen für ordentlich Geld? Die Talkerin heißt übrigens Karolin und fragt angeblich mit viel Hintersinn. Ich könnte dir und dem Rest der Menschheit erklären, warum wir besser wären, wenn wir stets reimend kommunizierten, selbst wenn wir uns gelegentlich blamierten.“

Der neue Schlussredakteur, den wir in der Redaktion inzwischen halb mitleidig und halb ironisch „schlichter Dichter“ nannten, guckte mich mit unergründlichem Gesicht an. Auch hier in seiner Stammkneipe wurde ich nicht schlau aus ihm.

Charlo reichte mir das bestellte, meisterhaft gezapfte Bier an. Heinrich hatte wohl nicht mitgekriegt, dass sie mich bereits beim Eintreten begrüßt hatte, und stellte mir die Wirtin nun vor: „Das ist die schöne Charlo. Wo sie ist, ist großes Kino. Sie ist unglaublich nett und teilt mit mir Tisch und Bett.“

Charlos professionelles Lächeln änderte sich zu süß-sauer. „Nicht so laut. Muss ja nicht jeder wissen, dass wir gelegentlich in die Kiste gehen“, wies sie ihren Liebhaber zurecht, „das ist nicht gut fürs Geschäft.“

Heini grinste Thilo an: „Merkst du, neuer Freund an meiner Seite, weshalb ich niemals freite. Statt sich zu mir zu bekennen, sollen alle anderen Kerle hinter ihr herrennen. Na, egal soll es mir sein, denn in ihrer Kammer bin ich mit ihr allein.“

Thilo hörte nahezu andächtig zu. Ich bin sicher, er kalkulierte bereits die Quoten für den Fall, dass er den Reimer überreden könnte, in die Talkshow zu kommen.

Nun war ich wieder dran. Heini fragte mich: „Dein Rat, du Mann der Tat!“

Jetzt wurde es für mich Zeit, Thilo eins überzubraten, den neureichen Geizhals.

„An deiner Stelle würde ich das machen“, riet ich Heinrich, „du hast doch nichts zu verlieren. Geheim halten kannst du auf Dauer deinen Reimzwang …“ – ich bemerkte seine hochgezogenen Augenbrauen und korrigierte mich – „… ach entschuldige, deine Lust am Reim sowieso nicht. Wenn du im Fernsehen damit offen umgehst und den Zuschauern alles erklärst, dann kannst du sogar gewinnen. Aber“, jetzt schaute ich Thilo an, der meinen Worten wohlwollend gelauscht hatte, „ich würde mich nicht zu billig machen. Denn die Damen und Herren vom Privatfernsehen haben viel Geld, das sie ausgeben müssen. Du würdest sicher Superquoten einspielen.“ Der Reimer reimte: „Quoten ist was für Idioten!“

Thilo wollte dazwischen quatschen, ihm missfiel die Wendung des Gesprächs. Heini gebot Ruhe. „Schweig Thilo, sonst sperr‘ ich dich ins Klo.“

Thilo schwieg. Ich redete: „Also, Heini, 10 000 Euro ist das Mindeste, was du verlangen kannst. Du bist welteinmalig, eine globale Sensation.“

Heini guckte mich jetzt sehr skeptisch an, sodass ich mich fragte, ob ich nicht zu dick aufgetragen hatte. Doch selbst ein so routinierter Reporter und Menschenkenner wird leicht gutgläubig, wenn man ihm schmeichelt.

Kurzzeitig sagte keiner von uns dreien etwas. Der Reimer fand als Erster die Sprache wieder: „Für Zehntausend Euro bin ich bereit, mich zu offenbaren. Darauf noch einen Klaren.“

Nun maulte Thilo. Die Summe sei eindeutig zu hoch, das bekomme er niemals refinanziert, und selbst wenn, dann würden die Preise für Talkshowauftritte im Allgemeinen explodieren, Arbeitslosigkeit der Sendermitarbeiter sei die Folge, machte er nun auf die Mitleidstour.

Heinrich Weinrich schaute Thilo streng an, schlug mit seinem rechten muskulösen Arm unvermittelt auf dessen Rücken und flüsterte, doch so laut, dass ich es hören konnte: „Hör auf mit dem Gewäsch. Zehntausend cash in dä Täsch“.

Der Fernseh-Fritze nickte reimlos-stumm und sah dabei sehr unglücklich aus. „In den nächsten Tagen“, versprach er, „bekommst du den Vertrag. Pure Routine. Ich kann mich doch auf dich verlassen?“, fragte er unsicher. „Wenn ich einmal ja sage, gibt es keine weitere Frage. Pacta sunt servanda – im Haus und auf der Veranda“, ließ Heini nun seine humanistische Bildung heraushängen, großes Latinum.

„Hä?“, fragte Thilo, auf einmal misstrauisch geworden, „kannze das auch auf Deutsch sagen?“

„Hast du einen Vertrag geschlossen, wirst du bei Nichteinhaltung sofort erschossen“, übersetzte der Großlateiner nun sehr frei und sehr gönnerhaft.

Der wieder glückliche Talkshow-Bestücker kündigte an, zur Feier des Tages und in Erwartung der tollen Einschaltquoten wolle er eine Flasche Champagner spendieren, egal, was sie koste.

Doch Heini Weini stoppte ihn: „Lässt vom Schampus du den Korken krachen, muss ich immer Bäuerchen machen. Lass das sein mit dem Sekt, auch wenn er dir gut schmeckt. Stets aufs Neue wächst meine Gier nach einem guten Bier.“ Charlo hatte mitbekommen, dass ihr Theken- und Bettgefährte durch seinen Sekt-Verzicht ihr gerade ein lukratives Geschäft vermasselt hatte, und wischte einige Male kurz mit der flachen Hand vor ihrem Gesicht. Als er aufsah, streckte sie ihm schelmisch ihre Zungenspitze heraus.

Ich fand das erotisch und verabschiedete mich von den Zechern mit dem gut gemeinten Reim: „Noch’n schönen Abend, erquickend und labend.“

Doch das passte dem Kollegen nun ganz und gar nicht. Er tadelte mich in der Sprache der alten Römer: „Quod licet Jovi, non licet bovi.“ Der Porschefahrer verstand wieder nur Bahnhof und guckte dämlich, was mich freute. Da ich Heinis Marotten kannte und auch ein wenig Latein verstehe, übersetzte ich ziemlich frei: „Was Heini erlaubt ist, ist mir verboten.“

Der Dichter des Alltäglichen prustete los und schickte mir noch einen schnellen Reim hinterher: „Servus, und gib deiner Lusthansa einen Kuss.“

Lusthansa

Auf dem Weg nach Hause grübelte ich über Heinis Abschiedssatz nach. Hatte er tatsächlich „Lusthansa“ gemeint? Oder sich einen freudschen Versprecher geleistet? Oder hatte ich mich einfach verhört, und er hatte schlicht „Lufthansa“ gesagt?

Ich ärgerte mich, dass ich mir über eine solche Banalität Gedanken machte, und freute mich gleichzeitig auf das Wiedersehen mit Eva. Sie hatte mir noch vor meinem Besuch in der Adlerklause eine SMS geschickt, dass ihr Airbus dank starken Rückenwinds die Strecke von New York nach Frankfurt in sechseinhalb Stunden geschafft habe, sie den Anschlussflug noch erreichen konnte, und deshalb schon am Abend zu Hause sein könne.

Seit gut einem Jahr wohnte ich mit ihr zusammen. Sie ist das, was jeder heterosexuelle Mann, der nicht blind geboren ist, einfach als Traumfrau bezeichnen muss. Groß, fünf Zentimeter größer als ich Normalmann, hellblond, blaue Augen, makellose Zähne, fraulich, wo eine Frau fraulich sein sollte, also am Popo und obenrum, aber nicht dick, sondern sportlich, elegant, witzig, klug, fröhlich und herrlich unkompliziert. Ach, ich gerate wieder ins Schwärmen.

Bevor ich sie kennenlernte, war ich mit einer Lehrerin zusammen, zum Glück lebten wir in zwei Wohnungen. Sie war durchaus hübsch und nett, doch hatte sie nie kapiert, dass ein Sportredakteur nun einmal samstags und sonntags intensiv arbeiten muss. Ist ja auch nicht einfach zu verstehen. Jedesmal, wenn ich mich am Samstag nach dem Frühstück von ihr verabschiedete, maulte sie und ich bekam ein schlechtes Gewissen. Am Ende war die Liebe zu meinem Job größer als zu ihr. Journalist ist wahrhaftig kein familienfreundlicher Beruf.

Als ich Eva kennenlernte war ich in einer ziemlichen Depri-Phase. Ich war nicht Ressortleiter geworden. Stattdessen wurde mir ein Kollege vorgezogen, der erstens faul und zweitens auch noch ziemlich unfähig war. Aber sein Vater saß im Stadtrat und war bei den Rotariern wie der Herr Chefredakteur, meiner war nur in der Arbeiterwohlfahrt und der SPD.

Ziemlich widerwillig war ich mit zwei Kollegen zum alljährlichen großen Jahrmarkt gegangen. Die hatten sich schnell verabschiedet, nachdem sie die Freikarten der Schausteller für die Presse verfahren hatten. Auch ich wollte mich in meine triste Junggesellenwohnung auf ein Date mit Johnnie Walker begeben, als ich Sebastian traf. Ihm gehört das Reisebüro, das die Flüge unserer Bundesligamannschaft und der Redaktion organisiert, soweit wir jedenfalls trotz Sparmaßnahmen noch fliegen dürfen. Ich kannte Sebastian vom Job her. Wenn ein Platz in der Mannschaftsmaschine frei war, schanzte er ihn mir für wenig Geld zu. Er verstand eine Menge vom Fußball, jedenfalls mehr als mein Ressortleiter, der nicht einmal die Abseitsregel erklären kann.

Sebastian war in Begleitung einer atemberaubend gut aussehenden Frau. Dabei hatte ich ihn bislang für schwul gehalten, was mich nicht weiter gestört hätte, solange er mir nicht ans Gemächte griff.

„Meine schöne Schwester“, stellte er mir die Atemberaubende vor. Sie zeigte bereitwillig ihre ebenmäßigen Zähne, reichte mir ihre überraschend kräftige Hand und nannte mit rauchiger Stimme ihren Vornamen: „Eva.“ Mir fiel nichts Dämlicheres ein als zu erwidern: „Ach, die mit dem Apfel.“ Immer noch lächelnd, doch nun leicht von oben herab, sagte sie: „Sowas hab’ ich schon öfter gehört.“

Sebastian schlug vor, wir sollten zu Schießbude gehen. Eva schoss besser als ihr Bruder. Auch besser als ich, obwohl ich beim Bund die Schützenschnur bekommen hatte. Dann war Autoscooter dran. Eva und ich. Jedes Mal, wenn es bumste, kreischte sie auf, lauter als nötig. Ich spendierte ihr einen mit rotem Zuckerguss überzogenen Apfel, in unserer Gegend auch „Paradiesapfel“ genannt. Den Satz, den ich mir für die Apfel-Übergabe ausgedacht hatte, kommentierte sie nicht: „Mit einem Apfel fing das Elend der Menschheit an“.

Während Eva den Zuckerapfel genussvoll verputzte, verliebte ich mich in sie.

Sie spazierte zwischen uns Männern, hakte sich unter, uns beide überragend. „Wie Bastian mir geflüstert hat, bist du bei der Zeitung. Welche Abteilung?“ Ich klärte sie auf, ich sei Sportredakteur. Das interessierte sie. Früher habe sie Judo gemacht, sogar ziemlich intensiv, jetzt reiche es nur noch zum gelegentlichen Joggen. Ihr Job bei der Lufthansa sei nämlich sehr arbeitsintensiv.

Ah, dachte ich machohaft, eine Stewardess, Flugbegleiterin, Saftschubse, erheben sich in die Lüfte, Vögeln gleich. Uralter Spruch. Auch egal. Diese Frau oder keine.

Ich überlegte, wie ich sie zu einem Wiedersehen überreden könnte, doch mir fiel nichts, aber auch gar nichts Passendes ein, obwohl ich mich keineswegs für schüchtern halte und – auch wenn ich nicht aussehe wie George Clooney – niemals Probleme hatte, eine Frau kennenzulernen, auch näher. Ihr fiel was ein. Beim Tschüs-Sagen lud sie mich zum Frühstück ins „Café Am Markt“ ein, sie müsse erst am Mittag wieder zum Dienst und würde sich freuen, wenn wir uns wiedersähen. Dann küsste sie mich sanft auf die Wangen, etwas intensiver als normal, bildete ich mir zumindest ein. Beschwingt, wie seit langer Zeit nicht mehr, ging ich nach Hause. So eine Superfrau und lädt mich zum Frühstück ein. Darauf einen Johnnie Walker oder zwei. Für einen Whisky findet ein Mann immer einen Grund. Könnte von Hemingway sein, ist aber von mir. Am nächsten Morgen sang ich unter der Dusche, was ich sehr selten tue. Irgendeinen Schlager aus den 60ern oder 70ern. „Wir wollen niemals auseinandergehen …“ Von Heidi Brühl. Meine Eltern besitzen noch Schallplatten.

Sie kam zehn Minuten zu spät. Ich hätte Stunden auf sie gewartet. Als ich sie sah, muss ich wohl ziemlich blöde aus der Wäsche geguckt haben. Nix mit Flugbegleiterin. Sie trug einen Hosenanzug, drei goldene Streifen an den Ärmeln der dunkelblauen Uniform und die markante Pilotenmütze. Ich tat so, als sei ich nicht im Geringsten überrascht, begrüßte sie mit Wangenküsschen und sagte einfach: „Schön, dass du da bist, Frau Kapitän.“

Sie klärte mich auf, die meisten Menschen, die sie treffe und denen sie sage, sie sei bei der Lufthansa beschäftigt, würden ohne nachzufragen annehmen, sie sei Flugbegleiterin. „Aber Kapitän bin ich noch nicht, Erster Offizier vorerst.“ Nach dem Abitur habe sie nicht recht gewusst, was sie machen solle, und dann als Flugbegleiterin gejobbt. Erst an Bord habe sie der Ehrgeiz gepackt, und sie habe sich an der Bremer Verkehrsfliegerschule beworben. Jetzt sei sie dabei, die 70 000 Euro, die die Ausbildung kostet, mit 300 Euro im Monat abzustottern.

„Na, dann kann ich dich ja einladen“, säuselte ich und freute mich, dass sie ein opulentes Frühstück mit Speck, Spiegeleiern und Bratkartoffeln bestellte. Beim Abschied verabredeten wir uns fürs nächste Wochenende zum Joggen.