Schlimmer geht immer - Natalie Leyendecker - E-Book

Schlimmer geht immer E-Book

Natalie Leyendecker

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Beschreibung

Josefine erlebt das schlimmste Jahr ihres Lebens. Alleinerziehend mit drei Kindern als Deutsche in der Schweiz durchlebt sie eine Katastrophe nach der anderen. Vor allem ihr großer Sohn ist eine Herausforderung, gerät er doch immer stärker in den Strudel von Kriminalität und Drogen. Überzeugt davon, dass am Ende alles gut wird, kämpft sie für ihre Familie und vor allem für das Überleben ihres Sohnes. Im Lockdown während der Corona-Pandemie begreift sie endlich, dass sie sich und ihre Entscheidungen radikal ändern muss, damit sich für alle Familienmitglieder das Blatt zum Guten wendet.

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Seitenzahl: 260

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Natalie Leyendecker

Schlimmer geht immer

Aufgeben ist keine Option

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Schlimmer geht immer - Aufgeben ist keine Option

Kapitel 2: Hurra es brennt

Kapitel 3: Spurensuche

Kapitel 4: Mama hat frei

Kapitel 5: Reisevorbereitungen

Kapitel 6: Det kunne ikke være værre

Kapitel 7: Kind gestohlen

Kapitel 8. Was machst du, wenn du nicht mehr kannst?

Kapitel 9: Der Papa wirds schon richten

Kapitel 10: Für jede Lösung ein Problem

Kapitel 11: Unverhofft kommt manchmal auch

Kapitel 12: Weihnachtszeit

Kapitel 13: Hahnenkampf

Kapitel 14: Zwischen Arbeit und Familie

Kapitel 15: Leben im Lockdown

Kapitel 16: Schlimmer geht immer

Kapitel 17: Neustart

Mein Traum

Impressum neobooks

Schlimmer geht immer - Aufgeben ist keine Option

Schlimmer geht immer

Aufgeben ist keine Option

Noch eine halbe Stunde, und hier im Haus herrschte immer noch Chaos. Wie oft hatte ich heute schon das Wohnzimmer gefegt, die Kissen aufgeschlagen? Aber erneut war das Sofa Gegenstand einer Kissenschlacht geworden. Die Kuscheldecke lag achtlos auf dem Couchtisch, die Kissen bunt im Raum verteilt, und auf dem Sofa fand ich die Fernbedienung, den Controller der Playstation und zahlreiche Batterien. Offensichtlich hatte die jemand ausgetauscht und die alten an Ort und Stelle entsorgt. Und der- oder diejenige hatte auch mindestens ein Paket Chips gegessen bzw. verteilt. Jedenfalls lagen zwischen Couchtisch und Sofa unzählige Krümel und im Zeitungskorb eine leere Chipstüte.

Also schnappte ich mir schnell Handbesen und Kehrblech, entsorgte die Chips, warf die leeren Batterien in unsere Recyclinghoftüte, faltete die Decke und platzierte die Kissen wieder mittig auf dem Sofa. Dann folgte der Check im Badezimmer. Nein! Kann hier jemand die Toilette abspülen und vielleicht sogar die Klobürste benutzen? Der Seifenspender leer, das Händehandtuch weg.

Ich war genervt und stand unter Zeitdruck. Noch 20 Minuten. »Kinder, kommt Ihr in zehn Minuten bitte mit zum Bahnhof, die Großeltern abholen?« Keine Antwort. »Kinder!«, ich rief lauter, aber sie hatten sich verkrochen. Sie hatten mir ja auch ungefähr 100 Mal in den letzten Tagen mitgeteilt, dass sie keine Lust hatten auf Besuch, auf Verwandtschaft, auf Großeltern, auf Ausflüge. Aber selbst wenn sie alles doof fanden, konnten sie nicht wenigstens an diesem Tag, dem Ankunftstag ihrer Großeltern, die uns zweimal jährlich besuchten, nicht überall ihr Chaos verteilen?

»Jakob!« Genervt stürmte ich ins Zimmer meines vierzehnjährigen Sohnes. Meines »Problemkindes« wie meine Freunde sagten. Problemkind? Nein, einfach nicht stromlinienförmig, außergewöhnlich – vor allem leider außergewöhnlich anstrengend, so meine Meinung, jedenfalls zum damaligen Zeitpunkt. Das Zimmer leer, er war wohl mal wieder mit »Kollegen« (so sagt der Schweizer zu Schulfreunden) unterwegs.

Der Anblick, der sich mir in seinem Zimmer bot, war ein Albtraum. Der Schreibtisch verwüstet, auf dem Bett jede Menge Klamotten, Jeans, Shirts, alles Mögliche. Ich öffnete den Kleiderschrank, und ein Geruch von modriger, schmutziger Wäsche gemischt mit Tabak strömte mir entgegen. Ich warf blitzschnell alles, was ich fand, in den Kleiderschrank. Dann versuchte ich irgendwie die Tür zu schließen. Schwierig war es bei dem bunten Durcheinander von Kisten, Schulbüchern, Zigaretten, Feuerzeugen und Kleidungsstücken – sauber wie schmutzig. Hier passte nichts mehr rein, außer vielleicht eine Ratte. Aber den Schrank würden sie hoffentlich nicht öffnen, meine Eltern. Ich schmiss mich gegen die Tür. Gott sei Dank, sie ging zu.

Okay, Zimmer fertig! Fertig? Nein, der Sofakasten stand noch zehn Zentimeter auf, die Sitzfläche quer im Raum. Noch zwölf Minuten bis zur Ankunft meiner Eltern. Meine Hände waren schweißnass, und ich spürte, dass ich wieder diesen getriebenen Blick in den Augen hatte, den ich selbst so an mir hasste.

Egal, was ich tat, ich könnte es meinen Eltern nicht recht machen, nicht ich mit meinem Chaoshaushalt, ich, bei der die Theken nie glänzten, die Mülleimer immer schmutzig waren, die Kleidung meist fleckig und die Kinder … ja, die Kinder auch nicht so geraten wie die Enkelkinder ihrer Freunde.

Die Sofakiste war immer noch offen. Ich versuchte die Sitzfläche anzuheben und fand jede Menge Bettwäsche. Gehetzt riss ich sie aus dem schmalen Kasten und dann – dann sah ich es:

Eine Tüte, transparent und in der Größe von ungefähr drei Flugzeugflüssigkeitstüten, die mit dem Zip, in der man am Flughafen vor dem Check-in seine Flüssigkeitsbehälter, Kosmetika und sonstiges bis 200 Milliliter verpacken sollte. Aber das, was ich hier vor mir hatte, war kein Beutel fürs Handgepäck, auch nicht für den Koffer, den man aufgibt.

Ich starrte die Tüte an, nahm sie an mich und verschloss die Zimmertür von innen. Meine Hände zitterten, meine Knie waren weich. Ich hatte das hier noch nie in Realität gesehen, ich, Josefine Kardishi - das naive Blondchen, die anständige Juristin, die niemals auch nur an einer Zigarette gezogen hatte. Ich kannte es nur aus Filmen. Aber es bestand kein Zweifel. Der süßliche Geruch, den ich schon so oft in Jakobs Zimmer beim stundenlangen Wecken am Morgen gerochen hatte, an seinen Jogginghosen in der Waschküche und in seiner Bettwäsche. Es waren Mengen, Mengen an grünen Kugeln – Kugeln aus Cannabis. 100 Gramm? Mehr. 200 Gramm? Mehr.

Der Albtraum begann.

Kapitel 2: Hurra es brennt

16:38 Uhr, in dieser Minute kamen meine Eltern am kleinen Bahnhof unseres 5000-Einwohner Örtchens an. Und ich? Ich saß immer noch auf dem Bett meines Teenies mit einem riesigen Drogenfund in der Hand und weinte bitterlich. Meine Beine gehorchten mir nicht, als ich aufstehen wollte. Ich zitterte am ganzen Körper – und das bei 32 Grad Außentemperatur. Wir hatten den 5. Juli 2019, ein Datum, das ich nie vergessen werde.

Irgendwann, Minuten später, nahm ich wie traumatisiert den Beutel, ging die Treppe hoch zu meinem Schlafzimmer und schob ihn unter mein Bett. Ich musste jetzt funktionieren, meine Eltern waren am Bahnhof und ich noch nicht mal auf dem Weg. Eigentlich musste ich immer funktionieren, jeden Tag. Ich, die Mutter von drei Kindern, alleinerziehend, zwei Jobs (Juristin einer Werbefirma für Kinos in der Schweiz und Anwältin für Medienrecht in Deutschland). Immer hatte ich Stress, immer Schulden, und trotzdem war ein grundoptimistischer Mensch. Jedenfalls bis zu diesem Tag.

Wie in Trance nahm ich meinen Autoschlüssel, ging in unserem Haus am Berg drei Stockwerke tiefer zum Ausgang, verschloss die Haustür und setze mich in den Wagen, der in der Auffahrt stand. Immer noch liefen mir die Tränen unaufhörlich die Wange runter, ich spürte das Salz auf meiner Zunge, es schmeckte nach Verzweiflung. Ich war verzweifelt, und es war erst das zweite Mal in meinem Leben. Das erste Mal war ziemlich genau vor acht Monaten gewesen. Und ich erinnerte ich mich in diesem Moment an den vergangenen Oktober, als mein Kampf als Löwenmutter begonnen hatte …

Oktober 2018 – Rückblick

»Mein Sohn lügt nicht! Mein Sohn verkauft keine Drogen, weder am Bahnhof und schon gar nicht an der Schule!«

Immer wieder wiederholte ich die Worte in dem kleinen engen Raum des Sitzungszimmers des Direktors von Jakobs Schule. Erst gestern hatte mich die Sekretärin angerufen, um ein dringendes Gespräch gebeten. Ich saß da gerade im Auto, unterwegs in Österreich zu einem meiner Kunden. Den Anlass hatten sie mir nicht genannt. Aber dann am Abend mein Sohn. »Die behaupten, ich hätte Drogen gekauft. Mama, ich! Stell dir das mal vor! Da sind so zwei Streberinnen, die sind total ausgeschlossen und wollen mich einfach fertigmachen, weil ich neu in der Klasse bin und schon viel mehr Freunde habe als die.« Ich war geschockt, was gab es bloß für Kinder? Mein armer Junge, jetzt hatte er endlich eine Schule gefunden, zu der er regelmäßig ging, nun das.

Der Termin mit dem Direktor stand vor der Tür. Ich hatte nicht viel Zeit für die Vorbereitung gehabt, nur einen Abend konnte ich recherchieren über Schweizer Schulgesetze und Verordnungen. Eine Mappe mit ein paar Ausdrucken rechtlicher Grundlagen trug ich am nächsten Tag bei mir und war im engen Kostüm mit Jakob im Schlepptau ins Büro des Direktors gestürmt. Eine Minute zu spät – wirklich unpünktlich für Schweizer Verhältnisse. Dort erwarteten uns schon ungeduldig fünf Personen: der Direktor, der Klassenlehrer, die Schulpsychologin, der Heilpädagoge und die Sozialarbeiterin. Ich stellte mich vor, Josephine Kardishi, 45 Jahre, 3 Kinder – das Wörtchen »alleinerziehend« schenkte ich mir, vermutlich wussten Sie es ohnehin.

Die Anwesenden waren freundlich, aber distanziert und schilderten mir nach meinen paar Eingangsworten die Vorgänge, von denen Jakob mir bereits berichtet hatte, und sagten, die Beweise seien erdrückend, sie sähen sich gezwungen, den Mädchen zu glauben. Mein Sohn hätte auf dem Schulhof mit Drogen gedealt, er hätte sie verkauft und sogar damit geprahlt.

Ich war mir sicher, es musste ein riesiges Missverständnis sein. Wie konnten sie den anderen glauben, den Streberinnen, die neidisch waren auf meinen Jungen, seine vielen Freunde und seine Leichtigkeit in allen Dingen, die Schule nicht betrafen? Er war ein Aufschneider, ein Angeber. Wahrscheinlich hatten sie ihn gefragt: »Oh, verkaufst du Drogen?«, und er hatte gesagt: »Klar doch«, und sich cool dabei gefühlt.

Und jetzt das! Dieser Vorfall könnte ihm das Genick brechen, dachte ich bei mir. Jakob hatte es doch ohnehin so schwer. Ein Vater, der ihn immer missachtet hatte, weil es in der Schule nicht lief. In welcher? In keiner. Nicht auf dem Gymnasium in Deutschland, nicht auf der Bezirksschule in der Schweiz und jetzt? Jetzt war er seit Sommer auf der Sekundarschule, gerade von einem Segeltörn (Klassenlager, wie die Schweizer sagen) zurückgekommen, ging täglich in die Schule, hatte neue Freunde und war glücklich.

Aber mein Bitten und Flehen in dem Gespräch half nichts. Zwei Mitschülerinnen hatten nun mal beim Klassenlehrer angegeben, sie hätten in der Pause beobachtet, Jakob habe irgendetwas in Alufolie eingewickeltes einem Klassenkameraden gegeben. Dass er tatsächlich gedealt habe, konnte ihm nicht nachgewiesen werden, sein Rucksack und seine Jacke waren untersucht worden. Dennoch wurde er »zur Sicherheit« suspendiert – und zwar für einige Wochen.

Als er wieder in die Schule zurückdürfte, blieb das Stigma des kriminellen Drogendealers an ihm kleben. Gefahren von Cannabismissbrauch war das Thema in Bio, in der Klassenstunde das Projekt Zivilcourage – warum ich illegales Verhalten melden muss, in Deutsch Aufsätze zum Thema Missbrauch von Substanzen. Es gab kein anderes Thema mehr. Die Klasse redete nur noch über Drogen und kurze Zeit später die halbe Schule. Bella, meine Tochter, wurde irgendwann angesprochen, ob ihr Bruder der Drogendealer sei.

Als Ende Oktober 2018 und während der Zeit, als mein Sohn noch vom Unterricht suspendiert war, beim Elternabend seiner Klasse 28 (also alle) Eltern forderten, mein Sohn müsse die Schule verlassen, er sei eine Gefahr für die Allgemeinheit, brach ich abends auf den Stufen meines Hauses zusammen. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich wirklich verzweifelt gewesen war. Für mich war dieser Elternabend ein Albtraum gewesen, eine absolute Vorverteilung. Es wurde in meinem Beisein über mein Kind geredet, als wäre ich nicht dabei und als wäre er ein Verbrecher. Man sprach darüber, wie wichtig es sei, die Augen aufzuhalten, um kriminelles Verhalten aufzuspüren. Der Direktor wies darauf hin, dass man bei strafrechtlichem Verhalten doch bitte Strafanzeige bei der Jugendstaatsanwaltschaft einreichen soll. Den Eltern wurde versichert, mein Sohn müsse sich nach Suspension den jetzt von der Klasse in seiner Abwesenheit entwickelten neuen Klassenregeln unterwerfen und vor allen entschuldigen.

Es war ein Albtraum, aber ich wusste von Jakob, er wollte auf keinen Fall einen erneuten Schulwechsel, nachdem er vor eineinhalb Jahren erst von Deutschland in die Schweiz gezogen war. Deshalb musste ich für ihn kämpfen, damit er noch eine Chance bekam vom Direktor, vom Lehrerkollegium, von den Kollegen – seinen Mitschülern.

Also lud ich einen Tag nach dem Hexenprozess, wie ich den besagten Elternabend fortan nannte, alle Eltern, deren Kinder »betroffen« waren, die ihn mit vermeintlichen Drogen gesehen hatten, in die Dorfkneipe ein – gemeinsam mit ihren Kindern. Wir redeten, sprachen uns aus, ließen die Kinder zu Wort kommen. Mein Plädoyer bestand immer wieder darin zu erklären: »Das Leben ist bunt« – »Wir sind alle verschieden, und das ist doch auch gut so.« Aber das Treffen brachte nicht den gewünschten Erfolg.

Nach der Rückkehr von der Suspension war Schule für Jakob gelaufen. Die Lehrer hatten ihn vorverurteilt, und er fühlte sich beobachtet, ausgeschlossen. Immer wieder hatte er Bauchschmerzen oder Kopfweh und fehlte im Unterricht. Ich ging mindestens zweimal wöchentlich in die Schule zu Terminen mit Heilpraktikern, Lehrern, Direktor, Schulpsychologen und Sozialpädagogen. Immer stand ich hinter meinem Sohn, ich kämpfte wie eine Löwin.

Täglich versicherte er mir, es sei eine Kampagne gegen ihn. Es sei alles eine riesige Intrige. Er habe erst zwei Mal Cannabis ausprobiert, aber es sei nichts für ihn. »Mama, ich habe noch nie etwas besessen, geschweige denn verkauft. Ich bin doch nicht blöd. Die Kollegen haben nur Alufolie bei mir gesehen und das für ein Graspaket gehalten, wie albern.« Und das war es doch, dachte ich auch. Mein Sohn war 14 zu dem Zeitpunkt, 14 Jahre. Er schrieb mir regelmäßig WhatsApp-Nachrichten mit Herzchen und bot seine Hilfe in der Küche an. Er war faul und ein Minimalist in der Schule, aber NIEMALS ein Drogendealer.

Als die Sozialtherapeutin mir in einer dieser unendlichen wöchentlichen Sitzungen mitteilte, mein Sohn lüge, kippte ich den Becher mit heißem Kaffee über den Tisch und ging nicht mehr zu ihr hin.

Acht Monate lief das so weiter, mein Sohn ging kaum in die Schule und ich umso mehr. Er traf stattdessen Freunde zum Basketballspielen, Fußballspielen und Rauchen. Ich hoffte auf Tabak, aber ganz sicher war ich mir nicht, vermutlich kiffte er tatsächlich. Jedenfalls roch sein Zimmer oft ziemlich komisch, so süßlich.

Dennoch waren die Vorwürfe der Schule für mich haltlos. Mit 14 Jahren verkaufte niemand Drogen, schon gar nicht mein Sohn, selbst wenn er ab und zu konsumierte, was schlimm genug war. Ich verteidigte ihn bis aufs Blut. Das konnte ich schon immer gut, argumentieren, überzeugen. Nicht umsonst hatte ich Jura studiert. Ich hatte kein kriminelles Kind. Mein Sohn würde niemals ein Gefängnis von innen sehen, das schwor ich mir zu der Zeit. Denn meine Promotion hatte ich über Strafvollzug geschrieben, und nachdem ich dafür in zahlreichen Gefängnissen gewesen war, war Strafvollzug für mich ein absoluter Albtraum.

Während dieser »Rettet-Jakob-Phase« ruhte meine Arbeit faktisch, und seine Geschwister, acht und elf Jahre, mussten sich hintenanstellen. Wer war dieser 1,80 Meter große, 14 Jahre alte Mensch, den ich bei einer 30-stündigen Geburt mit 4,5 Kilo geboren hatte?, fragte ich mich immer wieder in dieser Zeit. Jakob war undurchsichtig, schon immer gewesen, und vor allem in den letzten Jahren. Viele seiner Motive für seine Handlungsweisen hatte ich nie begriffen. Eine der einschneidendsten Fragen war lange Zeit: Warum wollte er 2017 zum Islam konvertieren? Es war im Oktober 2017, als er mir eine SMS schrieb, er wolle aus der Kirche austreten und hätte seine Gründe. Später erläuterte er mir dann, dass er zum Islam wolle, ihm gefielen die Strukturen und strengen Regeln und die »Anführer«.

Ich hatte kein Problem damit, dass er sich für andere Religionen interessierte, und ich hatte kein Problem damit, dass er sich vom Christentum abwandte. Das hing zusammen mit meiner zwar wertebezogenen, aber immer sehr freiheitlichen Erziehung. Ich wollte in meinen Kindern kein Abbild von mir selbst sehen, sondern hatte immer zum Ziel, sie zu eigenständigen Persönlichkeiten zu erziehen, die Dinge hinterfragten. Aber jetzt fürchtete ich Schlimmes. Ich hatte nach sehr radikalen Gesprächen mit ihm über die Idee des Konvertierens sein Handy konfisziert und mir seine Apps angeschaut. Dort fand ich eine Arabisch lernen, eine App namens Brüder des Islam sowie Lernen aus dem Koran und Kinder im Islam. Über letztgenannte hatte ich gerade einen Artikel der Landesmedienanstalten gelesen. Salafisten würden hierüber versuchen, Kinder für den Dschihad zu rekrutieren. Ich bekam Angst. Angst, dass Jakob vielleicht schon jetzt islamistischen Führern mit radikalen Ideen an den Lippen hing und ich ihn an den IS verlieren würde, mein Kind in den Dschihad gehen würde.

Ich hatte ihn damals zu einem Pfarrer nach Wuppertal gebracht, der Menschen aufnahm, die aus dem Islam ausgetreten waren und dafür mit dem Tode bedroht wurden. Er hatte lange mit meinem Sohn über Hassprediger im Internet und über die Vielfalt der Religionen gesprochen. Jakob hatte damals begonnen, zumindest ein wenig kritisch über die Idee des Konvertierens nachzudenken. Gleichzeitig versuchte ich, andere Leidenschaften bei ihm wiederzuerwecken. Er hatte sich in der Vergangenheit viel mit Reptilien beschäftigt, hatte schon eine Katze und Kaninchen gehabt, da er Tiere eigentlich seit seiner Geburt über alles liebte. Für mich war Jakob ein kleiner Dr. Dolittle, der die Sprache der Tiere spricht, so gut ging er mit ihnen um. Aber ein Reptil fehlte ihm noch, dachte ich mir, und er könnte damit auf andere Gedanken kommen. So schenkte ich ihm als Geburtstagsüberraschung zweiGeburtstagsüberraschung zwei Geckos. Glücklicherweise löste sich sein Traum vom Islam und mein Albtraum vom Dschihad dank des Pfarrers und der Geckos dann Ende 2017 auf.

Dennoch blieben meine Sorgen. Ich war mir sicher, Jakob war psychisch krank. Zu lange hatte er schon diese Antriebsschwäche bei jeder Art von Veranstaltungen, vor allem beim Thema Schule, zu lange schon war ihm das Urteil seiner Kumpels wichtiger als dass von Familie und seinen Lehrern, zu wenig interessierte ihn seine Zukunft. Aber was genau war mit ihm los? War er depressiv, hatte er bipolare Störungen?

Ich schickte ihn nach der Islamgeschichte Anfang 2018 zu Psychologen und Psychiatern, und als er nicht mehr hingehen wollte, kamen sie im Frühjahr 2019 zu uns nach Hause. Aber auch das dauerte nur eine Weile. Denn dann ab Mai 2019 sagten sie, sie könnten ihn nicht einschätzen, kämen nicht an ihn ran. Der Vorwurf: Ich würde nicht mitwirken. Tatsächlich wirkte ich in manchen Dingen nicht mit. Sie stellten sich vor, dass ich Jakob immer belohnen und bestrafen sollte. »Gehst du in die Schule, machen wir einen Ausflug zum Trampolinpark, gehst du nicht, hast du drei Tage Elektroverbot.« Toll, wenn das bei einigen Kindern funktionierte. Ich war wirklich neidisch auf diese Eltern. Meine Kinder, und vor allem Jakob, waren aber viel zu stolz dafür, sich auf entsprechende Deals einzulassen. Zudem interessierten ihn keine Ausflüge, und bei Verboten zuckte er schon lange nur gleichgültig mit den Schultern.

Als die Psychiater die Therapie abbrachen, schrieb ich ca. 30 psychiatrische Kliniken an, versuchte, einen Platz für ihn zu bekommen, aber er weigerte sich. Ende Mai 2019 ging ich dann zum Jugendamt und bat dort, mein Kind in eine psychiatrische Klinik einweisen zu lassen, ich würde mir riesige Sorgen machen. Er hätte schon seit Jahren psychosomatische Beschwerden, man hätte nie die Ursache seiner Beschwerden ambulant herausfinden können. Wir wurden am 8. Juni eingeladen zu einem Termin. Jakob war aufgeregt, aber die zuständige Richterin und der Sachbearbeiter waren sehr nett zu ihm, und dann blühte er im Gespräch auf. Als man ihn bat, zu berichten, wie er die Lage sähe, spielte er mich an die Wand, so gut, wie es nie noch ein Geschäftspartner oder ein Gegner vor Gericht geschafft hatte.

Er erzählte: »Natürlich kann ich aufstehen, aber mein Handykabel war lange defekt, sodass der Handywecker mich nicht für die Schule weckte.« Und weiter: »Selbstverständlich werde ich in den Ferien mit Nachhilfelehrern den Stoff wieder nachholen. Psychosomatische Beschwerden hatte ich nie. Vor Jahren einmal Kopfschmerzen, meine Mutter bringt da etwas durcheinander.«

Im Ergebnis teilte mir die zuständige Richterin und Fallbearbeiterin Dr. Anneliese Richter mit: »Wissen Sie, dass Sie ein wunderbares Kind haben? Sie sind zu ehrgeizig, geben Sie ihm einfach Zeit, sich zu entwickeln.«

War ich tatsächlich zu ehrgeizig? Natürlich war ich bei der Einschulung davon ausgegangen, er geht jetzt 12 Jahre in die Schule und dann wird er studieren, aber schon ab der 6. Klasse träumte ich nur noch vom Fachabi, ab der 7. Klasse vom Realschulabschluss und ab der 9. hatte ich als Minimalziel, dass er sein Leben nicht im Gefängnis verbringt. Dieser Anspruch war sicher nicht zu hoch, wenn ich auch derzeit zweifelte, dass wir dieses Ziel tatsächlich erreichen könnten.

Auch die Ärzte konnten nicht helfen, sie glaubten mir nicht. Einmal brachte ich ihn zu einem Neurologen, weil er morgens so tief schlief, dass ich ihn so gut wie gar nicht wach bekam. Auch dort wiegelte Jakob ab und erklärte dem Arzt glaubhaft: »Wissen Sie, manchmal zocke ich nachts durch, und dann schlafe ich erst um 5 Uhr morgens ein, ist doch klar, dass ich dann im Tiefschlaf bin, wenn meine Mutter mich um 6 Uhr weckt. Aber das ist wirklich nur so zweimal im Monat. Ich gebe jetzt meiner Mutter nachts die Playstation und das Handy, und dann bekommen wir das wieder hin.« So seine für den Neurologen glaubhafte Erklärung.

Es war verrückt, wo immer wir hingingen, ich zog den Kürzeren. Er war schlauer als ich, musste ich feststellen. Er spielte mich an die Wand.

Und dann irgendwann begann ich mich, meine Erziehung und meine Fähigkeit, meinem Sohn zu helfen, zu hinterfragen. Die Erziehungsratgeber, von denen ich mittlerweile rund ein Dutzend hatte, rieten mir in dieser Situation, das Kind auf die eigene Hilflosigkeit anzusprechen und so eine Öffnung beim ihm zu erreichen. Ich versuchte es, und oft hatte ich das Gefühl, ich tat Jakob leid. Nur änderte er leider sein Verhalten auch nach diesen Gesprächen kein bisschen. Und dabei gab ich nie auf. Am Ende kämpfte ich von Oktober 2018 ab der Schuldispension acht Monate einen ausweglosen Kampf, und doch kam ich ihm dabei nicht ein Stück näher. Egal bei wie vielen Ärzten wir waren, egal wie oft ich versuchte, ein Gespräch, ein echtes, tiefes Gespräch mit ihm führen und mehr über ihn und sein Leben zu erfahren. Er wurde mir fremder Tag für Tag.

*

All dies ging mir durch den Kopf, als ich an diesem 5. Juli 2019 zum Bahnhof fuhr, um meine Eltern abzuholen. Dort angekommen stieg ich aus und rannte los, rannte, um meine Eltern zu empfangen, aber vor allem, um weniger diesen unendlich tiefen Schmerz in meiner Brust zu spüren. Ich spürte ihn wie nach einem Dolchstoß und taumelte wie eine Verblutende aufs Gleis. Dort standen meine Eltern brav und geduldig und warteten auf mich – dann aber starr vor Schreck, als sie mich sahen. Zerzaust und mit Pandaaugen, von schwarzer Wimperntusche verschmiert, das dünne Sommerkleid am Körper klebend, von Tränen und Schweiz durchnässt. »Josefine«, rief meine Mutter und lief aufch mich zu. »Kind, was ist passiert?«

»Mama«, rief ich verzweifelt. Wie hilflos kann man plötzlich sein mit 45 Jahren? Genau wie mit fünf Jahren, klein und Schutz suchend, Schutz vor dem Bösen. Ja, das Böse war in unser Leben getreten, und ich konnte es nicht bekämpfen, weil ich es nicht kannte. Weil ich nicht wusste, wo es herkam. Weil es sich mit der Person, die ich über alles und mehr als mein Leben liebte, verbündet hatte – mit meinem Sohn. Und wenn ich auch wenig begriff, so wusste ich doch instinktiv: Alles, aber wirklich alles, was ich in den letzten acht Monaten seit den Drogenvorwürfen in der Schule erlebt hatte, war nichts im Vergleich zu dem, was jetzt kommen würde.

Wie in Trance brachte ich meine Eltern nach Hause und versuchte unter Tränen, Schluchzen und Wortfetzen einigermaßen zu berichten, was passiert war. Meine Eltern kommentierten meine Erklärungsversuche mit »Ach Gott, Du Arme«, »das ist schrecklich« und woher nimmst Du nur die Kraft«. Und ich ahnte, wie sehr sie litten. Leidet man doch am meisten, wenn es seinen Kindern schlecht geht. Und sie waren geschockt, es fehlten ihnen die Hintergründe. Alle Probleme der letzten Jahre, vor allem Probleme rund um die Kinder, hatte ich bislang mit mir selbst ausgemacht. Nicht weil ich glaubte, die anderen könnten mich nicht verstehen, mir nicht helfen, sondern weil es mir immer wieder mein scheinbar eigenes Versagen vor Augen führte. Mein Kind war mir entglitten.

Zuhause angekommen, versuchte meine Mutter die Kleinen zu beschäftigen, und mein Vater und ich machten uns ans Wiegen. Wie viel Gewicht hatte eine 30 x 25 Zentimeter großer »Grassack« mit vielleicht 150 kleinen durchsichtigen Plastiktütchen? Ziemlich genau 400 Gramm. Das macht vier Jahre Jugendstrafvollzug, wie wir später erfuhren. Mein Vater setzte sich auf unsere Terrasse, den Gartenstuhl ausgerichtet auf die grünen Berge, auf denen die für die Schweiz typischen braunen Milchkühe weideten. Kaum saß er, fing er an zu telefonieren. Er, renommierter Journalist mit 100.000 Kontakten, rief sie alle an, die größten BTM-Anwälte – Juristen spezialisiert auf Betäubungsmittel oder auch einfach Drogen –, diverse andere Strafrechtler, Jugendvollzugsexperten, Psychiater, Juristen aus der Schweiz, aus Deutschland. Das Ergebnis war: Wenn er erwischt wurde mit dieser Menge Cannabis, erwarteten ihn vier Jahre Jugendstrafvollzug. Vermutlich wäre er in der Schweiz vorbestraft. Einzige Alternative: Alles VERBRENNEN. Einfach alles verbrennen, lückenlos die Beweise vernichten, inklusiver der Plastiktütchen. Nicht ins Klo werfen, nicht in einen Teich, Bach oder Fluss, auf keinen Fall im Müll entsorgen, nur verbrennen.

Wir legten zügig los. Ziel war, alles verbrannt zu haben, bevor Jakob wieder zuhause war. Ich holte die Kiste mit den Holzscheiten aus der Garage, die wir sonst vor allem für das Marshmellow-Grillen über dem Feuerkorb verwendeten. Meine Mutter stapelte die Holzscheite sorgfältig in den Pizzaofen und verteilte gleichmäßig Grillanzünder zwischen die Scheite. Zum Schluss nahm mein Vater die Grastütchen und warf ins zündelnde Feuer, immer 2-3 Beutelchen. Das machte er, solange die Wolke über dem Pizzaofen nicht zu intensiv wurde. Dann legten wir Pause ein.

Meine zwölfjährige Tochter Bella fragte uns, als sie uns beim Feuer auf der Terrasse sah: »Warum macht ihr den Ofen denn heute ohne Pizza an? Wir haben doch gar keinen Teig gemacht. Und es ist sowieso sauheiß hier draußen.«

Schlaues Kind, dachte ich mir und sagte: »Na ja, wegen der Gemütlichkeit.« Meine Eltern grinsten, und auch ich musste lachen.

Das Verbrennen der Drogen erledigten wir drei in einem Teamwork, das es so, vor allem zwischen meinem Vater und mir, seit Jahren, ach was, Jahrzehnten nicht gegeben hatte. Zu weit hatten wir uns voneinander entfernt, zu fremd waren wir uns geworden. Und jetzt arbeiteten wir Hand in Hand, vereint darin, Sohn und Enkelsohn zu retten. Und immer wieder schaute einer von uns in den 200 Grad heißen Ofen und stellte grinsend fest: »Hurra, es brennt!«

Kapitel 3: Spurensuche

Was folgte, war die Frage nach dem Warum und Wie und Wann und … ach, eigentlich gab es in meinem Kopf nur noch Fragezeichen. Warum verkaufte mein Sohn Cannabis? Wann hatte das angefangen? An wen verkaufte er das Gras und vom wem erhielt er das Dreckszeug überhaupt? Wie war er in die Kreise geraten, und woher kam das Geld? Und vor allem: Wie konnten wir ihn wieder auf den rechten Weg bringen?

Immer wieder sagte mein Vater während unseres Feuers, es müsste doch jemanden geben, irgendwen, der ihn beeinflussen konnte, der Eindruck auf ihn machte. »Kennst du nicht jemanden?«, bohrte er immer wieder nach.

Plötzlich kam mir jemand in den Sinn. Martin, mein geschätzter und geliebter Kollege, knapp sechzig, grau meliertes Haar, breitschultrig, 1,95 groß und immer in schwarzem Anzug, weißem Hemd und Krawatte. Der wäre die ideale Kontaktperson, der könnte Einfluss haben, dachte ich. Und ich hatte auch schon einen Plan.

Als ich ihn am nächsten Morgen, einem Samstag, anrief, erwischte ich ihn gerade auf einer Alm, typisch für die Schweizer am Wochenende. Die meisten wandern an ihren freien Tagen oder fahren Rad – dann geht es in die Berge oder an die Seen.

»Martin, bitte, du musst mir helfen«, sprudelte es aus mir raus, als ich ihn in der Leitung hatte. »Ich brauche dich.« Dann erzählte ich, was passiert war, vom Fund der riesigen Menge Cannabis und von der Aktion mit dem Pizzaofen. Ich endete die Geschichte mit der Mitteilung, dass wir Druck auf Jakob ausüben müssten. »Martin, ich hätte einen ganz besonderen Job für dich. Ich brauche dich als Kripobeamten«, teilte ich ihm mit.

»Als was, bitteschön?«

»Als Kripobeamten. Könntest du heute vorbeikommen und mitteilen, dass du das Gras gefunden und mitgenommen hast und auf eine Anzeige nur dann verzichtest, wenn Jakob entweder sofort nach Deutschland zieht« – (ich wusste, dass er das auf keinen Fall wollte) – »oder aber in eine Entzugsklinik geht?«

Martin war ein wenig überrumpelt, zeigte aber Verständnis und fand die Idee gar nicht so schlecht. Schließlich hatte er selbst vier Kinder, drei davon waren Jungs. Seine Frau war mit einem jugendlichen Tennislehrer durchgebrannt und in die Staaten ausgewandert. Martin kannte also das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen und sagte zu, er würde mich unterstützen. Zwar nicht heute, aber am nächsten Morgen gegen sieben Uhr, bevor er mit seinen Kindern den wöchentlichen Sonntagsbrunch abhielt.

Kurz nach dem Telefonat mit Martin kam Jakob nach Hause. Ich berichtete ihm möglichst sachlich, dass hier gerade eine Hausdurchsuchung stattgefunden habe, irgendwer habe ihn wohl verpfiffen. Es sei ein ganzer Sack Cannabis sichergestellt worden, die Ermittler hätten ihn mitgenommen, und morgen käme ein Beamter zum Verhör.

»Ja, und? Das Zeug war nicht von mir, mach mal nicht so ’n Stress. Ich hab alles unter Kontrolle«, war seine lapidare Reaktion. Auch ein ernsthaftes Gespräch mit dem Großvater schien wenig Reaktionen in ihm hervorzurufen. »Jakob, in welche Situation bringst dDu hier dDich und deine Familie? Was tust dDu dDeiner Mutter an?«, so die Reaktion meines Vaters.

Aber Jakob tat – jedenfalls nach außen – cool. »Lasst mich einfach alle in Ruhe«, brummte er vor sich hin.

Als Martin im schwarzen Anzug am nächsten Morgen in der Tür stand, war Jakob aber dann doch klein mit Hut. Trotz der frühen Stunde hatte er sich ein Hemd, Jeans und schwarze Socken angezogen. Ich hatte fast den Eindruck, er habe sogar seine Schuhe geputzt. Die beiden gingen auf die Terrasse und redeten, redeten lange – bestimmt 30 bis 40 Minuten. Durch das Fenster sah ich, dass Jakob immer wieder nickte und mein Kollege seine ernste Miene durchhielt. Irgendwann rief Martin meinen Vater hinzu und dann sprachen sie zu dritt. Sie mahnten und warnten. Eindringlich machte Martin Jakob klar, er käme nur wegen der Bekanntschaft mit meinem Vater um strafrechtliche Maßnahmen herum, und das auch nur, wenn er sofort in ein Spital ginge, um einen Entzug zu machen.

Ich war erleichtert und den Männern dankbar, unendlich dankbar. Hatte Jakob schon keinen richtigen Vater, so fand ich, durchsetzungsstarke Männer in seinem Umfeld wären gut für ihn. Er brauchte Vorbilder. Und ich als Frau konnte das nicht in allen Dingen sein. Wenn es vielleicht für ihn männlich war, Drogen zu konsumieren und zu verkaufen, so hatte ihm dieses Gespräch hoffentlich gezeigt, dass der »Beruf« Drogendealer keine Akzeptanz in der Gesellschaft findet.

Nun hoffte ich, dass Jakob sein Versprechen hielt und in die Klinik zu einer Entzugstherapie ging. Aber es klappte nicht. Gemeinsam mit meinen Eltern, seinen Cousins oder mit mir suchte er diverse Suchtkliniken auf, oftmals spezialisiert auf Cannabis. Aber alle wiesen ihn ab. Die Gründe: zu jung oder nicht wirklich süchtig. Was Jakob mache, fiele noch unter »normalen Konsum«. Nicht wirklich süchtig war sicherlich falsch. Vielleicht war er nicht körperlich abhängig, sicherlich aber psychisch.

Kurz nach dem Besuch der Großeltern hatte mich mein Neffe angerufen und berichtet, dass Jakob damit prahle, meist erst morgens gegen 5 Uhr nach Hause zu kommen. Er sei häufig nachts unterwegs, kaufe und verkaufe Cannabis. Jakob hätte es ihm stolz berichtet. Seit geraumer Zeit stellte ich mir deshalb den Wecker zweimal in der Nacht auf 2 und auf 4 Uhr morgens, denn irgendwann hatte ich festgestellt: Jakob sagte mir zwar immer brav hum halb elf „Gute Nacht“, aber danach verschwand er.