Schloß Gripsholm - Kurt Tucholsky - E-Book + Hörbuch

Schloß Gripsholm E-Book und Hörbuch

Kurt Tucholsky

0,0

Der Titel, der als Synchrobook® erhältlich ist, ermöglicht es Ihnen, jederzeit zwischen den Formaten E-Book und Hörbuch zu wechseln.
Beschreibung

Kurt Tucholskys 'Schloß Gripsholm' ist eine charmante Liebesgeschichte, die in der literarischen Welt der 1930er Jahre spielt. Der Roman erzählt die Geschichte eines jungen Paares, Lydia und Peter, die einen idyllischen Sommerurlaub im Schloß Gripsholm in Schweden verbringen. Tucholskys Schreibstil ist geprägt von humorvollen Dialogen, poetischen Beschreibungen und tiefsinnigen Gedanken über die Liebe und das Leben. Das Buch fängt die Atmosphäre der Zwischenkriegszeit in Deutschland ein und reflektiert die Sehnsucht nach Freiheit und Glück in einer Zeit politischer Unsicherheit und gesellschaftlicher Umbrüche. Kurt Tucholsky, ein bekannter deutscher Schriftsteller und Satiriker, war selbst ein kritischer Beobachter der politischen Ereignisse seiner Zeit und verarbeitete seine Ansichten und Emotionen in seinen literarischen Werken. 'Schloß Gripsholm' ist ein fesselnder Roman, der den Leser mit seiner feinen Beobachtungsgabe und seiner poetischen Sprache begeistern wird. Eine empfohlene Lektüre für Liebhaber der deutschen Literaturgeschichte und Romantik. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 219

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das Hörbuch können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Zeit:4 Std. 48 min

Veröffentlichungsjahr: 2017

Sprecher:Uwe Friedrichsen

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Kurt Tucholsky

Schloß Gripsholm

Bereicherte Ausgabe. Eine Liebesgeschichte von Kaspar Hauser (Erotisches Abenteuer)
Einführung, Studien und Kommentare von Isabella Heinrich

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017
ISBN 978-80-272-1045-9

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Schloß Gripsholm
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen Leichtigkeit des Sommers und dem Schatten der Zeit entfaltet sich ein leises Ringen um Nähe, Freiheit und Verantwortung. Kurt Tucholskys Schloß Gripsholm, eine der prägenden Sommergeschichten der deutschsprachigen Literatur, verbindet Urlaubsidylle mit wacher Humanität. Die Erzählung lädt in eine scheinbar einfache Welt aus Gesprächen, Spaziergängen und kleinen Routinen; doch unter der gelösten Oberfläche liegt ein sensibles Sensorium für die Spannungen der Epoche. Das Buch zeigt, wie Zärtlichkeit und Humor zu Formen der Aufmerksamkeit werden. So entsteht eine Sommerlektüre, die nicht bloß flüchtiges Vergnügen verspricht, sondern ein leises, anhaltendes Nachdenken über das gelingende Leben.

Schloß Gripsholm erschien 1931, in den späten Jahren der Weimarer Republik. Das Buch trägt den Untertitel Eine Sommergeschichte und lässt sich als kurze Erzählung oder kleiner Roman lesen. Der Schauplatz liegt in Schweden, in der Umgebung des Schlosses Gripsholm, dessen stiller Glanz und die weite Landschaft den Ton prägen. Ausflüge, Blicke über den See, Gespräche in Gasthäusern und Gartenstühlen bilden die Kulisse, vor der sich die Figuren entfalten. Der historische Kontext ist spürbar, ohne je vordergründig zu dominieren: Gegenwartserfahrung fließt in die Leichtigkeit des Genres ein und verleiht der Feriengeschichte subtile Tiefenschärfe.

Im Mittelpunkt steht ein Erzähler, der mit seiner Gefährtin eine Auszeit nimmt und im Sommerquartier nahe dem Schloss zur Ruhe kommen will. Die Tage füllen sich mit Lesen, Baden, spöttischen Einfällen und zärtlichen Gesten; gelegentlich stößt ein Freund hinzu, Gespräche schweifen, Erinnerungen blitzen auf. Viel Handlung im konventionellen Sinn gibt es zunächst nicht: Die Erzählung vertraut auf Augenblicke, die sich aneinanderfügen wie helle Perlen eines ruhigen Tages. Das erzeugt ein Tempo der Gelassenheit, das Leserinnen und Leser unmittelbar in die Ferienatmosphäre versetzt, ohne die Realität draußen zu vergessen, und hält vieles behutsam in der Schwebe.

Das Leseerlebnis wird von einer Stimme getragen, die sanfte Ironie mit Wärme verbindet. Tucholskys Prosa ist leichtfüßig, dialognah und zugleich präzise beobachtend; sie setzt auf Pointen, aber nie um ihrer selbst willen. Der Erzähler wendet sich mit lässiger Höflichkeit an sein Publikum, wechselt mühelos zwischen scherzhaftem Ton und stiller Ernsthaftigkeit und gestaltet Sätze, die rhythmisch wie Atemzüge wirken. Dabei bleibt die Sprache zugänglich und hörbar, als sei sie fürs Ohr mitkomponiert. Unter der Heiterkeit liegt eine feine Melancholie, die nichts beschwert, sondern die Wahrnehmung schärft: für Menschen, Gesten, Landschaftslicht, und die Zeit, die vergeht.

Zentrale Themen sind Liebe und Freundschaft als Formen gelebter Freiheit, die Kunst des Gesprächs und die Verantwortung der Zärtlichkeit. Das Buch interessiert sich für die Ethik des Alltags: Wie sprechen wir miteinander, wie hören wir einander zu, wie schützen wir das Verletzliche? Ebenso verhandelt es Selbstbestimmung gegenüber Rollenbildern, den taktvollen Umgang mit Nähe und Distanz und eine leise Skepsis gegenüber autoritären Haltungen. Nicht in Thesen, sondern im gelebten Detail zeigt die Erzählung, wie Mitgefühl, Humor und sprachliche Genauigkeit Halt geben können. So wird Privates zum Resonanzraum für gesellschaftliche Fragen. Das erweitert den Blick und öffnet Horizonte des Miteinanders.

Für heutige Leserinnen und Leser bleibt Schloß Gripsholm relevant, weil es den Wert der Aufmerksamkeit vorführt: für Sprache, für Körperlichkeit, für die kleine Szene, die mehr erzählt als große Reden. In einer lauten Gegenwart wirkt sein Ton der Gelassenheit wie ein Gegenmodell zu Hast und Überreizung. Zugleich erinnert die Erzählung daran, die Freiheit des Einzelnen gegen subtile Formen von Härte zu verteidigen, ohne den Humor zu verlieren. Die Leichtigkeit ist hier keine Flucht, sondern eine Haltung, die Empathie ermöglicht und Widerstandskraft schafft. So zeigt das Buch, wie Zärtlichkeit zur zivilen Tugend werden kann.

Wer Schloß Gripsholm aufschlägt, begibt sich in einen Sommer, der die Sinne klärt und das Denken öffnet. Die Erzählung bietet heitere Bilder, entspannte Dialoge und einen unaufdringlichen Ernst, der lange nachklingt. Sie lädt dazu ein, die Aufmerksamkeit zu üben: für Worte, Blicke, Schweigen, und für die feinen Grenzlinien zwischen Unbeschwertheit und Verpflichtung. Damit wird die Lektüre zu einem stillen, anregenden Vergnügen, das zeitlos bleibt. Man legt das Buch nicht beiseite, weil alles gesagt wäre, sondern weil die Welt draußen neu zu lesen ist: aufmerksamer, freundlicher, und mit einem Sinn für das Wesentliche.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Schloß Gripsholm von Kurt Tucholsky, 1931 erstmals veröffentlicht, ist eine Sommergeschichte, die mit einem leichten Ton anhebt und auf eine Ferienreise in die schwedische Landschaft führt. Ein Ich-Erzähler und seine Freundin ziehen sich für einige Wochen in die Nähe des Schlosses Gripsholm zurück. Der Roman setzt auf Nähe und Gegenwart: Ankunft, Einrichten, der Rhythmus eines müßigen Tages. Tucholsky nutzt die Ausgangslage, um eine sanft ironische, bisweilen zärtliche Beobachtung der Liebe, des Reisens und der Selbstinszenierung anzulegen. Die Handlung entfaltet sich episodisch, doch folgt einer klaren Bewegung vom unbeschwerten Beginn zu ernsteren Untertönen.

Zunächst dominiert die Ferienidylle. Spaziergänge am Wasser, Ausflüge zum Schlossmuseum, kleine Mahlzeiten in Gasthäusern und sorgsam komponierte Trägheit geben den Takt vor. Das Paar erprobt ein privates Vokabular von Neckereien und weichen Gesten; der Erzähler streut Sprachspielereien und satirische Miniaturen ein. Touristische Routinen werden liebevoll, aber distanziert betrachtet. Das Geschehen bleibt nah an den Körpern, Stimmen und Blicken der Figuren, ohne große dramatische Ausschläge. So etabliert der Text eine heitere Oberfläche und setzt die Erwartung einer leichten Ferienkomödie, die von Momentaufnahmen, Dialogrhythmus und ziselierten Stimmungsbildern getragen wird.

Nach und nach erweitert sich der sommerliche Mikrokosmos. Bekannte stoßen hinzu, Tagespläne verschieben sich, und die Gespräche werden lebhafter. Die Episoden entfalten eine leichte Komik: kleine Missverständnisse, improvisierte Unternehmungen, Reibungen zwischen unterschiedlichen Temperamenten. Tucholsky inszeniert diese Szenen als rasche Wechsel zwischen Beobachtung und Selbstkommentar. Die gemeinsame Zeit erscheint als Gegenentwurf zur durchrationalisierten Arbeitswelt, ein Spielraum, in dem Rollen ausprobiert und Grenzen weichgezeichnet werden. Gleichzeitig deutet die Erzählweise an, dass die heitere Blase nicht völlig abgeschlossen ist: Draußen existieren Normen und Autoritäten, die im Urlaub nur vorübergehend suspendiert sind.

Parallel zu den sommerlichen Bildern treten Reflexionssplitter auf, die die Idyllen beleuchten und brechen. Der Erzähler kommentiert gesellschaftliche Alltagsgesten, Anstandsregeln und sprachliche Floskeln mit feiner Polemik. Darin liegt mehr als Reiselaune: ein Skeptizismus gegenüber Autoritätsgläubigkeit, Nationalposen und Bildungsdünkel. Der Ton bleibt federnd, doch die Beobachtungen prägen ein Bewusstsein für die brüchige Gegenwart. So verschiebt sich die Erzählbewegung: Aus bloßer Sommerleichtfertigkeit wird ein spielerisches Innehalten, das den Blick für Härten schärft, ohne den Zauber des Ortes preiszugeben. Die Ferientage tragen fortan ein kaum merkliches, aber zunehmendes Gewicht.

Ein einschneidender Wendepunkt entsteht, als die Gruppe auf ein nahegelegenes Kinderheim aufmerksam wird. Hinter der gepflegten Fassade herrscht strikte Disziplin; ein Mädchen wirkt verängstigt und verstummt, Anzeichen eines entwürdigenden Umgangs werden spürbar. Die zufällige Begegnung zwingt die Feriengesellschaft aus der Zuschauerrolle. Aus flüchtiger Anteilnahme wird ein moralischer Prüfstein: Dürfen sie sich einmischen, und wie ließe sich helfen, ohne das Kind weiter zu gefährden? Die sommerliche Unbeschwertheit kollidiert mit Institution und Machtgefälle. Die zuvor verspielte Erzählung nimmt einen konzentrierteren, ernsthaften Zug an.

Die Figuren tasten sich an eine Handlungsmöglichkeit heran: Informationen sammeln, Verbündete suchen, vorsichtig Grenzen austesten. Gespräche wechseln zwischen Empörung und pragmatischer Skepsis; die private Glückssphäre erscheint plötzlich prekär. Tucholsky verdichtet die Episoden zu einer Frage nach Verantwortung: Was schuldet der Einzelne dem unbekannten Anderen, wenn Nähe, Zeit und Mittel begrenzt sind? Der Text hält die Spannung, ohne sie sensationsheischend zuzuspitzen. Die Erzählung balanciert zwischen Zuwendung und Zurückhaltung, zwischen Wagnis und Vorsicht, und lässt die Konsequenzen der Entscheidung bewusst in der Schwebe.

Am Ende bleibt eine doppelte Wirkung: Die Sommergeschichte bewahrt ihre Zärtlichkeit, ihr Spiel mit Sprache und Leichtigkeit, doch sie trägt nun das Wissen um Verletzbarkeit. Schloß Gripsholm zeigt, wie private Liebe und gesellschaftliche Verantwortung einander berühren. Die übergeordnete Aussage zielt auf Humanität im Kleinen: Wärme, Aufmerksamkeit, Widerständigkeit gegen Herabwürdigung. Tucholskys Mischung aus heiterem Ton und ernster Grundierung macht das Werk zu einer Momentaufnahme der späten Weimarer Jahre, die nicht durch Auflösung, sondern durch Haltung wirkt. Gerade die Zurückhaltung gegenüber endgültigen Antworten sichert der Geschichte ihre anhaltende Resonanz.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Schloß Gripsholm erschien 1931 in der späten Weimarer Republik und spielt in Schweden, am Mälarsee nahe Mariefred, wo das Renaissance-Schloss Gripsholm steht. Veröffentlicht wurde das Buch im Berliner Rowohlt Verlag, der zahlreiche Autoren der Moderne förderte. Geprägt war das Umfeld von lebendigen Presseorganen wie der Weltbühne und großen Tageszeitungen, von denen viele das kulturelle Klima Berlins bestimmten. Zugleich wirkten in Schweden monarchische Traditionen und eine ausgeprägte Museumskultur; im Schloss Gripsholm befindet sich seit dem 19. Jahrhundert eine Porträtgalerie. Die Literatur jener Jahre bewegte sich zwischen satirischer Publizistik, Neuer Sachlichkeit und einer wachsenden Massenkultur aus Kabarett, Kino und Illustrierten.

Kurt Tucholsky war ein deutscher Publizist und Satiriker, der unter mehreren Pseudonymen – darunter Peter Panter, Ignaz Wrobel, Theobald Tiger und Kaspar Hauser – schrieb. Er arbeitete für die Weltbühne sowie für große Blätter des Berliner Feuilletons. Seit den späten 1920er Jahren hielt er sich längere Zeit in Schweden auf. Schloß Gripsholm knüpft bewusst an sein frühes Erfolgsbuch Rheinsberg (1912) an, indem es eine „Sommergeschichte“ in leichtem Ton erzählt. Dabei verbindet Tucholsky erzählerische Mittel mit journalistischer Beobachtung, präzisem Dialog und pointierter Satire. Die formale Unangestrengtheit verortet das Buch in der Weimarer Moderne, ohne auf politische Aufmerksamkeit zu verzichten.

Die Handlung nutzt Freizeit- und Reisekultur, die im Weimarer Großstadtmilieu an Bedeutung gewann: Wochenenden auf dem Land, Sommerfrischen, bezahlbare Bahnreisen und ein entspanntes Miteinander jenseits konventioneller Etikette. Zeitgenössische Debatten über Emanzipation und neue Rollenbilder von Frauen spiegeln sich in der partnerschaftlichen, humorvollen Interaktion der Figuren. Stilistisch nähert sich Tucholsky der Neuen Sachlichkeit: nüchterne Beschreibungen, dialogische Struktur, schnelles Wechseln der Szenen und prägnante Pointen. Der Ton bleibt heiter, doch er registriert genau soziale Milieus, Sprachformen und Gesten. So entsteht ein zeittypisches Panorama der Alltagskultur, das die privatisierte Moderne mit ihrer Mischung aus Nähe und Distanz sichtbar macht.

Das Erscheinungsjahr 1931 fällt in eine Phase rasanter Radikalisierung: Nach dem Börsenkrach 1929 stiegen in Deutschland Arbeitslosigkeit und politische Gewalt; extremistische Parteien gewannen an Stimmen. Tucholsky profilierte sich in diesen Jahren als scharfer Kritiker von Militarismus und Obrigkeitsstaat. Sein Satz „Soldaten sind Mörder“ (1931, in der Weltbühne) löste juristische Auseinandersetzungen aus. Parallel dazu wurde im sogenannten Weltbühne-Prozess 1931 Carl von Ossietzky wegen Verrats verurteilt. Vor diesem Hintergrund wirkt die sanft ironische Sommergeschichte wie ein bewusst gesetztes Gegenbild: Sie eröffnet einen Raum der Zivilität und sprachlichen Feinheit, während außerhalb eine demokratische Ordnung erodiert.

Inmitten der leichten Tonlage erscheint eine Nebenhandlung, die pädagogische Gewalt und institutionelle Willkür problematisiert: Ein Kinderheim mit rigiden Methoden wird zum Prüfstein zivilen Mitgefühls. Der Befund knüpft an damalige Debatten über Reformpädagogik, Fürsorgeerziehung und den Umgang mit Minderjährigen an, die in Deutschland wie international geführt wurden. Körperliche Züchtigung, autoritäre Aufsicht und normierende Erziehung wurden öffentlich diskutiert; zugleich warben Reformschulen für Freiheit, Verantwortung und Anschaulichkeit. Tucholskys Text spiegelt diese Auseinandersetzung, indem er empathisch auf die Perspektive der Betroffenen verweist, ohne das Idyll gänzlich aufzugeben. Ein Mindestmaß an Spoiler: Der Konflikt bleibt erzählerisch deutlich markiert.

Der schwedische Schauplatz trägt eigene historische Konturen. Per Albin Hansson prägte 1928 das Leitbild des „Folkhemmet“; ab 1932 regierten die Sozialdemokraten mit sozialstaatlicher Agenda. Schweden war zugleich von Neutralitätstraditionen und einer gut ausgebauten Vereins- und Bildungskultur geprägt. Gripsholm selbst ist ein königliches Schloss mit einer seit 1822 bestehenden Porträtgalerie des Nationalmuseums; die Anlage wurde im 16. Jahrhundert erneuert und ist touristisch erschlossen. Diese Mischung aus historischer Gedächtnislandschaft und moderner Zugänglichkeit formt den Hintergrund der Erzählung. Sie erlaubt, deutsche Gegenwartsfragen in relativer Ruhe zu spiegeln, ohne auf konkrete tagespolitische Details festgelegt zu sein.

Das Buch erschien 1931 bei Rowohlt in Berlin und fand ein breites Lesepublikum; es wurde häufig neben Rheinsberg als leichtfüßige, doch bewusste Prosa Tucholskys gelesen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden seine Werke in Deutschland verboten und am 10. Mai 1933 öffentlich verbrannt. Tucholsky verlor 1933 die deutsche Staatsangehörigkeit und lebte weiterhin in Schweden. Schloß Gripsholm blieb außerhalb des Reiches verfügbar und zirkulierte in Exilverlagen und Bibliotheken. Die neue politische Lage veränderte die Lektüre: Was zuvor Spiel und Sommer war, erschien nun vielen als bewahrter Ton der Freiheit, den die Diktatur aus dem Alltag tilgte.

Als Zeitdokument kommentiert Schloß Gripsholm seine Epoche, indem es den Wert von Freundschaft, Zärtlichkeit und sprachlicher Höflichkeit gegen Lärm, Brutalität und Amtshärte setzt. Die Erzählung zeigt, wie private Lebensformen – Reisen, Gespräch, Humor – zu kulturellen Gegenkräften werden können, ohne den Ernst der politischen Lage zu leugnen. In seiner Verbindung von Satire und Idyll markiert das Buch einen charakteristischen Ton der Weimarer Literatur. Es bewahrt eine Haltung liberaler Skepsis, die nach 1933 verfolgt wurde. Damit ist das Werk weniger Flucht als Kommentar: ein leises Plädoyer für Zivilität, das aus genauer Zeitbeobachtung spricht.

Schloß Gripsholm

Hauptinhaltsverzeichnis
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel

Erstes Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Ernst Rowohlt Verlag[1] Berlin W 50 Passauer Straße 8/9

8. Juni

Lieber Herr Tucholsky,

schönen Dank für Ihren Brief vom 2. Juni. Wir haben Ihren Wunsch notiert. Für heute etwas andres.

Wie Sie wissen, habe ich in der letzten Zeit allerhand politische Bücher verlegt, mit denen Sie sich ja hinlänglich beschäftigt haben. Nun möchte ich doch aber wieder einmal die »schöne Literatur« pflegen. Haben Sie gar nichts? Wie wäre es denn mit einer kleinen Liebesgeschichte? Überlegen Sie sich das mal! Das Buch soll nicht teuer werden, und ich drucke Ihnen für den Anfang zehntausend Stück. Die befreundeten Sortimenter sagen mir jedesmal auf meinen Reisen, wie gern die Leute so etwas lesen. Wie ist es damit?

Sie haben bei uns noch 46 RM[2] gut – wohin sollen wir Ihnen die überweisen?

Mit den besten Grüßen Ihr (Riesenschnörkel) Ernst Rowohlt

10. Juni

Lieber Herr Rowohlt,

Dank für Ihren Brief vom 8. 6.

Ja, eine Liebesgeschichte ... lieber Meister, wie denken Sie sich das? In der heutigen Zeit Liebe? Lieben Sie? Wer liebt denn heute noch? Dann schon lieber eine kleine Sommergeschichte.

Die Sache jst nicht leicht. Sie wissen, wie sehr es mir widerstrebt, die Öffentlichkeit mit meinem persönlichen Kram zu behelligen – das fällt also fort. Außerdem betrüge ich jede Frau mit meiner Schreibmaschine und erlebe daher nichts Romantisches. Und soll ich mir die Geschichte vielleicht ausdenken? Phantasie haben doch nur die Geschäftsleute, wenn sie nicht zahlen können. Dann fällt ihnen viel ein. Unsereinem...

Schreibe ich den Leuten nicht ihren Wunschtraum (»Die Gräfin raffte ihre Silber-Robe, würdigte den Grafen keines Blickes und fiel die Schloßtreppe hinunter«), dann bleibt nur noch das Propplem über die Ehe als Zimmer-Gymnastik, die »menschliche Einstellung« und all das Zeug, das wir nicht mögen. Woher nehmen und nicht bei Villon stehlen?

Da wir grade von Lyrik sprechen:

Wie kommt es, daß Sie in § 9 unseres Verlagsvertrages 15 % honorarfreie Exemplare berechnen. Soviel Rezensionsexemplare schicken Sie doch niemals in die Welt hinaus! So jagen Sie den sauren Schweiß Ihrer Autoren durch die Gurgel – kein Wunder, daß Sie auf Samt saufen, während unsereiner auf harten Bänken dünnes Bier schluckt. Aber so ist alles.

Daß Sie mir gut sind, wußte ich. Daß Sie mir für 46 RM gut sind, erfreut mein Herz. Bitte wie gewöhnlich an die alte Adresse. Übrigens fahre ich nächste Woche in Urlaub.

Mit vielen schönen Grüßen Ihr Tucholsky

Ernst Rowohlt Verlag Berlin W 50 Passauer Straße 8/9

12. Juni

Lieber Herr Tucholsky,

vielen Dank für Ihren Brief vom 10. d. M.

Die 15 % honorarfreien Exemplare sind – also das können Sie mir wirklich glauben – meine einzige Verdienstmöglichkeit. Lieber Herr Tucholsky, wenn Sie unsere Bilanz sähen, dann wüßten Sie, daß es ein armer Verleger gar nicht leicht hat. Ohne die 15 % könnte ich überhaupt nicht existieren und würde glatt verhungern. Das werden Sie doch nicht wollen.

Die Sommergeschichte sollten Sie sich durch den Kopf gehen lassen.

Die Leute wollen neben der Politik und dem Aktuellen etwas haben, was sie ihrer Freundin schenken können. Sie glauben gar nicht, wie das fehlt. Ich denke an eine kleine Geschichte, nicht zu umfangreich, etwa 15-16 Bogen, zart im Gefühl, kartoniert, leicht ironisch und mit einem bunten Umschlag. Der Inhalt kann so frei sein, wie Sie wollen.

Ich würde Ihnen vielleicht insofern entgegenkommen, daß ich die honorarfreien Exemplare auf 14 % heruntersetze. Wie gefällt Ihnen unser neuer Verlagskatalog? Ich wünsche Ihnen einen vergnügten Urlaub und bin mit vielen Grüßen

Ihr (Riesenschnörkel) Ernst Rowohlt

15. Juni

Lieber Meister Rowohlt,

auf dem neuen Verlagskatalog hat Sie Gulbransson ganz richtig gezeichnet: still sinnend an des Baches Rand sitzen Sie da und angeln die fetten Fische. Der Köder mit 14 % honorarfreier Exemplare ist nicht fett genug – 12 sind auch ganz schön. Denken Sie mal ein bißchen darüber nach und geben Sie Ihrem harten Verlegerherzen einen Stoß. Bei 14 % fällt mir bestimmt nichts ein – ich dichte erst ab 12 %.

Ich schreibe diesen Brief schon mit einem Fuß in der Bahn. In einer Stunde fahre ich ab – nach Schweden. Ich will in diesem Urlaub überhaupt nicht arbeiten, sondern ich möchte in die Bäume gucken und mich mal richtig ausruhn.

Wenn ich zurückkomme, wollen wir den Fall noch einmal bebrüten. Nun aber schwenke ich meinen Hut, grüße Sie recht herzlich und wünsche Ihnen einen guten Sommer! Und vergessen Sie nicht: 12 %!

Mit vielen schönen Grüßen Ihr getreuer Tucholsky

Unterschrieben – zugeklebt – frankiert – es war genau acht Uhr zehn Minuten. Um neun Uhr zwanzig ging der Zug von Berlin nach Kopenhagen. Und nun wollten wir ja wohl die Prinzessin abholen[1q].

2

Sie hatte eine Altstimme und hieß Lydia.

Karlchen und Jakopp aber nannten jede Frau, mit der einer von uns dreien zu tun hatte, »die Prinzessin«, um den betreffenden Prinzgemahl zu ehren – und dies war nun also die Prinzessin; aber keine andre durfte je mehr so genannt werden.

Sie war keine Prinzessin[2q].

Sie war etwas, was alle Schattierungen umfaßt, die nur möglich sind: sie war Sekretärin. Sie war Sekretärin bei einem unförmig dicken Patron; ich hatte ihn einmal gesehn und fand ihn scheußlich, und zwischen ihm und Lydia... nein! Das kommt beinah nur in Romanen vor. Zwischen ihm und Lydia bestand jenes merkwürdige Verhältnis von Zuneigung, nervöser Duldung und Vertrauen auf der einen Seite und Zuneigung, Abneigung und duldender Nervosität auf der andern: sie war seine Sekretärin. Der Mann führte den Titel eines Generalkonsul[4]s und handelte ansonsten mit Seifen. Immer lagen da Pakete im Büro herum, und so hatte der Dicke wenigstens eine Ausrede, wenn seine Hände fettig waren.

Der Generalkonsul hatte ihr in einer Anwandlung fürstlicher Freigebigkeit fünf Wochen Urlaub gewährt; er fuhr nach Abbazia[5]. Gestern abend war er abgefahren – werde ihm der Schlafwagen leicht! Im Büro saßen sein Schwager und für Lydia eine Stellvertreterin. Was gingen mich denn seine Seifen an – Lydia ging mich an.

Da stand sie schon mit den Koffern vor ihrem Haus – »Hallo!«

»Du bischa all do?« sagte die Prinzessin – zur grenzenlosen Verwunderung des Taxichauffeurs, der dieses für Ostchinesisch hielt. Es war aber Missingsch[3].

Missingsch ist das, was herauskommt, wenn ein Plattdeutscher Hochdeutsch sprechen will[3q]. Er krabbelt auf der glatt gebohnerten Treppe der deutschen Grammatik empor und rutscht alle Nase lang wieder in sein geliebtes Platt zurück. Lydia stammte aus Rostock, und sie beherrschte dieses Idiom in der Vollendung. Es ist kein bäurisches Platt – es ist viel feiner. Das Hochdeutsch darin nimmt sich aus wie Hohn und Karikatur; es ist, wie wenn ein Bauer in Frack und Zylinder aufs Feld ginge und so ackerte. Der Zylinder ischa en finen statschen Haut, över wen dor nich mit grot worn is, denn rutscht hei ümmer werrer aff, dat deit he... Und dann ist da im Platt der ganze Humor dieser Norddeutschen; ihr gutmütiger Spott, wenn es einer gar zu toll treibt, ihr fest zupackender Spaß, wenn sie falschen Glanz wittern, und sie wittern ihn, unfehlbar ... diese Sprache konnte Lydia bei Gelegenheit sprechen. Hier war eine Gelegenheit.

»Kann mir gahnich gienug wunnern, dasse den Zeit nich verschlafen hass!« sagte sie und ging mit festen, ruhigen Bewegungen daran, mir und dem Chauffeur zu helfen.

Wir packten auf. »Hier, nimm den Dackel!« – Der Dackel war eine fette, bis zur Albernheit lang gezogene Handtasche.

Und so pünktlich war sie! Auf ihren Nasenflügeln lag ein Hauch von Puder.

Wir fuhren.

»Frau Kremser hat gesagt«, begann Lydia, »ich soll mir meinen Pelz mitnehmen und viele warme Mäntel – denn in Schweden gibt es überhaupt keinen Sommer, hat Frau Kremser gesagt. Da war immer Winter. Ische woll nich möchlich!« Frau Kremser war die Haushälterin der Prinzessin, Stubenmädchen, Reinmachefrau und Großsiegelbewahrerin. Gegen mich hatte sie noch immer, nach so langer Zeit, ein leise schnüffelndes Mißtrauen – die Frau hatte einen guten Instinkt. »Sag mal... ist es wirklich so kalt da oben?«

»Es ist doch merkwürdig«, sagte ich. »Wenn die Leute in Deutschland an Schweden denken, dann denken sie: Schwedenpunsch, furchtbar kalt, Ivar Kreuger, Zündhölzer, furchtbar kalt, blonde Frauen und furchtbar kalt. So kalt ist es gar nicht.« – »Also wie kalt ist es denn?« – »Alle Frauen sind pedantisch«, sagte ich. – »Außer dir!« sagte Lydia. – »Ich bin keine Frau.« – »Aber pedantisch!« – »Erlaube mal«, sagte ich, »hier liegt ein logischer Fehler vor. Es ist genauestens zu unterscheiden, ob pro primo...« – »Gib mal'n Kuß auf Lydia!« sagte die Dame. Ich tat es, und der Chauffeur nuckelte leicht mit dem Kopf, denn seine Scheibe vorn spiegelte.

Und dann hielt das Auto da, wo alle bessern Geschichten anfangen: am Bahnhof.

3

Es ergab sich, daß der Gepäckträger Nr. 47 aus Warnemünde stammte, und der Freude und des Geredes war kein Ende, bis ich diese landsmännische Idylle, der Zeit wegen, unterbrach. »Fährt der Gepäckträger mit? Dann könnt ihr euch ja vielleicht im Zug weiter unterhalten.« – »Olln Döskopp! Heww di man nich so!« sagte die Prinzessin. Und: »Wi hemm noch bannig Tid!« der Gepäckträger. Da schwieg ich überstimmt, und die beiden begannen ein emsiges Palaver darüber, ob Korl Düsig noch am »Strom« wohnte – wissen Sie: Düsig – näää ... de Olsch! So, Gott sei Dank, er wohnte noch da! Und hatte wiederum ein Kind hergestellt: der Mann war achtundsiebzig Jahre und wurde von mir, hier an der Gepäckausgabe, außerordentlich beneidet. Es war sein sechzehntes Kind. Aber nun waren es nur noch acht Minuten bis zum Abgang des Zuges, und... »Willst du Zeitungen haben, Lydia?« – Nein, sie wollte keine. Sie hatte sich etwas zum Lesen mitgebracht – wir unterlagen beide nicht dieser merkwürdigen Krankheit, plötzlich auf den Bahnhöfen zwei Pfund bedrucktes Papier zu kaufen, von dem man vorher ziemlich genau weiß: Makulatur. Also kauften wir Zeitungen.

Und dann fuhren wir – allein im Abteil – über Kopenhagen nach Schweden. Vorläufig waren wir noch in der Mark Brandenburg.

»Finnste die Gegend hier, Peter?« sagte die Prinzessin. Wir hatten uns unter anderm auf Peter geeinigt – Gott weiß, warum.

Die Gegend? Es war ein heller, windiger Junitag – recht frisch, und diese Landschaft sah gut aufgeräumt und gereinigt aus – sie wartete auf den Sommer und sagte: Ich bin karg. »Ja...«, sagte ich. »Die Gegend...« – »Du könntest für mein Geld wirklich etwas Gescheiteres von dir geben«, sagte sie. »Zum Beispiel: diese Landschaft ist wie erstarrte Dichtkunst, oder sie erinnert mich an Fiume, nur ist da die Flora katholischer – oder so.« – »Ich bin nicht aus Wien«, sagte ich. »Gott sei Dank«, sagte sie. Und wir fuhren.

Die Prinzessin schlief. Ich denkelte so vor mich hin.

Die Prinzessin behauptete, ich sagte zu jeder von mir geliebten Frau, aber auch zu jeder –: »Wie schön, daß du da bist!« Das war eine pfundsdicke Lüge – manchmal sagte oder dachte ich doch auch: »Wie schön, daß du da bist... und nicht hier!« – aber wenn ich die Lydia so neben mir sitzen sah, da sagte ich es nun wirklich. Warum –?

Natürlich deswegen. In erster Linie...? Ich weiß das nicht. Wir wußten nur dieses: Eines der tiefsten Worte der deutschen Sprache sagt von zwei Leuten, daß sie sich nicht riechen können. Wir konnten es, und das ist, wenn es anhält, schon sehr viel. Sie war mir alles in einem: Geliebte, komische Oper, Mutter und Freund. Was ich ihr war, habe ich nie ergründen können.

Und dann die Altstimme. Ich habe sie einmal nachts geweckt, und, als sie aufschrak: »Sag etwas!« bat ich. »Du Dummer!« sagte sie. Und schlief lächelnd wieder ein. Aber ich hatte die Stimme gehört, ich hatte ihre tiefe Stimme gehört.

Und das dritte war das Missingsch. Manchen Leuten erscheint die plattdeutsche Sprache grob, und sie mögen sie nicht. Ich habe diese Sprache immer geliebt; mein Vater sprach sie wie hochdeutsch, sie, die »vollkommnere der beiden Schwestern«, wie Klaus Groth sie genannt hat. Es ist die Sprache des Meeres. Das Plattdeutsche kann alles sein: zart und grob, humorvoll und herzlich, klar und nüchtern und vor allem, wenn man will, herrlich besoffen. Die Prinzessin bog sich diese Sprache ins Hochdeutsche um, wie es ihr paßte – denn vom Missingschen gibt es hundert und aber hundert Abarten, von Friesland über Hamburg bis nach Pommern; da hat jeder kleine Ort seine Eigenheiten. Philologisch ist dem sehr schwer beizukommen; aber mit dem Herzen ist ihm beizukommen. Das also sprach die Prinzessin – ah, nicht alle Tage! Das wäre ja unerträglich gewesen. Manchmal, zur Erholung, wenn ihr grade so zu Mut war, sprach sie missingsch; sie sagte darin die Dinge, die ihr besonders am Herzen lagen, und daneben hatte sie im Lauf der Zeit schon viel von Berlin angenommen. Wenn sie ganz schnell »Allmächtiger Braten!« sagte, dann wußte man gut Bescheid. Aber mitunter sprach sie doch ihr Platt oder eben jenes halbe Platt: missingsch.

Das weiß ich noch wie heute... Das war, als wir uns kennenlernten. Ich war damals zum Tee bei ihr und bot den diskret lächerlichen Anblick eines Mannes, der balzt. Dabei sind wir ja rechtschaffen komisch... Ich machte Plüschaugen und sprach über Literatur – sie lächelte. Ich erzählte Scherze und beleuchtete alle Schaufenster meines Herzens. Und dann sprachen wir von der Liebe. Das ist wie bei einer bayrischen Rauferei – die raufen auch erst mit Worten.

Und als ich ihr alles auseinandergesetzt hatte, alles, was ich im Augenblick wußte, und das war nicht wenig, und ich war so stolz, was für gewagte Sachen ich da gesagt hatte, und wie ich das alles so genau und brennendrot dargestellt und vorgeführt hatte, in Worten, so daß nun eigentlich der Augenblick gekommen war, zu sagen: »Ja, also dann...« – da sah mich die Prinzessin lange an. Und sprach: »Einen weltbefohrnen dschungen Mann –!«

Und da war es aus. Und ich fand mich erst viel später bei ihr wieder, immer noch lachend, und mit der erotischen Weihe war es nichts geworden. Aber mit der Liebe war es etwas geworden.

Der Zug hielt.