Schluss, sag ich! - Waltraud Berle - E-Book

Schluss, sag ich! E-Book

Waltraud Berle

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Beschreibung

Albtraum Altersheim! Ein Buch, wie es so noch nicht geschrieben wurde: radikal, reflektierend, persönlich, aufrüttelnd Im Mittelpunkt dieser erzählerischen Dokumentation stehen die "drei Hoheiten", drei alte Damen – darunter auch die Mutter der Autorin –, die das Schicksal in einem Pflegeheim an den selben Tisch verbannt hat. Waltraud Berle prangert die herz- und gedankenlosen Übergriffe auf die Würde alter Menschen an, deren Überlebenswillen, Findigkeit und Leistungsbereitschaft die nach dem Krieg Geborenen so viel zu verdanken haben. In ihrer oft traurigen, zuweilen aber auch zum Lachen komischen Erzählung gibt sie ihnen die `Würde des Alters´ zurück. Über fünf Jahre – die Zeit, in der ihre Mutter in Pflegeheimen lebte – recherchierte Waltraud Berle zu diesem Thema. Eine gewichtige Stimme inmitten der augenblicklichen gesellschaftlichen Debatte um Alter und Sterben. AUTORENPORTRÄT Waltraud Berle, geboren in Stuttgart. Die Handwerkertochter ist Journalistin und Psychologin sowie promovierte Germanistin. Sie hat für Deutsche Welle, Deutschlandfunk und NDR als Redakteurin, Reporterin und Moderatorin gearbeitet. Seit mehr als einem Jahrzehnt ist sie erfolgreich als Coach für Persönlichkeitsentwicklung und Lebensplanung tätig. Waltraud Berle lebt in München und Stuttgart.

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Seitenzahl: 283

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Waltraud Berle

»Schluss, sag ich!«

Von Menschen, die in Würde altern wollten

Saga

Ich widme dieses Buch meiner Mutter und den beiden anderen Hoheiten am runden Tisch, die Würdelosigkeit mit so viel Würde ertragen haben

When shall we three meet again? In thunder, lightning, or in rain?

When the hurlyburly’s done. When the battle’s lost and done.

Shakespeare, Macbeth

Die drei alten Hoheiten, von denen in diesem Buch die Rede sein wird, waren in Wirklichkeit keine Hexen, sondern auf ihre Art Königinnen. Um sie unvergesslich zu machen wie die Hexen Shakespeares will ich hier von ihnen erzählen. Ihnen zur Ehre erzähle ich:

Von meiner Mutter Gertrud, von ihrer Tischnachbarin Frau Schuster und jener alten Lady, die ich hier Frau Edith nenne.

Fünf Jahre am Ende ihrer Leben saßen sie in einem Altenpflegeheim am selben Tisch. Sie haben sich bestimmt bereits wiedergetroffen. Irgendwo auf einer Wolke sieben, die über uns schwebt oder uns links oder rechts umgibt. Sie sind alle im Jahr 2013 gestorben, nacheinander, ohne dass wir wissen, ob sie sich dazu verabredet hatten?

Meine Mutter starb am 30. März 2013, einem Ostersamstag. Frau Edith folgte einige Wochen später, und Frau Schuster hielt noch die Stellung bis zum Oktober 2013.

Alle haben ihren 90. Geburtstag nur knapp verpasst. »Weißt du, so lange haben die Leute früher ja gar nicht gelebt!« sagte meine Mutter oft.

Ein Sachbuch über Pflegemissstände ist mein Buch nicht. Es geht mir um Stolz und Würde. Es gibt Passagen mit sehr provokativem Charakter. Das ist Absicht.

Stuttgarter Ankünfte – Ein Prolog.

Immer der knallvolle Briefkasten. Rechnungen von Ärzten. Atemberaubend hohe Zahlen insgesamt.

Abrechnungen der privaten Krankenkasse, die meine Erstattungs-Anträge immer pingeliger prüft, so dass auch ich immer pingeliger nachrechnen muss. Ich komme aus München angereist, wo ich lebe und arbeite. Freiberuflerin: Voller Einsatz, hohes Risiko, wenig Urlaub. Seitdem meine Mutter dement ist, habe ich die Generalvollmacht für sie, »über den Tod hinaus«. Ich bin nicht nur die einzige Tochter meiner Mutter, sondern ihr einziges lebendes Kind. Also bin ich in der Pflicht.

Auf diesen Reisen der erzwungenen Fürsorge bleibt mir schon ab Ulm fast die Luft weg, wenn ich an den Stuttgarter Briefkasten denke.

Und im Heim die alte kleine Frau, manchmal total heiter, manchmal völlig verfinstert und verschlossen.

Ich weiß nie, was mich erwartet.

Aber sicher ist, es ist immer etwas Schlimmes: Entweder fehlen die Unterhosen. 30 Unterhosen gibt es. Oder es fehlen plötzlich unerklärlicherweise die Nachthemden, Stücker zehn.

Oder es riecht verpisst. Sie sei inkontinent, heißt es dann immer.

Aber später merkte ich, dass das gelogen war.

Sie stinkt, weil man ihr nicht neue, saubere Sachen anzieht.

Mein Herz, dass es nicht bricht, ist ein Wunder.

Es ist ein reiner Ekel, manchmal. Eine unglaubliche Bürde.

Und immer das Gefühl: ich bin machtlos, ich bin hilflos.

Alles zu geben, aber es ist nie genug. Sowieso bist du gegen den Tod eben machtlos und gegen das Drumherum auch.

Der Pflegeheimleiter Herr Z. schreibt mir als Antwort auf Fragen und zunehmende Beschwerden immer lange Mails. Er bemüht sich, er ist engagiert – und unehrlich. Er rechtfertigt wortreich und so, dass man die Psychotrainings, die er bereits gemacht hat, förmlich vor Augen hat, die miesen Umstände. Ich möchte am liebsten vor jedes Wort das Wort sogenannt stellen: sogenannte Pflege, sogenanntes Heim, sogenannte Leitung.

Aber es ist keineswegs so, dass diese Umstände nicht noch mieser werden könnten, wie ich merke im Laufe der Zeit.

Meine Mutter wird im Heim von Anfang an behandelt wie eine Geistesschwache mit vermindertem IQ. Dabei ist sie eine hochintelligente Frau mit Altersschwäche im Kopf. Das ist alles. Sie ist 83 zu Beginn dieser Geschichte.

Es ist so: Sie vergisst zu essen, sie vergisst zu trinken, und sie ist stur und nimmt nur Medikamente, die sie kennt und für gut befunden hat. Also die »Hämmer«, die jedoch lebensnotwendigen, die nimmt sie nicht. Deswegen wusste ich keinen anderen Weg, als sie in eine Institution zu verpflanzen, die Pflege-Heim heißt. Heim klingt immerhin nach Heimat. Pflege klingt nach Fürsorge.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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