Schlüsselkind - Marita Bagdahn - E-Book

Schlüsselkind E-Book

Marita Bagdahn

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Beschreibung

Einen Regenbogen des Lebens und des Lesens spannt Marita Bagdahn mit dieser Auswahl ihrer Prosastücke. Sie erzählt von Menschen, Tieren und Tarnkappen und von noch viel mehr. Da steht ein Schlüsselkind vor verschlossener Tür, ein Paar tritt eine lang geplante Silberhochzeitsreise an; die Autorin lädt uns ein in die Welt der Märchen und Fabeln, in die Kindheit - und zum Schluss geht es zur Sache. Ein Buch für kurzes und längeres Lesevergnügen, ein Buch mit humorvollen, spannenden aber auch nachdenklichen Geschichten und Texten.

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Seitenzahl: 105

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis

Kurze Geschichten und eine längere Erzählung

Schlüsselkind

Silberhochzeit

Vergesslich?

Königssee

Die Bergtour

Die Parkbank

Heinrich

Märchen- und fabelhaft

Grimmwelt in Kassel

Das Märchen vom Bücherregal

Waffen für den König

Die klugen Schafe

Wie der Esel zu seinen langen Ohren kam

Das Kind in mir: Erinnerungen und Erdachtes

Wenn ich einmal groß bin

Fragen

Das Märchenbuch

Damals mit den Regenwürmern

Jetzt geht’s zur Sache

Bücher

Die andere Seite der Medaille?

Berta Lungstras – eine mutige Kämpferin

Von Täuschungen und Tarnkappen

Über mich

Quellennachweis

Vorwort

In diesem Buch sind ein Teil meiner Geschichten, Fabeln, Märchen und Sachtexte der vergangenen Jahre versammelt. Viele von ihnen sind bereits an anderer Stelle veröffentlich worden – in einer Anthologie (Blütenlese, Auswahl) von Texten verschiedener Autoren und Autorinnen.

Die vorliegende Anthologie nun enthält ausschließlich Texte aus meiner Feder. Alle hatten große Lust, zwischen zwei identischen Buchdeckeln – also quasi unter einem Dach – zusammen zu kommen. Und ich hatte große Lust, ihnen das zu ermöglichen. Die Geschichten und Erzählungen habe ich noch einmal überarbeitet, besonders meine älteren Werke.

Einige der Texte erscheinen hier zum ersten Mal. Auch sie fühlen sich sehr wohl unter den ausgewählten Blüten, wie sie mir verraten haben.

Viel Spaß beim Lesen wünscht

Marita Bagdahn

Bonn, im Oktober 2017

Kurze Geschichten und eine längere Erzählung

Schlüsselkind

Klaus Mertens trat aus dem Lift, die Einkaufstaschen rechts und links in den Händen, und steuerte auf seine Wohnung zu.

Wie ein leuchtendes Bündel hockte die Kleine in ihrem rot-gelben Anorak im Flur auf dem Boden, schräg gegenüber seiner Tür, die Beine angezogen, die Schultasche neben sich. Ihre wachen Augen folgten seinen Bewegungen. Und so, wie sie ihn ansah, hätte er fast vermutet, sie wolle mit ihm flirten.

»Guten Tag, Herr Mertens«, sagte sie fröhlich.

»Guten Tag.« Schnaufend stellte er die Einkäufe ab. »Was ist denn los? Hast du keinen Schlüssel?«

»Hmmm«, machte sie und zog die Stupsnase kraus.

»Oje. Und wann kommt deine Mutter?«

»Weiß nicht.« Sie rappelte sich auf und zauberte einen Blick, der jedem Dackel zur Ehre gereicht hätte. »Kann ich mit zu dir … äh … zu Ihnen kommen?«

Klaus Mertens schaute auf seine Uhr. »Wie lange arbeitet deine Mutter denn sonst? Es ist halb fünf.«

»Lange.«

Er zögerte und nickte gedankenverloren Frau Jänisch zu, die aufgetakelt und mit einer Veilchenduftwolke an ihnen vorbei rauschte. »Na gut, komm rein. Deine Mutter wird schon nichts dagegen haben.«

Ein Lächeln überzog das sommersprossige Kindergesicht. »Das ist richtig nett von Ihnen, wirklich.«

In der Wohnung setzte Klaus Mertens die beiden Taschen auf dem Küchentisch ab. Wie eine Klette hatte sich das Mädchen an ihn geheftet.

»Wie heißt du eigentlich? Ich kenne bisher nur euren Nachnamen.«

»Emma.« Sie blickte sich interessiert um. »Die Küche ist ganz schön alt.«

»Tja, Fräulein Naseweis, meine Frau und ich sind ja auch schon alt.«

»Meine Mama sagt, die ist im Krankenhaus.«

Er hängte seine Jacke an die Garderobe im Flur. »Da war sie. Jetzt ist sie in der Reha-Kur.«

»Ist sie sehr krank?«, wollte Emma wissen.

»Nein, es geht schon wieder ganz gut. Sie hat ein neues Hüftgelenk gekriegt, damit sie wieder laufen kann.«

Emma hatte ihren Anorak ebenfalls ausgezogen und hängte ihn dazu.

»Räumst du die mal an die Seite«, sagte Klaus Mertens und wies auf die Schultasche, die mitten im Weg lag.

»‘Tschuldigung«, murmelte Emma und beeilte sich, Platz zu schaffen.

Dann folgte sie ihm zurück in die Küche und beobachtete, wie er die Lebensmittel wegräumte. Ein Bund gemischter Kräuter, den er in ein Wasserglas stellte, verströmte einen würzigen Geruch.

»Möchtest du etwas trinken? Ich habe allerdings nur Apfelsaft da. Wusste ja nicht, dass ich heute so hohen Besuch bekomme.«

»Ja, ist schon o.k.« Er goss zwei Gläser ein.

Unvermittelt fragte Emma: »Haben Sie auch Kinder?«

»Ja, einen Sohn. Aber der wohnt leider weit weg.«

Ihre Augen leuchteten kurz auf. »Und wie viele Enkelkinder haben Sie?«

Er schmunzelte und stellte das Glas vor ihr auf dem Tisch ab. »Na, mein kleines Fräulein, du bist ganz schön neugierig. Ich glaube, wir rufen jetzt erst einmal deine Mutter an, damit sie weiß, dass du hier bist.«

»Das geht nicht«, kam es wie aus der Pistole geschossen. »Die darf bei der Arbeit nicht privat telefonieren.«

»Ach! Und wenn etwas passiert sein sollte? Sie ist doch ganz allein für dich verantwortlich, oder?«

Emma knabberte an einem Fingernagel. Schließlich sagte sie: »Na ja, der Chef will nicht, dass ich sie dauernd anrufe.«

Klaus Mertens hatte sich auf einen Küchenstuhl gesetzt, Kekse auf einen Teller gelegt und Emma aufmunternd zugenickt. Nun sah er zu, wie sie auch Platz nahm und gierig ihren Saft trank.

»Wie groß ist denn deine … äh … Ihre Wohnung?«, fragte sie und wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen.

»Na ja, Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Bad und Flur. 65 Quadratmeter.«

»Wir haben ein Zimmer mehr. Darf ich mir Ihre Wohnung mal angucken?«

»Meinetwegen.« Mit einem Achselzucken stand er auf, nahm den Gebäckteller und ging vor. »Die Küche kennst du ja schon. Und den Flur auch. Hier ist das Wohnzimmer.« Er öffnete eine Tür mit Milchglasscheibe und ließ Emma den Vortritt.

Es war ein fast quadratischer Raum. Ein großer Eichenschrank füllte eine ganze Wand aus, auf der anderen Seite standen eine braune Sitzgarnitur aus Leder und ein Couchtisch, vor dem Fenster wallten weiße Gardinen bis zum Boden und direkt davor stand ein einladender Ohrensessel. In einer Ecke tickte eine große alte Uhr.

»Wo ist denn der Fernseher?«, fragte das Mädchen.

Klaus Mertens verkniff sich ein Schmunzeln. »Das ist wohl das Wichtigste für dich, oder? Der ist im Schrank versteckt.«

Emma strich über das weiche Leder der Sofalehne.

»Das fühlt sich schön an. … Und wenn Sie Besuch kriegen, sitzen Sie hier gemütlich um den Tisch – mit Ihrem Sohn?«

»Ja. Oder mit anderem Besuch.« Er stellte den Teller auf den Couchtisch.

»Kriegen … kriegen Sie oft Besuch?«

Klaus Mertens schüttelte den Kopf. »Was du alles wissen willst.«

Emma steuerte auf den Ohrensessel am Fenster zu. Im Nu wurde ihr Gastgeber wieder ernst. »Da kannst du nicht sitzen. Der gehört meiner Frau. Es ist ein Erinnerungsstück; nicht mal ich darf darin sitzen.«

Emma hielt inne, zog die Nase kraus, sagte »Das ist aber schade« und entschied sich für das Sofa. Dann griff sie nach den Keksen.

»Also«, sagte er und setzte sich ihr gegenüber in den Ledersessel am Tisch. »Wir bekommen nicht so oft Besuch, weil unser Sohn weit weg wohnt. Und viele andere Verwandte haben wir nicht mehr, meine Schwestern sind schon tot und mein Schwager lebt in Afrika. Du weißt, was ein Schwager ist?«

Emma nickte und überlegte. »Hätten Sie … ich meine … hätten Sie nicht gern mehr Verwandte? Enkel und so?«

»Na ja, vielleicht bekommen wir ja noch ein Enkelkind, wer weiß. Oder zwei.« Er musterte die kleine Nachbarin und beugte sich vor. »Was ist denn mit dir?«

»Ach, nichts.« Schnell steckte sie ein weiteres Gebäckstück in den Mund.

»Nun mal raus mit der Sprache!«

Emma kaute angestrengt, schluckte den Keks hinunter und sagte schließlich: »Ich … ich brauche einen Opa.«

»Wie bitte?«

»Einen Opa. Bis nächsten Dienstag.«

Verblüfft sah Klaus Mertens sie an. »Bis nächsten Dienstag … Aber du hast doch sicher zwei Opas, oder?«

»Nein«, sagte sie bestimmt. »Ich habe nur einen. Und der wohnt in München, und Mama und er haben sich mal wieder verkracht.«

»Aha, verstehe. Und der andere, ist der schon tot?«

»Nein. … Weiß ich nicht, meine ich. Ich kenne ihn nicht.«

»Aha«, sagte Klaus Mertens wieder. »Also, was ist denn nun wirklich los? Wozu brauchst du so dringend deinen Opa?«

»Einen Opa«, berichtige Emma ihn. Sie starrte eine Weile vor sich hin, dann schaute sie ihm entschlossen in die Augen. »Also, in der Schule, da kommt immer von jemandem ein Opa oder eine Oma und erzählt was von früher. Wie sie als Kinder gelebt haben und so. Und nächsten Dienstag ist mein Opa dran. Und ich habe keinen. Das heißt, ich habe einen, aber der ist nicht hier, und er kann auch nicht kommen am Dienstag.«

»Hm«, machte Klaus Mertens und rieb sein großes Ohrläppchen. »Und außerdem hat er sich mit deiner Mama verkracht.«

Ihr »Ja« war nur ein Flüstern.

»Und warum ist dein Großvater nächste Woche dran? Kannst du das nicht verschieben?«

»Das geht nicht!«, sagte Emma und presste die Lippen fest aufeinander.

»Wieso geht das denn nicht?«

Es dauerte noch drei Kekse, bis sie die Antwort heraus brachte. »Weil … weil … ich den anderen immer von meinem Opa erzählt habe. … Wie toll der ist und was der alles erzählen kann und wie lieb der ist. Und dass er hier wohnt und dass wir darum hierher gezogen sind … und …«

»Verstehe«, sagte Klaus Mertens und wiegte den Kopf. »Du hast ein bisschen aufgeschnitten.« Als sie ihn verständnislos anblickte, ergänzte er: »Du hast geflunkert.«

»Na ja, wo ich doch auch einen Opa haben will. Hier in der Nähe, meine ich. Einer, der ganz lieb ist. So wie du. Äh, wie Sie. Meine Mama sagt nämlich, Sie sind total nett und wir können froh sein, dass wir so nette Nachbarn haben.«

Auf seinen Wangen bildeten sich zwei Grübchen, als er lächelte.

»Kannst du nicht mein Opa sein? Nur für Dienstag? Ich meine … nicht nur für Dienstag, aber erst mal für Dienstag?« Selbst die Sommersprossen auf ihrem Näschen wirkten jetzt traurig.

»Also, weißt du, Emma. Ich mag dich. Und deine Mutter auch. Ich werde allerdings nicht lügen und sagen, ich wäre dein Großvater. Das geht nicht.«

»Doch«, entfuhr es Emma. Erschrocken schlug sie die Hand vor den Mund.

»Ich werde nicht lügen, nur weil du in deiner Klasse mit einem Opa angegeben hast, den es gar nicht gibt.«

Ihre Mundwinkel zuckten bedenklich. »Kann ich dich nicht mal ausleihen? Jetzt wo Ihre Frau sowieso nicht da ist?«

»Einen Leihopa willst du?« Wieder rieb er an seinem Ohrläppchen. »Ich glaube nicht, dass ich mich dazu eigne.«

»Bitte!« Sie rutschte vor bis zur Sofakante. Hoffen und Bangen stritten in ihrem angespannten Gesicht und ihre Augen verdunkelten sich.

Eine Weile saßen die beiden still nebeneinander, nur das Ticken der Wanduhr war zu hören. Klaus Mertens runzelte die Stirn und seufzte. Ganz allmählich glätteten sich seine Stirnfalten wieder. »Na gut, es wäre eine Idee. Aber ich würde deiner Lehrerin und den Klassenkameraden reinen Wein einschenken.«

Emma sah ihn entsetzt an. »Wir dürfen doch keinen Alkohol trinken!«

»Das heißt einfach: Ich würde ihnen die Wahrheit sagen. Nämlich dass ich nicht dein richtiger Opa bin, sondern dein Leihopa.«

Eine ganze Weile kaute Emma auf der Antwort herum, bis sie schließlich sagte: »Ja, das geht.«

Klaus Mertens hielt mahnend den Zeigefinger in die Luft. »Und du würdest vorher erklären, wie es sich wirklich verhält und dass du ein bisschen übertrieben hast. Geflunkert.«

Im Nu vertiefte sich Emma in das Häkelmuster der Tischdecke. »Könnten Sie das nicht …?«

»Nein«, sagte er entschieden.

Die Augen weiter auf die Decke fixiert, knetete sie ihre Hände. »Ob ich das kann?«

Nach einer Ewigkeit hob sie den Kopf und ihre Stimme überschlug sich beinah, als sie sagte: »Wenn Sie mein Leihopa sind, dann darf ich doch du zu Ihnen sagen, oder?«

Er beugte sich vor und streckte ihr die Hand entgegen. »Ja, darfst du. Ich bin Klaus. Jetzt darfst du Opa Klaus zu mir sagen. Leihopa Klaus.«

»Supertoll. Danke, danke«, rief sie, ergriff seine Hand und sprang auf. »Ich hab noch nie einen Leihopa gehabt!«

Wie ein Känguru hüpfte sie durchs Wohnzimmer in den Flur, riss ihren Anorak von der Garderobe, schnappte ihre Schultasche. »Ich muss jetzt rüber. Tschüss.«

»Ist deine Mutter denn schon da?«

»Bestimmt.« Emma öffnete die Tür, mit ein paar Schritten stand sie vor ihrer Wohnung, wandte sich kurz um und winkte ihm zu.

Der frisch gebackene Opa starrte ihr hinterher. »Wolltest du nicht noch die anderen Zimmer sehen?«, fragte er verdutzt.

»Morgen.« Sie zog ein Schlüsselband aus der Anoraktasche, steckte den Schlüssel ins Schloss und SCHWUPPS! war sie in der Wohnung verschwunden.

»Emma, wo kommt der Schlüssel auf einmal her?«, rief Klaus Mertens. Das Schmunzeln konnte er sich nicht mehr verkneifen »Wir müssen noch ein ernstes Wörtchen miteinander reden.«

Silberhochzeit

Gertrud hat darauf bestanden, mit den Koffern draußen auf das Taxi zu warten.

»Ich will nicht, dass deine Mutter im letzten Moment noch anruft – und du ran gehst.« Reinholds Antwort - ein leiser Seufzer.

Nun, vor der Haustür, ruckelt sie ihre Sonnenbrille zurecht. »Hast du die Tickets?«

»Das fragst du schon zum dritten Mal«, sagt Reinhold und tippt auf die Brusttasche seiner Jacke.