Schlüsselmord - Dennis Raschke - E-Book

Schlüsselmord E-Book

Dennis Raschke

0,0

Beschreibung

Erinnerungen an seine Vergangenheit überkommen Frank Marzipan, als er in seine Heimatstadt Lübeck zurückkehrt. Was zu Beginn nach einem ganz normalen Fall für den erfahrenen Kriminalhauptkommissar aussieht, entwickelt sich zu einem Ruf seiner Vergangenheit, den er nicht hören will. An seiner Seite steht die junge Kriminalkommissarin Miriam Sprotte, die anfangs noch nicht so ganz versteht, weswegen sie für die weiteren Ermittlungen ausgewählt wurde. Im Laufe des Falls zeichnet sich jedoch ab, dass Marzipan noch mehr mit ihr vor hat. SCHLÜSSELMORD ist der erste von drei Fällen für das Ermittlerduo.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 161

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Marzipan

Marzipan

Sprotte

Marzipan

Sprotte

Marzipan

Sprotte

Marzipan und Sprotte

Sprotte

Marzipan und Sprotte

Marzipan

Marzipan und Sprotte

Marzipan und Sprotte

Sprotte

Marzipan

Sprotte

Marzipan

Sprotte und Marzipan

Marzipan

Sprotte

Sprotte und Marzipan

Sprotte

Marzipan

Marzipan

Marzipan und Sprotte

Marzipan und Sprotte

Marzipan

Sprotte

Marzipan

Marzipan und Sprotte

Marzipan

Sprotte

Marzipan und Sprotte

Marzipan

Epilog

Marzipan und Sprotte

Marzipan

Die Hansestadt Lübeck liegt unter dichtem Nebel begraben an diesem Morgen im April. Auf der Teerhofinsel bei Bad Schwartau stehen ein Streifenwagen der Polizei, ein kompletter Löschzug der Feuerwehr und zwei schwarze Wagen der Kripo-Außenstelle Bad Schwartau, als ein blaues Polo Coupé vorfährt und neben den anderen Fahrzeugen hält.

Kriminalhauptkommissar Frank Marzipan steigt aus dem Auto und hustet, seine Atemwege sind gereizt. Er muss sich nicht lange umsehen, um sich zu orientieren. Er kennt diese Gegend genau, schließlich ist er in Lübeck aufgewachsen und hat einen Großteil seines Lebens in dieser Stadt verbracht, bevor er vor fünfzehn Jahren zur Mordkommission nach Kiel gegangen ist. In seiner Anfangszeit in Lübeck ist er nur im mittleren Dienst gewesen, bevor er ins Kommissariat Sechzehn Ermittlergruppe Jugend (EGJ) wechselte.

Der Anruf, der ihn an diesem Morgen zu Hause erreicht hat, kam überraschend, denn schließlich ist in Bad Schwartau in Ost-Holstein eine eigene Dienststelle der Mordkommission vorhanden. Marzipan geht nicht davon aus, dass die Kollegen dort – aus welchen Gründen auch immer – nicht erreichbar gewesen sind, deswegen muss es sich um einen wichtigen Fall handeln, wenn Kiel extra angefordert wird.

An und für sich sind Tötungsdelikte oder Mordfälle schnell aufgeklärt, denn meistens steht der Täter noch mit der Tatwaffe über beziehungsweise neben dem Opfer, wird zumindest vorher mit ihm gesehen oder ist blutüberströmt, was ein klarer Hinweis ist. Wohl nicht dieses Mal.

Marzipan begrüßt die Kollegen von der Streife und geht dann zu dem Mann mit Notizblock, der nahe an der Absperrung steht. Er kennt ihn.

„Hallo Peter, was haben wir denn hier?“

„Guten Morgen, Frank. Die Frage müsste heißen: Wen haben wir denn hier?“

Marzipan stutzt: „Sollte ich wissen um wen es sich handelt?“

„Das hier ist – oder war – Marvin Schlüssel.“

„Marvin Schlüssel?“

„Das ist der Sohn unseres nächsten Bürgermeisters in Lübeck. Zumindest wäre Klaus Schlüssel gerne der nächste Bürgermeister in Lübeck. Er und seine braune Front von Geistesbrandstiftern. Liest du keine Zeitung?“

„Schon seit Jahren nicht mehr. Was wissen wir genau über das Opfer?“

Marzipan versucht, die Fälle immer möglichst weit von sich weg zu halten, zumal die Kollegen vor Ort zumeist bereits die Beweise und Aussagen gesammelt haben oder sogar schon einen Tatverdächtigen präsentieren können. Die weiteren Ermittlungen übernimmt dann die Staatsanwaltschaft.

Peter blickt in seine Notizen: „Marvin Schlüssel, vor einer Woche als vermisst gemeldet, heute Morgen von der Feuerwehr gefunden, die wollten hier eine Übung abhalten. Mehr kann ich erst sagen, wenn die SpuSi da war.“

Marzipan guckt verdutzt: „Die sind noch nicht da? Hier stehen sieben Fahrzeuge, darunter ein kompletter Löschzug und mein Privatwagen aus Kiel. Das Wetter ist selbst für Anfang April Mist und die SpuSi war noch nicht hier! Schlafen die noch oder war eine Betriebsfeier?“

„Reg dich nicht auf, Marzipan, wenn der Tatort so ist wie hier, lassen die sich immer Zeit, das weißt du doch. Du kannst ja mit deiner derzeitigen Nachfolgerin bei der Jugend sprechen. Das ist die verschlafen wirkende, junge Frau an dem rechten Zivil-Wagen. Ihr Name ist Miriam Sprotte, das passt doch irgendwie.“

Marzipan lächelt: „Jetzt weiß ich wieder, warum ich einmal weg bin. Deine Einfälle hab ich nicht vermisst, aber wenigstens ist das richtige Dezernat schon da. Nachfolgerin trifft es wohl auch nicht so ganz.“

„Ich wollte dich nicht älter machen, als du bist.“

Marzipan richtet seine Jacke und geht auf Miriam Sprotte zu. Sie ist eine, im Vergleich zu Marzipan, junge Kriminalkommissarin. Gekleidet ist sie mit einem dunkelblauen Marine-Mantel, dunkler Hose und schwarzen Schuhen. Ihre Haare sind unter einer lilafarbenen Wollmütze mit purpurnen Streifen versteckt. Die Mütze wirkt wie selbstgestrickt, obwohl Miriam Sprotte nun wirklich nicht aussieht, als würde sie in ihrer Freizeit stricken.

Marzipan tritt an sie heran: „Ist der Winter nicht vorbei?“

„Ich erkälte mich schnell“, ist die kurze Antwort.

Marzipan lässt sich aber nicht abwimmeln: „Dann ist es auf jeden Fall richtig eine Mütze zu tragen. Ich bin Frank Marzipan und leite anscheinend die Ermittlung ab heute.“

„Die Mütze hilft. Ich bin Kriminalkommissarin Miriam Sprotte und habe die Ermittlungen bis heute geleitet. Musste ja so kommen.“

Miriam Sprottes Kälte erstaunt Marzipan: „Wie meinen Sie das?“

„Das war meine erste große Sache hier in Lübeck, bei der ich die Leitung hatte. Ich hatte es befürchtet.“

Marzipans Neugier ist geweckt: „Weswegen? Das Jugendliche ausreißen passiert doch häufiger.“

„Ja, aber dann findet sie ein Sozialarbeiter oder es kommt ein Anruf oder ein Brief. Egal, ob vom Jugendlichen oder vom Entführer. Oder sie bleiben für immer weg. Wie Sie sehen, nicht so in diesem Fall.“

Marzipan wundert sich: „Das Opfer wurde vor einer Woche als vermisst gemeldet, dann wird doch verschärft gesucht, oder nicht? Mit Presse und Bevölkerung etc.“

„Normalerweise schon, aber in diesem Fall waren die Eltern dagegen.“

Marzipan stutzt wieder: „Das ist aber nicht gängig. Die werden sicherlich begeistert sein.“

„Das glaube ich auch.“

Marzipan

Auf der Fahrt in die Possehlstrasse zum sogenannten Behördenhochhaus geht Frank Marzipan im Geiste die Dinge durch, die er nun zu erledigen hat. Dazu braucht er Musik, weswegen er das Autoradio einschaltet. Das Radio ist, so wie der Wagen, schon nicht mehr ganz neu, weswegen er sich an dem Drehknopf zu schaffen machen muss. Das alte Radio passt in den alten Wagen und nach kurzer Zeit findet er einen Sender, den er hören mag. Die Zeit der wilden Gitarrenmusik ist für ihn schon seit einigen Jahren vorbei. Er ist ruhiger geworden und das gilt auch für die Musik, die er bevorzugt. Wenn er über seinen heutigen Musikgeschmack nachdenkt, wird ihm klar, dass er nun doch zu einem Mann mittleren Alters geworden ist.

Er macht weiter mit der Liste vor seinem geistigen Auge. Er muss mit dem zuständigen Staatsanwalt sprechen, einen Büroraum beziehen, eine Ermittlungsgruppe zusammenstellen, den Antrag auf einen Dienstwagen einreichen. Ermittlungen dieser Art erfordern immer einen gewissen Kilometeraufwand und er braucht ein Hotelzimmer für die nächsten Tage, denn Pendeln liegt ihm gar nicht. Ein Zimmer in dem Etap-Hotel auf der gegenüberliegenden Straßenseite wird es schon tun. Im Büro in Kiel wird er auch anrufen müssen, schließlich muss dieser Fall noch offiziell freigegeben werden.

In seine Gedanken vertieft, verpasst Marzipan fast die Zufahrt, die er nehmen muss. Er lächelt. Da hat er einen großen Teil seines Lebens in Lübeck verbracht, viele Jahre hier gearbeitet und verfährt sich immer noch. Das ist, seiner Meinung nach, der ganz eigene infrastrukturelle Zauber der Hansestadt. Dennoch findet er die Dienstauffahrt und auch seinen Dienstausweis. Der abfällige Blick des Pförtners wegen des unaufgeräumten Wagens stört ihn nicht, den Blick kennt er zu Genüge. Aber er liebt seinen Polo und würde ihn niemals weggeben, solange er noch fährt. Trotzdem wäre ein Dienstwagen für die nächsten Tage erheblich besser.

Nach einer endlos scheinenden Fragetour durch das organisierte Chaos im Gebäude, findet Marzipan endlich ein leeres, kleines Büro ohne Fenster mit einem PC und einem Telefon, mit einem wackeligen Schreibtisch und ganz schlechter Luft. Marzipan lächelt schon wieder und fragt sich, ob die Situation beim Staatsschutz besser ist. Schließlich ist die Terrorabwehr das Lieblingsspielzeug der Innenministerien, auch wenn die Gefahr in Lübeck eher von Randalierern, die Wahlplakate abreißen, ausgeht und weniger von Islamisten. Er braucht einen besseren Arbeitsplatz für die Ermittlungen, vorerst wird das Büro aber reichen müssen.

Die Benutzung des Telefons gestaltet sich schwieriger als erwartet, da es Marzipan nicht gelingt eine Telefonliste aufzuspüren. Dafür findet er in seinem Online-Dienstpostfach die Nachricht, dass der zuständige Staatsanwalt ihn um elf Uhr dreißig aufsuchen wird. Den Staatsanwalt mit Namen Karl-Heinz Poleika kennt Marzipan zu genüge. Einer der Gründe, wegen denen Marzipan Lübeck vor Jahren verlassen hat. Ein krummer Hund, wie er im Buche steht und mit Sicherheit kein ausgewiesener Freund Frank Marzipans.

Marzipan greift erneut zum Telefonhörer und lässt sich von der Zentrale mit seinem Kommissariat in Kiel verbinden. Er will mit seinem Vorgesetzten und langjährigen Freund, dem Ersten Kriminalhauptkommissar Karsten Müller, sprechen, um ihm Bericht zu erstatten, den Auftrag freigeben zu lassen und zu erfahren, warum ausgerechnet er die Ermittlungen leiten soll.

Es klingelt zweimal: „Müller, guten Morgen.“

„Hier ist Frank. Die interne Leitung funktioniert ja richtig gut.“

„Marzipan! Wie ist es in der Heimat?“

Marzipan schnauft verächtlich: „Warum tust du mir das an, Karsten?“

„Du bist der Beste, kennst dich in Lübeck aus und hast den richtigen Riecher bei so etwas.“

„Du weißt schon, wer der Staatsanwalt ist, oder?“

„Das ist ein kleiner Bonus von der Staatsanwaltschaft hier in Kiel.“

„Ich werde neugierig.“

„Erstmal das Dienst-Gewäsch. Was brauchst du?“

„Erstmal einen vernünftigen Dienstwagen. Die schleppen mein Auto wohl gerade zum Schrottplatz.“

Karsten Müller muss lachen: „Verdient hätte dein Wagen es. Lass die alte Kiste doch endlich sterben.“

„Der Polo ist tipptopp. Trotzdem brauche ich einen Dienstwagen.“

„Kriegst du. Aber wen willst du im Team haben?“

Marzipan wird dienstlich: „Das entscheidet doch der zuständige Staatsanwalt, also wohl nur Blinde und Taube.“

„Mach dir da mal keine Sorgen, Frank. Ich habe auch noch ein Wörtchen mit zureden, schließlich bin ich hier Cheffe und die Staatsanwaltschaft hört auf meine Vorschläge.“

Marzipan ist erleichtert: „Dann will ich Peter, den habe ich am Tatort getroffen, einen aus Schwartau, sonst fühlen die sich übergangen und noch jemanden.“

„Wen?“

„Die bis jetzt leitende Ermittlerin. Eine gewisse Miriam Sprotte.“

„Die ist aber nicht bei der Mordkommission. Das dürfte schwierig werden.“

„Peter doch auch nicht. Miriam Sprotte kennt alle Details bis jetzt. Das Umfeld des Opfers. So spare ich den langen Dienstweg aus.“

„Wie lange hast du mit ihr gesprochen?“

„Keine fünf Minuten. Vertrau mir, sie ist die Richtige.“

„Okay, ich schaue mal, was ich für dich tun kann.“

„Danke. Wenn einer das schafft, dann du. Aber was ist mit dem Bonus?“

„Wirst es schon sehen. Die Sache ist noch nicht offiziell, aber wenn es stimmt, was die Spatzen pfeifen, kann dieser Fall der letzte für den Staatsanwalt sein. Mehr darf ich nicht sagen.“

„Ihr wisst schon, was ihr tut. Bis dann.“

„Viel Erfolg und lass dich nicht unterkriegen.“

Sprotte

Miriam Sprotte ist bedient. Es ist nicht einmal Mittag und sie hat den Tag jetzt schon über. Als ihr Diensthandy an diesem Morgen klingelt, ahnt sie schon Schlimmes. So früh ist das immer ein Zeichen dafür, dass etwas passiert ist und dieses Etwas ist selten etwas Erfreuliches. In ihrer ungeliebten Wohnung hängt noch der Dönergeruch der vergangenen Nacht, welcher von dem Schnellimbiss unter ihrer Zweiraumwohnung jede Nacht hochzieht. Sie braucht dringend etwas Neues und dann noch dieser Anruf.

„Wir haben ihn gefunden.“

„Wo?“ Fragt sie, noch etwas verschlafen.

Miriam kennt Alt-Lübeck und die Teerhofinsel sehr genau, denn sie sucht diesen Ort immer dann auf, wenn sie ihren Kopf frei bekommen muss. Oder wenn sie sich selbst fragt, ob das jetzt schon alles gewesen ist oder ob da doch noch etwas Anderes kommen wird. Sie kann, nein, will sich diese Frage nicht beantworten müssen, denn sie fürchtet die möglichen Konsequenzen.

Da Sprotte sich beeilen muss, langt es nur für eine Katzenwäsche. Sie zieht sich an, greift nach ihrem Mantel und sucht sich eine Wollmütze aus dem großen Stapel von Kopfbedeckungen heraus. Ihre Schlüssel hängen ordentlich am Schlüsselbrett. So macht sie sich an diesem kalten Aprilmorgen auf den Weg.

Sie entfernt das rosa Ticket hinter dem Scheibenwischer ihres Dienstwagens und stellt fest, dass das Ordnungsamt nicht einmal vor Polizeibeamtinnen halt macht.

Am Tatort angekommen traut sie ihren Augen kaum. Dort steht ein ganzer Löschzug. Zwei Streifenpolizisten sperren gerade einen kleinen, von innen ganz verrußten Container ab. In dem Container liegt der Leichnam eines Jungen bei dem es sich um Marvin Schlüssel handelt. Er ist in einer der Ecken des Containers abgelegt worden. Am Hinterkopf ist verkrustetes Blut zu sehen. Abgesehen von dieser Verletzung sieht es aus, als würde der Kleine in seinem eigenen Blut schlafen. Der bleiche, kindliche Körper ist in Bluejeans und einen dunkelgrauen Pulli gehüllt, an den Füßen trägt er weiße Sneaker einer bekannten Marke. Die blonden, mittellangen Haare sind am Hinterkopf komplett mit einer Blutkruste überzogen und liegen deswegen flach an. Sprotte fragt sich, wer so etwas nur tun kann. Sie begibt sich nach einem kurzen Gespräch mit den Streifenkollegen zurück zu ihrem Dienstwagen und ruft im Büro an, um die Mordkommission zu benachrichtigen und einen Gerichtsmediziner, auch wenn der Tod von Marvin Schlüssel feststeht.

Während sie das Treiben um den Tatort in den folgenden Stunden beobachtet, lässt sie sich die Ermittlungen, welche sie geleitet hat, nochmal durch ihren Kopf gehen. Ihr ist kalt. Dies ist ihr erster großer Fall in Lübeck gewesen und dann so ein Ausgang. Dieser Fall kam ihr wie ein richtiger Brocken vor, denn viel Unterstützung hat sie nicht erhalten. Weder vom Dezernat, noch von den Eltern des Kindes. Nahezu keine Möglichkeit voran zu kommen hat sie gehabt, auch wenn sie es wahrlich versucht und Freunde und Verwandte mehrmals befragt hat, aber alles ohne Erfolg. Ihr wird klar, dass sie das jetzt nicht mehr zu kümmern braucht, denn gerade ist ein dunkelblauer VW vorgefahren, aus dem ein Mann ausgestiegen ist, der offenbar Peter Rathje kennt, den einzigen Ermittler, der sie in den Wochen unterstützt hat. Der Mann ist offensichtlich von der Mordkommission, denn er spult merklich eine Routine ab. Er sieht erfahren aus, was wohl das Positivste ist. Seine braunen Haare werden schon langsam grau und besonders groß ist er auch nicht. Seine dunkle Kleidung passt gut zusammen. Er wirkt professionell und kommt freundlich auf Miriam Sprotte zu.

Der Mann sagt: „Ist der Winter nicht vorbei?“

Marzipan

Frank Marzipan muss wegen des Telefongesprächs mit Karsten nachdenken. Er bezweifelt, dass es ihm in dem kleinen, stickigem Büro gelingen wird, weswegen er sich nach draußen begibt. Er hat noch circa eine Stunde Zeit, bis er sich mit Staatsanwalt Poleika treffen soll und er hofft inständig, dass Karsten bis dahin Erfolg mit der Benennung des Teams gehabt hat, denn sonst wartet ein hartes Stück Arbeit auf ihn, welches nichts mit den Ermittlungen zu tun haben wird. Vor der Tür des Hochhauses angekommen, zündet Marzipan sich eine Zigarette an. Er summt eine Melodie, die er nicht zuordnen kann. Das Dienst-Handy reißt ihn aus seinen Gedankenströmen, die ihn bis dato nirgends hingeführt haben.

„Ja, Marzipan.“

„Jan Tykla. Guten Morgen. Ich bin der Leiter der forensischen Untersuchung im Fall des toten Jungen. Spreche ich mit dem ermittelnden Kriminalhauptkommissar Frank Marzipan?“

„Guten Morgen, Herr Tykla. Das ging jetzt aber schnell.“ Marzipan ist erstaunt.

„So schnell nun auch wieder nicht. Wir haben zwar einige Sachen schon klären können, aber für eine abschließende forensische Untersuchung brauchen wir die Einwilligung der Eltern. Außerdem muss der Junge noch identifiziert werden.“

Marzipan kratzt sich unbewusst am Kopf: „Ich bin gerade dabei, mein Team zusammenzustellen. Die Eltern werden bereits informiert, vermute ich. Irgendwer wird sie dann vorbei bringen. Können Sie mir schon einmal den vorläufigen Bericht schicken, damit wir weitermachen können?“

„An welche Nummer?“

„Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, weil ich noch kein Büro habe. Schicken Sie es bitte an die Zentrale, die Nummer müssten Sie haben.“

„Kein Problem. Rufen Sie mich aber bitte nochmal unter dieser Nummer an, wenn die Eltern auf dem Weg sind. Dann kann ich dem Pathologen hier sagen, dass er den Jungen abdecken soll. Das Umfeld ist nicht gerade schön, um einen toten Sohn zu identifizieren.“

„Lässt sich nicht ändern. Ich sage es den Kollegen von der Streife.“

„Das ihr von der Kripo immer die Streifenpolizisten zu so etwas schicken müsst.“

„Ich bin auch nicht so ganz glücklich darüber, aber hier bei uns gilt der Grundsatz: Wer den Leichnam findet, muss Bericht erstatten. Ich freue mich auf den Ihren.“

„In fünf Minuten ist er da. Ich hasse es, wenn Tage so beginnen. Unser Pathologe steht bereit, um die genaue Todesursache festzustellen. Es sieht aber so aus, als wäre der Schlag auf den Hinterkopf zu fünfundneunzig Prozent tödlich gewesen.“

Marzipan fragt erstaunt: „Was sind die restlichen fünf Prozent?“

„Das wird sich bei der Obduktion zeigen.“

„Bis später.“

Marzipan schaut auf die Anzeige des Mobiltelefons, um die Zeit zu erfahren. Er hat noch fünfundvierzig Minuten. Das bedeutet für ihn, dass er in der Kantine einen Kaffee trinken kann. Vorher sagt er aber noch in der Telefonzentrale Bescheid, dass ein Fax kommen wird und dass die Polizisten, die die schlechte Nachricht an die Eltern überbringen werden, sich bitte in der Klinik melden mögen, wegen des Ambientes. Marzipan findet es absurd, dass sich darüber Gedanken gemacht wird. Der Tod des eigenen Kindes kann kaum als nicht ganz so schlimm dargestellt werden.

***

Marzipan ist überpünktlich wieder in seinem Büro, als Staatsanwalt Karl-Heinz Poleika an den Türrahmen klopft. Marzipan bittet ihn herein und bietet ihm einen Sitzplatz an, wobei er hofft, dass Karsten ganze Arbeit geleistet hat.

„Haben Sie eine Ahnung, wie viele Hebel ihretwegen schon wieder betätigt werden mussten, Marzipan?“ Der Staatsanwalt wirkt stark unter Stress und sehr aufgewühlt.

Marzipan ist Karsten unendlich dankbar: „Ich habe eine vage Ahnung.“

„Warum sind Sie eigentlich dafür hergeschickt worden? In Schwartau ist doch auch eine passende Stelle dafür.“

„Ich habe mir das nicht ausgesucht, Herr Staatsanwalt. Ich war heute Morgen genau so überrascht, wie Sie jetzt.“

Poleika kocht vor Wut: „Sie haben scheinbar viele Freunde im Ministerium.“

„Ich kenne niemanden im Ministerium. Was ist mit meinen Anforderungen?“ Marzipan bleibt betont ruhig.

„Wird alles veranlasst. Ihr Büro ist oben. Raum vier null sechs. Der Dienstwagen steht bereit. Das Team ist benachrichtigt worden. Ich kann Ihnen nur raten, sich zu beeilen. Schlechte Presse können wir hierbei nicht gebrauchen.“

„Wer sagt denn, dass es schlechte Presse gibt? Apropos Presse, veranlassen wir eine PK?“

„Nein, das wäre völlig falsch. Starten Sie mit den Ermittlungen, unverzüglich. Nächsten Sonntag ist Wahl, bis dahin muss das Thema durch sein. Schlechte Presse ist das Letzte, was die Eltern jetzt gebrauchen können.“

Marzipan zieht die rechte Augenbraue hoch: „Die Eltern oder der Vater?“

„Sie wissen, was ich meine. Machen Sie sich an die Arbeit. Ach ja, unten ist ein Fax für Sie und die Schlüssel für das Büro. Ich bin nicht Ihr Dienstbote, ich bin Ihr direkter Vorgesetzter in dieser Angelegenheit.“

„Das ist immer noch der Erste Kriminalhauptkommissar Müller, aber ich glaube, dass ich schnell Ergebnisse präsentieren kann.“

Auf dem Weg aus dem Büro heraus murmelt Staatsanwalt Poleika noch: „Das wird sich noch zeigen.“

Nach dem Gespräch ist Marzipan nicht so gereizt, wie er es selbst geglaubt hätte. Immerhin bekommt er alles, was er beantragt hat. Er macht sich auf den Weg zum Empfang, um seine Schlüssel und das Fax zu holen, ihm fällt auf, dass er einen Lageplan für das Gebäude gebrauchen könnte und eine Telefonliste. Er bittet die diensthabende Kollegin um die Sachen und darum sein neues Team zu benachrichtigen, bevor er abermals eine Zigarette rauchen geht. Frisch gestärkt macht er sich auf die Suche nach seinem Büro, er will das Fax noch durchlesen, bevor er die erste Besprechung eröffnet. Mittlerweile hat er genug Routine, um in solchen Fällen nicht nervös zu sein. Er holt sich schnell einen weiteren Kaffee aus der Kantine, während er sich fragt, warum es eigentlich immer noch Faxgeräte gibt.