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Der Hilfskommissar Wilhelm Schmeißer lässt sich 1938 zu einer Tätlichkeit gegenüber einer Jüdin hinreißen, welche sich bei der Gestapo für einen Häftling einzusetzen versucht. Moralisch tief beschämt, ist er um Wiedergutmachung bemüht und nimmt einen Brief an den Mann an. 20 Jahre danach stellt sich Schmeißer als NS-Zeitzeuge für den Schulunterricht zur Verfügung. Seine Schwiegertochter entdeckt zur gleichen Zeit das lyrische Werk der Leonie Sachsmann. Nachdem diese den Nobelpreis erhalten hat, erkennen Renate und Schmeißer, dass es sich bei der Schriftstellerin um jene gefährdete Frau handelt, die er vor dem Krieg geschlagen hat. Die Generation der Urenkel führt den wiederentdeckten Brief letztendlich einer diskreten Bestimmung zu. Die Erzählung gründet auf einer Episode aus dem Leben der Dichterin Nelly Sachs (1891-1970) vor ihrer Emigration nach Schweden; sie entwickelt den Vorfall literarisch weiter.
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Seitenzahl: 107
Veröffentlichungsjahr: 2022
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So weit ins Freie gebettet
im Schlaf.
Landsflüchtig
mit dem schweren Gepäck der Liebe.
Eine Schmetterlingszone der Träume
wie einen Sonnenschirm
der Wahrheit vorgehalten.
Nelly Sachs
Die Erzählung Schmeißers Ohrfeigen orientiert sich am Leben und Schicksal der Dichterin Nelly Sachs; Ausgangspunkt war eine Episode, die ich literarisch ausgeformt habe.
Alle übrigen Figuren sind frei erfunden; Ähnlichkeiten mit realen Personen wären also rein zufällig. Frei gestaltet sind daneben gewisse Gegebenheiten und einige Örtlichkeiten (z.B. Topographie des Terrors/Prinz-Albrecht-Straße 9).
Der vorliegende Text ist eine umfassend überarbeitete und stark gekürzte Fassung von Li Sachsmanns Schattenschriften.
Dem Nelly-Sachs-Gymnasium in Neuss, meiner ehemaligen Schule, sowie allen, die sich engagiert gegen den Antisemitismus stellen, widme ich diese Erzählung.
Schließlich
Teil 1
Sara
Zionismus
Ohrfeige
Penetrantes Judenweib
Vor dem Gesetz
Ein bisschen Tamtam
Bonfortionös
Grabstein
Teil 2
William
Ehrliche Haut
Es tut mir leid
Dieser Brief
Ein Traum
Schwimmenderweise
GMT
Leonie gehört mir
Wer mehr verlangt
Tänzerin
Via Air Mail
Verspätete Tochter
Eine Bahre
Teil 3
Pferdeschwanznackenliniensanftheit
Exlibris
Totengräber
Endlich
Die Silhouetten kommen sich nahe, berühren einander jedoch nicht. Aus dem großen flachen Bauwerk mit seinen ausgedehnten Fensterfluchten fließt nächtlich heruntergedimmte Beleuchtung auf die Kieselflächen, die die Architektur an drei Seiten wie einen Schmuckstein umfassen. Ambitionierte Schautafeln, mahnende Dokumente bleiben zur Nacht in dramatischer Mitteilsamkeit ungeschaut; jegliche Art aufreibender Erinnerungsarbeit darf ausruhen. Weit entfernt liegt Prinz-Albrecht-Straße 8, ist aber unmittelbar hier.
Die beiden emsigen Gestalten wirken verbunden durch einen unscheinbaren Gegenstand, welcher zwischenzeitlich von der Hand der einen zu der der anderen wechselt. Einigkeit ist am Werk, ein unaufgeregtes blindes Verstehen. Es geht um einen Mann und eine Frau, Letztere wirkt geringfügig größer. Beide sind jung, doch dem Alter von Jugendlichen entwachsen. Einmal stromert ein dezenter Lichtschein zwischen ihnen hin und her; man mag an eine Taschenlampe oder den dienstbaren Strahl des Mobiltelefons denken.
An die dunkle Rückseite des Gebäudes, das sich aus der Luft als quadratisch zu erkennen gibt, schließt eine vierte Fläche an. Eine naturbelassene Wiese, auf der die beiden Menschenkinder – man darf sie so altmodisch benennen – auf die Knie gegangen sind, erscheint bei Tageslicht wie ein Dementi der Kiesflächen. Sie ist im Sinne des Architekten als Komplement zu verstehen. In der Nacht wirkt hier der Untergrund düster, wohingegen die Kieselflächen matt von innen zu leuchten scheinen. Die beiden Schatten in ihrem harmonischen Bestreben wären allenfalls für Eingeweihte auszumachen. Was sie zu bewerkstelligen haben, betreiben sie in konzentrierter Ernsthaftigkeit. Sie fürchten nicht, bei ihrer Unternehmung ertappt zu werden.
Zuletzt führen beide den Gegenstand, der wesentlich ist, flüchtig an die Lippen, wobei man kaum an einen Kuss gedacht hätte, wäre die Geste nur bei einem zu beobachten gewesen. Es ist die junge Frau, die die Grube auffüllt, indem sie – mit was für einem Werkzeug auch immer – den spärlichen Aushub abträgt; eine Leichtigkeit ist dies. Der junge Mann ergänzt zwei sorgfältig ausgestochene Grassoden in die Grabungsfläche, groß etwa wie die Aktentasche eines Studienrates. Er sorgt dafür, dass ein kleines Ensemble von Goldsternen zurück an den angestammten Platz gelangt, indem er mit gespreizten Fingerspitzen zarte Wurzelballen in die Erde drückt: Die ausquartierten Blümchen werden nicht Leidtragende sein. Die junge Frau schiebt einen Kieselstein von Walnussgröße zwischen die Pflanzung, sodass er kaum zu entdecken ist.
Die beiden jungen Menschen richten sich auf. Indem sie ohne Hast von ihrer Grabungsstätte fortstreben, mit der Gelassenheit derer, die keinen Zweifel kennen, streben ihre Hände zueinander: Nachdem sie ihre Aufgabe erfüllt haben, ist zwischen den beiden noch Eigensinniges auszumachen. Dies betrifft jedoch in ihrer ausgreifenden Verliebtheit sie allein – jene dritte Partei bleibt nun außen vor. Sie schauen nicht zurück. Handflächen und Finger sind sich ihrer Sache ebenfalls völlig sicher.
Seit Juli trägt sie vorschriftsgemäß die Kennkarte mit dem neuen Foto bei sich. Vorne prangt unübersehbar ein großes, innen leuchtet ein gelb gestempeltes J, das nicht weniger denunziert. Sie findet sich zum ersten Mal hübsch auf einer Fotografie, was grotesk ist, bedenkt man die Gehässigkeit des Anlasses. Vielleicht liegt es daran, dass man das linke Ohr für das Foto sichtbar zu machen hat, denn an der Form des linken Ohrs ist bekanntlich die untermenschliche Rasse wissenschaftlich nachzuweisen. Sie hat den Kopf leicht nach rechts gedreht, unaufgefordert, um es dem Fotografen leichtzumachen. So schaut sie auf Fotografien tatsächlich besser aus, denkt sie, indem sie ihr jüdisches linkes Ohr zeigt und ebenso jüdisch nach rechts aus dem begrenzten jüdischen Bild blickt. Was ein rassefremdes Ohr alles ausmacht! Sie wird es in Zukunft immer so halten, das mit dem linken Ohr. Was aber fängt eine demnächst Fünfzigjährige im Oktober 1938 angesichts des Mahlstroms aus Erniedrigungen mit kindischen Einsichten und albernen Vorsätzen an?
Es ist das Leben einer Epoche, in der schon Kleinigkeiten – ein vielsagender Blick im Café, das verlegene Schweigen im Treppenhaus, eine brüske Kehrtwendung auf dem Trottoir – den fatalen Verrat enthalten können. Eine Aussageverweigerung wuchert zum Todesurteil, eine Tür weiter retten versiegelte Lippen zwei Leben. Allgegenwärtig sind die Skrupel, welche Gewissen martern. Viel zu viele unternehmen viel zu wenig, und nicht wenige tun bei besten Vorsätzen genau das Falsche.
Der neue zweite Vorname, zu dem ihre feindselige Regierung sie verurteilt hat, gefällt ihr nicht wenig. Geht sie von nun an halt als Leonie Sara Sachsmann durchs Leben! Man mag es gar als aparten Luxus betrachten, denkt sie und meint dies nicht einmal sarkastisch.
Dergestalt ist sie als Leonie Sara ab sofort auch um etliches attraktiver als zuvor, wenngleich ein reizvolles Wesen gegenwärtig das Letzte ist, das ihr wesentlich erscheint. Mitsamt jüdischem Ohr ist sie zum dritten Male unterwegs von der Lessingstraße zur schrecklichsten Adresse von Berlin. Manch einer wagt sie nicht einmal auszusprechen, weil bittere Beiklänge und unheimliche Untertöne vom Grauen rumoren, das Flüstern, Hauchen, Verstummen einfordert. Aber sie hat keine Angst, war sie doch schon vor Jahren bereit, die Schlange zu küssen, als dies seinetwegen notwendig wurde. Das junge Fräulein Sachsmann aß schließlich auch wieder ordentlich. Schon dem Muttchen zuliebe wurde das unvermeidlich. Andernfalls wäre an ihrer Statt noch aus purem Kummer das Muttchen gestorben!
Sie weiß sich ohne Furcht, fragt sich nur, welcher Instanz sie diesen Schild aus Gleichmut zu verdanken hat. Am Ende ihm selbst, dem Schutzengel, einer wappnenden Manifestation, die sie nicht zu fassen oder erfassen vermag? Am Ende hat wieder jener Magier seine Hand im Spiel, jener zwielichtige Merlin, der hinter so manchem fragwürdigen Zauber ihres Lebens steckt?
Das vormalige Gebäude der Industrieschule für Kunst und Handwerk liegt sonnenbeschienen und heuchelt die Kunde, Ort harmloser Verwaltungsakte zu sein, wohingegen an grauen Tagen bereits die brachiale Fassade den Terror verkündet. Als sie zum ersten Mal vorsprach, hat der pure Angstschweiß ihre dünnen schwarzen Handschuhe durchnässt. Der Laufzettel, am Eingang in die Hand gepresst, verfärbte sich dunkel. Das trug Li den Rüffel einer barschen Beamtin ein, so wie das ungezogene Kind ihn nach der Missetat kassiert.
Diejenigen, die nicht ahnen, welch absonderliche Art von Handwerk man hinter den brachialen Mauern praktiziert, mag kaum ein Argwohn überfallen. Fürwahr ein Handwerk! Man hört so allerlei und weiß, was Hände bewirken: Bei der Geheimen Staatspolizei wird man von Kunsthandwerk nur zynisch sprechen. Lis abgestempelter Name sowie das verräterische linke Judenohr werden unter Waffenschutz in der Eingangshalle erfasst; die Beamtin tastet sie mit grobem Gleichmut ab. Zu ihrer Überraschung darf sie unbeaufsichtigt weitergehen; offenbar hat man mangelndes Talent zum Kriminellen diagnostiziert. Auch konnte sie auf einen speziellen Beamten verweisen.
- Ich habe in dieser Sache bereits bei Kommissar Schmeißer vorgesprochen, Zimmer 329. Danke, ich finde mich zurecht.
Momentan sprachen wieder alle vom Zionismus. Li Sachsmann konnte damit wenig anfangen. In Palästina wurden die Engländer angesichts des gegenseitigen Abschlachtens von Juden und Arabern immer ungeduldiger. Das war nichts für sie und das Muttchen. Sie mussten andere Pläne machen – oder aushalten. Die Regierung ordnete eine jüdische Identität an, obwohl William Sachsmann niemals in seinem Leben am Jüdischen teilgehabt hatte. Man verpflichtete sie, ihre Verbindungen zur deutschen Geschichte und Kultur als illegitim zu tilgen, wollte ihnen das Deutschsein rundherum absprechen, weil sie doch – was jeder wusste – fremdvölkisch und an allem schuld waren!
Armer Papa, dachte sie, assimilierter Jude du, Deutscher aus Leidenschaft, doppeltem Argwohn ausgesetzt, weil auch noch wohlhabend! Du hättest dich von den Franzosen mit Inbrunst für Kaiser und Vaterland zerschießen lassen, wärst du 1914 nicht schon viel zu alt gewesen. Obwohl er den Voltaire, den Balzac so geliebt hatte! Ihr Vater war leidenschaftlich gegen den Zionismus zu Felde gezogen, hätte das jüdische Milieu dreimal verleugnet und lieber brotlose Künstler unterstützt, als absurde Glaubensvorschriften oder unverstandene Festtage zu preisen. Wärst du heute auf der Seite der Zionisten, bei all den Drangsalen um uns herum? Ich könnte wieder das Lernen von dir lernen, hätte das böswillige Tier in seinem Inneren Herrn Ingenieur Sachsmann nicht vor Jahren zerfressen und aus meinem Leben gezerrt. Ich würde deinen Ratschlägen folgen; du wüsstest in diesen schlimmen Zeiten, was zu tun ist, du wüsstest es bestimmt! William Sachsmann, feinfühliger Papa mit den innig geliebten Schubertnoten auf dem stolzen Steinwayflügel, wirst du eines Tages stolz sein auf Li, deine jüdische Tochter, die keine sein will, aber unbedingt eine sein soll? Wirst du stolz sein auf Leonie Sara Sachsmann, deine Tochter mit dem jüdischen Ohr, die gerne wieder die scheue kleine Li wäre, wenn sie nur nicht für das Muttchen Verantwortung trüge?
Gestern hatte sie einen dreißig Jahre alten Brief von ihm wiedergelesen: Die schwermütige Li musste den Bräutigam verwinden, der freundliche Professor half dabei; doch in der Klinik blieb sie nicht nur heimwehkrank.
Wer weiß, fragte sie damals den Mediziner, ist Li Sachsmann am Ende eine vom Stamme der Asra? Er hatte die Anspielung auf Heines trauriges Liebesgedicht ohne mit der Wimper zu zucken pariert. Sie hatte es in einem illustrierten Heine-Band aus Papas Bibliothek für sich entdeckt und auswendig gelernt.
- Bewahre! – für eine Asra geht Ihnen ja glücklicherweise die Todesaura ab!
- Sie meinen also, das literarische Schreiben könnte meinen neurasthenischen Tendenzen entgegenwirken?
- Ich würde Ihre Befindlichkeit ungern mit diesem speziellen Krankheitsbild in Verbindung bringen, kleines Fräulein!, sagte der Doktor Cassirer mit ernster Miene.
- Die kleine Li könnte ihren sogenannten Liebeskummer mit lyrischen Etüden nach der romantischen Schule selbst kurieren?
Darauf war es vor 30 Jahren hinausgelaufen, ja!
Es gab Reste von wächsernem Siegel, auf das der Vater nie verzichten mochte. Die markante Handschrift bannte wie einst ihren Blick; sie war sicher, die allein würde jedem den Schöngeist in William Sachsmann offenbaren.
Meine allerliebste Li!
Die harten Worte in Deinem letzten Brief über Dein zeitweiliges Zuhause haben mich bestürzt. Sei versichert, dass wir allzeit nur Dein Wohl im Blick haben und Deine Wärme in unserem Hause schmerzlichst vermissen. Die Trennung von Deinen Lieben ist für dich um einiges schlimmer. Leider hat mein Versuch keine Früchte getragen, Dir die Zeit mit guter Lektüre zu verkürzen. Ich bleibe optimistisch und sende dir anbei eine Ausgabe der Geschichte des Zauberers Merlin. Ein lieber alter Freund hat sie mir vor langen Jahren ans Herz gelegt. Jüngst überkam mich beim Durchblättern die Ahnung, daß sie Dir wohl gefallen könnte. Dein Muttchen hatte die Befürchtung, daß Dich diese Geschichte schwermütig werden lasse. Ich habe mutig widersprochen!
So sende ich Dir in der Hoffnung, mit dieser Lektüre für meine einzige Li nicht falschzuliegen, die besten väterlichen Genesungswünsche!
Sie hatte sogleich erkannt, dass er schwermütiger geschrieben hatte; mit dem Rasiermesser waren die beiden Buchstaben sorgfältig getilgt: Die Lücke nach dem Wort war zu groß. Seine Sorge, die immerwährende Rücksichtnahme, hatte ihn zur Retusche verführt! Zwei ausgelöschte Buchstaben sprachen umso mehr von der Liebe eines Vaters zu seinem einzigen Kind. Gewiss war sie schwermütig, und sie sprach mit dem Professor darüber. Das konnte Papa nicht wissen, aber doch wohl, dass man Schwermut nicht steigert!
Polizeihilfskommissar Wilhelm Schmeißer hatte noch nie einen Menschen geschlagen, schon gar nicht ins Gesicht, und erst recht keine Frau! Selbst in den rauflustigen Kampftagen vor des Führers Machtergreifung, als die Kameraden Faust, Stuhlbein & Co. Konjunktur hatten, vermochte er sich den Keilereien der Sturmabteilungsmänner zu entziehen. In den Saalschlachten wurde um die Seele des deutschen Menschen und um das neue Deutschland gekämpft. Er hatte sich gewundert, dass niemandem auffiel, wie konsequent er in seinem SA-Sturm zurückblieb, wenn es zu Händeln mit Rotfront oder der Schutzpolizei kam; wenn‘s zur Sache ging und nicht nur Fäuste flogen. Natürlich glaubte er seit 1931 an die gemeinsame Sache, er glaubte an die nationale Revolution, an die Wucht der Volksgemeinschaft, und ja – er glaubte an den Führer! Nicht glühend, wie es einschlägige Parolen oder Vespers lobhudelnde Lyrik unters verblendete Volk brachten, doch er glaubte. Welches andere Glaubensbekenntnis hätte man ihm schmackhaft machen können?
