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Sie dürfen sich freuen über die köstlichen Betrachtungen einer ewig jungen Seele zu ihrem Leben, wie auch über ihre, zum Teil in Mundart gehaltenen, dichterischen Aussagen, die von großer Reife wie von ihrer Schreibgewandtheit zeugen.
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Seitenzahl: 81
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Armin oder Mutters Herkunft
Rösli Krucker-Koller
Kindheit - Jugendzeit 1930-1945
Welschlandzeit 1946
Lehrzeit 1947-1949
Gossau damals
Mundartverse und –geschichten
Reife Jahre
Selbstbetrachtung
Mein neuer Freund
Dichtungen
Ittinger Schreibwerkstatt
Späte Texte
Beobachtungen am Fenster
Jahre dazwischen
Knollenwunder
Krippengedanken
Schmelzungen
Sternengeflüster
Meine Mutter
stammt aus dem kleinen Dorf Burgwallbach in der Rhön. Man sagte früher, die Rhön wäre das Armenhaus Deutschlands. Und so war es auch. Es gab keine Industrie weit und breit, nur riesige Wälder und kleine Dörfer mit einfachen Häusern, im angebauten Stall ein bis zwei Kühe. Hier konnten nur die Frauen melken. Sie besorgten auch die Feldarbeit. Die Männer waren „im Holz“.
Sobald die Mädchen aus der Schule kamen, wurden sie auf die grossen Höfe in der Frankfurter Gegend verdingt. Vom Lohn, den der Vater gegen Allerheiligen abholte, lebte die ganze Familie den Winter durch.
In der Familie meiner Mutter waren sie vier Mädchen und zwei Knaben. Auch meine Mutter und ihre drei Schwestern wurden verdingt. Da ist es hie und da vorgekommen, dass eines der jungen Mädchen mit einem Kind heimkehrte.
So geschah es auch meiner Mutter. Aus dem Sommer 1919 kehrte sie – sechsundzwanzigjährig – mit einem ungeborenen Kind heim. Soviel ich weiss, musste sie zur Entbindung ins Spital nach Würzburg fahren, weil das Vorgefallene in der Familie als grosse Schande galt. Der Dorfpfarrer wusste es aber dennoch, wenn ein solch junges Schäfchen dazugekommen war. Jedermann wusste, was es bedeutete, wenn in der Sonntagspredigt der Pfaarer mit den Fäusten auf die Kanzel klopfte und klagte, was für eine unheilige Brut er hätte.
Armins Jugend
Der kleine Armin wurde trotz allem im Hause meiner Grosseltern gut aufgenommen. Es war eine Grossfamilie mit Onkeln und Tanten. Wenn ich aus jener Zeit ein Bild von Armin betrachte, so ist er ein hübsches, wohlgenährtes Bübchen.
Als Armin etwa sechs Jahre alt war, kam ins Nachbardorf ein junger Schweizer. Dort gab es ein Männerkloster. Weil in dieser Gegend nur die Frauen melken konnten, musste für den Stall des Klosters ein auswärtiger Mann her, der das Melken beherrschte, eben wie dieser junge Schweizer – mein Vater. Er kam aus Niederglatt bei Uzwil. Nach einiger Zeit lernte er meine Mutter kennen. Beide hatten keinen Grund, mit dem Heiraten lange zu warten. Doch vorher ging mein Vater zum Dorfpfarrer um zu fragen, ob er es wohl wagen dürfe, diese Frau mit einem Kind zu heiraten. Der Pfarrer antwortete ihm: „Agatha ist ein arbeitsames, braves Mädchen!“
Von einem Dorfburschen bekam mein Vater eine Tracht Prügel angedroht, weil er ihnen eine von ihren Frauen wegnahm. Aber mein Vater wusste dem zu entgehen.
So heirateten sie im November 1926, meine Mutter in Schwarz, weil sie keine Jungfrau mehr war. Sie bezogen mit Armin zusammen eine Wohnung neben dem Kloster. Und Armin bekam so einen guten Vater.
Rückkehr in die Schweiz
Zwei Jahre nach der Heirat erreichte den Vater ein Hilferuf aus der Schweiz. Der Josef solle doch bitte nach Hause kommen. Sein einziger Bruder sei schwer krank, es gehe auf dem Bauernhof so nicht mehr. Man habe auch eine Wohnung für die junge Familie.
Vater kehrte vorerst allein in die Schweiz nach Niederglatt zurück. Zwei Monate später kam meine Mutter mit Armin und dem Hausrat nach. Armin besuchte als deutsches Kind in Niederglatt die Primarschule.
Klein-Armin
Bald starb Vaters Bruder. Meine Eltern bewirtschafteten zusammen den Hof. Mutter konnte ja gut melken und mähen. Doch mit der Schwägerin harmonierte es nicht gut. Ihr gehörte ja der Hof. Da zogen meine Eltern von Niederglatt weg und fanden in Oberbüren ein einfaches Haus mit einem Stall. Darin zog mein Vater junge Ferkel auf. Armin besuchte mittlerweile die Sekundarschule in Uzwil.
Vater und Mutter mit Armin
Meine Geburt
In unserem alten Familienalbum gibt es eine Karte, die stammt von meinem Götti Johann Gehrig. Datiert ist sie vom Sommer 1930. Darauf steht: „Ich komme dann zu gegebener Zeit“.
Der Stubenwagen stand schon bereit; Vater hatte ihn nachts bei Bekannten geholt. Er war damit auf der Dorfstrasse durch ganz Oberbüren gefahren, wobei er auf halbem Weg noch in einer Wirtschaft einkehrte.
Die „gegebene“ Zeit kam am 1. September 1930. Meine Mutter hatte die ganze Nacht in den Wehen gelegen und mein Vater dementsprechend unruhige Stunden hinter sich. Es war gut, dass die Wirtschaft „Glattfeld“ neben unserem Haus bereits morgens früh öffnete. So schickte die Hebamme meinen Vater dorthin. Von Zeit zu Zeit schaute er herein um nachzufragen, wie weit es denn schon sei. Immer wieder wurde er weggeschickt und da mein Vater ein sehr geselliger Mensch war, traf er immer wieder neue Wirtshausgäste, denen er von seiner Sorge und seiner Vorfreude erzählen konnte. Jedes Mal wurde angestossen und bis ich dann mittags um ein Uhr zur Welt kam, war mein Vater ordentlich betrunken.
Wo sich mein Halbbruder Armin während dieser Zeit aufhielt, weiss ich nicht. Doch gewiss freute er sich über das Schwesterchen. Aus den acht Jahren, die wir zusammen verbringen durften, weiss ich, dass er mich liebte.
Zwei Tage nach der Geburt wurde ich auf den Namen Rosa Verena getauft. Rosa, weil meine Patin so hiess und Verena, weil der 1. September der Verenatag ist.
In Mogelsberg
Die Ferkelzucht in Oberbüren war nicht erfolgreich. Es war die Zeit der grossen Arbeitslosigkeit, auch hier in der Ostschweiz. Mein Vater bekam ein Angebot für vier Jahre sichere Arbeit. Die Gemeinde Mogelsberg hatte Güterzusammenlegung für die Bauern beschlossen und liess die Grundstücke vermessen. So konnten mein Vater und Armin für den Geometer Straub aus Gossau arbeiten, der diesen Auftrag bekommen hatte. Doch manch ein Bauer wollte sein Stück Land nicht so einfach gegen ein anderes hergeben und rannte mit der Mistgabel in der Hand den Vermessern nach.
Im Winter gab es wenig Arbeit, zu wenig für Vater und Armin. So wurde Armin Ausläufer bei der Confiserie Vögeli in St. Gallen. Mit dem Velo und einer Krätze belieferte er die Kunden in der ganzen Stadt. An eine Lehre war gar nicht zu denken, denn damals musste man noch Lehrgeld bezahlen.
Vater, Mutter, Armin und Rösli
Ich erinnere mich, dass Armin am Sonntag jeweils heimkam. Er machte dann die ersten Fotos von mir, mit einem viereckigen, schwarzen Kästchen.
In diese Zeit fiel der Tag, an dem meine Mutter eine Fehlgeburt erlitt. Sie bekam ein gewisses Medikament gespritzt. Von dem Moment an litt sie als Folge dieser Einspritzung zeitlebens unter Lähmungserscheinungen im linken Bein.
Armin musste folglich viel im Haushalt helfen. Einmal wollten ihn Freunde abholen; doch er musste zuerst die Wäsche aufhängen, bevor er gehen durfte. Aus St. Gallen brachte er der Mutter auch den ersten Gehstock. So etwas konnte man in Mogelsberg nicht kaufen.
In Gossau
Das grosse Dorf, Heimatort meines Vaters, war unser nächstes Ziel. Wir wohnten an der Hauptstrasse (heute St. Gallerstrasse). Vater fand in der Gerberei Arbeit, Armin in der Gummibandweberei. Die Weberei war ein Betrieb mit Verbindungen nach Deutschland, deshalb arbeiteten hier einige Deutsche.
Armin war auch in der Bürgermusik und spielte Waldhorn. Er war ein Frauenschwarm: Über 1.80 Meter gross, blond, helläugig und ein lustiger Bursche. Einer seiner Freunde war Albert Lorenz, dessen Eltern ein Coiffeurgeschäft besassen. Albert hatte eine jüngere Schwester mit Namen Rösli. Frau Lorenz erzählte mir Jahrzehnte später, dass sie immer gehofft habe, ihre Tochter werde mal ein schönes Mädchen, damit Armin sie heirate, denn so einen Schwiegersohn hätte sie sich gewünscht.
Zu der Zeit liessen sich etliche Deutsche in der Schweiz einbürgern. Aber wir hatten kein Geld, um für Armin die Schweizer Staatsbürgerschaft zu erwerben.
Einmal kam Mutters Schwester aus Schweinfurt, Tante Therese, für einige Tage zu uns nach Gossau auf Besuch. Da stand sie in unserem kleinen Vorgarten und grüsste alle Vorbeigehenden mit „Heil Hitler“. Wir mussten ihr das verbieten.
Am 16. April 1938 feierte ich meinen Weissen Sonntag. Armin schenkte mir das Gesangbuch mit der Widmung „Von deinem Bruder Armin“.
Abschied
Armin wurde zur deutschen Wehrmacht einberufen. Es war ein Werktagmorgen, als Armin abreiste. Ich musste zur Schule gehen. Vorher verabschiedete ich mich von ihm. Ich sehe bis heute den Ort, wo das Bett stand, worin er noch ruhte. Er sagte liebevoll: „Tschau Rösli“. Das wars! Die Mutter gab ihm ein Ringlein mit einem roten Stein mit. Das soll von seinem leiblichen Vater gewesen sein.
Dann kamen seine ersten Briefe aus der Kaserne von Heilbronn.
Der Krieg
Am 1. September 1939 war Generalmobilmachung in der Schweiz. Mein Vater wurde eingezogen und stand monatelang an der Grenze. Dass Armin jetzt heimkommen könnte, war sehr unwahrscheinlich. Seine Briefe wurden jetzt auch zensuriert.
Deutschland wurde bombardiert. Die Schweizer freuten sich, wenn sie das Rot der brennenden Städte der unbeliebten Deutschen sahen. Während den Urlaubstagen ging mein Vater gerne in eine Wirtschaft. Manchmal musste er die Beiz wieder verlassen; er hätte sonst Streit und Schläge bekommen, weil wir einen „Schwob“ in der Familie hatten. Wir mussten uns ganz still verhalten, auch als Mutters Schwester Therese mit ihrem Mann, der ältesten Tochter und deren neugeborenen Zwillingen in Schweinfurt bei einem Bombenangriff ums Leben kamen. Fünf ihrer Kinder überlebten. Die Hand der jüngsten Tochter Ruth ragte aus einem Schuttkegel. Das Mädchen war schwer verletzt, wurde aber gesund gepflegt. Die übrigen Kinder waren zum Zeitpunkt des Angriffs zum Glück in der Schule oder bei der Arbeit und sind so unverletzt geblieben. Über all das Leid durften wir nicht reden. Man gönnte uns die Angst und die Sorge. Meine Mutter litt unendlich viel Zeit still vor sich hin. Immer wieder schickte sie mich zum Briefkasten um zu sehen, ob nicht Post von Armin gekommen wäre. Ich sehe heute noch ihre Augen, wenn wieder nichts darin lag.
