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Die Geschichte einer Freundschaft - in Leben und Tod.
Das E-Book Schmerzsturm wird angeboten von tredition GmbH und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Freundschaft,Sterben,Tod,Trauer
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Seitenzahl: 332
Veröffentlichungsjahr: 2018
Anja Baumgart
Eine Geschichte vom Sterben
© 2018 Anja Baumgart
Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7469-1602-6
Hardcover:
978-3-7469-1603-3
e-Book:
978-3-7469-1604-0
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Schmerzsturm
Eine Geschichte vom Sterben
Für Valeria und Mara – Tinas „Pfeile in die Zukunft“
Dies ist eine wahre Geschichte. Die Geschichte vom Leben und Sterben meiner Freundin Tina.
Es gibt Geschichten, vor allem im Kino, die handeln davon, wie man im Angesicht des nahenden Todes unbedingt noch etwas erleben möchte. Reisen, Fallschirmsprünge, was auch immer, jedenfalls etwas ganz Sensationelles, das dann als Vehikel für das ganz große Gefühl herhalten muss.
Es gibt auch die anderen Geschichten, die mit der Wunderheilung, mit dem Happy End, an das keiner glauben wollte. Dass schon alles verloren scheint, und dann wird doch alles wieder gut. Einfach so, oder dank eines Wunderheilers, eines Wundermittels, eines Wunders eben, und dann sind alle ganz geläutert und versprechen sich, dass sie von nun an ganz, ganz anders leben wollen.
Es gibt auch die Geschichten, in denen dann doch jemand sterben muss, aber der Überlebende lernt etwas ganz Entscheidendes daraus, verändert sich, wird ein Wohltäter der Menschheit oder ein großer Künstler …
Das alles gibt es aber leider nur im Kino. Diese Geschichte hat kein Happy End. Wir sind nicht gemeinsam nochmal um die Welt gefahren, Tina ist nicht mehr gesund geworden und ich habe das alles nicht „verkraftet“.
So spielt es halt, das richtige Leben.
***
Prolog
Als ich sie an diesem Abend sehe, kann sie schon wieder ein wenig lächeln. Doch ihr Lächeln ist nur für mich aufgesetzt, das spüre ich deutlich. Sie weiß, dass ich mit dem nackten Grauen kämpfe. Ist es das jetzt? Kommt der Tod? Da ist sie selbst, meine beste Freundin, schon einen Schritt weiter. Es ist noch nicht lange her, dass ich sie gefragt habe, ob sie Angst hat. Nein, hat sie gesagt. Das bringt ja nichts. Es gibt keinen anderen Weg, als dass ich sterben muss. Bald. Doch bis zu diesem Tag schien das, obwohl wir alle Befunde kannten, das halbe Internet ausgelesen hatten, doch eher Theorie. Tina war auch heute wie immer. Sie sah aus
wie immer, auch wenn sie nach zwei erfolglosen Chemotherapien noch vor kurzem keine Haare auf dem Kopf gehabt hatte – sie waren jetzt schon wieder nachgewachsen, kurz und grau, das war aber schon etwas anderes, denn Tina hatte vorher stets darauf geachtet, dass das Grau nicht so durchkommt. Doch jetzt, in diesem kleinen Krankenzimmer, eigentlich eher eine Abstellkammer im elften Stock der Uniklinik, spürte ich, dass es ernst wurde. „Der Ernst des Lebens“, davor hatte man uns seit Kindertagen immer gewarnt. Doch der Ernst des Todes, von dem sprach niemand. Jetzt war er da. Tina schaute mich an. Erst dann bemerkte ich, dass ihr Körper mit einer Schmerzmittelpumpe verbunden war. Der Tumor in ihrem Leib hatte sich gemeldet. Er wuchs und drückte auf die Organe. In dieser Nacht hatte er einen Harnleiter blockiert. Eine Nierenkolik war das Resultat. Die Schmerzen müssen unerträglich sein. Ich kannte das schon von meinem Vater, bei dem ich als zehnjähriges Kind eine solche Situation mit angesehen hatte. Sein vor Schmerzen graues, eingefallenes Gesicht, sein Stöhnen konnte ich auch jetzt, Jahrzehnte später, noch vor mir sehen und hören. Das sollte jetzt auch Tina durchgemacht haben? Die hier doch nur ein wenig blass im Bett lag? „Wir haben in der Nacht den Krankenwagen gerufen“, antwortet sie auf meine nicht gestellte Frage. „Ich hatte solche Schmerzen. Und als wir hier ankamen, da war es so schlimm, ich bin in den Armen der Schwester zusammengesackt. Ich wollte hier ganz ordentlich und höflich mein Krankenzimmer beziehen, aber das ging nicht mehr. Und ich hörte die Schwester rufen: Morphium! Schnell!! Hier hat jemand einen Schmerzsturm!!“ Ein Schmerzsturm. Ein Wort, das ich noch nie gehört hatte. Doch es musste wirklich das passende Wort für das sein, was passiert war. Noch in der Nacht wurde Tina notoperiert, in den blockierten Harnleiter wurde ein Röhrchen eingesetzt, damit er wieder funktionieren konnte. „Man hat mich dann gefragt, ob ich noch eine Operation haben möchte, um den Tumor zu reduzieren. Ich habe das dann abgelehnt“, erzählt mir Tina, mir fest in die Augen blickend, ob ich verstehe. Abgelehnt, frage ich. Warum? Noch etwas Zeit dazugewinnen? Doch Tina fällt mir ins Wort. Nein, sagt sie. Ich will nicht, dass man mir den Bauch aufschneidet, dass ich eine riesige Wunde habe, die ja dann doch nicht mehr richtig heilt. Ich will die letzten Tage meines Lebens nicht so verbringen. Sie sollen etwas gegen die Schmerzen tun. Sonst nichts mehr. Ich mache meinen Mund wieder zu, denn ich verstehe. Ich kann sie nicht überreden, nicht beraten, nicht bitten. Das hier ist ihre Entscheidung, nicht meine. Der Tod kommt. Bald. Und sie will das so machen, wie sie es noch selbst gestalten kann. Da hat niemand ein Recht, ihr reinzureden. Auch ich nicht, ihre beste Freundin. Seit fast 50 Jahren. In drei Monaten werde ich 50. Wir hatten uns das immer als nette Feier vorgestellt. Das würde es nicht werden. Vor dem Fenster des Krankenzimmers leuchteten viele Lichter. Wolkenkratzer der Stadt, Bankenhochhäuser zumeist, einer mit einer Spitze wie ein Bleistift. Lichter auf dem Fluss, Lichter auf Brücken. Nichts von alledem fand ich schön. Draußen ging das Leben einfach weiter. Wir saßen hier in diesem winzigen Kämmerlein, wo auch noch ein hässliches, unangenehmes Windgeräusch zu hören war. Ich trug einen lächerlichen weißen Kittel, den hier jeder überziehen musste, denn auf dieser Station lagen auch Knochenmarktransplantierte. Tina konnten keine Bakterien noch etwas antun. Schlimmeres als das, was sie aufzufressen drohte, gab es nicht mehr. Doch ich hatte den Kittel natürlich angezogen. Regeln zu befolgen, das schafft in Horrorsituationen wie dieser noch eine Illusion von Struktur. Wir redeten gar nicht viel. Was sollten wir auch noch sagen, was wir uns in 50 Jahren noch nicht gesagt hatten? Es war alles ausgesprochen. Eine von uns würde nun alleine auskommen müssen. Ich war das. Wie lange noch? Was würde sie noch aushalten müssen? An diesem Abend im Februar konnten diese Fragen nicht beantwortet werden. Ich hielt ihre Hand. Sie schaute mich an. Mehr passierte nicht. Der Schmerzsturm der Nacht war vorbei, doch meiner fing gerade erst an.
***
Knapp elf Monate früher. Nicht länger… Wir saßen im kleinen Wintergarten eines pittoresk-abgewrackten ehemaligen Kurhotels an der Mosel und prosteten uns mit Weißwein zu. Es war uns langjährigen Freundinnen bisher nur selten gelungen, mal ein schönes Wochenende lang zu verreisen. Wir beide hatten unregelmäßige, freie Berufe, die uns auch am Wochenende forderten – seitdem Tinas Kinder groß genug waren, arbeitete auch sie, denn vorher war sie für die Kinder da. Solche freien Wochenenden wollten wir uns aber nun wirklich öfter gönnen. Nicht immer nur dem Geld nachjagen, das wir beide nur mäßig verdienten, uns dafür aber ziemlich anstrengen mussten. Da waren wir uns einig: Wir waren nicht mehr die Jüngsten, Tina hatte gerade ihren 50. Geburtstag hinter sich, meiner stand im kommenden Jahr bevor.
Arbeiten ist anstrengend, Traumberufe hatten wir beide nicht. Warum also die Zeit nicht mehr genießen? Es war kalt und nass draußen. Aber wir hatten spannende Bücher dabei, vor allem: wir hatten uns. Wir konnten auch einfach nur nebeneinander sitzen und lesen. Alles schien in Ordnung zu sein. Tina war nur ein wenig nervös, denn in der folgenden Woche sollte sie operiert werden. Schon jahrelang hatte sie immer mal wieder unter Bauchschmerzen gelitten. Eine Gebärmutterentfernung hatte sie vor sich hergeschoben. Doch jetzt hatten sich die, so wurde angenommen, gutartigen Myome so vergrößert, dass ihre Ärztin nun doch dringend zur Operation riet. Ein Eingriff, wie er bei vielen Frauen unseres Alters durchgeführt wird, keine große Sache. Und überhaupt kein Grund, sich davon das Wochenende verderben zu lassen. Sonntagabend fuhren wir nach Hause. Ich drück dir die Daumen, sagte ich zum Abschied. Danke, sagte Tina.
Nach einer Woche hatte sie sich schon wieder gut erholt. Die Operation hatte zwar eine Komplikation gehabt, Tina hatte viel Blut verloren, denn man hatte es nicht geschafft, die stark vergrößerte Gebärmutter durch die kleine Öffnung, die bei einer minimal-invasiven Operation in die Bauchdecke gebohrt wird, zu entfernen. Dann musste man ihr doch den ganzen Bauch aufschneiden. Es gruselte mich ein wenig bei ihrer blutigen Schilderung am Telefon. Ich hatte es gar nicht nach Frankfurt geschafft, um sie zu besuchen. Wir telefonierten, schrieben Mails, wie immer. Es klang, als sei alles in bester Ordnung, als sie entlassen werden sollte. Ich hatte mir bereits vorgenommen, sie dann gleich zu Hause aufzusuchen. Wir wohnten nicht in der gleichen Stadt, eine Stunde Fahrzeit etwa lag zwischen uns – „mal eben vorbeikommen“ ging nicht mehr so einfach, seit sie vor über 20 Jahren aus Wiesbaden nach Friedberg gezogen war. An jenem Dienstag im April, an dem wir den Boden unter den Füßen verlieren sollten, schien die Sonne und ich kam von einem kurzen Spaziergang mit meinem Hund zurück, als mein Telefon in der Manteltasche klingelte. Ich setzte mich auf die Gartenbank, ließ den Hund von der Leine und sah, dass der Anruf von Tina kam. Sie würde wohl jetzt zu Hause angekommen sein und fragen, wann ich sie denn nun mal besuchen käme. Ich drückte die Taste. Und hörte: Anja!! Ich habe Krebs! Nur diesen Satz. O Gott, was, wie, wieso, Hilfe??? Tina sprach weiter. Man habe untersucht, was ihr entfernt wurde. Erst jetzt stehe das Ergebnis fest. Es sei ein seltener, bösartiger Tumor, der sich in sehr wenigen Fällen hinter den harmlosen Myomen verbirgt. Der Name: Leiomyosarkom. Keine von uns hatte dieses Wort schon einmal gehört. Aber, sagte ich. Aber man hat den doch entfernt, und alles andere dazu. Der ist doch jetzt im Mülleimer! Sei froh, er ist weg! Ich glaube, sagte sie, ganz so einfach ist es nicht. Die Ärzte haben ziemlich betreten geguckt. Ja aber, er ist doch jetzt weg! Man hat ihn dir entfernt! Ist doch gut, dass du jetzt doch die Operation machen ließest, wer weiß, was da noch gekommen wäre! Hm, sagte sie, was aber wohl nicht gut war, war der Versuch, das erst minimal invasiv zu operieren. Dabei ist viel im Bauch kaputtgegangen und verteilt worden. Sie wollen jetzt noch mal operieren und alles entfernen, Eierstöcke und so weiter. Das können sie aber erst in ein paar Wochen machen. Ich soll mich erst erholen. Und Chemo? Wusste sie noch nicht. Sie wusste noch gar nicht viel, erst vor ein paar Minuten hatte das Gespräch mit den Ärzten stattgefunden. Ihr Mann würde sie gleich abholen. Na ja, sagte ich, das ist ja eher blöd gelaufen jetzt. Aber der Tumor ist doch im Mülleimer! Der ist doch raus aus dir! Das muss doch gut sein!
Wir beendeten das Gespräch, ich holte den Hund, ging ins Haus, erledigte dies und jenes und setzte mich dann an den Computer. Dort suchte ich nach Informationen über den Tumor namens Leiomyosarkom. Was ich fand, schockierte mich. Ich las, dass dieser Tumor sehr selten war – so selten, dass nur an einer einzigen Klinik in Deutschland ein Spezialist damit befasst war. Und dann: Die Überlebensrate sei gering. Fast niemand überlebe 5 Jahre. Der Krebs verbreite sich über das Blut. Besonders in die Lunge. Schnell. Er spreche nicht auf Chemo- und Strahlentherapie an. Es gab allerlei Erfahrungsberichte, die alle nicht gut klangen. Ganz schlecht sei, wenn der Tumor bei seiner Entfernung verletzt wird, da im ausströmenden Blut dann die Krebszellen weiterwandern. Ich lese und lese und suche die eine Information, die irgendwie Hoffnung vermittelt, den einen Arzt, die eine Spezialklinik, das eine Medikament. Und ich finde nichts dergleichen. Der einzige deutsche Spezialist empfiehlt, älteren Frauen die Gebärmutter grundsätzlich nicht minimal-invasiv zu entfernen – eben wegen jenes Risikos. Ich lese, lese, lese. Und erst dann kommt mir der Gedanke, dass auch Tina jetzt an ihrem Computer sitzt und genau das Gleiche liest wie ich.
Nur, dass es um sie selbst geht.
„Ich habe jetzt wohl die Seiten gewechselt“, das hat sie schon am Telefon gesagt. Ich habe das mit meinem Mülleimer-Spruch wegzudiskutieren versucht. Man will ja nicht, dass so ein Worst Case eintritt. Das kann ja gar nicht sein. Das passiert anderen, aber doch nicht uns.
Am nächsten Morgen telefonieren wir wieder. Mit dem Wissen, dass jede von uns die Informationen im Internet gelesen hat. Wir können gar nicht so viel sagen. Es würgt uns beide im Hals.
Das kommt so plötzlich. Wir wollten doch zwei lustige alte Damen werden! Endlich sorgenfrei sein, und wenn das Geld später bei einer von beiden nicht reicht, dann schmeißen wir alles zusammen! Rotwein in der Sonne trinken! Oder am Abend! Oder Weißwein! Blöde alte Filme schauen! Uns die Rheumasalbe gegenseitig draufschmieren! Uns Mut machen! Lachen! Teilen! Reisen! In Erinnerungen schwelgen! Von denen wir so viele haben, und zu denen noch so viele dazukommen sollten!
Das alles geht mir im Unterbewusstsein herum, ich spreche es nicht aus, ich spreche auch nicht aus, was dichter unter der Oberfläche schwelt: Ich werde allein bleiben! Ich werde dich verlieren! Die schlimmsten Ängste werden jetzt doch wahr! Nie wieder werde ich jemandem glauben, der sagt, es werde alles gut.
Wir hangeln uns so durch dieses Telefongespräch. Ich komme bald zu dir, sage ich. Dann rufe ich meinen Mann an, meine Mutter, und verliere die Fassung.
Auch mein Mann googelt im Büro den Tumor. Als er an dem Abend nach Hause kommt, sehe ich auch in seinem Gesicht, dass er gelesen hat, was Sache ist.
***
Ich sitze im so genannten „Lisbeth-Zimmer“ in meinem Haus. Das Lisbeth-Zimmer heißt so, weil darin früher meine Tante Lisbeth wohnte. Ich lebe jetzt im Haus, das meine Großeltern und andere Familienmitglieder in den fünfziger Jahren gebaut haben, als Großfamilie, bestehend aus ostpreußischen Flüchtlingen. Deswegen hat es viele kleine Zimmer. Vor drei Jahren haben mein Mann und ich es hergerichtet, für uns beide und unseren neuen kleinen Hund. Tina hat sich gefreut und mitgeholfen. Ihr Elternhaus steht gegenüber, leer und verwaist. In dieser Straße haben wir uns kennen gelernt, als ganz kleine Mädchen. Mein Opa fand, dass wir doch schön zusammen spielen könnten. Damals war auch Tinas Familie eine richtige Großfamilie, sechs Kinder, die Großeltern ebenfalls mit im Haus. Hier war „Zuhause“. Meine Eltern zogen später oft um. Bei der Oma aber war ich in allen Ferien.
Und nicht nur bei der Oma, sondern auch bei Tina. Zu Hause. Jetzt sitze ich im „Lisbeth-Zimmer“, das seinen Namen behalten hat. Und ich wische Schmutz von grünen und weißen Christbaumkugeln ab, die an einem kleinen Nadelbäumchen hingen. Das Bäumchen wächst auf Tinas Grab. Zum zweiten Mal bereits habe ich es mit diesen Kugeln geschmückt. Jetzt, nach ihrem Tod, ist sie nach Wiesbaden heimgekehrt und hat ihre letzte Ruhe gerade mal ein, zwei Kilometer von mir entfernt gefunden. Im Grab ihrer Eltern. Sie hat, wie sie es sich gewünscht hat, einen Grabstein in Form eines aufgeschlagenen Buches. Daneben wächst das Bäumchen. Zu Weihnachten hänge ich die Kugeln dran, zu Ostern bunte Ostereier. Ich habe auch eine Rose gepflanzt, eine Staude mit dem schönen Namen „Tränendes Herz“ und eine Hortensie, eine blaue, wie Tina sie liebte. Die Hortensie ist aber gleich wieder eingegangen. Der Friedhofsgärtner hat sie entsorgt. Ich sitze im Lisbeth-Zimmer, mache die Kugeln sauber, bevor ich sie auf den Dachboden räume. Und ich weine. Wieso muss ich mich hier um Grabschmuck kümmern? Wieso nicht um unsere nächste gemeinsame Urlaubsreise? Oder sonst irgendwas Normales, was Schönes?
***
Wir sind zwölf, dreizehn Jahre alt. Wir sind in der Scheune von Michels, um die Ecke. Irene wohnt dort, sie ist so alt wie wir. Wir treffen uns oft zu dritt. Heute bemalen wir alte Holzstühle in bunten Farben. Hören dabei Radio. Es gibt eine Sendung, immer von
13 bis 14 Uhr. Darin stellen Gruppen ihre Musikwünsche zusammen, die dann gespielt werden. Schulklassen, Vereine, Klubs. Wir wollen das auch. Aber wir sind nur drei! Ob die uns auch nehmen? Wir überlegen uns eine Art „Legende“. Wir sind – obwohl zeitlich gesehen etwas zu spät – alle drei große Fans der Beatles. Kurzerhand werden wir zum „Beatles Fanclub“. Wir schreiben unsere Musikwünsche auf eine lange Liste, 80 Prozent Beatles, den Rest andere Musik. Falls wir gezogen werden, dann wird eine von uns angerufen und muss im Radio erzählen, was wir denn für ein Verein sind. Wir überlegen, wer das macht und was man dann am besten sagt. Irene wird es sein, denn ihre Eltern wundern sich wohl am wenigsten über so eine Sache. Wir verabreden, was sie erzählen soll, während wir unsere Stühle mit Ringeln und Tupfen verzieren. Wir lachen den ganzen Nachmittag, bis uns unsere Eltern zum Essen holen.
Unsere Musikliste wird dann aber nie gezogen.
***
Ich stehe auf der Bühne und singe. Es ist das Konzert des Chores, in dem ich seit vielen Jahren bin. Tina hat nur selten Zeit, zu den Konzerten zu kommen. Dieses Mal ist sie aber gekommen. Ich singe nur für sie, so stelle ich mir vor. Manche Textzeilen bekommen dadurch plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Nach dem Konzert umarme ich Tina, es kommen auch andere Chormitglieder, die sie kennen und denen ich erzählt habe, was passiert ist. Sie retten sich in diese Sprüche, die man immer sagt. „Es wird schon wieder“. „Alles Gute, ich wünsch dir was“. Tina sieht aus wie immer, blass und dünn war sie schon immer, vielleicht ist sie jetzt noch etwas blasser und dünner geworden. Sie hat mittlerweile ihre zweite Operation hinter sich gebracht, bei der ihr alles weitere „Entbehrliche“ aus dem Unterleib entfernt wurde: Eierstöcke, Blinddarm… Man will damit erreichen, dem Krebs möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Doch das ist ein hilfloser Versuch. Mehr operieren geht nicht. Es geht eigentlich gar nichts mehr. Es ist ein Warten auf den nächsten Einschlag. Oder auf ein Wunder. Soll es ja schon gegeben haben. Spontanheilung. Tina, dem Esoterischen nicht so grundsätzlich abgeneigt wie ich, lässt sich Bücher empfehlen über Ernährung bei Krebs. Verzichtet auf Zucker. Kauft sich ein Buch namens „The healing code“, in dem propagiert wird, so verstehe ich es, wie mit der Kraft der Gedanken und irgendwelcher bedeutungsschwangerer Gesten der Krebs zum Verschwinden gebracht werden soll. Meine Meinung dazu war immer: Quatsch. Mumpitz. Geldschneiderei. Blödsinn. Zinnober. Jetzt denke ich: Wenn es doch nur helfen würde.
Wir gehen nach dem Konzert nicht mit den anderen in ein großes Lokal. Wir gehen nach Hause, setzen uns gemeinsam aufs Sofa und sind einfach nur da.
***
Einige Tage nach der Diagnose. Wir telefonieren jetzt täglich, manchmal sogar mehrmals. Tina hat immer mehr Informationen zusammengesammelt. Begreift immer deutlicher, wie ausweglos die Lage ist. Und sagt mir, wenn es nicht mehr geht, „dann fahre ich in die Schweiz“. In die Schweiz. Wo man sich gegen Bezahlung in geordneten Verhältnissen selbst das Leben nehmen kann. Das ist jetzt kein Film, kein Roman, keine dahingesagte Drama-Ansage. Das ist meine Freundin Tina, die an Krebs leidet und sagt, dass sie sterben wird, sterben will, wenn es nicht mehr anders geht. Das ist echt. Trotzdem unfassbar. Sie fragt nicht, ob ich da mitfahre. Ich sage trotzdem, ich bin dann bei dir. Ich will das nicht. Aber ich bin dann bei dir, wenn du so entscheidest. Vielleicht wird doch noch alles gut? Sage ich. Vielleicht hab ich ja auch noch ein paar Jährchen? Sagt sie. Diese Unterhaltung kann man einfach nicht mit allen Konsequenzen führen. Das ist zu viel. Wir beenden das irgendwie. Und ich probiere doch, mir vorzustellen, wie ich mit ihr in die Schweiz fahre. Und ohne sie wieder zurück. Wie ich zusehe, wie sie irgendetwas Schreckliches trinkt. Einschläft. Nicht mehr aufwacht. O Gott! Dafür reicht meine Phantasie nicht aus. Oder doch? Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Auch nicht, wie ich das Denken abstellen kann.
***
Morgens ist es immer am schlimmsten.
Ich muss nicht „zur Arbeit“, als freie Journalistin genieße ich den Luxus, morgens Ruhe zu haben. Das wird noch mehr werden. Meine Arbeit wird immer weniger gebraucht oder wertgeschätzt.
Also habe ich Zeit. Zeit, nachzudenken. An Tina zu denken. Wie sie mir fehlt. Wie gerne ich sie anrufen würde, so wie wir es oft um diese Tageszeit gemacht haben. Auch sie war nicht angestellt. Sie saß an einer Telefon-Hotline für einen Lebensmittelhersteller und musste von zu Hause aus Beschwerden entgegennehmen. Im Schichtdienst. Wir beide verdienten ähnlich wenig und hatten dabei auch ähnlich wenig Freizeit, doch diese Umstände erlaubten es uns wenigstens, morgens manchmal ausgiebig zu telefonieren und die Einsamkeit, die uns beide in unseren Wohnzimmern überfiel, durch fernmündliche Verbundenheit zu bekämpfen.
Als sie krank wurde und sofort aufhörte zu arbeiten, haben wir dann wirklich jeden Tag telefoniert.
Jetzt ist diese Einsamkeit am Morgen geradezu körperlich spürbar. Mein kleiner Hund hilft ein bisschen. Doch wenn ich auf meinem Sofa sitze und aus dem Fenster schaue, dann sehe ich das Haus von Tinas Eltern, leer und unbewohnt. Ein Haus, in dem ich unzählige Male war, das ich kenne wie meine Westentasche. Rechts geht die Treppe hoch, im Flur hat ihr Vater unter die Decke gemalt: Herr, segne dieses Haus und alle, die da gehen ein und aus. Das Haus sieht wahrscheinlich mittlerweile von innen ganz anders aus. Ich habe ja keinen Grund mehr, es zu betreten. Es gehört Tinas älterem Bruder, der es bis jetzt noch leer stehen lässt. Ich weiß nicht, was er damit vorhat. Es ist auch egal, es geht mich nichts an. Das Haus gehört auf schmerzhafte Weise zu einer Topographie der Vergangenheit, die mich an vielen Ecken meiner Heimatstadt überfällt. So viele Häuser, in denen ich früher einund ausging! Die von Menschen bewohnt wurden, die mir etwas bedeuteten. In denen man vergnügliche Stunden verbrachte, spielte, lachte, schlief, redete, stritt und sich versöhnte. Tinas Haus. Das Haus ihrer Schwiegereltern. Das Haus meiner Schwiegereltern. Eigentlich auch mein eigenes Haus. Auch das gehört zur Vergangenheit. Ich wollte es mit Gegenwart und Zukunft füllen, es war ein so schöner Plan: Alles schön herrichten, endlich einen Hund anschaffen, immer ein großer Wunsch! Platz haben für Gastfreundlichkeit, bei der Tina immer eine Rolle spielen würde. Denn sie liebte es zu kochen, zu backen, ganz im Gegensatz zu mir, die ich mich nur in seltenen Fällen aufraffte, ein richtiges Essen zuzubereiten, meist tatsächlich nur für Gäste. Tina bekam es immer hin, etwas Leckeres auf den Tisch zu bringen, egal zu welcher Tages- oder Jahreszeit. Wenn ich ein Fest gab, konnte ich mich darauf verlassen, dass sie etwas Wunderbares mitbrachte. Oft den saftigen Möhren-Orangen-Salat, den ich besonders liebte. Und auf etwas anderes konnte ich mich auch verlassen: Wann immer ich bei ihr zu Gast war, gab es eine Extraportion für mich ohne Zwiebeln, Knoblauch und andere Zutaten, die ich nicht mag. Ganz selbstverständlich und ohne Extra-Ansage, einfach, weil sie das für mich tun wollte.
***
2010, Frühjahr. Noch herrscht das Gefühl, Zukunft zu gestalten und das Haus jetzt zu renovieren. Aufbruchstimmung. Ein neuer Lebensabschnitt. Tina hilft uns mit Mann und Kindern, eine tatkräftige Truppe. Wir lösen Tapeten ab, streichen, bauen später jede Menge Ikea-Möbel zusammen. Ein wunderbares Projekt, endlich einmal etwas, das sich richtig lohnt. Tina freut sich mit mir. Wir machen Pause in unseren schmutzigen Arbeitsklamotten. Auf dem Rasen in dem noch völlig ungestalteten, baustellenmäßig zugestellten, unkrautüberwucherten Garten, legen wir uns auf platte Pappkartons und schauen in den blauen Himmel. Ich gestatte mir etwas Optimismus, sonst eher weniger meine Art: Na, jetzt haben wir es ja bald geschafft. Vielleicht wird es ja ganz nett hier. Tina unterstützt mich: Jetzt wird das alles ganz, ganz schön, du wirst schon sehen. Wenn ich hier so in den Himmel gucke, dann kommt’s mir vor wie früher. Dir nicht auch? Das rote Dach, der große Baum, die Bäume vom Nachbarn. Das ist doch der vertraute Anblick. Da wird man doch wieder jung, oder? Ich find’s toll, dass ihr euch das getraut habt mit dem Haus. Das wird wunderbar.
Ich schaue in den Himmel und denke: Vielleicht hat sie recht. Ach was, ganz bestimmt.
***
Heute? Heute ist alles Teil dieser Topographie des Vergangenen. Und mein schönes Haus, das ich in ganz bunten Farben anstreichen ließ, atmet so viele Erinnerungen, dass ich es an manchen Tagen kaum aushalten kann.
Viel zu viel Zeit verbringe ich am Computer. Auch das ist erst jetzt so geworden. Man kann sich leicht aufregen, man hat die Illusion von Kontakt. Man liest fürchterliche Schauergeschichten.
Es tut nicht gut. Bei Facebook bekomme ich eines Tages eine „Erinnerung“ vorgeschlagen, ein Foto, das ich vor zwei Jahren gepostet hatte: Silvester 2013. Tina und ich auf diesem Sofa, genau dieses hier hinter mir, sie trägt die Perücke, die sie nach der Chemotherapie trug. Sie lächelt, mir steht eher das Entsetzen im Gesicht, ich habe den Hund auf dem Schoß, wir wissen schon, dass es unsere letzte gemeinsame Silvesterfeier sein wird. Wir wollen glauben, dass es anders ist, aber wir wissen es ja besser.
Auf dem Bild ist eine Flasche Handlotion zu erkennen. Die steht heute noch da und ist noch nicht mal leer. Ich bin noch da. Der Hund. Die Topfpflanze. Die vielen bunten Kissen und das bunte Bild an der Wand, Liegestühle, ein roter Sonnenschirm.
Nur Tina fehlt.
***
2013, Frühjahr, die zweite Operation. Man hat ihr gerade Zeit gelassen, sich von der ersten zu erholen, dann gedrängt, dass sie sich noch einmal operieren lässt. Niemand spricht so direkt von einem Kunstfehler bei der ersten OP. Im Internet haben wir ja gelesen, dass von minimal invasiven Operationen abgeraten wird, wenn die Frau älter beziehungsweise die Gebärmutter stark vergrößert ist – genau wegen jenes Risikos. Das wissen nicht alle Ärzte, scheint es. Tina ficht das wenig an, selbst wenn man sie über das Risiko aufgeklärt hätte, hätte sie es wohl ignoriert. Sagt sie. Eine minimal invasive OP bedeutet keine Bauchwunde, schneller wieder fit sein, das hätte sie möglicherweise auch so gewählt. Ich besuche sie nun im Krankenhaus. Die Sonne scheint, sie sagt, lass uns doch rausgehen. Direkt hinter dem Krankenhaus beginnt eine Kleingartenkolonie. Da sei sie auch schon mit ihrem Mann spazieren gegangen. Lass uns ganz aus dem Gelände rausgehen, sagt sie. Meinst du wirklich, frage ich? Musst du dich nicht irgendwo abmelden? Kannst du wirklich schon einfach so rumlaufen? Ja, sagt sie. Da hinten ist sogar eine Gaststätte, da habe ich neulich mit dem Michi gesessen, er hat ein Schnitzel gegessen. Vielleicht haben die ja heute auch auf. Ich kann es kaum glauben. Ist etwa alles wieder gut? Schnitzel essen? Drei Tage nach einer Operation? Wir laufen langsam durch die Gartenanlage, es blüht, es ist Frühling. Etwas surreal mutet der riesige Fernsehturm aus Beton an, der hinter der Kleingartenkolonie steht und wie ein eben gelandetes Raumschiff wirkt. Aber so ist das hier in Frankfurt. Die Sonne wärmt. Die Gaststätte ist nicht offen. Wir gehen zurück ins Krankenhaus, dort ist eine Baustelle, die Lärm produziert, aber trotzdem bleiben wir in der Sonne sitzen, auf einer unbequemen, halbrunden Metallbank. Kannst du hier wirklich so sitzen, frage ich? Geht es dir gut? Ja, sagt sie. Heute Morgen haben die mir übrigens auch gesagt, das, was sie jetzt noch entfernt haben, sei ohne Krebszellen gewesen. Das sagst du mir erst jetzt, beschwere ich mich. Das ist doch wunderbar! Du wirst gesund! Jetzt ist alles raus! Was da im Internet steht, ignorieren wir! Du wirst die Statistik verändern! Hurra! Tina lächelt. Ich weiß nicht, was sie in diesem Moment denkt. Wir haben beide gelesen, dass sich diese speziellen Krebszellen über das Blut verteilen und als erstes in der Lunge auftauchen. Sie hat bei der ersten Operation heftig in den Bauchraum geblutet. Das lässt sich nicht wegdiskutieren.
Trotzdem verabschiede ich mich von ihr mit einem guten Gefühl. Es soll das letzte Mal sein, dass ich ein gutes Gefühl habe. Doch an diesem Tag fahre ich mit einem leichteren Herzen wieder nach Hause.
***
Wir sind Kinder, kleine Mädchen, die es lieben, sich zu verkleiden. Und in den Schränken beider Häuser gibt es genügend Möglichkeiten, sich zur Prinzessin zu machen. Ich habe eine Tante, die früher Turniertänzerin war. Sie hat viele ihrer alten Kleider in den Schränken auf dem Dachboden deponiert, wir dürfen sie anziehen. Tina hat fünf ältere Geschwister, es gibt jede Menge alte Fastnachtskostüme und viele andere bunte Sachen, die Sechziger waren ein buntes Jahrzehnt. Wir suchen uns Sachen heraus, ziehen sie an. Tina mit ihrer knabenhaften Figur und den dunklen Haaren wird zu „Arpad, dem Zigeuner“. Das war eine Fernsehserie aus den Sechzigern. Sie trägt eine rote Satinbluse und einen Gürtel aus blechernen „Goldmünzen“. Ich hingegen bin die Prinzessin, es gibt dafür zwei Kleider mit Tüll und Pailletten, eins in Grün mit aufgenähten Federn, eins in Hellblau. Wir tanzen wie ein richtiges Tanzpaar durch den Garten. Wir singen auch, richtig zweistimmig. „Alle Vögel sind schon da“. Und irgendwas mit „grüner, grüner Holderstrauch“ – den Rest weiß ich nicht mehr, doch ich hab unsere Stimmen noch im Ohr. Wir kommen auf die Idee, eine kleine Aufführung für die Familie einzustudieren. Singen, tanzen, ein paar Pfennige einsammeln. Wir sind stolz auf den Applaus, den wir bekommen. Ein schöner Sommertag geht zu Ende.
Ich hole Tinas Tochter bei ihrer Großmutter ab. Wir wollen ein Konzert besuchen. Es ist Winter, der erste Winter ohne Tina. Die Oma ist klein und gebeugt, ein Schatten ihrer selbst, sie ist krank, hat Parkinson. Ich klingele an dem Haus, wieder eines der Häuser aus der Vergangenheit. Ich war lange nicht dort, doch ich weiß, wie es hinter der Tür aussieht, ich kenne mich aus, kenne dieses Haus, seine Treppen und Türen, seinen Geruch. Valeria öffnet die Tür, umarmt mich. Dahinter die kleine Oma, die mich von unten anschaut. Sie sagt nicht guten Tag. Sie sagt: Fehlt sie dir? Ich kann nur nicken. Wir haben hier etwas vor. Es soll kein trauriger Abend sein. Schon um Valerias willen. Ich zwinge mich auf eine andere Ebene. Doch der Blick der Oma verrät, dass sie genau weiß, was los ist. Valeria und ich steigen ins Auto. Sie sieht Tina so ähnlich. Die gleichen schwarzen Locken, die gleiche weiße Haut, so ein Schneewittchentyp: Schwarz wie Ebenholz, rot wie Blut, weiß wie Schnee… Das ist mir noch nie so aufgefallen wie an diesem Tag.
Aber wir haben tatsächlich ein bisschen Spaß. Ich rede mir ein: Tina hätte es so gewollt, das hätte ihr gefallen, dass ich ihre Tochter jetzt so nett nach Mannheim kutschiere und mit ihr den Chor „Perpetuum Jazzile“ anhöre.
***
Wenn ich mich unverhofft im Spiegel ansehe, erschrecke ich darüber, wie alt ich geworden bin. Ich sehe aus wie eine mittelalte Frau, die Kummer hat. Nun war ich noch nie ein Mensch, der von Natur aus Optimismus ausgestrahlt hat. Es gibt solche Menschen. Ich habe sie entweder beneidet oder sie gingen mir schlichtweg auf die Nerven, wenn der Zug zu ausgeprägt war. Oder war das nur stärkerer Ausdruck des Neides? Ich weiß es nicht. Das wäre so ein Thema gewesen, das ich ausgiebig mit Tina hätte besprechen können. Stundenlang konnten wir reden, mutmaßen und analysieren, so, wie es mit anderen kaum funktioniert. Anderen will ich mich gar nicht in dem gleichen Ausmaß zumuten. Jetzt schon gar nicht mehr. Mir war, uns war schon sehr bewusst, dass unsere Art, miteinander zu reden, einander zu verstehen, etwas Singuläres war. Ausgiebig und dennoch ehrlich, empathisch und dennoch nicht kritiklos. Zeitweilig dachte ich, das müsste auch mit anderen gehen. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch so, aber eben nicht darüber hinaus. Nichts war zu schlimm, aber auch nichts zu banal, als dass es nicht von Tina und mir ausgesprochen werden konnte. „Lebenszeugen“. Das hatten wir einmal in einem Film gehört, als Ausdruck für Freundschaft: Jemand nimmt das Leben des anderen so ernst, dass er sich auch noch für die kleinsten Aspekte interessiert, wirklich, ehrlich interessiert. Nimmt den anderen bei Bedarf in Schutz. Strahlt aus, dass er eben immer da ist. So war das. „Lebenszeugen“. So haben wir uns oft genannt. Und wenn ich jetzt sage, ich sehe aus wie eine mittelalte Frau mit Kummer, dann hätte Tina gesagt: Ach, und wie ich erst aussehe. Wenn man älter wird, ist es doch besser, ein paar Pfunde draufzuhaben. Schau dir meine Hände an, so hager und mit Altersflecken übersät. Du, du hast noch so junge Hände. Würdest du sie nicht immer vor lauter Nervosität kaputtbeißen, dann wären es so schöne Hände.
***
Tina hat aufgehört zu arbeiten. Endlich. Sie hat ihren Job schon lange nicht mehr richtig gemocht. Leute, die anriefen und sie mit ihren oft so trivialen Fragen löcherten. Sogar in der Silvesternacht, Heiligabend, einfach immer musste diese Hotline besetzt sein.
