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Nora und Adrian sind ein Paar. Sie versuchen ihr gemeinsames Leben auf dem Hof zu meistern. Der grantige Vater von Adrian und Noras Probleme mit sich selbst gefährden ihre Liebe mehr und mehr. Aber das, was Hoffnung geben kann gibt jedem der beiden immer wieder neue Kraft. Für Nora reicht diese zeitweise nicht mehr.
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Seitenzahl: 298
Veröffentlichungsjahr: 2015
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A. Wolkenbruch
Schmetterlinge im Kopf
ein Roman von Adriana Wolkenbruch
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Anfang
Arbeit
Herzen
Wurzeln
Hunde und Katzen
Verbindungen
Etwas stirbt
Apfelgeister
Station
Schmilzen
Alles oder nichts
Tage
Belinda aus Berlin
Impressum neobooks
Du bist meine Wette
Daß das Leben wundervoll ist
Unverfälscht und selbstverständlich wie ein Baum
Bewachst du deinen tiefen Grund,
nimmst einen Schluck vom Himmel
und küßt mich auf den Mund...
Du entlarvst mich immer wieder
Und sagst, ich wär´ ein Schmetterling
Worüber alle schweigen müssen
Weil es wertvoller als Worte ist.
Deshalb kann ich die Luft küssen
Wenn du nicht bei mir bist
Er hätte sie am liebsten einfach nur angeschaut und sein Schnitzel gegessen. Aber Nora blieb hartnäckig. „Wie sind deine Eltern?“ Er kaute auf einem großen Stück. Er aß immer sehr schnell. Daher war es Nora irgendwie peinlich, daß sie schon aufgegessen hatte. Aber schließlich war es ja nur Salat gewesen , mit etwas Brot. Nun lagen nur noch ein paar Krumen in dem Korb. Nora spürte, wie liebevoll sein Blick auf ihr lag und genoß ihn. Eine Fliege machte sich an einem der Brotkrumen zu schaffen. Es schien, als ob sie ihn mit ihrem kleinen, zittrigem Rüssel abtastete. Nora hob ihren Kopf und ihre Augen trafen Adrians. Sie mußte lächeln und war etwas verlegen. Sie hielt es nie lange aus, wenn geschwiegen wurde. Es war ihr unangenehm.
„Du könntest mir deine Eltern doch etwas beschreiben...“
„Wie sollen sie schon sein?“
Nora seufzte. Er hatte vermutlich nie versucht, mehr zu sein als er war. Er versuchte nie, sich interessant zu machen. In ruhiger Zurückhaltung gesprochen war jedes seiner wenigen Worte wertvoll für Nora. Sie betrachtete die Bilder an den Wänden. Auf einem war ein Segelboot zu sehen. Wilde Wellen schienen es hin- und her zu werfen. Es sah nach Abenteuer aus. Und auch ihr Leben empfand sie als Abenteuer. Weil sie Adrian kennengelernt hatte, weil sie nie zuvor jemanden wie ihn gekannt hatte. Jemanden, der so wenig aufhebens um sich machte und daher so anziehend auf sie wirkte. Es war nicht so, daß sie besonders viel Überraschendes hinter seiner ruhigen Art erwartete. Er war einfach, wie er war. Sie konnte ihm vertrauen und war oft überwältigt, so gut schien er sie zu verstehen. Und manchmal warf er ihr auf eine rührend trockene Art und Weise eine humorvolle Bemerkung zu. Dann war sie entweder sprachlos, weil es sie traf oder sie mußte lachen, weil es lustig war. Die Welt war lustig an der Seite eines lieben Freundes. Nora fühlte sich manchmal beschwipst von Adrian. Wie konnte er auch dann noch so geduldig und gelassen sein? Sie mußte ihm doch manchmal auf die Nerven gehen. Sie sah seine Hand, wie sie sich als lockere Faust auf der Tischkante abstützte. Sie konnte nicht anders. Sie legte ihre Hand auf seine. Es war schön, seine Haut zu spüren. Adrian dachte: ich muß ihr sagen, wie schön sie ist.
Es regnete. Rinnsale liefen an der Frontscheibe seines alten Golfes herab. Vielleicht war es viel zu früh, Nora seinen Eltern vorzustellen. Andererseits hatte sein Vater sehr darauf gedrängt. Adrian hatte versucht, die Sache mit Nora zu seiner Angelegenheit zu machen. Es war seine Freundin. Allerdings konnten sie sich vielleicht öfter sehen, wenn Nora ihn besuchen käme. Verschwommen durch das Regenwasser sah er den Zug in den kleinen Bahnhof rollen. Lediglich eine Tür öffnete sich. Es mußte Nora sein. Sie schien sein Auto sofort erkannt zu haben, denn sie ging zielstrebig darauf zu. Hoffentlich wäre es nicht allzu schlimm, daß er die alte Arbeitskleidung trug. Er mußte schließlich noch in den Stall. Die Tür der Beifahrerseite öffnete sich. Ein starker Gestank quoll Nora entgegen. Sie lachte. „Oh, oh, frische Landluft!“ „Ja“, sagte er und wollte sich verteidigen. Sie stieg ein.„Schon okay.“ Ein flüchtiger Kuss streifte seine Wange. „Aufgeregt?“, schmunzelte er. Seine Augen konnten lächeln. „Ja, schon“, sie biß sich auf die Unterlippe.
Adrian fuhr sehr zügig und es spitzte immer wieder links und rechts Wasser aus Pfützen in großen Schwüngen am Auto herauf. Nur vereinzelt sah man Gebäude in der Feldflur liegen und manchmal wurde sie von Waldstücken gesäumt. „Das da ist unser Wald“, Adrian wies mit dem Zeigefinger nach rechts.
„Ihr habt auch Wald? Wie schön. Was macht ihr damit?“
„Wenn wir viele Bäume fällen, verkaufen wir das Holz und etwas ist immer für unseren Karmin.“
„Geht ihr auch auf die Jagd?“ Noras Augen funkelten.
„Ja. Aber mehr mein Vater.“ Er presste seine Lippen aufeinander.
Ein langer, schmaler Teerweg führte durch ein großes, offenes Tor. Es war links und rechts in eine Steinmauer eingefaßt. Der Wagen rollte auf den Innenhof und kam vor einem der beiden Garagentore zum stehen.
Noras Herz flatterte. „Alles halb so schlimm “,sagte er. Die schwere Haustür war nur angelehnt. Sie gingen durch einen schmalen Flur, der in einen großen Raum mündete. Vier Türen und ein großer Karmin gliederten die Wände. An den freien Stellen hingen dutzende ausgestopfter Tiere und ein Heer von Geweihen. Nora staunte. „Komm“, flüsterte Adrian und führte sie durch eine der Türen in das Wohnzimmer. Maria und Willhelm Eichhof-Dinker saßen hier auf der alten, braunen Garnitur. Auf dem Tisch lagen Teile der Tageszeitung. Jeder hatte einen weiteren Teil in den Händen. Sie schienen sich regelrecht vorbereitet zu haben. Fast gleichzeitig ließen sie die Blätter sinken und schoben sie zu den anderen auf den niedrigen Tisch. „Guten Tag“, sagte Nora schüchtern und gab jedem der Eltern die Hand. Adrian setzte sich auf einen der beiden freien Sessel, Nora auf den anderen. Willhelm fragte, woher Nora käme und es wurde über Städte und ihre Zugehörigkeit zu bestimmten Landstrichen debattiert. Maria sagte nichts und Adrian hielt sich auch etwas zurück. Schließlich hatten auch Willhelm und Nora nichts mehr zu diesem Thema zu sagen und es herrschte Stille. Nora wurde nervös. „Sie haben ja sehr viele ausgestopfte Tiere im Flur.“
„Alles selbst geschossen“, brummte Willhelm
„Ich muß jetzt in den Stall, Füttern.“ Adrian war im Begriff aufzustehen.
„Soll ich dir helfen?“
„Kannst du...wenn du möchtest.“
„Gib ihr alte Sachen“, wisperte Maria.
„Ja,ja, ick wees“, nuschelte Adrian und verließ mit Nora im Schlepptau das Wohnzimmer. Die Tür fiel zu.
Er küsste sie und nahm sie in die Arme, um sie hochzuheben. Nora lachte. Sie gingen die Treppe hinauf und in ein kleines sehr karg möbliertes Zimmer. Adrian fischte einen alten Pullover und eine Jeanshose aus seinem Schrank. „Ist dir bestimmt zu groß, aber das ist ja nicht schlimm, oder?“
Nora zog sich um. Zufrieden kuschelte sie sich in den dicken Pullover.„Ich finde die Sachen toll... Die riechen so ach dir.“
Adrian fütterte die Bullen. Mit lässigen, leicht kantigen männlichen Bewegungen führte er die Arbeiten aus. Jede Bewegung saß und wie bei einer Choreographie fügten sich die einzelnen Arbeitsschritte zusammen. für Nora gab es nicht viel zu tun. Sie ging quer über den Hof zu den Hundezwingern. Die Jagdhunde sprangen bellend an den Gittern hoch. Nora fragte Adrian, ob sie nicht heraus dürften. „Manchmal.“
„Darf ich sie nicht heraus lassen?“
„Ja. Aber du mußt aufpassen, das sie nicht zu weit weg laufen.“
Nora benutzte die Leinen, die an den Zwingern hingen. Es war nicht einfach, die sich wild gebärdenden Tiere mit dem Halsband an der Leine zu befestigen. Aber Nora schaffte es. Fröhlich wedelnd zogen die Tiere an den leinen. Der größere der beiden kam immer wieder auf Nora zu und leckte ihr dankbar über das Gesicht. Schließlich zogen die beiden ihre neue Errungenschaft den Teerweg hinauf.
Später gab es Kaffee und Kuchen.
Willhelm redete Plattdeutsch mit seinem Sohn. Maria aß schweigend das Stück Kuchen und nahm hin und wieder einen Schluck Kaffee. Nora tat das gleiche und lauschte dabei dem hitzigen Wortgefecht. Sie verstand kein Wort. Aber es klang lustig. Urtümlich und männlich. Schließlich saßen beide Männer stumm da. Willhelm stand der Schweiß auf der Stirn und Adrians Ohren waren knallrot. Beide konzentrierten sich jetzt auf ihre Kuchenstücke.
Es vergingen ein paar relativ unbeschwerte Wochen. Adrian hatte vieles auf dem Hof zu erledigen. Die Ernte mußte eingefahren werden und ein neues Computersystem wurde installiert. Nora mußte sich um ihr Studium kümmern. Es langweilte sie, am Computer zu sitzen und sich mit Problemen der Gliederung einer Hausarbeit auseinander zu setzten oder Literatur durchzuarbeiten. Manchmal, wenn sie in einem der großen Hörsäle saß und den Lernstoff in sich aufnahm, überkam sie ein ungutes Gefühl. Sie fühlte sich der Menschenmenge, die sich um sie herum befand, ausgeliefert. Sie verspürte einen starken Drang, die Veranstaltung zu verlassen. Sie fühlte sich entsetzlich hilflos. Dabei bereitete ihr der Lernstoff keine großen Schwierigkeiten und sie hatte bisher alle Prüfungen bestanden. Sie ließ immer öfter Vorlesungen ausfallen und besorgte sich die Prüfungsinhalte aus dem Internet und wenn sie sie dort nicht bekommen konnte, fragte sie manchmal eine andere Studentin nach den Unterlagen. Den Inhalt der Prüfungen lernte sie dann allein in ihrer Wohnung. Sie hatte immer wieder vor, sich mit Leuten aus dem Studium zu treffen. Es wäre vielleicht lustig, zusammen zu lernen. Aber bisher wurde daraus nichts. Vielleicht war es der falsche Studiengang. Dieser Zweifel nagte manchmal an ihr. Aber, sagte sie sich immer wieder, ein abgeschlossenes Studium ist an sich gut und man kann damit auch in anderen Bereichen arbeiten. Oder danach etwas anderes machen. Vielleicht war sie sich dann sicher, was sie wollte. Dieser Gedanke machte ihr Hoffnung.
Sie traf sich mit Adrian in einem Cafe. Wenn sie bei ihm war, gelang es ihr jetzt manchmal, ein Schweigen zu ertragen. Oft hielten seine Hände, die immer warm waren, ihre kühlen Hände und wärmten sie.
Dann besucht sie Adrian wieder auf dem Hof. Sie hätten mehr Zeit füreinander, wenn Nora über nacht bliebe, überlegten sie.
Es war ein nett beginnendes Wochenende. Sie fuhren am Abend in die Stadt und trafen eine Freundin von Nora mit deren Freund um sich einen Film im Kino anzusehen. Adrian schlug sich mit den Händen auf die Oberschenkel, wenn er lachte. Nora war so fasziniert davon, daß sie ihn fast den ganzen Abend damit aufzog. Adrian sagte halbherzig „Jetzt lass es doch.“ Aber erst als er ernster wurde und seine Stimme eindringlicher „Bitte lass es“ raunte, hatte er Erfolg. Nora war zufrieden. Genau so sollte das Leben sein.
Am nächsten Morgen klopfte es sehr früh an Adrians Zimmertür. „Wer ist das denn?“
„Mein Vater.“ Adrian schlug die Bettdecke zur Seite und stand auf. Er fischte den alten Pullover von der Lehne seines Schreibtischstuhles und zog ihn über seinen Kopf um kurz darauf mit den Armen in die Ärmel zu fahren. Nora verfolgte gähnend, wie er sich seine Hose anzog. Sie seufzte. Es war komisch: warum wurde Adrian von seinem Vater geweckt? Sie hatten doch nicht verschlafen. Es war sechs Uhr in der Frühe. Und es war Wochenende. Aber sie wäre bereit, sich an die Gepflogenheiten zu gewöhnen. Sie war bereit, Opfer zu bringen.
„Soll ich dir helfen, im Stall?“
„Wenn du möchtest..“
Nora schlüpfte in Adrians Sachen, die sie bereits gestern zum Füttern angezogen hatte. Sie schlurften verschlafen die Treppe hinab. Der Tisch in der Küche war bereits gedeckt und Maria saß auf ihrem Platz vor einer Tasse Kaffee. Man bedachte sich mit einem morgendlichen Gruß. Adrian und Nora aßen jeweils ein Brötchen und tranken eine Tasse Kaffee. Fast gleichzeitig standen sie auf. Nora mochte Adrians Cordschlappen nicht besonders. Sie sahen so ältlich aus. Jetzt schlüpfte er aus einem heraus und legte mit seinen Händen den unteren Teil der alten Jeanshose eng um seine Wade. Dann fuhr er mit dem Fuß in den Gummistiefel. Als er auch den zweiten Gummistiefel angezogen hatte, reichte er Nora ihre alten Schuhe. Sie hatte einen Großteil ihrer Freizeit zwischen Ponies verbracht und daher ihre alten „Stallschuhe“ mitbringen können. Damit ihre Haare nicht so stark den Stallgeruch annahmen, versteckte sie sie unter einer Mütze. Nora liebte es, wenn Adrian die Stallarbeit verrichtete. Er sah so männlich und stark aus und er behandelte sein Vieh geschickt und nicht ohne Feingefühl. Manchmal , wenn es die Zeit zuließ war sogar sehr geduldig und fürsorglich. Er war gerne Landwirt, das war offensichtlich. Und genau das rührte in Nora so etwas wie Stolz. Als er vom Schlepper stieg, mit dem er das Maissilo für die nächste Fütterung in den Futterwagen verladen hatte, wartete Nora bereits auf ihn. Ihr Gesicht strahlte. „Im Stall finde ich dich am attraktivsten.“ Adrian zog die Augenbrauen hoch. „Ach! Im Stall...“. Das klang verächtlich. Nora ging zu ihm und legte ihre Arme um seinen Hals. Adrian lächelte und sie kamen sich näher, bis ihre Lippen sich berührten. Der Kuß war lang und schmeckte nach „Außer-Atem-sein“ und leicht nach Kaffee.
Willhelm war schon eine ganze Weile wie ein Tiger zwischen Küche und Flur hin und her geschlichen. Er hatte nachgedacht, überlegt, was er sagen wollte. Wie er seinen Zweifeln und seinem Ärger Luft verschaffen könnte. Ein düsterer Blick traf erst Adrian und dann Nora, als sie das Haus betraten. „Kommt gleich mal ins Wohnzimmer. Ich habe was mit euch zu besprechen“, forderte er. „Jaja“, brummte Adrian. Es lag eine unangenehme Spannung in der Luft. Es schien ihnen, als wäre dies nur der Anfang. Wie bei einem Gewitter, daß sich durch Spannungen in der Luft ankündigt, bevor es sich entläd. Sie gingen zunächst nach oben, um sich saubere Kleidung anzuziehen.„Was will dein Vater denn mit uns besprechen?“
„Ich weiß es doch auch nicht...“
Zuerst ging Adrian durch die Tür. Seine vollen Lippen waren trotzig aufgeworfen. Nora folgte ihm mit polterndem Herzen. Willhelm wartete bereits im Sessel. Adrian und Nora nahmen auf dem Sofa Platz. Sie wirkten etwas scheu, so wie sie sich aneinander gedrängt hatten. Nora überlegte, ob „Händchenhalten“ erlaubt war. Sie entschied sich dafür, zu tun, was sie wollte und suchte Adrians Hand. Die beiden ineinander geschlossenen Hände wirkten wie eine stabile Faust und Nora fühlte sich sicherer.
„Ich wollte mal mit euch sprechen...“
Pause. Nora wurde immer nervöser. Dann rutschte ein „Aha“ durch ihre Lippen in den Raum.
„Ja, mein Sohn und du..., ihr seid ja jetzt schon länger zusammen. Wie sieht das denn so aus....Ja, nach ein paar Monaten, da weiß man ja schon so einiges...!“
Ein versteinerter Freund und ein vorwurfsvoller Männerblick nahmen Nora in die Zange. Der Männerblick senkte sich auf den Teppich und Willhelms Unterarme begannen in der Luft zu kreisen. Sie schienen nach den Worten zu ringen, die seine Zunge nicht fand.
„Ja, es ist ja auch alles nicht so einfach!“
„Ja“, flog es etwas heiser aus Noras Mund. Er war trocken. Genau wie Adrian.
„Was stellst du dir denn so vor...zukünftig. Ich hätte ja auch gedacht, du würdest dich hier mehr einsetzen auf dem Hof.“
Nora überlegte. Wie sollte sie Willhelm begreiflich machen, das sie eine ehrliche Haut war? Denn sie war eine ehrliche Haut, ehrlicher als jeder andere Mensch, den sie kannte. Daß sie nichts anderes wollte, als mit Adrian zusammen zu sein. Und das dieses Zusammensein bestimmt nicht schädlich für seinen Sohn wäre. Sie seufzte.
„Ich bin an der Landwirtschaft interessiert. Ich bin ja auch nicht nur einfach so mit ihrem Sohn zusammen, ich bin ernsthaft mit ihm zusammen, es geht mir nur um ihn.“
Nora spürte, wie Adrians Hand feucht wurde. Das war süß, fand sie.
Stille. Nora wurde nervös und ihre Augen zwinkerten aufgeregt. Willhelm, der alte Geizhals, dachte bestimmt wer-weiß-was. Bestimmt hatte er Angst um sein Geld. Oder das durch sie der Hof herunter gewirtschaftet würde.
„Also, ich bin nicht wegen dem Hof mit ihm zusammen, das wäre ja eher...ein Grund sich nicht zu binden....Wegen Adrian bin ich hier. Und ich bin sehr an der Landwirtschaft interessiert. Ich hatte immer viel Tiere um mich .“
Willhelms Hände flogen hoch. „Ja aber Hunde und Katzen, das ist ja was grundsätzlich anderes als hier! Hier gibt es ja viel, viel mehr zu tun. Und wenn das dann zu viel ist...Man weiß ja nicht, was da alles an Ärger auf einen zu kommt! Und der ganze Dreck! Und in den ersten Jahren, da geht es dann noch, aber später, dann kommen erst die ganzen Probleme! Das sehe ich doch an meinem Neffen und seiner Frau! Da kann sich Adrian ja besser gleich erhängen!“
Adrian entfuhr ein lautes und bestimmtes „Ach!“
Nora war erleichtert.
Willhelm griff wieder an. „Du kommst ja auch aus der Stadt, das paßt ja nicht. Das geht ja gar nicht.“
Nora erinnerte sich, daß sie schon mindestens drei mal während früherer Gespräche erwähnt hatte, daß sie in einem Dorf aufgewachsen sei. Wenigstens das würde sie jetzt noch einmal anbringen.
„Ich komme doch aus einem Dorf.“
„Und so ein Hof ist schnell verloren. Das sieht jetzt so schön aus. Aber hab das mal jeden Tag! Und meine Frau und ich wollen ja auch noch was von unserem Leben haben! Du kannst dir das ja gar nicht vorstellen. Man sagt so schön: Ein-Mann-Betrieb, aber so ist das ja nicht. Und dann das Haus und der Garten und alles...“
„Ich habe eine Ausbildung als Gärtnerin....“, keimte es kurz in Nora auf. Die Wahrheit war: sie hatte die Gärtnerlehre nach eineinhalb Jahren abgebrochen. Sie war diejenige gewesen, die alles hingeschmissen hatte, weil ihr Chef ihr extrem nah gekommen war. Wut begann in ihr zu kochen. Sie schluckte. Sie liebte Pflanzen und alles, was damit zusammenhing. Das hatte ihr immer Kraft gegeben.
Aus der Küche rief Maria. Das Mittagessen war fertig
Die drei Personen, die das Schicksal, aus irgendeinem Grund , vielleicht auch grundlos, zusammengeführt hatte, standen auf und folgten.
Während des Essens herrschte einträchtiges Schweigen. Alle waren der Ansicht, daß dies nun das einzig Richtige wäre. Nur Maria fragte vorsichtig, ob es denn auch schmecke. Drei Köpfe nickten. Alle nahmen noch nach. Nur Nora war übel und sie lehnte dankend ab. Sie sah durch das Fenster die Eiche draußen. Der Wind spielte mit ihren Blättern. Als wenn der Baum ihr etwas Heiterkeit zu winkte. Sie hörte Adrian, wie er die letzten Kartoffeln mit Bratensoße vom Teller kratzte. Das Fleisch hatte er natürlich zuerst gegessen. Seine linke Hand hing zwischen den beiden Stühlen, auf denen sie saßen. Sie ließ ihre daneben sinken und als sie mit ihrem Zeigefinger sachte seinen Handrücken streifte, drehte sich seine Hand ihrer zu und die beiden Hände sanken wie von selbst ineinander.
Adrian hatte hin und her überlegt, die Dinge gewendet, untersucht, abgelegt, neu geordnet und wieder verschoben. Er hatte über die Zukunft sinniert, Möglichkeiten und Wege in Gedanken durchgespielt. Schließlich war er, müde und verwirrt, eine Stunde bevor sein Wecker klingelte, in einen schwachen, ruhelosen Schlaf gesunken.
Auf dem Tisch in der Küche standen Kaffee und Brötchen, Wurst und Käse. Wahrscheinlich hatte sich seine Mutter jetzt mit der Zeitung in das Wohnzimmer zurückgezogen. Oder sie hatte sich wieder ins Bett gelegt. Es war schließlich Sonntag.
Adrian durchfuhr ein Schlottern, eine solche Kälte schlug ihm entgegen, als er vor die Tür trat. Und hier, im Stall, war es durch die Tiere noch wesentlich wärmer als draußen. Adrian zog seine derben Arbeitsschuhe an und schlug den Kragen des alten Parkers hoch. Die Bullen brüllten vorwurfsvoll und Adrian ging auf den Hof, um den Futterwagen zu holen.
Als die Bullen und Schweine versorgt waren, standen die Zeiger der Küchenuhr auf neun Uhr. Gerne hätte sich Adrian wieder ins Bett gelegt. Eigentlich müßte er heute nachmittag auf den Acker. Der war jetzt schon fest gefroren, so daß die Reifen nicht einsinken würden. Die Gülle mußte aufs Feld. Er schob diese Gedanken zur Seite. Er war um elf Uhr mit Nora verabredet. Er mußte noch duschen und die Autofahrt zu ihr dauerte eine Stunde.
Nora überlegte lange, was sie anziehen sollte. Um zehn Uhr war sie fertig und ärgerlich, daß es noch eine Stunde dauern würde, bis Adrian käme. Sie plante immer zu viel Zeit ein, wenn es um Adrian ging.
Mit nervös wippenden Beinen saß sie vor dem Fernseher. Das alte Frettchen hatte sich in seinen Tüchern eingerollt und schlief vermutlich. Dieses Tier war der Grund, warum Nora oft zögerte, jemanden in ihre Wohnung zu lassen. Es war ein Rüde und er stank, was mit zunehmendem Alter nicht besser geworden war. Nora war im Internet auf ihn aufmerksam geworden. Sie hatte in einem mittelalterlichen Roman etwas über „Frettieren“ gelesen. Dabei setzte man Frettchen zur Kaninchenjagd ein. Um sich die Tiere anzuschauen, war sie dann ins Internet gegangen. In der Bücherei. Dort war sie über eine Seite gestolpert, über die bedürftige Frettchen vermittelt werden sollten. Scheinbar sollten sie nie allein sein, so wurden sie meist auch als Duo oder Trio vermittelt. Ein Tier allerdings wurde als „unverträglich mit Artgenossen“ angepriesen. Das war Nora Grund genug, ihn aufzunehmen. Nun lebte Falko schon seit ein paar Jahren bei ihr. Manchmal ging sie zu Wiesen und ließ ihn dort frei herumlaufen. Er grub gern in der Erde, wenn auch nie um eine Maus oder ähnliches zu erbeuten. Wenn sie Halsschmerzen hatte, trug sie ihn innerhalb ihrer Wohnung um ihren Hals. Wenn sie traurig war, lachte sie über seine Hartnäckigkeit, ihre Socken aus der Schublade zu fischen und hinter das Bett zu zerren. Und manchmal nervte sie der Geruch, der von ihm ausging. Besonders wenn sie schön und attraktiv sein wollte. So wie jetzt. Gottlob schlief er tief und fest und kam nicht an, um an ihrem Bein zu kratzen oder in ihr Hosenbein zu kriechen.
Die Türklingel ertönte. Noras Herz machte einen Hopser und polterte dann unruhig weiter. Sie machte den Fernseher aus und ging, um zu öffnen. Sie gab ihm einen flüchtigen Kuss. „Sollen wir direkt los?“
„Okay“, sagte Adrian. Nora ging nochmal zu Falkos Käfig. „Tschüß, Herz.“, flüsterte sie. Adrian schmunzelte. „Dein Herz bleibt hier?“
„Ja, es schläft schon“, murmelte sie.
Sie hatte in der Zeitung von einer Ausstellung mit Wanderteppichen gelesen, die in einem dreißig Kilometer entferntem Schloß statt fand. Wie so oft fragte Adrian „Willst du fahren?“ und wie so oft sagte sie „Ja“. Adrian schien die Autofahrt zu genießen und ließ die Landschaft entspannt an seinen Augen vorüber gleiten. Nora parkte den alten Golf am Straßenrand. Sie überquerten die Staße und vor ihnen führte eine Brücke über den Graben, der mit einer Mauer eingefaßt war. Dahinter zog sich der mit weißem Kies bedeckte Innenhof bis zum Schloß. Das stach in frischem gelb in den hellblauen Himmel. Adrian war überrascht, mit welcher Sicherheit Nora den Weg gefunden hatte. „Warst du hier schon mal?“ „Ja, wir haben hier mal Pflanzen hin ausgeliefert. So riesige Buchsbäume....von der Gärtnerei aus.“ Nora atmete tief durch. „Schön hier, oder? Laß uns mal sehen, wo die Ausstellung ist!“ Sie gingen über die Steinbrücke. Der Graben war nicht mit Wasser gefüllt. Auf dem erdigen Grund befanden sich unzählige kleine Abdrücke. Nora fand, daß sie aussahen wie kleine Herzen, die an den Stellen , die rund sein sollten ,spitz zuliefen. „Die haben hier Rehe im Graben laufen“, bemerkte Adrian trocken. Nora lachte. Adrian zeigte hinunter. Dort blickten jetzt zwei neugierige Augen um die Rundung des Grabens. Langsam stapften sie heran. Immer mehr Rehe gingen um die Rundung mit erhobenen Köpfen auf die Steinbrücke zu. „Wie schön sie sind“ ,sagte Nora . „Die bekommen bestimmt öfter was zu Fressen von hier oben.“, vermutete Adrian. Er nahm ihre Hand und sie gingen weiter auf das Schloß zu. Sie folgten einem Pappschild, daß die Aufschrift „Ausstellung“ trug und sie am Schloß vorbei zu einem großen Betongebäude führte. Im Eingangsbereich stand ein kleiner Tisch mit einer Metalldose. Dahinter lächelte ihnen eine mollige ältere Dame zu. „Wir sind doch hier richtig bei der Wandteppich- Ausstellung?“ Die Dame bestätigte Noras Frage herzlich. „Ja, sie sind hier richtig! Für Sie beide?“ „Ja, bitte.“ „Vier Euro dann bitte.“ Nora bezahlte beide Karten. Die Ausstellung führte durch Gänge, von denen man in großzügige Räume gelangte. Überall hingen indianische, norwegische, australische und mexikanische Behänge. Nach vielen Behängen und Treppenstufen kamen sie in einen Raum, in dessen Mitte eine Holzbank stand. Sie hatte keine Lehne und war aus hellem Holz. Sie setzten sich. Nora legte ihren Kopf auf Adrians Schulter. „Es ist schön mit dir.“ Er antwortete zärtlich. „Mit dir auch.“ Zwei Meter vor ihnen hingen zwei riesige grün- gelblich- bräunliche Teppiche. Filigran waren dort getrocknete Pflanzenteile eingearbeitet. Nora wollte sie erkennen und stand auf, um sie aus der Nähe zu betrachten. Mit leicht zur Seite geneigtem Kopf stand sie vor den riesigen Teppichen und betrachtete eine Stelle genau. „Zittergras...nein! Hirtentäschel!“, sagte sie zu sich selbst. „Hmmm. Und hier Korn.“ Adrian war aufgestanden und von hinten an sie heran getreten. „Was sagst du?“ „Ach nichts. Ich schaue nur, was das ist.“ „Und, was ist es?“ Sie wies an die Stelle, die sie beobachtet hatte. „Das ist auf jeden Fall Hirtentäschel. Siehst du die winzigen Herzen an den dünnen Seitentrieben?“ Sie pustete auf die kleinen Herzen und sie bewegten sich leicht. Adrian berührte den Teppich. Nora sah ihn entsetzt an. Unbeeindruckt hob Adrian das Gehänge an, so daß die Rückseite nicht mehr die Wand berührte. „Du kannst das doch nicht einfach anfassen...“ „Guck mal..“ Die Rückseite war eine Bastmatte. Er ließ den Teppich zurück an die Wand gleiten. „Und was ist das hier?“ Er deutete auf eine andere mit Pflanzen ausgekleidete Stelle. Sie grinste: „Gerste, das weißt du doch!“ Er schmunzelte.
Die Dame, die ihnen die Eintrittskarten verkauft hatte, lächelte wieder, als sie auf sie zu kamen. „Und? Hat es ihnen gefallen?“ „Ja, es war sehr schön. Das ist ja wirklich eine sehr umfangreiche Ausstellung!“ „Sie bekommen noch zwei Gutscheine! Für einen Kaffee im Schloß!“ „Oh, wie schön!“ Menschen wie diese Dame wärmen einen innerlich, dachte Nora und nahm die beiden Gutscheine entgegen. Sie näherten sich dem Schloß von hinten, auf einem Sandweg, der durch den kleinen Schloßgarten führte. Links und rechts wurde der Weg durch niedrige Buchsbaumhecken begrenzt. Beete, die von großen Rasenflächen umgeben waren, enthielten verschieden zurechtgestutzte Buchsbäume. Eine Steintreppe führte zu einer großen Tür, über der ein Schild hing. In geschwungenen Lettern stand dort „Schloßcafe´“. Nora ging voran. Die Stufen eigneten sich herrlich, um etwas deutlicher als gewöhnlich mit dem Hintern zu wackeln. Oben angekommen drehte sie sich, die eine Hand auf die Hüfte gestützt, schwungvoll um. „Herrlich! Ein herrliches Ambiente!“ Adrian kam ihr lächelnd entgegen. Als er neben ihr stand bemerkte sie, wie schwer sein Atem ging. Sie dachte daran, daß die Luft im Schweinestall extrem ungesund für die Atemwege war. Schnell schob sie diesen Gedanken wieder zur Seite. Das Cafe´ war in dem alten Rittersaal untergebracht. Nostalgische Ölgemälde zierten die Wände und ein riesiger Karmin stach schwarz und kalt in den Raum. Nora und Adrian waren die einzigen Besucher. Sie setzten sich an einen Tisch, der durch das große Fenster einen Blick auf den Schloßgarten gewährte. Als die Bedienung kam, reichte Nora ihr die beiden kleinen Karten, „Zwei Kaffee bitte“. Nora betrachtete die Bilder. „Früher haben die Maler auf ihren Bildern dargestellt, wie es war. Oder wie es hätte sein können oder wie sie etwas sahen oder sich wünschten. Heute malen Künstler komplizierte Gedanken.“
Adrian sah sie versunken an. Seine Augen wirkten verträumt und dennoch neugierig. „Du bist schön“, sagte er.
Die Luft war frisch und klar und die Vögel sangen mit verschwenderischem Übermut ihre Frühlingslieder. Die gute Laune übertrug sich auf Adrian. Lässig hielt seine linke Hand das Lenkrad. In der rechten Hand hielt er sein Handy. Er wußte, daß Nora ihm bald etwas schreiben würde. Es war eine stille Abmachung zwischen ihnen, daß sie sich mit dem schreiben von sms- Nachrichten abwechselten. Wer zuletzt etwas geschrieben hatte, wartete auf eine Antwort. So liefen die kurzen Handy-Dialoge in gleichmäßigem und ausgeglichenem Tempo zwischen ihnen hin und her. Sie handelten von Zeitpunkten und Orten zu und an denen sie sich treffen wollten. Sie handelten von Verabredungen zu Telefonaten und gewissenhaften Gute- Nacht- Wünschen. Diese Nachrichten stützten und ergänzten sich gegenseitig. Adrian schmunzelte. Die Sonnenstrahlen lachten ihm entgegen. Ihm, der hin- und her geschüttelt wurde, auf seinem elastischen Sitz. Der Motor knatterte fröhlich. Hinter seinem Traktor war der Pflug befestigt. Er war hoch geklappt und ragte hinter dem Dach des Schleppers in den blauen Himmel. Adrian fuhr gerne Traktor. Eine Bahnschranke, die er oft überqueren mußte, um zu einigen seiner Feldern zu gelangen, kurbelte oft seinen Ehrgeiz an. Er haßte es, auf den Zug zu warten, während ihm die kleine Ampel hämisch in leuchtendem Rot zu blinkte. So fuhr er meist schon mit erhöhtem Tempo auf sie zu. Diesmal würde es besonders knapp werden. Da die Straße nicht in gutem Zustand war und viele Risse und Hügel hatte, hüpfte Adrian auf seinem gefederten Sitz hinter dem Lenkrad des Traktors extrem hoch und runter. Die Ampel hatte bereits begonnen, ihm rot entgegen zu blinken und die Schranke senkte sich langsam. Adrian drückte auf das Gaspedal. Er würde es schaffen, wie immer. Diesmal hatte er aber nicht einkalkuliert, daß sein Pflug hinter dem Schlepper hoch geklappt war und höher als sein Traktorendach in die Luft ragte. Die Schnauze des Schleppers befand sich auf den Schienen, als er ein Ruck verspürte und ein lautes Ächzen wahrnahm. Dann zog der Traktor wieder an. Adrian drehte sich verwundert um. Er rollte jetzt von den Bahnschienen und mit ihm, an dem aufgestellten Pflug hängend, die Bahnschranke. Er fluchte und fuhr an den Straßenrand, um seinen Vater über das Handy zu benachrichtigen. Willhelm würde dann die Polizei benachrichtigen. Ein Nachbar, der nah an den Bahnschienen wohnte, hatte bestimmt alles gesehen. Adrian würde viele blöde Kommentare von verschiedenen Menschen zu hören bekommen. Adrian seufzte. So war es eben. Alles, was geschah wurde in der Kommunikation miteinander ausgeschlachtet. Denn es geschah nicht sehr oft etwas Außergewöhnliches in dieser von einzelnen Höfen dünn besiedelten Region.
„Das mußt du wissen, ob du sie dabei haben willst.“ Mehr sagte seine Mutter nicht. Mit Judith könnte Nora sich anfreunden, überlegte Adrian. Ja oder nein. Alles oder nichts. Er war nicht gerade der Unterhaltsamste. Und Nora wäre vielleicht enttäuscht, wenn es nicht so schön wäre, wie sie es sich vielleicht vorstellte. Das Telefon klingelte. Das war sie. Im Verlauf des Gespräches warf Adrian wie zufällig ein, daß in der Nachbarschaft ein Richtfest stattfände.
„Und du bist eingeladen?“
„Ja.“
Stille. „Und?“
„Und du. Du bist auch eingeladen.“
Judith betrachtete das neue Haus zufrieden. Gut, daß sie Paul überzeugt hatte, sich nicht im Haus seiner Eltern eine Wohnung auszubauen. Das hier war ihr eigenes Reich. Hier konnte niemand sagen was wie und wann geschehen sollte. Alle Einladungen waren verschickt. Die Suppen und alles, was dazu gehörte würde die Fleischerei liefern. Und den Nachtisch wollte ihre Schwiegermutter machen, das hatte sie sich nicht nehmen lassen. Das Besorgen der Getränke hatten die Männer übernommen. Das Haus würde voll werden. Nach oben würde keiner können. Die Treppe fehlte noch und die Leiter war vorsichtshalber entfernt worden. Gerade wenn Alkohol im Spiel war, mußte der Rohbau sicher sein. Im Eingangsbereich hing eine große Pappe, auf der Schnappschüsse von der Bauphase aufgeklebt waren. Teilweise hatte Judith Kommentare daneben geschrieben. Dies gab Anlaß zu Bemerkungen und es wurde Geschmunzelt oder Gelacht. Außerdem gab es Begrüßungsschnäpse. Eichhof- Dinkers und Nora standen noch vor den Fots, als Judith auf sie zu kam. Sie nickte Eichhof- Dinkers freundlich zu und reichte Nora dann die Hand. „Hallo, ich bin Judith!“
„Ich bin Nora, Adrians Freundin.“
„Schön, daß ihr da seid!“, sie zwinkerte Adrian zu, „Bedient euch gleich selbst bei den Getränken und dem Essen!“
Die Klappbänke vor den Tischen waren nun fast voll besetzt. Die meisten der Besucher waren Nachbarn oder Freunde von Judith und Paul. Nora saß neben einer älteren Dame. Sie war sehr geschmackvoll gekleidet und ihre hellen Augen strahlten Nora freundlich an. „Sie sind bestimmt die Freundin von Adrian.“
„Mhmmm“, Nora kaute gerade an einem Brötchen und nickte, um ihr Gemurmel zu unterstützen.
„Da hat Adrian aber Glück, so hübsch und nett wie sie sind.“
Nora hatte ihren Bissen herunter geschluckt. „Entschuldigung. ...Und danke...“ Das klang schüchtern.
„Ich bin Pauls Mutter. Sagen sie ruhig Annegreth zu mir.“
„Nora.“
Sie gaben sich die Hände.
In Anegreths Gesellschaft überkam Nora ein Gefühl von Geborgenheit. Sie betrachtete die Blumengestecke. Auf jedem der Tische stand eines. Nora musterte jenes, das vor ihr stand genauer. Die Steckmasse war geschickt mit Frauenmantelblättern abgedeckt. Darüber schoben sich locker Margariten und Ringelblumen.
„Diese Blumengestecke sind sehr schön.“
„Gefallen sie ihen? Das ist alles aus meinem Garten. Ich habe auch Rosen, Zinnien, Nelken...Im Laufe der Jahre sammelt sich so einiges an. Judith hat da leider nicht so viel für übrig. Aber jeder ist halt anders“,sie zwinkerte Nora zu.
„Hallo Adrian, was machen die Bullen?“
„Alle gesund.“
„Nettes Mädel hast du da. Wird Zeit, daß ich wieder nach ünster gehe, hier bin ich ja bald der einzige Junggeselle“, Lars tat, als ob er schluchzte und tat, als wische er sich rnen aus einem Auge.
„Du bist ja auch ein paar Jährchen jünger als Paul und ich“, sagte Adrian ungerührt zu Pauls kleinem Bruder. Aus den Augenwinkeln sah er, daß sein Vater bereits das siebte Schnapsglas geleert hatte. Er sah auch, wie seine Mutter sich zu seinem Vater herüber beugte und ihm etwas ins Ohr flüsterte.
Eine sehr groß gewachsene, üppige alte Dame, eine entfernte Nachbarin, hatte sich zum vierten mal an dem Buffet bedient. Sie hatte keine Stelle des Tellers ausgespart und in der Mitte türmte sich das Fleisch auffällig hoch. Sie walzte auf ihren Platz zu, der sich neben Maria Eichhof- Dinker befand. Prustend setzte sie sich. Maria meinte die Bank knatschen zu hören. Der Teller wurde abgestellt und das volle Gesicht wandte sich Maria zu und raunte: „Was sacht man so schön? Jeder Gang macht schlank!“ Die Schweinsaugen der Fremden leuchteten und senkten sich dann gierig zum Teller hinab. „Nein, was habenwir damals gehungert“, schmatzte sie. „Ich kenne die Zeit“, antwortete Maria. Die Fremde schien die Pause lediglich zum Schlucken genutzt zu haben und lehnte sich nun vor, um in das Blickfeld Willhelms einzufallen. „Wissen sie noch“, schallte ihre Stimme über den schmalen Tisch, „Was wir damals gegessen haben?! Das kennt man heute gar nicht mehr!“ „Wollen wir die Plätze tauschen?“, bot Maria ihr an. Sie hoffte, daß ihr Mann durch die Frau etwas vom Alkohol abgelenkt würde. Die Gäste, die Kinder mitgebracht hatten, verabschiedeten sich allmählich. Judith und Paul saßen bei einem Päarchen, das zu der Gruppe gehörte, mit der sie sich regelmäßig zum Kegeln trafen. „Warum trinkst du eigentlich nur Wasser, Judith?“ „Ach, Markus... ich wollte dir schon den ganzen Abend sagen, du sollst deine Männlichkeit mal etwas effektiver einsetzen ! Dann könnten Britta und ich zusammen zur Schwangerschaftsgymnastik gehen!“ Paul zuckte deutlich zusammen. „.....Judith...“ Man konnte deutlich merken, wie schockiert er war. „Ach Paul, ich hätte es dir sowieso heute gesagt.“ Paul griff nach seiner Bierflasche und nahm einen großen Schluck. Markus stieß mit seiner Bierflasche an Pauls und nahm ebenfalls einen Schluck. „Auf uns Männer, die es mit Fassung tragen, wenn sie mal wieder etwas zuletzt erfahren.“ Judith lachte und gab Paul einen Kuss auf die Wange. Dann prostete sie Britta zu. „Auf uns Frauen, die so bezaubernd sind, daß ihnen immer wieder verziehen wird!“
Adrian war aufgestanden um das gemietete Toilettenhäuschen aufzusuchen. Lars war aufgerückt und saß nun neben Nora. „Endlich lerne ich die Freundin von Adrian kennen! Ich bin Pauls Bruder Lars.“
„Ich bin Nora.“
„Hat meine Mutter sie direkt unter ihre Fittiche genommen? Das sieht ihr ähnlich“, lachte er.
„Sieht das so aus?“ Nora lächelte und nahm noch einen Schluck Rotwein. Ihr war wohlig und heiter zumute.
„Nein, dann hätte sie so gemacht..“, Lars nahm Nora in seine Arme und sie lachte. Adrian stand hinter ihnen. „Ihr amüsiert euch ja bestens ohne mich“, brummte er beleidigt.
„Willst du Nora wieder ganz für dich allein haben? Schade sie war gerade so gut gelaunt.“
„Ach, mach doch, was du willst.“ Adrians Augen funkelten wütend. Lars hob seine Hände, als wolle er beteuern, nichts Falsches getan zu haben. Da wurde Adrian von einem Nachbarn begrüßt. Es entwickelte sich ein Gespräch über Saatgut.
