4,99 €
„Ich hatte mich verrückt gemacht mit meinen Singlekomplexen, ich hatte -Verstand hin oder her- mir vorgestellt, dass er sich irgendwann in mich verlieben würde. Aber dann, plötzlich, wurden diese Träume und Vorstellungen eiskalt zerstört. Die Realität hat zwar schon so einiges zerstört, aber warum ausgerechnet auch das?“ Über einen Chat lernt Amy den einfühlsamen und witzigen Chris kennen. Er ist anders als die anderen Chatpartner: die Unterhaltungen sind interessanter und seine gesamte Art gefällt ihr. Schließlich kommt es, wie es kommen muss: Amy verliebt sich in ihn. Doch sie merkt schnell, dass diese Liebe keine Zukunft haben kann…
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 344
Veröffentlichungsjahr: 2013
Vicky Schneeberg
Schmetterlingsrufe
Unmöglich möglich
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Freitag, 07.05.
Samstag, 08.05.
Samstag, 08.05.
Sonntag, 09.05.
Montag, 10.05.
Dienstag, 11.05.
Dienstag, 11.05.
Mittwoch, 12.05.
Donnerstag, 13.05.
Freitag, 14.05.
Freitag, 14.05.
Samstag, 14.05.
Sonntag, 16.05.
Montag, 17.05.
Dienstag, 18.05.
Mittwoch, 19.05.
Mittwoch, 19.05.
Donnerstag, 20.05.
Freitag, 21.05.
Samstag, 22.05.
Sonntag, 23.05.
Montag, 24.05.
Dienstag, 25.05.
Dienstag, 25.05.
Dienstag, 25.05.
Mittwoch, 26.05.
Donnerstag, 27.05.
Nachwort und Danksagung
Über die Autorin
Impressum neobooks
Amy
Ich sah ungeduldig auf meine Handyuhr. Eigentlich wollte mein Freund Marcel schon seit zwanzig Minuten da sein, zumindest war das so abgemacht gewesen. Er wollte mich pünktlich um 16 Uhr abholen und dann mit mir in die Stadt gehen, um uns dort mit einigen Freunden zu treffen und anschließend mit ihnen zu einem kleinen Konzert im Jugendtreff zu laufen.
Darauf hatte ich mich auch eingestellt: ich hatte heute früh in aller Ruhe geduscht und mich rasiert, die Haare bekamen sogar eine extra gut riechende Erdbeer- Vanille Kur. Ich hatte mir mit meinem Glätteisen wilde Locken gemacht und mir die Augen extra aufwendig geschminkt. Ich hatte stundenlang vor dem Kleiderschrank gestanden und überlegt, was ich anziehen sollte. Und dann, mit etlichen Outfits, stand ich noch länger vor dem Spiegel.
Es dauerte zwar ewig, aber schließlich war ich doch zufrieden mit meinem Outfit. Sogar ein paar Minuten vor vier.
16:22Uhr. Ich hatte ihm eigentlich schon vor ein paar Minuten eine SMS schreiben wollen, aber wollte nicht zu aufdringlich wirken. In letzter Zeit hatte ich nämlich das Gefühl bekommen, dass er etwas mehr Freiraum braucht. Zugegeben, manchmal war ich echt schon fast wie eine Klette. Aber immerhin hatte ich das gecheckt und es geändert, auch wenn Marcel sich noch immer etwas komisch verhielt, irgendwie so anders, negativ anders. Abweisender? Uninteressierter? Ich wusste es nicht so genau.
„Schatz, wo bleibst du?“, tippte ich in mein Handy. Ich löschte die SMS wieder.
Nein, das klang mir zu ungeduldig. Okay, ich war wirklich ungeduldig. Aber trotzdem sollte es nicht so wirken.
„Hey Schatz, alles okay bei dir?“ Nein. Das passte nicht zu der Frage, die mich wirklich interessierte. Also machte ich die Eingabe wieder rückgängig und schrieb: „Na, Schatz, wieder die Zeit vergessen?“ Ich machte besser noch einen Kusssmiley dahinter, es sollte schließlich auch kein Vorwurf sein. Ich war nicht wirklich zufrieden mit der Nachricht, aber ich schickte sie trotzdem ab.
Und wartete.
16:27Uhr. Ich sah wieder auf mein Handy, hoffend, dass endlich seine Antwort angekommen war. Aber stattdessen läutete es an der Tür. Umso besser! Ich lief hinunter und wollte grade die Haustür aufreißen, als ich innehielt. Nein, ich wollte nicht überglücklich sondern ganz ruhig wirken. Nicht zu vorwurfsvoll, aber auch nicht überdreht. Irgendwie musste ich schließlich versuchen, unsere Beziehung zu retten.
Meine Überlegungen waren umsonst. Als ich- schön ruhig- die Tür aufmachte, stand vor mir nicht wie erwartet Marcel, sondern irgendein Mann mit einem Paket unter dem Arm.
„Hallo, ein Paket für Herrn Heger“, sagte er.
Ich nahm das Paket entgegen und unterschrieb für meinen Vater, meine Enttäuschung unterdrückend. Aber als ich die Tür wieder geschlossen hatte, brach ich in Tränen aus.
Meine erste Sorge war: „Scheiße, mein Make-up!“ Aber danach war mir eingefallen, dass ich das Make-up mehr für Marcel als für mich aufgetragen hatte, dass Marcel sowieso nicht mehr kommen würde weil ihm unsere Beziehung total egal geworden ist (oder es womöglich sogar schon immer gewesen ist) und dass nicht nur meine Schminke, sondern auch mein ganzes glückliches (Liebes)leben zerstört wurde.
Kurz drauf ist mir klar geworden, dass ich mich viel zu emotional verhalten habe, dass ich gerade total übertrieben habe und dass Marcels Bus bestimmt nur Verspätung hatte oder so.
In diesem Moment vibrierte auch schon mein Handy. Marcel hatte geantwortet! Unsere Beziehung hatte also doch noch eine Chance! Ich wischte mir die Tränen fort, auch wenn meine Hände danach schwarz von der Schminke waren und öffnete die SMS.
„Sorry Schatz, wird heute nix, mein Vater lässt mich nicht gehen. Wir sehen uns wann anders.“
Was auch immer ich grade eben noch gesagt und gedacht hatte: ich nahm es in diesem Moment sofort zurück. Ich stand kurz davor, erneut einen Heulkrampf zu kriegen, doch ich wehrte mich dagegen. War Marcel das wirklich wert? Wetten, all unsere Freunde hatten schon Wochen zuvor gewusst, dass wir eigentlich nur noch zusammen gewesen sind, weil keiner Schluss machen wollte?! Ich kam zu dem Entschluss, dass nun der richtige Zeitpunkt gekommen war, das endlich nachzuholen. „Macht nix. Und wann anders kannst du dir auch sparen“, schrieb ich ihm also. Schluss machen per SMS kam mir zwar irgendwie unfair vor, aber was soll’s? Ich wollte damit nicht extra bis zum nächsten Treffen warten. Und irgendwie hatte es Marcel ja auch gar nicht anders verdient.
Ich ging ins Bad und wischte mir die Schminke mit Make-up- Entferner fort. Ich war wirklich selbst dran schuld. Unsere Beziehung war anfangs ein Traum, aber als sie nicht mehr so neu, frisch und spannend war, wurde sie immer mehr zum Witz.
Wir haben uns albern verhalten, kaum noch wie ein Paar. Hatten ständig sinnlose Streitereien, waren ständig beleidigt, hatten uns ständig ignoriert. Warum, zum Teufel, ist mir das nicht früher aufgefallen? Warum musste erst so etwas der Auslöser dafür sein?
Ich erwartete keine Antwort von ihm. Immerhin in diesem Punkt hatte ich ihn richtig eingeschätzt: Diskussionen ging er gerne aus dem Weg, außer er war besoffen.
Meine Laune war dahin. Alleine aufs Konzert wollte ich auch nicht gehen. Die Fragen und Lacher meiner Freunde wollte ich mir ebenfalls ersparen. Also ging ich, als ich mit Abschminken fertig war, in mein Zimmer und schaltete meinen Computer an. Er brauchte Stunden bis er oben war, zumindest kam es mir so vor. Als er endlich fertig war, wusste ich nicht, was ich tun wollte. Das Internet hat zwar viele Möglichkeiten, aber mir fiel nichts ein, was mich jetzt interessierte.
Schließlich entschied ich mich für Musik und einen Chat. Wenn ich nicht schon zu Freunden konnte und sonst niemanden zum Reden da hatte, so wollte ich wenigstens mit irgendwelchen Fremden reden. Meistens waren es sinnlose Gespräche, aber egal, immer noch besser als nichts. Alles war besser, als vorm PC zu vereinsamen, wo doch vorher so ein cooler Abend geplant war.
Ich ging in einen Chatraum, der relativ leer war. Er hieß „Stuttgart“ und hier tummelten sich überwiegend Leute aus Stuttgart und Umgebung.
Es waren drei Leute im Chat, aber keiner schrieb miteinander. Als ich etwas eintippen wollte, um ein Gespräch in Gang zu bringen, ging der erste offline. Ich hoffte also, dass wenigstens einer der anderen beiden mit mir schreiben wollte.
„Hallo“, schrieb ich. Mehr fiel mir nicht ein.
Beide antworteten kurz drauf mit „Hey“ und einem lächelnden Smiley dahinter. Das klang schon mal gut…
„Wie geht’s euch?“, fragte ich. Eine Standardfrage.
„Ganz gut. Und dir?“, schrieb „LilCat“. „Könnte besser sein, und selbst?“, fragte „Chriz“.
„Nicht so gut. Ich hab gehofft, hier Ablenkung zu finden. Chriz, was ist los?“, schrieb ich.
Chriz schrieb, dass es egal sei. LilCat meinte, dass sie nun gehen müsste, weil ihr Freund jeden Moment kommen würde.
Ob das stimmte? Würde er wirklich kommen? Immerhin hatte ich das auch gedacht, und dann war es doch nur der Postbote… Nun ja, vielleicht hatte LilCat ja keinen eiskalten Idioten wie Marcel sondern den Traumboy schlechthin? Ich hoffte es für sie.
„Und was ist bei dir los?“, fragte Chriz.
„Wenn du deins nicht sagst, sage ich meins auch nicht“, schrieb ich mit einem zwinkernden Smiley zurück, damit das Gespräch locker blieb.
„Damit ist dir auch nicht geholfen. Hilft doch, wenn man über Probleme redet. Also fang an, ich bin ein guter Zuhörer/ Leser ?“, entgegnete Chriz.
Ich fand ihn sympathisch, auch wenn wir erst ein paar Worte in einem Chat gewechselt hatten.
„Warum bist du dann nicht ein Vorbild und gehst mit gutem Beispiel voran?“, fragte ich.
Es dauerte nicht lange, dann hatte er geantwortet: „Schüchternheit oder so. Kenne dich nicht, kann dich nicht einschätzen. Also erzähl ich dir erstmal nix ;).“
„Gut, meinetwegen, dann lernen wir uns jetzt eben kennen“, schrieb ich. „Also, wie heißt du? Wie alt bist du? Wo wohnst du?“
Er machte einen Lachsmiley. „So einfach geht das nicht.“
„Aber es ist ein Anfang. Also?“
„Gut, meinetwegen. Ich heiße Christian, aber man nennt mich Chris, ich bin 17, ich wohne in Pfulheim. Und die gleichen Fragen gebe ich zurück ;)“
Na gut. Wir kamen ins Gespräch, und auch wenn es die typischen Chat- Kennlernfragen waren, war es zumindest ein relativ lockeres Gespräch. Ich verstand nicht warum, aber zwei Sachen gefielen mir besonders an seiner Antwort. Erstens: sein Alter. Zweitens: sein Wohnort.
Sein Alter, weil er etwas älter als ich, aber nicht zu alt war. Sozusagen meine Altersklasse. Das gefiel mir, denn ich ging davon aus, dass er dann gern mit mir schreiben würde. Sein Wohnort, weil es nicht sehr weit weg von mir war. Mit dem Zug eine knappe Stunde. Nicht total nah, aber auch nicht total weit entfernt.
Ja, ich dachte schon wieder zu weit, aber das war eine Angewohnheit von mir. Das jahrelange Singlesein tat mir nicht gut. Auch als ich mit Marcel zusammen gekommen bin konnte ich dieses Verhalten nicht ablegen. Bei Jungs verhielt ich mich immer anders. Da hatte ich immer dieses mehr oder weniger unbewusste Gefühl, ihm gefallen zu müssen, so tun zu müssen, als wenn er toll wäre, als wenn ich ihn mögen würde, und so weiter. Als wenn ich ihn mir „warm halten“ müsste. Das blieb sogar, als ich Marcel hatte. Ich hatte keine Ahnung warum, aber das Gefühl war nun mal da. Und immer, wenn ich mit irgendwelchen Jungen redete (erst recht, wenn sie selber zu diesem Zeitpunkt Single waren) sind Alter und Wohnort ganz wichtig gewesen. Wenn das passte, fiel ich in diese „Ich muss ihm gefallen- Phase“. Natürlich, dann verstellte ich mich meistens etwas, wirkte viel aufgedrehter oder unnatürlicher als normal. Aber ich konnte es auch nach Monaten oder gar Jahren harter Arbeit einfach nicht ändern. Es war mir quasi angeboren…
Ich schrieb ihm zurück: „Ein waschechter Pfulheimer? Ich wohne in Begold, müsstest du kennen ;) Ich bin 15 und heiße Amelie. Aber nenn mich ruhig Amy.“
„Nein, Amy, ich wohne erst seit zwei Jahren in Pfulheim. Seit wann wohnst du in Begold? Ja, das ist nicht sehr weit weg, knappe Stunde. Hab da mal gewohnt ;) Hey, ich mag deinen Namen. Und du hast Glück, denn so heißen nicht all zu viele.“
Mir gefiel seine Art zu Schreiben sofort. Und ich konzentrierte mich so sehr auf das Gespräch und meinen „Ich muss ihm gefallen- Komplex“, sodass ich die Sache mit Marcel ganz gut ertragen konnte. Im Hinterkopf waren diese Gedanken, Gefühle und Erinnerungen einfach besser aufgehoben…dort wirkten sie unbedeutender. Fast Verdrängt. Abgehakt. Fertig, aus.
„Ich wohne da seit März letzten Jahres. Wie ist es in Pfulheim? Ich war da erst einmal zum Shoppen und hab mich gefragt, ob die Stadt nicht zu hässlich zum wohnen ist *lach* Ja, mein Name ist schon relativ selten, aber jetzt auch nicht so super schön.“
„Pfulheim ist nicht schön, aber praktisch und es wohnen coole Leute da, die Zug- und Busverbindungen sind top, usw. Das reicht mir ?“, schrieb Chris. „Gefällt dir dein Name etwa nicht? *schock*“
„Nee, eigentlich schon, aber es nervt, wenn alle dann anfangen mit diesem Lied… Kennst du die alte Kinderserie „Amy und die Katzen“? Es nervt echt!“
Ich erhielt schnell seine Antwort: „*Lach* Stimmt, haha, ja *lach* Das Lied dazu kenne ich auch… ist doch süß… Amy, kleine Amy, du liebst die Katzen, keiner kennt sie so gut wie du, du schneidest mit ihnen immer wieder neue Fratzen, da lacht sogar mit euch die Nachbarskuh! Haha, ich find es süß, echt!“
Ein Junge, der etwas als „süß“ bezeichnet, kann doch nur selber süß sein, oder? Sein „Mobbing“ machte mir nichts aus, ich fand es sogar amüsant. Er war nett, zweifellos. Wenn er sich aus Spaß über mich lustig machte, fand ich das in Ordnung.
Oh man, ich hatte wieder meinen typischen Single- Komplex…
„Haha ?“ schrieb ich zurück, schickte aber einen Smiley hinterher, der ein Schild mit der Aufschrift „Ironie!“ hochhob. Chris sollte es schließlich auch als Scherz auffassen und nicht denken, dass ich jetzt ernsthaft beleidigt war.
„Okay, tut mir Leid, wo sind wir stehen geblieben? *grins*“, schrieb er also.
„Bei deinem Problem. Also, was bedrückt dich?“, fragte ich ihn, auch wenn ich davon ausging, dass er es keiner Fremden erzählen würde. Oder vielleicht auch doch, eben weil ich eine Fremde für ihn war und ich ihn eh nicht persönlich kannte…?!
„Was ist deins?“, kam zurück.
Schade. Ich würde ihm meins jedenfalls nicht erzählen. Zumindest nicht, bevor er seins nicht erzählt hatte- einfach aus Prinzip nicht. Und das antwortete ich ihm auch.
„Wie du meinst“, entgegnete er. „Dann behalt es eben für dich. Aber warum? Nur aus Prinzip nicht oder hat’s mehrere Gründe?“
Hatte es noch andere Gründe? War das eine berechtige Frage von ihm? Wollte ich es ihm eigentlich nur nicht sagen, weil er sonst wüsste, dass ich gerade erst Schluss gemacht hatte und somit noch an meinem Ex hing, also nicht sofort bereit für eine Beziehung war?! Verdammt, vielleicht, ja. Vielleicht war an alledem wirklich mein Komplex Schuld… Ich entschied mich dafür, endlich etwas gegen meine komischen Gedanken zu unternehmen und ausnahmsweise mal das zu tun, was nicht auf Theorien und Hoffnungen basierte. Schließlich war es ihm vielleicht total egal. Vielleicht war Chris selber vergeben? Vielleicht wollte er sowieso keine Beziehung mit jemandem wie mir? Ich wusste es nicht und ich wollte mir ersparen, sinnlose Theorien aufzustellen.
Ich schrieb ihm wahrheitsgemäß: „Okay, es gibt noch mehr Gründe. Aber die sind zu unlogisch. Also, ich… äh… hab grade mit meinem Freund Schluss gemacht und jetzt fühle ich mich einfach nur scheiße weil der ganze Tag versaut ist…“
„Oh, böse. Tut mir Leid ? Warum hast du Schluss gemacht?“, hakte er nach. Das war gut, denn es war kein totales Desinteresse, aber auch keine übertriebene Neugierde.
Also erzählte ich ihm die ganze Geschichte, keine Ahnung wieso. Vermutlich, weil ich ja sonst niemanden zum Reden hatte. Ich schrieb ihm einen Roman davon, wie wir uns seit Längerem schon auseinander gelebt hatten und wie sehr er mich schon enttäuscht und verletzt hatte, wie unfair er sich immer wieder verhalten hatte- wie zum Beispiel heute- und dann hatte es mir eben endgültig gereicht. Doch grade, als ich alles abgeschickt hatte, bereute ich es auch schon wieder. Was, wenn sich Chris jetzt nur darüber lustig machte? Was, wenn er mich nicht verstand und mit mir nicht weiter schreiben wollte? Was, wenn ihn dieses Liebesgeschwafel ankotzte? Was, wenn hinter diesem „Chriz“ sich sogar Marcel verbarg?! Man konnte eben nie wissen, wer wirklich am anderen Computer saß, oder? Vielleicht war es ja von Anfang Marcel, der mich verarschen wollte?!
Ja, meine Gedanken und Gefühle drehten völlig durch. Ich musste mir also wieder realistischere Fakten ins Gedächtnis rufen, um nicht komplett wahnsinnig zu werden. Erstens: Es war nicht sehr wahrscheinlich, dass „Chriz“ Marcel war, da Marcel gar nichts von meinem Chataccount wusste. Zudem gibt es sehr viele Chats und sehr viele verschiedene Menschen, warum sollte ich ausgerechnet mit meinem Ex schreiben? Zweitens: Marcel hat sicherlich besseres zu tun als im Internet ein anderer, besserer Mensch zu sein, nämlich zum Beispiel seine (Ex)- Freundin sitzen zu lassen. Drittens: Marcel hatte noch nie so geschrieben wie „Chriz“, die Schreibstile und die Formulierungen waren total unterschiedlich. Viertens: Chris hatte die ganze Zeit über (okay, nur ein paar Minuten, aber immerhin…) nett, verständnisvoll und real gewirkt. Warum sollte er mich plötzlich hassen? Fünftens: Ich wurde gefragt, was los ist. Ich habe es nicht einfach so erzählt, sondern wurde dazu aufgefordert. Also hätte er ja mit einer langen Antwort rechnen können.
Ich wollte grade einen sechsten Punkt suchen, da hatte er mir schon wieder zurück geschrieben. Natürlich kam keine Beleidigung an, sondern eine typische Chris- Antwort, ganz nach dem Motto „Ich weiß, wie du dich fühlst“.
Er hatte geantwortet: „Okay, das ist echt eine ziemlich besch… miese Situation. Tut mir wirklich Leid für dich ? Aber mal ernsthaft: so was wie diesen Marcel hast du doch nicht verdient. Du bist viel mehr wert und du brauchst dir so etwas nicht gefallen lassen. Wenn er meint, dass er seine Pläne ein paar Minuten vorher ändern muss, dann ändere deine Pläne eben auch. Besser spät als nie. Ich würde ihm nicht all zu lange hinterher trauern. Klar, ich bin mir sicher, dass es bei euch auch tolle gemeinsame Momente gegeben hat, aber ich denke nicht, dass die all das wettmachen. Denk lieber an die weniger tollen Sachen, das macht das Ganze einfacher. Ich glaub an dich ?“
Ich wusste nicht recht, was ich darauf antworten sollte. Zu süß und aufmunternd war seine Antwort gewesen.
„Danke, es tut gut zu wissen, dass mich wenigstens einer verstehen kann?. Wie willst du aber an mich glauben, wenn du mich nicht einmal kennst? *grins*“
„Ich kann Hellsehen“, scherzte Chris. Dann fragte er noch, warum denn nun mein ganzer Tag versaut sei.
„Feiere doch einfach dein Single- Comeback und deine zurück gewonnene Unabhängigkeit“, meinte er.
„Ich wollte ursprünglich mit ihm auf ein kleines Konzert im Jugendtreff gehen. Aber da sind viele Freunde von ihm… also: nein danke…“, schrieb ich.
„Du solltest dir aber nicht dein Leben versauen lassen. Auch nicht diesen einen Tag. Nicht wegen diesem einen Idioten, der anscheinend auf deine Gefühle scheißt. Du solltest jetzt nicht allein zuhause sitzen und eine Depri- Phase schieben“, versuchte er mich umzustimmen. Es war irgendwie rührend, wie er sich um mich kümmerte.
„Danke, aber was sollte ich denn stattdessen tun?“, entgegnete ich.
Er machte einen Grinse- Smiley und antwortete: „Geh raus. Geh aufs Konzert. Zeig seinen und deinen Freunden, dass man nicht alles mit dir machen kann. Halt die Augen offen, vielleicht rennt da ein heißer Typ rum. Vergiss Marcel, der ist es nicht wert!“
„Du sagst das so einfach… ich kann ja auch nicht einfach so meine Gefühle abstellen. Auch wenn er mir sehr viel sehr oft wehgetan hat, liebe ich ihn noch immer… Und ich will keinen anderen heißen Typen“, schrieb ich, um meinem Single- Komplex zu trotzen.
Doch heimlich, still und leise hatte ich meinen letzten Satz noch mit „außer vielleicht dich“ ergänzt. Das wäre dann aber viel zu früh, da ich ihn nicht kannte. Weder richtig vom Charakter, noch vom Aussehen her. Vielleicht war seine Art im „Reallife“ auch total anders als im Internet? Und auch mit ihm wollte ich keine Beziehung. Nicht mit einem Internettypen. Na ja, das heißt, wir hätten schon die Möglichkeit, uns immer mal wieder zwischendurch besuchen zu kommen. Aber überhaupt so weit zu denken, war viel zu früh!
Chris hatte zum Glück eh schon geantwortet.
„Amy, glaub mir, ich weiß, dass das nicht so einfach geht. Ich weiß, dass Liebe keine einfache Sache ist und dass man sie mal haben will und mal nicht. Manchmal ist man wegen ihr der glücklichste Mensch der Welt, aber manchmal verflucht man sie. Das kommt eben immer drauf an. Aber Liebe kann so etwas Tolles sein, dazu brauchst du keinen wie Marcel. Denn er hat dir nur einen kleinen Teil von den guten Seiten der Liebe gezeigt und viel zu viel Schlechtes. Geh raus. Leb dein Leben und komm damit klar. Und früher oder später wird dir ein Anderer über den Weg laufen und du wirst mindestens genau das gleiche für ihn empfinden wie jetzt für Marcel. Und wenn du Glück hast, geht es ihm genau so. Wenn du Glück hast, zeigt er dir, was Liebe alles bedeutet. Doch um das zu erreichen musst du auch ein bisschen was dafür tun. Das heißt in deinem Fall: geh aufs Konzert und genieße dein Leben so gut es geht! Gewöhn dich wieder an das Gefühl, Single zu sein.“
Es beeindruckte mich ehrlich gesagt etwas. Wie konnte ein Junge solche einfühlsamen Texte zustande bringen? Ich hatte davor gedacht, dass Jungen mehr oberflächlich als wirklich tief greifend waren. Aber anscheinend gab es noch einen ganz anderen Schlag Jungs. Jungs, die was von den Mädchenproblemen, von den verzwickten Liebes- Gefühlen und komplizierten Gedankengängen verstanden. Dafür war ich ihm sehr dankbar, auch wenn er für mich nur eine Internetperson war. Er bedeutete mir jetzt schon viel, denn innerhalb weniger Minuten hatte er es geschafft, mich zu überzeugen, mich aufzumuntern und mich auf den Rest des Tages zu Freuen- trotz Versagungsängsten.
Zudem hatte sogar meinen „Gefall ihm- Komplex“ überwunden und einfach alles erzählt, auf die Gefahr hin, dass er mich dann hassen könnte. Ich hatte heute viele große Fortschritte gemacht. Ich konnte stolz auf mich sein. Ich konnte an mich glauben und mir glaubhaft einreden, dass der Tag noch gut werden könnte.
„Weißt du was? Du hast Recht. Das sollte ich wirklich tun… Aber kann ich dich wirklich alleine lassen? Kannst du mich wirklich auf das Konzert gehen lassen?“, schrieb ich ihm zurück.
„Ich bin stolz auf dich, du tust das einzig Richtige ? Ja, ich komme schon so ganz gut klar. Viel Erfolg!“
„Danke dir… Ich find toll, dass wir uns hier heute zufällig getroffen haben ? Na, ich bin dann echt mal weg. Machs gut!“
„Bye“, schrieb er, dann verließ ich den Chat.
Ich musste gar nicht so viel an Chris oder Marcel denken, als ich mich neu schminkte und meine Schuhe anzog. Ich freute mich ein wenig auf das Konzert. Chris hatte mir Mut gemacht, Marcel hatte mir mit seiner Aktion versichert, dass er es nicht wert war.
So übel war der Tag wohl doch nicht. Also würde er auch nur gut werden können…
Ich kam pünktlich zum Einlass beim Jugendtreff an. Viele Grüppchen befanden sich noch davor und redeten, unter anderem auch ein paar aus meiner Clique: eine meiner besten Freundinnen Melli (die richtig Melanie hieß), ihr Freund Jonas (leider auch ein guter Freund von Marcel), Pia (manchmal etwas stur, aber ansonsten war sie sehr nett), Tessa (die richtig Melissa hieß, aber irgendwie sind wir mal auf den Namen Tessa gekommen), Duce (ein schweigsamer, aber netter Junge) und Max (wir nannten ihn aber Tac, da er immer von Autos redete und in einem bekannten Autozeichentrickfilm die Hauptfigur- ein Auto- Tac hieß).
Ich ging zu ihnen hin und wurde per Umarmung begrüßt. Alle waren gut gelaunt, was irgendwie ansteckte und meine eigentliche Trauer und Enttäuschung unterdrückte.
Tac war es, der mich gleich fragte: „Sag mal, wolltest du nicht eigentlich mit Marcel kommen?“
Ich fand es nicht gut, sofort davon erzählen zu müssen. Also erzählte ich besser nicht die ganze Story, sondern sagte nur: „Ursprünglich schon, aber dann haben sich die Pläne geändert.“
„Hat er abgesagt?“, fragte Melli. Es klang so, als wenn sie langsam von Marcels Getue genervt sei. Das wäre aber auch kein Wunder, denn Marcel hatte schon öfter sämtliche Treffen kurzfristig und häufig auch unbegründet wieder abgesagt.
„Ja“, antwortete ich nur, denn ich spürte, dass das Thema mir nicht gut tat. Langsam fühlte sich mein Hals an, als wenn da ein Kloß wachsen würde. Dementsprechend weinerlich klang auch meine Stimme.
„Oh man, kann der sich denn nicht ausnahmsweise an Vereinbarungen halten?“, fauchte Melli. „Der muss doch wissen, dass dir das weh tut! Was hatte er denn diesmal für Gründe?“
Melli verstand mich. Sie wusste, wie es mir damit ging. Was sie nicht wusste: dass ich es beendet hatte. Ich hab einen Schlussstrich gezogen. Den letzten Punkt hinter unsere gemeinsame Geschichte gesetzt. Das war auch gut so…
„Weiß nicht, anscheinend will sein Vater das nicht.“ Ich versuchte unberührt zu klingen. Ganz so, als wenn es mir egal wäre.
Jetzt mischte sich Jonas ein: „Als ob das stimmt. Sein Vater ist grade auf Geschäftsreise.“ Ich sah Jonas mit großen Augen an. „Verarsch mich nicht?!“
„Tu ich nicht! Jedenfalls hatte Marcel heute noch zu mir gesagt, dass er jetzt endlich machen kann, was er will. Zumindest drei Tage lang.“
Mein Kloß war verschwunden, meine Enttäuschungen gleich mit. Trauer? Bei dem?! Nee, bestimmt nicht! Ich wurde richtig sauer wegen ihm, doch das wollte ich nicht so offensichtlich zeigen. Marcel hatte mich allen Ernstes noch mehr angelogen als ich gedacht habe. Wow, Respekt. Nicht viele schafften es, mehr Lügen und Gerüchte als Wahrheiten zu erzählen.
Melli verdrehte ihre Augen. „Immer der gleiche Scheiß mit dem… eigentlich ist er ja voll nett, aber was er ständig für Aktionen bringt…“ Auch die anderen schienen der gleichen Meinung wie Melli zu sein.
„Lasst ihn einfach“, sagte ich beiläufig. „Der soll machen, was er für richtig hält.“
Pia fragte: „Sich eine Andere suchen, die er verarschen kann?“
Das war zwar wenig einfühlsam, aber hey: sie hatte recht!
„Zum Beispiel“, sagte ich ernst, aber mit einem Grinsen.
Ein bisschen brauchten die Sechs, bis sie meine Worte verstanden.
„Du meinst, es ist aus?“, fragte Melli mich mit großen Augen.
Ich nickte. Ich war wenig stolz auf mein vollbrachtes Werk, aber ich stand zumindest dazu.
„Wer hat Schluss gemacht? Er oder du?“, fragte Jonas. Also hatte es Marcel selbst seinem Kumpel noch nicht weiter erzählt… interessant. Ob Marcel es überhaupt schon wusste? Hatte er meine SMS überhaupt gelesen? Vielleicht hat er nur gesehen, dass sie von mir ist, und weggedrückt oder sofort gelöscht?
Na, was soll’s? Ich wollte mich nicht weiter mit sinnlosen Theorien befassen, denn das tat ich sowieso schon oft genug. Heute war ein Konzert, heute wollte ich feiern. Wie Chris es so schön genannt hatte: mein Single- Comeback feiern.
„Ich habe Schluss gemacht. Aber ist doch egal. Gehen wir rein?“ Ich lenkte schnell vom Thema ab, da ich es nicht weiter vertiefen wollte und wirklich rein wollte. Die anderen nickten, murmelten noch den einen oder anderen Kommentar dazu, manche sagten sogar etwas à la „Gute Entscheidung“, dann bezahlten wir und bekamen gelbe Bändchen um das Armgelenk.
„Ich hol mir etwas zu trinken. Kommt ihr mit?“, fragte Tac. Wir folgten ihm zur Bar, wo er sich ein Bier bestellte. Auch Jonas und Pia kauften sich Bier, Melli bevorzugte eine Cola.
„Du solltest auch nicht so viel trinken“, meinte Melli zu Pia.
Pia war zwar nett, aber Partys waren mit ihr immer so eine Sache. Sie schien ihr Limit nicht zu kennen, betrank sich regelmäßig und wunderte sich danach, warum sie sich an nichts mehr erinnern konnte.
„Ich kenne meine Grenze“, behauptete Pia. Alle wussten, dass das nicht stimmte.
„Ach ja? Und wieso bist du dann ständig so betrunken?“, entgegnete Melli.
„Was geht dich das an?“, fauchte Pia. Sie war entnervt, was mich zwar nicht wunderte, aber Melli hatte trotzdem Recht.
„Komm, es ist ihre Sache“, meinte Jonas zu Melli. Klar, dass er seine Freundin beruhigen wollte, um Stress zu vermeiden.
Wir setzten uns auf die Barhocker. Noch war die Band im Keller und suchte sich ihre Sachen zusammen, also hatten wir noch Zeit. Es waren sowieso noch lange nicht alle Gäste da, daher war im Moment wenig los.
Wir redeten also über dies und das, als wir vom Nebenraum die Band hörten.
„Sie stimmen ihre Gitarren“, grinste Tac. Wenn er nicht grade von Autos sprach, erzählte er uns eben von Musik… Er kannte so ziemlich alle Bands und alle Sänger und deren Songs. Meistens brachte er auch beides miteinander in Verbindung: dies und das hörte er gerne beim Auto fahren, wegen dem Feeling. Dieses und jenes mochte er eher bei Autospielen, und auf einer Autobahn brauchte er Lieder wie dieses. Tja, so war er nun mal. Manchmal war es nervig, meistens aber ganz amüsant. Schließlich war er so wie ein kleines Mädchen, das immer von Pferden sprechen musste. Pferde hier, Pferde dort, Pferde da. Und eigentlich interessierte das niemanden, aber die Begeisterung ging trotzdem niemals verloren.
„Ey, Amy?“, sprach Jonas mich irgendwann an.
„Hm?“, machte ich. Er hielt sein Handy hoch und sagte: „Marcel hat mir grade eine SMS geschrieben, wo ich bin. Ich denke mal, dass er doch kommt.“
Ich sah ihn mit großen Augen an. „Also hat er wirklich gelogen“, stöhnte ich. Natürlich würde Marcel kommen. Natürlich hatte er weiterhin noch Zeit und Lust. Aber er wollte eben nicht mit mir kommen. So ein Arsch!
„Oh man“, stöhnte Melli, „das ist doch echt ein scheiß Verhalten von ihm!“
„Sieht ganz so aus…“, sagte Jonas nur und tippte weiter auf seinem Handy rum.
Pia hatte derweil ihre Bierflasche schon geleert und sagte: „Vergiss ihn. Das ist ein echt mieses Verhalten von ihm. Wir sollten uns ablenken, und damit meine ich vor allem dich. Sollen wir rüber gehen? Ich glaube, die spielen gleich richtig.“
Wir waren einverstanden, standen auf und gingen in den kleinen Raum nebenan, wo alles dunkel gemacht worden war und nur ein paar Lichter die Bühne beleuchteten, wo die erste Band stand und ein paar Griffe und Töne durchging.
Tac schwärmte Duce von der Band vor. Wir kannten zwar bereits alle die Band und wussten selber, dass sie gut war, aber Duce ließ ihm die Freude.
Meine Laune war jedenfalls dahin. Anfangs hatte ich mich auf das Konzert gefreut und Chris hatte mich wirklich ermutigt, aber jetzt? Ich hatte zwar schon damit gerechnet, dass die Sache mit seinem Vater nur eine billige Ausrede gewesen war, aber dass er wirklich so hinterlistig war? Ich war wirklich enttäuscht. Ich fand, dass es besser gewesen wäre, wenn ich früher Schluss gemacht hätte. Aber es war immer das Gleiche: man traute sich einfach nie. Schließlich empfand man ja trotz der ganzen Verletzungen noch viel für diese Person, selbst dann, wenn sie einen immer wieder verarscht und ausgenutzt hat…
Der Sänger schrie nun ins Mikro: „So, jetzt fangen wir endlich an!“ und die Menge brüllte begeistert auf. Sogleich hauten die Jungs aufs Schlagzeug und brachten die Gitarrensaiten zur Verzerrung. Perfekt. Vielleicht würde es ja doch ein guter Abend werden, dachte ich mir, sofern die Musik stimmt.
Ewig wollte ich aber nicht vor der Bühne stehen. Tac schien auch keine Lust zu haben, also gingen wir gemeinsam zur Bar, wo man die Musik nur im Hintergrund hörte.
„Und, wie geht’s?“, fragte er, als er sich ein Bier bestellte.
„Könnte besser sein“, gestand ich, „und dir?“
„Ähnlich.“ Er bezahlte, nahm einen Schluck und hielt mir die Flasche hin. „Willst du?“
Ich nahm ebenfalls einen Schluck und gab sie ihm zurück. „Danke. Was ist bei dir los?“
„Ach…“, machte er nur und nahm einen großen Schluck. Kummersaufen?
„Hey, nicht besaufen! Rede mit mir. Sag, was dich bedrückt, das hilft, wirklich.“
Er sah mich nur kurz mit einem „Du hast gar keine Ahnung- Blick“ an und setzte die Flasche erneut an. Verdammt. Tac hatte ich echt noch nie betrunken erlebt. Ich hatte auch noch nie mitbekommen, dass er besoffen war, geschweige denn, dass er aus Frust getrunken hatte.
Also nahm ich ihm die Flasche aus der Hand und hielt sie demonstrativ von ihm weg. „Jetzt sag, was los ist, Tac, bitte!“
„Spielt keine Rolle. Krieg ich meine Flasche zurück?“ „Nee.“
„Aber ich habe sie grade gekauft, nicht du.“ „Na und?“
„Amy, bitte!“ Er wirkte nervös und wütend zugleich.
„Man, Tac, warum redest du nicht? Warum willst du dich lieber in deinen Sorgen ertränken? Das bringt nix, danach fühlst du dich noch schlechter!“
„Ach, und wenn ich dir sage, was los ist, und du es nicht ändern kannst, geht es mir gleich viel besser, oder was?“, zischte er. Er griff nach der Flasche, aber ich zog meinen Arm schnell genug zurück.
„Warum kann ich dir nicht helfen?“, fragte ich.
Er stöhnte, sah sich suchend im Raum um. „Darum.“
„Tac! Was macht dich auf einmal so nervös? Eben hast du noch total ruhig gewirkt, und jetzt?!“
Er verdrehte seine Augen. „Das war eben. Jetzt hab ich logisch nachgedacht und bin zu dem Entschluss gekommen, dass das Leben unfair ist. Und die Liebe auch, nur mal so nebenbei bemerkt. Krieg ich jetzt mein Bier zurück?!“
„Ah, Liebe. Es geht also um ein Mädchen?“
„Nee, ich bin schwul, weißte?“, sagte er ironisch und griff erneut nach seinem Bier.
Ich nahm die Flasche und trank. Als er checkte, was ich vorhatte, riss er sie mir aus der Hand. „Aber du darfst dich besaufen, oder was?!“
„Nee, ich darf dir nur wegnehmen, was dich kaputt macht“, widersprach ich.
„Ich bin schon kaputt, das ändert auch nichts mehr. Also lass’ wenigstens dich heile“, sagte er. Nun war er nicht mehr so aggressiv, sondern stand eher kurz vorm heulen.
Was hatte er bloß? „Egal. Also, zurück zum Mädchen. Du hast dich in sie verliebt?“
Er zögerte. „Ja.“
„Schon länger?“ Er nickte.
Seine Aggressionen waren nun wirklich vollkommen verflogen. Jetzt war er nur noch ein Häufchen Elend. Mich beschlich für einen Moment unwillkürlich das Gefühl, dass ich das Mädchen war, in das er sich verliebt hatte. Auch wenn mir der Gedanke daran gefiel (welches Mädchen mag es nicht, wenn Jungs in sie verliebt sind?) schob ich ihn wieder schnell beiseite. Das war zu weit hergeholt. Warum sollte er ausgerechnet auf mich stehen und es erst jetzt zeigen? Okay, davor hatte ich einen Freund gehabt. Aber ich bezweifelte, dass allein die Tatsache, dass Schluss war, ihn auf einmal dazu brachte, mir die Wahrheit zu sagen.
„Okay, kenn ich sie?“ Er nickte wieder, sah aber zu Boden.
Mein zweiter Gedanke: einer meiner Freundinnen. Melli, Pia oder Tessa? Grade bei Melli wäre das dumm, da sie ja- glücklich- an Jonas vergeben war. Bei den anderen beiden Mädchen könnte er vielleicht sogar noch eine Chance haben…?
„Kenn ich sie gut?“ Ein Nicken.
„Ist sie auch hier?“ Er nickt erneut.
„Hat sie einen Freund?“ Kopfschütteln.
„Weiß sie es?“ Wieder ein Kopfschütteln.
„Oh man, hat es dir die Sprache verschlagen oder soll ich jetzt ewig weiter fragen?“
Er sah mich an. Seinen Augen konnte ich dieses traurige, deprimierte und niedergeschlagene Gefühl ablesen. Sein ganzer Blick, seine ganze Haltung strahlte das aus.
„Wenn ich sage, dass ich es für mich behalten werde, lässt du mich dann in Ruhe?“ Es war keine böse gemeinte Frage. Es war einfach nur eine Frage nach Ruhe und Zeit, um für sich alleine sein zu können.
Eigentlich würde ich ja gerne eine gute Freundin sein und ihn nicht länger damit nerven. Doch auf der anderen Seite hatte ich das Verlangen, endlich zu wissen, welches Mädchen ihm den Kopf verdreht hatte. Wirklich einer meiner Freundinnen? Oder jemand ganz anderes? Bloß: wer würde denn noch in Frage kommen, wenn Tac gesagt hat, dass ich das Mädchen gut kenne? Mir fiel nur noch ein Name ein: Amy. Doch ich bezweifelte nach wie vor, dass ich das gesuchte Mädchen war.
„Nein, ich werde dich nicht in Ruhe lassen. Ich werde dich so lange nerven, bis ich es endlich weiß, gute Freundin hin oder her… Ich meine, dir geht es schlecht und ich will dir helfen. Also, was ist daran so schlimm, mir irgendeinen blöden Namen zu nennen? Ich behalte es auch für mich, wenn du willst. Versprochen. Aber bitte, bitte, bitte verrate mir das Geheimnis!“, flehte ich schon fast.
Er musste kurz grinsen. Dann fiel ihm offenbar wieder ein, dass er traurig war, und er hörte schlagartig auf. Egal, es war immerhin ein Anfang, war besser als nichts. Irgendwie musste ich ja seinen immer gleich bleibenden Gesichtsausdruck von seelischem Schmerz vertreiben.
„Nein, sorry. Amy, du bist eine tolle Freundin, aber das sage ich dir trotzdem nicht.“
„Ich hab Zeit“, erwiderte ich nur und bekräftigte meine Worte mit meiner Mimik.
Er verdrehte seine Augen und stöhnte theatralisch. Ich hatte das Gefühl, ihn langsam zu knacken.
„Ja?“, forderte ich ihn erneut zum Reden auf.
„Okay…ich sage es dir. Aber nur, weil du so ein nerviges, kleines Geschöpf bist! Und nur, wenn du es nicht weiter erzählst!“
Meine ungedämpfte Freude brachte ihn erneut zum Grinsen. „Klar, Geheimnis und so. Also, raus mit der Sprache!“
Er beugte sich ein Stück in meine Richtung (keine Ahnung ob das Absicht war oder nicht) und sagte leise: „Tessa.“
„Ach nee“, machte ich. Ich hatte also mit meiner Vermutung recht: es war Tessa. Kein Wunder: sie war ausgesprochen hübsch, hatte einen echt guten Sinn für Mode, einen tollen Geschmack, viel gesunden Humor und vieles mehr, auf das Jungs nun mal stehen.
„Wenn du willst, kann ich gucken, ob ich da was hinkriege“, sagte ich mit einem Augenzwinkern.
Aber er verneinte. „Nee, lass mal. Das wird schon so gehen. Ich muss mich einfach nur damit abfinden, sie nicht als Freundin zu haben. Ich werde sie vergessen- oder es versuchen- und meine Gefühle demnächst besser kontrollieren und unterdrücken und irgendwann ist die Liebe dann ganz weg.“
Ich verstand ihn nicht. Warum wollte er gleich die Liebe wieder abschaffen? Sie war doch noch nicht einmal aussichtslos! Tessa fand Tac immer sehr sympathisch und sie verstand sich super mit ihm. Wenn ich etwas nachbohren würde, würde ich bestimmt noch genauere Details zu ihren Gefühlen gegenüber Tac erfahren. Es war nicht ausgeschlossen, dass es für die zwei eine Chance gab. Warum aber tat er dann so als ob? Er hatte schließlich noch nicht einmal versucht, Tessa für sich zu gewinnen!
Ich glaube, ich blickte deswegen traurig rein, denn er fragte: „Was denkst du jetzt?“
„Ich frage mich, warum du so vorschnell handelst.“
„Warum vorschnell?“, entgegnete er. Es klang nicht nach einer richtigen Frage, sondern eher nach einem „Das ist doch nicht vorschnell, wie kommst du auf so einen Mist?!“ aber ich beantwortete sie ihm trotzdem: „Hast du mit Tessa darüber geredet? Kannst du hellsehen und weißt, was sie fühlt? Kannst du in die Zukunft schauen und sicher sagen, dass ihr niemals zusammen kommen werdet?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, das kann ich natürlich nicht. Ich kann es nicht wissen, aber ich kann es fühlen, und ich liege selten falsch, sehr selten falsch!“
„Vielleicht musst du dann dieses eine mal damit klar kommen, dass du falsch liegst, Schätzele“, scherzte ich. Er schenkte mir ein kurzes Grinsen. Ich sah in seinen Augen wieder einen Hoffnungsschimmer. Auch wenn er so tat, als wenn er nicht überzeugt war, er war es doch. Und wetten, er wollte, dass ich mit Tessa darüber rede, aber konnte es nicht zugeben?
„Ich rede mit ihr“, sagte ich also, „aber erst, wenn es sich ergibt. Und da ich nicht weiß, wann das sein wird, hörst du jetzt endlich damit auf, deine Depriphase auszuleben Ich meine, da drüben spielt eine echt coole Band. Und zwischen den vielen verschwitzten Leute hüpft eine kleine, süße, quirlige Tessa umher. Also, auf was zum Teufel wartetest du noch?“
Mein aufmunterndes Grinsen überzeugte ihn. Er drückte mich kurz, gab mir sogar einen Kuss auf die Wange und sagte: „Amy, du bist die Beste. Und wenn ich nicht schon in Tessa verknallt wäre, würde ich dir jetzt sagen, dass ich dich liebe!“ Mit diesen Worten huschte er davon. Ich sah ihm hinterher, bis er den anderen Raum, in dem die Band spielte, erreicht hatte. Es war ein lautes schnelles Lied, das grade gespielt wurde. Ich hoffte, dass sie gleich ein ruhigeres spielen würden. Vielleicht würde dann so was wie Kuschelatmosphäre aufkommen.
Ich nahm einen Schluck von seinem Bier.
Vor ein paar Sekunden hatte ich mich noch mit Tac gefreut, doch nun, wo ich wieder alleine vorm Tresen hockte und die Flasche Bier betrachtete, wurde mir klar, wie böse die Liebe sein konnte. Natürlich, Tessa und Tac könnten Glück haben und zusammen kommen. Es könnte eine richtig schöne, schnulzige Lovestory werden. Vielleicht würden beide fast platzen, so voll gestopft mit Schmetterlingen könnten ihre Bäuche sein. Aber es könnte genau so gut sein, dass Tessa nicht mehr als Freundschaft für Tac empfand, dass Tac es nicht schaffte von ihr loszukommen, dass ihre Freundschaft unter der Liebe anfing zu leiden oder was auch immer.
„Es könnte auch sein, dass sie zusammen kommen, dass anfangs alles gut und schön verläuft, dass Tac dann aber nach und nach zum Idioten mutiert und sich nicht meldet, kurzfristig und aus heiterem Himmel sämtliche Treffen absagt und Tessa endlich Schluss macht“, dachte ich.
Ich spürte einen Kloß in meinem Hals. Eine Träne kullerte über meine rechte Wange. An was- oder besser gesagt: wen- erinnerte mich diese Story bloß?
Ich leerte das Bier. Wenn ich alt genug gewesen wäre, hätte ich mir noch eins nachbestellt. Aber nun war ich alleine und keiner würde mir einfach so ein Bier spendieren.
Das deprimierte mich fast noch mehr als meine kaputt gegangene Beziehung.
„Jungs sind scheiße. Die ganze Liebe ist für’n Arsch. Alle wissen das. Aber keiner sagt es. Was bringt so eine Beziehung schon? Freunde reichen doch vollkommen aus. Eine Freundschaft ist viel besser als eine Beziehung. Sie hält viel länger. Und wenn man dann mal mehr als nur Reden will, lässt man sich eben auf eine Affäre ein“, überlegte ich weiter. So einfach könnte das alles sein. Aber nein, wir machten es uns immer unnötig kompliziert und mussten gleich mit einem zusammen kommen.
Ich könnte als ausgesprochen gutes Beispiel dienen. Ich musste kurz grinsen, als ich mir vorstellte, dass ich nicht im Jugendhaus vor einer leeren Flasche Bier hockte, sondern in einem Museum. Eine Mutter, die mit ihrer kleinen Tochter durch das Museum ging, blieb vor mir stehen und sagte: „Und hier siehst du das perfekte Beispiel dafür, was eine gescheiterte Liebesbeziehung alles anrichten kann. Du willst doch bestimmt nicht so enden wie dieses Mädchen, oder?“ Natürlich schüttelte die Tochter daraufhin schockiert ihren Kopf und verneinte. Die Mutter war zufrieden, ihre Tochter ebenfalls.
Und ich blieb deprimiert bis zum geht nicht mehr vor meiner Bierflasche sitzen.
Die Ungerechtigkeit war einfach nur zum Kotzen.
